Skip to main content

Full text of "Archiv für Kriminologie"

See other formats


Archiv für 



Kriminologie 




ARCHIV 



FÜR 

( J^Ua v^^o-v^ i^C-^-^l 



KRIMINAL - ANTHROPOLOGIE 



UND 



KRIMINALISTIK 



MIT EINER ANZAHL VON FACHMANNERN 



Prof. Dr. HANS GROSS 



DREISSI&STER BML. 




. LEIPZIG 
VERLAG VON F. C. W. VOGEL 
1908. 

• * , 



• . : • . • « *• 

- 31 



Digitized by Google 



Inhalt des dreißsigsten Bandes. 



Erstes und zweites Heft 

ausgegeben 20. Mai 190$. 

Original- Arbeiten. **'t» 

I. Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrccbte. Von Dr. jur. 
Julius Novotny 1 

II. I>;l^ Verbrechen des Kindesinordcs nach nr-tcrrck'hischcm Hecht. Von 
Alfred Amschl 71 

HL Die strafprozessuale Bedeutung de« Indizienbeweises. Von Dr. jur. 

Hans Schneickert . . . ....... L18 

IV. Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. Von 

Primararzt Dr. Jusef Kerze m 

V. Falscheid auf autosuggestiver Baris. Von Privatdo/.cnt Dr. jur. et 
phil. Hans Reichel 152 

VI. Fünf Jahre Daktyloskopie in Sachsen. Von Polizeipräsident K oettig 155 
VII. Trunkenheit und Zurcchnungsfähigkeit. Von l>r. H. Huppe . . ICH 



Kleinere Mitteilungen. 

Von Medizinalrat Dr. Paul Xäekc: 

1. Vereitelung and Vertreibung böser Geister durch schlechte 
fWflph« ... 171 

2. Ein »Knnden u -Blatt 174 

H. Zur Mnemotechnik im l.'nterbewiiiltsein ........ 17. r > 

4. Merkwürdige Sehnsucht nach dem Gefängnis 17fi 

5. Ein interessantes Beispiel sexuellen Aberglaubens .... 177 

6. Faszination durch das Ange 177 

7. Abergläubischer Exhibitionismus 17S 

8. Benutzung des Salzgehalts im Schweiße 179 

Macht der Einbildung 17'» 

10. Einfluß der Gastwirtschaften in der N&ha von Gerichfpn . . 18» 

11. Das Hineintragen des Traumes in das Wachleben 181 



Von Hans Groß: 

12. Bauernfängerei in Japan • . . 181 

13. Die Macht der Einbildung 182 



IV Inhaltsverzeichnis. 

feto 



Von Dr. Albert Hellwig: 

U Schlaftrunkenheit . . . . . . , . . , . . . . . , IhZ 

15. Kriminalstatistik und Verbrechens! n "tjv 185 

16. Religiöse Fanatiker 1S6 

Von Kurt W. F. Boas: 

17. Alkohol und Selbstmord im Licht»; neuerer Statistiken . . . LÜ 

Vnn St.nitsjinwalt Dr. K ersten: 

16. Brandstiftung aus Furchtsamkeit 190 

B 0 ch erb esp rech un gen. 

Von Alfred Amachl : 

L Hans Groß, Handhneh für Untersuchungsrichter als System 
der K riminali st ik . , . , . . . . . . . . . . , . Lil 

Von Dr. P. Näeke: 

■2. Rronn er: Von deutscher Sirt' und Art , , , , , , , , 132 

3. Maria Hoff: Drei .Tahra im Weiber-Zuchthaus 102 

4. Hermann M i chael is : § 1T.M Homosexualität in Sitte u. Recht 193 

5. 1) Segeloff : Die Krankheit Dostojewskys, 2) Rahmer: Augnst 
Strindberg 193 

fi. Lnmer: Bismarck im Lir.hte der Naturwissenschaft . . . , LM 

7. Bcrnaldo de Qniröa: Las nuevas teorias de la criminalidad 194 

fi. Alhreehr- Fritz BattfcMB Kr.-nikheir . TU 

'J. Toulouse: Coiiiment fornier un csprit l'.ir> 

10. Kulke: Kritik der Philosophie des Schönen 195 

11. Sommer: Klinik für psychische und nervöse Krankheiten . 195 

12. Probst: Edgar Allan Poe 196 

13. Lichtenstein: Der Kriminalroman , , , , . , , , IM 

14. Lobedank: Der Stammbaum der Seele 11)7 

15. Stadelmann: Psychopathologie und Kunst 197 

■ I _Z 

Dt. Ebstein; Chr. D. Grabbcs Krankheit 197 

17. Rahmer: Ans der Werkstatt de« dnunattsehen fienie« . . lä£ 

18. E. von Kupffer: Klima und Dichtung 198 

19. D511: Dühringwahrheiten 19$ 

20. Alsberg: Die Grundlagen des Gedachtnisse«, der Vererbnng 

und der Instinkte . . : . , . IM 

21. Ärztliche Obergutachten aus der Unfall versiche- 
rungs-Praxis 199 

22. Ziehen: Die Erkennung und Behandlung der Melancholie 

in der Praxis 2'>') 

28. Lanz: Theozoologie oder die Kunde von den Sodoma Äff- 

lingen und dem Gotter-Elektron 200 

24. Die niederösterreichischen Landes-, Heil- u.Pflege - 

anstalten für Geistes- und Nervenkranke ..am Stein- 

liof" in Wien 2()ü 



Digitized by Google 



Inhaltsverzeichnis. 



V 
Seite 



Drittes und viertes Heft 

ausgegeben 20. Juli 190$. 

Original-Arbeiten. 
VIII. Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 



Von Alfred Oborniker ... 201 

IX. Die Gaunersprache. Von E. Kleemann 236 

X. Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf Grund von Indizien. 
Von Dr. Heinrich Svorcik 280 

XI. Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. Von 

Oberarzt Dr. Mönkemöllor 207 



XII. Zu Gunsten des unbestimmten Strafurteils. Von Samuel J. Barro ws 330 

X1IL Aus den Erinnerungen eines Polizeibeamten. Von Hofrat J. Hölzl 334 

XIV. Der Fall Andriollo. Von Untersuchungsrichter Dr. Hub er . . . 837 

XV. Ein Fall von Autosuggestion. Von Dr. Berthold Laslo ... 344 
XVI. Signalement und Psychologie der Aussago. Von Dr. Anton Glos 346 

XVLL Die amerikanische Gefängnisstatistik vom Jahre 1904. Von Hans 



Fehlinger 352 

Kleinere Mitteilungen. 

Von Medizinalrat Dr. P. Nücke: 

1. Sexuelle Perversionen im ehelichen Verkehre 365 

2. Sodomitische Erzeugnisse 366 

3. Fremdenführer in sexualibus 367 

4. Wirkung von Naturereignissen auf schwache Gemüter . . . 868 

5. Dienstbotennot und Dienstbotenjammer 36S 

6. Erleichterung der Ehescheidung, unterstützt vom anthropolo- 
gischen Standpunkt 37o 

7. Neues Unterscheidungsmittcl zwischen Mensch und Tier . . 371 

8. Alkoholversuch als diaguostisches Hilfsmittel 372 

9. Die Tuberkulose als erblich belastendes Moment 372 

Von Dr. Albert Hellwig: 

10. Sittlichkeitsverbrechen aus Aberglauben 373 

11. Wie erklären sich Identitätsirrtümer? 374 

12. Ermordung Besessener durch Indianer 374 

13. Ein Mord aus Aberglauben? 375 

14. Wirksamer Diebeszauber 376 

15. Hexenglaube und Blutkuren 376 

16. Eine Leichenschändung aus Talismanglauben in Neapel . • 377 

17. Ein religiöses Menschenopfer in Rußland 378 

18. Der Sinn des grumus merdae 379 

19. Mystische Meineidzeremonien 380 

Bücher besprechungen. 
Von Hans Groß: 

1. Rudolphine Poppee: beeidete Sachverständige b. kk. Land- 
gericht Wien, „Graphologie" 382 



)igitized by Google 



IV Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

2. R. F. Schnorf: „Scheruatische Anleitung zur Untersuchung 



von Brandfällen" 362 

3. Henriette Arend: .Menschen, die den lfad verloren" . . 362 

4. Hermann Haymann: .Zur Lehre vom geborenen Verbrecher" 863 

Von Dr. P. Näcke: 

5. Weinberg: Über den Einfluß der Geschlechtsfunktioncn auf 

die weibliche Kriminalität 3S8 

6. Jentsch: Zum Andenken an Paul Julius Möbius .... 363 

7. Hirschfeld: Die Gurgel Berlins 363 

6. Muthmann: Zur Psychologie und Therapie neurotischer 

Symptome 364 

9. Hellpach: Technischer Fortschritt und seelische Gesundheit 385 

10. H o ch e : Notwendige Reformen der Unfallversieherungsgesetze 885 

11. Anton: Ärztliches über Sprechen und Denken 385 

12. Vergleichende Darstellung des deutschen uud ausländischen 
Strafrechts ... - 385 



Digitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte 



Von 

Dr. jur. Julius Nowotny (Krakau). 

Dem seit dem Jahre 1852 (eigentlich seit 1803) geltenden Straf- 
gesetze ist der Begriff des Friedens in der Form spezieller Be- 
stimmungen, die den Schutz desselben genau und ausdrücklich nor- 
mieren, fremd, — fremd auch die Kategorie der Friedensdelikte. 
Dagegen findet in dem geltenden Strafgesetze weiteste Anwendung 
der Begriff „der öffentlichen Ruhe und Ordnung*, eine Reminiszenz 
an einen Ausdruck älterer Gesetzgebungen. Diesem Begriff begegnen 
wir bereits in der ältesten für die Länder Österreichs geschaffenen 
Strafkodifikation, in der Theresiana, die in § 2 Art. 2 sagt: „Jedoch 
ist nicht jedwede sträfliche Handlung sogleich für halsgerichtsmäßig 
anzusehen, sondern nur diejenigen, so der Wohlfahrt und dem Ruhe- 
stand des gemeinen Wesens mittel- oder unmittelbar entgegen stehen/ 

Dieser Begriff hat sich in den späteren Strafgesetzen erhalten 
und indem er eine durchaus bedeutungslose Etikette für eine ganze 
Kategorie von Delikten ohne den geringsten fundamentalen Zusammen- 
hang bildete, ging er in derselben Bedeutung auch in das geltende 
Strafgesetz über. Kann aber dieser Sammelbegriff „öffentliche Ruhe 
und Ordnung", den Binding mit Recht eine „Rumpelkammer von 
Begriffen" genannt hat, für gleichbedeutend mit dem Begriff des 
Friedens gehalten werden? Können die im I. und II. Teil des 
geltenden Strafgesetzes aufgezählten und als gegen „die öffent- 
liche Ruhe und Ordnung u gerichteten Delikte als Friedensdelikte 
in der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes angesehen werden? — 
Meiner Ansicht nach — nein! — Denn wenn der Begriff des Friedens 
einen so weiten Rahmen hätte wie der Begriff „öffentliche Ruhe und 
Ordnung", dann müßten nicht nur jene Delikte, welche unter die 
Kategorie der gegen die „öffentliche Ruhe und Ordnung" gerichteten 
Delikte fallen, sondern überhaupt alle den Namen und den Charakter 

Archir für Kriminal, thropolorfe. 90. Bd. 1 



I • 

'. . . I. Nowotny 



der Friedensdelikte führen. Denn jedes Delikt stört als antisoziales 
Geschehen den normalen staatlichen und gesellschaftlichen Organismus 
und damit auch die Rechtsordnung, die die ungestörte Existenz der 
Lebens- und Entwicklungsbedingungen des Gemeinwesens gewähr- 
leistet; somit ist nicht nur den unter die Kategorie „öffentliche Ruhe 
und Ordnung" fallenden Delikten, sondern überhaupt allen Delikten 
ohne Ausnahme das Kriterium der Gefährdung und Schädigung des 
Gemeinwesens, also der „öffentlichen Ruhe und Ordnung", in Rück- 
sicht auf ihre antisoziale Bedeutung eigentümlich. 

Von einer Identität des Begriffes „öffentliche Ruhe und Ordnung" 
mit dem des Rechtsfriedens kann daher keine Rede sein; der erstere 
ist ein Gesamtbegriff, der so und so viele verschiedene Handlungen 
als verbotene kennzeichnet, wie Störung des Ilausfriedens, Verletzung 
oder Gefährdung von Personen und Sachen, Mißachtung von Staats- 
einrichtungen oder Anordnungen der Obrigkeit u. s. w., — der letztere 
dagegen ist ein Rechtsgut, das eines besonderen Schutzes seitens des 
Strafgesetzes bedarf. Man braucht nicht näher zu erörtern, daß aus 
einer Zusammenfassung von solchen Gütern ganz verschiedener Art 
zu einem Gesamtbegriff „öffentliche Ruhe und Ordnung" nie ein Ge- 
samtgut werden kann, daß daher diesem Begriff kein Platz in den 
modernen Strafgesetzgebungen gebührt, und daß derselbe mit dem Be- 
griff des Friedens als einem besonderen Rechtsgut nicht identifiziert 
werden darf. 

Infolgedessen drängt sich die Frage auf, was wohl die Ursache 
dieser Lücke in dem geltenden Strafgesetze ist, dieses in die Augen 
springenden Mangels an deutlichen und besonderen Bestimmungen 
über den Schutz des Friedens, der in gleicher Weise wie andere 
Rechtsgüter grundsätzlich und nicht nur akzessorisch einen besonderen 
Rechtsschutz in jeder modernen Gesetzgebung genießen müßte? 

Ist es vielleicht die falsche, mit den Forderungen der modernen 
Wissenschaft kollidierende Systematik, die keine Einteilung der De- 
likte in einzelne Kategorien nach den gemeinschaftlichen Verletzungs- 
objekten kennt — von denen eines eben das Rechtsgut des Friedens 
ist — , oder sind es Rücksichten auf die historische Vergangenheit 
der österreichischen Gesetzgebung bezüglich ihrer Stellung zum Rechts- 
gut des Friedens? 

Wenn wir einen Anhaltspunkt für die Beantwortung dieser Frage 
suchen, so müssen wir uns der Judikatur, als Vertreterin der Praxis, 
und der Literatur, als Vertreterin der Theorie, zuwenden. Die den 
obigen Quellen entnommenen Informationen werden, wenn sie auch 
keine definitive Lösung bieten, doch die zum Ziele führende Bahn weisen. 



Digitized by Google 



Friedensdeliktc nach dem österreichischen Strafrechte. 



s 



Die Entscheidung des Kassationshofes vom 5. Oktober 18t»7 
No. 2127, die sich mit der prinzipiellen Interpretation der Bedeutung 
und des Charakters des Verbrechens nach § 83 des geltenden St.G. 
befaßt, — welches Verbrechen mit dem Namen des IV. Falles der 
öffentlichen Gewalttätigkeit durch gewaltsamen Einfall in fremdes 
unbewegliches Gut (Grund und Boden, Haus oder Wohnung) ') be- 
zeichnet ist, — konstatiert, daß dieses der Kategorie der gegen die 
öffentliche Ruhe und Ordnung gerichteten strafbaren Handlungen 
untergeordnete Delikt trotz der unglücklich gewählten Bezeichnung 
als , Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit" in Wahrheit ein 
Friedensdelikt ist, allerdings kein einheitliches, sondern ein solches, 
das in der Form „Landfriedensbruch" (Absatz I § 83) und „Haus- 
friedensbruch" (Absatz II § 83) auftritt. 

Die von dem Kassationshof zur Begründung dieser Anschauung 
angeführten Motive, die als Ausdruck der Stellung der Praxis anzu- 
sehen sind, verdienen Beachtung: „Es kann darum nicht zweifelhaft 
sein, daß ebensowohl nach der gesetzlichen Terminologie, als nach 
dem allgemeinen Sprach gebrauche, welcher mit dem Worte „Grund- 
stück" auch Häuser bezeichnet, Haus und Hofraum in dem Begriffe 
„Grund und Boden" enthalten sind. Auch Haus und Hof sind daher 
ein taugliches Objekt für den ersten Deliktsfall des § 83 St.G., und 
die Beschwerden irren, wenn sie die Ansicht aussprechen, der soge- 
nannte -Landfriedensbruch" könne nur ein der Landwirtschaft dienen- 
des Grundstück zum Gegenstande haben. Richtig ist nur, daß der 
„Hausfriedensbruch" (zweiter Deliktsfall) ein Eindringen in das Haus 
oder in die Wohnung eines anderen voraussetzt, daß also dieses De- 
likt, welches den im Hause herrschenden und ordnenden Willen des 
Hausherrn trifft und den durch das Haus gewährten Schutz verletzt, 
an einem nicht im Bereiche des Hausfriedens liegenden Grundstücke 
nicht begangen werden kann. Dagegen ist nicht abzusehen, warum 
die Bestimmungen des ersten Deliktsfalles des § 83 StG. auf Ge- 
bäude und darauf sich beziehende Rechte unanwendbar sein sollten. 
Die dem österreichischen Rechte fremde Bezeichnung des Delikts 
als „Landfriedensbruch" ist hiefür sicherlich kein Argument; dieser 

1) Wenn mit Übergebung der Obrigkeit der ruhige Besitz von Grund und 
Boden oder der darauf sich beziehenden Rechte eines Andern mit gesammelten 
mehreren Leuten durch einen gewaltsamen Einfall gestört; oder wenn auch ohne 
Gehilfen in das Haus oder die Wohnung eines Andern bewaffnet eingedrungen 
und daselbBt an dessen Person oder an dessen Hausleuten, Habe und Gut Gewalt 
ausgeübt wird; es geschehe solches, um sich wegen eines vermeinten Unrechtes 
Rache zu verschaffen, ein angesprochenes Recht durchzusetzen, ein Versprechen 
oder Beweismittel abzunötigen oder sonst eine Gehässigkeit zu befriedigen. 

I* 



Digitized by Google 



4 



I. Nowotny 



Ausdruck will nur eine Art mittelalterlicher Privatfehde bezeichnen, 
wie sie aus dem Faustrecht hervorgegangen, die Erzwingung eines 
Anspruches mit Umgehung der Obrigkeit oder auch nur die Aus- 
übung irgend einer Gehässigkeit zum Zwecke hatte. Die Beseitigung 
der Fehde galt als Herstellung des Friedens im Staate, des soge- 
nannten Landfriedens, jede Zusammenrottung zur Ausübung von 
Gewalt als Bruch desselben, gemeingefährliche Drohung als Land- 
zwang. 

Das diese Ausdrücke mit dem Gegensatze von Haus und Land 
nichts zu tun haben, ergibt sich aus dieser Bedeutung von selbst; 
das Bestimmungswort „Land- bezieht sich nicht auf irgend ein „länd- 
liches" Grundstück, sondern hebt nur den die Interessen der Volks- 
gesamtheit bedrohenden Charakter der Friedensstörung hervor. Das 
Gesetz behandelt den Hausfriedensbruch nur insoweit strenger, als es 
von dem im zweiten Deliktsfall aufgestellten Tatbestandsmerkmale 
der Zusammenrottung (?) absieht, und auch schon das Eindringen 
einer einzelnen, jedoch bewaffneten Person in das Haus oder die 
Wohnung eines anderen für strafbar erklärt. Unzweifelhaft tangiert 
auch der gewaltsame Einfall in ein Haus den öffentlichen Frieden, 
mag er auch nicht bis zu der dem Hausfriedensbruch überdies eigen- 
tümlichen Verletzung der persönlichen Freiheit geführt haben." 

Auf mich wirkt obige Interpretation nicht überzeugend; vielmehr 
finde ich, daß sie im Gegenteil sehr gewagt ist, da sie mit Hilfe 
einer künstlich konstruierten, unter dem Einfluß der Doktrin des 
deutschen Rechtes stehenden Argumentation und mit Übergehung eben 
jenes historischen Momentes, auf das sich der Kassationshof beruft 
und das im vorliegenden Fall von entscheidender Bedeutung ist, zu 
einem Resultat gelangt, das wahrscheinlich keineswegs in der In- 
tention des Gesetzgebers lag, — ganz abgesehen davon, daß obige 
Interpretation mit Begriffen und Fachausdrücken operiert, die dem 
Wortlaut des § 83 (Zusammenrottung — Land, als eine die Inte- 
ressen der Volksgesamtheit bedrohende spezielle Art der Friedens- 
störung) fremd sind. So konnte diese Interpretation nicht beweisen, 
daß zwischen dem ersten und zweiten Deliktsfalle nach § 83 des gelt. 
St.G. ein derartiger Begriffsunterschied vorliegt, daß der erstere den 
„Landfriedensbruch", der letztere dagegen den „ Hausfriedensbruch u 
bedeute. 

Im Gegenteil erscheint auf Grund obiger Interpretation der erste 
Fall nach § 83 des gelt. St.G. lediglich als gemeinschaftlicher Haus- 
friedensbruch und als sonstige gemeinschaftliche gewaltsame Störung 
des ruhigen Besitzes von Grund und Boden oder der darauf sich be- 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen »Straf lochte. 



5 



ziehenden Rechte eines anderen, der zweite als ein gemeinschaftlicher 
oder von der einzelnen aber bewaffneten Person begangener Haus- 
friedensbruch. Worin liegt also der begriffliche Unterschied? 

Außer diesem einzigen Falle, hinsichtlich dessen die Judikatur 
konstatiert, daß das Delikt nach § S3 des gelt. St.G. gegen das Hechts- 
gut des Friedens und nicht gegen den Gesamtbegriff .öffentliche 
Rnhe und Ordnung 14 gerichtet ist, und daß es also zur Kategorie der 
Delikte unter jener gemeinsamen Etikette nicht gehört, finden wir in 
der Judikatur keine Erwähnung, daß dem geltenden Strafgesetze 
noch andere den Schutz des Friedens normierende Bestimmungen be- 
kannt wären. 

Als einen solchen Anhaltspunkt können wir keineswegs die Ent- 
scheidung des Kassationshofes vom 27. Oktober 1896 Z. 123*1 Xo. 1988 
ansehen, die sich mit der Interpretation des Vergehens nach § 302 
des gelt. St.G. (Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen Nationalitäten, 
Religionsgenossenschaften, Körperschaften und dergl.) befaßt. Die 
Motive dieser Entscheidung lassen eben die begründete Vermutung 
aufkommen, daß nach Ansicht des Kassationshofes der Kegriff der 
„ öffentlichen Ruhe und Ordnung* mit dem des öffentlichen Friedens 
identisch ist.') 

Es ist daher ziemlich schwer, die Frage als durch den Kassations- 
hof richtig gelöst zu betrachten. 

Die Literatur der Frage wird durch Finger, Janka, Lam- 
masch, Krzymuski in Lehrbüchern, Herbst und Frühwald in 
ihren Koramentaren zum Strafgesetz vom Jahre 1852, Zucker in 
dem in AUgem. österr. Gerichtszeitung Xo. 20 aus dem Jahre lbS7 
veröffentlichten Artikel über das Verbrechen nach § S3 St.G. und 
Jenul im Kommentar zum Strafgesetz vom Jahre 1803 vertreten. 

Finger-), der das Bedürfnis einer rationellen, nach den modernen 
Grundsätzen der Theorie durchgeführten Klassifikation der Delikte 
anerkennt, stellt im V., „Die Gefährdung des Friedens im Staate' 4 
betitelten Abschnitt seines Lehrbuches eine besondere Kategorie der 
Friedensdelikte auf. Indem er jedoch den Begriff des Friedens als 
„Vertrauen in die schützende Macht der Rechtsordnung (v. Liszt), 
welches durch alle Handlungen, die jenes Vertrauen erschüttern, die 

1) „Geeignet, auf Seite der Angegriffenen das Vertrauen in die Rechts- 
sicherheit zu erschüttern trägt die Verbreitung der Druckschrift jenen 

Charakter an sich, unter dessen Voraussetzung das im § :wi StlJ. hehandclto 
Vergehen unter die Delikte wider die öffentliche Ruhe und Ordnung eingereiht 
worden ist; sie vermag den öffentlichen Frieden zu gefährden." 

2) „Das.Stmfrecht - systematisch dargestellt", — iv»5 § 14 1. S.42«u.f. Bd. II. 



Digitized by Google 



6 



1. Nowotny 



in der Gesellschaft schlummernden, dem Frieden gefährlichen Kräfte 
wecken, oder bereits vorhandene in ihrer Intensität steigern — ver- 
letzt wird — a definiert, indem er also nur eine, nämlich die sub- 
jektive Seite, desselben berücksichtigt, so verleiht er demselben eine 
Bedeutung, die ungefähr mit dem Begriff „öffentliche Ruhe und 
Ordnung u identisch ist. Denn so wie allen Delikten ohne Ausnahme 
das Kriterium der Gefährdung und Schädigung des Gemeinwesens 
und somit der öffentlichen Ruhe und Ordnung in Rücksicht auf ihre 
antisoziale Bedeutung eigentümlich ist, so ist ihnen auch zweifellos 
die Fähigkeit des Erschütterns des Vertrauens in die schützende 
Macht der Rechtsordnung und des Erweckens resp. der Steigerung 
der in der Gesellschaft schlummernden und dem Frieden gefährlichen 
Kräfte eigen. Sonderbar muß auch erscheinen, warum Finger in den 
sehr weiten Rahmen, den er bei seiner obigen Stellungnahme der 
Kategorie der Friedensdelikte zuweist, nicht auch noch andere De- 
likte aufgenommen hat, die in vielleicht noch höherem Grade die Be- 
dingung „des Erschütterns des Vertrauens in die schützende Macht 
der Rechtsordnung" erfüllen als jene, die er der Kategorie der 
Friedensdelikte zugezählt hat. 

Zur Kategorie der Friedensdelikte gehören nach Finger: 

1. der erste Deliktsfall nach § 83 (IV 7 . Fall des Verbrechens 
der öffentlichen Gewalttätigkeit durch gewaltsamen Einfall 
in fremdes unbewegliches Gut,», von ihm als „Landfriedens- 
bruch' 4 charakterisiert, 

2. gefährliche Drohungen gegen Gemeinden oder Bezirke 
(Landzwang) — (XIII. Fall des Verbrechens der öffent- 
lichen Gewalttätigkeit;, 

3. die von den Bestimmungen der $$65, 3(10,302 und 3l »5 St.G. — 
und den Artikeln III und IV. der Novelle vom 17. De- 
zember 1862 No. 8 R.G.BI. umfaßten Delikte, 

4. die Delikte nach § 287 St.G. (Teilnahme an verbotenen Ver- 
bindungen) und dem Gesetz vom 15. November 1S67 No. 135 
und dem Artikel XII des Grundgesetzes vom 21. Dezember 
1867 No. 142 (Übertretungen der Normen betreffend das 
Versammlungsrecht). 

Außer den oben erwähnten zählt Finger überdies zur Kategorie 
der Friedensdelikte eine ganze Reihe von Übertretungen, die gegen 
folgende, einen mehr präventiven Charakter tragende Normen gerichtet 
sind, welchen ein gewisses genau bestimmtes Rechtsgut als Verletzungs- 
objekt fehlt, und zwar: 

Die vom Gesetz vom 24. Mai 1885 No. 89 R.G.BI. umfaßten Über- 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



7 



tretungen (Landstreicherei und Bettel), die Übertretung der Polizei- 
aufsicht (Ges. v. 10. Mai 1873 No. 104 R.G.B1.), die im § 323 St.G. 
enthaltene Übertretung (das Zuwiderhandeln gegen die Ausweisung 
bedeutet insofern immer wieder die Herstellung von Bedingungen, 
die für die Rechtsordnung gefährlich sind), — die Übertretung nach 
§ 320 St.G. (Übertretung der Meldungs Vorschriften) und die Über- 
tretung nach § 326 StG. (Unbefugtes Halten eines Stoß- oder Preß- 
werkes). 

Die gefährlichen, gegen eine Einzelperson gerichteten Drohungen 
hingegen (XIII. Fall des Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit) 
und den II. Deliktsfall nach § 83 St.G. (IV. Fall des Verbrechens der 
öffentlichen Gewalttätigkeit), der als „ Hausfriedensbruch" charakteri- 
siert ist, zählt Finger zur Kategorie der Delikte, die gegen besondere 
Güter resp. Interessen einer Einzelperson gerichtet sind, indem er 
augenscheinlich von der Annahme ausgeht, daß diese Delikte nicht 
fähig sind, „das Vertrauen in die schützende Macht der Rechtsordnung 
zu erschüttern und die in der Gesellschaft schlummernden, dem 
Frieden gefährlichen Kräfte zu wecken oder bereits vorhandene in 
ihrer Intensität zu steigern." 

Während Finger, indem er die Bedeutung und den Charakter des 
Begriffes des Friedens als „Vertrauen in die schützende Macht der 
Rechtsordnung" definiert, der Kategorie der Friedensdelikte einen 
ziemlich weiten Rahmen zuweist, schließt Janka 1 ) sie umgekehrt in 
einen sehr engen Rahmen ein. 

Indem er dem Begriff der Rechtssicherheit des einzelnen in der 
Bedeutung des Friedensbegriffes ebensolche des Gemeinwesens, der 
Gesellschaft gegenüberstellt, zählt er zur Kategorie der das Rechtsgut 
des Friedens verletzenden Delikte in folgender doppelter Bedeutung: 

1. Gefährliche Drohungen gegen Gemeinden oder Bezirke 
(Landzwang) [XIII. Fall des Verbrechens der öffentlichen 
Gewalttätigkeit], 

2. Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte oder Vor- 
hersagungen (§ 308 St.G.), 

3. I. Deliktsfall nach § 83 St.G. (IV. Fall der öffentlichen 
Gewalttätigkeit durch gewaltsamen Einfall in fremdes un- 
bewegliches Gut) — als „I.andfriedensbruch u charakte- 
risiert, 

4. Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen Nationalitäten, Re- 
ligionsgenossenschaften, Körperschaften und dergleichen 
(§ 302 StG.), 

11 „Das Gsterr. Strafrecht* IV. Aufl. 1902, S. 283 u. f. 



)igitized by Google 



8 



I. Nowotny 



Dagegen zählt Janka gefährliche Drohungen gegen einzelne 
Personen (XIII. Fall des Verbrechens der öffentlichen Gewalttätig- 
keit) und das Verbrechen des Hausfriedensbruches, ebenso wie Finger, 
zur Kategorie der Delikte, die gegen die besonderen Interessen ein- 
zelner Personen gerichtet sind (§119 S. 222). 

Auf demselben Standpunkt, den Janka einnimmt, steht auch 
Lammasch '), — nur mit dem Unterschied, daß er zur Kategorie der 
„Friedensstörungen" überdies zählt: das Vergehen nach § 305 (durch 
öffentliche Herabwürdigung der Einrichtungen der Ehe, der Familie, 
des Eigentums, der Gutheißung von ungesetzlichen oder unsittlichen 
Handlungen) und die Übertretung der Vorschriften des Gesetzes vom 
15. November 1867 No. 135 R.G.B1. Gefährliche Drohungen gegen 
einzelne Personen (XIII. Fall des Verbrechens der öffentlichen Ge- 
walttätigkeit), das Verbrechen des Hausfriedensbruches (II. Absatz 
§ 83 St.G.) und Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte oder 
Vorhersagungen (§ 308 St.G.) zählt Lammasch zur Kategorie der De- 
likte, die gegen die persönliche Freiheit und andere verwandte Inte- 
ressen einzelner Personen gerichtet sind. (S. 47 — ;>0). 

K rzy m u s ki 2 ) stellt keine besondere Kategorie der Friedensdelikte 
auf, indem er augenscheinlich von der Annahme ausgeht, daß dem 
Begriff des Friedens kein Platz in der Reihe der Rechtsgüter — die 
einen besonderen und nicht nur akzessorischen Schutz seitens des 
Strafgesetzes verlangen können, — gebührt. Was den Charakter und 
die Bedeutung des Delikts nach § 83 des geltenden St.G. anbetrifft, 
nimmt Krzymuski einen von den übrigen Vertretern der Theorie ab- 
weichenden, eigenartigen Standpunkt ein. Ohne sich mit der Frage 
der Verletzungsobjekte des ersten und zweiten Deliktsfalles nach $ 83 
näher zu befassen, beschränkt er sich lediglich auf die Andeutung, 
daß beide Deliktsfälle, die er übereinstimmend mit der Interpretation 
der Judikatur und Doktrin als Landfriedensbruch (1. Abs.) und Haus- 
friedensbruch (II. Abs.) bezeichnet, gegen ein anderes (welches?) 
Rechtsgut der Einzelperson als gegen jenes der Rechtssicher- 
heit des Lebens, Eigentums und der persönlichen Freiheit ge- 
richtet sind. 

Einen verschiedenen und eigenartigen Standpunkt nimmt Krzy- 
muski auch in der Frage über die Bedeutung und den Charakter des 
Verbrechens der gefährlichen Drohung ein XIII. Fall des Verbrechens 
der öffentlichen Gewalttätigkeit), indem er es der Kategorie der De- 



ll (irumlnü des Straf rechts 1V»9 S. M>. 

2i Wykhid prawn karnego (System des Straf rechts l Bd. II. S. 33 t u. f. 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Straf rechte. 



9 



likte zuzählt, die nicht gegen bestimmte, sondern nur gegen irgend- 
welche dem Rechtsschutz unterliegende Interessen der Einzelperson 
gerichtet sind. Die Delikte nach §§ 302 und 308 St.G. zählt er da- 
gegen, übereinstimmend mit dem Standpunkt des Gesetzes, jener 
Kategorie zu. die gegen Staatseinrichtungen gerichtet sind, welche die 
„ öffentliche Ruhe und Ordnung" bezwecken. (§ 219 und 277). 

Herbst und Frühwald, in ihren Kommentaren zum Strafgesetz 
vom Jahre 1852, und Jenul, im Kommentar zum Strafgesetz vom 
Jahre 1803, führen keine systematische Klassifikation der strafbaren 
Handlungen in einzelne Kategorien nach einem ihnen gemeinsamen 
Verletzungsobjekt durch, sondern halten sich genau an die vom Ge- 
setzgeber durchgeführte Systematik und beschränken sich einzig und 
allein auf die Interpretation der einzelnen, in den betreffenden Para- 
graphen aufgezählten strafbaren Handlungen. Ohne auch nur das 
mindeste zur Aufklärung der Frage über die Stellung des geltenden 
Strafgesetzes zum Rechtsgut des Friedens und zur Kategorie der 
Friedensdelikte beizutragen, beschränken sie sich lediglich auf die 
von der Judikatur und der Doktrin festgestellte Tatsache, daß das 
Verbrechen nach § 83 StG. (IV. Fall des Verbrechens der öffentlichen 
Gewalttätigkeit durch gewaltsamen Einfall in fremdes unbewegliches 
Gut) de facto ein Friedensdehkt ist, und zwar kein einheitliches, 
sondern ein solches, das unter der Form „ Landfriedensbruch " 'Abs. I 
§ 83) und „Hausfriedensbruch" (Abs. II § 83» auftritt. 

Denselben Standpunkt hinsichtlich der Bedeutung und des Cha- 
rakters des ersten Deliktefalles nach § 83 des geltenden Strafgesetzes, 
der von der Judikatur und der Doktrin, wie schon erwähnt, als 
.Landfriedensbrucb" qualifiziert wird, nimmt auch Zucker ein, welcher 
sich überdies auf die geschichtliche Entwicklung beruft. 

Aus dem Überblick über die Stellung der Literatur ist ein deut- 
liches Schwanken, ja sogar eine gewisse Kontroverse ersichtlich über 
die Bedeutung und den Charakter des Friedensbegriffes im geltenden 
Strafgesetze und über die Ausdehnung der Kategorie der Friedens- 
delikte; und es steigen gewichtige Zweifel auf, ob das Problem von 
der Doktrin schon endgültig gelöst ist. Ursache dieses Mangels an 
Einheitlichkeit in den Anschauungen, trotz der harnionischen prinzipi- 
ellen Ansicht, daß die einzige vernünftige Grundlage der Normierung 
vieler Bestimmungen im geltenden Strafgesetze nur der Schutz des 
Recbtsgutes des Friedens sein kann, ist zweifellos die unentschlossene 
Stellung bezüglich des Charakters des Friedensbegriffes in seiner 
gegenwärtigen Bedeutung und seinen geschichtlichen Grundlagen, wie 
auch der nicht zu verkennende Einfluß der Doktrin des deutschen 



10 



I. Nowotny 



Rechtes. Dieser Einfluß wird zu Ungunsten der historischen Ent- 
wicklung des Friedensbegriffes im österreichischen Strafrechte wirk- 
sam, — am grellsten bei der Interpretation des ersten Deliktsfalles 
nach § 83 St.G., der von der Judikatur und der Doktrin überein- 
stimmend als „Landfriedensbruch" charakterisiert wird. 

Wenn also sowohl die Judikatur als auch die Literatur uns keine 
genügende Antwort geben konnten, so müssen wir uns nun an die 
Quellen des österreichischen Rechtes halten, welche — da sie ja das 
Gesamtbild der Entwicklung des Friedensbegriffes von den ältesten 
bis auf die neuesten Zeiten enthalten — uns eine gewisse Garantie 
geben, das Problem in befriedigender Weise lösen zu können. 

Die geschichtliche Auslegung. 

Weder im westgalizischen Gesetz vom Jahre 1796, noch auch 
im Josefinischen vom Jahre 1787 finden wir irgend welche Er- 
wähnung von einem Rechtsschutz des Friedens in der Form beson- 
derer, seinen Schutz genau und direkt normierender Bestimmungen. 

Dagegen findet der Gesamtbegriff der Ruhe und Sicherheit auch 
in diesen Gesetzen umfangreiche Anwendung und bildet den Ausgangs- 
punkt für die Systematik der strafbaren Handlungen. 

Die der Bestimmung des § 83 St.G., — welcher ja nach der 
Interpretation durch Judikatur und Doktrin zwei begrifflich ver- 
schiedene Delikte .„Landfriedensbruch" und „Hausfriedensbruch" nor- 
miert, — entsprechenden Vorschriften des westgalizischen ') und des 
Josefinischen 2 ) Gesetzes (§§ öS resp. 54) erwähnen nichts von einem 
Schutz des Friedens. 

Erst durch die Theresiana kommt etwas Licht in unsere Frage. 
In Artikel 73, der die ganze Kategorie der verschiedenartigen Delikte 



1) § 5% dos westgal. Gesetzes (II. Fall der öffentl. Gewalttätigkeit): 
„Wenn mit Uibergehung der Obrigkeit, und mit gesammelten mehreren Leuten 
der ruhige Besitzstand eines Andern auf seinem Grunde und Boden mit gewalt- 
samen Einfalle gestöret; oder wenn in das Haus oder in die Wohnung eines 
Andern wehrhaft, obgleich ohne Hotte (?) eingedrungen, und daselbst an dessen 
Person, oder an dessen Hausleuten, Habe und Gute Gewalt ausgeübet wird; es 
geschehe solches, um ein vermeintes Unrecht zu rächen, oder sonst Gehässigkeit 
auszuüben, oder ein angesprochenes Recht durchzusetzen, oder ein Versprechen 
oder Beweismittel abzunöthigen.* 

2) § 54 des Josefinischen Gesetzes: „Wer mit gesammelten mehreren 
Leuten gewaltsam in das Gebiet, Haus oder Wohnung eines andern dringet, und 
daselbst an dessen Person, Haab und Gut Gewalt ausübet, macht sich des Ver- 
brechens der öffentlichen Gewalt schuldig, auch wenn die That blos in der 
Absicht geschehen wäre, um angesprochene Rechte durchzusetzen." 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen .Strafrechte. 



11 



umfaßt, welche dem gemeinsamen Begriff ..öffentlicher Gewalt und 
jener gewaltsamen Tathandlungen, so der gemeinen Sicherheit ent- 
gegenstehen", untergeordnet sind, begegnen wir im § 2 ') zum ersten 
Mal dem Delikt des Landfnedensbruches (crimen fractae pacis publi- 
cae», im § $*) dem des Hausfriedesbruches (violenta cujusdam in sua 
habitatione invasio), im § 5 *) endlich dem Delikt der Absagerey oder 
Befehdung. 

Diese Bestimmungen, welche direkt und deutlich den Schutz des 
Landfriedens. Hausfriedens und gemeinen Friedens normieren, lassen 
deutlich erkennen, daß der Theresiana die Friedensdelikte bekannt 
waren. 

Außer obigen Bestimmungen, welche direkt und deutlich den 
Schutz des Friedens normieren, war der Theresiana noch ein Delikt 
unter der Bezeichnung r Urphedebruch** nach §6 Art. 60*) bekannt, 
welches, wenn es auch direkt den Schutz des Friedens gar nicht er- 
wähnt, dennoch ein Delikt des Friedensbruches bildete, — es trug 
einen besonderen Charakter, der mit der geschichtlichen Entwicklung 
des Friedens im österreichischen, wie auch in anderen Kechten eng 
verbunden war. — 

lt § 73 (Landfriedensbruchi: -Der Landesfriedenbruch , welcher be- 
dangen, und der Landfried gebrochen wird, da wer mit einigen durch Aufbot, 
G lockenstreich oder in anderweg zusammenbcnifcnen Leuten, mit gewaffnet- 
und gewehrter Hand, folgsam mit öffentlicher Gewalt aus Räch, oder um einer 
vermeintlichen Gerechtsame halber, oder aus einer anderen bösen Absicht 
Jemanden vorsetzlich, und gefährlich überziehet, überfallet, oder in dessen Haus, 
oder Gebiete eindringet. Falls aber der Gewalt ohne Aufbiet- und Zusammen- 
benffung einer Volkmenge durch Jemanden allein, oder mit bloßer Beyhülff 
Beiner Lastergespäunen verübet wird, so ist es zwar kein Landesfriedeu- 
bruch, es bleibt jedoch eine gewaltthätige Handlung." 

21 § 3 Art. 7 3 (Hausfriedensbruch!: „Da wer mit gewaffneter Hand in 
jemanden* Haus, oder Wohnstatt vorsct/.lich einbricht, und ihn daselbst mit 
Schlagen, oder Verwundung, oder in anderweg mißhandlet und vergewaltiget." 

3) § 5 Art. 78: .Die Absagerey, oder Befehdung aber ist eine feindliche 
Bedrohung, wodurch Jemand dem anderen les »eye einer Gemeinde, Dorfschaft 

oder Privatperson» als seinem Feind die äußerste Verfolgung am Leib, 

und I/eben oder am Gut tiergestalten ankündiget, daß dadurch der gemeine 
Frieden verletzet, und dem Bedrohten Schrecken, und Gefahr zugezogen wird. u 

•1) § 6 Art. 00 (Urphedebruch): ..Wenn aber Jemand zuwider der ab- 
gelegten Frphed, und theuren Angelobung eine Rache auszuüben sich erkühnoto, 
da ist zuförderist die Gattung und Eigenschaft der ausgeübten Hache in Acht zu 
nehmen. Bestünde die Rache in einer tödlichen Verwund- oder Ertödtung, einer 
Anzündung, oder sonst einer bösgearteteten Misscthnt . welche nach Unseren 
Rechten eine schwerere, als die oben ausgesetzte Strafe des Urphedebrncbee 
(Rückkehrung in das Verwiesene) auf sich tragete . . 



Digitized by Google 



12 



L Nowotny 



Die Urphede bildete ein Friedensinstitut, das in dreifacher Be- 
deutung hervortrat: 

1. Als eidliche Versicherung eines aus den Händen der Justiz 
entlassenen Beschuldigten oder Verbrechers, die ihm wider- 
fahrene Behandlung nicht rächen, bezw. — in neuerer 
Zeit — an einen bestimmten Ort eine gewisse Zeit hin- 
durch nicht zurückkehren zu wollen (urpheda de non ul- 
ciscendo — urpheda de non redeundo), 

2. als gleichbedeutend mit Sühne >), mit gelobtem Frieden, 

3. als Versprechen der in einer Fehde, im Kriege Gefangenen, 
welches dieselben bei ihrer Freilassung dahin abgaben, 
da(3 sie die Leiden der Gefangenschaft am Gegner nicht 
rächen wollten. Diese Urphede wurde bald mit einem 
ritterlichen Gelübde des Inhalts, dali man im Falle ihrer 
Nichteinhaltung selbst wieder in das Gefängnis zurück- 
kehren werde — sogenannte Ritterurphede , bald mit 
einem Eide bekräftigt, namentlich von Nichtritterbürtigen , ). 

Nur der letztere Modus erhielt sich und wurde im Laufe der 
Zeit auf die entlassenen Verbrecher angewandt^. Der Urphedebruch 
galt als Friedbruch. 

Die Strenge der für das Verbrechen des Urphedebruches ange- 
drohten Strafe ist dadurch zu erklären, dali der Urphedebruch stets 
einen Eidesbruch enthielt, während der gelobte Friede wohl nur da 
beschworen wurde, wo er eben mit einer Urphede zusammentraf. 

Damit erklären sich die Bestimmungen früherer Landgerichts- 
ordnungen, so z. B. die Leopolds I. vom Jahre 1675, daß der Ur- 
phedebruch, sofern derselbe nicht mittels eines an sich todeswürdigen 
Verbrechens begangen war, mit der Strafe des Meineides bedroht wurde. 

Auf die der Theresiana voraufgehenden österreichischen Land- 
gerichtsordnungen zurückgreifend, stoßen wir in allen auf Bestim- 



1 1 Synonyma: „sunc -1 , „orveidc 4 , welche auch nebeneinander gebraucht 
werden, z. B. Ssp. 1 8 § 8. 

2i Haltaus — „Urphede 4 - und Wollfhard — de crim. fractae urphedae (Kintel 
1T4S — Schierlinger — „Die Friedensbürgschaft ISTT, S. 2J>). 

3) Die Regierung begnadigte ihn sodann gegen Versehreibung einer Ur- 
phede und das Versprechen, auf Gaismair gute Kundschaft zu haben. (Ilcnnau 
Sander — Vorarlberg zur Zeit des deutschen Bauernkrieges — Mitteil, des 
Instit. für ö*terr. Geschichtsforschung IV. Band S. 361.) 

Caspar Graß und Lenz Frei sollten nach dem Frlasse vom 5. Juni 1527 
nur dann vor die Geschwomen gestellt werden, wenn Aussicht auf ihre Ver- 
urteilung zu einer Leibesstrafe vorhanden; sonst sollten sie gegen eine Urfehde, 
Bezahlung der Kosten und eine Geldstrafe begnadigt werden. (Ibidem S. 362) 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 13 



mungen, die mehr oder minder den Schutz des Friedens von ver- 
schiedenem Charakter und verschiedener Bedeutung behandeln. 

Die Bestimmung Karls VI. vom Jahre 1716 betreffend die Ur- 
phedbrecher. ') 

Neue peinliche Halsgerichtsordnung für Böhmen, Mähren und 
Schlesien Josephs I. vom 16. Juli 1707 normiert im § 6 XIX. Artikel 
das Verbrechen (Laster) des Landfriedensbruches, das in gleicher Weise 
mit dem Verbrechen der Majestätsbeleidigung, der Rebellion und 
Land-Venrätherey behandelt wird. 2 ) §43 der Josefina bestimmt da- 
gegen den Schutz des Hausfriedens, indem er den Fall der Störung 
desselben mit gewaffneter Hand, Vergewaltigung, Verwundung, 
Schlagen oder Beraubung schwerer qualifiziert, leichter jedoch in dem 
Falle, wenn die Störung desselben durch Eindringen in ein fremdes 
Haus bei Verfolgung eines Gegners erfolgt ist. 3 ) § 18 des XIX. Art. 
normiert das Delikt der Absagerey und Drohung. 4 ) 

1 > r Was masscn wir eine Zeit her sehr mißfällig vcrspiihren müOcn, welcher 
gestalteu nach der fast täglichen Erfahrenheit , diejenige Manns- und Weibs- 
Porsonen. welche wegen gevisser Laster mit einem ganzen Schilling, nach Hinter- 
lassung einer geschvornen l'rphed, Unsere Lands-Oesterreich, oder eines Land- 
Gerichts, auf ewig verwiesen worden sind, nicht allein nicht ausser Land sich 
begeben, oder da» Land-Gericht meiden, sondern über kurtze Zeit in dem Land 
oder Laud-gericht wiederum eingefunden, und also entweder in vorigen Sünden 
und Lastern, oder sonst betreten, und in verhaft gezogen, sodann aber mahlen 
nur mit der Ruthe, nnd nochmalige Urpheds-Abschwöning, und also mit keiner 
schärfferen Straffe als das erstemal relegirct vorden; dnhero es dahin gekommen, 
daß derley verstockte Delinquenten, weder die Ausstroiehung, noch die Eyd- 
brechung mehr zu achten scheinen, und zumahlen sonsten die Landgerichts- 
ordnung Art. 92 § 2 vermag, daß wann einer ein l'rphed mit Sachen und Thaten, 
darum er das Leben nicht verwircket hat fürsetzlich und freventlich breche, der 
solle erstens als ein Meineidiger mit einem ganzen Schilling, zum andern mahl 
mit Abhauung der Hand oder Finger, mit welchen er geschworen, drittens mit 
dem Schwerdt vom Leben zum Tod hingerichtet werden . . . (codex Austr). 

2) „Das Laster der Beleydigten Weltlichen Mayestät, Rebellion, zusammen 
Schwerungen, Vergatterungen, Land-Yerr&therey und Lands-Frieden-Brueh iwenn 
einer mit feindlichen Gemüth wieder seine Obrigkeit, Lands- Fürsten, dessen 
Räthc oder Hoheiten, es seyc mit Rath oder That, mit, oder ohne ergreiffung 
der Waffen icht was vornimmt." 

3i „Welcher mit gewaffueter Hand jemanden in seinem Hauß oder Wohn- 
statt vergewaltigt, selben verwundet, schlaget, oder gar beraubet, der ist ein 
Friodonsbrecher, und wird mit dem Schwerd gestraffet, welche Straff zwar nach 
fleissiger erwogung der etwan mit vnterlaüffenden andern Lastern, als Rauboroy, 
Nothzncht, können verschärffet, hingegen aber gelindert werden, wann einer mit 
dem jenigen, ausser hauses sich entzweyet hatte, dieser alsdann entwiche, und im 
nachlauffen mit dem nachgehend vergewaltigten zugleich in das Haüß eintringete, 
oder wann jemand eine Person, über welche ..."(§ 43). 

4) „Was nun die Absagere, und diese welche mit Feuer betrohon, 



Digitized by Google 



14 



I. Nowotny 



Der Mangel einer Bestimmung in der Josef ina, die über den 
Urphedebruch handelt, erklärt uns § 16 XIX. Art., welcher sich, was 
die von obigem Gesetz nicht umfaßten Delikte anbetrifft, auf die 
subsidiäre Anwendung der Bestimmungen des gemeinen Rechtes 
(Carolina) beruft. 

Eine ungefähr der Josephina analoge, über den Schutz des Land- 
friedens handelnde Bestimmung enthält Leopolds Landgerichtsordnung 
für Österreich ob der Enns vom 14. Aug. 1675 im Art. 3 des III. Teiles. ') 

Ferdinands III. Landgerichtsordnung vom 30. Dezember 1656 
(abgedruckt im ersten Bande des Codex austriacus) enthält ebenfalls 
in den Art. 61 und 92 die das Delikt des Landfriedensbruches und 
Urphedebruches normierenden Bestimmungen. 2 ) 

Mehr oder minder ähnlichen, den Schutz des unter verschiedener 
Form auftretenden Friedens normierenden Bestimmungen begegnen 
wir in früheren Landgerichtsordnungen, und zwar: 

In Ferdinands II. Landgerichtsordnung für Österreich ob der 
Enns vom 2 S. Januar 1627, I.Teil, 3 ) in Karls II. Landgeriehts- 

als auch diejenigen, welche wehrender Feuersbrunst, stehlen, ra&ffhändl an- 
fangen " 

1) III. Teil. Art. 8: „Vou dem Laster der belaydigten Majestät, Rebellion, 
Conspiration, Landts-Verrhriterey, und Landts-Fried oder Glaidtbruch. 

Jeweil diese Laster unmittelbar zu unserer N. 0. Regierung ErkanndtnuU 
gehören: Als solle sonsten kein Landtgerichts Herr oder Richter, wie die Nahmen 
haben, oder sonsten befreyt sein mögen, in dem Laster der belaydigten Mayestät, 
Landts-Verrhäterey, Rebellionen, schädliche Conspirationen, Landts-Frid- und 
Glaidtbruch, ichtwas zuerkennen oder zusprechen sich anmaßen, sondern wann 
einer oder mehr in disem Laster verdachtig ist, den oder dieselben alsobald wie 
er kann und mag gefänglichen einziehen, unserer Landts Hauptmannschaft an 
zaigen, welche es unserer N. 0. Regierung hinderbringen wurdet, und deroselben, 
auff weitere Verordnung, unwaigerlich folgen lassen." 

[IL Teil. Art. 32. Straff deren so geschwobrne Urphede brechen. § 1: 
„Bricht ainer ain gesehwohrne Urphede mit Sachen und Thaten, danunb er ohne 
das am Leben zu straffen wäre, dieselb Todt-Straff solle an ihm vollbracht 
werden. § 2 : So aber einer ein Urphede, mit Sachen, darumb er das Leben nicht 
verwürkt hat, fürsetzlich und frävendlich bräche, der solle erstens als ein main- 
aydiger mit einem ganzem Schilling, zum änderten mal, mit abhauung der Hand 
oder Finger, mit welchen er geschwohren, drittens mit dem Schwerdt vom Leben 
znm Todt gerieht verden.- 

2) Art. 61: „von dem Laster der beleydigten Majestät, Rebellion, Conspi- 
ration, I-andsverräthercy und Lands-Fried oder Geleit-Bruch — tt 

Art. 92: „Bricht einer ein geschworne Urphede mit Sachen und Thaten, 
darumb er ohne das am Leben zu straffen wäre, dieselbe Todtstraff solle an 
ihmo vollbracht werden. 44 

9) „Itein, wer wider sein Herrschaft, Obrigkeit, Landts-Frid, unnd Lanndts- 
Fürsten, Verräterey geübt oder getrüben hat" 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



15 



Ordnung für Steyer vom Jahre 1574 Art 93, 94, 138') — in Fer- 
dinands I, Landgerichtsordnung für Österreich ob der Enns vom 
1. Oktober 1559 *) — in der Landgerichtsordnung für Krain vom 
18. Februar 1535 3 ), in der Landgerichtsordnung Maximilians L vom 
21. August 1514*) und dessen Malefizordnung für Tirol vom 
30. November 1499. 

Das in den Landgerichtsordnungen Ferdinands IL, Karls II. und 
früheren auftretende Delikt des „Landzwanges u , das mit gewissen 

.Item, Wer dröwlich außschreibt, oder Jemandts befecht, auch die Inn- 
wohner des I^andts schätzt oder nothzwingt." 

„Item. Wer deß Landte-Fürsten oder seiner Fürstlichen Obrigkeit (Haidt, 
oder angelobten Friden. fräventlich bricht." 

1) Art 93. Straff deren so drolich außtretten: „Item, nachdem sieh off t- 
malen böse mutwillige Personen understehen, die I^euth wider Recht und billig- 
keit zu bedroen, darüber entweichen und außtretten, von denen die I^euth je zu 
zeitten wider Recht beschädigt, deßgleichen durch solche droe und foreht, wider 
billigkeit gedrungen werden, und sich an gleichen Rechten nit benügen lassen, 
dardurch die Leuth auch Gefahr und beschädigung von ihnen erwartten müssen, 
solche Muthwiller sollen für rechte Laudtzwinger geacht, und so dieselben be- 
treten, und in Gefängknuß gebracht, alßdann mit dem Schwenk vom Leben zum Todt 
gericht werden, unangesehen ob sie sonst mit der That nichts gehandelt haben . . 

Art. "J4 „Straff der Bevechtung": Item, welcher Jemand wider Recht 
und billigkeit muthwilligklich bevecht, soll mit dem Schwert vom Leben zum 
Todt gericht werden, außerhalb ob aines seiner Vecht halb von uns, oder unsern 
nachkomen Herrn und I^indtsfürsten erlaubnuß hatte." 

Art. 138 -Item, wer wider sein Herrschafft, obrigkeit und Landtsfrieden. 
Verrhäterrey übt oder treibt." 

.Item, wer Unser als Herrn und Landtsfürsten, oder Unser nachgesetzten 
Obrigkeit Glait oder gebotten Friden, freventlich bricht, doch Unwissenheit hier- 
innen außgeschlossen." 

.Item, wer drolich außschreibt, oder Jemands befecht, auch die Innvohner 
deü Landts schätzt oder zwingt." 

2) Item, Wer wider sein Herrschaft, Oberkhait, Undßfrid, und Landßfürstcn, 
Verrattcrey geübt oder getriben hat." 

.Item, Wer des I^andßfürsten, oder seiner Fürstlichen Oberkhait Glaidt, 
oder angelobten Friden frävenlich bricht." 

„Item, Wer drolich ausschreibt, oder yemands befechdt, auch die Innwoner 
des Lanndta schätzt oder notzwingt." 

Hi Analoge Bestimmungen mit Landgerichtsordnung v. J. lOöfl. 
4| I^andgerichts-Ordnung Maximilians I. 

§ 32 : „Wer wider sein herrschafft obrikait und Laudtfridn verretterey ge- 
übt oder getriben hat." 

§ 36: »Wer des Landsfürsten oder seiner Fürstlichen Gnadn obrigkhait 
glaidt: oder angelobtn frid freventlich bricht." 

§ 37: Wer drolich ausschreibt oder yemandts beuehd oder notzvingt oder 
pranntschatzt u 

Analoge Bestimmungen in Malefizordnung. 



Digitized by Google 



16 



[. Nowotny 



Modifikationen auch in späteren Gesetzen erscheint, und das eben- 
falls nach der Interpretation der Doktrin dem geltenden österr. Straf- 
gesetze (§ 99 im XIII. Fall des Verbrechens der öffentlichen Gewalt, 
tätigkeit durch gefährliche Drohung) bekannt sein soll, bildete ein 
Friedensdelikt, das der Bedeutung nach dem Delikte des Landfriedens- 
bruches entsprach. Die Entstehung der beiden obigen Bestimmungen 
ist eng verbunden mit den Institutionen des Fehderechts und der 
Rache, die sich in jenen Zeiten des Bürgerrechts erfreuten, sei es in 
der Form bewaffneter Überfälle durch solche, die zum Tragen der 
Waffen und zur Ausübung der Fehde berechtigt waren (Landfriedens- 
bruch), — sei es in der Form von Drohungen durch jene, denen das 
Waffen- und Fehderecht nicht zustand. 

Wir sehen auch, daß die Bestimmung des Art. 94 der Landgerichts- 
ordnung Karls II. bei Todesstrafe die widerrechtliche Ausübung der 
Fehde verbietet, ausgenommen den Fall, daß der Regierende, dessen 
Nachkommen und Landesfürsten die Erlaubnis dazu gegeben haben. 

Um dem eigenmächtig mit Übergehung des Rechtsweges ausge- 
übten Fehderecht Schranken zu setzen und den Frieden zwischen 
den streitenden Parteien wiederherzustellen, dienten der gebotene und 
gelobte Frieden. 

Die Bestimmungen, welche den Bruch dieses durch die Obrigkeit 
gebotenen oder des gelobten Friedens normieren, finden wir fast in 
allen Landgerichtsordnungen. 

Außer dem unter der Form eines gebotenen oder gelobten Friedens 
auftretenden besonderen Frieden, finden wir in einigen Landgerichts- 
ordnungen Bestimmungen, die den Rechtsschutz einer anderen Art 
des besonderen höheren Friedens normieren: den Kirchenfrieden und 
(Kirch)-Friedhof frieden. ') 

In Karls II. „New Landtgerichtsordnung des Erzherzogthumbs 
Khärndten a vom Jahre 1577 finden wir dagegen keine Bestimmungen, 
die direkt über den Schutz des Friedens unter irgend welcher Form 
handeln. Unter den im Register von 1 — 34 aufgezählten verschiedenen 
Straf bestimmungen verdient gewisse Beachtung nur jene Vorschrift, 

1) „Wer geweyht Kirchen heimblich bricht, oder auff einem gewcyhten 
Kirchhoff fräventlich rumort, ficht, oder ihn eines mit Bluet-Vergiesaen entehre, 
soll wie Recht ist, gestrafft verden." (Ferdinands I Landger. Ordn.) 

§ 45. Wer gowcicht Kirchn haimlich pricht od' auf ainem geweichtn Kirch- 
hof freucnlichn Rumort Ficht oder yr aina mit plutvergieasen entert." (Maxi- 
milians I Landger. Ordn.) 

Landgerichtsordnung für Krain (1535): „Wer auf einem geweihtem Kirch- 
hof freventlich ficht oder rumort und ihrer eins (d. i. geweihte Kirchen oder 
Friedhöfe) mit Blutvergießen entehrt" (Kirchenbrach). 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



17 



die von Fehdebandlungen und Mutwillen, die sich auf eines Edel- 
mannes Gründen zutragen, handelt. — als Illustration zu den da- 
maligen charakteristischen Verhältnissen mit Rücksicht auf das all- 
gemein herrschende Übergewicht der Macht über das Recht und auf 
die in verschiedenen Formen auftretende Fehde. 

Der Periode der ersten Malefiz- und I Andgerichtsordnungen ge- 
hören auch die von den Landesfürsten erlassenen speziellen Gesetze 
an, deren einziges Ziel die Wiederherstellung des durch innere 
Kämpfe und eigenmächtige Ausübung der Fehde unaufhörlich ge- 
störten Friedens im Lande war und die deswegen den Namen der 
„Landfriedensgesetze'" trugen. ') 

In allen diesen Landfrieden wurde auf den Rechtszug verwiesen, 
eigenmächtige Selbsthilfe und Fehde, sowie auch ihre Begünstigung, 
dann alle Arten von Störungen des Landfriedens regelmäßig unter 
Androhung der Acht 2 ; verboten. 

Im Anschluß an die I-indfriedensgesetzgebung entwickelte sich 
in Osterreich und in Bayern ein besonderes Verfahren gegen Ge- 
wohnheitsverbrecher, landschädliche Leute, homines damnosi. Um 
das Land von diesen die Erhaltung des Landfriedens unmöglich 
machenden schädlichen Leuten zu säubern, wendete man in Oster- 
reich ein besonders summarisches Verfahren an. das als Landfrage, 
stille Frage, Geräune bezeichnet wurde. 

Es bestand darin, daß von Zeit zu Zeit der zuständige Richter 
eine Inquisitio vornahm, in der er nach gewohnheitsmäßigen Ver- 
brechern, insbesondere nach Straßenräubern, Dieben und Mördern 
fragte. Wurde der, den die Rüge bezichtigte, durch die Aussage von 

1) Die ewigen Landfrieden von .1. 1054. Hill, 1035, 1613, 1600, 1594, 1570. 
156!». 1566, 1564, 155'.», 1557. 1555, 1551. 154S, 1545. 1544, 154.! u. a. Land- 
frieden vom J. 1464 (Chniel, Material.. II. 2so>, dann der von Herzog Leopold IV 
am 2. Jänner 140" erlassene Landfrieden, — Landfrieden König Wenzels von 
J. 13*JS, 1381» und 13>»3 — , Landfrieden König Rudolphs vom 3. Dezember 1276 
erlassen auf 5 Jahre für sämtliche Lande, die König Ottokar dem Reiche zurück- 
gestellt hatte und ein mit den Städten. Rittern und Knappen Österreichs verein 
harter ohne Datum erlassener Landfrieden, endlich die um 1251 erlassene Forma 
paeis quam instituit Otaehar Duse in Austria, Archiv Bd. I. 55 -00, Luschin 
österreichische Rciehsgeschichte S. 137. Högcl, Gesell, d. österr. Strafr., S. 1«, 
24 u. f. 

2t Die Acht (Reichsachti war die vom (Könige Landesfürsteni, vom Reiche 
verhängte Strafe der Recht- und Friedlosigkeit, das vom Könige gesprochene 
(vorläufig vollstreckbare) Yernichtungsurted des zur Zeit abwesenden l'heltäters 
{Planck — Sitzungsberichte der bai. Akad. der Wissenschaft zu München 
I. Heft 1SS4). 

Archiv tür Kriminalanthropologie 30 Bd. 2 



18 



I. Nowotny 



sieben Geschworenen als ein schädlicher Mann übersagt, so konnte 
er ohne Gehör verurteilt werden. M — 

Indem wir gegenwärtig zu den weiteren Quellen des öster- 
reichischen Rechtes, und besonders zu den aus der Zeit vor der Aus- 
bildung der fürstlichen Landesgesetzgebung stammenden, übergehen, 
können wir nur die Denkmäler des autonomischen Rechtes 
und die verschiedenen Sammlungen der Rechte und Privilegien 
benützen, von denen manche durch häufige Erneuerung und Be- 
stätigung derselben Grundsätze und Vorschriften endgültig die Form 
des Gewohnheitsrechtes angenommen hatten, das sowohl in den Zeiten 
wo eine einheitliche Gesetzgebung fehlte, als auch sogar später in den 
Strafsachen Anwendung fand. 

Das Ende des XV. und der Anfang des XVI, Jahrhunderts, 
welche die Wende zwischen dem Mittelalter und der Ära der Neu- 
zeit bezeichnen, haben auch in der Art der bisherigen Quellen des 
österreichischen Rechtes, wie auch in der Art des Inhalts derselben, 
ihre Spuren hinterlassen. Mit dem Ende des XV. Jahrhunderts tritt 
das geschriebene Recht auf, als Ergebnis der landesfürstlichen Gesetz- 
gebung bei gleichzeitiger Verdrängung des autonomischen Rechtes 
und des Gewohnheitsrechtes. 

Der Impuls zu den Kodifikationsarbeiten in Österreich ging so 
wohl von den Landesfürsten, als auch von den Landständen aus, 
beiderseits beeinflußt durch politische Rücksichten. Die wichtigste 
Rolle in der Gesetzgebung sollte aber die Rezeption der Grundsätze 
des römischen Rechtes spielen — zum Nachteil der Entwicklung des 
österreichischen Rechtes auf heimatlicher Grundlage. Die Texte der 
Landgerichtsordnungen, die kaum sichtbare Spuren der Rezeption des 
römischen Rechtes aufweisen, hielten sich allerdings an die Grund- 
sätze des gemeinen Rechtes und seit der Publikation der Carolina an 
den Text dieser; in der Praxis jedoch gewann das römische Recht 
immer mehr an Boden, und sein Siegeszug endete damit, daß seine 
subsidiäre Bedeutung schließlich in fast allen Landesgesetzen offiziell 
sanktioniert wurde. 

Wohl wehrte sich das Gewohnheitsrecht lange genug gegen seine 
vollständige Verdrängung und bewahrte sogar noch in der Periode 
der bereits mit dem Gepräge einheitlicher Rechtsgrundlage dominie- 
renden landesfürstlichen Gesetzgebung seine subsidiäre Bedeutung, — 
besonders aber in Sachen, die der Strafgerichtsbarkeit unterlagen. 
Am längsten erhielt sich die praktische Anwendung des Gewohnheits- 

li Zalliiitfer — »las Verfahren gegen die lan<lscha«llielien Ix>ute — 1S95 
Iluber - ö»t. Keiehsgeschiehtc II. Aufl., 36. 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafreehte. 1H 



rechtes in Tirol, wo noch durch die Verordnung vom Jahre 1525 die 
bindende Kraft der im I<ande ausgeübten Gewohnheiten und Grund- 
sätze konstatiert wurde, und nach diesen, nicht aber nach dem geschrie- 
benen Recht, wurde die Ausübung der Gerichtsbarkeit in Strafsachen 
ausdrücklich angeordnet 

Verschieden sind also die Rechte und Privilegien, die den einzelnen 
Gerichten, Klöstern, Jahrmärkten, Schlössern usw. verliehen wurden; 
von diesen nahmen dann viele durch häufige Erneuerung endgültig 
die Form des Gewohnheitsrechts an. 

Unter dem Namen ^österreichische Weisthümer" ») gesammelt und 
herausgegeben, können sie uns als weitere Quellengrundlage 2 ) neben 
dem autonomischen Rechte dienen, d. h. neben den Statuten der Städte 
und den Privilegien, welche den Städten von den regierenden Fürsten 
erteilt wurden. 

Da in den oben angeführten Landgerichtsordnungen — als der 
Quellenbasis des österreichischen Rechts im Mittelalter bis zur Josefina 
(1 TOS) — sich ein vollständiger Mangel an Bestimmungen, die den 
Schutz des Hausfriedens normieren, bemerken läßt und da dies nicht 
nur in jenen Kodifikationen der Fall ist, denen die Carolina (Constitutio 
criminalis Carolina) zur Grundlage diente, — die sich ja ebenfalls 
durch Mangel an diesbezüglichen Bestimmungen auszeichnet, — son- 
dern auch in den der Carolina vorausgehenden, so ist anzunehmen, 
daß das Verbrechen des Hausfriedensbruches nach Sätzen des Ge- 
wohnheitsrechts gerichtet werden mußte, das seine subsidiäre Bedeutung 
auch in den Zeiten der bereits einheitlichen Landesgesetzgebung 
bewahrt hatte. Deswegen wandten wir auch unser Hauptaugenmerk 
in obigen Rechtsquellen auf die den Schutz des Hausfriedens betref- 
fenden Bestimmungen. 

So begegnen wir sowohl in tirolischen und niederösterreichischen 
Weißthümern, als auch in den steyrischen, kärntnischen und salzbur- 
giseben Taidingen einem an vielen Stellen ausgesprochenen Grund- 
satz, der beredt von der hohen Bedeutung des Hausfriedens zeugt, 

lt Die tirolischen Weisthümcr, herausgegeben v. Ignatz von Zingerle und 
C. Theodor v. lnama - Sternegg wie auch Joseph Egger, XV. Bde. 1>75, 1VT7, 
ms und 1S91. 

Steierische und känithische Taidinge, herausgegeben v. Ferdinand Bisehoff 
u. Anton Schönbach- Wien lssj. 

Niederösterreichische Weisthümer v. Gustav Winter II Bd. i$S6 und ISiHi. 

Die Salzburgischen Taidinge von Heinrich Siegel und Karl Tomaschek, 
Wien 1S71. 

2) Siehe die Gegenmeinung Ilögels in seiner Geschichte des österreichischen 
Strafrechtes 1904, II. I, S. 11. 

2* 



Digitized by Google 



20 



L Nowotny 



dessen Schutz auf der starken Basis einer ganzen Reihe von Vor- 
schriften des damaligen Gewohnheitsrechtes ruhte. Ühereinstimniend 
mit dem Grundsatz: „daß ein jeder hausgeseßen Frid soll haben in 
seinem Haus, war es halt nur mit einem Zwirnfaden umbfangen* — 
„ein jeder fridbarer Mann soll Frid (Freyuung) in seinem Haus haben" 
— es soll auch jedermann Frid und sonne in seinem Haus haben; 
wer ihm das brichet, der ist ihm fünf pfunt zu besserung, dem richter 
aber [als] viel u — erblickten auch die Bestimmungen verschiedener, 
in obigen Sammlungen enthaltenen Bann- Berg- und Dorftaidinge 
das Verbrechen des Hausfriedensbruches in jeder Tat. welche den 
Hausherrn resp. die Hausbewohner in dem ihnen zustehenden Rechte 
einschränkte, Frieden und vollständige Freiheit innerhalb der Hofmark 
zu genießen. Der Schutz des Hausfriedens erstreckt sich nämlich 
nicht nur auf das Haus selbst als Wohnung, sondern auch auf andere 
Gebäude und zugleich auf den Hof. insofern dieser umfriedet war 
und den Zugang zur Hofmark sperrte 2 ) Den Schutz des Hausfrie- 
dens genossen jedoch nicht nur der Hausherr und die Hausbewohner, 
sondern sogar auch Verbrecher, die dort vor Verfolgung Zuflucht 
suchten. Der Totschläger oder Mörder, der vor seinen Verfolgern 
floh, konnte den Schutz eines fremden Hausfriedens 3 Tage hindurch 
genießen, und wenn er, nach Ablauf dieses Termines hinausgewiesen, 
auf 3 Schritte von der Haustür wieder zurückkehrte, sogar die Dauer 
von 3 weiteren Tagen. 

Unter den zahlreichen Formen der Hausfriedensstörung, von den 
schwersten bis zu den leichtesten Fällen, in den österreichischen 

1) Dom Worte «Banntaiding- begegnen wir zum ersten Male in der 
Heiligenkreuzcrurkundc v. J. 1271: .,sed et hoc duxinius inserendum, quod nos 
huius urbis oeeasione speciali dudum preinissas persona» ad nostra plaeita, que 
vulgo pantaidinch vocantur non tenebimur coartare* — „von einem Lehen 
zu Schirnestorf sind: alle jarze drein pantaidingen, je drei Pfennige zu Vogt- 
recht dienen 4 - «Fontes rer. Austr. Dipl. 10, 102 nr. 109). 

Kaiser Friedrieh IV. erhebt unter Bestätigung der hergebrachten Rechte 
und Freiheiten und Bestimmung des Burgfriedens, den Markt Baden zu einer 
Sftidt .... und gestattet den Bürgern daselbst zwei Jahrmärkte, freie Richter 
und Rathswahl, einen Wappen ins Stadtsiegel, die Abhaltung eines Bantaiding 
alljährlich am Montag nach Unserliebenfrauentag der Lichtmeß u. s. v.~ (14^0 
Mitw. n. St. Ulrich). 

2) »Kainer soll ainem under sein trupfstall (innerhalb der Dachtraufe) noch 
in sein Haus nachlaufen (Salzburg, Taiding v. J. 15('»5 und H524) „In jedem häuft 
ist sondere freihait als weit der Tachtropfen wehrt (niederösterr. Bcrgtaiding 1592). 
,.Ein jeder armer man hat fraihait in seinem hautt als weit sein Hoffmarch 
wehrt, obs nur mit aim Zwirmbsfaden umbzogen" (Banntaiding zu Schrattensteiu 
1080) n. v. a. 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



21 



Weisthümern kann man nur jene als Beispiel anführen, die mit Rück- 
sicht auf die damaligen Begriffe und Gewohnheiten als besonders 
charakteristisch angesehen werden können, ferner jene, welche typische 
Formen des Verbrechens des Hausfriedensbruches bildend, sich in der 
Form entsprechender Strafandrohungen mit verschiedenen unbedeu- 
tenden Modifikationen wiederholen. 
Hierher gehören folgende Fälle: 

1 . Wenn jemand böswillig mit der Waffe in der Hand oder auch 
ohne Waffe in eine fremde Hofmark, in eine fremde W r ohnung ein- 
drang bei Verfolgung eines Flüchtlings, der daselbst Zuflucht suchte '). 

2. Wenn jemand ohne Erlaubnis in feindlicher Absicht den Hof 
des Nachbars betrat l ). 

3. Wenn jemand in herausfordernder Absicht mit beschimpfenden 
oder verächtlichen Worten einen anderen aus dessen Hause heraus- 
forderte 3 t. 

4. Wenn jemand zur Nachtzeit den Hof eines fremden Hauses 
betrat und trotz Aufforderung seitens des Wirtes weder Antwort gab, 
noch auch vom Platz weichen wollte '). 

1 1 „Wer einem in sein hauß oder hof mit vehrhafter hant nachlauft und 
hineinstecht oder sticht, der ist verfallen meim herrn leib und guet (Banntaiding 
zu Lichteuvert 1520». 

„lief ainer ainen in sein hauß mit gefaßter weer oder mit eim dremel, 
es sei bei tag oder hei nacht, so »oll in sein herr straffen, als ein schuldigen 
man- < Bann tai ding zu Molrams IG. Jahrb.). 

„ob sich zwen auf der gassen kriegten mit einander und der ain fluchtig 
wird in ains frumen maus haus under sein dachtropfen, so sol im der andre 
nit weiter nachlaufen; lauft er im aber nach und schad im an seinem leib oder 
eru es sei mit Worten oder werken, der ist dem mark verfallen." 

2) „Kumbt ainem nachpaurn et wo ain freventlicher in seinen hof" (Bann- 
taidinge zu Gernsdorf 1527). 

:',) „Wer ainen frumen man frefflich aus seinem haus vordert, der ist dem 
richter zu wand! . . . (Rechte des Gerichtes, Marktes und Schlosses Kirclischiag). 

„So ainer ainen ausfordert aus seinem hauß in fravel, ist er verfallen" 
i Banntaiding zu Edlitz 1554). 

„Ob sach wer das ainen gueten man aus seiuer nie oder hchausung erfor- 
dert mit verachten Worten- (Bergtaidiug zu Stuppach, U». Jahrb.) 

„Item, so einer ein krieg mit einem nachbarcu hat und vordert in auß seinem 
hauß, so ist er umb fünf pfunt pfeniug; wirft er aber oder schlecht au das hauß, 
so ist er verfallen zu wandl sechs schiliug und zwen pfeniug" (Ordnung und Ge- 
rechtigkeit zu Ziersdorf. 16. Jahrh.). 

-1) „Kumbt ainem nachpaurn etwo ain freventlicher in seinen hof und der 
nachpaur denselbigen zu dem drittenmal beschrier . . . (Banntaidinge zu Geras- 
dorf 1527). 

.So ainer bei nächtlicher weil in aines burgers haus geet uud der burger 
fragt int- was er zu schaffen hab und will er ime das nit sagen sondern darüber 



22 



I. Nowotny 



5. Wenn jemand böswilligerweise irgendwelche Gegenstände 
mitten in die Wohnung hineinwarf, Fenster, Türen u. dgl. einschlug 1 ). 

6. Wenn jemand unter den Fenstern eines fremden Hauses lauerte 
und auf wiederholte Aufforderungen seitens des Wirtes durchaus nicht 
reagierte und dgl. 2 ) 

Aus der Zusammenstellung dieser nur beispielsweise angeführten 
Bestimmungen, welche den Schutz des Hausfriedens normieren und 
uns zugleich ein Bild der verschiedenen Formen der Störung desselben 
entwerfen, kann man wenigstens diesen allgemeinen Schluß ziehen, 
daß das Gut des Hausfriedens in den damaligen Zeiten mit einem 
weitreichenden Rechtsschutz umgeben war. Auch kann man daraus 
schließen, daß sowohl die strengen Strafen, von welchen die Urheber 
der Störung desselben, besonders im Falle der Anwendung der Waffe, 
(„der ist verfallen meins herrn leib und guet") getroffen wurden, wie 
auch die Ausstattung des Hauswirtes mit weitgehenden Prärogativen 
zur Abwehr eines widerrechtlichen Überfalles seines häuslichen Terri- 
toriums, ein Ausdruck des bereits damals dominierenden Grundsatzes 
eines rationellen Rechtsschutzes sind. Dieser wendet in erster Linie 
sein Augenmerk darauf, dem Rechtssubjekt entsprechenden Schutz zu 

freventlich in seinem haus bleiben oder sich nicht melden . . . a (Taidinge, Pri- 
vilegien und Rechte von Neunkirchen 1504). 

1) „So ainer ainem eiuwierft in fravel in sein fenster oderthure, so ist er 
meinen gnedigen herrn verfallen- (Banntaiding zu Edlitz 1551). 

„Item, welcher ainem sein venster einstößt oder stecht . . 

„Es soll ainer dem andern in sein haus nit schießen noch verfen in gever 
bei der nacht noch bei dem tag, obs aber einer thet und wirt darüber begriffen, 
nach jedem schväre wurf umb 5 Pfd. geschieht es aber zum wein oder auf der 
gassen so ist er umb 72 (Taidinge zu Obergrub 1619). 

„Wer den andern ins hauß hinein mit gewehrter hant nachlauft oder mit 
steinen, messern, hacken und der gleichen iu das hauß nachwuerft ohne schadten. 
der ist verfallen 5 Pfd. pfening." (Banntaidinge zu Limonsherberg 1659). 

2) „Item, wer ainem an seinem venster zuelüsent, soll er in fragen, was er da 
thue, gibt er in nicht bescheiden antwort. sticht er hinaus durch ein venster, 
oder kluft herauß zu todt, soll er in drei schriet von den dachtropfen ziechen, 
soll das waffen und die drei pfening auf in legen, ist niemant nicht dammb 
schuldig" (Banntaiding der Herrschaft Haßbach und in der Kirchau 155»»). 

„Ob ainer ainem lusuet au seinem venster und wirt das der wirt gevar und 
beschreit in ainst. zweier oder dreimal, melt sich dcrsclb nit . . (Banntaiding 
zu Lichtenvcrt 1520). 

„es soll auch ainer dem andern nicht fürwarten bei tag noch nacht, wart 
ainer ainem für bei dem tag, der ist umb 6 Pfd. 2 Pfg. bei der nacht ist er anze- 
fallen für ein solchen man." (Taidinge zu Ober-Orub 1613). 

„Item, wer ainem fürwart unabgesagt, ze wandl 10 tal. Pfg. stecht er aber 
ainen zu todt, so mag sich sein der landrichter underwinden für ainen morder. 
(Banntaidinge zu Thera — Banntaiding des Stiftes Oartler. 15. Jahrh.» 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



23 



sichern, und zwar vorwiegend hinsichtlich seiner privaten Existenz als 
Mitglied des engen Familienkreises, und dann erst in Hinsicht auf 
seine Existenz als Mitglied der Gesellschaft im öffentlichen Leben. 

Besonders hervorgehoben zu werden verdient mit Rüsksicht auf 
ihre charakteristische Form, diejenige Hausfriedensstürung, welche 
durch Lauern unter den Fenstern eines fremden Hauses begangen 
wurde, da sie unter Heranziehung des Kriteriums der Nachtzeit 
strenger qualifiziert wurde »). Indem man das Lauern als strafbare 
Handlung anerkannte, stützte man sich auf die Präsumtion einer 
bösen, verbrecherischen Absicht seitens des Lauernden, wenn dieser 
auf wiederholte Aufforderungen des Hauswirtes keine Antwort gab, 
noch von seinem Platz weichen wollte. In diesem Falle war der 
Hauswirt berechtigt, die weitgehendsten Mittel der Selbstverteidigung 
anzuwenden; und wenn er den Friedensbrecher tötete, war ihm voll- 
ständige Straflosigkeit zugesichert, wenn er die Leiche bis auf 3 Schritte 
von der Dachtraufe heranzog und darauf die Waffe und 3 Pfennige 
hinlegte. Diese Art der Friedensstörung, die in den Quellen des öster- 
reichischen Rechtes unter dem Namen „ Für warten" 2 ) auftrat, war auch 
dem germanischen Rechte als eigenmächtig gestraftes „Verwarten*, 
Wegelagerung bekannt, dem fränkischemRechtehinwiederals„vialacina'\ 

Das in den besprochenen Quellen in verschiedener Form und 
Konstruktion vorkommende Delikt „der Drohung*' trug ebenfalls den 
Charakter eines Friedensdeliktes. Der Täter zog ebenso wie der 
Brandstifter, der Dieb oder Mörder die Strafe der Friedlosigkeit auf 
sich, wurde jeglichen Rechtsschutzes in der Bedeutung verlustig, daß 
er der Willkür eines jeden preisgegeben wurde mit dem Rechte, ihn 
straflos des Trebens zu berauben 3 ). 

1 1 Die Anerkennung des Bedürfnisses, daü der Hausfrieden zur Nachtzeit 
mit besonderem verstärktem Rechtsschutz zu umgeben sei, hat unter den Kodi- 
fikationen der neueren Zeit nur im norwegischen Strafgesetz vom 22. Mai 1902 
(rechtskräftig, seit 1. .Jan. 1905) praktische Anwendung gefunden. t§ 147: Ver- 
brechen des Hausfriedensbruches al durch Sachbeschädigung oder Nachschlüssel, 
b) durch gewaltsames oder drohendes Verhalten, c) durch nächtliches Ein- 
schleichen, d> durch täuschende Mittel. I 

.Siehe auch den Vorschlag Kosenfelds der gesetzlichen Normierung des 
Hausfriedenschutzes. (Vergleichende Darstellung des deutschen und ausländ. 
Strafrechtes Bd. V. S. 496). 

2) In Karl» II des Erzbcrzogthums Kärnten „New aufgerichte Landtgerichts- 
ordnung- v. J. 1577 begegnen wir dem Delikte unter »lein Namen -Von Für- 
warten und ungewarneten angriff" (Art. XV.) 

3) Item, kain prenner. troer, dieb oder morder soll kain Kreiling haben; 
vo man den begreift, ist er verfallen leib und gnef «Banntaiding zu Obei-Döb- 
ling vom XVI. Jahrb.). 



24 



I. Nowotny 



Um bedenklichen Ausschreitungen der Kampflustigen vorzu- 
beugen, ergingen strenge Waffenverbote von verschiedenem Inhalt 
und verschiedener Konstruktion. Die diesbezüglichen, in großer An- 
zahl besonders in den österreichischen Weisthümern sich findenden 
Bestimmungen hatten vorwiegend einen präventiven Charakter, 
da ihr Ziel die Beseitigung der Bedingungen war, deren Existenz bei 
gegebenen Umständen die Kampflust anfachte und eine ernste Gefahr 
für den Frieden hervorrufen konnte. Von diesem Gesichtspunkt aus 
trugen die Übertretungen der betreffenden Bestimmungen, welche das 
Verbot des Tragens einer gewissen Waffengattung, an gewissen Orten, 
zu gewissen Zeiten, das Verbot Waffen auszuleihen u. dgl. normierten, 
den Charakter von Friedensdelikten ') Doch ließ obiger Grundsatz 
Ausnahmen zu, in denen die Anwendung der Waffe einem jeden 
straflos gestattet war, und zwar in Fällen von verbrecherischen Über- 
fällen in räuberischer Absicht, um den Käuber abzuwehren und sich 

»Desgleichen, ob ein freuungcr ob der freuung droung thet und des 
mit erbern leuten in dem markt gesessen überweist wurde, hinz dem »oll ge- 
zücht werden als zu dem der die freiung zerbricht" (Bann- und Bcrgtaiding 
zu Perchtholsdorf vom XVIII. Jahrh.l. 

„Wer seinem nachbarn oder ainem andern t roh et, es sei an sein leib, guet 
oder vieh, ist zu wandl verfahlen zwaiunddreißig pfunt pfening und stehet in der 
obrigkeit straff und besserung" (Banntaiding zu Kohr und Schwartau in Gebirge 
vom J. 1597). 

„Umb droliche Wort: „Wer recht und die pilligkait nicht leiden Nid- 
der herrschaft der gemam oder sondern personen drölich sein wurde, den 
solle der richtcr mit anzaigung und beweisung seiner tröung der herrschaft gen 
Leopoldstorf fanklich autwurten . . (Banntaiding zu Hennersdorf v. J. 1530). 

„Wehr seiner unthatt wegen von andern angezaigt wiert, und diesem derent- 
halbeu treölich ist, solle zu wandl verfahlen sein der obrigkeif (Panntaiding 
auf das dorf Simonsherberg v. J. 1659.) 

1) „Paß kainer in frävel verboten wöhr tragen solte, als annbrust, spieß 
oder hacken, der aber das tregt in frävel, der ist verfallen zu wandl 2 und 6 Pfd. 
(Banntaiding aus dem IB. Jahrh.). 

„Sic rügen, das niemand kain wurfhakn auf der gassen tragen sol. wer das 
tliut, ist zu wandl zwenundsibenzig pfening. (Hechte des Stiftes Klostcrneuburg 
und der Leute im Amt und Dorf Götzendorf 1512). 

„auch aller wer: hacken, spieß, puxen annbrost und ander wer, wann die 
scind verbotten, und wer sie darüber tregt, der ist als oft er damit begriffen 
wurdet und halt kain schaden damit thau, verfallen »*> Pfd. 2 & (Gerechtigkeit und 
Banntaiding des Stiftes Heiligenkreuz zu Krdpreß XVI. Jahrb.). 

„Item auch soll kainer kain hacken zu dem wein dragen. wann es zu dem 
wein drögt, so soll er ain seitl wein nemben oder waß er will und soll dein 
wiierth die hacken zu behalten geben." (Gerechtigkeiten zu Drosing 1469). 

„Es soll auch kainer über den andern wör I eichen, er sei ain lediger oder 
gefessen, oder wer die wör aus leicht, der ist der herrschaft von ieder wör 
verfallen 72 . . . a (Taidinge zu Obergrub 1613). 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Straf rechte. 



25 



selbst zu verteidigen, konnte jeder entsprechenden Gebrauch von der 
Waffe machen *). 

Die das Waffenverbot betreffenden Vorschriften und zwar: „Ver- 
kauf von Waffen, Tragen derselben, Besitz von Waffen u. a." finden 
wir ebenfalls in den Statuten der Städte und in den von den regierenden 
Fürsten ihren Untertanen erteilten Privilegien'-), zu denen wir gegen- 
wärtig als weiterer Quellenbasis übergehen. 

In diesen Quellen begegnen wir überdies allerdings nur inhaltlich 
angegebenen Vorschriften; doch haben dieselben für uns deshalb eine 
wichtige Bedeutung, weil sie in Bezug auf die Frage des Friedens- 
begriffes und der Friedensdelikte vollständig neu und der österreichischen 
Gesetzgebung späterer Zeiten unbekannt sind. Hierher gehören die 
Bestimmungen des Stadtrechtes von Iglau (Mähren) aus dem Jahre 
1248 (?) — besonders aber die Bestimmung des zweiten Teiles: 
„Statuta civilia a viris prudentibus inventa et a regibus serenissimis 
confirmata*, die neben verschiedenen im Art. 62 aufgezählten Delikten 
folgende Friedensdelikte normieren „Heimsuche, Gerichts- und 
Marktfriedensbruch 14 . 

Die erste Art des Delikts, welches die qualifizierte Form der 
Hausfriedensstörung zum Unterschied vom einfachen, „Hausfriedens- 
bruch" bildete, mit dem vereint sie in dem der Stadt Klagenfurt 
vom Herzog Albrecht dem Lahmen im J. 1338 erteilten Privileg auf- 
tritt, war auch dem Stadtrechte von Enns (Land u. d. Enns) bereits 
1212 bekannt. 

Der Gerichtsfrieden 3 ), wie auch der Marktfrieden bildeten eine 
Art von höherem Frieden, was aus den» des Fürsten Albrecht vom 
29. September 1 382 ■) und dem der Stadt Kaden in Böhmen durch 

1 ) „ob das währ das rauber in das Feld kämen, die den leuten das ihrige 
nemmen wollten, und daß ein geschrci wurt, daß jedermann auf währe und wolt 
helfen retten, so »oll ihm erlaubt sein alle wühr und waffen . . .* (Hechte und 
Banntaiding der Stadt Groß-Enzersdorf). 

2) Die dalmatinischen Statuten (XIII. .Jahrhund. — Cur/ola), — die den 
Städten Krems und Stein (Land u. d. E.) Enns und Wien erteilten Privilegien. 
• Bischoff — österreichische Stadtrechte und Privilegien — 18571. 

:$> Das Stadtrecht Iglau-Mähreu (12i>) erhält die das Delikt des Gerichts- 
friedenshruches normierenden Vorschriften. (Statuta civilia a viris prudentibus 
etc. art. 62.) 

4) Privilegium des Fürsten Albrecht vom 29. September 1382: „wir 

Albrecht u. s. w. bekennen und thun kund mit dem gegenwärtigen Brief 

.und sollen auch alle die, die in derselben Zeit auf den Jahrmarkt kommen, in 
unserm Fürstlichen Fried und Schirm seyn, also daß sie Sicherheit und 
I reyuung haben auff dem Jahrmarkt, und wider von dannen zukommen, und 
daß sie auch auff den Jahrmarkt umb keinerlcv ehrbar Sachen oder Schuld nicht 



26 



I. Nowotny 



K. Karl IV. im J. 1367') erteilten Privileg zu ersehen ist. Während 
der Abhaltungen der Gerichtssitzungen und des Marktes sollte ein 
allgemeiner Friedeil herrschen, dessen Bruch mit strengen Strafen 
angedroht war. 

Die Grundlage obiger und anderer ähnlichen Bestimmungen, die 
für gewisse Orte und in gewissen Zeitperioden rechtliche Ausnahme- 
verhältnisse herbeiführten, bildete zweifellos die Rücksicht auf die 
hohe soziale Bedeutung obiger Lebenssymptome, für deren Erhaltung 
und Entwicklung der gewöhnliche normale Rechtsschutz nicht aus- 
reichte. Die Unzulänglichkeit dieses Schutzes, eine natürliche Folge 
des Mangels an erfolgreich und energisch funktionierenden Behörden 
und des Mangels an Achtung diesen gegenüber, machte es notwendig, 
zu Ausnahmeraitteln zu greifen, indem man Bestimmungen erließ, die 
einen speziellen, so zu sagen verstärkten Friedensschutz normierten, 
sei es nur für gewisse Fälle oder für eine gewisse Zeitdauer-) oder 
auch in allgemeinen Bestimmungen in der Bedeutung des gebotenen, 
gelobten, ewigen, festen Friedens 3 ). 

beklagt noch bekümmert werden in keine Weise, und wer davider thäte, daß der 
gerichtet werde, als ein Zerbrecher gemeines Frieds und Ben über deß Lands. - 
(Codex Austr.) 

1) Karl IV. erlaubt den fidelibus nostris civibus et incolis civitatis uostrae C. 
nach dem Käthe seiner und Böhmens getreuer Fürsten, Barone, Edlen und 
Mächtigen, die Abhaltung eines achttägigen Jahrmarktes mit .Jedermanns Zu- 
laßung, ausgenommen die aus der Stadt verbannten und diejenigen, welche gegen 
die Stadt und ihre Bewohner oder Bürger grobes Fnrccht verübt haben oder 
verüben würden. Während der Dauer des Marktes soll Niemand wegen einer 
nicht in der Stadt und während der Marktzeit übernommenen Schuldigkeit 
gerichtlich oder außergerichtlich in Anspruch genommen werden dürfen" 
(Bischoff). Das Schemnitzer Stadtrecht il2:tö — 1275j Art. r Wer au Marktägen 
den Frid bricht . . 

2i „K. Wenzel erläßt, um den verderblichen Zwistigkeiten in Frag ein Ende 
zu machen, für die Dauer eines Jahres ein Landfriedensgesetz, wodurch zu 
jenem Behufe „ein besonderes Gericht aus sechs geschwornen Frager Bürgern 
bestellt, die Aufnahme von Mundlcuten, das Waffentragen verbothen, die Auf- 
lösung obligatorischer Verhältnisse zwischen Frager Bürgern, die Herstellung 
guter Märkte u. A. angeordnet, und den sechs (ieschwornen die Ausführung 
dieser Bestimmungen überwiesen wird." (Frag 12S7. Bischoff.) 

.'Ii „Lrzbisehof Rudolf gebot he ddo 12OT — des nächsten Sunnetags vor 
saud Jörgen tag mit gelegeuheit der zwischen den Bürgern in Salzburg ent- 
standenen mißhelluugen und tättfichen Fürgängen, daß sie einen ewigen Friede 
oder smie unter ihnen behalten und weder mit Worten uoch mit Werken einer 
den andern beleidigen solle . . (Ibidem.) 

„K. Geysa gelobt den Vorstehern (prineipibus) der Stadt Spalato festen 
Frieden und Freiheit und gewährt ihnen Abgaben und Dienstfreiheil .... 
(1142.) 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



27 



I ber den Schutz des Hausfriedens und das Verbrechen der 
Störung desselben handeln erschöpfend das St. Pöltener Stadtrecht 
vom Jahre 1338 im Art. IX. „Verletzung des Hausfriedens bei Ver- 
folgung eines anderen" «) — und das Wiener Stadtrecht vom J. 1278 l ) 
Privilegium Kaiser Rudolfs I.) in §§ 30 und 31, im § 43 dagegen 
vom Stadtfrieden und dessen Bruche, wodurch das von Kaiser 
Friedrich II. im J. 1237 gegebene und 1247 erneuerte Privilegium 
bestätigt und beträchtlich erweitert wurde. Das Wiener Stadtrecht, 
das allen späteren für andere Städte erlassenen Rechten und Privi- 
legien als Grundlage und zum Vorbild diente, wurde im J. 1340 



„K. Koloman schwört festen Frieden und gewährt den Tragurinem . . 
LMM (Lucius, Historia Traguriii. 

Das Schemnitzer Stadtrecht (1235-1275) enthält im Art. 33 die den Schutz 
des gebotenen Friedens normierenden Bestimmungen: „wer eines Kiehtors ge- 
botenen Frid bricht . . . 

I i St. Pöltener Stadtrecht vom 133*5 Art. 9 — Verletzung des Hausfriedens 
bei Verfolgung eines andern: -Wer den andern in aius inans haus jagt, kumbt 
er f ratetet] die nach im inderthalb der tür oder siecht oder wirft nach im oder 
zeucht in hervider aus und behabt im daz der richter und der wirt an mit guter 
gewissen, «ler sol des wirts und des klager huld gewinnen und dem richter zweu 
und sechs Schilling zu wandl geben und unser huld gewinnen nach unsern 
gnaden." 

2» § 30 des Wieuer Stadtrechtes: .Volumus quoque, ut uniquiqu« eivium 
domus sua pro munitionc et tutissimo refugio sit , et coiumansionariis suis, et 
cuilibct fugienti, vel intrauti domum. Nullus ad domum alterius iuvadendam. 
vel alias in civitate ad pugnandum cum arca vel balista accedat; qui contrarium 
fecerit, det iudici X. libras, et ad usus civitatis similiter X Iibras ; si non habet 
deuarias i?> amputetur sibi manus, vel pro decem talentis manum redimat, quorum 
quinquo judex civitatis reeipiat, alia vero ninque in usu civitatis redigantur. 

§ 31 : Quicunque temeritatem illam sive invasionem domua Ilauswächtung (?) 
casualiter exercuerit, et cum dominas, scu inhabitator domus illius propter hoc 
per querimonias debitas ij)sum ad forum iudicii traxerit, ex tunc ineusatus suam 
innoentiam juxta instituta pacis, tCftimonio quatuor viroruin idoneoruin , si 
probaverit über erit; sin autem, det judici duo talenta. ctduas hbrasdomestieo, quem 
invasit, si autem aliquem vulneraverit in domo illa, det judici tria talenta, hosjuti 
domus illius tria talenta, et vulnerato duo talenta. si denarios non habet, ampu- 
tabitur sibi mauus, si vero non casualiter, »cd sponte assumptis aliquibus suorum 
ainicorum, «jui invasionem domus cxcrcucrint, det judici X iibras, hospiti X. et 
in usus civitatis similiter X Iibras. 

§ 43: „ob ieman ob dem lande, oder ein gast in die stat chumt mit geladen 
armbrust oder pogen vnd will einem purger oder ander ieman in der stat laydigen, 
vnd wirt begriffen, daz er ieman hab gelaydigt oder nicht hab gelaydigt, den 
sol man nach der tat, vnd i?) er begangen hat, puezzen. als der rat cruindet. 
Wer aber in der stat gesezzen ist, vnd sich gegen einen andern purgei mit ge- 
spannen pogen oder armbrusten weilich entzaigt. oder ieman schaden tut, den 
sol der richter puezzen nach des rates rat.- (Bischoff.) 



Digitized by Google 



28 



I. Nowotny 



durch Herzog Albrecht mit gewissen, in die Artikel VI, VII, XXXI 
(XLIII und XL1X) eingeführten Änderungen bestätigt. 

Damit hätten wir den Uberblick über die Quellen des österreichi- 
schen Rechtes beendet. Er gibt uns ein ungefähr genaues Bild von 
dem Standpunkt desselben hinsichtlich des Friedensbegriffes und ver- 
schiedener Friedensdelikte. Wir l>egegnen diesem Begriff in der Form 
der verschiedenartigsten, seinen Schutz direkt und deutlich normierenden 
Bestimmungen, von den ältesten Zeiten; und obwohl sein Charakter 
und seine Bedeutung und dementsprechend auch der Charakter und 
die Bedeutung der Friedensdelikte im Laufe der Zeit gewissen Evolu- 
tionen unterlagen, so erhält er sich prinzipiell doch ständig bis zur 
Kodifikation der neuesten Zeit, d. h. bis zum Josefinischen Gesetz. 
Zum letzten Male erscheint er in der Theresiana, dann verschwindet 
er aus den späteren Gesetzen vollständig. Die Tatsache, daß 
der Friedensbegriff und die Friedensdelikte aus der österreichischen 
Gesetzgebung seit der Zeit des Josefinischen Gesetzes vollständig ver- 
schwanden, die leicht ersichtliche Unterbrechung in der natürlichen 
historischen Entwicklung des letzteren, läßt bei einer näheren Betrach- 
tung die Frage aufkommen, worin wohl die Ursache dieser entschie- 
denen Wendung in der Stellung der österreichischen Gesetzgebung 
hinsichtlich des Friedensbegriffes und der Kategorie der Friedens- 
delikte, dem Prinzip der ununterbrochenen Fortsetzung der geschicht- 
lichen Entwicklung zuwider, zu suchen ist? 

Wollen wir für die Lösung dieser Frage umfangreichere und 
kräftigere Grundlagen gewinnen, so müssen wir das vergleichende 
Strafrecht in Erwägung ziehen. 

I. Das rö m i^elie Recht. 

Bei den Römern der älteren Zeit erscheint der Begriff des Friedens 
in religiöser Form als gleichbedeutend mit der durch die Götter ge- 
botenen Ruhe und Sicherheit (pax deum — pax divunij. Indem er 
seinen Ursprung, seine Existenz von dem Willen der Götter, als der 
alle Glieder des Volkes bindenden Norm, herleitete, trug er auch ur- 
sprünglich einen sakralen Charakter und die Bezeichnung eines 
Gottesfriedens. Unter dem Schutze des Friedens in dieser Bedeutung, 
somit also unter dem besonderen Schutz der Götter, standen gewisse 
Stätten, die eben dadurch ihren Sitz bildeten und zu den res sacrae- 
sanetae, religiosae gehörten. Ubereinstimmend damit bedeutete jede 
Verletzung der den Schutz des Gottesfriedens gewährenden Bestim- 
mungen eine Beleidigung und Verletzung der Majestät der Gottheit, 
eine Negierung ihres Willens, der sich in den die Erhaltung eines 



)igitized by Google 



Friedcnsdelikte nach dem österreichischen .Strafrechte. 



29 



ständigen Friedens anstrebenden Normen offenbarte. So geborten bei 
den Römern die Tempel und Grabstätten zu den unter dem Schutz 
des Gottesfriedens stehenden Gegenständen; im Umkreise eines Tempel- 
bezirks herrschte ein besonderer Gottesfrieden, in dessen Herrscbgebiet 
die Ausübung jeglicher Gewalttätigkeit unter Androhung strenger 
Strafen verboten war. Infolgedessen bildeten diese Stätten einen 
sicheren Zufluchtsort für verfolgte Verbrecher, — eine Art Asyl unter 
dem besonderen Schutze des Gottesfriedens, dessen Verletzung auf den 
Täter — den Zorn und die Rache der Götter herabbeschwor. Im 
Laufe der Zeit und in dem Maße, in dem man das Bedürfnis und die 
Wichtigkeit erkannte, verschiedene Erscheinungen des sozialen Lebens 
mit dem besonders wirksamen Schutz eines Gottesfriedens zu umgeben 
nahm der Begriff des Friedens eine weitere Bedeutung an, indem 
seine Anwendung auf die verschiedensten Erscheinungen des sozialen 
Lebens, wie Versammlungen, gemeinsame Opfer und Gebete. Jahr- 
märkte und alle ähnliche wichtigen Vorgänge ausgedehnt wurde. Stets 
bewahrte er jedoch seinen sakralen Charakter, welcher ein Ausdruck 
der Anwesenheit und des gnädigen Schutzes der Götter war. 

Mit dem Schutz durch einen Gottesfrieden in obiger Bedeutung 
war auch das römische Haus, als Wohnort der Götterahnen, als Ort, 
wo die Götter ihre Altäre und Wachsmasken hatten, umgeben. Nicht 
nur die Grabstätten und Tempel, sondern auch die Häuser der Römer 
bildeten einen dauernden, durch Absonderung von dem Kontakt mit 
der Außenwelt gesicherten Sitz der Götter, — symbolisch ausgedrückt 
durch das zu ihren Ehren ununterbrochen unterhaltene heilige Feuer, 
durch die Altäre und durch die Masken der Vorfahren. Das römische 
Haus hatte den Charakter eines Tempels der Vesta und der Penaten 
(sanetitas larium) und zugleich eines Asyls, das den verfolgten Ver- 
brecher vor der Rache und der Ausübung der Gerechtigkeit schützte. 
Von der Außenwelt durch das starke Bollwerk eines ihm einen be- 
sonderen Schutz verleihenden Gottesfriedens getrennt, garantierte es 
seinen Bewohnern Sicherheit vor Überfällen und Gewalttätigkeiten, 
indem es mit allem, was sich in seinem Innern befand, eine ab- 
gesonderte Welt für sich bildete, die ausschließlich der Gewalt und 
der Leitung des Hauptes des Hauses unterworfen war ') (pater fa- 



ll .quid est sanetius, quid omni rclijjione munitius quam domus unieuiusque 
civitatum- (Cicero pro domo c. 41». 

,1'leriqiie putaverunt nulluni de domo sua in jus vocari licere, quia domus 
tutUsimum cuique refu^ium atque receptaeuluin sir eumque, qttl inde in jus 
vocaret, vim inferre videri. iL. 18. de in ius vocando (2. 4.) 



Digitized by Google 



30 



I. Nowotny 



milias). Als natürliche Erweiterung des Hausterritoriums stand unter 
dem Schutz des Gottesfriedens auch der Hof und die das Haus um- 
gebenden Felder. ') 

Jede Verletzung, dieses unter der Form Tempel-, Haus- und 
Marktfrieden usw. auftretenden Gottesfriedens bildete ein gegen die 
Gottheit gerichtetes unsühnbares Verbrechen, ein Sakrileg. 2 ) 

Trotz dieser Spuren der Existenz des Friedensbegriffes mit sakralem 
Charakter im alten römischen Rechte hatte dieser Begriff jedoch nicht 
Kraft genug, sich in den späteren Epochen weiter fortzubilden, zu einer 
Grundlage zu werden, auf der man besondere seinen Schutz normierende 
Bestimmungen hätte aufbauen können, und sich einen gebührenden Platz 
in der späteren Gesetzgebung zu sichern. Daher begegnen wir auch in den 
Quellen der späteren Epochen des römischen Rechtes keinen Vorschriften 
welche direkt und deutlich vom Schutz des Friedens handeln und 
eine besondere Kategorie der Friedensdelikte kennen. Dieser Begriff 
hatte sich im Laufe der Zeit mit anderen Rechtsbegriffen assimiliert, 
und die Friedensdelikte wurden unter die Bestimmungen der leges 
de injuriis oder de vi eingereiht, indem man dem Ankläger das Recht 
der Wahl ließ, nach welchem von beiden Gesetzen er die Klage gegen 
den Täter erheben wollte. 

Die einzelnen Gesetze, die von den Verbrechen und deren Be- 
strafung handelten, hielten sich durchaus nicht an eine genaue Klassi- 
fikation nach dem ihnen zu Grunde liegenden und gemeinsamen Ver- 
letzungsobjekt; und wie das Wesen des Verbrechens willkürlich und 
mit Außerachtlassung jeglicher Genauigkeit definiert wurde, so trug 

,Sed esti <jui domi est interdum vocari in jus potest, tarnen de domo Ina 
nemo extrahi dobet." (L. 21 ibid.) 

„Qui in domum alienam iuvito domino introiret, quamvis in jus vocati. 
actionem injuriarum in eum compelere Ofilius aif (L. 22. D. de injuriis 47, LO). 

„Lex Cornelia de injuriis competit ei, qui injuriarum agere volet ob eam 
rem quod sc pulsatum verberatumvc domumVe suam vi introitam esse dient" 
iL. 5 eodem). 

II Lares agri custode» — Tibullus I. 1. 23; — „Religio Lamm posita in 
fundi villaeque conspeoru" (Cicero de legib. II. 11). 

2) -Frugem aratro quaesitam noctu pavissc ao seeuissc puberi XII tabulis 
capital erat, suspensumque cereri ueeari jubeant, impubem praetoris arbitratu 
verberari noxiamque duplione deeerni (decidi?) 14 — Plinius nat. bist. XVIII l\. 12. — 
Bruns, Fontes juris Romani antiqui IV. Aufl. 1879. S. 27. 

„Qui aedes acervumvc frumeuti iuxta domum positum combusserit, vinetus 
verberatus igni necari jubetur, si modo sciens prudensque id commiserit; si vero 
casu, i. e. negligentia, aut noxiam sarcire iubetur, aut si minus idoneus sit leviu» 
eastigatur* (Gai. I. IV ad XII tab. D. 47. 9. 9. Bruns 27). 

Makarcwicz — Einführung i. d. Philosophie d. Strafr. - 1906 S. 155 u. f. 



Friedensdehkte nach dem österreichischen Strafreehte. 



31 



auch die Systematik den Charakter der Zufälligkeit, da sie von der 
chronologischen Ordnung abhängig war, in der die Strafgesetze er- 
lassen worden waren. '). 

Deswegen auch gliederte man unter die leges de injuriis und leges 
de vi sowohl Delikte ein, die den Charakter der Friedensdelikte trugen, 
z. B. Hausfriedensbruch, als auch eine ganze Reihe anderer mit ver- 
schiedenartigstem Charakter und verschiedenartigster Bedeutung. Die 
lege« de vi (lex Plotia vel Plautia, leges Juliae Caesaris de vi und 
Augusti de vi publica et privata) *) welche unter den anderen Ge- 
setzen noch die größte Einheitlichkeit und Genauigkeit bewahrten, 
umfaßten vorwiegend nur jene Fälle, zu deren Wesen die vis gehörte, 
indem sie auf diese Weise das Verbrechen der Gewalttätigkeit (crimen 
vis) von den Verbrechen anderen Charakters und anderer Bedeutung 
trennten. 

In den Zeiten, in denen sich die Gesetzgebung und die Praxis 
mit der Definition schwerer Verbrechen nur in allgemeinen Umrissen 
begnügte, war das crimen vis vermischt mit dem ihm verwandten 
crimen perduellionis et majestatis; mit dem Augenblick jedoch, da in 
der Gesetzgebung eine gewisse Klassifikation der schwereren Ver- 
brechen durchgeführt worden war, verstand man unter dem crimen vis 
nur ein solches Verbrechen, das die Macht, das Ansehen und das 
Wohl des Vaterlandes und zugleich die Sicherheit des Gemeinwesens 
bedrohte. In dieser Weise spricht sich auch Cicero über eine „lex de vi" 
aus, daß diese ,.ad imperium, ad majestatem, ad statum patriae, ad 
salutem omnium pertinef. *). 

Die leges de vi erfüllten auch zweifellos in jenen Zeiten, die 
reich waren an privaten Kämpfen der römischen Aristokratie, welche 
über einen ungeheuren Stab von Sklaven und über das allen Unter- 
halts entblößte römische Volk verfügte, ihre Aufgabe, ebenso wie die 
im Mittelalter erlassenen Ausnahmegesetze unter der Bezeich nung „Land- 
fried ensgesetze"", deren einziges Ziel die Einschränkung der Ge- 
walttätigkeiten und der zügellosen Willkür, die Erzwingung der schul- 
digen Achtung vor dem Gesetze und seinen Vollstreckern und die 
Wiederherstellung des verletzten Friedens war. 

Der Charakter des „crimen vis* 4 als eines Deliktes, das den 
Frieden und die Sicherheit des Gemein wesens verletzte, hat sich bis 

1) Die Klassifikation der einzelnen Strafharen Handlungen Philipshorn 
1906. Mommsen — Kömisches Straf recht 1S99. 

2) Wächter — Revision der Lehre von den Verbrechen der Gewalttätigkeit. 
(X. Archiv Bd. XIII u. f.) 

3> Orat. pro Coclio cap. 29 de legib. III IS in fin. et pro Tullio § 8. 



32 



I. NoWUTNY 



zu den Zeiten der Übernahme dieses Deliktes durch die neueren Ge- 
setzgebungen, bis zum Augenblick der Rezeption des römischen Rechts 
erhalten. Noch Quistorp ') und Meister- j sprachen sich über das „crimen 
vis" folgendermaßen aus: „ Crimen vis est delictum, quo per violen- 
tiam securitas publica turbatur". — Erst seit Grolmann und Tittmann 
begann man das „crimen vis" als ein gegen das Rechtsgut der per- 
sönlichen Freiheit, nicht aber als ein gegen den öffentlichen 
Frieden gerichtetes Delikt anzusehn. 

Die Tatsache, daß sich in den leges de vi, welche prinzipiell nur 
von solchen Delikten handelten, zu deren Wesen die „vis" gehörte, 
auch Hestimmuugen rein polizeilicher Natur fanden, die sich auf das 
Verbot der Anhäufung, des Verkaufs, des Gebrauchs von Waffen 
an öffentlichen Orten und dergl. bezogen, läßt sich damit erklären, 
daß die Römer sehr oft in den eigentlichen Text der Gesetze (legest 
derartige Verordnungen rein polizeilicher Natur unterzubringen pfleg- 
ten, die, wenn sie auch nicht von den betreffenden Delikten handelten, 
doch deren Geist und Tendenz entsprachen. 3 ). 

II. Das polnische Recht. 

Im polnischen Hecht spielte der Friedensbegriff eine ziemlich 
wichtige Rolle. Er tritt in verschiedenen Perioden unter der Gestalt 
von Bestimmungen auf, die den Schutz desselben normieren und 
viele analoge Merkmale zu den in den Gesetzgebungen der Nachbar- 
staaten auftretenden Vorschriften aufweisen. 

Das Gebiet des polnischen Rechtes im XII. und XIII. Jahrh. 
wird zu Anfang vom Gewohnheitsrecht, und seit Ausbildung der 
Fürstengewalt von der Initiative des Fürsten als des < Jesetzgebers er- 
schöpft. Später erfolgt die Einschränkung der fürstlichen Gewalt 
durch Einführung der Vorschriften prozessualen Charakters; die Ur- 
teile werden nicht mehr Ausdruck der unbeschränkten Gewalt des 
Fürsten, sie werden gefällt per sentenciam . . . coram baronibus tocius 
terre Poloniae. Weitere Einschränkung erfolgt durch die von den 
Fürsten erlassenen Gesetze in der Form von Privilegien, Dekreten, 
Immunitäten usw., die bei gleichzeitiger teilweisen Verdrängung 
des Gewohnheitsrechts, das letzte Stadium in der Entwicklung des 
polnischen Rechts der damaligen Zeit bilden. 

II Grundsätze des peinlichen Rechts (Bd. I S. 854). 

2i Prineipia juris criminahs Gcrmaniac communis in cap. IV § 818. 

31 1. 1 I). ad ledern .luliam de vi publica spricht das Verbot der Anhäufung 
von Waffen ohne notwendiges Bedürfnis, in böser Absicht oder zum Zwecke 
des Verkaufs und dergl. aus. 



Digitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Straf rechte. 33 



Dem Begriff Frieden begegnen wir in dem Rechtsbuch, welches 
über das in jenem Teile Polens angewandte Strafrecht handelt, der 
im XIII. Jabrh. nnter die Herrschaft des Deutschen Ordens gelangt 
war. 

Unter dem Schutze des Herren- und Landfriedens standen die 
öffentlichen Wege; wer auf diesem Territorium jemanden ein Unrecht 
zufügte, der beging einen Bruch des Herrenfriedens, der von den 
Polen als Herren h and, bezeichnet wurde. Dem Schutz des 
Friedens in dieser Bedeutung unterlagen nach den Bestimmungen 
des Rechtsbuches auch die Dorfwege und Märkte. Der in dieser 
Form auftretende Frieden bildete eines der Fürsten- oder Herren- 
rechte, mit dem diese das ihnen zugehörige Land vor jeder Art 
Gewalttätigkeit oder vor Überfällen schützten. 

Für den Bruch des Fürsten- oder Herrenrechtes im Bereich des 
denselben zugehörenden Territoriums galt die Strafe von 50 Mark, 
insofern aber der Bruch desselben aufiöffentlichen Wegen, Dorfwegen 
oder Märkten, die ebenfalls unter dem Schutz dieses Friedens standen, 
erfolgte, betrug die Strafe 6 Mark 

Nach dem Rechtsbuch unterschied man eine zweifache, gewisser- 
maßen typische Form des Bruches des Fürsten- oder Herrenfriedens 
auf öffentlichen Straßen, Dorf wegen und Märkten, und zwar: Tot- 
schlag und tätliche Beleidigung, indem man danach die Höhe der 
Strafe bemaß, die sich außerdem im Verhältnis zum Charakter der 
getöteten oder beleidigten Person entsprechend steigerte. 

A.) Totschlag. 

1. Für die Tötuüg eines Ritters auf öffentlichen Straßen zahlte 
der Täter dem Herrn des Landes für den Friedensbruch 50 Mark, 
ebensoviel den Verwandten des Getöteten; fehlten solche, so ging 
diese Summe ebenfalls in die Kasse des Herrn des Landes. 

2. Analoge Strafen waren auch angedroht, wenn ein Kaufmann 
auf öffentlichen Straßen getötet und wenn ein Gast oder ein sich nur 
vorübergehend aufhaltender Ankömmling aus fremdem Lande er- 
mordet wurde (im deutschen Text: mordet!) 

5 

1 1 Die im polnischen Recht häufigst vorkommenden Geldstrafen in der 
eigentlichen Bedeutung dieses Wortes waren folgende: 

1. die sogenannte (quae dicitur) Strafe von H Mark (poena sex marcarum), 

2. die sogenannte Strafe pietnadzie-cia (poena quindeeim) im Werte 
von 3 Mark, 

3. die Strafe siedmdziesiijt (septuaginta) im Werte von 14 Mark, (liandtkie- 
Jus Polonicum p. 2T>. 

Archiv für Kriminalanthropologie. £0. Bd. 3 



Digitized by Google 



34 



I. Nowotny 



3. Für die Tötung eines Bauers- oder Landmannes war eine 
Strafe von 50 Mark angedroht, welche für den Friedensbruch dem 
Herrn des Landes zufiel, — die Verwandten des Getöteten erhielten 
30 Mark. 

4. Für die Tötung eines Ritters oder eines rittermäßigen Mannes 
auf einem Dorfwege oder auch beim Passieren von einem Dorf zum 
andern zahlte der Täter 6 Mark demjenigen, dem das Gericht zu- 
stand — also dem Besitzer, dem Herrn des Grund und Bodens (da 
die Gerichtsbarkeit damals dem Eigentümer zustand) — 50 Mark da- 
gegen den Verwandten des Getöteten, 

5. für die Tötung eines Landmannes entsprechend wieder 6 Mark 
für den Friedensbruch, 30 Mark für den Kopf (d. h. den Verwandten 
des Getöteten;. 

B.) Tätliche Beleidigungen. 

1. Für tätliche Beleidigung (im Texte: slagen) eines Ritters durch 
einen Bauer zahlte dieser für den Friedensbruch dem Herrn des 
Landes ü Mark, — ebensoviel für die Beleidigung selbst dem 
Beleidigten. 

2. Für tätliche Beleidigung eines Bauers durch einen Ritter 
zahlte dieser für den Friedensbruch ü Mark, dagegen für die Be- 
leidigung selbst 300'), somit also bedeutend weniger als im 1. Fall. 

3. Für die tätliche Beleidigung eines Bauers auf dem Markte 
war für den Friedensbruch die Strafe von 6 Mark angedroht, ebenso- 
viel scheinbar für die Beleidigung selbst, wenn auch eine ausdrüek- 
liche Bestimmung darüber fehlt. 

4. Für die tätliche Beleidigung eines Bauers auf dem Markte 
drohte eine Strafe von 0 Mark für den Friedensbruch, dagegen nur 
300 für die Beleidigung selbst, — also analog zu Fall 2 1 ). 

Außer diesen im Reehtsbuch angeführten, den Schutz des Friedens 
direkt und deutlich normierenden Vorschriften, — welcher Frieden 
unter der Form des Fürsten- und Herrenfriedens, von den Polen auch 
„reka pariska" (Herrenhand) genannl, auftritt, — trugen den Charakter 
von Friedensdelikten außerdem die im polnischen Recht des 
XIII. Jahrhunderts erscheinenden Delikte unter dem Namen „zboj" 
und ,.lotrostwo u (spolium publicum), welche den allgemeinen Frieden 
bedrohten *), 

1) Diese als die geringste in Polen in damaliger Zeit bekannte Geldstrafe be- 
trug nach dem Kechtsbuche a. d. XIII. Jahrb. früher 300 Stück Salz, (stuckehu 
zaiezes), später einige Groschen. «Handelsmann — Die Strafe im ältesten poln- 
Kochte 1908.) 

■2) Hube. Polnisches Recht im XIII. Jahrh. Warschau IS75. S. 176 u. f. 
3> 1242: „propter spolium publicum et violenciam . . . nolis poenam lutt 



)igitized by Google 



Friedensdeliktc nach dem österreichischen Strafrechte. 35 



Diese Delikte, welche aus Rücksicht auf ihre besondere Wich- 
tigkeit von den Diplomaten (Diplomata): „gravis causa — causa 
enonnis* genannt wurden, unterlagen der Kompetenz des Kastellan- 
gerichtes, das in dieser Hinsicht mit dem Hof-Fürstengericht kon- 
kurrierte. 

Das Delikt des Hausfriedensbruches, das sowohl in dem vom 
Bischof Peter der Stadt Plock im Jahre 1223 verliehenen Privi- 
legium 1 ), wie auch in dem Judenprivilegium v. J. 1264 unter 
dem Namen „ Hausüberfall u auftritt, war in Hinsicht auf seine 
besondere Wichtigkeit ebenfalls der fürstlichen Jurisdiktion vorbe- 
halten, und der Täter wurde ebenso gestraft wie derjenige, der die 
fürstliche Schatzkammer plünderte J ). 

Im polnischen Recht des XIII. Jahrb., sowie im großpolnischen 
Statut aus der Zeit Kasimirs des Großen, finden wir ebenfalls eine 
Erwähnung von dem Friedensschutz der öffentlichen Straßen und von 
einem Friedensdelikt, das unter der Form „Vergewaltigung der 
öffentlichen Straße" (de violentia stratae publicae) analog zu den Vor- 
schriften des Rechtsbuches des XIII. Jahrh. auftritt. 

Von den verschiedenen Formen der Gewaltätigkeit oder violentia 
unterscheiden sich aus Rücksicht auf ihren prägnanten Charakter als 
Friedensdelikte : 

1. Das Eindringen in ein Haus oder eine Wohnung und 

2. die sogenannten: zajazdy oder najazdy oder auch najscia 
(Überfälle), die mit Hilfe verschworener, zu Pferd oder zu Fuß ver- 
sammelter und an den Ort der Tat eingetroffener Leute verübt 
wurden. 

Das Delikt „des Eindringens in ein Haus oder eine Wohnung" 
(in habitationem invasio), der „Vergewaltigung des Hauses u und mittel- 
bar auch der Entehrung (dehonestatioj des Eigentümers oder eines 
Hausbewohners trug entweder den Charakter eines an und für sich 
strafbaren Deliktes oder auch eines 'die Strafverantwortlichkeit des 
Täters erschwerenden Umstandes. Im ersten Falle zog obiges Delikt 
an und für sich die Strafe von 15 Mark und weitere fünfzehn zu 
Gunsten des Gerichtes nach sich; wenn es jedoch mit einem anderen 
Delikte konkurrierte, wenn z.B. bei dem Überfall des Hauses jemand 

ic. D. 1). 12H1: spolium publicum, quod zboj dieitur, tum in judldo quam in 
»olucionc ad nos pertinet u. a. u — (Hube, ib. 8. 19 u. f.) 

1) „nisi sit causa tarn ardua que a<l evidcnciam «iuris dcffcratur scilicet pro 
pugna in pladio percussionis in via vel domo .* 

2) -Qui per vim obstulerit a judeo aut vinlentiam in domo sua exercueritt 
ut diasipator nostre camere graviter puniatur* (Hube — ibid). 

3» 



Digitized by Google 



3ß 



I. Nowotny 



von den Hausbewohnern verwundet oder auch ergriffen wurde, dann 
verurteilte das Gericht zur Zahlung einer zweiten pietnadziesta 
(poena quindeeim): ■) 

Das Delikt des Überfalles eines Hauses als gravis causa — causa 
enormis — entzogen die Fürsten wiederholt der gewöhnlichen Juris- 
diktion, indem sie das Recht des Richters sich selbst vorbehielten; 
später gingen Sachen dieser Art in die Jurisdiktion des Starosten über. 

Nach dem großpolnischen Statut standen der Hof und das Haus 
eines Ritters unter dem Schutze eines besonderen gewissermaßen ver- 
stärkten Friedens, dessen Bruch durch Begehung von Delikten auf 
dem Hof oder im Hause eines Ritters schärfere Strafen als unter ge- 
wöhnlichen Umständen nach sich zog 2 ). 

Unter dem Schutze eines solchen Friedens standen nach dem 
polnischen Rechte außerdem die Juden 3 ) und die Amtsdiener')- 
Laut Bestimmungen des Statuts des Fürsten Konrad v. J. 1496 sollte 
während der Abhaltung der Gerichtsverhandlungen') ein besonderer 
Frieden herrschen. Der Bruch eines solchen Gerichtsfriedens zog 
eine Kapital-Strafe nach sich. 

Im masovischen Rechte finden wir ebenfalls Bestimmungen, 
welche davon zeugen, daß die Privathäuser seit langen Zeiten unter 
besonderem Schutze standen und sich die Fürsten öfters das Recht 
der Entschädigung für Verletzung des Hausfriedens vorbehielten. 

Ii 1359: „Petrus de I.ipnik contumax binam poenam XV, pritnaiu quin viola- 
vit doinuni et secundam, quia detenuit f rat rem dni Dobrocii iWislitza». 

1392 : „terminum dedit pro eo, quod ad suam villam transivit et hostium 
fregit et pro isto eum dchonestavit. iPozn.) 

I39f>: „uxor Bavor assitit suo termino super Vineencio eastellano nakleuH, 
pro eo quo«! violcneiam fecit et dimisit suos kmethoncs . . . super ipsius do- 
mum suum maritum ineaptivare fecit in sua domo." (Pom). 

Hube, Das polnische Recht im XIV. Jahrb., Die Gerichte deren Praxis und 
die Rechtsverhältnisse in Polen gegen Ende des XIV. Jahrh. 1SS6. S. 269 u. f. 

2) VI. 140. XXXII. 15(\ — Hube, Die Gesetzgebung Kasimirs des Grossen, 

1SS1. 

3) Die Juden als servi camerae erfreuten sich eines speziellen Schutzes seitens 
der Herrscher. 

4) N. C. de Cpcnatn XV domino Cracoviensi et iudicio XV pro eo, quod 
Cz. ministerialem ad mortem suspendi iudieavit minus iuste. u (Kutrzeba, der 
Totschlag im polnischen Rechte im XIV. und XV. Jahrh. - Krakau 1907 S. SD. 

5| J-tatut des Pürsten Konrad v J. 149B: „Si quis in oppido seu loco ter- 
minis celebrantibus aliquem vcl etiam ad terminos euntem vel ex terminis ad 
domum redeuntom oeeiderit sub tempore terrninorum, talis pro pena domino prin- 
eipj solvet quinquaginta sexagenas, et nihilominus propinquis occisi juxta sta- 
tutum antiquum idem percussor et homieida solvet penam capitis." — (Kutrzeba. 
Der Totschlag u. s. w. S. S3.) 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach doni osieneichischen Straf rechte. 37 



Nach dem Gewohnheitsrecht trug die Störung des Hausfriedensbruchs 
entweder den Charakter eines Deliktes an und für sich oder nur eines 
die Strafverantwortlichkeit des Täters erschwerenden Umstandes, wenn 
mit derselben die Verwundung oder auch die Tötung eines Hausbe- 
wohners verbunden war. In diesem zweiten Falle zahlte der Täter 
den Verwandten des Getöteten resp. dem Verwundeten, besonders 
aber dem Herrn des Hauses für den Friedensbruch '). Das Statut 
Konrads HL vom Jahre 1496 bestimmte, daß, wenn der Herr des 
Hauses den Hausfriedensbrecher durch sechs Zeugen Uberführte, 
dieser seiner Ehre und seines ganzen Vermögens beraubt werden 
sollte; ein Teil des Vermögens wurde als Schadenersatz verwendet, 
der Rest aber zu Gunsten des Schatzes 2 ;. Mit einem besonderen 
Friedensschutz war nach dem masovischen Rechte die Person des 
Ritters wie auch sein Haus umgeben. Die Tötung eines Ritters durch 
einen Nichtadeligen wurde in Masovien für ein so großes Verbrechen 
gehalten, daß Kasimir, der Fürst von Warschau, in den Bestimmungen 
des Privilegs vom Jahre 1350 die Bewohner der bischöflichen Güter 
von der allgemeinen Gerichtsbarkeit ausschloß, sich das Recht der 
Jurisdiktion über sie nur in einigen Fällen schwererer Verbrechen 
vorbehielt und an deren Spitze stellte: ,,Si aliqui (von den Bewohnern 
der bischöflichen Güter, also des Nichtadels) militem ius militare 
habe ntem in via publica seu in domo violenter invasum occiderint*. 
Tötete dagegen ein Landman einen anderen, so befreite er sich von 
der Strafe für Totschlag, wenn er drei Schock Groschen zahlte, 
(a poena homicidii liberabatur). 

Die zweite Form der Gewalttätigkeit oder der violentia, ein mit 
prägnantem Charakter unter obiger Form des Fehderechtes, der Rache 
oder auch der Erpressung resp. Unterstützung widerrechtlicher oder 
mutmaßlicher Ansprüche erscheinendes Friedensdelikt, bildeten die 
sogenannten zajazdy oder najazdy oder auch naj^cia (Uber- 
fälle), je nach der Art ihrer Ausübung. 

Das unter obiger Form auftretende Fehderecht, die Rache, die 
häufig alle Merkmale blutiger Uberfälle und bewaffneter Expeditionen 
annahmen, welche gewöhnlich mit Verübung von Gewalttätigkeiten 
an der Person des Gegners, der Hausbewohner oder auch an 
seiner Habe verbunden waren, erhielten sich als faktische Erscheinung 
noch lange Zeit sowohl in Polen, als auch im Ruthenenland, obwohl sie 
den Charakter einer Rechtsinstitution bereits verloren hatten. 

1i Jus. Pol. 40t: Tie invasione nobilium etc. — Duniii. Das alte maso- 
vische Hecht - ISSO S 192. 

i'i Jus. Pol. 449: De invasione domus. 



Digitized by Google 



38 



1. Nowotny 



Noch im Statut vom Jahre 1390 ') (Homicidae contumaci etc.) 
welches bestimmt, daß es der klagenden Partei freistehe, an dem ent- 
flohenen Totschläger im Betretungsfall bei gleichzeitigem Verlust des 
Rechts auf Entschädigung Rache zu nehmen, und im großpolnischen 
Statut *), das in gewissen Fällen die Auslieferung des Schuldigen auf 
Gnade und Ungnade an den Geschädigten und dessen Verwandte an- 
befiehlt, begegnen wir Spuren der Existenz der Rache, des Fehde- 
rechtes mit dem Charakter einer Rechtsinstitution. 

Die eigenmächtig ausgeübte Rache betraf nicht nur den Unrecht- 
tuenden selbst, sondern umfaßte den weiten Kreis seiner Verwandten s ) 
Ungekehrt wieder zog die Tötung des Mitgliedes eines Geschlechts 
die Pflicht der Rache nicht nur für die Nächststehenden, sondern 
auch für das ganze Geschlecht nach sich '). 

Es ist daher leicht erklärlich, daß unter solchen Verhältnissen 
die Ausübung der Rache leicht zu regelrechten Kämpfen führte 
(Dissensiones, guerrae). 

Reich an Erzählungen von Überfällen sind mehr oder minder 
die Bücher aller Länder, besonders aber das Posener Buch j. 

Anfangs nur sporadisch auftretend, nahm diese Form des Fehde- 
rechts, der Rache weitere Ausdehnungen an, indem sie nach und nach 
zum Handwerk wurde, das den allgemeinen Frieden fortwährend 
störte. Die Jurisdiktion der gewöhnlichen Gerichte erwies sich als 
vollkommen unzulänglich, sowohl in Hinsicht auf die Durchführung 
des Prozesses nach akkusatorischem Grundsatz, als auch mit Rück- 
sicht auf das System der Geldstrafen. Alle, die das Gesetz samt 

1) Das alte masovische Recht. Dunin, S. 1S6. 

2) Hube. Die Gesetzgebung Kasimirs des Großen. 

3) „Nos Capitaneus Sanoeensis vallamus penam vallatam inter Climkonem 
Bailkoneui de Plona et suos filiastros filiis Jakobecz et totam ipsorum genclo- 
giam ex una et Maxini Knyazium de Szczavne et totam suam genclogiam ex 
altera partibus" — (Die Aufzeichnungen der Gerichtsbüchcr im Lande Halicz 
XI 3175 - Dabkowski — Rache, — Buße und Demut im russischen Land Halicz 
im XV. .Jahrg. und in der ersten Hälfte des XVI Jahr. S. Ui. 

4) „nee predictus Petrus post modum debet per aliquem amicorum et con- 
saiiguincorum impediri nec per ipsummet Chodor Horbacz in evum" (XIV. 62. 
Dabkowski: Hache, ttuße und Demut im russischen Land Halicz u. s. w.). 

5* 13Sfi: ,.Sandivogius pro quadam violencia proposuit, vulgariter zaloval 
dicens, quo« dnus Johannes (castdlanus gneznensisi cum dueentis personis in 
ipsius villam V subintra.sset et ibidem de dampnis DC. marcas intulisset" (Posn.) 
Hube — Das polnische Recht im XIV. Jahrb. S. -253. 

1395: „ . . . astitit terminum super eo, quod cquitavit cum triginta uobi- 
libus personis et LXXX kmethonibus manu violenta ad hcreditatem . . (ibid.) 

1397: „T. cum V. transiverunt cum XX msticis et duobus domiccllis ad 
Jiereditatem U. et fecerunt violeneiam Abrahe judeo .'• (ibid.) u a. 



)igitized by Google 



Friedeusdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



39 



seinen Vollstreckern ignorierten und nur eine einzige Form der Aus- 
übung der Gerechtigkeit, d. h. den eigenmächtigen Überfall, das 
Fehderecht und die Rache, anerkannten, verließen auf das Gerücht 
hin, daß der Konig sie vor sein Gericht laden wolte. sofort das Land 
und entzogen sich dem Urteil und der sie erwartenden peinlichen 
Halsstrafen. 

Alle im Rechtswege mit der Bestimmung erlassenen Verordnungen, 
daß das ganze Vermögen der Täter eines solchen „Jotrostwo" (Schand- 
tat); wie sich das Statut von Wishca ausdrückt ipso facto 
der Konfiskation, sie selbst aber der Infamie unterliegen sollten, daß, 
wenn sie sich sogar durch Flucht aus dem Lande gerettet und durch 
Vermittlung der Verwandten die Gnade des Monarchen wiedergefun- 
den hätten (nostrae gratia restauruntur), die Schuldigen trotzdem 
gerichtlich für den zugefügten Schaden (pro furtis et damnis illatis 
tenebuntur judicaliter respondere et satisfacere) gemäß dem Urteil, 
welches ein speziell zu diesem Zwecke delegierter Richter (per judicem 
deputatum) fällen soll, haften, sie selbst aber als Flüchtlinge der In- 
famie verfallen sollten, — waren nicht imstande, diese unter der Form 
der Überfälle ausgeübte Fehde, die Rache auszurotten, die besonders 
von Angehörigen jener Sphären praktiziert wurden, welche am meisten 
das Gesetz und das Ansehen der Behörden hätten schützen sollen, 
nämlich von dem Adel. Diese Verhältnisse berücksichtigend, mußten 
die Könige und die Starosten zu außerordentlichen Mitteln zwischen 
den streitenden Parteien greifen, um den gestörten Frieden wenn auch 
nur für eine gewisse Zeitdauer wiederherzustellen oder zu erhalten. 
Mittel dazu sollte die sogenannte, im Bereiche der sozialen Verhältnisse 
damaliger Zeiten eine wichtige Rolle spielende Bürgschaft für die 
Erhaltung des Friedens (treugae pacis) sein, der entweder von dem 
Starosten geboten oder von den streitenden Parteien selbt verabredet 
und gelobt wurde, — in beiden Fällen unter Androhung des sog. 
Unterpfandes (vadium) oder einer Geldstrafe in einer vom Starosten 
oder auch von der Partei bestimmten Höhe (pena vallata). Im Falle 
einer Verletzung, eines Bruches des auf diese Weise gebotenen oder 
gelobten Friedens seitens einer der betreffenden Parteien waren die 
Friedensbürgen verpflichtet, das vadium dem Starosten oder der 
von dem Gegner Überfallenen Partei zu zahlen, je nachdem die Erhal- 
tung des Friedens vom Starosten geboten oder gegenseitig von den 
Parteien gelobt worden war. ') 

1393: „Zawisza de Wrzesnia fideiubuit pro H. de Z. et Mszc7.igncus Dzbanszki 
pro C. ex utraque parte pro L. mar. — ad nianus dni Sandivogii eapitanei, quia hahcnt 
inter sc treugas pacis et teuere debent easdem, quod si aliqui» eonun super 



40 



I. Nowotny 



Auf diese Weise bildeten sich zwei Formen eines besonderen 
Friedens: und zwar der Starostenfrieden, der den streitenden Parteien 
von dem Starosten geboten wurde (der gebotene Frieden), und der 
von den Parteien einander gegenseitig gelobte Frieden (der gelobte 
Frieden) — in beiden Fällen unter Androhung des Vadiums. ') 

Die Dauer des so gebotenen, wie auch des gelobten Friedens 
war gewöhnlich genau bestimmt; im Falle, daß derselbe vor Ablauf 
des Termins gebrochen wurde, befahlen die Starosten die Einlieferung 
der Übertreter oder zwangen auch zur Stellung von Bürgschaft für 
deren Einlieferung. -) 

Das Mittel zur Wiederherstellung des von den streitenden Parteien 
verletzten Friedens und zur Abhaltung der geschädigten Partei von 

alium inferret et alter posser super eum testibus demonstrare, eundera vadium 
quilibct dominorum prescriptorum eapitaneo persolvere debet (Pyzdr.). 

1401: „Fidejussores Henrici castellani xansensis doraini: Martiuus castellanus 
syradiensis, Szavisius vexillifer syradiensis, Przetslaus Sachorza subcanicrarius 
Petrus Swinka subdapifer syradiensis, et advereo Sandzivogius de Jaroezino fi- 
dejussores possuit videlieet dominum Saudivogium palatinum, dominum Svothos- 
laum eastcllanum, Przibaeonem subdapiferum Kalisienses et Phihppnm Mcnezier 
isto modo, qnod tarn Sandzivogius quam Henrieus predicti ad invicem alter 
utrum in paee, tranquil 1 itate vere pacis permanere debent, uialo zelo et dolo 
qnibuslibet proeul motis, sub duobus milibus marcarum . . . veri vadii tamdiu, 
videlieet quousque dominus Rex Gnezne fuent . . ." 

1410: Sandivogius de Kostlino eum Jaeussio de Yola binc inde posuerunt 
fidejussorcs pro servanda pace . . sub pena vallata LX mareas . . ." (Hube 
— Das polnische Recht im XIV. Jahrb. 8. 224). 

11 Die Höhe des Vadiums war verschieden und sie begann von 10 oder 
CO Mark an und wuchs zuweilen zur Höhe von 1000 und mehr Mark; sie hing 
zweifellos von der mehr oder weniger feindlichen Stimmung der Parteien und 
von deren sozialer Stellung ab. Ein auf diese Weise bestimmtes Vadium 
fiel in einigen Fällen infolge des Friedensbruches der geschädigten Partei, 
in anderen demjenigen zu, der ihn geboten hatte, also dem Starosten 
(hoc vadium succumbet iudicio seu domino eapitaneo), am häufigsten aber 
zur Hälfte der Behörde, welche die Erhaltung des Friedens den streitenden Par- 
teien geboten hatte und zur Hälfte der "durch die Störung des Friedens ge- 
schädigten Partei (pars non tenens succumbet tricentas mareas eapitaneo et parti 
tenenti alias 300» - PabkovskT — Rache, Buße und Demut n. s. w. S. 17, ls). 

2) 1406: „Coram nobis eapitaneo venientes nobiles Nieolaus de Malyn, Spitko 
de Grncholicze et Simosza de Lipnicza fideiusserunt pro Zavissio cum filiis de 
Jeszow omnibus filiastris, alias rodzone, quod debent esse paeifici et quieti cum 
Wlodcone de Dobnichovo et Sulcone de Zalesze sub pena vallata ducentarum 
marcarum et hoc ad proximum colloquium generale (Sier Gr.) 

1400: „Nos Capitancus inteiponimus vadium eentum marcarum inter Bar- 
tholomeum filiuin eius de Miculic/e et Przosvam cum filiis de Muchnino, quod 
debent inter sc iure pioeederc et non lite. <sier. Gr.) (Hube — das polnische 
Recht im XIV. Jahrb.). 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



41 



Ausübung der Rache, des Fehderechtes, welches in den polnischen 
und ruthenischen Rechtsverhältnissen eine hervorragende Rolle spielte 
war überdies das sog. „poj ednanie u , die Versöhnung. 

Die Personen, welche die Versöhnung zustande brachten, hießen 
auf polnisch „yednaeze", Versöhner, auf lateinisch dagegen 
«homines, boni homines, domini", am häufigsten ainici, 
arbitri, auch aniicabiles com positores et arbitri, amici 
et arbitri, oder auch arbi trat ores*. Die Versöhnung selbst 
wurde mit dem Namen „concordia oder arbitracio" bezeichnet 
die Vorverhandlungen aber als „condictatio". Während dieser 
Verhandlungen oft bei der Wahl der Vermittler, der sog. yednaczy, 
wurde der Ort bestimmt bestimmt, wo die Versöhnung stattfinden sollte. 

Bedingung des Zustandekommens der Versöhnung war entweder 
die Niederlegung des Lösegeldes oder die Ausübung der Demut oder 
schließlich die in Masovien gebräuchliche sog. „wrözba 44 , die zu 
einer zeitweiligen freiwilligen Verlassung des Landes verpflichtete. Die 
Bedeutung des Lösegeldes beruhte auf materieller Entschädigung für 
das angestiftete Unrecht, die Bedeutung der Demut dagegen (humilitas, 
humiliatio u. a.) auf moralischer Satisfaktion ') 

Trotz aller dieser Mittel, die nach Ausrottung der unter der Ge- 
stalt verschiedener Gewalttätigkeiten, besonders in der Form der 
Überfalle (zajazdy-najazdyj, eigenmächtig ausgeübten Rache strebten 
hat sich dieselbe doch als faktische Erscheinung noch durch lange 
Zeiten erhalten. Ursache davon war ohne Zweifel der Mangel an 
einer kräftigen und hinreichend organisierten Gewalt, die an jedem 
Ort des weit ausgedehnten Landes die Erhaltung der Ruhe und der 
Rechtsordnung überwacht hätte und die mit entsprechenden Mitteln 
ausgerüstet gewesen wäre, dem Gesetz Ansehen und Achtung zu 
sichern durch sofortige Ingerenz gegen diejenigen, welche seinen Be- 
stimmungen nicht folgen wollten. 

Die Gerichte konnten bei dem dominierenden System der Geld- 
strafen der in der Jurisdiktion herrschenden Anarchie keinen Einhalt 
tun, und die Starosten waren bei dem Mangel an entsprechend funk- 
tionierenden und geordneten Vollstreckungsorganen kaum imstande 
auch nur in geringem Maße ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Zentral- 
gewalt sank immer mehr, sei es infolge der systematisch sieh ent- 
wickelnden Opposition die danach strebte, sie jeglicher Selbständig- 
keit zu berauben, sei es infolge der wachsenden und stets 
kräftiger werdenden Individualität der einzelnen Territorien, die durch 

1) „Pawinski — Versöhnung bei Totschlag und Dabkovski — Hache. Hülle 
und Demut u. s. w. 



42 



J. Nowotny 



Organisierung von Versammlungen des Ortsadels nach Ausbildung einer 
Ortsverwaltung strebten, die grundsätzlich den Zentralbehörden oppo- 
sitionell gesinnt war. 

Das XVI. Jahrhundert bezeichnet durch das Streben nach Bildung 
einer starken und einheitlichen Gesetzgebung für ganz Polen eine 
gewisse Tendenz in der Entwicklung des polnischen Rechtes. Dieser 
Periode gehören die in Gesetzeskraft leider nie erwachsene correctura 
jurium vom Jahre 1532 an, welche, da sie das Gesamtbild des 
poln. Straf- und Zivilrechtes darstellen, als hervorragendstes Denk- 
mal der damaligen gesetzgeberischen Tätigkeit angesehen werden müssen. 

Im zweiten Buch der „correctura jurium tt das: „De judicio terres- 
tribus Particularibus ac officio et potestate officialium eisdem indiciis 
presidentium a betitelt ist, finden wir vom Abschnitt 1 9S an Vorschriften, 
die den Schutz des Gerichtsfriedens normieren, dessen Bruch 
durch Eindringen mit der Waffe in der Hand zur Zeit der Gerichts- 
sitzungen mit einer Buße von 40 Mark gestraft werden sollte, im 
Falle der Verwundung einer Person mit der Todesstrafe resp. mit 
der Konfiskation der Güter, wenn der Täter entflohen war. Nach 
einer weiteren Bestimmung nach Abschnitt 206 erstreckte sich der 
Schutz des Gerichtsfriedens nicht nur auf den Ort, wo das Gericht 
seine Sitzungen abhielt, und auf die bei der Gerichtssitzung an- 
wesenden Personen, sondern es zogen aus ihm bereits alle diejenigen 
Vorteil, die sich in der Absicht, sich zur Gerichtssitzung zu begeben, auf 
dem Wege zum Gericht befanden. Ein Überfall oder Verwunden der- 
selben auf dem Weg zum Gericht bildete ein der Jurisdiktion der Starosten 
vorbehaltenes Delikt, und der Täter verfiel der Strafe von 40 Mark, die 
dem Staatsschatze gezahlt wurde, und überdies der Strafe des Karzers. ') 

Im dritten Buch des obigen Statutes handelt ein besonderer Ab- 
schnitt (Titulus XIV): „De treuga et pace". Die in diesem Ab- 
schnitt enthaltenen Vorschriften garantieren allen, die sich ihres Lebens 

1)C. T.»S. „Qua propter statuimus et irrcfragabilitcr observari deeernimus: nt 
nullus subditorum nostrorum in doinum, ubi iudicia eelebrantur, in armis vel cum 
armis quibuscunque communibus vel exeogitatis intrare audeat, seeus vero faciens 
poena quattuordeeim marcarum per judiciunt in instanti puniatur. Kt nihilominus 
capitaneus vel burgrabius terivstris si in iudicio adfuerint, aut officiales iudicio prae- 
sidentes ei anna absque omni spe restitutionis auferre et pro se tollere teneantur. 
C. 200. Quod si aliquem vulucraverit, poena capitis puniatur. <juam si forte fuga 
evaderet, bona eius confiscentur. 

C. 200. Si quis autem aliquem ad iudicium proficisceutem in via invaserit 
aut vulneraverit, in quattuordeeim marcis fisco nostro applieaudis et poena car- 
eeris duodeeim septimanarutn per capitaueos nostros irremissibiliter puniatur. 
(Correctura Statutomm et consuetudinum Regni Poloniae etc. Cracoviae 1S74>. 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 43 



nicht sieber glaubend oder aus irgend einer anderen gerechten Ur- 
sache sich außerhalb oder auch innerhalb der Grenzen des Landes 
verbergen, vollständigen Friedensschutz und einen Geleitsbrief (salvae 
conduetus), damit sie auf gerichtlichem Wege ihrem Recht nachgehen 
könnten. Die Gunst dieses Friedensschutzes können auch die ins Ausland 
entflohenen Verbrecher genießen, im Falle sie von den Senatoren einen 
Geleitsbrief erhalten, der den Wert eines königlichen Briefes besitzt. 

Der Bruch des mit der Verleihung des Geleitbriefes verbundenen 
Friedensschutzes wird ebenso bestraft wie das Verbrechen der 
Majestätsbeleidigung. Weiter bestimmt obiges Statut, daß sowohl die 
Starosten, wie auch die Beamten für die Sicherheit ihrer Untertanen 
und die Erhaltung des Friedens unter ihnen Sorge tragen sollten, 
und daß jeder im Falle einer Schädigung oder Drohung sich unter 
ihren Schutz begeben und nach Erlegung des Vadiums die Erhaltung 
des Friedens fordern sollte. Es ist jedem streng verboten, sein Recht 
mit der Waffe in der Hand und mit Übergehung des Rechtsweges 
zu suchen. Da die Wiederherstellung des Friedens zwischen den 
streitenden Parteien die Erlegung des die Erhaltung desselben garan- 
tierenden Vadiums nur mit Rücksicht auf den Adel Anwendung findet, 
so bestimmt das Statut, daß der Herr, wenn er seinen Untertanen 
mit einem Edelmann versöhnen wollte, die Rückerstattung des Vadiums 
durch Vermittelung des Königs oder des Starosten fordern kann, 
selbst aber für seinen Untertanen bürgen oder auch zahlungsfähige 
Bürgen stellen soll J ). Die Erhaltung des Friedens zwischen den 



1) DeTreuga et Paec. „C. 5S(i. ^Queui salvum conduetum per senatorcs prae- 
dictos eoneessum eiusdem roboris esse volumus, euius est salvus conduetus noster 
regius, et illius violatores eisdem poenis subiaeerc debent quibus violatores salvi con- 
duetus nostri regii subiacere dinoseuntur. Poena autem violationis treugarum et 
salvi conduetus est eadem cum poeua criminis laesae maiestatis. 

C. 590: „Sed quin ideirco iura per ora prineipum divinitus sunt promulgata, 
tit iustitia et pax inter subditos conservetur et unus alterius vi et potentia nou 
«»pprimatur, statuimus: quod si quis subditorum nustrorum nobilium cuiuscunque 
Status, conditionis et sexus existeutium propter insidias, diffidationem vel hosti- 
litatem alieuius de vita et membris suis securus non fuerit et a nobis vel eapi- 
taneo loci de securitate vitae et membrorum vadü interpositione sibi provideri 
postulaverit, nos, successores nostri et capitaneus loci secunduni conditionein 
bonorum et personarum de pace ac securitate vitae et nicinbroruin vadia inter 
partes opportuna, prout nobis melius et utilius videbitur, expedirc. vallare et intcr- 
ponere tenebimur, parti pacem et ipsa vadia observanti in eventum transgressionis 
applicanda. 

C. 51H: _Si vero invicem discordantes adeo portinaces fuerint, nt marte et 
viribus propriis quam iure mediante pro iniuriis suis ex))eriri malucrint et Deuter 
illurum vadii interpositione se tutum et securum offici postulaverit, nos nihilo- 



44 



[. Nowotny 



streitenden Parteien sichernden Vadien verlieren ihre Gültigkeit nach 
drei Jahren und drei Monaten. 

Der XII. Abschnitt des IV. Buches der „correctura jurium" 
,.de Violentiis et Rebus violenter ablatis" handelt vom Abschnitt 790 
über den Schutz des Hausfriedens und normiert die Vorschriften, die 
diesen Schutz sicherstellen. 1 ) 

In den sog. Compendia des XVII. und XVIII. Jahrhunderts 2 ) 
welche Kompilationen der Statuten und der Konstitutionen Polens und 
Lit. sind und durch Zusätze aus dem römischen, kanonischen, magde- 
burger Recht usw. das polnische ergänzen und erklären, finden wir 
bereits keine neuen, den Friedensschutz betreffenden Vorschriften. Es er- 
halten sich verschiedene Formen der violentia (de invasione domus 
de violentiis factis alicui in Civitatibus Oppidis et Villisj, die zweifellos 
den Charakter von Friedensdelikten tragen, von dem Schutz des Fl iedens 
aber direkt und deutlich nichts erwähnen. Die den früheren 
Kodifikationen bekannten verschiedenen Friedensinstitute verschwin- 
den je nach Normierung der inneren Verhältnisse, die 
besonders unter der Regierung des König Stanislaus August nichts 
zu wünschen übrig lassen. Deswegen schreibt auch der Verfasser 



minus et capitanci nostri motu proprio et ex officio nostro, ut pax, securitas et 
trän quil I itas communis conservetur, inter huiusmodi collitigautes pro personarum 
et bonorum conditionc et qualitatc vadia interpoliere tenebimur, in eventum trans- 
gressionis illorum per sc vcl per submissas personas, nobis fiseoque nostro regio 
pro dimidia et pacem ae vadia observanti pro alia dimidia applieanda." 

C. 593: „Qaod si quis dominus s-orvitori, eolono vel subdito suo plebco et 
impossessionato cum nobili pacem et sceuritatem faecre volcns, vadium per nos 
vel capitaneum loci interponi postulaverit, quia propter Status et conditionis 
inaequalitatem inter nobiles et plebcus vadia de iure interponi non eonsueverunt. 
statuimus: ut in tali casu dominus pro servitore, colono vel subdito suo plcbeo 
et impossessionato de pacc teuenda et vadio. in eventum contraventionis solvendo 
solus fideiubat aut fideiussores idoneos statuat. per quam fideiussionem domino 
fideiubens aut fideiussores statuens diffidatori servitoris. coloni vel subditi sui 
non inacqualis effieietur." (Correctura juriuni 148). 

('. 7%: Committens autem eiusmodi crimen, non aliter eonvinci debet. nisi 
testibus deeemocto per actorem nominatis, de rjuibus sex nobilibus bonae famae 
i't in illo palatinatu vel districtu, ubi tale crimen commissum fuerit, posscssioijatis, 
per inculpatum electis. Accusator cum eisdem sex testibus super eiusmodi erhnine 
t orporali iuramento praestito victoriani obtinebit. Pro quo reus et complices 
sui. cuiusciimjue status, dignitatis et praeeminentiae fuerint, ad hoc tarnen legitime 
citati et modo siraih convicti, uti violatores pacis et securitatis domesticae 
vita priventur et ))ocna capitis puniantur." (Ibidem). 

1 1 Jus Ucgni Poloniae ex Statutis et Constitutionibns ejusdem Kegui a M. 
1). L. colleetum u. s. w. Zalas/.owski Posen 1 (ilMt und ..Das bürgerliche oder 
besondere Hecht des polnischen Volke*", Ustrovski, Warschau 17M 



)igitized by Google 



Friedonsdeliktc nach dem österreichischen Strafreehte. 



45 



in seiner Vorrede „zum besonderen Recht des polnischen Volks": „Zu 
seiner (des St. August) Regierungszeit waren die Regierungsform, 
die Rechtsverhältnisse, die Ordnung der Reichs- und I^andtage mit 
klaren und keinen Zweifel zulasssenden Gesetzen umschrieben, die 
aus dem Unterschied der Religion fließenden Zwistigkeiten beseitigt. 
Das Reichstribunal und alle sowohl die höchsten als auch andere 
Magistraturen verschärften den Gcreebtigkeitsausmaß, und die Urteils- 
sprüche derselben waren von einer erfolgreichen Exekutive unter- 
stützt; ein perpetueller Rat wurde bestellt, der die Sicherheit und 
<lie Exekution früherer als auch späterer Gesetze überwachen und 
jede Magistratur in ihrer Pflichterfüllung erhalten sollte." 

III. Das deutsche Recht. 

Durch eine reiche Vergangenheit und durch hervorragenden 
Einfluß auf die geschichtliche Entwicklung des Rechtes eines ganzen 
Volkes zeichnet sich der Begriff des Friedens im deutschen Recht aus. 

In den altgermanischen Zeiten, in denen sich mit dem Begriff 
des Rechts (reht, lap, ewa. wizzodt, — das eng mit der Religion 
und den Sitten verwachsen war und nur in der Form des Gewohn- 
heitsrechtes auftrat, — derjenige der allgemeinen Ruhe und Ordnung 
verband, verstand man auch unter dem Frieden den normalen und 
gesicherten Zustand innerhalb der Volksgemeinschaft unter der Herr- 
schaft des Rechts. 

Sowie man den Kriegsdienst für einen allgemeinen Volksgottes- 
dienst, den Kriegsgott für den Gefährten jedes Kriegszuges, die Götter- 
bilder für Ileereszeichen hielt sowie eine fruchtbare Ernte, ein Sieg 
im Kampf mit den Feinden als Geschenk der Götter infolge der ihnen 
dargebrachten Opfer angesehen wurde, — ebenso betrachte man die 
Herrschaft des allgemeinen Friedens von demselben Standpunkt aus -). 

Die den Germanen durch den Willen der Götter auferlegte Pflicht, 
über die Erhaltung der allgemeinen Ruhe und Ordnung zu wachen 
und sich aller Streitigkeiten unter Anwendung von Gewalttätigkeiten 
zu enthalten, war die einzige Grundlage des damaligen Rechtszu- 
standes. Die Verletzung dieser Pflicht durch Begehung eines Ver- 
brechens schwerer Natur durchschnitt alle rechtlichen Bande zwischen 



1) Brunner Gruridzügc der deutschen Rechtsgeschichte 1901. § 7 S. 15. 

2) Ynlingasage c. 12: „In seineu (des Frcyr) Tagen, begann der Froda 
(Frieden); da war auch gute Zeit im Lande, welches die Schweden dem Freyr 
zurechneten, deshalb wurde er mehr verehrt als andere Götter, denn zu seiner 
Zeit waren das Land und das Volk wohlhabender als zuvor, durch Frieden und 
gute Ernte. (Weiskes Rechtslexikon, VI. Bd., S. 249). 



46 



[. Nowotny 



dem Täter und dem Frieden, dessen Schutz er in Zukunft nicht mehr 
genießen konnte: Er wurde friedlos und die Friedlosigkeit galt für 
unsühnbar. 

Bei schändlichen und sündhaften Taten, die sowohl das ganze 
Volk, wie auch die Götter direkt verletzten, offenbarte sich diese 
Friedlosigkeit ursprünglich, nach außen dadurch, daß man den Fried- 
losen den Göttern opferte. Der Opfertod trug in dieser Anwendung 
den Charakter einer dem juristischen Rahmen der Friedlosigkeit ein- 
gefügten Todesstrafe, deren sakraler Charakter sich darin äußerte, 
daß diese Form der Todesstrafe in Gestalt eines den Göttern darge- 
brachten Opfers nicht willkürlich, sondern genau umschrieben und 
mit Rücksicht auf die religiösen Anschauungen des Volkes von dem 
Charakter und der Tragweite des begangenen Verbrechens abhängig, 
somit also verschieden war 1 ). 

Die älteste, zu Zwecken des Krieges und des Feldbaus geschlos- 
senen Friedens Verbindung, die unter ihren Genossen jegliches Fehde- 
recht ausschloß und ihnen einen Rechtsschutz sicherte, war die Sippe. 
Sie wurde gebildet aus einer gewissen Anzahl von Familien und ein- 
zelnen Personen. Das geschlossene Einssein der Geschlechter bildete 
das Ganze, den Staat. Da das Leben und die Existenz jeder Einzel- 
person, der Natur der Sippe nach, durch starke Bande mit der Existenz 
der ganzen Sippe verbunden war, so folgte daraus, daß jede Ver- 
letzung des Einzelnen zugleich eine Verletzung des ganzen Geschlechtes, 
der Sippe und ihres Friedens war. Jedes Verbrechen, mochte es 
Rechtsgüter des Einzelnen oder unmittelbar die Gesamtheit treffen, 
galt als Friedensbruch. Dieser war entweder ein solcher, daß der 
Täter zum Feind des Verletzten und seiner Sippe wurde, oder auch 
ein derartiger, daß er den Zorn und die Rache der Gemeinschaft 
herausforderte. Im ersten Fall konnte der Verletzte resp. seine Sippe, 
die mit dem Bande der Zusammengehörigkeit verknüpft war, ent- 
weder sich selbst Gerechtigkeit verschaffen, indem sie das ihnen zu- 
stehende Fehde- und Racherecht benützten, oder auch den Gerichts- 
weg betreten und die Bestrafung des Verbrechers und Ersetzung des 
Schadens verlangen. Wollte sich aber der Verbrecher aus irgend 
welchen Gründen den Folgen des begangenen Verbrechens nicht 
unterwerfen, und weigerte er sich, die Buße und das Wehrgeld zu 
zahlen, dann nahm er außer dem Friedensbruche, als Folge der straf- 
baren Tat, überdies eine absolut negative Stellung dem Frieden gegen- 
über ein und zog in natürlicher Konsequenz eine vollständige Fried- 



li Brunner, Grundzüge d. d. Kechtsgeseh. 1901. S. \s u. f. 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



47 



losigkeit auf sich. Die Folgen einer solchen Friedlosigkeit waren 
für den Verbrecher sehr weitgehend. Er wurde jeglichen Rechts- 
schutzes beraubt, aus dem Friedensverbande ausgestoßen und dem Ver- 
letzten, dessen Sippe und dem ganzen Volke preisgegeben; er wurde 

-vogelfrei", wargus, gerit caput lupinum" K . Die in dieser Form 

auftretende Friedlosigkeit war unsühnbar. Es war aber auch eine 
Art der sühnbaren Friedlosigkeit bekannt : und zwar in der Form des 
Rechtsanspruches, sich durch eine bestimmte Geldzahlung in den 
Frieden wieder einkaufen zu können. Die Friedlosigkeit als Folge 
des Friedensbruches erhielt sich auch in den späteren Zeiten des lang- 
samen Eingehens des Gefühls der allgemeinen Solidarität als jener 
Grundlage, die jedes Mitglied des germanischen Volkes berechtigte, 
als freiwilliger Vollstrecker des Rechtes im Namen der Gesamtheit 
aufzutreten; aber der Charakter dieser ursprünglichen Friedlosigkeit 
erlag unter dem Einfluß verschiedener Faktoren insofern einer 
Änderung, als das Recht der Exekutive über die Friedlosen aufhorte, 
ein Recht der Gesamtheit zu sein, und in den Wirkungsbereich der 
Staats- Beamten unter der königlichen Gewalt überging l ), Eine eigen- 
artige Gestaltung erfuhr die Friedlosigkeit in solchen Fällen, in 
welchen mit der Friedlosigkeit ein Racherecht des Verletzten kon- 
kurrierte'*'). Gleichbedeutend mit der Friedlosigkeit war die in den 
späteren Epochen eine wichtige Rolle spielende Reichsacht »). 

Außer dem Begriff des Friedens in der Bedeutung des normalen, 
unter der Herrschaft des Rechtes gesicherten Zustandes war den Ger- 
manen noch ein Frieden von einem besonderen, gewissenmaßen höheren 
Charakter bekannt, der mit gewissen Ausnahmebedingungen verknüpft 
war. Unter dem Schutz eines solchen Friedens standen z. B. die 
Versammlungen 4 ) resp. Sitzungen zu gemeinschaftlichen Beratungen, 

Ii Decretio Childeb. II. c. 4: „iudex collectum solatiuni ipsum raptorem 
occidat et iaceat forbatutus. u »Brunner Abspaltungen der Friedlosigkeit. Forsch, 
z. Gesch. d. d. und franz. Rechtes 1S94, S. 444 t. 

2) Brunner ibidem. 8. 454. 

3) Die Reichsacht ist die vom Könige, vom Reiche verhängte Strafe der 
Recht- und Friedlosigkeit, das vom Könige gesprochene (vorläufig vollstreckbare» 
Veniichtungsurteil des zur Zeit abwesenden Übeltäters (Planck-vide, S. 17 Anm. 2). 

4i Die Versammlungen standen Runter dem Schutze des Mars Tingsus, dessen 
Gegenwart durch Aufpflanzung von Fahnen (baudva, bandvjan, signa dei, Bannei) 
symbolisch angedeutet war. Der Eröffnung der Verhandlungen ging die Heiligung, 
die Hegung des Dings voran. Dieselbe bestand in feierlichen Erklärungen, welche 
in der Verkündigung des Dingfriedens gipfelte, und war mit einer räumlichen Ein- 
friedigung, Hegung des Verhandlungsplatzes etwa mittels Pflock und Seil, ver- 
bunden. Innerhalb der Dingstätte her wehte ein heiliger Friede, dessen Grenzen dun h 
die Hegung abgemarkt vurden. (Brunner Deutsche Rechtsgeschichtc ISST I, S. 14. r ). 



48 



I. Nowotny 



die Zeit des Kriegsdienstes die Jahrmärkte * 2 ), die Person des Königs 3 ) 
und in späteren Zeiten die Städte 1 ) und die Kirchen ' 1 ). Der außer- 
ordentliche, mit der Existenz dieses Friedens verbundene Schutz 
erstreckte sich damals auf alle, welche die Gunst dieser besonderen 
Bedingungen genossen; die Bedeutung desselben beruhte aber darauf, 
daß jedes Unrecht, welches in der Zeit und am Ort seiner Herrschaft 
verübt wurde, mit strengeren Strafen bedroht war, als unter gewöhn- 
lichen Bedingungen, überdies waren Selbsthilfe und Ilache, die zu 
anderen Zeiten zulässig waren, unbedingt verboten. 

Unter dem Schutze eines besonderen Friedens stand ebenfalls 
seit den ältesten Zeiten das Haus eines jeden Germanen 0 ), mitsamt 

Vom Dingfrieden handelt auch Roth. b: „Si quis in consilium vel in quolebit 
eonventum scandalura comisorit, nonientos solidus sit cnlpavelis regt" (Osen- 
brüggen, das Strafr. der Longobar, S. 11). 

1) Ed. Ahistulfi e. 21: „Der zum Heerzuge Aufgeboteue darf binnen 
12 Tagen vor und nach dem aktiven Dienste, wenn er und sein Gläubiger in 
demselben Gerichtskreise wohnen, oder hinnen 20 Tagen, wenn sie verschiedenen 
Gerichten angehören, nicht gepfändet worden, sei er Bürge oder Prinzipalschuldner. 
(Heerfrieden-Lomb:irda-< ommentaro I, 14 med. Oseubriiggen ibidem). 

2) Wilda, Strafr. der Germanen, 8. 245. 

3) Unter besonderem Friedensschutz stand so die Person des Königs, wie 
auch dio Personen und Dinge, die sich in seiner Umgebung befanden. Der 
schwerste Bruch des potenzierten Königsfriedens ist es, wenn jemand im Palaste 
des Königs, bei Anwesenheit desselben, Streit und Lärm macht (scandalum). Es 
soll dann von der Gnade des Königs abhängen, ob jener durch Lösegeld sich das 
verwirkte Leben erhalten könne. (Koth. 86, Osenbrüggen, S. 11). 

•1) Innerhalb des durch das Kreuz oder den die Königliche Investitur sym- 
bolisierenden Handschuh gekennzeichneten Machtbereichs — dio Muntat — ist 
auch berechtigte Fehde nicht verstattet. Jeder, der diesen Bezirk betritt, unter- 
wirft sich stillschveigend dem dort waltenden höheren Frieden, sowie der Strafe, 
die sein Bruch nach sich zieht. (Das alte Nürnberger Kriminalrecht, Knapp 
142. 143). 

5) Wer in einer Kirche Lärm und Streit erregt, soll au die Kirche (in sacrum 
altarium) für solchen Friedensbruch das doppelte eines gewöhnlichen Friedens- 
bruchs der Art, 40 Solidi, zahlen; außerdem werden, wie es regelmäßig vorge- 
schrieben ist, Schläge und Verletzungen, die im Gefolge des Friedensbruchs waren, 
besonders berechnet. (Ed. Roth 35, Osenbrüggen ibidem). 

6) „Das ist auch eine unsühnbare That, wenn jemand einen Mann innerhalb 
seiner Pfähle (seines Hauses) erschlägt, oder des Hofes draußen, oder innerhalb 
des Zaunes, welches Feld und Anger umgibt neben seinem Hause, außer wenn 
er es tut, um sich zu wehren." (Mag. Gulath. M. c. 13 p. 136, Wilda, Btrafr. 
der Genn., 241). 

„Omnis doraus, omnis area, — in domo proprio et area, — in domum vel 
in curtem-omnes homines pacem habcant in domibus et in quolibet aedificio, et 
in curiis etiam infra legitimas areas domum, quas hovesteta vulgo vocamus, sive 
sint septae seu nulla sepe sint cireumdatae." (Portz IV, 5S, 00, 61). 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



49 



»lern dazu gehörigen und anliegenden Territoriuni, dessen Grenzen: 
»vier Pfähle, Dachtraufe, Zaun usw. umschrieben. Der Hausherd, 
um den sich das häusliche Leben der alten Germanen konzentrierte, 
trug den Charakter eines heiligen Ortes, den Charakter eines Asyls 
für Verbreeher «), die vor Verfolgung Zuflucht suchten. Der den 
damaligen Zeiten und Begriffen eigentümliche Grundsatz der Unan- 
tastbarkeit des Ilausfriedens wurde sogar von den Organen der Be- 
hörde genau beobachtet. Jede Ingezenz derselben, die mit der Not- 
wendigkeit verbunden war, die Schwelle eines fremden Hauses resp. 
einer fremden Wohnung zu überschreiten, war einzig und allein bei 
Einhaltung verschiedener Formalitäten und Einschränkungen gestattet, 
die von dem Gedauken geleitet waren, den Bewohnern jegliche Unan- 
nehmlichkeit aus Rücksicht auf die ihnen zukommende Ruhe und 
Achtung im Bereiche häuslichen Territoriums zu ersparen. 

In Ubereinstimmung mit dieser Ausnahme-Bedeutung des Haus- 
friedens in altgermanischen Zeiten umfaßte das Delikt des Hausfrie- 
densbruches auch eine ganze Reihe von Fällen mit den verschieden- 
sten äußeren Merkmalen, also: die Tötung von Haustieren, denen der 
Schutz des Hausfriedens zukam, das Eindringen in feindlicher Absicht 
in einen fremden Hof, das Werfen des Pfeiles oder der Lanze „im 
zornigen Mut** in Haus oder Hof eines anderen, das Schlagen von 
außerhalb der Umzäunung eines im Hofe Befindlichen u. dgl. Manche 
Formen des Hausfriedensbruches, wie das Eindringen zur Nachtzeit -) 

.Bern Handfeste, § 4."»: „debet tarnen matri apnd ignem et alias in domo 
loeum relinqnere potiorem." 

„Ich frage, wenn ein hansmann einen guten Hund hätte und würde ihm 
totgeschlagen, womit derselbe soll gebessert sein? — demselben hund soll man 
beym Schwänze aufhängen, daß ihm die nase auf der Erde stehet, und soll dann mit 
rotem weizen begossen werden, bis dali er bedecket ist. damit soll er gebessert 
sein- i nieder-sächsische Weisthümer, Grimm III, SOS). 

1) Iuramentum pacis Dei: Si fugiens aliquis inimicum vel suum vel ciijuslibet 
septnm intraverit, securus ibi rit" (PeitZ IV. 5S). 

2) „Ein freier Mensch, der zur Nachtzeit in eines Andern Haus und Hof 
tcurtisi sich einschleicht, soll SO soi , ein Unfreier 40 sol. zahlen. Wird er be- 
troffen und will sich die Hände nicht binden lassen, so kann er getödtet werden, 
ohne daß an die Familie des Freien oder den Herrn des Sclavcii etwas zu zahlen 
wäre. Wer wegen eines Geschäftes oder in einer sonstigen erlaubten Veranlaßung 
bei nächtlicher Weile Haus und Hof eines Andern betretten will, soll zuvor rufen. 
«Roth, 32, 33, vgl. Liutpr. 111, Osenbrüggen, Strafr. der Long., 11). 

Geringere Buße von 20 solidi, wie für das consiüum mortis zahlte, wer in 
zornigem Muth und selbst bewaffnet in eine fremde curtis eindrang. iKoth, 277. 
278, 373. 380). Ein solcher erschien weniger gefährlich als der schleichende 
Nachtgänger, und das Bewaffnetsein tritt bei der allgemeinen Sitte des kriege- 
rischen Volkes nicht als eine Erschwerung hervor. 

Archiv für Kriminnlanthropolo&i«. 9). Bd. I 



50 



I. Nowotny 



oder der Überfall eines fremden Hausterritoriunis mit einer gesam- 
melten Bande, einem Gefolge von Freunden oder anderen freien Ger- 
manen in der Absicht, Gewalttätigkeiten auszuüben (Heimsuchung), 
die bei den nordgermanischen Stämmen den Namen „Heerwerk" tragen, 

in den Kapitularien dagegen als „harizhut vis — fortia", — 

bezeichnet werden, wurden als besonders qualifizierte Verbrechen 
angesehen >). 

In enger Verbindung mit dem höheren, potenzierten Königs-, 
Kirchen- und Hausfrieden stand auch das" Asylrecht. Die Kirche, 
das Haus und die curtis regia sicherte dem vor Verfolgung Fliehen- 
den hinreichend Zuflucht und Schutz vor Ausübung von Gewalttätig- 
keiten, und wenn auch der Forderung, den Flüchtling auszuliefern, 
schließlich Genüge geleistet werden mußte, so geschah es doch mit 
dem Vorbehalt, daß an ihm die Rache nicht vollzogen und die Schuld, 
die ihn zur Flucht gezwungen, ihm vergeben werde. Dieser Akt der 
Herausgabe ward daher als ein reddere in gratia, dem ein reci- 
pere in gratia entsprach, bezeichnet 2 ). 

In der Reibe der verschiedenen Friedensformen mit besonderem 
höheren Charakter spielten eine wichtige Rolle der gebotene und der 
gelobte Frieden a ). Die Richter, Beamten und in fränkischer Zeit die 
Grafen hatten das Recht, den streitenden Parteien den Frieden zu 
gebieten und durch das Friedegebot der Fehde Einhalt zu tun. Die 

1) die heimsuehung ist dz, wer mit gewaffneter Handt yn cynes manne» 
hau» lauffet, yn eyneu dar ynn jaget oder er eyncn dar ynn vindet dem er will 
schaden oder schadet, das heisset heimsuehung. (Schwabenspiegel ed. Lass- 
berg c 801, p. 128|. 

..Win ein man gchaimcsuchct ze sinem husc der nit haim ist, svan der 
vider haime chumt, der mak wol ehlagen umbc die haimsuchc.* 1 (Chr. Meyer, 
Stadtbuch von Augsburg, p. 12t). 

„Si quis pro injuria sua vindicanda, super quomqunquc liominem manu 
armata aut cum cxercitu usque ad quatuor nomine» in vicum intraverit etc." 
Ed. Roth, c. 19. 

„Si quis liberum hominem hostili manu cinxerit, quod herireita dicunt i. e. 
cum quadraginta duohus clupeis etc. u (Lex Baiuv. III, S, § 1. Wilda, Ü12). 

2) Roth. 209, 271, 272, 273, 275 Osenbriiggen 13. 

3) In Schweiz wurde es in Zeiten der Herrschaft der Blutrache zur Pflicht 
eine» Jedoo gemacht, denjenigen, welche er in Streit und „Stülicn" oder „Miii- 
hcllung" erblickte, Frieden zu gebieten. Die Weigerung, auf dieses Friedgebot 
einzugehen, zog Strafe nach sich. Zur Verhütung der Feindseligkeiten zwischen 
den streitenden Parteien diente das Friedgelöbnis, die „Stallung" oder „Trö- 
stung''. Im XVI. .luhrh. wurde das Institut des Friedgebots auf Behörden und 
Gösch worne beschränkt und die Abstufung der Friedbruchsstrafen eingeführt. 
«Blnntschli - Züricher St. u. Ii. Gesch. I. 42t) und die Weistümer bei Grimm I. 
S. IS, 22Ö, 2291. 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



51 



Wiederherstellung des Friedens unter einander feindlich gegenüber- 
tretenden Parteien konnte auch durch gegenseitige Verständigung 
und durch gegenseitige Bürgschaft, wenn auch nur für eine gewisse 
Zeit erfolgen. So hatten der gebotene, wie auch der gelobte Frieden, 
wie auch nicht minder die in den Karolingischen Rechtsquelleu auf- 
tretenden Formen eines besonderen Friedens „pax u , in den späteren 
Reichsgesetzen „trenga manualis u oder „Handfried", auch „Sühne- 
vertrag genannt, — welche der späteren Entwicklung der Urfehde 
und der Friedensbürgschaft zur Grundlage dienten, — die Bedeutung 
von Ausnahmemitteln, die zur Wiederherstellung des von den strei- 
tenden Parteien verletzten Friedens und zur Eindämmung der Aus- 
übung der Fehde dienten 1 ). Durch denselben Charakter zeichnete 
sich ans das als Form des Sühnevertrages in den Rechtsbüchern und 
Stadtrechten, wie schon der Handfriede besagt, erscheinende Handge- 
lübde vor Gericht oder vor Zeugen. Die Dauer seiner Wirksamkeit 
war unbegrenzt; Inhalt des Vertrages war die Verpflichtung nicht 
nur der Parteien, sondern auch ihrer Verwandten und Freunde, den 
Frieden zu halten ~). 

Alle diese besonderen und höheren Formen des Friedens waren 
auf die Einschränkung und in den späteren Zeiten auf die Ausrottung 
der Fehde und Rache gerichtet, die nach Erlangung des Charakters 
einer Rechtsinstitution jahrhundertelang als ursprüngliche Formen des 
Ausmaßes der Gerechtigkeit dominierten und die Aufgabe der Behör- 
den, zu einer Rolle zweiten Ranges herabdrückten. 

In den ältesten Zeiten trat das Fehderecht in der Form gegen- 
seitiger, zwischen Familien geführter Kämpfe auf, die aus irgend 

l) Nach Vorgang Karls des Großen verordnete zunächst Heinrich der 
Heilige, daß derjenige, welcher nach geschlossener Sühne den Gegner tötete, 
seine Hand verlieren sollte. i Const Henr. II a 1019 (1023 1) Genn. Mon. L.1I. 3S). 

Diese Strafart fand damals auch bei verschiedenen anderen Verbrechen An- 
wendung, so namentlich bei gewissen schweren Verwundungen; allgemein, und 
bis in neuere Zeiten herab, ist sie für den Meineid angedroht, und als diesem 
verwandt gilt denn auch der Bruch des Handfriedens. Im Zusammenhang hier- 
mit erscheint der Handfriedensbruch als ein selbstständiges Vorbrechen ; die kon- 
krete Rechtsverletzung mittels deren der Friede gebrochen wurde, tritt dagegen 
in jeuer kais. Konstitution, wie auch in einigen späteren (Constit. Henr. Kcgis 
1234) gänzlich zurück, während sie in anderen Gesetzen wenigstens insofern Be- 
rücksichtigung findet, als Tötung im Frieden mit Todesstrafe, Verwundung mit 
Handabhauen bedroht wird. (Const. Frid. L de paec tenenda et ejus violatoribus 
1150 c. L, const. pacis Frid. II 1235 (eodem p. lol und 311). Zwischen treuga 
manualis und treuga Dei wird in dieser Beziehung kein Unterschied gemacht. 
(Const. Henr. IV. 105S). (Schierlinger 10.11). 

21 Goslarer Stat. bei Haltaus Gioss. (Schierlinger 17). 

4* 



52 



I. Nowotny 



einem zur Ausübung der Rache berechtigenden Grunde angefangen 
wurden. Jeder Eingriff in den Frieden der Familie (Sippe) berech- 
tigte den Verletzten, beziehungsweise seine Sippe, zur Ausübung der 
Fehde und Rache, zur Verschaffung der Genugtuung in der Form, 
die sie für entsprechend und zweckmäßig erachteten, oder zur An- 
rufung gerichtlicher Hilfe. Ks ist die ordnungslose Zeit, wo nicht 
bloß die Fehde selbst, sondern auch die Form derselben durchaus der 
Willkür jedes Einzelnen überlassen war. Die zweite Epoche enthält 
die Entwicklung eines mehr oder weniger befolgten, aber doch all- 
gemein anerkannten Rechts einer Ordnung der Fehde. Das Gebiet 
der erlaubten Privatrache wird durch die entsprechende Gesetzgebung 
wesentlich eingeengt und die ursprünglich in prinzipieller rechtlicher 
Geltung herrschende Fehde nur subsidiär und bedingt erlaubt. 

Alle Anstrengungen der Herrscher konzentrierten sich auch in 
dem Bestreben, sei es die zwischen den Parteien bestehenden, zur 
Ausübung der Fehde berechtigenden Streitigkeiten zu beseitigen, sei 
es die streitenden Parteien zu verpflichten, für eine gewisse Zeit 
Frieden zu sehließen und während dieser Frist alle Zwistigkeiten 
aufzugeben, die im Wege der Selbsthilfe und Gewalttätigkeit ausge- 
glichen zu werden pflegten. Diese Bestrebungen, die keineswegs 
den rechtlichen Charakter der Institution der Fehde negierten, hatten 
einzig die Aufgabe im Auge, die Parteien auf schiedsrichterlichem 
Wege durch Geltendmachung der persönlichen Autorität der Könige 
zu verpflichten, dem ihnen zustehenden Recht der Fehdeausübung 
wenigstens eine gewisse Zeitdauer hindurch freiwillig zu entsagen '). 
Als jedoch im Laufe der Zeit das Sichberufen der Herrscher auf die 
königliche Autorität sich als ein zur Niederlegung aller Fehden unzu- 

1) Constitutio pacis Henrici I. Irap. a 1103. 

Anno ab incaruatione- dei 1103 Henrieus inip. Mogontiac paceni sua manu 
firmavit et instituit et arehiepiscopi et episcopi propriis manibus firmaverunt. 
Filius reps iuravit et primates totius regni duecs, marchioucs, comites aliique 
quam inulti. Dux Welfo et (lux Pertolfus et (lux Fridericus iuraverunt eamdem 
pacem usque ad pcntecn*ten et inde per quatuor annus. (Pcrtz Mon. T. 
Leg. IV. 60). 

Constitutio paeis provineialis a 1103: „Talis pax iuniUi est a Duee Friderico 
et multis comitibus ete. — Haue pacem unusquisque ante proximum fest um stae 
Mariae debet iurare vel cum iusamento Septem veraeium virorum (lebet *e ex- 
purgare, quo ipse non audierit banc paceni essciuratam; qui hoc fecerit manura 
perdat. Si (juis corruperit istam pacem et aufugerit et latere volucrit donce pax 
i>ta tranKierit, si quando revereus fuerit candem penam paciatur (|uam modo 
pasi deberet. Si quis volucrit jurare; dieens nulli noceo, ne quisquam noceat 
mihi «= candem penam quam paeis volator subire debet. (Pertz Mon. T. 
Leg. 112). 



)igitized by Google 



Fnedcnsdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



53 



längliches Mittel erwiesen hatte, begann man zum Ansehen der gött- 
lichen Autorität Zuflucht zu nehmen. Der Staatsgewalt kommt die 
Kirche zu liilfe und zwar zuerst in Frankreich. Die von ihr zum 
Kampf mit der Fehde gewählten Mittel aber, die in der Folge im 
elften Jahrhundert auch von der Staatsgewalt in Deutschland über- 
nommen wurden, strebten weniger nach einer vollständigen Ausrottung, 
sondern vielmehr nach einer Einschränkung des Fehderechtes durch 
Normierung von Rechtsvorschriften, in deren Rahmen die Ausübung 
der Fehde erlaubt war. Die Übertretung der betreffenden Rechtsbe- 
stimmungen und die ihnen zuwiderlaufende Ausübung der Fehde 
bildete das Verbrechen des Friedensbruches im technischen Sinne. 
Die von der Kirche in der Form des Gottesfriedens (treuga Dei) ■) 
erlassenen, die Grenzen der Zulüssigkeit der Fehde normierenden 
Vorschriften bestimmten, daß an gewissen Tagen der Woche im Laufe 
des Kirchenjahres, d. h. vom Mittwoch Abend bis Montag, wie nicht 
minder an allen Feiertagen vollständige Ruhe herrschen sollte; alle 
Gewalttätigkeiten und Uberfälle, die Exekution der Schuldner u. a., 
ja sogar das Erscheinen in dieser bestimmten Zeit mit der Waffe 
in der Hand waren bei Strafe der Excommunication -) verboten. 
Den Spuren der von der Kirche eingeleiteten darnach strebenden 
Aktion, die bisher eigenmächtig und ohne jegliche Mäßigung 
ausgeübte Fehde zu beschränken und in den Rahmen rechtlicher 
Vorschriften zufassen, folgte auch die weltliche Gesetzgebung. • Die 
in den von der Kirche gebotenen Gottesfrieden enthalteneu Bestim- 
mungen, die auf die Einschränkung der Fehde (unbedingter Friedens- 
schutz für gewisse Personenklassen und Orte) gerichtet waren, wurden 
von den deutschen I^andfriedenssatzungen übernommen und im I^aufe 
der Zeit erweitert. In den späteren l^andfrieden zogen die das Recht 

h Contimit vero ipso in tempore (Ilenriei Uli firmari pactum propter 
timorem dei pariter et amoreui, talitcr ut nemo mortalium a feriae »piartae vespere 
usque ad secundam feriam ineipiente luce ausa temerario praesumeret, quippiam 
alicui hominum per vim auffere, neque nltionis vindictam a quoeunque inimico 
exigere. nec ctiam a fideiussore vadinioniura sumerc. Quodsi ab aliquo fieri 
coutigisset, contra hoc dccrctum publicum, aut de vita componeret, aut a C'hri- 
stianorum eousortio expulsus patria pellerctur, hoc insupci ]daruit universis — 
ut treuga Domini vocaretur." ((daher Rudolph bist. Franc V, 1 idu Chesne 
IV. öö). - 

Treuga, teugia, treva, triva triuva (fest gelobter, insbesondere unverbrüch- 
lich zu haltender Frieden (Wilda — Str.ifr. d. Germ. S. 179. 230.) Huberti, Studien 
zur Itechtsgcseh. der Gottesfrieden und Landfrieden, 1S92. 

2) Die Kirche und die Kämpfe um ihre Kompetenz bis zum 14. Jahrhundert 
(Stein. Geschichte des franz. Strair. und I'rozes>e> l^Tö. S. 331 u. f.). 

3) In Frankreich die sog. „Quarantäne du Roy" (Stein 191 u. f.). 



I. Nowotny 



<ler Fehdeausübung einschränkenden Vorschriften die Grenzen der- 
selben bis zu den Fehdebandlungen, welche unmittelbar gegen Person, 
I^eib und Leben des Gegners gerichtet waren indem sie die eigen- 
mächtige Ahndung gewisser Kategorien von Rechtsansprüchen und 
Rechtssachen 2 ) nicht zuließen und den das Fehderecht Ausübenden 
im Falle einer erfolglosen Ingerenz der Staatsbehörden die Pflicht 
auferlegten, den Gegner drei Tage vorher 3 ) von der Absicht der Aus- 
übung der Fehde zu benachrichtigen. Ziel dieser unter der Form 
der förmlichen Fehdeerklärung von Kaiser Friedrich I. eingeführten 
Beschränkung war die Absicht, dem von der Fehde bedrohten Gegner 
die Möglichkeit zu bieten, die beanspruchte Forderung zu befriedigen 
oder auch den Avisierenden des Friedensbruches anzuklagen, schließ- 
lich die Eindämmung geheimer, unerwarteter Überfälle, die nach den 
damaligen Begriffen die Würde des freien Menschen beleidigten. In 
den Absage- Briefen war auch immer die Verwahrung der Ehre ent- 
halten. Dieser ursprüngliche Charakter der Absage-Briefe als einer 
Deklaration der Absicht, die Fehde aus einem billigen und gerechten 
Grunde ausüben zu wollen, erhielt sich jedoch nicht lange. Mit dem 
Aufblühen des deutschen Raubrittertums begann man zum Zweck der 
Ausübung gemeiner Gewalttätigkeiten und Räubereien als einen die 
Ritterehre der Bedränger sanierenden Pretext zu mißbrauchen, indem 
man eben dadurch alle zur Eindämmung der Willkür und Fehde 
erlassenen Vorschriften illusorisch machte. Der Erlaß des Land- 
friedensgesetzes des Kaisers Friedrichs II. v. J. 123."> 4 ), — das den 

1) So heißt es im J. 1179: „Si quis habet inimicum. persequatur cum in 
campo, absquo dampnum rerum suaraur' - oder in den I^andfrieden der nächsten 
Zeit: „Quicumquo habet manifestum inimicum, cum in persona et non in rebus 
ledere potest." 

2) Eiuer der ältesten Landfrieden bestimmt: „Si qua eonquestio de prediis 
et benefieiis oriatur, apud rectores nostros discuriatnr" — oder aus dem ,T. HOS: 
-Nullus aliquem eapiat propter peeuniam nee vnlncrct, nec pereutiat, nee inter- 
ficiat" — und 1104; „Nullus omnino pro sola causa peeuniae eapiatur" (Zallingcr 
— .Mitteilungen des Inst, für östcr. (iesch. for. IV Bd. 1S93 — 452). 

Ii) Svcr aver sine clagc vullen füret, als da gesoriven ist wirt eme nicht 
gerichtet; und rauz er durch not sinen vienden widersagen, daz sol er bi Tage tun, 
und von dem Tage daz er ime widersaget hat, unz an dem Vierden tach, sol er 
ime nich einen scaden tun. weder an übe, noch an gute So hat er dri ganze 
tage vriede (das v. Kaiser Rudolph 12M erlassene Kdikt). 

4) Landfrieden des Kaisers Friedrich des IL v. 1."». August 1235: ,,Ad hm* 
magistratus et iura sunt prodita, ne quis sui doloris vindex sit: quia iuris eessat 
autoritas exeedit licentia scriendi. Statuimus igitur, ut nullus in quacuiique re 
dampnum ei vel gravamen fuerit illatum, se ipsum vindicet, nisi prius querelam 
coram suo iudice propositam secundum ius usque ad definitivam sentenciam pro- 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Straf rechte. 55 



Grundsatz, daß niemand gegen den andern Fehde erheben dürfe, 
„absque praecedente quaerimonia u , erweiterte, — bezeichnet jedoch 
in der Geschichte des deutschen Fehdewesens und Fehderechtes eine 
deutliche Wendung, indem das Übergewicht des Gesetzes und seiner 
Vollstrecker über die Willkür und das Fehderecht erstärkte, welches 
immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde und nur noch sub- 
sidiäre Bedeutung hatte. 

Zweifellos war dies ein weiterer Schritt in der ganzen Aktion, 
die auf vollständige Verdrängung der Institution der Fehde zielte, 
deren Ausrottung nicht so leicht war, da sie nicht nur mit den An- 
schauungen der Germanen verwachsen war, sondern sich auch häufig 
bei dem Mangel an energisch und erfolgreich funktionierenden Staats- 
behörden als unentbehrlich erwies. 

Alle zu diesem Zweck von den Herrschern erlassenen Friedens- 
gesetze blieben jedoch ein toter, höchst selten respektierter Buchstabe. 
Man wandte sich daher dem letzten Mittel der Selbsthilfe zu: der 
Bildung von Assoziationen einzelner Stände. Man schuf also Verbände 
von Fürsten, Rittern, Städten, um den Vorschriften des gesetzlich 
garantierten Friedens Ansehen im Staate zu verschaffen, die eigen- 
mächtige Ausübung der Gerechtigkeit im Wege der Selbsthilfe auf- 
zugeben und alle Zwistigkeiten der Erkenntnis der Schiedsgerichte zu 
überweisen. Die Pflichten der Mitglieder dieser Assoziationen waren 
durch Verabredung und auf eine bestimmte Zeitdauer genau umschrieben, 
und der Erlaß solcher Verabredungen besaß die Kraft geltenden 
Rechtes ')• 

Seit der Veröffentlichung derselben war die Ausübung der Fehde 
unbedingt verboten, und die streitenden Parteien sollten ihre Streitsachen 



sequatur; nisi ni in continenti ad tntelam corporis sui vel bonorum suorum vim vi 
repellat, quod dicitur notwere. Si quis aliter processerit ad vindictani, dainpnum 
illntum adversario solvat in duplum, nullam actionem sibi du dampuis vel gra- 
vaminibus illatis sibi do cetcro competente. Si quis coram iudice sicut predic- 
tum est in causa processarit, si ius non fuerit consecutus et necessitatecogente, oportet 
cum diffidare inimicum suum quod dicitur widersage, hoc diumo tempore faciat. 

Landfrieden der sechs Kurfürsten v. J. 1438 § S: „Daß Niemandt dem An- 
dern Schaden thun soll, er habe ihn dann zuvor zu rechten erfordert und 
ob ihme das Recht nit gediehen und widerfahren möchte, so soll er denoch den 
nit angreiffen noch beschedigen, er habe ihn dann das drey Tage und drey 
Nachto ganze zuvor in sin Huse, da er sie gewönlicho Wonun^c hat. verkündet 
und sich bewahret. - 1 (Sammlung der Keiehsabsch. Bd. I. 154.) 

1) Die in Nürnberg im J. 1383 auf 12 Jahre, in Eger im J. 13811 auf 
Jahre, in Frankfurt im J. 1398 auf 5 Jahre u. s. w. geschlossenen Frieden (Eich- 
horn — Deutsche Staats- und Rechtsgesch. III § 4<>s. S. 107 u. f.i. 



)igitized by Google 



56 



I. Nowotny 



der Erkenntnis der Schiedsgerichte oder auch der kaiserlichen Ge- 
richte vorlegen, je nach den Bestimmungen des betreffenden Friedens- 
vertrages. Aber auch dieses Mittel erwies sich als wenig erfolgreich. 
Der Mangel an einer kräftigen Exekutive gegen diejenigen, welche 
die Bestimmungen obiger Verträge mißachteten, der Mangel an Aus- 
stattung der Gerichte mit entsprechendem Ansehen und entsprechender 
Gewalt, schließlich die widersprechenden, unaufhörlich miteinander 
kollidierenden Interessen der einzelnen Verbände zogen die Bestim- 
mungen aller Friedensverträge zu einer leeren Form herab und die Fehde 
wurde nicht nur wie früher ausgeübt, sondern sie nahm, was noch 
schlimmer war, angesichts der starken Organisation der miteinander 
streitenden Verbände einen noch gefährlicheren Charakter für die allge- 
meine Ruhe und Ordnung an, nämlich den Charakter von Bürger- 
kriegen und bewaffneten Kriegszügen. <J Die Unzulänglichkeit aller 
dieser Mittel veranlaßte die deutschen Kaiser Albrecht II. und Fried- 
rich JH., an Stelle der einzelnen, zahlreichen und auf zeitweilig ver- 
pflichtenden Friedensverträge gestützten Verbände nur einen einzigen, 
den ganzen .Staat umfassenden Verband zu bilden bei gleichzeitiger 
Mahnung, die Bestimmungen der früheren Verträge genau zu voll- 
strecken und zu beobachten. Diese Bestrebungen bereiteten den Boden 
zu weiteren Reformen auf diesem Gebiete vor. ohne jedoch die herr- 
schende Situation allzusehr zu bessern. 

Erst von der Zeit an, als Kaiser Maximilian in Worms im Jahre 
I495-) einen allgemeinen, für das ganze Reich geltenden Frieden er- 
lassen hatte — wobei gleichzeitig alle Stände und Korporationen 
einen allgemeinen Staatenverband bilden sollten und alle Untertanen 
verpflichtet wurden, die das Recht der Ausübung der Fehde aufheben- 
den Bestimmungen dieses Friedens bei Strafe der Reicbsacht zu be- 
ll Mit welchen Schwierigkeiten »he Rechtspflege zu kämpfen hatte, seihst 
hl dein Talle, daß der Landfriodtnsbreeher sich überhaupt entschieden hat, der 
Ladung desGcriehtes freiwillig Folge zu leisten, illustriert z B. folgende Bestimmung 
des Landfriedens v. J. 1179, welche in späteren Quellen noch mehrfach wieder- 
kehrt : „Violator pacis a iudicc citatus ad iudicium veniat cum triginta gladiis 
taut um nee plures quam 2'J, ut ipse sit tricesimus, seeum habeat, qui nulla anua 
preter gladios ferant" (Zallinger .Mittheil. S. I.Y7). 

21 Die Reichsstände einigten sich über einen Landfrieden, der allgemein in 
Deutschland beobachtet werden, dessen Dauer an keine Zeit gebunden und durch 
den alles Fehderecht unbedingt aufgehoben werden sollte — bei Strafe der 
Reichsacht mit ihren gewöhnliehen Folgen und 2000 Mark Goldes gegen den 
l'bertreter. § 2 des Landfriedens: „Fad darauf haben wir all offen Vehde 
und Verwarung durch das ganze Reich aufgebebt und abgrthan." (Lichhoru — 
§ 40!» S. 121). 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechte. 



57 



obacbten; — datiert eine gewisse Wendung zur Besserung in den 
inneren Verbältnissen. Die Übertretung der das Verbot der Ausübung 
der Fehde betreffenden Bestimmungen des obigen Landfriedens bildete 
das eigentliche Verbrechen des Land frieden sbruc bes.') 

Eine der Tendenz des Wormser I-indfriedens und der darauf 
folgenden, ergänzenden und erklärenden Landfrieden widersprechende 
Stellung nahmen die Bambergische Ilalsgerichtsordnung (1507) und 
die Karolina im Artikel 129 ein. 2 ) Die Interpretatoren der Karolina 
geben in dieser Hinsicht keine Auskunft, auf welche Weise diese der 
ganzen damaligen deutschen Gesetzgebung widersprechende Bestim- 
mung, die dem so konsequent bekämpften Fehderecht seine verpflich- 
tende Kraft seitdem wiedergab, in die Karolina hineingeraten konnte. 
Obige Bestimmung fehlt bereits wieder in dem folgenden Religions- 
frieden von 1552 und 1555 :! ) und in dem Westfälischen Frieden. 
Endgültig beginnt mit der Zunahme der fürstlichen Gewalt und der 
Ausstattung der Ortsbebörden in den einzelnen Territorien mit ent- 
sprechender Exekutive zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung, das 
Institut der Fehde in der früheren Form nach und nach einzugehen; 
und die Friedensgesetze beschränken sich jetzt einzig darauf, den 
Streitigkeiten der einzelnen Reichsstände entgegenzuarbeiten und ihnen 
den entsprechenden Schutz ihrer Rechte und ihrer Habe gegen die 
mit Hilfe von Gewalttätigkeiten durchgeführten Ansprüche zu garan- 
tieren. Deswegen bildete auch nach den Reichsgesetzen des 1*). und 
späterer Jahrhunderte das Verbrechen des Landfriedensbruches, — 
das sowohl durch jedes feindliche und den allgemeinen Frieden im 
Staate bedrohende gemeinschaftliche Auftreten der Stände, wie nicht 
minder durch jede Gewalttätigkeit begangen werden konnte, indem 

1) ^ia peresetitio et viiulicta fractae pacis nun modo privatoruni est, sed 
etiaiu toti us impcrii , ut videlicet pax in co sarta integraque servetur; partis laesae 
transactio Caesarea« Majestati vcl camerac aut fisco nihil praejudicabit. Violator 
eniui pacis in poenam constitutum et bannuin Caesaiis et impcrii eondemnatus 
ex ipsa constitutione est, de facto, ipso jure. L'ndc concluditur. (.'acsari, camerae 
aut fisco impcriali sicuti nee cuiquam alii intcresse habendi transactione privata 
nihil praejudieari. (Thomas Maul, De pace publica s. profana im]»crii Hd. IM, p. |.*>). 

2) C. C. C. 129: „Item welcher jemandt wider Recht und Billigkeit mut- 
wiligklich bevehet, den richtet man mit dem Schwert vom Leben zum todt. Doch 
ob cyner seiner vehede halb von I ns oder unsern nachkommen am Reich, 
Kömischen Kaysern oder Königen erlaubnuß hett, oder der. den er also bevhedet 
sein, seiner gesipteu Freundschaft oder Herrschaft oder der heu feindt war, oder 
*unstzu solcher vhede rech tmäti ig gedrungen vrsach nit gestraft werden. 
In solchen Fällen vnd zweifeln soll bei den rechtverständigen vnd an den enden 
und ortten, wie zu ende dieser vnscr Ordnung angezeigt, raths gebraucht werden.* 

.•;» Eichhorn, § 4f»o s. .>s. 



68 



I. Nowotny 



sie eben dadurch den allgemeinen Landfrieden störten ') — das eigent- 
liche Verbrechen gegen den Staat, das im Interesse desselben ver- 
folgt und bestraft wurde und vor das Reichgericht gehörte, das mit der 
Kraft und der Befugnis versehen wurde, von Aratswegen in jedem 
Fall einer zu seiner Kenntnis gelangten Störung des Landfriedens zu 
ingerieren. 

Mit dem Augenblick, da die Sorge um die Erhaltung des Frie- 
dens im Reiche von den Zentralreichsbehörden auf die einzelnen 
Fürsten und Lehnsleute tibertragen, mit dem Augenblick, da eine 
kräftige partikuläre Gesetzgebung geschaffen wurde, verschwindet der 
Begriff des Friedens mit obigem Charakter und macht dem Begriff 
des öffentlichen Friedens Platz, der trotz des in den deutschen Par- 
tikulargesetzen der 19. Jahrhunderts noch weiter erhaltenen Namens 
„Landfrieden 14 einen den neueren Verhältnissen und Rechtsbegriffen 
angepaßten Charakter hat. Trotz der Verpflanzung des Verbrechens 
des Landfriedenbruches in die Partikulargesetze des 19. Jahrhunderts 
hat dieselbe bereits einen vom Verbrechen desselben Namens im 
Sinne der Landfriedensgesetze des Mittelalters abweichenden Charakter. 
Denn während diese letzteren den Zweck verfolgten, den Frieden im 
Innern des im Zustand völliger Anarchie befindlichen und durch 
innere Kämpfe und Streitigkeiten entkräfteten Staates wiederherzu- 
stellen und zu erhalten, während also unter das Verbrechen des Land- 
friedensbruches in der Bedeutung der I^andfriedensgesetze nur die 
Handlungen mit einbegriffen wurden, welche wirklich fähig waren, 
den allgemeinen Landfrieden zu stören, — so mußte in den späteren 
Zeiten der bereits gefestigten und energisch durchgeführten Staats- 
gewalt, die hinreichend über die Sicherheit ihrer Untertanen wachte, 
auch das Verbrechen des Landfriedensbruches seinen Charakter ändern. 
Die Ausübung von Gewalttätigkeiten nach dem Vorbilde der dem 
Mittelalter bekannten Fehde kann sich allerdings auch noch heute 
ereignen, doch bleiben sie ohne Einfluß auf den allgemeinen Frieden, 
dessen Störung nach dem Vorbilde des Mittelalters nicht mehr den 
Charakter eines Friedensdelikts, sondern den des Hochverrats, der 
Rebellion, des Aufruhrs usw. tragen würde. Trotzdem bilden manche 
der deutschen Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts bekannten Friedens- 
delikte, die ihrer Genesis nach bis in die Anfänge der Entwicklung 

I) Wenn zwei oder mehrere ein Bündnis miteinander machen, dali sie auf 
gewisse Kalle sich in des dritten I^antl teilen oder ihm dieses oder jenes weg- 
nehmen wollen; so ist dieses ohne allen Zweifel, ein, ob zwar geheimer doch 
wahrer und wirklicher La udfriedensbruch. (.1. .1. Moser. Von Teutschland 
und dessen Staatsverfassung, S. 234). 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafrechtc. 



5!> 



des Friedensbegriffs im germanischen Rechte zurückreichen, eines der 
weiteren Glieder in der ganzen Entwicklungskette dieses Begriffes 
von den ältesten Zeiten bis zu den heutigen, — sie bilden das letzte 
Stadium in seiner Entwicklung. 

IV. Die Gesetzgebung des XIX. Jahrhunderts. 

Die Gesetzgebung des 19. Jahrb., die sich in zwei prinzipielle 
Gruppen, in die Gesetzgebung des romanischen und die des germanischen 
Typus einteilen läßt, nimmt je nachdem auch eine zweifach verschiedene 
Stellung dem Begriff des Friedens und der Kategorie der Friedensdelikte 
gegenüber ein. In den Gesetzgebungen des ersten Typus fehlen jegliche 
Spuren einer ununterbrochenen Fortsetzung der historischen Entwick- 
lung des Friedensbegriffes und der verschiedenen Friedensinstitute. 
Anders verhält es sich dagegen in den Gesetzgebungen des zweiten 
Typus, welche sich auf die Grundlagen der heimatlichen Rechts- 
begriffe stützen und die Entwicklung derselben konsequent bis zu Ende 
durchführen. 

In österreichischen Recht, verschwindet analog zu den Gesetz- 
gebungen des ersten Typus, mit der Herausgabe des Josefinischen 
Gesetzes der Begriff des Friedens im früheren Sinne und tritt dann 
nicht mehr auf. 

Die Deutschen Partikulargesetze, die allerdings, was den Begriff 
des Friedens und die Kategorie der Friedensdelikte anbetrifft, keinen 
einheitlichen Standpunkt einnehmen, sind ein Beweis dafür, daß dieser 
Begriff auf dem natürlichen Wege der Entwicklung sowohl in die 
partikuläre Gesetzgebung, wie auch in das neueste Reichsstrafgesetz 
von 1871 verpflanzt wurde. Die in den Partikulargesetzen sich noch 
erhaltenden verschiedenen Formen des besonderen Friedens, wie Burg- 
frieden. Gerichtsfrieden, Religions-, Kirchenfrieden verschwanden im 
Laufe der Zeit je nach der Bildung des Begriffes des Rechtsfriedens 
durch die spätere Praxis und Abstraktion aus dem Reichsstrafgesetze 
vom J. 1871, indem sie dem Begriff des Friedens im heutigen Sinne 
den Platz räumten. 1 ) 

Ii I. Bayerisches Stgb. v. «. 5. ISIS: 

Art. 332 und 335 von Störung des Landfriedens. 

Art. 33G von Störung des Heligiousfriedens. 
Verg. nach Art. 422. Störung des häuslichen Friedens ohne Waffen und 
Art. 423 mit Waffen. 

II. Kriminalgsb. f. d. Herzogtum Sachsen- Altenburg vom 3. ls41: 

Art. 118 über Landfriedensbruch. 

Art. 119 über Hausfriedensbruch. 



60 



1. Nowotny 



Dagegen verblieb das den Partikulargesetzen, wie auch dem 
Reich sstrafgesetze bekannte Verbrechen des Landfriedenbruches, ob- 
wohl es seinen ursprünglichen Charakter im Sinne der Landfriedens- 
gesetze des Mittelalters verloren hat, dennoch unter dem Reflex der 
altgermanischen Begriffe und beweist eben dadurch ersichtlich die 
ununterbrochene Fortsetzung der historischen Entwicklung des Friedens- 
begriffes bis auf die neuesten Zeiten. 1 ) 

Auch in dem englischen und schweizerischen Rechte, die germa- 
nischen Ursprungs sind, sind noch Überreste der von alters herkom- 
menden Friedensinstitute, welche wirksame Garantien der öffentlichen 
Ruhe und Sicherheit bilden, vorhanden. In der Schweiz war das 
Friedensboten bis vor kurzem noch in Übung, und ein Bruch dieses 
Friedens müßte jetzt noch bestraft werden, da Art. 201 § 2, 11 des 
Landbuches von Uri zweifellos in Kraft besteht. In England liefern 
das Institut der Friedensbürgschaft (te keep the peace oder tu be of 

good behaviour) und der Friedensrichter denselben Beweis. 

V. Rückblick und Schlüsse. 

Nachdem wir so unsern Überblick über die Rechtsquellen voll- 
endet haben, die uns die Geschichte der Entwicklung, den Charakter 
nnd die Bedeutung des Friedensbegnffes bei verschiedenen Völkern, 
in verschiedenen Epochen und unter verschiedenen Bedingungen 
illustrieren, können wir feststeilen, daü diese Entwicklung des Friedens- 
begriffes sowohl von inneren Lebensbedingungen und Verhältnissen 
des betreffenden Volkes, als auch nicht minder von einem mehr oder 
weniger fest eingewurzelten Reclitsgefühl und Achtung vor den Voll- 
streckern des Rechtes abhängig war. 

Ohne in der Entwicklungsgeschichte des römischen Rechts eine 
hervorragendere Rolle gespielt zu haben, indem er, mit sakralem 
Charakter, nur in der theokratischen Epoche existierte, nimmt der 

HI. Stgb. f. d. Königreich Württemberg v. t. ;;. lvi'.t: 

Art. iv.t über Landfriedcnsbrueh, 

Art. 11)0. KU . IM, Störung des Keligionsfriedens, 

Art. 1<J4 Störung des Königsfriedena und (.Jcrichtsfriedens. 
IV. Stgb. f. d. IterzogliehOldenburgisehen Lande v. Ii», ü. ISN: 

Art. 337 Störung ilcs Landfriedens, 

Art 341 Störung des Kcligionsfricdcns. 
V. Kriininalgsb. f. d. Herzogtum Kraunschweig v. in. 7. 1M<>: 

§ 103 Kurgfriedensbrucli, 

§ lttti Cierichtslriedeusbrucb. 
1» das Iveicbsstrg. v. 3t. 5. 1*>70 123 und 1 li 1 über den einfachen und 
qualifizierten Hausfriedensbruch, § 125 über Landfriedensbruch. 



)igitized by Google 



Friedcusdelikte nach «lern österreichischen Straf rechte. 61 

Betriff des Friedens in der Hechtsentwicklung: anderer Völker eine 
wichtigere Stellang ein, wo er je nach den besonderen Bedingungen 
mehr oder minder Beachtung beanspruchte in Gestalt von Vorschriften, 
<lie seinen Schutz direkt und deutlich normieren. Eine dieser Be- 
dingungen war das einen entscheidenden Einfluß auf die Hechtsent- 
wicklung späterer Epochen ausübende und durch Jahrhunderte 
sich erhaltende Institut der Fehde und Rache, jene ursprüngliche 
Form des Ausmaßes der Gerechtigkeit, die, als Antithese zu jeglicher 
Hechtsordnung, seitens der maßgehenden Faktoren unaufhörliche An- 
strengungen erforderte, um diesen von den streitenden Parteien eigen- 
mächtig gebrochenen Frieden mit Zuhilfenahme der verschiedensten, 
den ('harakter von Friedensinstituten tragenden Mitteln wiederherzu- 
stellen. Auf diese Weise bildeten sich eine ganze Reihe von den 
Schutz des Friedens normierenden Bestimmungen, an die sich alle 
gesetzgeberischen Anstrengungen anschlössen und die auch die Haupt- 
grundlage der erlassenen Gesetze bildeten, die nicht nur den Namen, 
sondern auch den ('harakter von Friedensgesetzen trugen. Sie ver- 
folgten auch als einziges Ziel die Wiederherstellung dieses durch 
Fehde und Rache fortwährend verletzten Friedens, dessen Existenz 
eine unerläßliche Bedingung der natürlichen Entwicklung des sozialen 
und rechtlichen Lebens des Volkes bildete. Diese mißlichen Verhält- 
nisse waren keineswegs eine nur sporadisch auftretende Erscheinung, 
sondern eine dem Mittelalter eigentümliche chronische Krankheit. 
Als typisches Beispiel in dieser Hinsicht können zweifellos die im 
Mittelalter im deutschen Reich und in dessen Nachbarstaaten herr- 
schenden Verhältnisse gelten. Der Kampf um die Erhaltung des 
I>andfriedens absorbierte die ganze Aufmerksamkeit und Kraft der 
Regierenden und hemmte eben dadurch die normale Entwicklung des 
Rechtes, das von der — sei es rechtlich oder auch nur faktisch — 
sich erhaltenden Institution der Fehde und Rache beherrscht wurde. 
Was für Deutschland und ( >sterreieh im Mittelalter das Rittertum war, 
das durch Gewalttaten systematisch den gemeinen Frieden brach, 
das war für Polen der Adel, der sich fortwährend dem Gesetze und 
seinen Vollstreckern entzog und nur die eine Form der Gerechtigkeit 
unter der Gestalt des Faustrechtes anerkannte. 

Vergleichen wir die geschichtliche Entwicklung des Friedens- 
begriffes nach den oben zusammengestellten Reehtsquellen, so können 
wir eine gewisse Analogie konstatieren sowohl in Bezug auf die 
Formen, unter denen der Begriff des Friedens in den verschiedenen 
Rechtsquellen nach außen erscheint, als auch in Bezug auf die Ver- 
schiedenartigkeit der den Schutz desselben normierenden Vorschriften. 



Digitized by Google 



<)2 



I. Nowotny 



Diese Analogie tritt besonders deutlich beiderVergleichung des deutschen 
und österreichischen Rechtes hervor, die — eng mit einander verbunden 
— dieselbe Evolutionsbahn bis zu den neueren Zeiten zurücklegten. 
Da sie mehr oder minder ähnliche Entwicklungsbedingungen besaßen, 
so weisen sie auch einen ziemlich engen Zusammenhang in der Ent- 
wicklungsgeschichte des Friedens und der den Schutz desselben durch 
Strafandrohungen normierenden Friedensinstitute auf. Die letzten 
Landgerichtsordnungen, wie die Ferdinands III. und Josefs I., und so- 
gar die Theresiana zeigen noch diesen engen Zusammenhang in Hin- 
sicht auf den Charakter und die Bedeutung des Friedens und der 
Friedensdelikte. Das sowohl der Landgerichtsordnung Ferdinands III. 
als auch der Josephs I. bekannte Verbrechen des Landfriedensbruches 
das auf gleicher Stufe mit dem Verbrechen gegen die Majestät des 
Monarchen (Laster der beleidigten Majestät) Rebellion, Konspiration, 
Landesverrat und Geleitbruch behandelt wurde, zeigt genau denselben 
Charakter, wie das Verbrechen des Landfriedensbruches im Sinne der 
deutschen I-andfriedensgesetze des Mittelalters. Obwohl der There- 
siana diese Landgerichtsordnungen als Quellenbasis gedient haben, 
so hat in ihr das Verbrechen des Landfriedensbruches bereits 
eine abweichende Form angenommen, die durch den Einfluß der 
Doktrin und Praxis des gemeinen Rechtes und der Grundsätze des 
römischen Rechtes, besonders das „crimen vis a , bedingt ist Trotzdem 
bilden die in der Theresiana enthaltenen und den Schutz des Friedens 
normierenden Vorschriften eine den Verhältnissen und herrschenden 
Rechtsbegriffen entsprechend modifizierte Erweiterung der diesbezüg- 
lichen Vorschriften der früheren Gerichtsordnungen. Dagegen ver- 
schwinden mit der Herausgabe des Josephinischen Gesetzes, dieses 
typischen Werkes der Auf klärungsperiode des 18. Jahr- 
hunderts, sowohl das Verbrechen des I>andfriedensbruches, Landzwanges 
wie auch andere den früheren Gesetzen bekannte Friedensdelikte voll- 
ständig aus dem österreichischen Recht, - um nicht wieder aufzu- 
tauchen. Da sich schwerlich annehmen läßt, daß die Tatsache des voll- 
ständigen Verschwindens der den Schutz des Friedens direkt und deutlich 
normierenden Vorschriften aus den neueren österreichischen Gesetzen 
die Folge einer gesetzgeberischen Laune oder einer nur dem öster- 
reichischen Rechte eigentümlichen Erscheinung sei, so müssen wir 
vermuten, daß dieses Verschwinden auf tieferliegenden und wohl- 
begründeten Ursachen beruht. 

So lange in irgend einem Staate, beim Mangel kräftig organisierter 
und erfolgreich einschreitender Behörden, eine die Bedeutung und 
das Ansehen des Staates untergrabende und eine ernste Gefahr für 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dem österreichischen Strafreehtc. 



63 



die allgemeine Ruhe und Ordnung bildende Willkür die Oberhand 
hatte, 80 lange waren Vorschriften nötig, die mit voller Strenge gegen 
die diesen Frieden Verletzenden auftraten, da die Erhaltung dieses 
Friedens eine unerläßliche Bedingung für eine gesunde Entwicklung 
des sozialen und rechtlichen Lebens war. Die sich jedoch im Laufe 
des IS. Jahrhunderts vollziehende radikale Wendung in jenen Verhält- 
nissen — eine Wendung, die sich als definitiver Sieg des Gesetzes 
und der Ordnung durch die kräftig organisierte Staatsgewalt über die 
Willkür kennzeichnet — , die auf dem Gebiete verschiedener Rechts- 
begriffe sich zeigende Weiterentwicklung, die neu aufblühende wissen- 
schaftliche Bewegung, endlich die Rezeption der Grundsätze des 
römischen Rechtes, — alle diese Faktoren mußten auch natürlicher- 
weise eine Veränderung in denjenigen Rechtsvorschriften mit sich 
bringen, die einzig auf die Verhältnisse des Mittelalters begründet 
waren, — sei es nun eine vollständige Verdrängung dieser Vorschriften 
oder sei es nur eine Assimilierung mit den Rechtsbegriffen der neuen Zeit. 
Der Wogenschlag dieser Bewegung ergriff auch den Begriff des Friedens 
und die Rechtsvorschriften, welche dessen Schutz nach den dem Mittel- 
alter eigentümlichen Formen normierten. Zu der Reihe der Staaten l \ 
aus deren Gesetzgebungen der Begriff des Friedens im früheren 
Sinne, sowie die früheren Formen der Friedensdelikte für immer 
verschwanden, gehörte auch Österreich. In der deutschen Gesetz- 
gebung dagegen ging der auf eine reiche historische Vergangenheit 
gestützte Begriff des Friedens in der Form von den Schutz desselben 
direkt und ausdrücklich normierenden, wenn auch den Bedingungen 
und Rechtsbegriffen der neuesten Zeiten angepaßten Vorschriften im 
Wege der natürlichen Entwicklung auch in die modernen Kodi- 
fikationen über. 

Die Thatsache, daß in der Theresiana, der ersten einheitlichen, 
für die Länder Österreichs erlassenen Kodifikation, Friedensdelikte 
nach dem Muster früherer Gerichtsordnungen, wenn auch bereits in 
modifizierter, den Anforderungen der neuen Zeit entsprechenden Kon- 
struktion (Landfriedensbruch -— Hausfriedensbruch — Urphedebruch 
— Absagerey — Befehdung), vorkommen, läßt sich dadurch erklären, 
daß die Theresiana, bei deren Veröffentlichung allerdings die subsi- 
diäre Bedeutung des gemeinen Rechtes und besonders der Karolina 
beseitigt wurde, trotzdem in Hinsicht auf ihren Inhalt in Wirklichkeit 
eine genaue Abbildung des gemeinen Rechtes resp. eine Kompilation der 
Rechtswissenschaft der damaligen Epoche war. Erst mit der Herausgabe 



1) v. das polnische Recht des XVIII. Jahrh. (S. 14). 



I. Nowotny 



des Josefinischen Gesetzes erfolgt in der österreichischen Gesetzgebung 
eine radikale Wendling, die vor allen Dingen in dem Bestreben nach 
selbstständigen, von dein gemeinen deutschen Rechte unabhängigen 
Rechtsbestimmungen zum Ausdruck kommt. Es fehlen auch in dem- 
selben jegliche Vorschriften, welche direkt und deutlich nach dem 
Muster der Theresiana den Schutz des Landfriedens, Hausfriedens, 
gemeinen Friedens usw. normieren, dagegen findet eine weitgehende 
Anwendung der Begriff „crimen vis u , der auch in den späteren 
österreichischen Strafgesetzen eine wichtige Rolle spielt. 

Die sowohl der Konstruktion, als auch dem Sinne nach der Be- 
stimmung des § S3 des geltenden Strafgesetzes entsprechende Vorschrift 
des § 51 des Josefinischen, wie auch § öS des westgalizischen Gesetzes, 
welche das Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit nor- 
miert, kann auch keineswegs als weitere Entfaltung der Bestimmungen 
der früheren Gerichtsordnungen und namentlich der Theresiana, 
die direkt und ausdrücklich den Schutz des Friedens feststellten, 
angesehen werden, da einer derartigen Interpretation sich sowohl die 
Konstruktion, als auch die Bedeutung des von der Vorschrift des 
$ 54 des Jos. und eines inhaltlich analogen von der Bestimmung 
späterer Strafgesetze umfaßten Verbrechens der öffentlichen Gewalt- 
tätigkeit widersetzen. Wir wissen, daß das Josefinische Straf-Gesetz 
in Hinsicht auf die vollständige Befreiung von dem Einflüsse der 
Doktrin und Praxis des gemeinen deutschen Rechtes, wie auch 
auf die Bestrebungen, selbstständige, von der Theresiana unab- 
hängige Konstruktionen der Rechtsbestimmungen zu schaffen — in 
der Geschichte der österreichischen Strafgesetzgebung eine ent- 
schiedene Wendung bezeichnet. Wenn wir also im Josefinischen Ge- 
setz keiner Vorschrift begegnen, die direkt und ausdrücklich über den 
Friedensschutz nach dem Vorbilde der früheren Gesetze, namentlich nach 
dem der Theresiana, handelt, wenn weiter die Bestimmung des § S3 des 
geltenden Strafgesetzes, dem das Jos. Stg. und nicht die Theresiana 
zur grundlegenden Basis diente, ihrer Bedeutung und Konstruktion 
nach der über das Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit han- 
delnden Vorschrift des § ~>4 des Jos. Gesetzes vollständig entspricht, 
so ist in weiterer Konsequenz die Interpretation der Doktrin und 
Indikator, die dem Verbrechen nach § 83 des geltenden Stg. (der 
öffentlichen Gewalttätigkeit durch gewaltsamen Einfall in fremdes 
unbewegliches Gut, Grund und Boden, Haus oder Wohnung) den 
Charakter und die Bedeutung des Verbrechens des Landfriedens- 
bruches und Hausfriedensbruches nach dem Vorbilde der vor 
dem Jos. Gesetz erlassenen Gesetze verleiht, als vollständig irrig und 



)igitized by Google 



Friedensdelikte nach dein österreichischen Strafreclite. 



65 



als den historic hen Grundlagen zu widerlaufend zu erklären. 
Die Tatsache allein, daß der Begriff des Friedens im öster- 
reichischen Strafgesetz unter der Gestalt verschiedener, jenen Schutz 
normierenden Vorschriften his zu Kodifikation der neuesten Zeiten, 
d. h. bis zum Josefinischen Gesetz auftritt, berechtigt noch keines- 
wegs dazu, gewisse Vorschriften späterer, auf ganz anderer Grund- 
lage gestützten Gesetze mit Zuhilfenahme einer künstlich konstru- 
ierten Interpretation den ihnen vollständig fremden Charakter und 
Sinn zu verleihen. 

Einer solchen Interpretation widerspricht so der Wortlaut der 
V orschrift nach § 83 des gelt. Stg. als auch die Rücksichten auf die 
historische Vergangenheit der österr. Gesetzgebung bezüglich ihrer 
Stellung zum Rechtsgut des Friedens. 

Das Verbrechen der öffentlichen ») (?) Gewalttätigkeit nach § 63 
bildet somit kein Friedensdelikt, das unter der Form „Land- 
friedensbruclr (I.Abs.) und r Hausf riedensbruch" *-) (II. Abs.i 
auftritt, sondern ein einheitliches gegen den herrschenden und 
ordnenden Willen der Einzelperson im Bereiche der ihr zustehenden 
Dispositionsgewalt über den Grund, Boden und Wohnräume, gegen 
das Rechtsgut der persönlichen Freiheit gerichtetes Delikt. 3 ) 

Zucker, der die Ansicht ausspricht, daß die historische Entwick- 
lung, welche dem im § S3 bezeichneten Delikte „des Landfrieden.s- 
bnicbes** eine selbständige Stellung im Systeme verschafft und gesichert 
hat, stets bei Beurteilung der erwähnten Norm im Auge zu behalten 
sei, hat leider von seiner Warnung keinen Gebrauch gemacht; die 
Berücksichtigung derselben hätte ihn zu einem mit der Interpretation 
der Iudikatur und Doktrin, die das Verbrechen der öffentlichen Ge- 
walttätigkeit im § Stg. als Landfriedensbruch charakterisiert, im 

1) Begriff der öffentlichkeit, Lutz (.Strafrechtliche Abhandl. v. II. Bennecke 
1901). In Beziehung auf die Allgemeinheit, das Publikum: 1. Die Wahmehmungs- 
möglichkcit. 2. Die Beteiligungsmöglichkeit für unbestimmt viele und welche in 
Bezug auf eine Handlung. 

2) Der durch die regelmäßige Hinstellung des Hausfriedensbruches im 
neuen deutscheu Strafrecht für lebensfähig erklärte Hausfrieden ist nicht für sich 
ein höherer Frieden, sondern aufgehend in dem öffentlichen Rechtsfrieden 
im Staat, oder in der öffentlichen Sicherheit im Staate. — Üscnbriiggen, Der 
Hausfrieden 1S57 S. 94 (v. auch Hosenfeld. Vergl. Darstellung d. d ausländ. 
Straf r. Bd. V. S. 392 u. f.). 

3» Hälsehner, Das gemeine deutsche Strafrecht Bd. II. § 43. S. 144. Lammasch, 
Grundriß des Strafr. S. 48, Binding, Lehrbuch Bd. I § 29. S. 119, Rosenfeld, 
ibid., etwas abweichend, Meyer, Lehrbuch §109 IS. 515. Oppenheim, Kommentar 
§ 123 S. 292, Ophausen, Kommentar S 123 S. 503, John in Holtzend. Hdb. 
Bd. III § 2S u. Anm. 1 § 154, v. Liszt, Lehrbuch § 117 S. 899 u. a. 

Archiv für Kriminalantitropologie. 30. Bd. 5 



66 



I. Nowotny 



Widerspruch stehenden Resultate geführt - doch wollte er sich lieher 
auf die Approbierung der Stellung der Iudikatur und Doktrin be- 
schränken, wodurch er allerdings den von ihm übrigens mit Recht 
ausgesprochenen Grundsatz, daß für das österreichische Strafrecht die 
Beachtung des historischen Momentes von großer Wichtigkeit sei, die 
Bedeutung einer leeren Phrase verlieh. Dieses historische Moment 
aber, auf das sich Zucker beruft und das sowohl bei ihm, als auch 
in der Interpretation der Iudikatur und Doktrin keine Berücksich- 
tigung erfahren hat, stellt uns erst die Frage über die Bedeutung und 
den Charakter des im § 83 bezeichneten Verbrechens im richtigen 
Lichte dar, es erweist, daß der Begriff des Friedens im Sinne der 
mittelalterlichen Gerichtsordnungen nicht auf dem Wege einer natür- 
lichen und ununterbrochenen Entwicklung in das geltende Strafgesetz 
übergegangen ist, wie dies im deutschen Recht der Fall ist, sondern 
daß er mit der Herausgabe des Josefinischen Gesetzes vollständig 
aus der österreichischen Gesetzgebung verschwand, daß es also nicht 
nur falsch, sondern auch gefährlich ist, den Bestimmungen des gel- 
tenden Gesetzes im Wege einer künstlichen Interpretation diesen 
Charakter und Sinn unterschieben zu wollen, der einzig als Denkmal 
der Vergangenheit angesehen werden kann, — wie auch überhaupt alle 
Konzessionen gefährlich sind, die von den Grundlagen der historischen 
Entwicklung eines Begriffes oder einer Reehtsinstitution aus zu Gunsten 
einer künstlichen Interpretation gemacht werden. 

Resümieren wir obige Bemerkungen, so muß konstatiert werden, 
daß der Begriff des Friedens im Sinne der mittelalterlichen Gerichts- 
ordnungen aus dem österreichischem Strafrecht seit Einführung des 
Josefinischen Gesetzes verdrängt wurde und dem Begriff des crimen 
vis den Platz räumte, daß somit auch dem geltendem Strafgesetz, 
dessen Grundlage das Josefinische Strafgesetz bildet, der Begriff 
des Friedens in obigem Sinne und Charakter fremd ist, 
fremd auch die Friedensdelikte nach dem Muster der 
Landgerichtsordnungen und der Theresiana. 

Nun könnte man fragen, womit angesichts dieses Resultats sich 
die Stellung der Doktrin rechtfertigen läßt, da sie doch auch noch 
anderen Bestimmungen des geltenden Strafgesetzes, nicht nur dem § 83, 
den Charakter der den Schutz des Friedens normierenden und die 
Kategorie der Friedensdelikte in weiterem oder geringerem Umfang; 
bildenden Vorschriften verliehen hat? 

Das eine von der Judikatur und Doktrin abweichende Stellung 
einnehmende, von uns erreichte Resultat hält durchaus nicht an der 
einen Annahme fest, daß die einzige und vernünftige, von den Kodi- 



)igitized by Google 



Friedensdeükte nach dem österreichischen Straf rechte. 



67 



fikatoren nicht genügend hervorgehobene Grundlage gewisser Be- 
stimmungen des geltenden Strafgesetzes eben jener den heutigen Ver- 
hältnissen und Rechtsbegriffen angepaßte, mit seiner historischen Ver- 
gangenheit und Bedeutung nichts als den Namen gemein habende, 
durch die wissenschaftliche Abstraktion ausgebildete Begriff des 
Rechtsfriedens ist, der ebenso wie andere Rechtsgüter von Seiten des 
Strafrechtes einen besonderen Schutz verlangt. So weit also die 
Doktrin als Vertreterin der Theorie durch Erweis der wesentlichen 
Bedeutung dieser Bestimmungen des geltenden Strafgesetzes und Fest- 
stellung der Grundlage ihrer Existenz, d. h. dieses erst durch die 
wissenschaftliche Abstraktion ausgebildeten Begriffes des Rechts- 
friedens, die durch unklare und teilweise mißglückte Konstruierung 
derselben hervorgerufene Lücke ausgefüllt hat, so weit hat sie ihrer 
Aufgabe vollständig entsprochen. Die jedoch in ihrer Stellung er- 
sichtliche Kontroverse betreffs der Frage über die Interpretation der 
Bedeutung und des Charakters des Rechtsfriedens als besonderen 
Rechtsgutes vom Standpunkte der Abstraktion aus rief in ihrer 
Konsequenz eine gewisse Verwirrung betreffs der Frage über die 
Festsetzung der Friedensdelikte vom Standpunkte des positiven Rechtes, 
hervor. 

VI. Der Hechts frieden in abstracto und vom Standpunkt des 

positiven Rechts. 

So wie in den früheren Zeiten das Endziel und die Endaufgabe 
aller Vorschriften des Strafrechtes, die nach außen in der Gestalt gott- 
gewollter Normen auftraten oder auch vom Staate aufgestellt wurden, 
die Begründung eines Friedenszustandes als der Grundlage der Existenz 
und normalen Entwicklung zum Inhalte hatten, so ist auch heute das 
Endziel aller kriminal-politischer Bestrebungen des Staates und die 
endgültige Aufgabe einer jeden Strafgesetzgebung die Ausbildung 
einer dauernden Ordnung und Ruhe auf rechtlicher Grundlage innerhalb 
des Staates. Die heute herrschenden Begriffe von dem Wesen der 
Verbrechen als von Handlungen, die nicht nur gegen das speziell 
betroffene Individuum gerichtet sind, sondern zugleich auch die Inter- 
essen der durch die Idee der Zusammengehörigkeit verbundenen 
Gesamtheit verletzen, sind das "Resultat der modernen Begriffe vom 
Recht, den Pflichten und Aufgaben des Staates. Wenn in den früheren 
Zeiten die verletzte Einzelperson, ohne auf den Schutz und die Hilfe 
von Seiten des jeglicher Gewalt entblößten Staates zu rechnen, im 
Wege der Fehde und Rache sich für das erlittene Unrecht Satisfaktion 
suchen mußte, so begibt sie sich heute vor allem unter den Schutz 

5* 



68 I. Nowotny 

des Staates und verlangt von diesem die Erfüllung der von ihm über- 
nommenen Pflichten, d. h. den rechtlichen Schutz als der Folge jenes 
garantierenden Verhältnisses. In dem Rahmen des Grundsatzes „suuni 
cuique tribuere 14 erfüllt auch der Staat die übernommene Pflicht und 
garantiert jedem Ilechtssubjekt bezüglich der ihm zustehenden, von 
den Bestimmungen des positiven Rechts umschriebenen Rechtssphäre 
einen gehörigen Schutz, solange es die Grenzen dieser Sphäre nicht 
überschreitet. 

Der Zustand einer vollständig (objektiv und subjektiv) unge- 
störten und vor jeglicher gesetzwidrigen Ingerenz von Seiten dritter 
Personen gesicherten Freiheit der Bewegung im Rahmen der Rechts- 
sphäre bildet eben den Begriff des Friedens im gegenwärtigen Sinn. 
Das Gesamtbild des Begriffes des Rechtsfriedens vom Standpunkt der 
Abstraktion hat folgende Bestandteile : die objektive Seite desselben 
als Ausdruck des Verhältnisses äußerlicher Natur und die subjektiv e 
Seite als Ausdruck des Verhältnisses innerer, intellektueller Natur. 1 ) 

Der Begriff des Rechtsfriedens als genus umfaßt überdies den 
Begriff sowohl des öffentlichen als auch des privaten Rechts 
friedens als species generis. 

Analog zu obigen Formen, unter denen der Begriff des Rechts- 
friedens nach außen auftritt, läßt sich auch die prinzipielle Einteilung 
der Friedensdelikte je nachdem diese den objektiven Rechtsfriedens- 
zustand oder subjektives Rechtsfriedensgefühl der Einzelperson resp. 
der Gesamtheit zum Verletzungsobjekte haben, vornehmen. 

Vom Standpunkte des geltenden Strafgesetzes und der Neben- 
gesetze können somit nur nachstehende Delikte als Friedensdelikte 
bezeichnet werden: 

I. XIII. Fall des Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit 
durch gefährliche Drohung: 

Verletzungsobjekt: das öffentliche (Gemeinden oder 
Bezirke) und das Rechtsfriedensgefühl der Einzelperson. 

II. Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen Nationalitäten, Religions- 



1) Ooers-Zeitsehrift f. d g. 8trafr. wiss. XIX. Bd., S. 47ü. 4SO. — Desselben: 
Der Hcchtsfricden als besonderes Rechtsgut u. s. w. 1900. — Abweichend: 
Hälschner Strafr. Bd. II, 8. 50S. § 151, Abs. fi. (Das Bewußtsein der Rechts- 
sicherheit ist zwar die Folge des für gesichert erachteten Friedenszustandes u. s.w.) 
v. auch Oppenheim — Die Objekte des Verbrechens, § 47, Ötker Die Ver- 
gehen gegen den öffentlichen Frieden und die Umsturzvorlage. — Beilagen 
No. 37—40 v. 6—9. Februar 1895 zur allgem. Zeitung: (Es wird in der Regel 
genügen, wenn der Friedenszustand gegen Verletzungen ausreichend sichergestellt 
ist, ein besonderer (iefühlsschutz wird daneben nicht notwendig Bein. S. 3). 



)igitized by Google 



Friedensdelikte naeh dem österreichischen Strafrechte. 



69 



Genossenschaften, Körperschaften und dergleichen. (Vergehen 
nach § 302.) ') 

Verletzungsobjekt: öffentliches Rechtsfriedensgefühl. 

III. Verbreitung falscher beunruhigender Gerüchte oder Vorher- 
sagungen (Übertr. nach § 308). 

Verletzungsobjekt: öffentliches Rechtsfriedensgefühl. 

IV. Verbrechen nach § 9 des Ges. v. 27. Mai 1885, Z. 134 Rgbl. 
(Glorifizierung, Rechtfertigung der anarchistischen Attentate.). 

Verletzungsobjekt: öffentliches Rechtsfriedensgefühl. 
Somit hätten wir die Kategorie der Friedensdelikte vom Stand- 
punkt des geltenden Strafgesetzes erschöpft 
Es drängt sich nun die Frage auf: 

Können die von den Vertretern der Theorie aufgezählten und 
als gegren das Rechtsgut des Friedens gerichteten Delikte nach 
65, 300 und 305 des gelt StG. als Friedensdelikte in der eigent- 
lichen Bedeutung dieses Wortes angesehen werden? Meiner Ansiebt 
nach — nein. 

Obwohl man zwar diesen Delikten die Etikette der Störung der 
öffentlichen Ruhe und Ordnung aufgedrückt hatte, taucht doch aus 
dem Charakter und der Bedeutung der bezüglichen Vorschriften die 
Tendenz empor, auf eine andere, weit wichtigere Seite Nachdruck zu 
legen, namentlich auf die Notwendigkeit eines absoluten Schutzes der 
Staatsinteressen und staatlich-sozialen Einrichtungen vor allzu radikalen 
nach Umsturz des bestehenden Zustandes strebenden Elementen, die 
besonders iu der radikalen Presse ihren Ausdruck finden. Deswegen 
kann man auch obige Vorschriften als eine Art von Ausnahmevor- 
schriften mit politischer Färbung anssehen, als ein privilegium odiosum 
für radikale Strömungen — dessen Bildungsmotiv nur das Bestreben 
war, die Staatsinteressen und sozialen Einrichtungen mit entsprechendem 
Schutz zu umgeben. Denn in der Tat haben weder Aufreizung zur 
Verachtung oder zum Ilasse wider die Person des Kaisers, noch die 
Aufforderung zum Ungehorsam, zur Auflehnung oder zum Wider- 
stande gegen Gesetze, Verordnungen usw., zur Herabwürdigung der 
Verfügungen der Behörden, der Einrichtungen der Ehe, der Familie, 
des Eigentums usw. irgend etwas Gemeinschaftliches mit dem Rechts- 
gute des Friedens. Den eigentlichen politischen Charakter der be- 
ll Genesis: Die Bestimmungen des französischen Gesetzes vom 9. September 
1S35, Art. IS („provocation ä la haine entre les diverses classes de la societe") 
und des Dekrets der provisorischen Regierung vom U./12. August 1*48, Art 7 
UQniconque . . . aura cherche a troubler la paix publique en exeitant le mepris 
ou la haine des citoyens les uns contre les autres sera puni 



70 



I. Nowotny 



sprochenen Vorschriften konstatiert übrigens am besten die Praxis, 
die beweist, daß diese Vorschriften zu einer erfolgreichen Waffe in 
der Hand der Behörden in erster Linie gegen die allzu radikale 
Presse in der Form privilegierter Paragraphen zur Begründung der 
Konfiskationen wurden, in zweiter Linie aber gegen die Propagatoren 
radikaler Anschauungen in der Form eines erfolgreichen Knebels für 
ihre oratoriscben Gelüste auf öffentlichen Versammlungen. Das also, 
was bei der Konstruktion der eigentlichen zum Schutz des Rechts- 
friedens dienenden Bestimmungen das Ziel sein soll, wurde im vor- 
liegenden Falle als Mittel zur Erreichung eines Zweckes politischer 
Natur verwendet Eine ähnliche Bedeutung hatte seiner Zeit in 
Deutschland das sozialistische Ausnahmegesetz vom 21. Oktober 1878, 
das unter dem Schein des Schutzes des öffentlichen Rechtsfriedens 
sich als einziges Ziel die vollständige Niederdrückung des immer 
weitere Kreise schlagenden Sozialismus steckte; ebenso der nicht 
minder tendenziöse § 130 des Deutschen StG. in der sogenannten 
Umsturzvorlage vom 5. Dezember 1994. 



Digitized by Google 



II. 

Das Verbrechen des Kindesmordes nach öster- 
reichischem Recht. 

Von 

Alfrod Amschl in Graz. 



In Rom lag auf dem Vatermord keine Strafe, weil man dieses 
Verbrechen für undenkbar hielt; in der Tat währte es über ein halbes 
Jahrtausend, bis der erste Vatermord begangen wurde. (Chamberlain, 
Grundlagen des XIX. Jahrhunderts, S. 207.) 

So möchte man denn auch Kindesmord für undenkbar halten. 
Die Vorstellung, daß ein Wille, bestimmt der schönsten Blüte mensch- 
lichen Empfindens zu dienen, der Mutterliebe, die Frucht des eigenen 
Leibes vernichtet, erfüllt uns mit Abscheu. Unwillkürlich glauben 
wir an ein Abweichen von der Norm, an pathologische Vorgänge, 
die den Egoismus aufstacheln, so daß er alle Hemmungen überwältigt 
und die ganze Natur des Menschen in unüberwindliche Fesseln schlägt 

Englisches Recht unterscheidet ehenso wenig als französisches 
den Kindesmord von anderen Fällen des Mordes und straft ihn daher 
wie Mord, mit dem Tode. Auch das japanische Strafgesetz vom 
23. Apnl 1907 läßt eine Bestimmung über Kindesmord vermissen. 
(§ 199 ff.) 

Nach § 217 DRStG. wird eine Mutter, welche ihr uneheliches 
Kind in oder gleich nach der Geburt tötet, mit Zuchthaus nicht unter 
drei Jahren bestraft. Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt 
Gefängnisstrafe nicht unter zwei Jahren eSn. Als „Kind u gilt die 
Frucht von den ersten Anfängen der Geburt an, auch wenn noch im 
Mutterleibe, bei Beginn der Ausstoßung. 

Für Österreich hat Hoegel die Quellen des Strafrechtes er- 
schlossen (Geschichte des österr. Strafrechtes, Wien 1904 und 1905). 
Ihm folgen wir in unserer Skizze über die historische Entwicklung des 
Verbrechensbegriffes (vergl. Hoegel, II. Teil, S. 72, 81, 101, 104, 
HS, 147, 148, 152, 159, 178, 179,188,198,200,208,219,226,233,259.) 



72 



II. A.MHCHJ. 



Den Keinen der straf gesetzlichen Bestimmungen wider Kindes- 
mord eröffnete die Malefizordnung Max I. für Tirol (1499). Sie hält 
noch an der Hypothese der lebendigen Frucht fest, weshalb die Be- 
griffe des Kindesmordes und der Abtreibung in einander verschwimmen : 
„Welche Frau ein Kind vertut, die soll lebendig ins Erdreich be- 
graben und ein Pfahl durch sie geschlagen werden". 

Die Constitutio criminalis Carolina vom 27. April 1532 bebandelt 
Kindesmord als schweren Fall des Mordes. „Welches Weib ihr Kind, 
das lieben und Gliedmaßen empfangen hätte, heimlicher, boshaftiger, 
williger Weise ertötet, die werden gewöhnlich lebendig begraben und 
gepfählt. Aber darin Verzweiflung zu verhüten, mögen dieselben 
Übeltäterinnen, in welchen Gerichten die Bequemlichkeit des Wassers 
dazu vorhanden ist, ertränkt werden. Wo aber solche Übel oft ge- 
schehen, wollen wir die gemeldete Gewohnheit des Vergrabens und 
Pfählens um mehr Furcht willen solcher boshafter Weiber auch zu- 
lassen, oder aber, daß vor dem Ertränken die Übeltäterin mit glühenden 
Zangen gerissen werde, alles nach Bat der Rechtsverständigen." 

Die Landesordnungen für Tirol von 1532 und 1573 zeigen keinen 
sonderlichen Fortschritt gegenüber der Maximilianeischen Halsgerichts- 
ordnung. Von einem Einflüsse der Carolina, die zwischen Kindes- 
mord und Abtreibung unterscheidet, ist nichts zu merken. 

Nach der steirischen [.and- und peinlichen Ilalsgerichtsordnung 
des Erzherzogs Karl vom 24. Dezember 1571 wird wegen Mordes 
bestraft „Item wer mit Gift oder anderer Gestalt einen Menschen 
vom Leben zum Tode bringt oder Kinder vertan hätte. u 

Die Landgerichtsordnungen Ferdinands III. vom 30. Dezember 
1656 für Nieder- und Leopolds I. vom 14. August 1675 für Ober- 
Österreich bringen zum erstenmal mildere Behandlung des K inder- 
vertue ns zum Durchbrach. „Obzwar unter nächstvorhergehendem 
Artikel von dem Vatermord in allerweg auch die Mutter begriffen, 
welche ihre leiblichen Kinder entweder gleich nach der Geburt des 
Lebens zu berauben und heimlich zu vertun sich vermessen, weil 
aber viele unterschiedliche notwendige Punkte in dem ganzen Prozeß 
dieses Lasters wohl zu merken, so haben wir zur besseren Nachricht 
solche in einem besonderen Artikel zu verfassen, für notwendig befunden." 
— Es heißt dann gewissermaßen entschuldigend: „obschon sonst so- 
wohl im gemeinen Rechte, als insonderheit der peinlichen Halsgerichts- 
ordnung Karls V. dergleichen Kindesmörderinnen lebendig begraben 
und gepfählt, oder wo die Gelegenheit des Wassers ist, ertränkt 
werden, so wollen wir doch, Verzweiflung zu verhüten, daß eine solche 
Täterin mit dem Schwerte vom Leben zum Tode hingerichtet werde". 



)igitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Recht. 



73 



Erschwerend war es. wenn das Verbrechen öfter oder mit be- 
sonderer Grausamkeit verübt wurde, in welchen Fällen Handabhauen 
und so oftmaliges Zwicken mit glühenden Zangen, als die Mörderin 
Kinder umgebracht, eintrat. Dagegen war mildernd die Verführung 
durch die eigene Mutter. Ferner war jene, die trotz der Folter darauf 
beharrte, daß ihr das Kind unversehens in die Heimlichkeit gefallen 
sei, oder die nicht gewußt habe 7 daß sie schwanger sei, nicht am 
Leben, sondern „in anderem Wege* zu bestrafen. Ebenso sei jene 
willkürlich zu bestrafen, welche trotz Tortur darauf bestanden habe, 
r daß sie an das Kind keine mörderische Hand angelegt, sondern 
dasselbe entweder in währenden Geburtsschwächen oder aus Unter- 
lassung mütterlicher Hilfe, so nicht aus bösem Vorsatz geschehen, 
gestorben. 44 

Die Halsgerichtsordnung Josef I. vom 16. Juli 1707 für Böhmen, 
Mähren und Schlesien behandelt den Kindesmord im engeren Sinne 
ähnlich wie die Ferdinandea als Unterart des Verwandtenmordes. 
-Die Strafe ist das Schwert und nach der Enthauptung soll man 
den Körper ins Grab legen, einen Pfahl durch das Herz schlagen 
und alsdann verscharren, welche Strafe auch mit glühenden Zangen 
Zwicken, Abhauung der Hände und dergleichen verschärft wird, 
wenn sie mit besonderer Grausamkeit die Mordtat vollbracht hat." 

Erst die Theresiana vom 31. Dezember 176b unterscheidet im 
art 87 r Von dem Kindervertuen oder Mordtat, so an neugeborenen 
Kindern geschieht 44 , zwischen positivem und negativem Kindesmord. 
.Es sind zwar unter dem nächst vorhergehenden Artikel von dem 
Vatermord in Allweg auch die Mütter begriffen, welche ihre leiblichen 
Kinder entweder in oder gleich nach der Geburt des I^ebens be- 
rauben und heimlich zu vertun sich vermessen; weil aber bei diesem 
Laster viele unterschiedliche notwendige Punkte in Abführung des 
Prozesses wohl zu merken sind, so haben wir zur besseren Nachricht 
solche in einem besonderen Artikel zu verfassen für nötig befunden. 
Die Bestrafung dieses greulichen Lasters der Kindesvertuung und 
Kindesmordes betreffend, da setzen und ordnen wir, daß Erstlich 
eine solche unbarmherzige Mutter, welche ihre eigene Leibesfrucht 
vorsätzlich und gefährlicher Weise durch eine Tathandlung ertötet, 
wenn die Bekenntnis oder sonst genügsame Überweisung vorhanden 
ist und die eigentliche Erkundigung der Tat rechtsbeständig eingeholt 
worden, mit dem Schwerte hingerichtet, nach der Enthauptung ihr 
Körper ins Grab gelegt, ein Pfahl durch das Herz geschlagen und 
sodann verscharrt werden solle. Wäre es aber, daß andertens die 
Kindesmutter an ihrer Leibesfrucht zwar keine gewalttätige Hand 



74 



II. Amschl 



angelegt, sondern durch bloße Unterlassung ihrem Kind den Tod 
verursacht hätte, als da sie die Nabelschnur nicht verbunden und 
wodurch sich das Kind verblutete, oder da sie das Kind ohne Nahrung 
liegen und verschmachten lassen und solchen Falls soll dieselbe eben- 
falls mit dem Schwerte, jedoch ohne Durchpfählung des Körpers be- 
straft werden. Welche Strafe jedoch nur dazumalen vorzunehmen 
ist, wenn die Unterlassung mit Vorsatz und geflissentlicher Absicht 
auf die Ertötung des Kindes geschehen ist. 

Beschwerende Umstände sind, 1. wenn sie solche Untat öfters 
begangen, oder 2. das Kind ohne vorhin erteilte Taufe ums Leben 
gebracht oder 3. die Mordtat mit besonderer Grausamkeit vollbracht 
hat. In den beiden ersten Fällen soll der Täterin Hand und Kopf 
abgeschlagen, sodann beides aufs Rad gesteckt; letzteren Falles aber 
dieselbe mit glühenden Zangen gezwickt oder in anderweg die Todes- 
strafe verschärft werden. 

Es mildert aber die Strafe nebst anderen in vorhergehenden 
Artikeln vermeldeten Ursachen auch dieses, wenn ein minderjähriges 
Weibsbild aus Rat, Hilfe oder Anstiftung ihrer Mutter das Kind vertan 
hat und ist solches, wenn noch andere erhebliche Vermutungen dazu 
kommen, eine Anzeige wider die Mutter zur peinlichen Frage. u 

Am 2. Januar 1776 wurde die Folter aufgehoben, nachdem 
Sonnen fels in seiner Schrift „Abschaffung der Tortur* (1775, Zürich ) 
wärmstens dafür eingetreten. Zugleich erhielt die oberste Justizstelle 
den Auftrag, sich gutachtlich über die Abschaffung der Todesstrafe 
und über deren Ersatz zu äußern. Es würde zu weit führen, auf all 
die Resolutionen und Gutachten einzugehen; sie können bei Hoegel I. 
S. 73 ff., nachgelesen werden. Die Arbeiten der Kompilations- 
kommission dauerten zunächst bis September 17SI, zu welcher Zeit 
die Grundsätze des neuen Strafgesetzes der kaiserlichen Schlußfassung 
unterbreitet wurden. Einige Stimmen wandten sich gegen die Todes- 
strafe für jene Fälle, in denen eine ledige Weibsperson ihr Kind in 
oder gleich nach der Geburt entweder durch Unterlassung oder durch 
wirkliche Handanlegung tötet, da dieser Mord zur Verhehlung 
der Schande begangen werde, die Schmerzen der Geburt 
eine solche unglückliche Weibsperson in solche Ver- 
wirrung setzen, daß jener vorsätzliche Wohlbedacht 
nicht einschreite, ohne welchen kein Verbrechen be- 
gangen werde. Allein die Mehrheit der Stimmen erachtete, der 
Mord eines unschuldigen Kindes, sobald es geboren ist, verrate immer 
eine besondere Grausamkeit und müsse um so härter angesehen 
werden, als die Strenge des Gesetzes dem Kinde jene Sicherheit ver- 



)igitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Recht. 75 

schaffen müsse, die es sich in seiner eigenen Wehrlosigkeit nicht 
verschaffen kann. Die Entschuldigung einer Geniütsver wirrung treffe 
bei jedem Laster zu, da keines mit kaltem Blute begangen würde- 
Das Laster sei zu frequent und fordere daher auch von dieser Seite 
mehrere Aufmerksamkeit. Jede vorsätzliche Lebensberaubung eines 
geborenen Kindes sei wie jede andere Gattung des Mordes anzusehen 
und mit schärferer Strafe zu behandeln. 

Damit war das Motiv des Ehrennotstandes und der Sinnes- 
verwirrung, dessen Klänge wir bereits deutlich vernommen, wieder 
verstummt 

Über den Bericht der Kompilationskommission arbeitete Kreli 
den Entwurf des I. Teiles des Kriminalrechtes aus, dessen § 123 in 
einem einzigen Falle die »Strafe des Kindesmordes auf ein zeitliches, 
aber hartes Gefängnis oder öffentliche Arbeit herabsetzte, wenn nämlich 
eine Mutter ihr außer der Ehe geborenes Kind nur zu dem Ende 
tötet, damit ihre bis dahin verborgen gebliebene Schwächung nicht 
entdeckt werde und ihr zugleich keine anderen Mittel der Geheim- 
haltung offen gestanden sind. 

Die Kompilationskommission nahm in der Sitzung vom 22. Fe- 
bruar 1753 wesentliche Änderungen vor und strich die Bestimmung 
über den Kindesmord vollständig; empfahl aber, da der Kretische 
Vorschlag viel Billiges hat, den Kriminalgerichten durch geheime 
Instruktion den Inhalt dieses Vorschlages mitzugeben, um hiernach 
die Aburteilungen einzurichten, wo sodann das nämliche auf eine 
Art erreicht wird, die kein Aufsehen macht und dem Leben unschuldiger 
Geschöpfe minder gefährlich wird. 

Am 31. Januar 1785 erstattete die Kompilationskommission neuen 
Bericht, nachdem die oberste Justizstelle im Dezember 1784 mildere 
Behandlung des Kindesmordes empfohlen hatte, weil die Bande 
natürlicher Schamhaftigkeit junge unbedachtsame Mädchen 
von der Entdeckung ihrer Schwangerschaft mit einer fast unüber- 
windlichen Gewalt zurückhalten. Ebenso natürliche Angst und 
Furcht vor Eltern, Verwandten und Bekannten unterstützen ihre 
Verheimlichung noch mehr. Wenn nun am Ende ihr von der Ver- 
lassenheit, den Geburtsschmerzen, der Entkräftung, der 
verlorenen Unschuld, oft auch des mangelnden Unterhai tes 
für sich und das Kind verfinsterter Verstand auf die irrige Wahl 
geführt wird, in welcher sie ihr eigenes Wohl der Erhaltung des ihr 
gleichsam noch unbekannten Kindes vorzieht, so lassen sich 
in der Lage einer solchen Unglücklichen viele Betrachtungen 
nicht mißkennen, nach welcher eine so harte und ewige Strafe, als 



70 



11. Amschl 



der Buchstabe des Gesetzes wider sie verhängt, für ihre Moralität 
nicht angemessen ist. , 

Die Motive des Ehrennotstandes und der Sinnenverwirrung 
erklingen in diesem Berichte bereits lauter. Man beachte die Zeit 
seines Ursprunges — 17S5! Die Gretchenlegende lag gewissermaßen 
in der Luft, Schillers Kindesmörderin war bereits 1781 in der 
..Anthologie" erschienen. 

Der Referent der Kompilationskommission anerkannte die billigen 
Rücksichten der obersten Justizstelle, hielt aber eine Änderung des 
Gesetzes nicht rätlich und fand die bereits erwähnte geheime Instruktion 
ausreichend. Die übrigen Stimmen erachteten, daß der Kindesmord 
ohnehin durch andere politischen Wege (Findelhäuser, Gebäranstalten) 
als durch Kriminalstrafe hintangehalten werden müsse. Es sei doch 
immer in solchem Falle gegen einen gemeinen Mord ein wichtiger 
Unterschied der Bosheit, daher soll der Kindesmord mit geringerer 
Strafe belegt werden. Ein solcher Mord geschieht auch, wenn einem 
neugeborenen Kinde durch geflissentlich unterlassene Unterbindung 
oder vorsätzliche Entziehung jener Hilfe, die dem Leben des Kindes 
unentbehrlich ist, der Tod zugezogen wird. Kaiser Joseph entschied 
für die Streichung. Tatsächlich fehlt im Josephinischen Strafgesetz 
vom 13. Januar 1787 der Kindesmord. 

Die Reformbedürftigkeit dieses Gesetzeswerkes führte zu neuen 
Arbeiten. 

Der Haan sehe Entwurf vom 12. Januar 1793 gelangte zur 
Beratung in einer Kommission, die ihre Sitzungen am 6. Juli t793 
beendigte. Sie beschloß eine besondere Bestimmung über Kindesmord, 
derzufolge gegen eine ledige Weibsperson, die ihr neugeborenes Kind 
tötet, 10 bis 20 jähriges, wenn sie das Kind durch Unterlassung der 
bei der Geburt nötigen Pflege hinscheiden läßt, 5 bis 10 jähriges 
Gefängnis verhängt wird. 

Diese Bestimmung ging in den zweiten Haanschen Entwurf vom 
4. Januar 1704 über. 

Das Ergebnis der nach Einlangen der Berichte der Länder- 
kommissionen am 3. April 1797 wieder eröffneten Beratungen, bei 
denen Zeil ler das Referat führte, war die Aufnahme einer neuen 
Bestimmung, die zum erstenmale zwischen ehelichen und unehelichen 
Kindern unterscheidet. 

„Gegen eine Mutter, die ihr neugeborenes Kind bei der Geburt 
tötet «»der das Kind durch absichtliche Unterlassung der bei der Geburt 
nötigen Pflege dahinsterben läßt, ist, wenn der Mord an einem ehe- 
lichen Kinde geschehen, lebenslänglicher schwerster Kerker zu 



)igitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Recht. 



77 



verhängten. Außerdem hat im Falle einer Tötung in bis 20 jähriger, 
im Falle aber, da das Kind durch absichtliche Unterlassung der 
nötigen Pflege umkommt, 5 bis in jähriger Kerker statt." 

Diese Bestimmung fand wörtlich Aufnahme in die am 29. No- 
vember 1800 auf Grund der Beratung vom 26. August 1799 fertig- 
gestellte Fassung und ging in den von Zeil ler und Haan durch- 
beratenen Entwurf über. Hofrat v. Pitreich erinnerte hiezu, daß 
er in den Worten „bei der Geburt 44 zu wenig Bestimmung finde, in 
dem nicht genau ausgedrückt sei, ob unter diesen Worten bloß der 
Akt der Geburt oder ein Zeitraum von 3, 4, auch mehreren Stunden 
danach verstanden sei. Er halte es daher für nötig, eine Zeit, und 
zwar allenfalls von 24 Stunden auszudrücken. 

Die übrigen Stimmen hingegen waren mit dem Entwurf einver- 
standen, indem es nicht tunlich sei, für dergleichen Fälle eine be- 
stimmte Zeit im Gesetze festzulegen und dadurch den Richter bei 
einem Falle, der gerade nicht mit der ihm angezeigten Stundenzahl 
übereinstimmt, zu sehr zu beschränken. 

Das Strafgesetz vom 3. September 18n3 bringt im § 122 folgende 
Fassung: „Gegen eine Mutter, die ihr Kind bei der Geburt tötet oder 
durch absichtliche Unterlassung des bei der Geburt nötigen Beistandes 
umkommen läßt, ist, wenn der Mord an einem ehelichen Kinde ge- 
schehen, lebenslanger schwerer Kerker zu verhängen. War das Kind 
unehelich, so hat im Falle der Tötung 10 bis 20 jährige; daferne 
aber das Kind durch absichtliche Unterlassung des nötigen Beistandes 
umkam, 5 bis 10 jährige schwere Kerkerstrafe statt* 

Dieser Text ging in den § 139 des heute noch geltenden Straf- 
gesetzes vom 27. Mai IS52 über. Der schwerste Kerker wurde in 
„schweren" umgewandelt, „daferne" durch „wenn" ersetzt 

In den Strafgesetzen für Sachsen, Württemberg, Braunschweig 
und Baden finden wir Pitreichs Anregung wieder. Der kritische 
Zeitraum wird auf 24 Stunden beziffert. Braunschweig und Baden 
fügen ausdrücklich bei, daß die Strafe des Kindesmordes auch dann 
einzutreten habe, wenn das Verbrechen zwar erst nach Ablauf von 
24 Stunden verübt worden ist, der besondere geistige und körperliche, 
die Zurechnung bei diesem Verbrechen vermindernde Zustand der 
Gebärenden aber noch fortgedauert hat. 

Das Motiv der Sinnenverwirrung, zuerst von der Kompi- 
lationskommission 1781 und 1785 erwogen, von Haan 1793 wieder 
aufgenommen, beherrscht seither Theorie und Praxis. (Herbst I, 
S. 300, Finger II, S. 13, Storch, Gerichtszeitung 18S2, S. 102 
und 103, Janka, S. 193.) 



78 II. Amschl 

• 

„Der Grund der milderen Behandlung des Kindesmordes liegt 
hauptsächlich in dem durch die Niederkunft verursachten psychischen 
Zustande der Gebärenden. 44 Dieser Satz gilt als Axiom, das in der 
Entscheidung des Kassationshofes vom 1. Juli 1894, Z. 9129 (Nr. 2378), 
die sich auf das als Präjudikat vom 7. Juni 1854, Z. 5817, auf Ols- 
hausen, Oppenhof, Holtzendorff, Schwarze, Hälschner 
und Hoff mann beruft, neuerdings Ausdruck findet im Satze: „Un- 
zweifelhaft beruht die mindere Straf bestimmung des Kindesmordes 
auf der durch die Geburtswehen verursachten Gemütszerrüttung der 
Mutter. Eine solche darf jedoch nicht mit der allgemein strafmildernden 
Gemütsbewegung verwechselt werden, sondern muß sich vermöge der 
ausnahmsweisen gesetzlichen Behandlung des Kindesmordes als ein 
jede Überlegung unterdrückender, die Willenskraft lähmender Geistes- 
und Gemütszustand darstellen, welcher die Mutter nicht zur vollen 
Klarheit des Bewußtseins gelangen läßt. In der Fortdauer dieses 
Seelenzustandes, in dem hierdurch bestehenden Zusammenhange 
zwischen Geburt und Tötung des Kindes liegt das für die Anwend- 
barkeit der Strafbestimmung des § 139 StG. entscheidende Merkmal." 

Diesem Grandsatz, der für die Praxis den Charakter eines Dogmas 
annahm, entstand unvermutet ein Gegner in der Person des Prof. 
Hans Groß.*) In seinem am 17. November 1906 zu Heidelberg 
gehaltenen Vortrag „ Kriminalpsychologie und Strafpolitik* 1 (Archiv, 
26. Band, S. 73 ff.) fragt Groß zunächst, mit welchem Rechte man 
bis in unsere Zeit, die nach Umwertung aller Werte strebt und nun 
auch die Feststellung des Wertes einer Strafe verlangt, einen be- 
stimmten Wert eingesetzt hat Er gelangt zum Schlüsse, daß der 
Respekt vor der historischen Macht hier sein Ende findet und daß 
nichts erübrigt, als jedes einzelne Delikt in seine psychologischen 
Bestandteile zu zerlegen, diese zu untersuchen und festzustellen, welche 
Strafe als Hemmungsvorstellung wirksam sein könne. Als Beispiel 
führt Groß die Kindestötung an. Ehrennotstand und Sinnesverwirrang 
galten bisher als Leitmotive. Sie setzen aber voraus, daß der Ent- 
schluß zur Tötung infolge und während der psychopathischen Geburts- 
vorgänge entstanden und gefaßt worden sei. Nun fragt Groß, ob 
die Praxis auch nur einen einzigen Fall kenne, worin sich dies nach- 
weisen ließe. Er bestreitet, daß jemals eine unehelich Geschwängerte 
ihr Kind tötete, die ihren Zustand vor der Geburt verraten, die für 
das Kind Vorbereitungen getroffen, die nicht im Geheimen entbunden 

*i Ebenso Ei nst Bischof f in der vorzüglichen Abhandlung „Der Geistes- 
zustand der Schwangeren und Gebärenden"' Archiv, 29. Bd., IX, der mir leider 
erst unmittelbar vor der Korrektur zu Gesichte kam. 



)igitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Recht 



79 



und die Beistand herbeigerufen hat. In allen Fallen habe die Mutter 
zuvor ihre Schwangerschaft geleugnet, keine Vorbereitungen getroffen, 
im Geheimen entbunden und keinen Beistand herbeigerufen; in allen 
Fällen ohne Ausnahme hat also die Mutter den Entschluß zur Kindea- 
tötuog schon lange vor der Geburt gefaüt. Es müssen daher die 
beiden Motive, die seit ungefähr hundert Jahren im Strafrecht eine 
so große Rolle gespielt, völlig ausgeschlossen und durch neue Motive 
für die mildere Behandlung des Kindesmordes ersetzt werden. 

Damit nimmt die Frage eine ganz neue Wendung. Sind die 
Zweifel Groß ? begründet, dann ist ein Bruch mit der bisherigen Praxis 
nicht zu vermeiden. Dann könnte die Bestimmung des § 139 StG. 
ff 217 RStGbj nur auf jene Fälle Anwendung finden, in denen sich 
Sinnenverwirrung nachweisen läßt. In allen anderen Fällen aber — 
und ihre Zahl ist weitsaus größer — müßte die Täterin wegen ge- 
meinen Mordes bestraft werden. Ob solche Praxis bei den Geschworenen 
Geschmack fände, möchte ich bezweifeln. 

Gegen die Bedenken Groß' wendet sich Prof. Graf Gleispach 
(Archiv, Bd. "27, S. 244 ff.i in seiner an psychologischer Feinheit 
reichen Abhandlung über Kindesmord (so insbesondere S. 231, • 232. 
240, 247, 263). Für ihn liegt das Typische, das den Kindesmord 
vom gemeinen Mord unterscheidet, im Zusammentreffen von abnormen 
Erregungszuständen mit Ehrennotstand, der allein zur Rechtfertigung 
der Milde ganz und gar nicht ausreicht. Dazu gesellt sich Angst vor 
Spott und Hohn; Sorge für die Zukunft des Kindes, besonders bei Erst- 
gebärenden; Vorstellung des Elends, das des Kindes im ferneren Leben 
harrt; schließlich aber auch sein Zustand im Augenblick der Geburt als 
eiens losgelösten Teiles des mütterlichen Körpers ohne Persönlichkeit, ohne 
einen Platz im Leben, — kein Mensch noch, erst ein werdender Mensch ! 

Die Schwangere, die zur Kindesmörderin wird, gelangt nach 
Gleispach überhaupt zu keinem Entschluß. Zunächst regen sich 
Zweifel, ob die Anzeigen der Schwangerschaft nicht etwa täuschen. 
Dann kommt aber das Verbergen, weil man ja doch nicht weiß, was 
geschehen kann. Daher das Zurückdrängen jedes Gedankens an die 
Zukunft; daher auch hier jene so verderbliche als verbreitete Devise: 
„Nur nichts merken lassen! Nur geheim halten! Xur nicht dran 
denken!" — Vielleicht wird doch nichts daraus und im entscheidenden 
Augenblick laßt sich noch immer eine Gebäranstalt oder Hebamme 
aufsuchen, Mitleid erwecken, das Geheimnis anvertrauen. Wenn das wie 
derTod gefürchtete Ereignis eintritt, wird ja gewiß irgend etwas geschehen 
müssen, aber vorher besteht kein Zwang zum Entschluß. Jeder Gedanke 
an das Kind, jede Vorbereitung ist untrennbar mit der Vorstellung des 



Digitized by Google 



80 



II. Amschi. 



Geburtsaktes verknüpft und dieser kann, namentlich bei Erstgebärenden, 
derartige Furcht erregen, daß sie alles zurückzudrängen trachten, was 
sie ihres Zustandes erinnert. In solchen Fällen wird dann wohl der 
Tötungsentschluß nicht vor der Geburt gefaßt, er kommt vielmehr 
erst unter der Einwirkung des Geburtsvorganges zustande. 
Gleispach unterscheidet drei Gruppen: 

1. Die Schwangere trifft sinnlich wahrnehmbare Vorbereitungen 
für das Kind. Damit ist die Annahme einer vorgefaßten Tötungs- 
absicht widerlegt. 

2. Die Schwangere beschließt, im letzten Moment noch für die 
Geburt und die Zukunft des Kindes vorzusorgen. Vorbereitungen 
werden ihr unmöglich, weil andere Gründe sie zur Geheimhaltung 
der Schwangerschaft drängen. 

3. Die Schwangere geht vor Beginn der Wochen jedem Entschluß 
und allen Gedanken an die Zukunft des Kindes aus dem Wege. 

Dem I.aien mag es nicht recht einleuchten, daß man sich heute 
nach mehr denn hundert Jahren die Köpfe zerbricht, um einem neuen 
Grunde zur milderen Behandlung des Kindesmordes nachzugrübeln. 

Wollen wir dos Richtige treffen, so müssen wir vom Phänomen 
ausgehen, mit der Tatsache der Erscheinung rechnen und deren Er- 
klärung suchen. Beobachtung der Fälle lehrt uns das Typische in 
ihnen erkennen: die mehreren Fälle derselben Art gemeinsame Grund- 
form, sei es der Begehung, sei es der Motivation: wesentlich den 
subjektiven Zug im Verbrechen, das wir zunächst nach seinen objek- 
tiven Merkmalen einteilen und benennen. Vielgestaltig wie das Leben 
selbst sind auch die Typen, denen wir innerhalb derselben Verbrechens- 
art begegnen. Sie zu schildern, zu vergleichen und abzuwägen ist 
von hohem Werte für die Beurteilung des Einzelfalles, von hohem Wert 
aber auch für den Gesetzgeber. Der Individualisierung soll weitester 
Spielraum offen bleiben, allein der Typus liefert nicht nur die Probe 
für die Richtigkeit der Rechnung, er erleichtert dem Gesetze Begriffs- 
bestimmung, Unterteilung und Aufstellung einer gerechten Strafskala, 

Nur deduktive Forschung kann auch auf diesem Felde zum 
Ziel führen. Da lehrt uns eben Erfahrung und Beobachtung, — da 
lehrt uns der historische Verlauf, der Wandel sittlicher Anschauungen 
und der Einfluß örtlicher Besonderheiten, daß der Typus des Ehren- 
notstandes zu den größten Seltenheiten, jener der Sinnenverwirrtheit 
zu den Ausnahmen zählt. Gewiß liegt die Versuchung nahe, Schande 
als Motiv für die Beseitigung ihrer lebendigen Zeugen anzunehmen, 
da Kindesmord doch nur an unehelichen Kindern vorkommt. Es 
gab Zeiten, in denen ein armes verführtes oder ^entehrtes* 4 Mädchen 



)igitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordea nach österreichischem Recht. 81 



allgemeiner Verachtung, ja dem Hohn und Spott aller Mitbürger ver- 
fiel. Die Gretchen und Bärbelcben, die Schillersche Kindesmörderin, 
sie mußten ihre Sünden mit der Ausstoßung aus der menschlichen 
Gesellschaft, mit dem Tode büßen. Der Gretchenmythus hat nicht 
nur die Strafgesetzgebung beherrscht, er wirkt heute noch fort und 
einer, der außerhalb der Praxis steht, wird sich von ihm schwer los- 
sagen können. Allein dieser Typus ist vollends ausgestorben und 
unter den heutigen Kindesmörderinnen dürfte sich kaum eine finden, 
die mit tragischem Pathos ausrufen wird: 

Schönheit war die Falle meiner Tugend, 
Auf der Richtstatt hier verfluch' ich sie! 

Soviel steht fest, daß die überwiegende Mehrzahl, wenn nicht 
die Gesamtheit der Fälle sich auf ein Milieu beschränkt, dem der 
Besitz unehelicher Kinder als gröblicher Verstoß wider die Moral 
nicht gilt. Dann aber kann nicht unberücksichtigt bleiben, daß heut- 
zutage die gesamte zivilisierte Welt über derartige Fehltritte nach- 
sichtiger urteilt als eine Zeit, die nach moralischen, um nicht zu 
sagen mystischen Ursachen forschte, aus denen sich die mildere Be- 
handlung des Kindesmordes ableiten ließ. 

Nun aber örtliche Anschauungen ! In unseren Alpen z. B. kommen 
Kindesmorde kaum vor, weil dort dem Besitz unehelicher Kinder auch 
nicht der geringste Makel anklebt und weil bei den dortigen patriar- 
chalischen Verhältnissen die Sorge für den Unterhalt keine Rolle 
spielt. Hier wird Ehrennotstand zur Fiktion, mag er auch im Einzel- 
falle vorgeschützt werden. 

Über das Motiv zur Tat sind wir auf die Bekenntnisse der Mutter 
angewiesen, ein Beweis läßt sich kaum erbringen. Selbstverständlich, 
daß sich die Beschuldigte, um ihre Handlungsweise zu beschönigen, 
auf Notlage, Verführung und Scham ausreden wird; den Wert solcher 
Verantwortung kann nur Menschenkenntnis und Erfahrung prüfen. 

Stehen wir auch dem Motiv des Ehrennotstandes ziemlich skep- 
tisch gegenüber, soviel steht fest, daß sich jede Gebärende, zum min- 
desten jede Erstgebärende in einem Zustande der Abnormität, der 
physischen Qual befindet, der seine Wirkung 'auf das Seelenleben 
niemals verfehlt und Widerstandsfähigkeit sowie Selbstbeherrschung 
hemmt und lähmt. 

Groß geht zu weit, wenn er die Fassung des Entschlusses 
während der Geburt in des Reich der Fabel verweist und damit den 
Einfluß des Geburtsaktes auf den Willen, auf die Psyche der Ge- 
bärenden leugnet. Sowie es Fälle gibt, in denen der Tötungsbeschluß 
schon zu Beginn der Schwangerschaft gefaßt wurde, ja ein dolus 

Archiv für Kriminmlantliropologie. 30. Bd. 6 



82 



II. AjfSCHL 



eventualis vielleicht schon der Empfängnis vorausging, so gewiß gibt 
es auch Fälle, in denen der Vorsatz erst mit den Geburtswehen 
erwacht, mit dem Geburtsakte selbst reift. Es gibt aber auch 
Falle, wo der Tötungsentschluß im I^aufe der Schwangerschaft 
oder schon vorher wie ein Blitz im Seelenleben der Schwan- 
geren aufzuckte, um rasch wie der Blitz wieder zu verschwinden. 
Der Plan mag zurückgedrängt, unterdrückt, — ängstlich mag jeder 
Gedanke daran vermieden worden sein. Man darf sich eben nicht 
vorstellen, daß der vorgefaßte Beschluß fortdauernd, von Minute zu 
Minute wach, bis zum Augenblicke der Geburt klar vor dem Be- 
wußtsein steht und den Gegenstand unaufhörlicher Reflexion bildet 
Es ist auch möglich, daß der Gedanke aus dem Dämmerzustande, 
der ihn gezeugt, nicht zum festen Vorsatz heranreift, daß er 
latent in der Seele der Schwangeren schlummert; — er kann durch 
den Geburtsakt geweckt, im Augenblicke der Geburt neuerdings 
selbständig gefaßt werden. Dann aber ist er nicht mehr jener Ent- 
schluß, der lange vor der Geburt gefaßt und zähe festgehalten wurde. 

Selbst bei längst zurechtgelegtem Plane revoltiert der Geburtsakt 
das körperliche und Seelenleben derart, daß man den Entschluß als 
in diesem Zeitpunkte neu, originär, das ganze Wesen beherrschend, 
anders beurteilen wird, als den Entschluß des gemeinen Mörders, der 
gegen einen Menschen, wenn auch im höchsten Affekt, so doch ohne 
physischen Schmerz in Tötungsabsicht handelt. — 

Wir resümieren: Ehrennotstand tritt zurück. Augenblicklichkeit 
des Entschlusses mag selten sein. Hochgradiger Affekt wird sich 
kaum leugnen lassen. Allein ein Grund zur milderen Behandlung 
des Kindesmordes gilt für alle Fälle und wird niemals in Frage ge- 
stellt werden können. Ihm wenden wir uns nunmehr zu. 

Durch alle Zeiten zieht sich der Gedanke, daß ein früher Tod 
dem früh Verstorbenen allen Erdenjammer, alle Sorgen und alle Not 
erspart. In jungen Jahren zu sterben galt den Griechen als das 
größte Glück. Frgreifend klingt der sophokleische Klagruf: Mi) 
(pvvai u;cav%a [teyiorovl Den Spartanern war das Aussetzen schwäch- 
licher Kindern auf dem Berge Taygetos erlaubt. Ohne der traurigen 
Weltanschauung zu huldigen, die das Heil in der Verneinung des 
Lebens sucht und zum entmutigenden Pessimismus einer bereits über- 
wundenen Epoche führt, wird auch einer helleren, froheren, den Wert 
des Lebens hochschätzenden Geistesrichtung der Mord eines Wesens, 
das den Wert des Daseins noch nicht kennt und fühlt, minder straf- 
bar gelten, als die Zerstörung eines blühenden und reifen Menschen- 
lebens. 



Digitized by Google 



Das Verbrecheu des Kindetuuordes nach österreichischem Recht. 83 



Und so kommen wir denn zn jenem legislativen Motiv, das nie- 
mals verstammen kann: Der Kindesmord maß milder bestraft werden, 
weil da- Verbrechensobjekt noch kein voller Mensch ist, ein 
Teil des Mutterleibes, von diesem kaum noch losgetrennt; ein Lebe- 
wesen ohne Gefühl oder Willen, das noch]keiner Freude des Lebens, ja 
des Daseins selbst noch nicht sich bewußt geworden; das den Schmerz 
der Tötung nicht empfindet und dem die Grenze zwischen Sein und 
Nichtsein noch nicht zur deutlichen Linie geworden; — das aber auch 
der Mutter, wie schon die oberste Justizstelle 17S4 sich ausdrückte, 
-gleichsam noch unbekannt* [ist und daher jene Neigung, die sich 
durch das Heranwachsen und Gedeihen, durch die stete Beobachtung 
des kleinen Wesens und durch das Zusammenleben mit ihm zur 
zärtlichsten Liebe steigert, noch nicht erwecken konnte. 

Dieser Grund zur milderen Behandlung wird bleiben, wenn auch 
der Wandel der Zeiten die Gründe des Ehrennotstandes zerstört, wenn 
auch in einzelnen Fällen die Tat bei klarem Bewußtsein, nach aus- 
gereiftem Plane geschah und daher der Sonderbehandlung des 
Kindesmordes sich zu entziehen scheint. 

Aber noch ein weiterer Grund führt zur ^milderen Bestrafung 
dieses Verbrechens: Die Notwendigkeit übergreifender, abgestufter 
Strafrahmen, die Herstellung einer gewissen Relation in den Straf- 
sätzen gewisser Deliktsarten. Beginnt ja doch das Zerstörungswerk 
gegen das keimende Leben schon mit den Schutzvorkehrungen zur 
Verhütung der Empfängnis. Vor dem Richterstuhle der Sittlichkeit 
wird das Zerstörungswerk zum| Verbrechen mit der weiblichen Kastra- 
tion, deren Verbreitung Zola in seinem Romane „Fecondite" so 
schonungslos aufdeckt. Vor dem Richterstuhle des Gesetzes aber 
beginnt das Verbrechen mit der Abtreibung der Leibesfrucht, schon 
von der Carolina als Vorstufe zum Kindesmord erkannt. Die Straf- 
barkeit steigert sich mit der Lebensfähigkeit und Lebenskraft des 
Opfers. Vom biologischen Standpunkt erscheint uns die Tötung eines 
willenlosen und unnützen Geschöpfes minder strafwürdig und auch 
hier weist uns die Geschichte ihre Spuren (vgl. Mord am eigenen 
Kinde unter mildernden Umständen, Archiv Bd. X, S. 70 ff, — vgl. 
auch die Tötung des Vaters durch den fliehenden Kara Georg, — 
vgl. insbes. Grimm, Rechtsaltertümer, S. 486—490). 

D n Weg zur Wahrheit aber führt uns das Studium der prak- 
tischen Fälle. Aus ihnen erschließen wir die Motive zur Tat nach 
ihnen formen wir die Typen. Der alte Mitt er maier (a. a. 0. S. 72) 
bezeichnet das Studium der Straffälle als die Quelle des reichsten 
Materials für den Gesetzgeber. Aber auch ein ganz moderner, Ernst 

6* 



Digitized by Google 



84 



11. Amschl 



Fuchs, (Schreibjustiz und Richterkönigtuni) ruft aus: „Umzulernen, 
das Recht zu sichern, zu verfechten, zu sprechen, gibt es doch nur 
einen Weg: aufs genaueste das Leben und die Menschen kennen zu 
lernen, kurz wiederum : beobachten zu lernen/ 

Nun aber wagen wir uns auf das Gebiet der praktischen Fälle, 
der Beobachtung, der Erfahrung. Zunächst führen wir Beispiele vor, 
wie man in manchen Gegenden über den Besitz unehelicher Kinder, 
über Geschlechtsleben und Geschlechtsehre denkt. Moralisch nach 
unseren Begriffen ist die Anschauungsweise nicht, allein die Moral 
wechselt nach Völkern und Geschichtsperioden (vgl. Carneri, Sitt- 
lichkeit, II. Aufl. S. 496, 251). 

Dann aber wollen wir jene Fälle von Kindesmord schildern, die 
uns aus der eigenen Praxis in der Erinnerung haften. Wir werden 
uns enthalten, daran Schlußfolgerungen zu knüpfen. Dies mögen die 
Theoretiker besorgen. 

Bei allen meinen im „Archiv" gesammelten Schilderungen prak- 
tischer Fälle suchte ich sie nach meinen bescheidenen Kräften aus 
den Schranken kriminaljuristischer Referate zu kleinen Kultur- und 
Sittenbildern emporzuheben. Mag auch die Rechtsfrage in den Vor- 
dergrund treten, — das soziale und volkstümliche Moment rückt sie 
erst ins rechte Licht. Die Schilderung des Milieus erhöbt das Inter- 
esse am einzelnen Fall. Derbheiten und Anzüglichkeiten lassen sich 
nicht unterdrücken. Für Prüderie findet sich in wahrheitsgetreuer 
Darstellung kein Platz, denn wir bringen Leben und Menschen wie 

sie sind, nicht wie sie sein sollen. 

* * 

Ich diente zwei Jahre als Bezirksrichter im Hochalpengebiet. 
Einige Sittenbilder, aus der Erfahrung jener Zeit gesammelt, mögen 
hier Aufnahme finden. Einleitend sei folgendes bemerkt: 

Einsames Leben der Mädchen in den Alpenhütten, allwo sie 
schutzlos allen Anfechtungen preisgegeben sind; Armut, die durch 
Bodenverhältnisse bedingt ist und Ehen erschwert; Mangel an sonstigen 
Freuden des Lebens, das im Kampf mit den Elementen, in harter 
Arbeit und Entbehrung einförmig dahinfließt; von Generation zu 
Generation sich vererbende Überlieferung, daß der Besitz unehelicher 
Kinder nicht den mindesten Makel auf die Mutter wirft ; Geneigtheit, 
ein Mädchen, das in gewissen Jahren noch keine sprechenden Beweise 
ihrer Fruchtbarkeit geliefert, mit spöttischer Geringschätzung zu be- 
handeln; Übung, daß Eltern, Verwandte und Freunde sich bemühen, 
ihren Mädchen bei Eintritt in die gefährlichen Jahre rechtschaffene 
Liebhabor zu vermitteln, um sie vor Verführung durch „leichtsinnige 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Hecht. 



85 



Kunden' 4 zu bewahren; dürftige Lebensverhältnisse, die häufig zur Folge 
haben, daß alles in einem Zimmer schläft, ja daß Knecht und Magd 
ihre Liegerstatt in einem und demselben Stallraum besitzen, worin 
niemand etwas Anstößiges erblickt: Dies alles trägt dazu bei, Unsitte 
in Sitte zu wandeln und ihr das Merkmal des Verächtlichen und Ver- 
botenen zu nehmen. In der Tat, vom Standpunkt echter Sittlichkeit 
erscheint uns das Treiben des Alpenlebens, das eines poetischen 
Zuges nicht entbehrt, weniger bedenklich als so manche Erscheinung 
im städtischen Kulturleben, die sich in den Schleier der Verborgenheit 
zu hüllen weiß. 

I. 

Einem wohlhabenden Mädchen fiel nach der Eltern Tode das 
väterliche Bauerngut zu. Die Stütze der jugendlichen Besitzerin in 
der Wirtschaft war der Maierknecbt, den sie, von ihm Mutter geworden, 
nach Ableistung seiner Militärpflicht zu heiraten beabsichtigte. Der 
Knecht rückte nach Bosnien ein, ein anderer trat an seine Stelle, 
trat auch bald in seine Rechte und zum zweitenmale wurde die 
Bäuerin Mutter. Niemand verargt' es ihr und auch ihr erster Geliebter 
nicht, der. vom Militär in die heimatlichen Berge zurückgekehrt, seine 
junge Bäuerin ehelichte. Sie lebten zufrieden und glücklich und fast 
jedes Jahr bescheerte dem Paar einen neuen Sprößling. 

Jahre verstrichen. Ein Mädchen, von Geburt an im Hause, war 
mittlerweile herangewachsen. Es besaß ein Vermögen von hundert 
Gulden in depositenamtlicher Verwahrung, war Sennerin und erhielt 
von Touristen, die in ihrer Hütte ausruhten oder nachtigten, reichliche 
Trinkgelder. 

Eines Tages erschien die Bäuerin bei Gericht mit der Frage, 
oh die „Zuchttochter" ihre Sparpfennige dem Depositum zulegen 
dürfe. Das Mädchen war sehr hübsch und bis jetzt auch brav. Die 
Bäuerin meinte, es wäre schad, wenn es unsoliden Liebhabern zur 
Beute fiele. Ihr Mann und sie suchen für die Dirne, weil sie bereits 
in den gefährlichen Jahren sei, unter der Verwandtschaft des Bauern 
nach einem braven und sauberen Burschen, mit dem man sie zusammen- 
bringen wolle, um sie vor liederlichem Lebenswandel zu bewahren. 

Nach einiger Zeit erschien die arme Bäuerin wieder und klagte, 
sie habe zwar einen solchen Burschen gefunden, aber auch entdeckt, 
(laß ihr Mann der Liebhaber des Mädchens sei, weshalb sie ihn ob Ehe- 
bruchs verklage. Sie bat mich unter Tränen, ich möge sie einsperren und 
ihr gestatten, im Arreste zu stricken, damit sie ihren Kummer vergesse. 

Ich suchte sie zu beruhigen und stellte ihr vor, daß auch sie 
ihrem jetzigen Manne während seiner Militärzeit die Treue gebrochen. 



Digitized by Google 



86 



II. Amüchl 



Dagegen verwahrte sie sich entschieden. Auch in jener Zeit habe 
sie ihren Mann geliebt, obgleich auch er während der zwei Jahre 
ihrer Trennung „natürlich" mit einer anderen ein Kind gehabt. Sie 
selbst sei ja gezwungen gewesen, dem zweiten Maierknecht ihre Gunst 
zu schenken, — hatt' er ihr doch für den Weigerungsfall mit der 
Kündigung gedroht. Was hätte sie machen sollen? die „g'nötigste 4 * 
Arbeit, sie selbst nicht imstande, ohne diesen Knecht die Wirtschaft 
zu führen, ihr Geliebter auf zwei Jahre in Bosnien — da sei es doch 
gewiß nichts Unrechtes gewesen, a^aß sie sich dem Knecht hinge- 
geben. . . . 

2. 

In einem anständigen Bauernhause diente ein kaum sechzehn- 
jähriges sehr hübsches Mädchen als Viehmagd. Die Bäuerin ließ es 
im Herrenhause schlafen und sperrte nachts, der Gepflogenheit in jenen 
Gegenden zuwider, das Haustor ab, um die Tugend der noch zu 
jugendlichen Magd zu hüten. Allein der Nachbarknecht Lazarus hatte 
das Wohlgefallen der Dirn erregt und sie bestürmte die Bäuerin, ihr 
auch das Schlafen im (un versperrbaren) Stalle zu gestatten; sie würde 
sicher keinem anderen als Lazarus Einlaß gewähren, auf das Vieh 
sehr gut schauen und auch das Licht sorgfältig bewahren, damit 
keine Feuersbrunst entstünde. 

Die Bäuerin beschwor das Mädchen, noch einige Jahre r so u zu 
bleiben, damit es seine Schönheit erhalte und nicht vor der Zeit altere, 
nicht vor der Zeit der Kinder wegen in Elend und Not gerate; sie 
versprach sogar Erhöhung des Lohnes und Fürsorge für die zukünf- 
tigen Kinder. 

Die Magd wollte von alledem nichts wissen und drohte durch- 
zugehen. Nun geriet auch die Bäuerin in Zorn, mußte sich aber die 
schnippische Bemerkung gefallen lassen, sie brauche dem Mädchen 
nicht so vorzupredigen, da sie doch auch ein „lediges Kind u habe. 
Weil aber die Bäuerin trotzdem das Schlafen im Stalle nicht erlaubte, 
floh das Mädchen ins Gebirge, verbarg sich bei einer Freundin, ward 
durch einen Hausierer zufällig verraten, weigerte sich hartnäckig, 
heimzukehren und mußte durch die Gendarmerie zurückgebracht 
werden. Eher aber lasse sie sich einsperren, erklärte sie dem Dienst- 
geber, als daß sie zum Gespött ihrer Kameradinnen bei den Bauers- 
leuten schlafe und wirklich, diese waren es, die nachgeben mußten, 
da sie des Mädchens Arbeitskraft nicht missen konnten, an einen Er- 
satz in dieser Jahreszeit aber nicht zu denken war. Das Mädchen 
schlief von nun an im un versperrten Stall und binnen kurzem zeigten 
sich die Folgen. 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Hecht. 



87 



3. 

Eine andere Magd unterstützte von ihrem geringen Jahreslohn 
(fünfzehn Gulden!) ihre arbeitsunfähige uneheliche Mutter. Sie hatte 
erfahren, wie sich einst ihr Vater seinem Kinde gegenüber benommen 
und gelobte, dies niemals zu vergessen. 

Er hatte seinerzeit die Vaterschaft entschieden geleugnet. Die 
Mutter brachte das Kind zu Gericht, zeigte dort dem Vater das kleine 
Wesen und bat ihn, doch etwas Weniges zu dessen Unterhalt beizu- 
steuern. Der Vater blieb hart und wollte vom Kinde nichts wissen. 

Zwanzig Jahre später wankte er, alt und schwach, schon kaum 
mehr arbeitsfähig, zur Alpenhütte seiner einst so schnöde verleug- 
neten Tochter und bat diese inständigst um eine kleine Unterstützung, 
denn es gehe ihm elend und er habe nichts zu essen. Die Tochter 
schickte ihn fort, wenn auch zu Tränen ergriffen. Der Mutter gebe 
sie gern was sie könne; ihm aber, der sie sogar bei Gericht zurück- 
gestoßen, gebe sie keinen Kreuzer; er dürfe sich nicht mehr bei ihr 
blicken lassen. Sie schlug ihm das Fenster vor dem Gesichte zu. 
Der alte Mann humpelte weiter, gequält von Reue darüber, was er 
einst gesündigt. 

4. 

Eine BrenÜerin (Sennerin), von einem recht braven und intelli- 
genten Knechte, der beim Militär gedient hatte und stolz darauf war, 
Mutter zweier Kinder, erkrankte eines Nachts an einer Art Starr- 
krampf. 

Der Knecht erzählte mir mit treuherziger Offenheit, sie sei 
von ihm wieder in die Hoffnung gekommen. Eine Magd, bei dem- 
selben Bauer bedienstet, habe ihr ein Abortivmittel angeraten. Ohne 
was Schlechtes in der Tat zu erkennen, nahm die Brentlerin das 
Mittel ein und erkrankte schwer. Der Knecht überhäufte sie mit 
Vorwürfen, denn: 

Besser a Muada 
Als a Luada 

(besser eine Mutter als ein Luder, d. h. besser ist es, Mutter- 
schmerzen und Muttersorgen zu tragen als eine Niedertracht begehen), 
das Mädchen aber schwor ihm, nie mehr dergleichen zu tun. 

Es war dies der einzige Fall von Abtreibung, der sich seit Men- 
schengedenken dort zugetragen, wie denn auch Kindesmorde im eigent- 
lichen Alpengebiete kaum vorkommen. 

5. 

Nur einmal drohte ein sechzehnjähriges verkommenes und schwach- 
sinniges Mädchen mit Kindestötung. Am Faschingsonntag hatte sie 



Digitized by Google 



88 



11. Amschl 



einen hübschen neunzehnjährigen Burschen verleitet, bei ihr zu schlafen. 
Neun Monate später brachte sie ein Kind zur Welt Sie selbst ver- 
mocht' es nicht zu ernähren, weil sie wegen ihrer Beschränktheit und 
geringen Verwendbarkeit ohne Liedlohn dienen mußte und weil man 
ihr nirgends gestattete, das Kind, das sie in ihrer ohnehin unzuläng- 
lichen Arbeit gehemmt hätte, bei sich zu haben. Ihr Vormund, ein 
armer Schuster, nahm sich des Kindes an. Nicht imstande, die 
Kosten für Kleidung, Wäsche und Milch allein zu bestreiten, schritt 
er zur Vaterschaftsklage. Der junge Bursche, vertreten durch seinen 
Vater, gestand die Tatsache der Beiwohnung, ward zur Leistung 
eines Unterhaltsbetrages von zwei Gulden monatlich verurteilt, zahlte 
dem Vormund sofort fünf Gulden, blieb aber mit den weiteren Raten 
im Rückstände, so daß der Vormund genötigt war, auf den Liedlohn 
des Burschen Exekution zu führen, wobei er die Alimentationsforde- 
rung auf einen Gulden für den Monat einschränkte. 

Nun erschien der Bursche vor Gericht mit der Anzeige, er sei 
gar nicht der Kindesvater, sondern ein anderer junger Bursche, den 
die Mutter schon vor Klagerhebung zur Zahlung herangezogen und 
der auch freiwillig die Entbindungskosten bestritten hatte. Er selbst, 
obwohl zur Unterhaltsleistung verurteilt, könne für das Kind nichts 
tun, weil er sich Kleider anschaffen müsse und von seinem Bauer 
davongejagt würde, wenn es zur Exekution auf seinen Liedlohn 
käme. 

Der Bursche überreichte durch seine gesetzliche Vertretung eine 
Oppositionsklage. Bei der hierüber gepflogenen Verhandlung erzählte 
das Mädchen, acht Tage vor dem Faschingsonntag nachts von einem 
Knecht und seiner Geliebten in die Knechtekammer mitgenommen 
worden zu sein. Dort standen zwei Betten. In dem einen schlief 
ein anderer Knecht, in das zweite legte sich das Liebespaar, das 
seine Begleiterin aufforderte, sich zum anderen Knecht ins Bett zu 
legen, was sie sofort tat. Sie weckte den Knecht und pflog mit ihm 
geschlechtlichen Verkehr, den sie auch späterhin mit ihm fortsetzte. 

Sie gestand nun vor Gericht, daß dieser Knecht und nicht der 
zur Unterhaltsleistung verurteilte Bursche des Kindes Vater sei, weil 
sie die Folgen jener paarweise verbrachten Nacht schon fühlte, bevor 
sie sich dem zweiten Burschen hingab. Diesen habe sie als Vater 
bezeichnet, weil er am Gerichtsort diente und daher bequemer zu be- 
langen war. Dann aber auch aus Furcht, weil sie das vom ersten 
Liebhaber empfangene Geld heimlich für sich verbraucht hatte. Am 
liebsten war' es ihr, wenn das Kind stürbe. Stirbt es aber nicht, so 
wirft sie's ins Wasser. 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmorde« nach <"»terreichisehein Recht 



89 



Der erste Liebhaber erklärte, er habe die Vaterschaft niemals in 
Abrede gestellt, nie sich geweigert, Unterhalt zu leisten; er werde 
dies auch fortan tun, nur war' es gerecht, wenn der andere, der doch 
auch beim Mädchen gewesen, dazu beitrüge. 

Der zweite Liebhaber erklärte sich hierzu gerne bereit und meinte 
auf Vorhalt des Richters, daß ein Kind nur Einen gesetzlichen Vater 
haben könne und daß das Gericht beide weder zur Zahlung verurteilen, 
noch einen Vergleich zwischen ihnen genehmigen dürfe, „das Gericht 
braucht ja nichts davon zu wissen ! u 

Tatsächlich zahlten in Zukunft beide Väter an den Vormund frei- 
willig und pünktlich jeden Monat ihre Rate. — 

Aus diesen Fällen wird der Leser ersehen, warum in jenen Ge- 
genden das Motiv des Ehrennotstandes ins Reich der Fabel gewiesen 
würde und warum Kindesmorde daselbst nicht vorkommen. 

Nun aber will ich jene Fälle von Kindesmord schildern, die mir 
aus meiner eigenen Praxis in Steiermark erinnerlich sind. Der Leser 
mag dann urteilen, welche Rolle das psychopathische Motiv, welche 
Rolle der Ehrennotstand bei VerÜbung dieses Verbrechens spielt. 

1. 

Die Dienstmagd Aloisia Rein ') in Stainz unterhielt seit mehreren 
Jahren mit einem Bauernsohn ein Liebesverhältnis, dem ein Kind 
entstammte, für das beide Eltern nach Kräften sorgten. Die Geburt 
war leicht vor sich gegangen, das Kind kräftig und gesund. Nach 
achttägigem Wochenbett vollständig genesen, setzte die 24jährige 
Aloisia Kein den geschlechtlichen Verkehr mit ihrem Liebhaber fort. 
Im Frühling 1S78 fühlte sie sich schwanger. Sie empfand darob 
keine Freude, aber auch keinen besonderen Arger, verschwieg jedoch 
ihren Zustand jedermann, auch ihrem Liebhaber. Wohl aber war 
ihrer Dienstgeberin der veränderte Körperumfang des Mädchens auf- 
gefallen und sie zog daraus ihre berechtigten Schlüsse. 

Freitag, den 27. September, fiel der Frau auf, daß ihre Magd 
plötzlich schwächer geworden sei. Sie dachte sofort an eine Abtreibung 
der Leibesfrucht, ließ aber nichts merken. 

Sonntag morgens kleidete sich die Magd, deren Schlafstätte sich 
in einer Stube des Erdgeschosses befand, auf dem Dachboden an. 
Ein alter Schubladkasten barg daselbst ihre Habseligkeiten. Zufällig 
betrat die Bäuerin den Bodenraum. Ihr Blick fiel auf die über und 
über mit Blut besudelte Wäsche der Magd. Sie tat nichts dergleichen. 

1) Namen alle verändert. 



Digitized by Google 



90 



II. Amschl 



Aloisia Rein begab sich zur Kirche, dann mit ihrem Geliebten ins 
Wirtshaus; kein Mensch nahm an ihr etwas Auffälliges wahr. 

Die Bäuerin, von Neugier getrieben, stieg während der Abwesen- 
heit ihrer Magd auf den Dachboden, fand die beiden oberen Laden 
des Kastens offen, die unterste aber, was sonst nie der Fall war, ab- 
gesperrt. Da der Schlüssel obenauflag, öffnete die Bäuerin die unterste 
Lade und fand sie mit Fetzen angefüllt, darüber eine Schürze lose 
gebreitet Sie betastete das Zeug, griff einen festen Gegenstand, 
schlug die Schürze um und erblickte zu ihrem Entsetzen die Leiche 
eines neugeborenen Kindes. 

Sogleich rief sie ihren Mann herbei, der den Gemeindevorsteher, 
einen Bruder des Geliebten der Magd, und die Gendarmerie allar- 
mierte. Aloisia ward im Wirtshaus lustig und guter Dinge ange- 
troffen, ließ sich mit der größten Unbefangenheit verhaften und legte 
vor Gericht nach einigem Zögern ein reumütiges Geständnis ab. 

Mittwoch, den 26. September, hatte sie ein Anfall von Diarrhoe 
aus dem Schlafe geweckt. Sie eilte in den Hof und kauerte an 
einem Misthaufen nieder. Mit den Faeces ging unvorhergesehen 
und drei Monate vor der Zeit — ihre Leibesfrucht ab. Sie erschrak, 
verlor aber keinen Augenblick die Sinne. Ehe sie sich's versah, 
schlug das Kind mit dem Kopfe sacht auf den Erdboden an. Es 
schrie nicht, atmete aber. Die Mutter hob es empor und wärmte es 
an ihrer Brust, eilte dann in das Haus zurück, nahm ein auf dem 
Fensterbrett liegendes Küchenmesser, mit dem sie am Abend Salat 
zerkleinert hatte, schnitt die Nabelschnur entzwei, warf die Nachgeburt 
auf den Misthaufen, wickelte das noch lebende Kind in ihre Schürze, 
verbarg es in der untersten Lade ihres auf dem Dachboden befind- 
lichen Schubladkastens, legte sich zu Bett, ging am nächsten Morgen, 
ohne etwas merken zu lassen, ihrer Arbeit nach, stieg aber die fol- 
genden Tage, so oft sie konnte, in die Dachkammer hinauf, betrach- 
tete die Kindesleiche mit Tränen und schloß sie sorgfältig wieder ein. 
So trieb sie es bis zu ihrer Verhaftung. 

Die Gerichtskommission fand am 10. September das Kind in der 
untersten Lade des Kastens; keine Spur von Verwesung zeigte der 
kleine Körper, der so reinlich in die Fetzen gebettet lag, als ob er 
gewaschen worden wäre. 

Die Gerichtsärzte bestätigten, daß die Frucht unaus getragen, 
etwa 6 Monate alt. weiblichen Geschlechts, von greisenhaftem 
Aussehen war, 1 kg wog und eine Körperlänge von 35 cm aufwies, 
— daß das Kind gelebt und geatmet habt* und bereits tot in die 
Lade gebracht worden sei. Die Frage, ob das Kind lebensfähig war, 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Kecht. 91 

beantworteten sie mit der Erklärung, der Fall sei insofern selten, als 
ein neugeborenes Kind, das seiner ungenügenden Entwicklung und 
Ausbildung wegen voraussichtlich ungeachtet etwaiger zarter Sorgfalt 
und aufmerksamer Pflege nicht hätte am Leben erhalten werden 
können, vor seinem natürlichen Ende getötet wurde. 

Aloisia Rein meinte, sie sei selbst eine arme Person, die schon 
für ein Kind sorgen müsse; sie habe besser getan, das arme 
Geschöpf aus einer Welt des Elends und der Entbehrun- 
gen zu schaffen. Und dennoch habe sie sich von ihrem toten 
Kinde noch immer nicht trennen können. 

Das Schwurgericht verurteilte sie wegen absichtlicher Tötung 
ihres unehelichen Kindes bei der Geburt zu drei Jahren schweren 
Kerkers; nach zwei Jahren und fünf Monaten wurde sie vom Kaiser 
begnadigt. 

2. 

Hart am Murfluß, in der Nähe von Frohnleiten, erhebt sich ein 
Schloß, dessen Besitzer seinen weiten Park dem Besuche des Publi- 
kums freigab. Zwei Teiche lockten zu K ah nf arten; im Winter tum- 
melte sich die Jugend auf dem Eise. Zur Sommerzeit zog ein hübsches 
Mädchen im Alter von IS Jahren die Aufmerksamkeit der jungen 
Herren auf sich. Sie wusch am Fluß die Wäsche, breitete munter 
und singend die Linnen auf der Wiese aus, ein Bild der Jugend und 
Heiterkeit, von den Knechten des Schlosses sichtlich umworben und 
ihren Späßen zwar nicht ausgelassen entgegenkommend, aber durch- 
aus nicht zaghaft abhold. 

Im Winter merkte man, daß das Mädchen zu schwach gewesen, 
den Werbungen Widerstand zu leisten. 

Am 15. Februar 18S3 erschien der Schloßverwalter bei Gericht 
und zeigte an, daß Anna Keller — so hieß das Mädchen — geboren, 
das Kind jedoch beseitigt haben müsse. Die Gerichtskommission be- 
gab sich in den Schloßpark und traf im Stallgebäude das Mädchen 
beim Abnehmen der Wäsche von den Stricken an. Sie war ganz un- 
befangen und leugnete, je schwanger gewesen zu sein, wohl aber be- 
hauptete sie, am „Blutschwanrtn" gelitten und in der Nacht vom 13. 
auf den 14. Februar viel Blut verloren zu haben. In der Tat fanden 
wir nächst ihrem Bett auf dem Fußboden eine große Blutlache. Die 
gerichtsärztliche Untersuchung ergab, daß Anna Keller vor ganz kurzer 
Zeit geboren haben müsse. 

Der Park war mit tiefem Schnee bedeckt, der Wasserstand des 
Flusses ein sehr niedriger. Vom Stallgebäude führten Fußspuren nach 
dem etwa 140 Schritt entfernten Murfluß und zurück. Wir verfolgten 



Digitized by Google 



92 



II. Am!*chl 



diese Spuren und fanden am Ufer die halb in Weidenruten hängende, 
halb im Wasser schwimmende Leiche eines sehr kräftigen Kindes. 
Nun half kein Leugnen mehr; traurig senkte Anna den Kopf und 
schwieg. Ihre Dienstgeberin , die Frau des Herrschaftskutschers, 
machte ihr bittere Vorwürfe, worauf Anna erwiderte: „Frau, weinen 
Sie nicht, ich hab's getan, ich muß auch selbst leiden, ich werde 
schon reden!" 

Sie gestand hierauf, daß sie in der Nacht vom 13. zum 11. Februar? 
etwa um 2 Uhr, von Wehen überrascht worden sei und eine Menge 
Blut verloren habe; mit dem Blut sei auch das Kind abgegangen. 
Sie habe sofort Hausschuhe angesteckt, das lebende Kind an einem 
Händchen gefaßt, durch den Park bis zur Mur geschleppt und in den 
Fluß geworfen. Schaudernd sei sie in ihr Nachtlager zurückgekehrt 
im festen Glauben, das Geheimnis der Geburt und ihres Verbrechens 
für immer in den Wellen des Flusses begraben zu haben. 

Das Kind, weiblichen Geschlechtes, wog 3500 g und besaß eine 
Körperlänge von 51 cm, Brustumfang 32 cm. Der große Diagonal- 
durchmesser des Schädels 16, der kleine 12.5 cm. Der vorhandene Rest 
der Nabelschnur mißt 5 cm und zeigt deutliche Spuren des Anreißens- 
Das Kind hat nach der Geburt gelebt und ist an Stickfluß umge- 
kommen. Die Arzte konstatierten aus ihren Aufschreibungen, daß 
Anna Keller schon am 7. November 1882 bei ihnen beiden gegen das 
Ausbleiben der Menses Hilfe gesucht und von ihnen erfahren habe, 
daß sie schwanger sei. Sie behauptete, daran nicht geglaubt 
und deshalb auch keinerlei Vorbereitungen für das Kind 
getroffen zu haben. Vor der Geburt habe sie nie die Absicht ge- 
habt, ein Kind zu töten; sie wisse selbst nicht, wie ihr dieses Vor- 
haben so plötzlich kam, sie habe auch nie darüber nachgedacht^ was 
beginnen, wann ein Kind käme. 

Der Gemeindevorsteher gab an, daß sich das Mädchen keines 
guten I^eumunds erfreue, sich gerne mit Burschen herumschlage und 
gegen seinen Vater, der es darob tadelte, solchen Haß hegte, daß sie 
ihm bei Begegnungen auswich. 

Anna Keller büßte mit vier Jahren schweren Kerkers. 

3. 

Am 29. September l&sö fand der herrschaftliche Maurer Michael V. 
in einem nächst dem I^andhause des Barons F. auf der Pußta Aka 
aufgerichteten Eimerbrunnen den stark verwesten Leichnam eines neu- 
geborenen Kindes, dessen Mundhöhle ein Knebel aus schwarzem Zeug 
ausfüllte. 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesraordes nach österreichischem Recht. 93 

Die vom ungarischen Gerichte verfügte Obduktion ergab, daß das 
Kind männlichen Geschlechtes, ausgetragen und lebensfähig war; dal) 
es nach der Geburt, wenn auch nur kurze Zeit, gelebt habe und daß 
als Todesursache Erstickung angenommen werden müsse. 

Objektiv schien also Kindesmord durch absichtliche Tötung bei 
der Geburt erwiesen, allein wo war die Täterin? — Gegen niemand 
wandte sich ein Verdacht, eine Schwangerschaft hatte man unter dem 
weiblichen Dienstpersonal nicht wahrgenommen, geheimnisvolles Dunkel 
ruhte auf dem ganzen Vorfall und anfänglich überwog die Entrüstung 
darüber, daß man den Pußtabrunnen durch die Kindesleiche vergiftet, 
das Interesse an der Tat. 

Allmählich aber dämmerte die Erinnerung an unaufgeklärte Vor- 
fälle des verflossenen Frühlings empor. 

Im Juni 18S3 war Elise Haderpilz, ein fleißiges und nicht un- 
gebildetes Mädchen, als Kammerjungfer der Baronin auf die Pußta 
gekommen. Am 6. Juni 18S6 war sie aus dem Dienste getreten und 
abgereist 

Am frühen Morgen dieses Tages hatte die fünfzehnjährige (!) 
Amme Julcsa vergeblich Einlaß in das Zimmer der Kammerjungfer 
begehrt und sich bestürzt zur Köchin geäußert: „Ein großes Unglück 
ist geschehen! Ich wollte zu Elisen, sie ließ mich aber nicht ein; ich 
hörte sie dann heftig weinen und bald kam sie schlank und mager 
aus dem Zimmer heraus.* 

Sofort nach Elisens Abreise hatte die Hausmagd Antonia Blut- 
lachen in deren Zimmer bemerkt, die aber schon aufgewaschen 
schienen; auch das U'intuch auf Elisens Bett war ganz „wässerig**. 

Im Schlosse wußte man, daß der Kammerdiener Imre Elisen 
gerne sah und man munkelte von vertraulichen Beziehungen. 

Durch Vernehmung dieses Imre, der mit Elise nach ihrer Abreise 
brieflichen Verkehr pflog, weil er sie zu heiraten beabsichtigte, ward 
sie in Graz als Kammerjungfer der Gräfin Cz. ausgeforscht und, zu 
deren Schreck, am 20. Dezember 1SS6 verhaftet. Es war ein schlankes, 
blondes, sanftäugiges Mädchen, nett gekleidet, unbefangen und höflich. 
Sie leugnete auf das Entschiedenste, bis sie am Weihnachtsabend ein 
volles Geständnis ablegte. 

Schon im Jahre 1 883 hatte Elise Haderpilz in Ödenburg ein Kind 
geboren, das aber nach kurzem Dasein starb. Im Juni 1S83 war sie 
zu Baron F. auf die Pußta gekommen. Bald knüpfte sie mit dem 
Kammerdiener Imre, den sie noch immer zärtlich liebte, ein Verhältnis 
an, dessen Folgen Ende September 1885 sich regten, 



Digitized by Google 



94 



II. A.M8CHL 



Elise hielt ihre Schwangerschaft geheim; nicht einmal 
ihren Geliebten zog sie ins Vertrauen. Obwohl sie ihren Znstand durch 
entsprechende Toilette maskierte, war er einigen Hausgenossinnen 
nicht entgangen, die Herrschaft aber merkte nichts. 

Elise kündigte ihren Dienst, weil sie es nicht über sich bringen 
konnte, ihr Geheimnis zu offenbaren und richtete die Kündigung so 
ein, daß sie am 1. Juni, mehrere Wochen vor der erwarteten Entbin- 
dung, die Pußta hätte verlassen sollen. Sie gab aber noch einige 
Tage zu, weil das Eintreffen ihrer Nachfolgerin sich verzögerte. 
Endlich ward die Abreise für den 6. Juni festgesetzt, denn am frühen 
Morgen dieses Tages fuhr der Gutsherr zur nächsten Bahnstation. 
Am Vorabend fühlte sich Elise sehr leidend. Der Abschied von Imre, 
der ihr Tee und Glühwein brachte, ging ihr nahe. Sie packte selbst 
ihren Koffer und trug die schwere Nähmaschine auf den Korridor. 
Ruhig schlief sie ein. Gegen Morgen erwachte sie und brachte ohne 
Wehen das Kind zur Welt. Sie ward ohnmächtig, erholte sich jedoch 
bald und fühlte, wie das kleine Wesen atmete. Mit einer Scheere 
schnitt sie die Nabelschnur entzwei. Was nun? — 

Ihre Lage war verzweifelt. Anstatt abzureisen, mußte sie, dem 
ganzen Schlosse zum Spott, der Herrschaft zum Arger, dem Geliebten 
und sich zur Schande, hier bleiben, — das konnte sie nicht ertragen. 
Sie riß aus einem Kleide den Sack, stopfte ihn dem Kind in den 
Mund, wickelte es in ein Tuch und schlich, der verschwiegenen Nacht 
vertrauend, die Zeugin so mancher süßen Stunde gewesen, zur Zisterne, 
in die sie das Kind hinabsenkte, überzeugt, ihre Sünde für immer 
dem Tageslicht verborgen zu haben. Sie wusch das Blut von den 
Dielen des Zimmerbodens und vom Bettuch, so gut es ging, und fuhr 
einige Stunden später zur Eisenbahn, die sie in andere Länder trug. 
Sie hatte falsch gerechnet 

Das Urteil lautete auf drei Jahre schweren Kerkers. 

4. 

Am 14. Mai 1SS9 plätscherten Grazer Schuljungen in einem 
Mtthlgang (Murarm). Sie prallten an einen sonderbaren Wickel und 
schälten aus einem Unihängtuch und einem Wollkittelrest die stark 
verweste Leiche eines neugeborenen Kindes weiblichen Geschlechtes. 
Die Obduktion ergab, daß das Kind mit dem noch um den Hals ge- 
schlungenen Nabelstrang erdrosselt wurde, völlig ausgetragen, lebens- 
fähig und kräftig gebaut war. Die Nachforschungen nach der Täterin 
blieben erfolglos. 

In einem Hause der Maigasse wohnten ein Rittmeister mit seiner 
Familie und ein städtischer iSicherheitswachmann. Dessen Gattin 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindeamordes nach österreichischem Recht. 95 



daubte, der Köchin des Rittmeisters, namens Maria Mores, seit einiger 
Zeit Schwangerschaft anzusehen. Eines Tages überraschte sie die 
auffallende Schlankheit der Mores. Sie zog ihren Mann ins Vertrauen, 
der sofort Anzeige bei seiner Behörde erstattete. Am 23. Mai erfolgte 
die Verhaftung der Köchin. Sie leugnete hartnäckig, wiewohl die 
Gerichtsärzte versicherten, daß sie vor etwa zwei Wochen geboren 
haben müsse. 

Ihr Dienstherr, der Rittmeister, bezeichnete sie als Muster eines 
Dienstboten. Nie hatte er Verkehr mit Männern wahrgenommen, ob- 
gleich sein Haushalt hierzu Gelegenheit genug bot; gingen doch Or- 
donnanzen aus und ein, und ein Soldat war des Offiziers Diener. 

Im Januar fiel dem Herrn der Leibesumfang seiner Köchin auf, 
allein die Frau zerstreute alle Besorgnisse. 

Im Fasching besuchte Maria Mores einen Maskenball in Männer- 
kleidern, sonst lebte sie solid und ging selten aus. 

Des Rittmeisters Kaserne liegt am Mühlgang, mitten in einem 
großen Garten, der zur Verfügung der Offiziere stand. Dort hatte 
Maria häufig zu tun. 

Am 4. Mai befiel sie plötzliches Unwohlsein; sie konnte sich 
nicht mehr auf den Beinen halten und mußte zu Bett gehen. Am 
nächsten Tage war sie wieder ganz wohl. 

Die Verhaftung der Mores rief im Hause des Rittmeisters höchste 
Überraschung hervor. Man hielt es für unmöglich, eine Schwanger- 
schaft und gar eine Geburt so geschickt zu verbergen. 

Der Rittmeister erkaunte die Hüllen der Kindesleiche mit Be- 
stimmtheit als Eigentum der Maria. Er hielt seine Köchin für nicht 
normal. Häufig trug sie ein verlorenes Wesen zur Schau, leicht ge- 
riet sie in Erregung, oft lachte sie ohne jeglichen Grund laut in der 
Küche auf, dann sprach sie von Umbringen, von Selbstmord, weinte 
plötzlich und verfiel dann wieder in ausgelassene Lustigkeit, saög 
und jauchzte. Unter ihren Freundinnen hieß sie „die verrückte Marie". 

Bei ihrer ersten Vernehmung gab sie an, 24 Jahre alt und un- 
bescholten zu sein. Schon vor etwa 5 Jahren hatte sie von einem 
Bauernknecht ein Kind, das 19 Tage nach der Geburt an Fraisen 
starb. Sic erklärte sich vollkommen unschuldig, leugnete Schwanger- 
schaft und Entbindung. Bei der zweiten Vernehmung starrte sie vor 
sich hin und schwieg. Nach langem Sinnen stürzte sie auf die Kniee, 
weinte und bat um Bleistift und Papier. Nun schrieb sie knieend 
nieder, daß sie am 3- Mai mi Garten von einem plötzlichen Unwohl- 
sein befallen worden sei. Trotzdem habe sie weiter gearbeitet bis 
es ihr ^einen furchtbaren Krach u im Kreuze gab. Unter schrecklichen 



Digitized by Google 



96 II. Amschi. 

Schmerzen fühlte sie etwas von sich fallen, — bei näherer Betrach- 
tung war es ein totes Kind. Sie wickelte es in den Unterrock, trog: 
es nach Hause, verbarg: es dort, und erst am 8. Mai schaffte sie die 
Leiche in ein Gebüsch des Mühlganges. 

In einer dritten Vernehmung gestand sie, seit zwei Jahren mit 
dem Diener des Rittmeisters ein Liebesverhältnis unterhalten zu haben. 
Im Oktober sei ihr Geliebter, ein galizischer Jude, in Urlaub gegangen 
und habe nichts mehr von sich hören lassen, wiewohl er ihr hoch 
und teuer die Ehe versprochen. Bald habe sie sich schwanger ge- 
fühlt und ihrer Entbindung Mitte Mai entgegengesehen. Aus Scham 
habe sie ihren Zustand verborgen, für den kleinen An- 
kömmling jedoch schon zahlreiche Häubchen, Jäckchen 
und Hemdchen angefertigt, die sich denn auch alle wirk- 
lich in ihrem Koffer vorfanden. Die Entbindung habe sie im 
Garten überrascht. Sie wisse nicht, ob das Kind gelebt und ob sie 
ihm den Nabelstrang um den Hals gewickelt, die Erinnerung an jene 
Vorgänge mangle ihr gänzlich. Sie wisse nur, daß sie ihren Unter- 
rock um das Kimd schlug, dali sie es in einem Korb nach Hause 
trug und in ihren Koffer sperrte. Tags darauf mußte sie zu Bette 
gehen. Am 8. Mai habe sie das Kind aus dem Koffer genommen 
und zur Kaserne getragen, woselbst sie es in ein Gebüsch am Mühl- 
gang legte. 

Später wieder gestand sie, daß das Kind nach der Geburt gelebt, 
gezappelt und geatmet habe. Vor Schmerz und Bestürzung habe sie 
den Kopf verloren. Sie sah ein, daß es zu spät war, in ihre Heimat 
zu fahren und dort ihr Kind aufzuziehen, — mit einem lebenden 
Kinde aber konnte sie zur Herrschaft nicht zurückkehren. In ihrer 
Verzweiflung habe sie daher — obwohl klarer Gedanken nicht mehr 
fähig — den Entschluß gefaßt, das Kind aus dem Wege zu räumen. 
Sie habe es vollständig in den Unterrock eingehüllt und auf den 
Rasen gelegt. Dann sei sie an den Mühlgang, um sich zu waschen, 
dann wieder zum Kinde zurück, das sich nicht mehr rührte, und dann 
mit ihm nach Hause. Dort habe sie das tote Kind betrachtet, ihm 
die Nabelschnur um den Hals gedreht, es in Fetzen gehüllt und im 
Koffer verschlossen. 

Maria Mores wurde den Psychiatern Dr. v. Krafft-Ebing und 
Dr. Kautzner vorgestellt und von ihnen sorgfältig untersucht. Sie 
stammte aus gesunder Familie und litt als Kind nur am Scharlach. 
Im 17. Jahre trat die weibliche Entwicklung auf. Die Menses waren 
in der Folge meist unregelmäßig und mit Kopfschmerz verbunden, 
der jedoch schon aus der Schulzeit datiert. In den letzten Jahren 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kimlesmordes nach österreichischem Recht. 



97 



habe sieb das Kopfweh, eigentlich ein schmerzhafter Kopf druck, ge- 
steigert, anch sei sie bei plötzlichem Geräusch gleich zusammenge- 
fahren und aus dem Schlaf aufgeschreckt Geistige Getränke habe 
sie nie gut vertragen und auch nicht reichlich genossen. Sie macht 
in ihrem ganzen Wesen den Eindruck einer beschränkten, verschrobenen 
Person und beginnt gelegentlich in ganz läppischer Weise zu weinen. 

Auch den Ärzten gegenüber behauptete sie, nicht zu wissen, warum 
und wie sie die Nabelschnur um den Ilals des Kindes geschlungen. 
Sie spricht gemütlich, gibt sich stumpf und apathisch, bis man sie 
auf ihre Lage aufmerksam macht. Da schlägt sie ein Geheul an und 
jammert, daß sie ihrer Schlechtigkeit wegen von den Eltern werde 
verstoßen werden. 

Von Symptomen einer hysterischen Nervenkrankheit ist an ihr 
nichts wahrzunehmen, ebensowenig von Epilepsie, Ihr Schlaf ist 
ruhig, ihre Gesichtszüge sind stumpf und verraten wenig Intelligenz. 

Das Gutachten der Psychiater bezeichnet Maria Mores als be- 
schränkte, nicht ganz normal veranlagte Person. Ihre Urteile und 
Begriffe sind nicht zur vollen Höhe entwickelt, ihr Vorstellen ist träge, 
und ihre sittlichen Gefühle lassen an Intensität zu wünschen übrig. 
Auf Grund dieser psychischen Unvollkommenheiten muß sie als schwach 
an Verstand bezeichnet werden. Diese Unvollkommenheit der psy- 
chischen Leistung, besonders die Knappheit und das träge Einsetzen 
intellektueller und ethischer Motive mag in Ausnahmslagen wie z. B. 
eine hilflose, heimliche, uneheliche Geburt, nicht ohne Bedeutung für 
die Handlungen der Verstandesschwachen sein. Anhaltspunkte dafür, 
daß die Mores auf Grund jener psychischen Unvollkommenheiten sich 
der Folgen und der Bedeutung ihrer Handlungsweise nicht bewußt 
sei, liegen nicht vor. Sie kann daher weder als blöd- noch als schwach- 
sinnig bezeichnet werden. Zeichen einer Geisteskrankheit sind an ihr 
nicht auffindbar, höchstens eine neuropathische Veranlagung, wofür 
die exzentrische, labile Stimmung spricht, von der die Zeugen berichten. 

Dagegen spricht nichts dafür, daß Maria Mores sich zur Zeit der 
Geburt im Zustande von Sinnenverwirrung befunden habe. Sie weiß 
sich aller Details des Vorganges bei der Geburt zu erinnern, mit an- 
geblicher Ausnahme eines Momentes, in den die sie belastende Tat, 
das Erwürgen des Kindes mit dem Nabelstrang, fällt. Eine solche 
episodische Lücke des Bewußtseins und damit der Erinnerung ist 
wissenschaftlich nicht annehmbar. Das überlegte Handeln während 
und nach der Tat spricht jedenfalls dagegen. Aus diesen Gründen 
muß die Vermutung einer Sinnes Verwirrung, eines Zustandes krank- 
hafter Bewußtlosigkeit fallen gelassen werden. 

Archiv fttr Kriminalanthropolofie. 30. Bd. 7 



Digitized by Google 



98 



II. Amschl 



Die Geschworenen bejahten die Schuldfrage einstimmig, jedoch 
mit Ausschluß der Absicht zu töten. Darauf erfolgte Freispruch ohne 
Moniturverfahren. 

5. 

Die 29jährige Katharina Pree hatte fünf Jahre lang mit dem 
Knechte Balthasar Gröbminger ein Liebesverhältnis, dem drei Kinder 
entstammten, deren eines bald nach der Geburt starb. Für die beiden 
anderen Kinder im Alter von sechs und vier Jahren leistet der Vater 
einen monatlichen Unterhaltsbeitrag von vier Gulden. 

Katharina Pree war seit dem Jahre 1891 beim Gastwirt H. in 
Knittelfeld gegen einen Monatlohn von fünf Gulden als Magd be- 
dienstet. Zu Pfingsten 1892 knüpfte sie mit dem Knechte Martin 
Ferstl ein Liebesverhältnis an, das bis Weihnachten dauerte und die 
abermalige Schwangerschaft der Pree zur Folge hatte. 

Sie verbarg ihren Zustand nicht. I hre Mitmagd Maria 
Hätz bot ihr Kinderwäsche an, die sie aber ablehnte, da 
sie selbst welche habe und auch diese nicht brauchen 
werde. 

Der Mutter ihres Dienstgebers hatte sie am 17. Juli 1893 über 
Befragen erklärt, „es sei noch gar keine Spur von Ernst". 

An diesem Tage traten Geburtswehen auf. Etwa um fünf Uhr 
nachmitags zog sie sich in die unbewohnte Kleiderkammer zurück 
und sperrte sich dort ein. Man legte ihrem Unwohlsein mit Rück- 
sicht auf die zur Mutter ihres Dienstgebers gemachte Äußerung keine 
Bedeutung bei, sie selbst aber hatte schon in der Nacht vor- 
her den Entschluß gefaßt, das Kind zu töten, und deshalb 
keine weiteren Vorkehrungen getroffen. 

Ihre zweite Mitmagd Maria Rammel wollte wiederholt zu ihr in 
die Kammer, fand aber keinen Einlaß. Auch das Abendessen wies 
Katharina Pree zurück. Die Frage, ob ihre Entbindung schon bevor- 
stehe, verneinte sie. Um 8 Uhr abends trat die Rammel in die un- 
versperrte Kammer und sah die Pree auf einer Bank liegen. 

Um 1 Uhr morgens gebar Katharina Pree, auf dem mit Fetzen 
bedeckten Boden liegend, ohne Beschwerden einen Knaben. Das Kind 
war mit der Nabelschnur um den Hals zur Welt gekommen, lebte 
aber. Bei voller Besinnung und in der zugestandenen Absicht es zu 
töten, zog Katharina Pree die Nabelschnur stärker zusammen und hielt 
sie fest, — das Kind machte noch einige Seufzer und erstickte. 

Als die Mutter sah, daß das Kind tot sei, wickelte sie es samt 
der Nachgeburt in Fetzen ein, da sie vor hatte, es in die Mur zu 
werfen und so ihr Verbrechen zu verbergen, ihren Hausleuten aber zu 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach «isterreiehischem Recht. 99 



sagen, sie sei nach Leoben zu ihrer Schwester gefahren, um dort zu 
entbinden. 

Am 18. Juli etwa um 5 Uhr morgens kam Maria Hammel zu 
ihr in die Kammer und fand sie. zum Fortgehen gerüstet, auf einem 
Sessel sitzen, neben sich ein in ein Tuch eingeschlagenes Bündel. 
Auf die Frage der Rammel. woher die Blutspuren im Zimmer 
stammen, erwiderte sie, es sei Blut von ihr abgegangen; sie fühle 
sich matt und werde zu ihrer Schwester nach Leoben fahren. Eine 
Viertelstunde später war die Pree verschwunden. 

Etwa um 8 Uhr morgens betrat deren Dienstgeberin die Kammer 
und schloß aus den vorhandenen Blutspuren, daß die Pree geboren 
habe. Indessen war diese über Kobenz gegen Fentsch gegangen und 
hatte dort die Kindesleiche in die Mur geworfen. Dann begab sie 
sich nach Feistritz zu einer Köchin, bei der sie übernachtete, und der 
sie über Befragen mitteilte, daß ihr Kind schon gestorben sei. 

Sie blieb bis 4 Uhr nachmittags und kehrte dann wieder zum 
Gastwirt H. nach Knittelfeld zurück, woselbst sie erzählte, sie habe 
bei ihrer Schwester in Mühltal ein Kind geboren, das aber sofort ge- 
storben sei. Die gleiche Angabe machte sie dem Gendarmeriewacht- 
meister. H. aber hatte mittlerweile über seine Anfrage von ihrer 
Schwester die Nachricht erhalten, daß diese von Katharina gar nichts 
wisse. 

Bei Gericht legte sie ein offenes Geständnis ab und motivierte 
ihre Tat damit, daß der Kindesvater Martin Ferstl sich weigerte, die 
Vaterschaft anzuerkennen. 

Dieser aber erklärt unter Eid, sie habe ihm weder von ihrer 
Schwangerschaft Mitteilung gemacht, noch Unterhaltsleistung von ihm 
begehrt, wiewohl er sich nie geweigert hätte, seine Vaterpflichten 
zu erfüllen. 

In der Hauptverhandlung gab Katharina Pree an, sie habe die 
Tat bei vollem Bewußtsein verübt und hiezu sich nur durch die trüben 
Aussichten für die Zukunft und durch die Not, in die sie und ihr 
Kind geraten wären, verleiten lassen. 

Die Geschworenen bejahten einstimmig die Schuldfrage. Die 
Strafe lautete auf dreijährigen Kerker. Über Berufung der Staats- 
anwaltschaft erhöhte das Oberlandesgericht die Strafe auf vier Jahre, 
weil der die Zurechnung vermindernde geistige und körperliche Zu- 
stand einer Gebärenden bereits vom Gesetz in der Strafbestiramung 
für den Kindesmord berücksichtigt ist und nicht außerdem noch als 
Milderungsumstand in Anschlag gebracht werden kann, wie dies vom 
ersten Richter geschehen. 

7* 



Digitized by Google 



100 



II. Amschl 



6. 

Ein Mehrungsräumer fand am 18. März 1389 im Abortschlauch 
eines Hauses in der Mariengasse zu Graz eine Kindesleiche männ- 
lichen Geschlechtes. Die gerichtsärztliche Obduktion ergab, daß das 
neugeborene, vollkommen ausgetragene und lebensfähige Kind gelebt 
und geatmet hatte und in den Fäkalmassen des Abortschlauches er- 
stickt war. 

Als Mutter dieses Kindes wurde die 24jährige Marie Gucin aus- 
geforscht, die bis zum 13. März 1899 im ersten Stocke des oben- 
erwähnten Hauses bei der Bedienerin Anna Dom in Miete gestanden 
hatte. 

Sie gab an, von einem Soldaten eines ihr unbekannten Regi- 
mentes geschwängert worden zu sein, der im Oktober 1898 nach Wien 
einrückte und von dem sie seither weder etwas gehört noch gesehen. 
Sie will die Absicht gehabt haben, nach Wien zu fahren, um dort im 
Gebärhause zu entbinden. Am 25. Februar 1899 habe sie bei ihrer 
Wirtin noch den Fußboden gerieben. Tags darauf sei sie von Schüttel- 
frost und heftiger Diarrhoe befallen worden und in der Abendstunde 
dreimal genötigt gewesen, den Abort aufzusuchen, das letzte Mal um 
1 0 Uhr. Nach der letzten Entleerung habe sie, auf dem Abort sitzend, 
starke Krämpfe im Unterleib empfunden und gefühlt, wie das Kind 
aus dem Mutterleib austrete. Einmal habe sie den Versuch gemacht, 
sich zu erheben, vor Mattigkeit aber die sitzende Stellung nicht auf- 
geben können. Bei einem neuerlichen Versuch sei das Kind schon 
völlig ausgetreten gewesen. Durch die Bewegung riß die Nabel- 
schnur, worauf Gucin hörte, wie das Kind in den Abortschlauch 
hinabfiel. Dann sei sie, von Schwäche übermannt, noch eine halbe 
Stunde auf dem Abort gesessen, wobei „ihr alles rundherum ging", 
und hierauf zu Bette gegangen. Den ganzen Vorgang habe sie ver- 
schwiegen, damit man nicht glaube, sie sei eine „Schlange", die ihr 
Kind weggeworfen. 

Diese Verantwortung erwies sich in mehr als einem Punkte als 
unwahr. Sie hatte nach Angabe der Zeugen ihre Schwangerschaft 
sorgfältig verheimlicht und im gemeinsamen Schlafzimmer stets ver- 
mieden, sich vor anderen Personen zu entkleiden. Gekünstelt war 
ihr Oberkörper immer nach vorne geneigt. Auf die wiederholte Frage 
des Untersuchungsrichters, warum sie die Schwangerschaft jedermann 
gegenüber verschwiegen, ja abgeleugnet; ob sie gefürchtet habe, daß 
der Kindesvater zum Unterhalt nichts beisteuern werde, verweigerte 
sie die Antwort. Sie habe gehofft, von ihrem Inline zahlen zu 
können, zahle sie doch für ihr erstes Kind monatlich fünf Gulden. 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österrolthucheir. Reibt: - "Iöl 

Die Leumundsäußenmg ihrer slovenischen Heimatsgemeinde lau- 
tete dahin, ihr Ruf sei früher ein guter gewesen, jetzt habe er ge- 
litten, da sie ein uneheliches Kind besitzt, das in der Obsorge ihrer 
Eltern sich befindet. In früherer Zeit habe sie für das Kind monat- 
lich drei bis vier Gulden bezahlt, seit acht Monaten aber nicht mehr. 
Gucin fügte hinzu, die Eltern hätten ihr gedroht, das Kind auf die 
Straße zu legen, wenn sie nicht zahle. 

Die Gerichtsärzte gutachteten, daß das Kind vollends ausgetragen 
war, daß aber auch eine ganz normale, mehrere Stunden dauernde 
Geburt vor sich gegangen sein müsse, weil der Durchmesser der 
knöchernen Geburtswege der Mutter und das Fehlen eines Damm- 
risses eine plötzlich erfolgte sogenannte „Sturzgeburt" ausschließe. 
Eine solche hätte auch mit stärkeren Blutungen aus der Gebärmutter 
verbunden sein müssen, während weder außen noch im Innern der 
Kindesleiche Blutspuren vorgefunden wurden. Die von der Mutter 
nach eigener Angabe gefühlten Beschwerden waren also offenbare 
Geburtswehen, deren Natur ihr wohlbekannt sein mußte, weil sie erst 
vor 1 l /i Jahren ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatte. Es ist da- 
her nach dem Gutachten der Gerichtsärzte unhaltbar, wenn die Gucin 
sich damit zu entschuldigen trachtet, daß sie von der Geburt über- 
rascht worden sei. War es schon verwerflich, unter solchen Umständen 
den Abort aufzusuchen, so hat die Gucin dadurch, daß sie es unter- 
ließ, sogleich bei Beginn des eigentlichen Geburtsaktes eine andere 
Stellung einzunehmen, dann das ihr entfallene Kind aus seiner ge- 
fährlichen, sicher todbringenden I-age zu befreien oder wenigstens 
fremde Hilfe herbeizurufen, direkt zum Ableben des Neugeborenen 
beigetragen und es so umkommen lassen. Hilfe wäre aber leicht zur 
Hand gewesen, da sie nur an die schwache Mauer des Abortes zu 
klopfen brauchte, um die Nachbarn herbeizurufen. 

Am 16. Mai 1899 kam es zur Hauptverbandlung. Ich fungierte 
als Staatsanwalt, Graf Gleispacb, der dieses Falles a. a. 0. auf 
S. 226 Erwähnung tut, als Schriftführer. Die Staatsanwaltschaft führte 
aus: Da die Angeklagte vor der Geburt ihre Schwangerschaft der 
Umgebung ängstlich verbarg und auf Befragen entschieden ableug- 
nete, auch den Geburtsakt verheimlichte und durch Ausflüchte zu ver- 
tuschen bemüht war, — auf der andern Seite aber Nabrungssorgen 
befürchten mußte, denn sie war schon mit dem Kostgelde für ihr 
erstes uneheliches Kind im Rückstand und über den Verbleib des ver- 
mögenlosen Vaters zum zweiten Kinde nicht unterrichtet, — lieg 
klar zutage, daß das Verhalten der Angeklagten ein beabsichtigtes war 
und den Zweck verfolgte, sich der Ursache künftiger Schande und 



Digitized by Google 




102 1 ; : . II. Amschl 

Sorgen zu entledigen. Dagegen muß als unerweisbar außer Betracht 
bleiben, ob die Angeklagte sich schon uiit der vorgefaßten Absicht, 
ihr Kind zu töten, in den Abort begab. 

Die Hälfte der Geschworenen äußerte den Wunsch nach Stellung 
einer Eventualfrage auf Geburtsverheimlichuug. Der Staatsanwalt 
erklärte, er frage nur, ob die Angeklagte ihr Kind bei der Geburt ge- 
tötet habe oder nicht. Derartige kleinliche Auskunftsmittel, die der 
seit zwei Monaten in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten eine 
Arreststrafe von einigen Tagen eintrügen, weise er zurück. Die Ge- 
schworenen verneinten dann einstimmig die Schuldfrage. 

7. 

Die 17 jährige Aloisia Gaj, so wie die vorige eine Slovenin von 
Geburt, ward zu Reginn des Jahres 1899 schwanger. Sie verheim- 
lichte diesen Zustand gegen jedermann. Ihrer Mutter fiel das ver- 
änderte Wesen der damals in der Stadt dienenden Tochter bei deren 
Besuchen im Elternhause nächst Wildon auf und sie stellte das Mäd- 
chen zur Rede. Dieses aber ließ eine Schwangerschaft nicht gelten 
und behauptete nachdrücklich, seit ihrer Entlassung aus dem Spital, 
wohin ein Fußleiden sie getrieben, d.i. seit Sommer 1898, keine Menses 
mehr gehabt zu haben, wovon ihr Leibesumfang herrühre. 

Im Juni war Aloisia Gaj aus der Stadt ins elterliche Haus zu- 
rückgekehrt und diente daselbst als Bauernmagd. 

Am 6. September 1899 stellten sich bei ihr die ersten Geburts- 
wehen ein, die sich im Laufe des 7. September wiederholten. Am 
Nachmittag war sie allein daheim, die Mutter auf einer Wallfahrt in 
Maria-Trost, der Vater mit den übrigen Hausgenossen in Arbeit auf 
dem Felde. Gegen 2 Uhr stellten sich heftige Wehen bei ihr ein, 
weshalb sie sich zu Bett legte. Eine halbe Stunde später vollzog 
sich die Geburt eines Kindes weiblichen Geschlechtes in ganz nor- 
maler Weise und ohne außergewöhnliche Schwierigkeiten. Gleich 
nach der Geburt schrie das Kind so kräftig, daß es von zwei vor 
dem Hause spielenden Kindern gehört wurde, die neugierig zum 
Fenster des ebenerdigen Zimmers hineinschauten, von Aloisia Gaj je- 
doch weggeschafft wurden. Diese schnitt die Nabelschnur mit einer 
Scheere durch und machte, um die starke Blutung zu stillen, in dem 
am Kinde haftenden Strang einen Knoten. Eine Zeit lang blieb sie 
liegen und betrachtete das neben ihr liegende Kind, das sich beruhigt 
hatte und schlief. Gegen 6 Lhr stand sie auf und kochte sich Kaffee. 
Dann richtete sie das Abendessen für ihren Vater her. Später nahm 
sie das schlafende Kind, trug es in der Schürze zu dem nahe am 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Recht. 103 



Hause vorüberfließenden Mühlgang, nahm es aus der Schürze heraus, 
wobei das Kind seine Händchen bewegte, und warf es ins Wasser, 
worin es sogleich verschwand. 

Hierauf kehrte sie ins Haus zurück, brachte ihr Bett in Ordnung 
und suchte die Spuren der Entbindung zu beseitigen, indem sie zu- 
erst das blutige Leintuch ihres Bettes auswusch und in einem mit 
Wasser gefüllten Schaffe liegen ließ. Als bald darauf ihr Vater heim- 
kehrte und auf dem Boden des Zimmers Bluttropfen bemerkte, fragte 
er sie, was das bedeute. Sie entgegnete, daß sie wieder das „Monat- 
liche" bekommen habe. Der Vater, argwöhnisch, fragte weiter: „viel- 
leicht hast Du sonst was gemacht V* 4 was sie jedoch verneinte, womit 
sich der Vater zufrieden gab. Auch vor ihrer am S. September heim- 
gekehrten Mutter wußte sie das Vorgefallene zu verbergen. 

Am 9. September schritt Aloisia Gaj mit mehreren Arbeitsleuten 
den Mühlgang hinunter zur Wiese, auf der die Mutter bereits arbeitete. 
Der Weg führte sie an eine Stelle, woselbst ein Abflußkanal, der 
gegen den Mühlgang zu mit einer Wehr abgeschlossen ist, in die 
nahe vorbei strömende Mur abfließt. Dort stand eine Gruppe von 
Menschen, darunter ihre Mutter, neugierig, murmelnd und erregt auf 
einen Punkt hindeutend. Aloisia nahte sich der Stelle. Entsetzt blieb 
sie stehen und erbebte. Sie sah den Kopf eines Kindes im Mühl- 
gang; der Körper hing unter dem Wehreinlaß in den Abflußkanal 
hinaus. Es war ihr Kind. Sie unterdrückte ihre Bewegung, um sich 
nicht zu verraten und schritt weiter nach der Wiese, auf der sie bis 
Mittag arbeitete. Um diese Zeit kehrte sie mit der Mutter heim. 
Scheu blickte das Mädchen nach der Wehre, — das Kind war nicht 
mehr dort. Die Mutter fragte mißtrauisch: „Ist es vielleicht von 
dir'? 44 Die Tochter erwiderte kurz: „nein!- womit sich die Mutter 
zufrieden gab. 

Nach dem Mittagessen begaben sich Mutter und Tochter neuer- 
dings auf die Wiese. Beide sahen im Vorübergehen die Kindesleiche 
in ein Tuch eingedreht unter einem Strauch liegen. Beide schwiegen. 
Sie arbeiteten dann bis um 4 Uhr nachmittags. Um diese Stunde 
erschien ein Gendarm, der die Tochter aufforderte, mit ihm zu gehen. 
Sie gehorchte willig, leugnete aber entschieden. 

Vor Gericht legte sie ein aufrichtiges Geständnis ab. Anstalten 
zur Entbindung hatte sie nicht getroffen. Nachdem sie am 
7. September das Abendessen für ihren Vater bereitet hatte, will sie 
zu ihrem im Bette schlafenden Kinde zurückgekehrt, längere Zeit auf 
einem Stuhl gesessen sein und gedacht haben: „Was werd' ich jetzt 
machen? Die Eltern haben mich schon vorher mit Vorwürfen überhäuft, 



Digitized by Google 



104 



11. Amschl 



sie werden es jetzt erst recht tun!" Auch habe sie sich vor anderen 
Leuten, denen sie ihren Zustand abgestritten, geschämt. So sei ihr 
denn der Entschluß gekommen, das Kind, bevor noch je- 
mand von der Sache weiß, ins Wasser zu werfen. 

Die Mutter gab an, es sei ihr unverständlich, warum Aloisia ihren 
Zustand verheimlicht habe, — möglich, daß sie sich vor den Leuten 
schämte oder „daß sie keinen Vater zum Kind gehabt hat" (d. h. 
daß sie nicht wußte, wer der Kindesvater sei). 

Nach dem Gutachten der Gerichtsärzte war das Kind reif, aus- 
getragen und lebensfähig. Es hat nach der Ausstoßung aus dem 
Mutterleibe geatmet und daher gelebt, weil die Lungen durchwegs 
lufthaltig waren. Da Magen und Dünndarm viel Flüssigkeit enthielt 
und die stark gasgeblähten Lungen, sowie fast sämtliche inneren Or- 
gane Blutüberfüllung aufwiesen, so unterliegt es wohl nach allem 
keinen Zweifel, daß das Kind im Wasser an Erstickung starb. 

Das Urteil verhängte vierjährige Kerkerstrafe. 

8. 

Die Sattlermeisterstochter Cacilia Lenz gebar mit 17 Jahren ein 
uneheliches Kind, auf das sie sorgfältig sah, das aber drei Monate 
nach der Geburt starb. Sie ging dann in Dienst und trat im Alter 
von 24 Jahren als Magd bei ihrer an einen Bauer verheirateten 
Schwester ein. Längere Zeit unterhielt sie ein Liebesverhältnis mit 
einem Pferdeknecht, das sie mit einem Mal abbrach. Er schrieb ihr 
die zärtlichsten Briefe, — umsonst! Ihre Schwester war in's Wochen- 
bett gekommen; drei Wochen lang mußte sie mit ihrem Schwager 
das Zimmer teilen; die Folgen blieben nicht aus. Nun kam die Reue 
zu spät. Sie, die stets ein braves und fleißiges Mädchen gewesen, 
schämte sich, ebenso wie der Schwager selbst, des Geschehenen. Er 
bat sie, nicht zu verzweifeln und zu verzagen, versprach ihr, für sie 
sowie für das Kind zu sorgen und bat nur, aus Rücksicht für ihn 
und für seine Frau ihn nicht zu verraten und entweder ihren früheren 
Liebhaber oder einen Unbekannten als Vater zu bezeichnen. 

Sie trat dann beim verwittweten Schmiedemeister Mathias Brunner 
in Dienst und schlief mit ihm und seiner kleinen Tochter in dem- 
selben Zimmer. Dem Meister war ihr schwangerer Zustand bekannt, 
doch fragte er nie nach dem Vater. Sie leugnete ihre Schwanger- 
schaft niemandem gegenüber ah und gestand ihren Zustand 
auch ihren beiden Eltern und ihrer Schwester. Die Mutter tröstete 
sie; Mutter und Schwester erklärten, es werde ihr niemand darob 
einen Vorwurf machen. 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Recht. 105 

Im März 1903 schrieb ihre Schwester einer Großtante nach 
Sauerbrunn, daß Cacilia in der Hoffnung und deswegen ganz melan- 
cholisch sei. Der Schwager selbst schrieb an die würdige Frau am 
5. April 1 903, Cacilia sei ganz verzweifelt, bald werde man sie zum 
letztenmal sehen und bat sie, an Cäcilia, die jederzeit bei ihnen 
liebevolle Aufnahme finden würde, einen tröstlichen Brief zu schreiben 
und ihr zu raten, zu den beiden Eheleuten zurückzukehren, es werde 
ja alles wieder gut werden. 

Die Großtante schrieb ihr denn auch, sie möge nicht kleinmütig 
sein und zur Schwester zurückkehren, es werde ihr niemand einen 
Vorwurf machen. Die Großtante habe ihr bereits ihr Bett samt 
Wasche usw. letztwillig vermacht, jedoch unter der Bedingung, daß 
sie wieder zur Schwester gehe. Das Kind wird der Vater (der frühere 
Liebhaber) versorgen müssen; ihn zu heiraten möge sie nicht denken, — 
etwa zum Hungerleiden V Das brauche sie bei der Schwester nicht 
In einem zweiten Briefe schrieb die alte Tante, nachdem sie vom 
Plane Cacilias, ins Wiener Gebärhaus zu gehen, erfahren hatte : „Hast 
Du den Verstand ganz verloren? Nach Wien zu fahren, in eine so 
große Stadt, wo Du keinen Menschen kennst und jeden Dienstmann 
für die Auskunft zahlen mußt! Da werden Deine paar Gulden bald 
weg sein! Willst vielleicht dort ins Gebärbaus gehen, damit das arme 
Kind nach Ungarn oder weiß Gott in welche Gegend geschleppt wird 
und weiß Gott unter welchen Martern aufwächst, ohne daß Du es 
schützen kannst! Ich begreife wirklich nicht, was Dich auf einen 
solchen Gedanken brachte! Du willst der Schande entgehen? Das 
ist zu spät, weil es ohnedies schon alle wissen. Sei dahei vernünftig 
und wenn Du nicht bei Deiner Schwester entbinden kannst, so gehe 
nach Graz ins Gebärhaus und wenn Du wieder gesund bist, dann 
arbeite als wenn nichts vorgefallen wäre. Es wird Dir niemand einen 
Vorwurf machen. Sei also vernünftig und folge meinem Rate, sonst 
bekommst Du von mir keinen Fetzen/ 

Cäcilie Lenz scheint sich die Briefe der guten alten Frau wirk- 
lich zu Herzen genommen haben. Sie hatte bereits alle Vor- 
kehrungen für die schwere Stunde getroffen, die not- 
wendige Kinderwäsche bereits in Stand gesetzt nnd die 
Bäuerin Marie Ruß gebeten, das Kind seinerzeit in Pflege zu nehmen. 
Die Bäuerin sagte gerne zu und tröstete sie, denn Cäcilia Lenz klagte 
und weinte über ihren Zustand, da der Kindesvater, den sie nicht 
nannte, bereits ein Kind zu versorgen habe. 

Obwohl sich bei ihr Samstag den 13. Juni 1903 nachmittags 
heftiger Durchfall einstellte, was sie nach ihrer eigenen Angabe für 



Digitized by Google 



106 



II. ÄM8CBL 



ein Zeichen der unmittelbar bevorstehenden Niederkunft hielt, unter- 
ließ sie es doch, irgend welchen Beistand herbeizurufen. Sie ging 
vielmehr ihrer häuslichen Beschäftigung nach und ließ die Hausleute 
sich zur Ruhe begeben, ohne ihres Zustande» Erwähnung zu tun. 

Als sie gegen ValO Uhr abends den Abort verlassen hatte, wurde 
sie nach ihren Angaben plötzlich von Geburtswehen befallen und 
gebar stehend ein Kind männlichen Geschlechtes, das sie in ihrem 
Unterrock aufgefangen, auf ihre Arme genommen, längere Zeit be- 
trachtet, schließlich aber, da es kein Lebenszeichen von sich gegeben, 
in ihren Unterrock gewickelt und dann in einem Komposthaufen 
nächst dem Aborte vergraben haben will. 

Am nächsten Tage nachmittags (14. Juni) verließ Cacilia Lenz, 
ohne daß man eine Abnahme ihres Leibesumfanges bemerkt hatte 
und ohne ihre Niederkunft verraten zu haben, ihren Dienstplatz, um 
nach Graz ins Gebärhaus zu gehen. Sie begab sich aber zu ihren 
Eltern, bei denen sie um 6 Uhr abends nach mehrstündiger Fuß- ' 
Wanderung eintraf, und gestand ihrer Mutter, daß sie ein totes Kind 
zur Welt gebracht und sofort vergraben habe. 

t Am folgenden Tage (15. Juni) begab sich ihr Vater, ein Ehren- 
mann, zum Bezirksgericht nach Graz, um dort bei der Vormundschaft- 
behörde die Anzeige über den Vorfall zu erstatten. Trotz wiederholter 
Anweisung, die Sache bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige zu 
bringen, erklärte er, es sei seine Pflicht, den Fall der Vormund- 
schaftsbehörde zur Kenntnis zu bringen. Das Bezirksgericht 
verständigte die Staatsanwaltschaft und diese leitete die Vorunter- 
suchung ein. 

Cäcilia Lenz verantwortete sich der Gendarmerie gegenüber dahin, 
daß sie, von der Geburt überrascht, eines toten Kindes genesen sei. 
Als Vater bezeichnete sie einen unbekannten Mann, der sie in Gesell- 
schaft eines zweiten Unbekannten einst auf der Straße überfallen und 
genotzüchtigt habe. Der Gendarm grub im Komposthaufen nach und 
fand (16. Juni) die stark verweste Kindesleiche. Der Arzt, der als 
Totenbeschauer fungierte, berichtete, daß die Leiche, 52 cm lang, an 
der linken Schläfenseite einen bohnengroßen Substanzverlust aufweise, 
daß die Nabelschnur abgerissen sei und daß ein Teil der Gedärme 
in der Nabelgegend vorlagere. 

Die Gerichtskommission fand das Sitzbrett und den Fußboden 
frisch gewaschen, trotzdem aber Blutflecken und an der Wand Blut- 
spritzer. 

Die gerichtsärztliche Obduktion ergab, daß das Knäblein aus. 
giebig geatmet habe, daß von einer Totgeburt ebensowenig gesprochen 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesniordes nach österreichischem Recht. 107 

werden könne wie von einer Sturzgeburt. Cacilia Lenz mußte wissen, 
daß das Kind gelebt habe, weil es von ihr nach ihrer eigenen An- 
gabe lange betrachtet und besichtigt worden sei. Das Kind war 
vollkommen ausgetragen, kräftig entwickelt und lebensfähig. Die 
Gerichtsärzte stellten an der Kindesleiche eine ausgedehnte Schädel- 
2ertrümmerung fest. Wenn nun schon wegen der vorgeschrittenen 
Fäulnis nicht mit apodiktischer Gewißheit behauptet werden kann, 
daß die Zertrümmerung vor dem Tode gesetzt worden sei, so geht 
aus dem Befunde mit Sicherheit hervor, daß das Kind nicht etwa 
an Lebensschwäche, sondern an Erstickung zu Grunde gegangen. 

So einfach die Darstellung des Vorganges bei der Geburt durch 
Cacilia Lenz auf den ersten Anblick scheint, so weckt sie doch ge- 
wichtige Zweifel. Schon ihre Behauptung, außerhalb des Abortes 
entbunden zu haben, steht mit der Aussage des Knechtes Alois Stroh- 
riegel in Widerspruch. Diesem war schon am 13. Juni vormittag 
aufgefallen, daß sie so oft in den Abort lief. Ein mit ihm arbeitender 
Tagelöhner hatte ihm zugeflüstert: „Das ist nicht recht richtig; die 
bat vielleicht was im Sinn!* — Sonntag den 14. Juni stand Stroh- 
riegel frühmorgens am Fenster seines Zimmers im Brunnerschen 
Hause und sah die Lenz am Brunnen vorüber gegen den Garten 
hingehen, ein spitziges Brotmesser in der Hand. Er glaubte, daß . 
sie im Garten Salat hole. Nach etwa 10 Minuten kam sie zurück, 
ging zum Brunnen, legte das Messer auf den Brunnenkranz, pumpte 
an der Brunnenstange, wusch sich die Hände, wusch dann auch die 
Brunnenstange, die sie mit ungewaschenen Händen beim Pumpen 
angegriffen hatte und wusch dann das Messer. Strohriegel meinte, 
daß sie das Messer und die Hände beim Salatausstechen mit Erde 
beschmutzt habe und freute sich, zu Mittag sein Leibgericht, einen 
saftigen, gut angemachten Salat zu bekommen. Da hörte er ein 
Geschrei wie von einem Ferkel. Wie herrlich, wenn der Bauer für den 
Mittagstisch eines opferte! — Cäcilia Lenz nahm dann aus der Holz- 
hütte eine Haue und entfernte sich damit wieder gegen den Garten 
hin. Nach einiger Zeit kam sie zurück, lehnte die Haue neben die 
Hütte und pumpte ein Schaff Wasser voll, das sie wieder gegen den 
Garten hintrug, von dem sie mit leerem Schaff in das Haus ver- 
schwand. 

Bald darauf suchte Strohriegel den Abort auf. Er fand ihn ganz 
naß und frisch gerieben, an der Rückwand ganz frische Blutspritzer. 
Seine bereits durch den Gedanken an den frischen Salat angenehm 
angeregte Phantasie erhielt hierdurch neuen Schwung. Er meinte. 
Herr Brunner habe einen Hahn abgestochen. Es war Kirch weih- 



Digitized by Google 



108 



II. Amschl 



sonntag. Strohriegel schwelgte in der Vorahnung außergewöhnlicher 
Genüsse am bäuerlichen Mittagstisch! Ein gebratener Hahn mit Salat! 
Das Kirch weihfest mußte in jeder Hinsicht würdig gefeiert werden, 
daher begab er sich in die Küche, um warmes Wasser zu holen uud 
sich gründlich zu waschen und zu putzen. In der Küche traf er 
Cacilia, die ihn sofort mit den Worten ansprach: „ Sehen Sie, Alois, 
wie ich ausschaue! Wie ich schwitze! Ich bin ganz matt, ganz naß 
im Gesicht und in den Haaren. Es ist soviel Arbeit! Ich habe den 
Abort gereinigt, Sie haben es gesehen! Ich habe nachgeputzt, er ist 
gestern gewaschen worden!** Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: 
„Die Hühner haben das Gejäte beim Abort auseinandergekratzt, ich 
habe das alles zusammengescharrt und im Hof schön Ordnung ge- 
macht!" Strohriegel schielte in die Küche nach dem Hahn und nach 
dem Salat, vermochte jedoch nichts zu entdecken und erwiderte der 
Oäcilie: „Sie sind aber sehr fleißig! So früh stehen sie auf und 
ganz naß sind Sie vor Schweiß! 11 — Cacilia zitterte und war ganz 
blaß im Gesicht Er spähte vergebens nach dem Hahn und begab 
sich nach dem Abort, um dort vielleicht Federn zu entdecken, allein 
umsonst! Er sah, daß neben dem Abort alles schön zusammengekehrt 
war und daß dort, wo später die Kindesleiche gefunden ward, ein 
Häuflein aus Mist, Holzspähnen und Gejäte aufgehäuft stand. Ent- 
rüstet dachte Strohriegel, der Hahn werde heimlich gegessen werden, 
damit er nichts davon bekomme. 

Es kam der Mittag ohne Salat, ohne Hahn! Cäcilia schwitzte 
nicht mehr und sah besser aus. Strohriegel erhob sich sofort nach 
dem Essen und ging brummend, enttäuscht, seines Weges. Cäcilia 
aber hatte bei Tisch mitgeteilt, daß sie zu ihren Eltern nach Dobl 
und dann nach Graz in die Gebäranstalt gehen werde. Sie habe 
sich am Vortag überarbeitet, es sei ihr daher nicht wohl. Sie ver- 
sprach, nach ihrer Entbindung wieder in Brunners Dienst zurück- 
zukehren. Um 4 Uhr nachmittag entfernte sie sich, gerade so dick 
wie zuvor. 

Am 26. September 1903 fand die Hauptverhandlung statt. Herr 
Brunner, der mit Cäcilia in demselben Zimmer, und seine elfjährige 
Tochter, die mit ihr in demselben Bette schlief, behaupteten, 
daß Cäcilia am Abende des 13. Juni das Zimmer ebensowenig 
verlassen habe wie das Bett. Der Arzt, der die Totenbeschau vor- 
genommen, hatte an den Säulen des Abortes blutige Massen und 
Hirnteilchen gefunden, was beim gerichtlichen Augenschein übersehen 
worden war, so wie er selbst an der Kindesleiche die Schädelzertrüm- 
merung übersehen hatte. 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmorde» nach österreichischem Recht 109 



Ans alledem sowie aus der Aussage Strohriegels ging hervor, 
daß Cacilia Lenz nicht am t3. abends, sondern am 14. früh geboren, 
die Nabelschnur abgeschnitten, das Kind erfaßt, mit dem Köpfchen 
an die Abortwand geschlagen und auf diese Weise die Schädel- 
lertrümmerung und den Tod des Kindes herbeigeführt habe. 

Trotzdem fanden sich nur 6 Geschworene, die die Frage auf 
positiven Kindesmord bejahten. Zehn Geschworene bejahten die 
Eventualfrage auf negativen Kindesmord. Cacilia Lenz wurde zu 
drei Jahren Kerkere verurteilt, jedoch am 16. August 1906, also 
40 Tage vor Ablauf der Strafe, begnadigt, nachdem sie sich in der 
Strafanstalt musterhaft geführt und aufrichtige Reue gezeigt hatte. 

9. 

Die Magd Johanna Plott zählte erst 32 Jahre, machte aber den 
Eindruck einer doppelt so alten Frau. Schwächlich, häßlich, mager, 
vorzeitig gealtert, mit einem eiternden Fußgeschwür behaftet, mochte 
sie der Liebe noch immer nicht entbehren. Sie hatte 3 Kinder. Das 
eine war vor 8 Jahren gestorben, die beiden anderen zählten 6 und 
4 Jahre. 

Im Jahre 1902 diente sie beim Grundbesitzer Anton Wilf im 
Bezirk Fehring und bezog, da sie ihr jüngstes Kind bei sich hatte, 
einen Jahreslohn von nur 30 Kronen. Das ältere Kind mußte sie in 
Kost geben, — natürlich konnte sie das Kostgeld nicht zahlen, auch 
die Väter zahlten nichts, nur der eine hatte ihr einmal 10 Kronen 
gegeben. 

Ihre Dienstgeber schilderten sie als roh und jähzornig; sie schlug 
die Kinder wegen geringfügiger Anlässe blau und blutig. 

Ende 1902 lernte sie beim Dreschen den 24 jährigen schmucken 
Taglöhner Johann Spörgener kennen. Eines Tages kam es zum ge- 
schlechtlichen Verkehr in der Tenne. Die alte gebrechliche Magd 
meinte, er könnte sich wohl eine schönere und jüngere aussuchen. 
Er aber erwiderte, daß ihn dies nicht geniere. Johanna fragte : „Was 
ist, wenn ich von Dir auch ein Kind bekomme? Du zahlst auch nichts 
wie die anderen Väter!" Er bemerkte, wegen einmal wäre es nicht 
gefehlt, allein für das Kind würde er gewiß sorgen. 

Sie wurde schwanger, leugnete aber ihren Zustand, der nicht 
verborgen blieb. Der Spaßmacher des Dorfes, der Kutscher Franz 
Luchs, neckte sie im Sommer bei der Feldarbeit ob ihrer Schwanger- 
schaft Sie leugnete ohne bös zu werden und lachte zu den derben 
Scherzen des Mannes. Als dieser einmal hänselnd nieinte, er werde 
wohl ein Kipfel bei der Taufe bekommen, entgegnete sie lachend: 
»Von dem werdet Ihr wohl nichts wahrnehmen! 11 



Digitized by Google 



110 



II. A.MSCHL 



Am 19. September stellte sie die Arbeit ein. Luchs reizte sie 
mit den Worten: „Jetzt wird es bald werden mit dem Kipfel, jetzt 
klumperts schon!" Sie lachte dazu und legte sich zu Bette. Ende 
September 1903 entstand unter den Leuten das Gerede, daß Johanna 
Plott heimlich entbunden und ihr neugeborenes Kind beiseite geschafft 
habe. Dieses Gerede veranlaßte endlich den Dienstgeber der Plott, 
seinen Verdacht dem Gemeindearzte mitzuteilen, der die Magd am 
5. Oktober untersuchte und feststellte, daß tatsächlich vor kurzer Zeit eine 
Entbindung stattgefunden haben müsse. Nach einigem Leugnen ge- 
stand Johanna Plott, im achten Schwangerschaftsmonate von einem 
Stier in die linke Unterleibsgegend gestoßen und bald darauf, anfangs 
September, beim Grasmäben im Hausgarten von Geburtswehen be- 
fallen worden zu sein. Die Geburt sei im Garten erfolgt, die Nabel- 
schnur gerissen, das Kind habe kurze Zeit gelebt; sie habe es dann 
an Ort und Stelle, wo sie es nach der Geburt hilflos hatte liegen 
lassen, mit den Händen in die Erde vergraben. 

Der Entschluß zur Kindestötung sei ihr erst während der Geburt 
gekommen. Es fiel ihr ein, was man ihr alles vorgeredet: die Bäuerin 
habe fortwährend gebrummt und gescholten, sie sollte sich schämen; 
sie habe ohnehin Kinder genug; so ein altes Weibsbild könnte ge- 
scheiter sein und brauchte nicht wieder schwanger werden! — Johanna 
Plott dachte sich, ein armer Dienstbote ist schlechter daran als wie 
ein Hund beim Hause! Nirgends hätte sie Zuflucht gefunden! Ihren 
Plan, das Findelhaus in Graz aufzusuchen, vermochte sie nicht mehr 
auszuführen, da sie von der Geburt überrascht wurde und so sei es 
das beste gewesen, daß das Kind gleich nach der Geburt gestorben. 

Diese Verantwortung bewahrheitet sich nicht ganz. Sämtliche Zeugen 
bestätigten, daß Johanna Plott von ihren Herrenleuten niemals grob 
behandelt, niemals mit Vorwürfen gequält worden sei. Ja die Bäuerin 
hätte das Kind gerne aus der Taufe gehoben, schon um dem Luchs 
sein „Taufkipfel u zu sichern, und hätte sie samt dem zweiten Kind 
im Dienste behalten. 

Das tote Kind wurde zustande gebracht, doch ließ sich die Todes- 
ursache nicht mehr sicher stellen. Zweifellos hat das Kind gelebt, 
war lebensfähig und dürfte seinen Tod bald nach der Geburt durch 
Unterlassung des nötigen Beistandes gefunden haben. 

Die eingehend gepflogenen Erhebungen lassen es als sicher 
erscheinen, daß Johanna Plott nicht schon, wie sie glauben machen 
will, anfangs September, sondern erst in der Zeit vom 20. bis 24. Sep- 
tember, wenn nicht noch später, geboren habe, weil sie bis zum 
20. September ihre Arbeiten verrichtete, weil sie bishin auch noch 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Recht. 111 

den größeren Leibesumfang aufwies und weil sie vom 20. September 
an durch fast eine Woche bettlägerig war und keine Arbeiten ver- 
liebten konnte. Es muß auch stark bezweifelt werden, daß die Ent- 
bindung beim Grasmähen im Hausgarten erfolgte, weil dort zur an- 
gegebenen Zeit kein Gras mehr stand, das schon vorher von der 
Besitzerin Maria Wilf selbst abgemäht und weggetragen worden war. 
Auch fand man in der Schlafkammer der Beschuldigten ein blutiges 
Leintuch vor, wasUarauf hindeutet, daß die Entbindung in der Kammer 
und nicht im Garten vor sich ging. 

Bei Gericht blieb Jobanna Plott dabei, daß sie eines September- 
abends im Hausgarten von Geburtswehen befallen worden , daß die 
Geburt rasch vor sich gegangen und auch die Nachgeburt bald dar- 
nach abgegangen sei. Das neugeborene Kind männlichen Geschlechtes, 
das, wie sie sah, lebte und sich bewegte, ließ sie auf dem Wiesen- 
boden hilflos liegen, um ihrer Beschäftigung nachzugehen, Gras in 
die Graskammer zu tragen und die Kühe im Stalle zu füttern. Als 
sie nach etwa 10 Minuten zum Kinde zurückkehrte, fühlte sie an 
dessen Beinchen, daß sie schon steif seien und begrub das Kind samt 
der Nachgeburt in die Erde. 

Sie bekannte sich ausdrücklich schuldig, das Kind nach der 
Geburt hilflos liegen lassen zu haben. Die Geschworenen verneinten 
einstimmig die Frage auf Kindesmord, bejahten jedoch einstimmig die 
Frage auf Geburtsverheimlichung. Der Gerichtshof verurteilte sie 
darob zu zwei Monaten strengen Arrestes, verschärft durch ein hartes 
Lager in je 14 Tagen. 

10. 

Die '24jährige Bedienerin Therese Otetz, eine Ungarin, besaß 
bereits zwei uneheliche Kinder, deren Unterhalt die beiden Väter allein 
bestritten. Im März 1903 diente Therese in Abbazia als Küchen- 
mädchen in einem Hotel. Sie ward zum dritten Male von einem 
Kellner schwanger. Im Oktober 1903 übersiedelte sie nach Graz, 
wo sie bei der Kaffeeschänkerin Karoline Wohnnng nahm. Sie gab 
ihre Schwangerschaft ohne weiteres zu und sprach niemals 
Besorgnisse wegen des zu erwartenden Kindes aus. Ihre Niederkunft 
erwartete sie mitte Dezember. Am 12. November bemerkte sie ge- 
sprächsweise zu Karoline: „Bei mir ist noch eine Weile Zeit". Am 
17. November zog sie zum Schwiegersohn der Frau Karoline, dessen 
Gattin sich im Gebärhause befand, um ein Kind zu beaufsichtigen. 
Zwei Nächte schlief sie in der Wohnung des Schwiegersohnes. Am 
Morgen des 19. November 1003 klagte sie über Schmerzen und saß 
zusammengekauert auf einem Koffer. Auf die Frage des Schwieger- 



Digitized by Google 



112 II. Ajuh'hl 

* 

Sohnes, ob vielleicht die Geburt in Anzüge sei, erwiderte sie, hiezu» 
habe es noch einen Monat Zeit; sie habe sich nur verkühlt. Um 
6 Uhr entfernte sie sich, um Semmeln zu kaufen. Bald darauf er- 
schien sie bei Frau Karoline und bat 6ie, ihr Kamillentee zu kochen. 
Als die Frau bei ihr eintrat, fand sie sie im Bett entkleidet, auf dem 
Fußboden eine Blutlache. Erst nach eindringlichem Befragen äußerte 
Therese; „Es ist schon vorüber, das Kind ist im Abort beim Schwieger- 
sohn! Die Nachgeburt ist noch in mir! 44 Frau Karoline fragte nicht 
weiter, sondern bemerkte nur, daß sie um die Hebamme schicken 
werde, worauf Therese weinte. Der bald erschienenen Hebamme 
entgegnete sie auf die Frage, wo das Kind sei, unwirsch; r Ich kann 
ja nicht anders sagen, als oben im Abort!" Die Hebamme band den 
noch an der Nachgeburt hängenden Teil der Nabelschnur ab und 
entfernte die Nachgeburl 

Der Schwiegersohn ließ sofort Mehrungsräumer herbeiholen, die 
das Kind im Abortfasse auffanden. 

Die gerichtsärztliche Obduktion fand die beiden freien Enden der 
Nabelschnur quer und anscheinend scharf abgesetzt, allein bei Auf- 
schwemmen im Wasser zeigen sich besonders an der äußeren Um- 
hüllung einige Gewebszellen. Es wird versucht, den Nabelstrang 
abzureißen. Dies gelingt nur unter Anwendung einer ganz besonderen 
Kraft und dann sind die Rißstellen ganz unverkennbar zerfetzt und 
der Länge nach gerissen. Die mikroskopische Untersuchung des 
Mageninhaltes ergab massenhafte verschiedene pflanzliche Bestand- 
teile. Das Kind, weiblichen Geschlechtes, war vollkommen ausge- 
tragen, vollkommen lebensfähig und hat außerhalb des Mutterleibes 
geatmet und daher gelebt. 

Theresia Otetz behauptet, sie sei auf dem Aborte, den sie nur 
aufgesucht haben will, um ihre Notdurft zu verrichten, von der Geburt 
überrascht worden; plötzlich sei, ohne daß sie es gemerkt habe, das 
Kind abgegangen, sie konnte es nicht mehr zurückhalten und habe 
es nicht absichtlich in den Abort fallen lassen. 

Diese Verantwortung steht in unlöslichem Widerspruche damit, 
daß Therese in der vorausgegangenen Nacht an heftigen Geburts- 
wehen litt, die sie, die Mutter zweier lebender Kinder, als Wehen 
erkennen mußte und daß die Nabelschnur abgeschnitten war, woraus 
folgt, daß sie sich mit dem neugeborenen Kinde beschäftigt hat. Ein 
Abreißen der Nabelschur durch das bloße Gewicht des hinabfallenden 
Kindes erklärten die Sachverständigen für ausgeschlossen. 

Das Urteil lautete auf vierjährigen Kerker. Nach 2 Jahren und 
7 Monaten wurde sie begnadigt 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kimlesmordes nach österreichischem Keeht. 113 



IL 

Ursula Zid, eine Slovenin aus der südlichen Steiermark, trat im 
Jahre 1902, 25 Jahre alt, beim Grundbesitzer Ferdinand Kalthüber 
im Bezirke Deutsch-Landsberg als Magd in den Dienst Ihr Leumund 
war in jeder Hinsicht der beste. Sie galt als brav, fleißig und 
sittsam. 

Am 5. August 1003 gab sie sich einem jungen Knecht hin, der 
spater wiederholt um die gleiche Gunst bat, die sie ihm jedoch 
versagte. 

Im Winter brachte sie eine Woche in ihrer Heimat zu. Um 
Lichtmeß herum schien sie der Bäuerin verdächtig und mußte von 
ihr die Worte hören: „Seit Du im Windischen gewesen bist, schaust 
Du nicht mehr ordentlich aus, Du bist ordentlich bauchet ! tt Ursula 
schwieg hierzu, verschwieg und verbarg ihre Schwanger- 
schaft gegen jedermann, auch gegen den Kindesvater, traf 
keinerlei Vorbereitungen für eine allfällige Entbindung, schaffte 
keine Kindeswäsche an und trug ihre Kleider stets aufgebunden, um 
ihren Leibesumfang zu verhüllen. 

Sonntag den 17. April 1901 begann sie beim Mittagessen zu 
weinen und zu jammern, entfernte sich, wälzte sich auf dem Rasen 
stieg in ihre Dachkammer hinauf, legte sich ins Bett, kam wieder 
herunter, wälzte sich wieder auf dem Rasen, schrie und weinte, daß 
sie der ganze Leib schmerze, besonders aber der Kopf. Nachmittag 
erschien ein befreundeter Nachbar bei den Bauersleuten zu Besuch. 
Er fand Ursula auf der Ofenbank jammern und weinen und fragte, 
was ihr fehle. Sie klagte über Bauchschmerzen, lehnte aber seinen 
und der Bäuerin Antrag, einen Arzt zu holen, ab und meinte, sie leide 
häufig an Bauchweh. Der Nachbar riet ihr einen englischen Wunder- 
balsam, die Bäuerin aber, halb im Scherz, halb im Ernst, eine Hebamme. 
Der Nachbar eilte nach Hause um »einen berühmten Balsam und 
flößte ihr einige Tropfen ein. Es half aber nichts, denn Ursula be- 
gab sich ins Freie, legte sich wieder auf die Erde, wälzte sich, schrie 
und jammerte. Die 'Bäuerin meinte, sie werde den Doktor holen 
lassen, der Nachbar aber bemerkte scherzend: „Nicht den Doktor, 
aber die dicke Mutter", d. i. die Hebamme, und ging heim. 

Im Laufe des Nachmittags erbrach Ursula einmal, zweimal be- 
suchte sie den Abort und bat die Bäuerin um Glaubersalz, das ihr aber 
nicht verabreicht werden konnte, weil keines im Hause war. 

, Gegen Abend sah die Bäuerin sie beim Abort stehen und mit 
dem Rock an den Füßen herumwischen. Über die Frage nach ihrem 
Befinden erklärte sie, daß es ihr jetzt besser gehe. Als nun Ursula 

ArchiT für KriininaUnthropoloirfe. 90. Bd. b 



Digitized by Google 



114 II. Amwhl 

ins Haus hineinging, merkte die Bäuerin, daß ihr das Blut stark 
hinunterrann, und sagte zu ihr. in der Meinung, sie sei während ihres 
Aufenthalts in Untersteier geschwängert worden: „Das hast vom 
Windisch-gehen!" worauf Ursula erwiderte: „Das ist schon seit August ! w 
Betroffen fragte die Bäuerin: „Hast gar schon verrichtet?" „Bitte 
schauen gehn, bitte schauen gehn! u war die Antwort Die Bäuerin 
wagte nicht allein nachschauen zu gehen, um vor Ankunft der Heb- 
amme nichts zu berühren und zu ändern, und geleitete Ursula über 
die steile Stiege in die Dachkammer, wo sie die Kranke zu Bett 
brachte. Den wieder erschienenen Nachbar aber sandte die Bäuerin 
zur Hebamme, die um 1 1 Uhr abends erschien, sofort die zum Abort 
führenden starken Blutspuren verfolgte und den Bauer aufforderte, 
die Jauche auszuschöpfen, wozu sie ihm leuchtete. Nach langer 
Arbeit zog er den Leichnam mit einer Mistgabel empor. Die Hebamme 
schwemmte die Kindesleiche, an der die Nachgeburt noch haftete, mit 
kaltem Wasser, band sie ab und wusch sie dann mit warmem Wasser. 
Nun erst begab sich die Hebamme zur Ursula, fragte sie, ob dies das 
erste Kind sei, was sie bejahte, und riet ihr, zur Bäuerin ins Erd- 
geschoß schlafen zu gehen, damit die Frau nachts nicht so oft über 
die Stiege zu ihr emporklettern müsse. Ursula stieg aus dem Bett, 
brach aber sogleich ohnmächtig zusammen und wurde nicht weiter 
mit Fragen gequält. Erst am 1 9. April nachmittags fragte die Bäuerin 
nach dem Vorgang. Ursula will nicht gewußt haben, daß im Abort 
ein Kind von ihr abgegangen sei. Als man ihr die Kindesleiche 
zeigte, weinte sie bitterlich und wollte das Kindlein aus dem kleinen 
Sarg herausnehmen. 

Ursula leugnete ganz entschieden, das Kind absichtlich in den 
Abort fallen lassen zu haben, sie sei von der Geburt überrascht worden, 
da sie diese erst im Mai erwartet hatte. Sie behauptete auch vor 
Gericht, daß für sie gar kein Grund vorlag, das Kind zu beseitigen. 

Der Obduktionsbefund ergab, daß das Kind vollkommen ausge- 
tragen war, gelebt und geatmet habe, daß das Kind infolge von Ver- 
legung der Atemwege durch Jauche zu Grünere gegangen und daß 
nicht anzunehmen sei, es habe die Geburt vor sich gehen können, 
ohne daß die Gebärende sich bewußt worden wäre, um was es sich 
handle. 

Ursula Zid wurde des Kindesmordes angeklagt, begangen da- 
durch, daß sie bei der Geburt des Kindes in der Absicht es zu töten 
auf solche Art gehandelt habe, daß daraus dessen Tod erfolgte, . 

Am 13. Juni 1904 kam es vor dem Schwurgericht in Graz zur 
Hauptverhandlung. Ursula Zid machte den Eindruck einer geistig 



Digitized by Google 



Das Verbrechen de» Kindesmordes nach österreichischem Recht 115 



sehr beschränkten Person, die die heutigen Fragen nur deshalb richtig 
beantwortete, weil sie schon oft an sie gestellt worden waren. 

Die Sachverständigen der Uauptverhandlung erklärten, es ent- 
spreche der Erfahrung, daß bei Erstgebärenden die Ausstoßung des 
Kindes oft augenblicklich vor sich gehe, ohne daß sich die Gebärende 
des Geburtsaktes bewußt wäre. Der Umstand, daß nach dem Zeug- 
nisse der Hebamme die Nachgeburt zugleich mit dem Kind abging, 
läßt darauf schließen, daß der Geburtsakt sich plötzlich vollzog. 

Das Gericht beschloß die Vertagung der Ilauptverhandlung zum 
Zwecke der Untersuchung des Geisteszustandes der Angeklagten. 

Der Staatsanwalt zog jedoch die Anklage nach § 227 StPO. zu- 
rück, worauf noch an demselben Tage Einstellung des Verfahrens 
erfolgte. 

12. 

Am 27. September 1906 langte beim Bezirksgerichte Weiz eine 
anonyme Anzeige an, daß die Schweinemagd Thekla Lehr, bedienstet 
bei der Mühlenbesitzerin Maria Ruprecht, ihre Leibesfrucht abgetrieben 
haben soll. 

Die 28 jährige Thekla Lehr, Mutter eines achtjährigen, bei ihren 
Eltern untergebrachten unehelichen Kindes, unterhielt seit Ende Januar 
1906 mit dem 2t jährigen Schuhmachergehilfen Karl ein Liebesver- 
hältnis, dessen Folgen nicht ausblieben. 

Thekla Lehr verschwieg und verbarg ihre Schwanger- 
schaft, schürzte ihre Kleider hoch, um den wachsenden Leibesum- 
fang zu verhüllen und leugnete auch ihren Hausleuten gegenüber 
entschieden, schwanger zu sein. Nichtsdestoweniger glaubte man 
allenthalben an ihre Schwangerschaft. 

Eines Tages im April oder Mai 1906, im Hause war gerade 
große Wäsche, lag Thekla auf der Wiese und krümmte sich vor 
Schmerz. Auf die Frage der Frau Ruprecht, was ihr fehle, erwiderte 
sie, daß sie öfters an solchen Schmerzen leide. Damals soll ihr auch 
eine grüne Flüssigkeit aus dem Munde geronnen sein. 

Der Dorfhebamme war der Zustand Theklas im Sommer auf-» 
gefallen, die Dorfbewohner sprachen ganz ungescheut davon, ja ihr 
Liebhaber setzte sie von diesem Gerede offen in Kenntnis und stellte 
sie zur Rede, erhielt aber die schnippische Antwort: „Da müßt' ich 
auch was wissen davon!* 

Am 28. August 1906 klagte Thekla zu ihrer Mitmagd Magdalena 
über Übligkeiten. Sie trug ein Schaff Wasser vom Brunnen in den 

Stall und sah auffallend bleich aus. Magdalena teilte ihre Wahr- 

8* 



Digitized by Google 



116 



II. Amschl 



nehmungen der Frau Ruprecht mit, die ihr auftrug, den Arzt zu holen 
und Tee zu kochen. Thekla erklärte jedoch, sie brauche keinen Arzt 
und legte sich, über furchtbare Krämpfe im Bauche klagend, zu Bette. 
Am nächsten Morgen hatte sie bereits Kaffee gekocht und verrichtete 
trotz ihres leidenden Aussehens ihre Arbeit. Magdalena schüttelte den 
Kopf und meinte zur Frau Ruprecht, daß Thekla ihre Leibesfrucht 
abgetrieben habe, die Frau aber glaubte nicht daran. Magdalena er- 
zählte der Lehr selbst, daß die Ijeute von einer Fruchtabtreibung reden 
und sie anzeigen wollten, erhielt jedoch zur Antwort: „Wenn sie's 
beweisen können, so sollen sie's nur tun! tt 

Bald darauf erzählten zwei Eheleute der Dorfhebamme, daß „bei 
der Lehr nichts mehr sei." Mit Rücksicht auf die umlaufenden Ge- 
rüchte, auf die Auffindung blutiger Binden im Ruprechtschen Abort 
und insbesondere mit Rücksicht darauf, daß Magdalena gesehen, wie 
Thekla ein Schaff Wasser in den Stall trug, schöpfte die Hebamme 
Verdacht uud erstattete beim Oberbezirksarzt die Anzeige. 

Thekla I^hr gestand am 28. September 1906 nach anfänglichem 
Leugnen dem Gendarmen, sie habe am 27. August 1906 etwa 8 Uhr 
abends ein totes Kind geboren, das sie im Misthaufen neben dem Kuh- 
stall vergrub. Man fand am 29. September 1906 nur mehr Knochen, 
in faule Düngermassen eingebettet, die mit feinen Meßinstrumenten 
genau vermessen wurden. Die Ziffern sprachen nach dem Gutachten 
der Gerichtsärzte eine sehr bestimmte Sprache. Die Ergebnisse der 
Messungen bewiesen, daß das Kind noch nicht völlig reif war, sondern 
erst im achten oder neunten Monate seiner Entwicklung stand. Mit 
ebenso großer Bestimmtheit vermochten die Gerichtsärzte zu behaupten, 
daß das Kind bereits lebensfähig, also weit über die 30. Schwanger- 
schaftswoche hinaus entwickelt war. 

Vor Gericht behauptete Thekla Lehr anfänglich, am 27. August 
gegen 8 Uhr abends im 7. oder S. Schwangerschaftsmonate plötzlich 
von Geburtswehen befallen worden zu sein und im Stalle stehend ge- 
boren zu haben. Das Kind sei samt der Nabelschnur zu Boden ge- 
fallen und habe geschrieen. Sie hob es auf und trug es zum Mist- 
haufen, woselbst Thekla mit der Mistgabel ein Loch grub. Das Kind 
schrie fortwährend, schrie während des Eingrabens und ward 
daher in vollstem Sinne lebendig begraben. 

Später gab Lehr an, die Nachgeburt sei erst abgegangen, nach- 
dem sie in den Stall zurückgekehrt war, und von ihr im gleichen 
Misthaufen vergraben worden. 

Thekla Lehr gestand einmal, das Kind in der Absicht, es zu 
töten, vergraben zu haben, dann aber leugnete sie diese Absicht wieder. 



Digitized by Google 



Das Verbrechen des Kindesmordes nach österreichischem Recht. 117 



Sie wisse selbst nicbt, was ihr eingefallen sei und warum sie so 
„dumm* war; „unser Herrgott wird es besser wissen". Dem Kindes- 
vater habe sie ihre Schwangerschaft nicht verraten aus Furcht, er 
könnte sie dann verlassen, und weil sie glaubte, daß es ohnehin 
noch immer Zeit zu dieser Mitteilung wäre. 

Bei der Hauptverhandlung am 7. November l'JOG gestand sie die 
Tat, leugnete jedoch die Tötungsabsicht nnd behauptete, sie habe sich 
nicht zu helfen gewußt und sich in voller Verzweiflung befunden. 
Wohl aber gab sie zu, bei der Tat gedacht zu haben, daß das 
Kind umkommen müsse. Die Geschworenen konnten an diese Ver- 
zweiflung nicht glauben und bejahten die Schuldfrage auf positiven 
Kindesmord mit elf Stimmen. Der Gerichtshof verhängte vierjährigen 
Kerker. 



Digitized by Google 



III. 



Die strafprozessuale Bedeutung des Indizienbeweises. 

Von 

Dr. jur. Hans 8chneickert, Berlin. 

Einleitung. — Die Unentbe hrl ich k ei t de» Indizienbeweises — Fehler- 
quellen — Der Indizienbeweis einst und jetzt — Indizienbe- 
weis und wissenschaftliche Versuche — Einiges Ober Schuß- 
wunden — Schlußwort. — 

Kaum hat die Lehre des wissenschaftlichen Indizienbeweises in 
der Kriminalistik etwas festen Fuß gefaßt, schon werden immer mehr 
Stimmen laut, die den Indizien volle Beweiskraft absprechen wollen; 
jedenfalls dürfe, so heißt es fort und fort, ein Angeklagter auf Grund 
eines bloßen Indizienbeweises nicht verurteilt werden. Das sind die 
selbstverständlichen Wünsche des Angeklagten und seines Verteidigers. 
Schließlich bliebe allein noch der Grundsatz angefochten, daß der An- 
geklagte nur im Falle eines Geständnisses verurteilt werden könne. 
Nun fehlen aber erstens Geständnisse in der Kegel gerade da, wo ein 
Verbrechen dringend der Aufklärung und Sühne bedarf, zweitens 
dürfen Geständnisse weder durch List noch durch Drohungen er- 
preßt werden, und drittens sind viele Geständnisse unwahr und 
irreführend. Daher ist es rein unmöglich, in unserem heutigen Straf- 
verfahren auf den Indizienbeweis zu verzichten. Zugestanden muß 
allerdings werden, daß heute noch manche Indizienbeweise schwankend 
sind. Und das kann ja gewiß zu großen Unzuträglichkeiten in der 
Rechtspflege führen. Aber sehen wir uns doch einmal so einen mit 
Recht angegriffenen Indizienbeweis näher an. Wohl nirgends hat 
man mit mehr Vorurteilen zu kämpfen, als gerade im Strafermitte- 
lungsverfahren, zumal wenn sich die Öffentlichkeit, die Presse der 
Sache „annimmt." Wie so oft, verwechseln die Gegner des Indizien- 
beweises die Person wieder mit der Sache. Es kommt doch sehr 
darauf an, wer einen Indizienbeweis aufbaut und nach welchen 
Prinzipien. Ein Mann, der sich im Aufbau von Indizienbeweisen 
und in seinen „logischen Schlußfolgerungen* 1 so sicher fühlt wie der 
Romanheld Sherlock Holmes, ist für die Praxis allerdings noch nicht 
geboren worden. Wir haben mit Fehlerquellen allenthalben zu rechnen 
und gerade hinsichtlich solcher „logischen Schlußfolgerungen" kann 
man sagen, daß sich in der Beschränkung allein der Meister zeige. 



Digitized by Google 



Die strafprozessuale Bedeutung: des Indizienbeweises. 



119 



Zwei große Fehlerquellen sind es vor allem, vor denen sich 
jeder Kriminalist zu hüten hat: 

1. Das X ich tbeachten vorhandener Indizien. 

2. Die falsche Bewertung der vorhandenen Indizien. 
Als strafprozessuale Beweismittel kennen wir : die Zeugenaussage, 

den richterlichen Augenschein, das Sachverständigengutachten, Indi- 
zien, Urkunden und Geständnis. Die Indizien beherrschen aber, zu- 
mal bei Feststellung der Schuldfrage, den modernen Strafprozeß und 
spielen bei sämtlichen Beweismitteln eine Hauptrolle. Ihrer Fest- 
stellung und Prüfung muß daher in der Voruntersuchung wie in der 
Hauptverhandlung ein ganz besonderes Augenmerk gewidmet werden. 

Im früheren gemeinen Recht und namentlich zur Zeit der 
diesem Recht vorangehenden Carolina — vergl. deren Artikel 22 
— hatten die Indizien noch sehr geringe Beweiskraft; eine Verurteilung 
zu peinlicher Strafe konnte jedenfalls auf Grund bloßer Indizien nicht 
erfolgen. Heute ist das wesentlich anders. Man bedenke aber auch 
den Fortschritt in den strafrechtlichen Hilfswissenschaften! Der In- 
dizienbeweis unterliegt keinen prozessualen Beweisregeln mehr, son- 
dern wie alle anderen Beweise der freien richterlichen Würdigung. 
Eine direkte gesetzliche Bestimmung, die den Indizienbeweis zuläßt, 
enthält unsere St.P.O. zwar nicht, eine Zulässigkeit wird aber aus 
§ 26ö, Abs. 1 St.P.0. gefolgert: „ . . . Insoweit der Beweis aus an- 
deren Tatsachen gefolgert wird, sollen auch diese Tatsachen 
angegeben werden 1 * (nämlich in den Urteilsgründen). Daraus ergibt 
sich als Begriff des Indiciums eine feststehende Tatsache, von der 
aus auf die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer zu beweisenden an- 
deren Tatsache ein Schluß gezogen werden kann, weil beide Tat- 
sachen in einem logischen Zusammenhang stehen. Nichts ist für den 
Indizienbeweis gefährlicher, als die Verwechselung feststehender 
und schlüssiger Tatsachen, direkter und indirekter Be- 
weismittel, sowie eine falsche Schlußfolgerung überhaupt, die 
als falsche Voraussetzung so viele weitere Fehlschlüsse im Gefolge 
haben kann. Vor der Ansteckungsgefahr dieses kriminalistischen 
Bazillus kann uns nur äußerste Vorsicht schützen. Die richtige 
Schlußfolgerung, sowie das richtige Erkennen aller vorhandenen indi- 
zierenden Tatsachen setzt eine gewisse kriminalistische Begabung, Übung 
und Erfahrung voraus, nicht zuletzt aber auch Gewissenhaftigkeit, Voraus- 
setzungen, die oft bei den zu solchen „logischen Schlußfolgerungen** 
berufenen Personen fehlen, so daß wir ständig mit der gefährlichen 
Wirkung der beiden oben erwähnten Fehlerquellen zu rechnen haben. — 

Der Indizienbeweis ist, wie schon gesagt, in vielen Kriminalfällen 



Digitized by Google 



120 



III. SCHXEICKERT 



unumgänglich, insbesondere dann, wenn es an Zeugen der Verbrechens- 
tat fehlt, oder wenn solche Zeugen aus physischen oder moralischen 
Gründen unglaubwürdig sind. Wir haben durch die täglichen Erfah- 
rungen den zweifelhaften Wert der Zeugenaussagen kennen gelernt; 
wie wollten wir unter solchen Umständen auf den Indizienbeweis 
verzichten und die Feststellung des „objektiven Tatbestandes", 
den Inbegriff aller Indizien des Einzelfalles vernachlässigen! Also 
die richtige Verwertung von Tatsachen, die (nötigenfalls durch Sach- 
verständige) doch viel sicherer nachgeprüft werden können, als die 
psychologisch oft so schwer zu ergründenden Zeugenaussagen, ist 
das Wesen des heutigen Indizienbeweises. 

Wir begegnen dem Indizienbeweis, jedoch unter anderem Namen, 
auch bei den meisten Identitätsfeststellungen, die zum Teil 
Aufgabe der Sachverständigen, zum Teil Aufgabe der Kriminalpolizei, 
speziell des Erkennungsdienstes sind. Was sind z. B. bei einer Hand- 
schriftenvergleichung, die von den Sachverständigen zusammengestellten 
Schrifteigenheiten denn anders als Einzelindizien, aus deren Ge- 
samtheit die Identität oder Nichtidentität zweier Handschriften ge- 
folgert wird? Das gleiche finden wir auch hinsichtlich der Ergebnisse 
des anthropometrischen Aless- und Personenbeschreibungsverfahrens. 
Die Gesamtheit der Körpermaße und besonderen Kennzeichen stellen 
bei einer Personenidentifizierung einen Indizienbeweis für sich dar, 
der z. B. bei einer intellektuellen Urkundenfälschung eines leugnenden 
Angeklagten unentbehrlich, aber auch ausschlaggebend wäre. Hier 
sind es lediglich die sicheren Ergebnisse und dauernden Erfolge, welche 
die polizeilichen Identifikationsmethoden vor dem Vorwurf der Fehler- 
haftigkeit und Gefährlichkeit, Eigenschaften, ohne die sich viele einen 
Indizienbeweis nicht denken können, bewahren. 

Die Kachprüfung des Indizienbeweises — und damit 
kommen wir auf den wundesten Punkt der Sache selbst zu sprechen. 
Die Zahl der als Indizien verwertbaren Tatsachen geht ins Unge- 
messene, solange Subjekt und Objekt der Verbrechenshandlungen, 
sowie die Verbrechensmethoden verschieden sind, die täglich neu er- 
funden werden können, ohne sogleich von den verfolgenden Behörden 
als solche erkannt und entdeckt zu werden. Ist aber einmal eine 
Verbrechensmethode, ein bestimmtes beweiskräftiges Indicium entdeckt 
worden, vielleicht nach manchen Irrungen, so haben wir keine Garan- 
tie dafür, daß andere Behörden in einem ähnlichen Falle nicht denselben 
Irrungen ausgesetzt sind. Von diesem Gesichtspunkt aus ergibt sich 
nicht allein die Zweckmäßigkeit, sondern auch die Notwendigkeit der 
Bekanntgabe der gemachten Erfahrungen durch geeignete Ver- 



Digitized by Google 



Die strafprozessuale Bedeutung des Indizienbeweises. 121 



öffentlichungen — was heute z B. heute schon in gewissem 
Sinne durch amtliche Warnungen vor Kurpfuschern und anderen 
Schwindlern geschieht — und andrerseits aber auch die Notwendig- 
keit des Studiums solcher literarischen Mitteilungen aus der Praxis. 
Des weiteren werden neue Verbrechenssymptome und -Methoden einen 
kriminalistischen Praktiker und Sachverständigen zu wissenschaft- 
lichen Versuchen und deren literarische Verarbeitung veranlassen, 
die eine lückenhafte Berufserfahrung zu ergänzen bestimmt sind. 

Nehmen wir einmal einen Fall aus der Praxis: Es wird eine 
Leiche aufgefunden mit einer Schußwunde, deren Ränder Brandspuren 
zeigen. Eigene oder fremde Schuld? Einer der wichtigsten Beweis- 
momente wäre z. B. die Feststellung, aus welcher genauen Entfernung 
der tödliche Schuß abgefeuert worden ist. Augenzeugen fehlen, wir 
sind also zunächst darauf angewiesen, aus dem objektiven Befund 
unsere Schlüsse zu ziehen. Nicht jeder Kriminalist und nicht jeder 
Sachverständige hat aber auf diesem Gebiet hinreichende Erfahrungen 
gesammelt In diesem Falle würde man entweder die einschlägige 
Literatur zu Rate ziehen müssen oder selbst Schießversuche (z. B. an 
einer Leiche) anstellen lassen, die auf alle Fälle ein besseres Ver- 
ständnis für Schußwunden erzielen werden. 

Gelegentlich eines bestimmten Falles aus der neuesten Kriminalpraxis 
wurden in der „Berliner Morgenpost u vom 11. März 1907 die Be- 
obachtungen eines alten erfahrenen Artillerieoffiziers über Schuß- 
wunden und Brandspuren am menschlichen Körper ver- 
öffentlicht, die ich ihrer kriminalistischen Wichtigkeit wegen hier aus- 
zugsweise folgen lassen will: 

Ein abgefeuertes Projektil aus einer Handfeuerwaffe ist au sich r wie 
immer der Gegenstand, auf den es auftrifft, auch beschaffen sein mag. nicht 
imstande, die enorme Wärme, die es hei Überwindung des Ileibungswider- 
standes im Rohre ja in sich angesammelt hat, in Form von Brandspuren 
beim Eintritt in das Zielobjekt abzulagern. Wundräuder, die von einem aus 
beträchtlicher Eutfernung aufschlagenden Geschosse herrühren, weisen 
nicht das geringste Zeichen von übertragener Wärmeeinwirkung auf, ebenso 
wenig wie der Schußkanal eines Gesehoßdurchsehlages in Holz oder Eisen 
derartige Eindrücke zeigt. Je länger die Flugbahn ist, die das Geschoß auf 
seinem Wege nach dem Ziele zurücklegt, um so intensiver ist die Abkühlung 
durch die Einwirkung der atmosphärischen Luft, und es gelangt jedenfalls 
in einem derartigen Aggregatzustande in das Zielobjekt, daß es direkte 
Brandwunden oder in unorganischen Stoffen Brandspuren nicht hinterläßt. 

Anders bei einem Schusse, der aus unmittelbarer Nähe gegen das 
Zielobjekt abgefeuert wird. Das Projektil verläßt die Rohrmfindung unter 



l) Dies namentlich auch bei latenten Finger- und Schriftabdrflcken, zerrissenen 
oder verbrannten Schriftstücken. Schartenspuren. Bißnarben an der Leiche u. dgl. 



Digitized by Google 



122 



III. ScIIXKUKERT 



der fast gleichzeitigen Feuerentwiekelung der Pulvcrladung, und die Feuer- 
garbe, die aus einein Infanteriegewehr nach außen »ich entwickelt, hat 
ungefähr eine Länge von zehn Zentimetern. Der Korper nun, in den das 
Projektil aus solcher Nähe einschlägt, ist selbstverständlich auch zugleich der 
Einwirkung der Feuergarbe ausgesetzt, und es entstehen an ihm, heziehungs- 
weise an den Wundrändern deutliche Spuren der erfolgten Verbrennung. 

Das gleiche gilt bei Schüssen, die aus einem Kevolver oder aus einer 
Pistole abgegeben werden, nur daß hier die Feuergarbe noch kürzer, 
kleiner ist und der Schuß aus ganz geringfügigen Distanzen abgegeben sein 
muß, wenn er noch außer der Projektilwirkung die Einwirkung der Flamme 
aus dem Rohre sichtbar machen soll. 

Der Schuß aus dem Revolver, der außer der tödlichen Wirkung des 
Projektils noch die Brandspuren an Bekleidung und Korper deutlieh hervor- 
brachte, ist demnach aus einer Distanz abgegeben worden, die sich in einem 
allerdings nicht ganz genau zu bemesseuden Spielraum von wenigen Zenti- 
metern bewegt. Die Revolverpatrone enthält eine erheblich schwächere 
Pulverladung als eine (Jewehrpatroue, und wenn demnach der Revolverschuß 
Brandspuren hinterließ, so darf man wohl als sicher annehmen, daß die 
Mündung des Laufes den Körper der ermordeten Person fast unmittelbar 
berührt haben muß. 

Das sind Beobachtungen, die in der Hauptsache auch bei Schieß- 
versuchen an der Leiche, denen ich kürzlich beizuwohnen Gelegenheit 
hatte, zutrafen. Übrigens sind Schieß versuche an der Leiche nicht 
etwa erst in der neuesten Zeit angestellt worden, schon vor 50 Jahren 
hat z. B. der berühmte Berliner Gerichtearzt Professor Johann 
Ludwig Casper (1796 — 1864) solche Versuche unternommen und 
in seinem ^Handbuch der gerichtlich-medizinischen Leichendiagnosrik" 
(2. Auflage, Berlin 1858, S. 297 ff.) registriert 

Solchen Fällen dürfte eigentlich kein Kriminalist unwissend 
gegenüberstehen; sie zeigen immer mehr, wie wichtig es für den 
Juristen und späteren Strafrechtepraktiker ist, gerichtliche Medizin auch 
wirklich zu studieren, ein Fach, das eigentlich obligatorisch sein sollte. 

Nun gibt es immer noch manche andere Gebiete, die nur durch 
Spezialstudium erobert werden können, die aber dem Kriminalisten 
trotzdem keine terra incognita sein dürfen, da es andernfalls nicht 
ausbleiben kann, daß den Sachverständigen entweder zu leicht ver- 
traut, oder aber dem Sachverständigengutachten mangels hinreichen- 
den Verständnisses ein nicht zu rechtfertigendes Mißtrauen entge- 
gengebracht wird. Wie oft mag ein richterliches ,.Non liquet" seinen 
letzten Grund in zu mangelhafter Kenntnis der einschlägigen Sachver- 
ständigenmaterie haben ! 

Im richtigen Können und Verstehen ruht also allein der Wert 
d»-s Indizienbeweises, den nur Unwissende oder Unehrliche aus der 
Reihe strafprozessualer Beweismittel ausgeschaltet wissen wollen. 



Digitized by Google 



IV. 

Über die so«:. Moral insanity und ihre forensische 

Bedeutung;. 

Vortrag, gehalten in der Österr. kriminalistischen Vereinigung 

am 3. Dezember 19n7. 

Von 

Primararzt I>r. Josef Berze, Wien. 

Nur mit Zagen bin ich der Einladung des verehrten Ausschusses, 
in dieser illustren Vereinigung über moral insanity zu sprechen, ge- 
folgt; was mir schließlich doch den Mut dazu verschafft hat, war die 
Überzeugung, daß jeder von Ihnen, m. H., einerseits die immense 
Literatur über diesen Gegenstand, andererseits die großen Schwierig- 
keiten und das geringe Ausmaß des Feststellenden auf diesem Gebiete 
genau kennt, und daher wohl niemand unter Ihnen von mir die Ent- 
wicklung besonders bedeutsamer Ideen oder gar eine die ganze Frage 
begreifende Klärung erwarten wird. 

Wer sich mit der Frage der moral insanity befaßt, sieht bald eine 
Unmenge von Problemen auftauchen. Zunächst die rein psych- 
iatrischen, namentlich die Frage der Abgrenzung des in Betracht 
kommenden Gebietes gegen das Gebiet des Normalen, die Frage nach 
der nosologischen Stellung der zu berücksichtigenden Fälle, nach der 
Gruppierung derselben, die verschiedenen symptomatologischcn Fragen, 
die Differenzialdiagnose gegenüber akuten und chronischen Geistes- 
störungen, bei denen ein Moraldefekt zutage tritt. Dann zahlreiche 
anthropologische Probleme; „die psychiatrische Diagnose muß 
sich" ja, wie Scholz richtig sagt, gerade in den Fällen von mora- 
lischer Defektuosität so oft „zur anthropologischen Diagnose erheben 44 ; 
es muß nach möglichst sicheren Kriterien für die Unterscheidung 
zwischen Abnormität und Krankheit gesucht werden, die Lehre von 
der hereditären Belastung sowie die Lehre von den somatischen und 
psychischen Degenerationszeichen und ihrer diagnostischen Bedeutung 
muß einer gründlichen Revision unterzogen werden. Groß ist dann 
die Zahl der auftauchenden psychologischen Fragen; die psycho- 



Digitized by Google 



124 



IV. Bf.r/.k 



logischen Grundlagen der Moral, das Verhältnis der Moral, beziehungs- 
weise ihrer Komponenten zur Intelligenz, die Beziehungen der Moral 
zu den verschiedensten seelischen Vorgängen müssen näher beleuchtet 
werden. Man kommt weiters an der Frage der Willensfreiheit, deren 
Erörterung zahlreiche Psychiater, indem sie dieselbe als eine meta- 
physische oder auch theologisch e Aufgabe bezeichnen, ganz bei- 
seite lassen möchten, trotz allem Bemühen nicht recht vorüber. Die 
Erforschung der Ätiologie der pathologischen Moraldefekte, sowie die 
Betrachtung der moralischen Defekte, welche das Mileu schafft, die 
Ergründung der Rolle, die das Milieu spielt, und des Verhältnisses, 
in welchem der Einfluß des Milieus zur Bedeutung der individuellen 
Anlage steht, lenken auf soziologische Probleme. Die Frage nach 
der Sanierung der sozialen Verhältnisse, die da in Betracht kommen, 
führt uns auf sozialpolitisches Gebiet. Die Notwendigkeit der 
forensischen Beurteilung der kriminell werdenden Fälle setzt uns 
vor eine ganze Reihe weiterer Fragen. Außer der Frage der Ab- 
grenzung gegen den gewöhnlichen Verbrecher taucht die wichtige 
Frage auf, wie denn die Form und der Grad der im Einzelfall an- 
genommenen pathologischen Störungen festzustellen und in verständ- 
licher Weise zu kennzeichnen wäre. Da die Begutachtung in einer 
solchen Form erfolgen soll, daß das Gutachten dem Richter als Unter- 
lage für die Entscheidung über die Subsumtion des Falles dienen kann, 
sieht sich der Psychiater, der sich mit der moral insanity befaßt, auch 
gezwungen, juristischen Fragen näher zu treten, sich auch eine 
gewisse Kenntnis des einschlägigen materiellen Rechtes zu erwerben. 
In weiterer Folge tauchen kriminalpolitische Fragen auf, ferner 
die, wenn ich so sagen darf, anstaltspolitische Frage, in wieweit die 
Irrenanstalten und andere Anstalten zur Aufnahme derartiger Individuen 
herangezogen werden dürfen u. s. w. Schließlich drängen gerade die 
moralischen Defektzustände den Psychiater dazu, sich über die Stel- 
lung des Sachverständigen dem Richter gegenüber, über die Grenzen 
seiner Pflichten und seiner Kompetenz klar zu werden. 

Es ist ohne weiteres klar, daß die Erörterung all' dieser Detail - 
fragen den Rahmen eines Vortrages weit überschreiten würde. Die 
Fülle des Stoffes kann aber auch in eine engere Form gepreßt werden, 
wenn von den erwähnten Fragen nur derjenige Teil berührt wird, 
der mit Rücksicht auf den Gesichtspunkt, von welchem aus eben die 
Frage der moral insanity betrachtet wird, notwendigerweise berührt 
werden muß. Mir ist der Weg vorgezeichnet, — dadurch, daß ich 
die Ehre habe, in dieser Vereinigung über das Thema sprechen zu 
dürfen; ich habe die bezeichneten Fragen und vielleicht noch eine 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 125 



oder die andere weitere Frage nur insoweit zu berühren, als es das 
Hauptthema meiner Ausführungen, das natürlich die forensische 
Beurteilung der hierher gehörigen Fälle sein muß, verlangt. 

Unter denjenigen Personen, die Neigung zu antisozialem Handeln, 
und insbesondere zur Begehung krimineller Handlungen zeigen, 
stehen zweifellos die mit einem dauernden moralischen Defekt Be- 
hafteten obenan, und unter diesen gibt es ebenso zweifellos zahlreiche, 
deren Defekt auf einer pathologischen psychischen Konstitution be- 
ruht. In manchen Fällen, für die dies zutrifft, ist die pathologische 
moralische Insuffizienz begleitet von geistigen Defekten anderer Art, 
die an sich schon auf Geistesstörung oder auf hochgradige Unzuläng- 
lichkeit der geistigen Anlage weisen, oft in so ausgesprochener Weise, 
daß der Moraldefekt ihnen gegenüber in semiotischer Hinsicht zurück- 
tritt. In anderen Fällen hingegen steht zwar die moralische Insuffizienz 
auch durchaus nicht etwa allein, ist aber doch all das, was sonst 
noch als Zeichen gestörter Geistestätigkeit oder defekter Anlage ge- 
deutet werden kann, weniger auffällig, so daß der moralische Defekt 
jedenfalls entschieden im Vordergrunde steht, ja bei oberflächlicher 
Betrachtung geradezu isoliert zu stehen scheint. 

Der Ausdruck: moral insanity, den man eine Zeit lang ohne viel 
Bedenken zur Bezeichnung dieser Fälle verwendet hat, hat heute keinen 
guten Klang mehr; gewichtige Stimmen treten dafür ein, daß man 
ihn fallen lasse. Indes haben wir kein reines Gefühl der Befriedigung, 
wenn wir dies tun, wenn wir auch die Gründe zu würdigen wissen, 
die dafür angeführt werden. Zweifellos gibt es ja Individuen, an 
denen zunächst nichts anderes auffällt oder wenigstens so auffällt 
wie der moralische Defekt, der sich als aus einer krankhaften psy- 
chischen Anlage herausgewachsen darstellt; zweifellos gibt es Indi- 
viduen mit „angeborenen Entartungszuständen, bei denen sich schwere 
moralische Defekte neben guter oder leidlicher Verstandesentwicklung 
finden und andere Zeichen geistiger Störung fehlen" 4 (Gaupp). Das 
Bedürfnis, diese wohl charakterisierten und praktisch so wichtigen 
Fälle aus der großen Menge der Degenerierten, der psychopathisch 
Minderwertigen u. s. w. herauszuheben, besteht sicherlich, und dies 
zeigt sich u. a. auch darin, daß zur selben Zeit, da sich die Mehrzahl 
der Psychiater förmlich der Versuchung schämt, den Ausdruck: moral 
insanity anzuwenden, immer wieder neue Bezeichnungen für dieselbe 
Sache auftauchen, so die Bezeichnungen: moralischer Seh wachsinn, 
moralische Entartung, moralische Anästhesie, ethische Imbecillität, 
moralische Defektuosität u. 8. w. Ob einer von diesen Ausdrücken 
besser paßt als die Bezeichnung moral insanity, will ich dahingestellt 



Digitized by Google 



126 



IV. Bekze 



sein lassen; jedenfalls scheint mir der Kampf gegen diese Bezeichnung 
des Eifers nicht wert, mit dem er betrieben wird. 

Man kann die mit einem pathologischen Moraldefekt behafteten 
Individuen von zwei Gesichtspunkten betrachten. Erstens, indem man 
sie dem Durchschnittsmenschen gegenüberstellt. Diese Betrach- 
tungsweise bat vor allem ein wissenschaftliches Interesse. Alles, was 
an den betreffenden Individuen pathologisch ist, wird zusammenge- 
tragen; es ergibt sich so eine Summe von Merkmalen, die für die 
verschiedenen Formen der hierher gehörigen Zustände mehr oder 
weniger charakteristisch sind. Was über moral insanity gesagt und 
geschrieben worden ist, ist zumeist auf diese Weise entstanden. Es 
ist daher nicht zu wundern, daß das Resultat der Arbeiten auf diesem 
Gebiete auch nur dann als ein erhebliches und befriedigendes er- 
scheinen kann, wenn wir eben kein anderes als das rein Wissenschaft 
liehe Interesse im Auge haben. 

Die zweite für uns belangvolle Betrachtungsweise dagegen ergib 
sich, wenn wir die Individuen, an denen wir einen pathologischen 
Moraldefekt konstatieren, dem sogenannten gewöhnlichen Ver- 
brecher gegenüberstellen. Da tritt an die Stelle des rein wissen- 
schaftlichen Interesses, das, wie Hoche sagt, in einer voraussetzungs- 
losen Psychopathologie den einzelnen Symptomen ihre Steljung an- 
weist, ein eminent praktisches Interesse. Die Unterscheidung 
wird da weit schwieriger, die einzelnen Fragen müssen da weit subtiler 
angefaßt werden. Während wir nämlich, so lange nur das wissen- 
schaftliche Interesse in Betracht kommt, den moralisch Defekten einem 
Individuum von normaler, d. h. durchschnittlicher Organisation in 
intellektueller und moralischer üinsicht gegenüberstellen dürfen, haben 
wir jetzt den moralisch Defekten mit dem gewöhnlichen Verbrecher, 
zu vergleichen, der bekanntlich nur selten frei ist von mehr oder 
minder deutlichen Zeichen psychischer Insufficienz, so zwar, daß, wie 
Hans Groß in seinem Artikel „Degeneration und Strafrecht u sagt, 
ein fließender Übergang vom wirklichen Verbrecher über den einfach 
degenerierten und den psychopathisch degenerierten Verbrecher bis zum 
kriminellen Geisteskranken führt. Hier handelt es sich nicht mehr 
bloß darum, zu zeigen, was an dem untersuchten Individuum 
abnorm oder pathologisch ist, sondern ganz besonders um die 
Feststellung, ob sich das untersuchte Individuum durch psychische 
Defekte, welche dem gewöhnlichen Verbrecher nicht oder doch nicht 
in demselben Maße eigen sind, von diesem unterscheiden läßt. Die 
Frage lautet also, wenn es sich um die forensische Beurteilung handelt, 
nicht dahin, ob es eine moral insanity gibt, sondern ob wir und, wenn 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insauity und ihre forensische Bedeutung. 127 



ja, mit welchem Grade von Sicherheit und an der Hand welcher 
Kriterien wir Individuen, die an einer strafrechtlich relevanten 
raoral insanity leiden, aus der Gesamtheit der Verbrecher, insonderheit 
der Gewohnheitsverbrecher, herausheben können. 

Wenn wir die Entwicklung der moral insanity- Frage überblicken, 
so sehen wir, daß für dieselbe im allgemeinen die Anschauung rich- 
tunggebend war, daß ebenso wie bei anderen psychopathischen Zu- 
ständen auch bei der sogenannten moral insanity die Unterscheidung 
zwischen strafrechtlich relevanten und nicht relevanten 
Graden möglich sei. 

Bevor ich, meine Herren, an die Betrachtung der Frage von 
diesem Gesichtspunkte gehe, möchte ich betonen, daß ich es zunächst 
unerörtert lasse, ob der damit betretene Weg der richtige ist oder 
nicht. Und wir gehen also zunächst, nur gleichsam der historischen 
Entwicklung der Frage folgend, daran, zu untersuchen, mit welchem 
Maße von Sicherheit jene große Masse von moralisch Defekten, die 
wir auf Grund der Ergebnisse der voraussetzungslosen Psycho- 
pathologie in das Gebiet des Pathologischen verweisen möchten, von 
den durch äußere Einflüsse, durch das Milieu Depravierten unter- 
schieden werden können. Wir halten uns dabei vor Augen, daß die- 
jenigen P'älle von pathologischer moralischer Defektuosität, für die 
etwa eine andere strafrechtliche Beurteilung und Behandlung zu 
fordern wäre als für die „wirklichen 14 und für die „einfach degene- 
rierten" Verbrecher in dieser großen Masse von moralisch Defekten 
enthalten sein muß, und daß wir somit nur dann, wenn wir zu dem 
Resultate kommen sollten, daß die Abgrenzung jenes Gebietes, welches 
die sogenannte moral insanity umfaßt, gegen das Gebiet der physio- 
logischen Variationsbreite und der einfachen Degeneration 14 mit zu 
reichender Sicherheit möglich ist, überhaupt erst hoffen können, daß 
die feinere Distinktion zwischen einem forensisch relevanten und einem 
forensisch irrelevanten Grade der in Rede stehenden Defektuosität 
durchgeführt werden kann. 

Meine Herren! Am sichersten kann die Zugehörigkeit eines ein- 
zelnen Falles zu einer bestimmten Gruppe von psychopathischen Zu- 
standen immer dann erwiesen werden, wenn direkte Beweismittel 
gefunden werden können; als solche können vor allem diejenigen 
Erfahrungen gelten, die dem normalen Geistesleben fremd sind und 
demnach durch ihr Auftreten allein schon das Pathologische des Zu- 
Standes sicherstellen, weiters quantitative Defekte gewisser psychi- 
scher Leistungen, die durch ihre Erscheinungsweise, namentlich durch 
ihr die physiologische Variationsbreite deutlich überragendes Maß als 



Digitized by Google 



128 



IV. Berze 



pathologische charakterisiert sind. Symptome ersterer Art gehören 
durchaus nicht zum Bilde der sogenannten moral insanity; wie steht 
es aber um die quantitativen Defekte? Da als moral insanity gemein- 
hin diejenigen Fälle von moralischer Defektuosität bezeichnet werden, 
bei denen alle anderen Defekte entschieden im Hintergrunde stehen, 
muß sich, wenn es auf direkte Beweismittel ankommt, das ganze 
Interesse auf den moralischen Defekt selbst konzentrieren; ist nun der 
moralische Defekt, müssen wir uns fragen, in den in Betracht kommen- 
den Fällen durch seine Erscheinungsweise als pathologisch charak- 
terisiert? 

Es hat an Versuchen nicht gefehlt, direkte aus der Erscheinungs- 
weise des Defektes abgeleitete Kriterien für die pathologische Natur 
gewisser moralischer Defektzustände ausfindig zu machen; ihr Er- 
gebnis ist ein äußerst zweifelhaftes, für eine forensische Begutachtung 
kaum verwertbares. Meines Erachtens können diese Versuche auch 
kein brauchbares Ergebnis liefern. Der moralisch Defekte zeigt uns 
gewissermaßen eine von jenem zum größten Teile sekundären Produkt, 
das wir mit dem Namen Moral bezeichnen, nicht verdeckte oder später 
wieder entblößte, nackte, primitive Psyche; ob dieser Mangel an Ver- 
deckung nun in pathologischen oder in physiologischen Momenten 
begründet ist, immer wird das „primäre Ich u in der ihm im einzelnen 
Falle eben eigentümlichen, individuellen Art zutage treten, und von 
gewissen Raritäten abgesehen, bei denen eben die primitive Psyche 
selbst schon eine tiefergreifende, auffälligere, pathologische Verände- 
rung aufweist — etwa im Sinne eines entarteten oder abnorm ge- 
steigerten Trieblebens — wird der moralische Defekt an sich keine 
direkten Kriterien für die Unterscheidung zwischen physiologischer 
und pathologischer Defektuosität bieten können. 

Das Streben nach Auffindung direkter Kriterien hat nun, wie 
so oft, wenn der Wunsch der Vater des Gedankens ist, zu irrigen 
Annahmen geführt — in dem Sinne, daß man mehr oder weniger 
gültige indirekte Beweismittel zum Range direkter Be- 
weismittel erhob, ja der größte Teil der recht zahlreichen Irrtümer, 
die auf dem Gebiete der sog. moral insanity begangen worden sind, 
ist gerade auf diese Fehlerquelle zurückzuführen: die erbliche Be- 
lastung, die Degenerationszeichen, der den moralischen Defekt 
so gewöhnlich begleitende Schwachsinn und manches andere in- 
direkte Beweismittel, von dem später die Rede sein soll, avancierte 
in den Augen mancher Psychiater zu einem direkten. 

Um die direkten Beweismittel ist es schlecht bestellt Den in- 
direkten Beweismitteln kommt aber eben eine weit geringere' Beweis- 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 129 



kraft für die Diagnose des Pathologischen zu als den direkten. Jedes 
einzelne indirekte Beweismittel ist, für sich selbst betrachtet, sogar 
geradezu wertlos; erst wenn sich die Reihe der indirekten Beweis- 
mittel sozusagen zu einer geschlossenen Kette schließt, soweit dies bei 
der Betrachtung psychischer Erscheinungen möglich ist, erhalten sie 
in ihrer Gesamtheit eine gewisse Beweiskraft, die aber auch dann 
noch an die direkter Beweismittel lange nicht heranreicht. Wie steht 
es nun um diese indirekten Beweismittel? 

Am meisten hat wohl jederzeit die Lehre Glauben gefunden, 
daß ein pathologischer Moraldefekt immer von einem ge- 
wissen Intelligenzdefekt begleitet sein müsse, — mit 
den auf dieser Prämisse fußenden Folgerungen, daß in dubiosen 
Fällen aus dem Fehlen eines Intelligenzdefektes auf einen physio- 
logischen, aus dem Vorhandensein eines solchen auf einen patho- 
logischen Moraldefekt geschlossen werden könne. 

Diese Anschauung hat u. a. auch auf die Entscheidung der 
Frage: Gibt es überhaupt eine moral insanity? einen entscheidenden, 
meines Erachtens störenden, verwirrenden Einfluß ausgeübt. Die An- 
schauung, daß ein Intelligenzdefekt unter allen Umständen nachweis- 
bar sein müsse, hat dazu geführt, daß die betreffenden Autoren für 
den intellektuellen Defekt in denjenigen Fällen von moralischer De- 
fektuosität, deren pathologische Natur sich ihnen aus irgendwelchen 
Gründen aufdrängte, außerordentlich feinfühlig geworden sind, so 
zwar, daß sie ihn auch dort fanden, wo ihn unter anderen Um- 
ständen niemand gesucht und noch weniger gefunden hätte, und daß 
sie ihm auch dann eine ausschlaggebende Bedeutung zuschrieben, 
wenn er in einem noch so geringen Maße nachzuweisen war. Für 
die Art, in der sie dabei argumentierten, ist es ungemein charakte- 
ristisch, daß oft auffälligere Charakterzüge, von denen man nicht ein- 
mal sagen kann, ob sie denn überhaupt als Anomalien zu gelten 
haben, ohne viel Bedenken geradezu als für Intelligenzschwäche 
sprechende Zeichen hingestellt wurden, sowie, daß psychische Mängel, 
die unschwer auch als Teilerscheinungen des moralischen Defektes 
selbst gedeutet werden können, wie etwa die Unbeständigkeit der 
Anschauungen, das leichte Sichhinwegsetzen über Prinzipien und über 
logische Forderungen, das vorschnelle, oberflächliche Urteilen, — ohne- 
weiters als Argumente für die Annahme einer Intelligenzschwäche 
verwendet wurden. Wenn nun aber — schloß man im circulus 
vitiosus weiter — der pathologische Moraldefekt nur bei intellektuell 
Defekten erscheint, ist er höchstwahrscheinlich nichts anderes als eine 
Erscheinungsform des allgemeinen Schwachsinns, eine 

Archiv für Kriminalanthropolo&ie. 30. Bd. 9 



Digitized by Google 



130 



IV. Berze 



eigene moral insanity aber gibt es nicht. Es mag ja richtig sein, 
daß fast alle Fälle von sog. moral insanity in eine oder die andere 
von den großen Gruppen der psychopathischen Zustand — oft gleich- 
sam als Abortivform — eingereiht werden können; ganz irrig aber 
ist meines Erachtens die Anschauung, daß sich die pathologische 
Natur eines moralischen Defektes immer gerade durch einen Intelli- 
genzdefekt im gewöhnlichen Sinn des Wortes verraten muß. Bei der 
großen Kompliziertheit der psychologischen Grundlagen der Moral ist 
von vornherein anzunehmen, daß bald die eine, bald die andere 
psychische Grundstörung dem konstatierten Defekte der Moral zu 
Grunde liegen wird, daß demnach auch die mannigfaltigsten psychischen 
Defekte den Moraldefekt begleiten können. Die häufigsten Grund- 
störungen des Moraldefektes sind nun allerdings zweifellos von der 
Art, daß sie gleichzeitig einen intellektuellen Defekt zu begründen 
vermögen. Und die Zahl der Schwachsinnigen unter den moralisch 
Defekten erscheint noch höher, so daß sie den Rest fast erdrückt, 
wenn wir nur die kriminell werdenden oder gar nur die in die Irren- 
anstalten eingelieferten moralisch Defekten berücksichtigen. Darin 
ist auch vor allem der Grund für die Entstehung jener Lehre 
zu suchen. 

Wenn sich auch meine Ausführungen zunächst nur auf die rein 
psychiatrische Abgrenzung der sog. moral insanity beziehen, muß 
doch schon hier darauf hingewiesen werden, daß die irrige Anschau- 
ung, daß ein pathologischer Moraldefekt stets von einem nachweis- 
baren Intelligenzdefekt im gewöhnlichen Sinn des Wortes begleitet 
sein müsse, zu Irrtümern in forensisch-psychiatrischer Hinsicht 
Anlaß zu geben geeignet ist, insofern sie, wie gesagt, dazu verleiten kann, 
pathologische Verhältnisse von vornherein für ausgeschlossen zu halten, 
wenn die Untersuchung einen Intelligenzdefekt nicht aufdecken kann. 

Wie häufig und wie folgenschwer die von einem Gutachter be- 
gangenen Irrtümer sind, die in dieser Weise begründet sind, das 
hängt ganz davon ab, wie sich der betreffende Gutachter den Schwach, 
sinn vorstellt, der da zu fordern wäre. Man kann wohl sagen, daß 
heute diejenigen Psychiater zu den Ausnahmen gehören, die einen 
Grad von Schwachsinn unbedingt postulieren, der an und für sich 
schon, also ganz ohne daß man erst noch andere indirekte Beweismittel 
zu berücksichtigen brauchte, zum Nachweise einerschweren psychischen 
Insuffizienz genügen würde; immerhin gibt es freilich noch Vertreter 
dieser Auffassung. Im allgemeinen stimmen aber die Psychiater 
ihre Forderung in diesem Punkte stark herab, postulieren einen „eben 
gerade noch wahrnehmbaren Schwachsinn^, einen Schwachsinn, der 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity uud ihre forensische Bedeutung. 131 



, nicht in die Augen springt", sondern ..nur auf Grundlage der De- 
finition des Hegriffes als solcher angesprochen werden kann", also 
einen Schwachsinn, von dem es schon recht zweifelhaft ist, ob man 
ihn gegebenenfalls überhaupt zur Evidenz nachweisen kann. Schäfer 
charakterisiert den zu postulierenden Schwachsinn geradezu wie folgt: 
seine Kenntnis ist „Eigentum nur eines äußert eng begrenzten Kreises 
einiger Sachverständigen 14 und weiter: „ mehrfach erwiesen Physici, 
daß sie keine Ahnung von der Krankheit hatten.* Ja Schäfer erklärt 
sogar im Hinblick auf den „moralischen Schwachsinn 4 *: „Zu finden, 
das ist Schwachsinn, das nicht — ist Sache der Begabung, eines ge- 
wissen Instinktes - Binswanger erklärt, die geistige Schwäche 

müsse keineswegs derart sein, daß sie mit genügender Klarheit und 
Sicherheit nachgewiesen werden könnte u , und betrachtet auch in 
Fällen, in denen ein ausgeprägter intellektueller Defekt fehlt, den 
moralischen Defekt, „die verkümmerte ethische Entwicklung", als 
-Ausfluß einer krankhaften seelischen Veranlagung", 
wenn gewisse „charakteristische psychopathische Krank- 
heitsmerk male 1 * zu konstatieren sind. Siefen hat die Differenzen 
auf diesem Gebiete treffend charakterisiert; er sagt: „Einige bekennen 
sich zu dem Standpunkt, daß sie sich mit einem geringen Grade von 
intellektuellem Schwachsinn, als sie sonst für erforderlich halten, be- 
gnügen, wenn andere Zeichen psychischer Entartung nachweisbar 
sind; andere dagegen beharren überall auf ihrem einmal festgelegten 
Standpunkt und exkulpieren beispielsweise selbst den schwerst ent- 
arteten Hysteriker nicht, wenn er nicht ganz gehörig blödsinnig ist/ 

Es ergibt sich also, daß der intellektuelle Schwachsinn nicht nur 
nicht als direktes Beweismittel angesehen werden kann, sondern daß 
er auch, sofern berücksichtigt wird, daß keineswegs ein deutlicherer 
Grad postuliert werden darf, auch als indirektes Beweismittel nicht 
hoch bewertet werden kann. Was kann denn, müssen wir ja fragen, 
einem Grad von Schwachsinn, zu dessen Nachweis es eines besonderen 
Instinktes bedarf, einem Grade von Schwachsinn, der „nicht mit ge- 
nügender Klarheit und Sicherheit nachgewiesen werden kann*, für 
eine diagnostische Beweiskraft, noch dazu in forensischen Fällen, 
beigemessen werden? 

Wir müssen aber auch folgender Überlegung Raum geben: Die 
Intelligenz ist das Gesamtergebnis verschiedener psychischer Leistungen, 
und kann somit, als Ganzes betrachtet, auch dann eine mittlere Höhe 
erreichen, wenn die Teilergebnisse einzelner psychischer Leistungen 
unter dem Mittelmaß zurückbleiben, sofern nur der Defekt, der sich 
so ergibt, durch höhere Ergebnisse anderer Leistungen ausgeglichen 



Digitized by Google 



132 



IV. Berze 



oder auch nur verdeckt wird. Demgemäß ist auch zu erwarten, daß 
bei moralischen Defektzuständen, wohl für gewöhnlich Defekte ge- 
wisser Teil-Gebiete, wenn man so sagen darf, der Intelligenz auffind- 
bar sein werden, keineswegs aber deutliche Ausfälle der Intelligenz 
in toto. Nicht die grobe Prüfung des Quantums der Intelligenz wird 
sohin zu verwertbaren Anhaltspunkten führen können, sondern besten- 
falls die eingehendere Prüfung ihrer einzelnen Komponenten und 
namentlich derjenigeu Komponenten, welche uns einen Einblick in 
das Von. stattengehen jener psychischen Funktionen gewähren, an 
deren Intaktheit die moralische Zulänglichkeit des Individuums ge- 
bunden ist 

Diese Erkenntnis hat einerseits dazu geführt, daß man sich mit 
einer genaueren Analyse der bei den moralischen Defektzuständen 
gewöhnlich beobachteten Anomalien der Intelligenz zum Zwecke 
der Aufdeckung der Grundstörungen befaßt hat, andererseits dazu, 
daß man darnach geforscht hat, ob die Intelligenzstörungen bei mo- 
ralischer Insuffizienz etwa ein eigenartiges Gepräge haben, ob sie 
irgendwelche charakteristische, gewöhnlich wiederkehrende 
Züge aufweisen. Es ist nicht zu leugnen, daß man auf diese Weise 
zu manchen sehr interessanten Ergebnissen gelangt ist, welche es uns 
ermöglichen, gewissen intellektuellen Störungen, auch wenn sie an 
sich nicht so sehr ins Gewicht fallen würden, eine erhöhte Be- 
deutung beizumessen, wenn es sich um die Differentialdiagnose 
zwischen einfacher sittlicher Verderbtheit und pathologischem Moral- 
defekt handelt; sichere, allgemein anerkannte Kriterien für die patho- 
logische Natur des moralischen Defektes haben sich aber auch auf 
diesem Wege nicht finden lassen. 

Weder die Intelligenzschwäche im gewöhnlichen Sinne noch In- 
telligenzstörungen im weiteren Sinne können somit in Anbetracht des 
geringen Grades, in welchem sie bei den Fällen zweifelloser moral 
insanity zuweilen konstatiert werden, als eigentliche Beweismittel 
gelten. 

Wie steht es nun um die weiteren indirekten Beweismittel? Von 
vielen Seiten wird der hohe diagnostische Wert der Unerzi eh bar- 
keit, der „verblüffenden völligen U nbeeinf lußbark eit a (Longard) 
betont. leider haben wir aber nicht immer, ja, wenn wir die 
kriminell werdenden Fälle aus der unteren Schicht im Auge haben, 
sogar nur selten die sichere Gewähr dafür, daß das Individuum unter 
Verhältnissen aufgewachsen ist, die seiner moralischen Entwicklung 
förderlich waren und daß die erzieherischen Faktoren in eine der 
Eigenart des moralisch Defekten richtig angepaßten Weise zur Gel- 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 133 

tung kamen. Wo wir dies tatsächlich nachweisen können, werden 
wir wohl um so eher geneigt sein, Defekte der Moral auf patho- 
logische Verhältnisse zurückzuführen. Aus diesem Grunde haben im 
allgemeinen die mit einem pathologischen Moraldefekt behafteten An- 
gehörigen der sog. besseren Stände eine Chance mehr, richtig be- 
urteilt zu werden. Die Erziehung der moralisch Minderwer- 
tigen erfordert zudem besondere Vorkehrungen, an denen es aber 
heute noch fast ganz mangelt; dadurch wird die Beurteilung, ob wirk- 
lich Unerziehbarkeit vorliegt, bedeutend erschwert, da wir ja gewöhn- 
lich feststellen können, daß sich das Individuum der gewöhnlichen 
Erziehungsmethode gegenüber unbeeinflußbar gezeigt hat, nicht aber, 
wie es auf eine entsprechend modifizierte Methode reagiert hätte, ob 
es durch geeignete Maßregeln nicht doch beeinflußbar, ob es nicht 
doch determinierbar gewesen wäre. 

Ziemlich allgemein wird auf die Erforschung der Entwick- 
lungsgeschichte des Individuums großer Wert gelegt. Aus der 
ganzen Geschiebte des Individuums heraus muß, wie Erdmann 
Müller sagt, die Störung nachgewiesen werden; eine genauere 
Anamnese muß vor allem lehren, ob sich schon in der Kindheit 
Spuren einer abnormen Anlage des Charakters gezeigt haben. Die 
Zeichen einer abnormen Charakteranlage sind aber durchaus nicht 
immer so eindeutig; auch muß bedacht werden, daß, wie die Er- 
fahrung lehrt, Kinder mit derselben abnormen Charakteranlage, wie 
sie bei Fällen sog. moral iusanity beobachtet wird, später eine durch- 
aus zulängliche moralische Entwicklung zeigen können. 

Große Bedeutung für die Diagnose wird gemeinhin der heredi- 
tären Belastung beigemessen. Verlangt wird, namentlich von den 
Autoren, die sich in der letzten Zeit haben vernehmen lassen, schwere 
Belastung, „schwerste Heredität." Wo fängt nun aber die 
schwere Belastung, die schwerste Heredität an? Und ist die größere 
oder geringere Schwere der Belastung wirklich von so entscheiden- 
dem Belang? Diese Fragen müßten erst beantwortet werden; einst- 
weilen aber dürfen wir auch dieses indirekte Beweismittel nicht allzu 
hoch einschätzen. 

Nicht viel anders steht es um die Verwertbarkeit der körper- 
lichen Degenerationszeichen. Die Einen betonen, daß diese 
Zeichen bei psychisch Degenerierten gewöhnlich in größerer Menge 
gefunden werden, nehmen einen näheren Zusammenhang zwischen 
den Defekten der Hirnorganisation und den konstatierbaren körper- 
lichen Degenerationszeichen an, halten sich daher auch für berechtigt, 
im Vorhandensein einer größeren Anzahl von körperlichen Degene- 



Digitized by Google 



134 



IV. Berzk 



rarioii8zeichen ein indirektes Beweismittel für die Diagnose patholo- 
gischer psychischer Defekte zu sehen, die anderen aber erklären die 
somatischen Degenerationszeichen für einen Befund, dem eine ent- 
scheidende differentialdiagnostische Bedeutung durchaus nicht beige- 
messen werden könne, „auch wenn sie noch so gehäuft und 
ausgeprägt auftreten," wie ein Autor sagt. 

Die sog. psychischen Degenerationszeichen werden all- 
gemein als diagnostische Beweismittel anerkannt. Auch bei ihnen 
liegt aber die Hauptschwierigkeit darin, daß sie sich als Störungen 
darstellen, die sich nicht in qualitativer, sondern nur in quanti- 
tativer Hinsicht geltend machen, woraus sich ergibt, daß die be- 
treffende Störung erst von einem gewissen Grade an als Zeichen einer 
pathologischen psychischen Konstitution angesehen werden kann ; eine 
Einigung über die Grenzen des Physiologischen ist bisher nicht er- 
zielt worden, es ist auch gar nicht einzusehen, wie sie erzielt werden 
soll. So ist zweifellos die gesteigerte Erregbarkeit, die erhöhte Reiz- 
barkeit ein untrügliches Zeichen psychischer Degeneration; ich lese 
aber beispielsweise in einem Gutachten, das einen Degenerierten be- 
trifft, bei dem eine in einem geradezu exorbitanten Maße gesteigerte 
Reizbarkeit zu konstatieren war, der gesteigerten Reizbarkeit des 
Inkulpaten sei keine Bedeutung beizumessen, weil — „die Reizbarkeit 
eine natürliche menschliche Anlage ist." Nicht anders steht es um 
die meisten anderen psychischen Degenerationszeichen, z. B. um die 
Disharmonie der geistigen Entwicklung, um die Neigung zu Stim- 
mungsschwankungen, um die Neigung zu auffälligen, zuweilen aus- 
gesprochenen periodischen Schwankungen der geistigen Leistungs- 
fähigkeit, um die Neigung zu Angstvorstellungen und Befürchtungs- 
ideen, um die I^aunenhaftigkeit, die Uberempfindlichkeit der Degene- 
rierten, um die Intoleranz gegen Alkohol usw. Immer handelt es sich 
um Erscheinungen, die erst dann, wenn — sit venia verbo — das 
erlaubt«' Maß überschritten ist, als pathologische Züge angesehen 
werden können. 

Wir sehen also, daß wir überall der allergrößten Unsicherheit 
begegnen. Weitere Stützen für die Diagnose des pathologischen 
Moraldefektes gibt es aber nicht. Erdmann Müller beispiels- 
weise faßt das Ergebnis eines eingehenden Literaturstudiums dahin 
zusammen, die Diagnose habe sich zu stützen auf den Nachweis 
1. der von Jugend auf bestehenden Anomalie, 2. der erblichen Be- 
lastung, 3. gewisser Züge in dem Krankheitsbilde, wie sie dem sog. 
degenerativen Irrsinn eigen sind, 4. psychischer oder nervöser Ano- 
malien, welche auf kontitutionelle Krankheitsursachen zurückweisen, 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 135 



5. gewisser körperlicher Abweichungen und schließlich 6. auf den Nach- 
weis der Abnormität auf dem Gebiete des Intellektes, sei es, daß sich 
Imbecillitas nachweisen läßt, sei es, daß es sich nur um die Dis- 
harmonie der geistigen Eigenschaften handelt. Schäfer erklärt 
folgende Momente als charakteristisch: 1. Unfertiger Mensch, 2. Be- 
lastung (schwere), 3. Verdorbenheit, Verschrobenheit von Jugend 
auf. 4. Intellektuelle Schwäche fa. schlechter Schüler, b. Urteils- 
schwäcbe). 

Diese Schlagworte, welche die .stützenden Punkte für die Dia- 
gnose* angeben sollen, geben uns im Grunde nichts anderes an als die 
Gebiete, auf denen die Kriterien für einen Grad erst zu suchen wären, 
— und nichts mehr; gefunden sind die Kriterien noch nicht. Mit 
einem derartigen Generalplan ist so wenig geleistet, daß von zwei 
Psychiatern, die gleicherweise kein Bedenken tragen, ihn zu akzep- 
tieren, der eine einen ausgesprochen pathologischen Moraldefekt kon- 
statieren kann, wo sich der andere für berechtigt hält, eine derartige 
Annahme mit voller Sicherheit abzulehnen. Je nachdem der Psvchi- 
ater diesem oder jenem Grade jedes einzelnen Defektzeichens patho- 
logische Bedeutung beimißt oder nicht beimißt, je nachdem sein 
Wertungsschema für die verschiedenen Anomalien und Defekte 
ausfüllt, das er der Differential-Diagnose zwischen Physiologisch und 
Pathologisch zu Grunde zu legen für gut hält, ist die Stellung, die 
er in der Frage der moral insanity überhaupt einnimmt, gegeben. 
Jeder Psychiater kann dem anderen sein Wertungsschema entgegen- 
halten: eine Einigung aber ist selbst nach der längsten Diskussion 
nicht erzielbar. 

So hoch türmen sich die Schwierigkeiten schon auf, bevor wir 
uns nach den forensisch psychiatrischen Fragen zuwenden! Wie aber 
erst, wenn wir uns mit der rein wissenschaftlichen Diagnose nicht 
begnügen dürfen, wenn wir aus der Menge der moralisch Defekten 
diejenigen auszulesen haben, deren Defekt von solcher Qualität und 
Intensität ist, daß er strafrechtlich zu berücksichtigen ist! Da wachsen 
die Schwierigkeiten so an, daß man fast jede Hoffnung aufgeben 
möchte, zu einem sicheren, beweisbaren Resultate zu kommen. 
Und in der Tat geben zahlreiche Autoren diese Hoffnung auf! 
Sie sagen es geradezu heraus, daß der einfacli degenerierte Ver- 
brecher und der im Sinne der moral insanity Defekte von einander 
nicht geschieden werden können, und stehen daher auf dem Stand- 
punkte (vgl. u. a. Aschaffenburg), daß de lege lata nichts anderes 
übrig bleibe, als solche Personen, wie tief auch der ethische Defekt 
reichen möge, samt und sonders für zurechnungsfähig zu halten. 



Digitized by Google 



136 



IV. Berze 



Weitere klinische Forschungen, sagen sie, müßten erst ergeben, 
oh eine strafrechtlich besonders zu berücksichtigende 
Gruppe des moralischen Irreseins abgegrenzt werden 
kann. Hoche trifft wohl das Richtige, wenn er bemerkt, daß derartige 
Anschauungen in foro vertreten werden, weil sie vertreten werden 
müssen, „wenn nicht die Möglichkeit der Bestrafung zahlreicher ge- 
meingefährlicher Individuen nach den Bestimmungen des geltenden 
Rechtes in Frage gestellt werden soll*. Es handelt sich also gleich- 
sam um einen Vertrag zwischen Psychiatrie und Straf recht, bei dem 
die Psychiatrie um der praktischen Rücksichten willen von wissen- 
schaftlich begründeten Annahme absieht «Es hat sich", wieSiefert 
sagt, „im Laufe der Zeit eine Art modus vivendi zwischen Psychiatrie 
und Erfordernissen der Rechtspflege entwickelt, eine Art ungeschriebenes 
Regulativ, nach dessen Normen — allerdings innerhalb weiter Grenzen — 
psychiatrisch begutachtet wird. Aber dieses Regulativ, obwohl wir 
alle darnach handeln, handeln müssen, ist schlecht, und es wird 
nicht besser dadurch, daß es ein uns allen gemeinsames ist, daß es 
die Gutachter, um nicht desavouiert zu werden, zwingt, davon Ge- 
brauch zu machen, und daß es auch so noch unsicher genug ist, 
um zu den grellsten Differenzen Veranlassung zu geben u . 

Wenn wir uns fragen, was für den Kurs bestimmend war, der 
uns an diese Klippe geführt hat, so finden wir, daß das Streben den 
pathologischen Defekt der eigentlichen Moral von physiologischen 
Defekten der Moral abzugrenzen, die Richtung unseres Gedankenganges 
dabei bestimmt hat. Wollen wir es vermeiden, in die Zwangslage 
versetzt zu werden, ein derartiges Regulativ zwischen Psychiatrie und 
Rechtspflege zu statuieren und anzuerkennen, so müssen wir offen- 
bar von anderen Gesichtspunkten ausgehen. 

Damit komme ich zum zweiten Teile meine Ausführungen. 

Ein anderer Gesichtspunkt für die Betrachtung der moralischen 
Defektzustände ergibt sich nämlich, wenn wir mit Umgehung der 
Fragen, ob und wie pathologische von physiologischen Defekten ab- 
zugrenzen wären, sofort auf die uns interessierende Frage lossteuern, 
wenn wir davon ausgehen, daß es uns in letzter Linie ja garnicht darauf 
ankommt, ob der eigentliche Moraldefekt ein pathologisches ist oder nicht, 
sonderndarauf, ob bei dem betreffenden Individuum eine in pathologischen 
Verhältnissen begründete Unfähigkeit, sich der Neigung zu 
kriminellen Handlungen zu erwehren, anzunehmen ist 
oder nicht. 

Wenn man auch zugeben muß, daß die m. i. „durch ihre fehler- 
hafte Anlage zum Verbrechertum prädestiniert*' sind, wäre doch die 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 137 

Annahme durchaas irrig", daß ein Individuum, das an einem Defekte 
der eigentlichen Moral leidet und sei er auch noch so sicher patho- 
logisch, darum schon unbedingt kriminell werden muß, daß das 
Kriminellwerden gleichsam in allen Fällen das notwendige Ergebnis 
dieses Defektes ist, ein Ergebnis, gegen welches das Individuum gar 
nicht ankämpfen kann, wie es ja auch eine durchaus irrige Annahme 
ist, daß die Moral es ist, was die große Mehrheit der Menschen 
hindert, kriminell zu werden. 

Wenn man den Begriff der Moral sehr weit faßt, wenn man als 
Moral alles zusammenfaßt, was das Individuum befähigt, „in Rück- 
sicht auf die Allgemeinheit seinen eigenen Vorteil zu begreifen 
und sein Tun danach zweckmäßig zu gestalten*', wie Schulze 
definiert, dann würde die erwähnte Annahme allerdings zutreffen. 
Wenn man aber, von der Erkenntnis ausgehend, daß nur ein Teil 
derjenigen Hemmungen und Antriebe, welche eben bewirken, daß 
das Individuum sein Tun im erwähnten Sinne „zweckmäßig zu ge- 
stalten 44 vermag, die Bezeichnung „moralisch 4 * verdient, gelangt man 
zu einem ganz anderen Ergebnisse. 

Wir müssen uns darüber klar sein, was wir gerade unter Moral ver- 
stehen wollen, haben ferner, wenn wir die Tragweite eines moralischen 
Defektzustandes genau bestimmen wollen, davon auszugehen, daß es 
bei näherer Betrachtung leicht gelingt, den Complex der Moral im 
weitesten Sinne in mehrere Bestandteile aufzulösen. 

Wir stoßen da wohl zunächst auf den Complex der „wahren, 
inneren" Moral (vergl. Näcke), auf den eigentlichen moralischen 
Kern, auf die Gefühlsmoral. Ohne uns auf weitläufige 
Erörterungen über die psychologischen Grundlagen der Moral ein- 
zulassen, wollen wir hier nur betonen, daß der Ausdruck Ge- 
fühlsmoral für den moralischen Kern insofern sehr bezeichnend ist, 
als die Art, in welcher er zur Geltung kommt, alle charakteristischen 
Merkmale des Gefühlsmäßigen an sich hat. Daß hinsichtlich dieses 
moralischen Kernes gewisse Unterschiede zwischen den einzelnen 
Individuen bestehen, kann wohl angenommen werden, und Defekte 
der Gefühlsmoral wären es vor allem, die den Namen moral insanity 
verdienen würden. Ob eine geringe Entwicklung der Gefühlsmoral 
nicht viel häufiger ist, als es zunächst scheint, ja ob die Gefühlsmoral 
nicht im allgemeinen viel tiefer steht, als wir meinen, ist freilich 
schwer zu beantworten. Wir können in diesem Punkte nur ganz 
unsicher urteilen; das hängt damit zusammen, daß sich kein psychisch 
nur einigermaßen entwickelter Mensch in seiner moralischen Nacktheit 
zeigt. Eine gewisse moderne Literatur gibt sich zwar den Anschein, 



Digitized by Google 



138 



IV. Berze 



als ob sie derartige Ziele verfolgen würde; es stimmt aber da auch 
nicht ganz, selbst der frivolste Selbstschilderer entblößt die Erbärm- 
lichkeit seines moralischen Kernes nicht ganz, gewöhnlich handelt es 
sich nm nicht viel mehr als um eine Bloßstellung der dem Individuum 
eigenen Sexualität, die diesen Leuten die Hauptsache zu sein scheint. 

Außer der wahren, inneren Moral kommen aber dann die Ver- 
standes mäßig gewonnenen, aus der Erfahrung abgeleiteten, prak- 
tischen Direktiven für das Handeln in Betracht, die man am besten 
als Verstandesmoral zusammenfaßt. Das Individuum wird durch 
die Erfahrung darüber belehrt, daß unmoralische Handlungen schweren 
Schaden, Verluste aller Art eintragen können, lernt die Strafe in den 
verschiedensten Formen kennen und fürchten, erkennt, daß der aus 
einer unmoralischen Handlung zunächst entspringende Nutzen für 
das Individuum oft in einem Mißverhältnis steht zu den für den Fall 
der Aufdeckung zu befürchtenden Nachteilen, lernt die Ehre als ein 
kostbares Gut schätzen, das man sich erhalten muß nicht nur aus 
rein moralischen Gründen, sondern auch aus egoistischen Rücksichten, 
als ein Gut, dessen Verlust man verhüten muß, weil er degradiert 
und materiell schädigt. Die in dieser Art, also verstandesmäßig, ge- 
wonnenen nicht eigentlich moralischen, aber im Sinne der Moral 
wirkenden Antriebe und Hemmungen können so hochwertig und so 
intensiv gefühlsbetont, dem wahren, inneren Kern so nahegerückt, 
sie können gewissermaßen so verinner Ii cht werden, daß in mancher 
Hinsicht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Faktoren 
besteht. Diese Verinnerlicliung muß aber keineswegs immer erfolgen ; 
es ist auch möglich, daß diese im Sinne der Moral wirkenden Vor- 
stellungen dauernd mit gewissen Eigentümlichkeiten, die ihrer Genese 
entsprechen, ausgestattet bleiben, daß sie dauernd sozusagen die 
Charaktere ihrer intellektuellen Herkunft an sich tragen. In diesem 
Falle — und manche moralische Defektuosität scheint auf diesen 
Mangel zurückzuführen zu sein - können sie nicht anders ins Ge- 
wicht fallen als irgend ein anderer Verstandesgrund; das Individuum 
kann sich über sie, durch ein entsprechendes Kaisonnement dazu be- 
wogen, einfach hinwegsetzen, ist also imstande, eine unmoralische 
Handlung zu begehen, wenn ihm „der Verstand sagt", daß eine Ent- 
deckung nicht zu befürchten ist oder wenn es von der Handlung 
einen Nutzen erwartet, der das Risiko in seinen Augen rechtfertigt. 

Eine ausgebildete Verstandesmoral vermag aber im 
allgemeinen Defekte der Gef üb Ismoral gut zu verd ecken. 
Sie ist es eben, die bewirkt, daß sich das Individuum nicht in seiner 
moralischen Nackheit zeigt und die uns dazu verleitet, die Durch- 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 139 



sehnittsmoral — Moral im engeren Sinne genommen — für höher 
zu halten, als den Tatsachen entspricht. Man hat erst in letzter Zeit 
hochwichtige Untersuchungen über den Umfang des geistigen Inventars 
einer größeren Anzahl von geistig normalen reichsdeutschen Rekruten 
und ausgedienten Mannschaften angestellt; das Ergebnis war ein ge- 
radezu konsternierendes, es zeigte sich eine Unwissenheit, die man 
bisher bei geistig normalen und noch dazu in einem Kulturstaate 
ersten Ranges aufgewachsenen Personen gar nicht für möglich ge- 
halten hätte. Nicht viel anders steht es vielleicht, ja wahrscheinlich 
auch um das durchschnittliche Maß der wahren, der Gefühlsmoral. 
Kant hat wohl recht, wenn er sagt: „Die Menschen würden vor 
einander laufen, wenn sie sich immer in äußerster Offenheit ein- 
ander gegenüber erblicken sollten. 44 Die mehr oder weniger entwickelte 
Veretandesmoral täuscht uns über diesen Mangel hinweg. 

Außer der Gefühls- und der Verstandsmonil kommt noch ein 
dritter Faktor in Betracht Wenn wir nämlich bedenken, daß den 
Anlaß einer strafgerichtlich-psychiatrischen Begutachtung keines- 
wegs einfach unmoralische Handlungen, sondern kriminelle 
Handlungen bieten, erkennen wir bald, daß wir noch einen weiteren 
Komplex von Hemmungen zu berücksichtigen haben; ich möchte 
sie als pseudo moralisch e Hemmungen bezeichnen. Wer moralisch 
defekt ist, läuft ja allerdings hohe Gefahr, kriminell zu werden; er 
muli es aber nicht werden, selbst wenn er seine unmoralische Absicht 
nicht aufgibt, — wenn er nur durch eine im übrigen günstige psy- 
chische Veranlagung befähigt ist, die Ausführung seiner Absicht so 
einzurichten, daß er dabei einen Konflikt mit dem Strafgesetze, ein 
„Verbrechen im juristischen Sinne" vermeidet. Es gibt ja geriebene 
Gauner genug, die trotz ihres oft und oft durch die Tat bewiesenen 
hochgradigen Moraldefekts nie eine Handhabe zu einer gerichtlichen 
Verfolgung bieten, Leute, die, wie Lobedank sagt. r ihre egoisti- 
schen Triebe in einer Form zu betätigen verstehen, an welche die 
Strafgesetzgebung nicht heranreicht". Daß die dabei wirksamen 
Hemmungen die Bezeichnung: moralisch nicht verdienen, sondern 
höchstens als pseudomoralische angesprochen werden können, bedarf 
keiner weiteren Erörterung. 

Es ergibt sich für uns also folgende Gliederung der sozialen Hem- 
mungen: 1. die Gefühlsmoral. 2. die Verstandesmoral, 3. die pseudo- 
moralischen Hemmungen. 

Betrachten wir nun die Entwicklung der Lehre von der moral 
insanity, so muß uns auffallen, daß fast allgemein das Hauptgewicht 
auf den nicht einmal immer so sicher erwiesenen pathologischen 



Digitized by Google 



140 



IV. Bekze 



Defekt der wahren, inneren Moral, der Gefühlsmoral, auf die „Ge- 
fühlsentartung u , auf die Gemütsstunipfheit, auf die moralische An- 
ästhesie gelegt wurde. So bezwecken alle die indirekten Beweismittel, 
von denen im ersten Teile meiner Ausführungen die Rede war, nichts 
anderes als den Nachweis der pathologischen Natur des Defektes der 
Gefühlsmoral im speziellen Fall. Daß dabei auch auf Intelligenz- 
störungen Rücksicht genommen wird, darf uns nicht irre führen; denn 
die Intelligenzprüfung wird, wie ich im ersten Teile betont habe, in 
der Regel nicht ihrer selbst willen, sondern nur von dem Gesichtspunkte 
aus und in der Erwägung vorgenommen, daß eine, wenn auch geringe 
Intelligenzschwäche als Beweismittel für den pathologischen Defekt 
der Gefühlsraoral zu gelten habe. 

Dadurch, daß die Psychiatrie die Gefühlsmoral so über Gebühr 
in den Vordergrund geschoben hat, ist sie gerade in die Sackgasse 
geraten, aus welcher sie nur ein Regulativ im Sinne Sieferts retten 
kann. Man hat sich eben damit auf ein Gebiet begeben, auf welches 
der Straf richter dem Psychiater nicht folgen kann. Während der 
Strafrichter die Intelligenzschwäche und Intelligenzstörungen der ver- 
schiedensten Art, sowie die sich aus ihnen ergebenden Zustände sozialer 
Insuffizienz anstandslos als Momente gelten läßt, die geeignet sind, 
die Zurechnungsfähigkeit in Frage zu stellen oder geradezu aufzuheben, 
kann er sich mit der Anschauung, daß eine gerade nur auf sogenannte 
Gefühlsentartung zurückzuführende moralische Defektuosität eine 
besondere strafrechtliche Berücksichtigung verlangen soll, nicht be- 
freunden. Er kann es nicht — erstens aus praktischen Gründen; 
denn wenn alle Kriminellen exkulpiert würden, die an einer höher- 
gradigen Gefühlsentartung leiden oder bei denen — richtiger gesagt — 
eine solche Entartung unvcrdeckt zutage tritt, dann wäre die Grund- 
lage des Strafrechtes erschüttert. Er kann es aber auch aus dem 
Grunde nicht, weil die Anschauung, daß ein Individuum, welches an 
„Gefühlsentartung u leidet, darum schon unbedingt kriminell werden 
müsse, bezw. jedem Antrieb zu einer kriminellen Handlung wider- 
standslos ausgeliefert sei, durchaus falsch ist. 

Das Kriminellwerden kann erst dann als ein notwendiges, ge- 
wissermaßen dem Willenseinflusse des Individuums entzogenes Ergebnis 
seiner Organisation angesehen werden, wenn auch die übrigen den 
kriminellen Tendenzen entgegenwirkenden, die intellektuell-moralischen 
und pseudomoralischen Hemmungen aus pathologischen Gründen ver- 
sagen. 

Bedacht muß freilich werden, daß der im Sinne der Gefühls- 
entartung Defekte eine größere psychische Leistung, eine höhere 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 141 



Willensanstrengung aufbringen muß als der Normale, um den kriminellen 
Antrieben zu widerstehen. Es fragt sich aber, ob man über die Un- 
gerechtigkeit, die darin liegt, daß man an einen derartigen Defekten 
trotzalledem dieselben Ansprüche im Punkte der Unterlassung straf- 
bedrohter Handlungen stellt, wie an den Normalen, überhaupt je wird 
hinauskommen können. Jedenfalls erhält gerade in solchen Fällen 
die Ausbildung der Verstandesmoral, unter Umständen auch in der 
Form der moralischen Dressur, eine erhöhte Bedeutung, und wäre 
alles verfehlt, was der Erreichung dieses Zieles Hindernisse bereiten 
würde. 

Bedacht muß auch ferner werden, daß dann, wenn sich auf dem 
Boden der Gefühlsentartung übermächtige „positive* Antriebe zum 
Verbrechen entwickelt haben, der Fall eintreten kann, daß diesen 
Antrieben gegenüber alle Hemmungen versagen müssen, wenn sie 
auch an sich Antrieben von durchschnittlicher Intensität gegenüber 
durchaus zulänglich wären. Es wird vielleicht gerade einer der 
wundesten Punkte der ganzen moral insanity- Frage berührt, wenn 
man auf diese Fälle hinweist, in denen der moralische Defekt seinen 
Ausdruck in einer Übermacht des ^aktiven, verbrecherischen Willens 1 * 
(Gaupp), in einer unbezwinglichen Gewalt findet, die das Individuum 
trotz aller Verstandesgründe, trotz aller Willenanstrengung im Sinne 
der Hemmung zum Verbrechen treibt! Die forensisch-psychiatrische 
Beurteilung dieser Fälle wird immer eine höchst mißliche Sache 
bleiben, da es ein direktes Maß für die Intensität der positiven An- 
triebe zum Verbrechen nicht gibt. Gerade diese Fälle stellen uns 
auch so recht die Notwendigkeit vor Augen, daß. soweit die schwerer 
Degenerierten in Frage kommen, die Detention zum Schutze der Ge- 
sellschaft an Stelle der Strafe trete; darüber wird ja wohl niemand 
im Zweifel sein, daß Degenerierte, bei denen mit übermächtigen 
positiven Antrieben zum Verbrechen gerechnet werden muß, detiniert 
werden müssen, andererseits muß es jedermann für unsinnig halten, 
daß Degenerierte gestraft werden — für Handlungen, die sie be- 
gingen, weil sie sie begehen mußten, jene Personen, auf welche sich 
z. B. die Äußerung Greteners bezieht: „Ein plötzlich mit Natui- 
gewalt hervorbrechender Trieb schließt ein vernünftiges Wollen aus: 
der Mensch erscheint nicht mehr als handelnde Persönlichkeit, sondern 
als blindes Werkzeug seines tierischen Triebes . . . . u . 

Für die übergroße Mehrzahl der Fälle von sogenannter moral 
insanity sind aber keineswegs übermächtige positive kriminelle 
Antriebe anzunehmen; daß die moralischen Defekten kriminell werden, 
ist vielmehr ganz gewöhnlich auf eine Insuffizienz der intellektuell- 



Digitized by Google 



142 



IV. Kerze 



moralischen und pseudomoralischen Hemmungen zurückzuführen. 
Die meisten moral insanes sind nicht Kraftnaturen mit überwältigenden, 
alle Hemmungen durchbrechenden verbrecherischen Impulsen, sondern 
psychische Schwächlinge mit unzureichenden Hemmungen. 

Es ergibt sich somit, daß für die allermeisten Fälle von soge- 
nannter moral insanity die Untersuchung der intellektuellen 
Moralkomponente die Hauptaufgabe, das Hauptproblem der 
psychiatrischen Begutachtung sein muß. Wer dies einsieht, 
wird auch zugeben müssen, daß jenes Regulativ zwischen Psychiatrie 
und Strafrecht, von dem früher die Rede war, eigentlich doch nicht 
so notwendig ist. An ein solches Regulativ mußte man eben wohl 
denken, so lange man die Gefühlsentartung als das Wesentliche des 
Defektes ansah und in Verlegenheit war, wie man diesen nicht recht 
faßbaren, nicht recht beweisbaren, nicht recht meßbaren Defekt forensisch 
bewerten sollte. Sobald wir aber die ausschlaggebende Bedeutung 
des intellektuell moralischen Faktors erkannt haben, verlassen wir 
jenes ganz unsichere, ganz unklare Gebiet und begeben uns auf ein 
anderes zweifellos klareres oder doch der direkten psychiatrischen 
Erforschung weit zugänglicheres Gebiet. 

Mit einer Intelligenzprüfung wie sie gewöhnlich geübt wird, ist 
unseren Zwecken nun allerdings durchaus nicht gedient. Es interessiert 
uns relativ wenig zu hören, daß es um das geistige Inventar des 
betreffenden moralisch Defekten ziemlich gut bestellt ist, es interessiert 
uns relativ wenig zu hören, daß das Individum zur Zeit der Unter- 
suchung, also in einer Zeit, in der bei ihm keine Trübung des Urteils 
etwa durch hochgradige Affekte oder andere störende Momente besteht, 
im Stande ist, auf Fragen mit formell und inhaltlich richtigen Ant- 
worten zu reagieren, vernünftige Urteile zu bilden und verständige 
Schlüsse zu ziehen — bei den Fällen, die auf die Bezeichnung: moral 
insanity überhaupt Anspruch haben, sind eben diese Fähigkeiten 
gewöhnlich nahezu intakt; was uns vor allem interessiert, ist: 

1. Ob das Individum im Besitze der intellektuell moralischen 
Hemmungen ist, über die der Normale verfügt, oder ob infolge 
pathologischer Verhältnisse dieser Moralfaktor defekt ist: 

2. Ob das Individum im allgemeinen imstande ist und 
insbesondere, ob es zur Zeit der Tat imstande war, diese Hemmungs- 
vorstellungen zur Geltung kommen zu lassen, oder ob und bis zu 
welchem Grade es zur Zeit der Tat durch pathologische Einflüsse in 
dieser Hinsicht geschädigt war. 

Was den ersten Punkt anbetrifft, kann nicht genug scharf betont 
werden, daß von dem, der erwiesenermaßen die Einseht in die 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 143 



Strafbarkeit eine Handlung hat, noch nicht ohne weiters 
behauptet werden kann, er sei fähig, die entsprechenden 
intellektuell moralischen Hemmungen aufzubringen. 

Zunächst ist schon die Eignung zum Erwerb dieser Hemmungen 
keineswegs der Intelligenz des Individiums proportional; sie ist viel- 
mehr von der Eignung des Individums hochwertige Vorstellungs- 
komplexe zu erwerben, abhängig. Die intellektuell moralischen 
Hemmungen bestehen aus Vorstellungskomplexen verschiedener Art, 
die nur dann bestimmend für das Handeln des Individums werden 
können, wenn sie eine sehr hohe Wertigkeit erlangt haben; sie 
müssen ja so hochwertig sein, daß sie die besonders hochwertigen 
Triebe und die verschiedenen besonders hochwertigen Vorstellungs- 
komplexe von triebartigem Charakter, wo es nötig ist, wirksam zu 
übertönen vermögen oder wenigstens modifizierend auf die aus den- 
selben entspringenden Impulse einzuwirken imstande sind. Auch 
gewisse andere Vorstellungskomplexe müssen, wenn sie den richtung- 
gebenden Km flu ss auf die Denk Vorgänge, der ihnen normaler Weise 
zukommt, auszuüben imstande sein sollen, eine gewisse höhere 
Wertigkeit besitzen; die intellektuell moralischen Hemmungen nehmen 
aber in dieser Hinsicht geradezu eine Ausnahmestellung ein. Wenn 
daher ein Individum — bei sonst intakter oder nahezu intakter 
Intelligenz — unfähig ist, hochwertige Vorstellungskomplexe aufzu- 
bringen, bzw. zu erwerben, muß es vor allem moralisch defekt sein; 
die genauere Beobachtung wird dann allerdings lehren, daß das 
Fehlen hochwertiger Vorstellungskomplexe noch in anderen Defekten, 
die nur bei einer sehr weiten Fassung des Begriffes als moralische 
bezeichnet werden könnten, seinen Ausdruck findet: in der Unfähig- 
keit zu festen Normen, zu einer sicheren Direktive für Wünsche und 
Strebungen, zu einer Richtschnur für das Handeln überhaupt, auch 
soferne es gerade nicht in moralischer Hinsicht relevant ist. zu gelan- 
gen, in der Unfähigkeit ein bestimmtes Ziel festzuhalten, einen be- 
stimmten Zweck vor Augen zu haben, kurz in der Defektuosität, die 
so treffend als Haltlosigkeit bezeichnet wird. 

Unter den Einsichtigen gibt es sehr viel Haltlose. Und zweifel- 
los gibt es unter diesen Einsichtigen, aber haltlosen Individuen solche, 
deren Haltlosigkeit auf einer pathologischen Grundlage beruht. Die 
pathologische Haltlosigkeit, bzw. die Unfähigkeit zu einem sicheren 
Halt in sittlicher Beziehung zu gelangen, findet leichtbegreiflicher 
Weise in vielen Fällen von moralischer Defektuosität auch in einem 
Defekte der Determinierbarkeit ihren Ausdruck; diese Haltlosen sind 
unerziehbar und auch unverbesserlich, dem korrigierenden, bei normal 



Digitized by Google 



144 IV. Berze 

veranlagten oder weniger defekten Individuen Hemmungen erzwin- 
genden Einflüsse der Strafe unzugänglich. Die in der pathologischen 
psychischen Konstitution begründeten Hindernisse für die Entwicklung 
entsprechend hochwertiger intellektueller Hemmungen, sind keines- 
wegs immer so beträchtlich, daß sie nicht überwunden werden 
können, es gibt da vielmehr alle denkbaren graduellen Abstufungen; 
man kann daher auch durchaus nicht von allen mit einer patholo- 
gischen Haltlosigkeit Behafteten sagen, sie seien nicht determinierbar. 
Freilich führt, wie wir so häufig sehen, das gewöhnliche Strafsystem 
bei vielen von ihnen nicht zum Ziele, wären vielmehr gewisse quanti- 
tativ und qualitativ vom gewöhnlichen Verfahren abweichende Maß- 
nahmen dazu notwendig, wie ja Herr Dozent Raimann hier schon 
einmal des Näheren ausgeführt hat. 

Von der größten Wichtigkeit ist es also, die Intelligenz genauestens 
zu prüfen und namentlich zu untersuchen, wie es im habituellen Zu- 
stande des Individums um die intellektuell-moralischen Hemmungen 
steht. Von nicht geringerer Bedeutung aber ist es, die Bedeutung 
des Ergebnisses dieser Prüfung des habituellen Zustandes nicht zu 
überschätzen. Auf den habituellen Zustand kommt es ja nicht 
allein an. Selbst die genaueste Kenntnis und sicherste Wertbarkeit 
des Habitualzustandes eines degenerierten Individums — und als 
Degen6res sind doch die meisten moralisch Defekten aufzufassen — 
würde ja allein noch nicht zur Ergründung des Verhältnisses des 
Individums zur konkreten Tat zureichen. Bei jedem Degenere 
muß vielmehr auch an die Möglichkeit eines abnormen Reaktions- 
Zustandes zur Zeit der Tat gedacht werden. 

Um nicht zu weitläufig zu werden, will ich hier nur kurz auf 
die Tatsache hinweisen, daß wir so oft die mannigfaltigsten epileptoiden, 
hysteroiden und allerlei andere von der Psychiatrie nicht genauer 
klassifizierte degenerative Züge bei den moralisch Defekten finden, 
daß wir bei vielen von diesen psychopathisch minderwertigen Indi- 
viduen die Neigung nicht nur zu pathologischen Affektzuständen, 
sondern auch zu anderen transitorischen Zuständen einer förmlichen 
Ausschaltung aller oder mancher intellektueller Einflüsse finden. Ich 
will auch nur andeutungsweise daran erinnern, daß gerade die Zeit 
welche einer verbrecherischen Handlung vorausgeht, die Zeit in der 
sich das Individium mit der Idee der Tat trägt, besonders reich sein 
muß an Momenten, die geeignet sein mögen, bei einem entsprechend 
disponierten Individium, psychische Ausnahmszustände auszulösen. 
Ob derartige Vorgänge tatsächlich zur Zeit der Zat im Spiele waren 
oder aber auszuschließen sind, läßt sich oft kaum entscheiden; selbst 



Digitized by Google 



Iber die »og. Moral insanity und ihre forensiaelic Bedeutung. 145 

eine genaueste Analyse der psychologisch bedeutsamen Umstände der 
Tat im Zusammenhalt mit einer sorgfältigen Erforschung der psych- 
ischen Verfassung, die der Kriminelle zur Zeit der Untersuchung bietet, 
und mit einer mögliehst eingehenden Anamnese kann man oft nicht die 
erwünschte Klarheit schaffen, ob der Inkulpat lügt — was ja recht 
oft der Fall sein wird — . wenn er sagt, er sei zur Zeit der Tat „von 
Sinnen gewesen", er habe .nicht gewußt, was er tue", oder ob er 
sich zur Zeit der Tat wirklich in einem psychischen Ausnabms- 
zustande befunden hat, der seine Exkulpation verlangen würde, während 
sein Habitualzustand an sich eine Exkulpation nicht rechtfertigen 
würde. 

Wir dürfen also nicht in den argen Fehler verfallen, uns zur 
Zeit der Tat ohne weiters die Gemütsverfassung des Kriminellen so 
vorzustellen, wie sie den Habitualzustand des Individuums entspricht. 

Besonders zu berücksichtigen ist, daß zur Zeit der Tat, vorüber- 
gehend die Einsicht getrübt sein konnte, ohne daß ein eigent- 
licher Verwirrtheitszustand vorlag. Wenn in solchen Fällen 
auch die grobe Einsieht in die Strafbarkeit der Handlung gewöhnlich 
noch zur Not erhalten sein mag, ist doch häufig der klare Überblick 
über die Konsequenzen der Tat, ein deutliches Sich-Vergegenwärtigen 
der für und gegen die Tat sprechenden Gründe, ein verständiges 
Gegenüberstellen des aus dem Gelingen derselben entspringenden 
Nutzens und des sich aus dem Mißlingen ergebenden Schadens, das 
verständige Abwägen des pro und contra, und manche andere Denk- 
operation, die einem Individuum von durchschnittlicher Intelligenz 
sonst ohne Schwierigkeit gelingt, erschwert oder ganz unmöglich ge- 
macht. Man kann sagen, daß in solchen Fällen die Fähigkeit zu 
überlegen mehr oder weniger tief geschädigt ist 

In anderen Fällen führt die abnorme psychische Verfassung des 
Täters zur Zeit der Tat dazu, daß die hohe Wertigkeit, welche seinen 
intellektuell -moralischen und pseudomoralischen Hemmungen sonst 
zukommt, herabgesesetzt wird oder geradezu verloren geht. In solchen 
Fällen werden die Hemmungen, selbst wenn sie auftauchen und dem 
Individuum zum Bewußtsein kommen sollten, die Tat nicht hindern 
können. Was so gewöhnlich als Willensschwäche bezeichnet wird, 
ist zumeist nichts anderes, als ein derartiges temporäres Versagen der 
intellektuell-moralischen und pseudomoralischen Hemmungen. 

Meine Herren, zu den schwierigsten Fragen, die dem Psychiater 
überhaupt vorgelegt werden können, gehört gerade die Frage, ob ein 
degeneriertes Individuum zur Zeit der Tat fähig war, nicht nur 
die Strafbarkeit der in Frage kommenden Handlung einzusehen, 

ArehlT fflr Kriminnlanthropolotfie. 90. Bd. 1» 



Digitized by Google 



146 



IV. Bkrzk 



sondern auch: sich, auf Grund der Überlegung für oder gegen die 
Tat zu entscheiden, resp. sich durch den Einfluß intellektuell-moralischer 
Hemmungen im Sinne der Unterlassung der strafbaren Handlung 
bestimmen zu lassen. Darum ist vor allem die Begutachtung eines 
Falles von sog. moral insanity so außerordentlich schwierig, darum 
wäre in manchen Fällen ein klares: Non liquet geboten. Darum 
ist es auch psychologisch so leicht begreiflich, daß manche Psychiater 
die doch gerade vom psychiatrischen Standpunkte aus ganz inakzep- 
table Anschauung zu der ihrigen machen, daß es nur darauf ankomme, 
ob das Individuum das „formelle Wissen von Recht und Unrecht* 
besitzt; diese Frage ist selbstverständlich recht leicht zu entscheiden, 
es bedarf dazu kaum eigentlicher psychiatrischer Erfahrung. 

Diese simplizistische Auffassung der sog. moral insanity entspricht 
durchaus nicht dem eigentlichen Inhalte des Problems. Nicht nur 
auf das Unterscheidungsvermögen kommt es an, — wenn dies 
wäre, gäbe es überhaupt keine forensisch-psychiatrische moral insanity - 
Frage — , sondern auf das En tscheidungs vermögen, auf das Ver- 
mögen, sich, dem kriminellen Antriebe entgegen, in moralischem Sinne 
oder richtiger: im Sinne der Unterlassung der Gesetzverletzuug zu 
entscheiden. Jedes Gutachten ist unvollständig und angreifbar, das 
nicht auf dem Wege eingehendster Untersuchung, subtilster psy- 
chologischer Analyse des habituellen Geisteszustandes des Täters und 
treuester Rekonstruktion des Geisteszustandes des Täters 
zur Zeit der Tat die kardinalen Fragen zu lösen sucht, wie es zu 
dieser Zeit um die Fähigkeit des Individiums zu überlegen und 
sich im Sinne der intellectuell-moralischen bezw. pseudomoralischen 
Hemmungen bestimmen zu lassen stand. 

Damit soll aber durchaus nicht etwa gesagt werden, daß ein 
apodiktisches Urteil in allen Fällen möglich ist; in» Gegenteile: es 
entspricht nichts weniger der großen Schwierigkeit des Problems als 
die kurzen, bündigen, jeden Zweifel als ausgeschlossen hinstellenden 
Gutachten, die so oft über gewisse dubiose Fälle von sog. moral 
insanity abgegeben werden. 

Auch unsere zweite Betrachtungsweise, die darin besteht, daß 
wir das Hauptaugenmerk dem intellektuell moralischen Faktor zu- 
wenden, führt uns also keineswegs zu einem durchaus befriedigenden 
Resultate. Wir stoßen auch auf diesem Wege auf schwere, manch- 
mal gar nicht überwindbare Schwierigkeiten. Doch liegen diese 
Schwierigkeiten auf rein psychiatrischem Gebiete und nicht auf jenem 
Grenzgebiete, auf welchem juristische und psychiatrische Fragen so 
innig miteinander verflochten sind, daß es nicht mehr recht feststeht, 



Digitized by Google 



Über die sotr. Moral insanity und ihre forensische Bedeutung. 147 



ob es dem Psychiater überhaupt zukommt, das entscheidende Wort 
zu reden, — jenes Gebiet, auf welches wir, wie früher ausgeführt, 
sicher geraten, wenn wir das Wesen des moralischen Defektes in der 
Gefühlsentartung suchen und im Einzelfalle darauf ausgehen, durch 
Heranziehung indirekter Beweismittel die Unterscheidung zwischen 
einer physiologischen und einer pathologischen Moral-Insuffizienz zu 
treffen. Es drängt uns, da die Schwierigkeiten, wie sich nun 
zeigt, auf rein psychiatrischem Gebiete liegen, nichts dazu, das Heil 
in einem Regulativ zwischen Psychiatrie und Strafrecht zu suchen; 
wir sind uns vielmehr darüber klar, daß nur ein Ausbau der psychia- 
trischen Methoden der Erforschung des intellektuellen Moralfaktors 
zum Ziele führen kann, daß sich die „weiteren klinischen Forschungen'*, 
welche nach der Meinung der Autoren erst ergeben müßten, ob eine 
strafrechtlich besonders zu berücksichtigende Gruppe des moralischen 
Irrsinns abgegrenzt werden kann, gerade auf diesem Punkt konzen- 
triert werden müssen. 

Als Resümee meiner bisherigen Ausführungen möchte ich also 
folgendes anführen: 

Wenn auch von rein wissenschaftlichem Standpunkte 
aus die Existenz einer pathologischen moralischen Defektuosität auf 
Grundlage einer Gefühlsentartung nicht geleugnet werden kann, so 
wird doch bei der forensischen Beurteilung g"er allermeisten 
Fälle von sog. raoral insanity berücksichtigt werden müssen, daß einem 
auf Gefühlsentartung beruhenden Moraldefekte, der nicht von De- 
fekten des intellektuellen Moralfaktors begleitet ist, die Bedeutung 
eines die Zurechnungsfähigkeit in Frage stellenden Defektzustandes 
in der Regel durchaus nicht zukommt. Die Untersuchung des in- 
tellektuellen Moralfaktors, die somit das Hauptproblem bildet, hat 
sich aber nicht etwa .bloß auf das Unterscheidungsvermögen zu 
erstrecken, welches ja bei den Fällen von sog. moral insanity aus- 
nahmslos nahezu oder ganz ungestört gefunden wird, sondern auch 
auf das Entscheidungsvermögen und zwar zur Zeit der Tat, d. h. 
auf Beantwortung der Frage, oh die Person zur Zeit der Tat über- 
haupt fähig war, sich im Sinne der Unterlassung der Gesetzes- 
verletzung zu entscheiden, oder ob und inwieweit das Individuum 
zur Zeit der Tat durch pathologische Verhältnisse in dieser Hin- 
sicht beeinträchtigt war. 

Mit der Beantwortung dieser Fragen ist aber meiner Meinung 
nach auch die Aufgabe des Psychiaters in foro criminali erledigt. 
Auf die Beantwortung der Frage: zurechnungsfähig oder nicht? 
hat sich ja m. E. der Psychiater gar nicht einzulassen. Daß der 

10* 



Digitized by Google 



148 



IV. Bekze 



Psychiater davon absehen kann, auf diese Frage einzugehen, hat 
sich in einem Falle, der vor mehreren Monaten in Wien zur Ver- 
handlung kam, gezeigt; die Sachverständigen haben in diesem Falle 
erklärt: 

Der Untersuchte ist psychopathisch minderwertig, insbe- 
sondere moralisch schwach Diese Minderwertigkeit schließt 

insbesondere einen Grad von Willensschwäche in sich, deren Wür- 
digung hinsichtlich der Verantwortlichkeit des Ink. dem richterlichen 
Ermessen zu überlassen ist." Das richterliche Ermessen ging nun in 
diesem Falle dahin, daß der Ink. als unzurechnungsfähig anzusehen 
sei; er wurde freigesprochen und in die Irrenanstalt abgegeben. 

Zur Beantwortung der Frage, was für Gesichtspunkte für den 
Richter maßgebend sein sollen, wenn er die Frage der Zurechnungs- 
fähigkeit eines moralisch Defekten an der Hand eines derartigen Gut- 
achtens zu entscheiden hat. vermag der Psychiater als I>aie in juri- 
stischen Dingen nicht viel beizutragen, sind doch für den Richter auch 
verschiedene rein juristische Forderungen maßgebend, ganz abgesehen 
davon, daß die Auffassung — gerade der in Rede stehenden Fälle 
eine verschiedene sein wird, je nach der Schule, zu der sich der 
Richter bekennt. 

Jedenfalls wird der Richter, welcher Richtung er sich immer an- 
schließen mag. in einem Gutachten, daß die erwähnten Punkte ein- 
gehend bebandelt, alles finden, was zur Unterlage seines Urteiles 
nötig ist. Zunächst natürlich derjenige, dem es nur auf die Einsicht 
in die Strafbarkeit der Handlung ankommt, dann aber auch derjenige, 
der berücksichtigt, daß ein zulängliches Unterscheidungsvermögen 
zwischen Recht und Unrecht noch keineswegs die „normale Bestimm- 
barkeit durch Motive", wie es in Liszts Definition der Zurechnungs- 
fähigkeit heißt, in sich schließt. 

Für die Bestimmung der Grenze, von welcher an die einzelnen 
Defekte, welche wir bei den mit m. i. Behafteten beobachten, Un- 
zurechnungsfähigkeit anzunehmen wäre, bzw. für die Abschätzung 
des Grades der durch diese Defekte herbeigeführten Herabsetzung der 
Verantwortlichkeit des Individuums kann der Standpunkt des Psych- 
iaters nicht maßgebend sein; es sind dies Fragen, deren Entscheidung 
vielmehr immer ganz dem richterlichen Ermessen anheimgestellt 
bleiben muß, — meiner Meinung nach gegebenenfalls auch dem Er- 
messen des Laienrichters, dem ja auch in so vielen schwierigen 
Fragen anderer Art die Entscheidung überlassen wird. 

Der Richter wird dabei, wie ich nebenbei bemerken will, im 
konkreten Falle auch die Natur der betreffenden Straftat zu berück- 



Digitized by Google 



Über die sog. Moral insanity und ihre forensische Be<leutung. 149 



sichtigen haben, v. Wagner bat bei wiederholten Gelegenheiten, so 
aueb in seinem Referate über den Unzurechnungsfähigkeits- Paragraphen 
auf dem österreichischen Irrenärztetag (Oktober v. J.) betont, daß 
_die Beurteilung der Zurechnungsfähigkeit in Beziehung auf die kon- 
krete Straf behandlung zu erfolgen habe.* 4 Auch für die Fälle von 
sog. m. i. muß diese Forderung erhoben werden. Es wäre ganz 
irrig, anzunehmen, daß die Hemmungen bei jedem moralisch Defekten 
allen Arten von Straftaten gegenüber in gleichem Maße versagen 
müssen. Im allgemeinen wird der Anstoß zur Auslösung von Hem- 
mungen oder auch nur zum Wachwerden der Gegenvorstellungen an 
und für sich umso geringer sein, je mehr die Straftat einer allge- 
meinen menschlichen Schwäche entspricht, z. B. dem Streben nach 
Vermehrung des Besitzes, wird umso eher zu erwarten und im all- 
gemeinen umso mächtiger sein, je fremder die Straftat der durchschnitt- 
lichen psychischen Veranlagung ist, z. B. je grausiger die beabsich- 
tigte Tat ist. Ersteren gegenüber werden daher die Hemmungen bei 
gewissen moralischen Defektzuständen eher versagen als letzteren 
gegenüber und es ist daher leicht begreiflich, daß es Fälle geben 
kann, in denen man ohne Bedenken Unzurechnungsfähigkeit annehmen 
könnte, wenn es sich etwa um Defraudation, Diebstahl, Betrug oder 
vielleicht um ein Sittlichkeitsverbrechen handelte, während man 
höchstens eine in einem höheren Maße geminderte Zurechnungsfähig- 
keit zuzugeben hätte, wenn es sich etwa um einen Mord handeln 
würde, es muß also auch hinsichtlich gewisser moralisch Defekter an 
v eine Art partieller Unzurechnungsfähigkeit gedacht werden. 
Damit bin ich zum Schlüsse gelangt. Anhangsweise möchte ich 
nur noch vorbringen, daß gerade die Frage der Zu reehnungs fäh ig- 
keit von allen forensisch belangvollen Fragen am allerschwersten 
zu entscheiden ist, wenn es sich um einen Fall von sog. moral insa- 
nity, wogegen etwa die mit dieser Frage in einem näheren Zusammen- 
hang stehende Frage der Straffähigkeit eines solchen Falles in 
der Regel auf weit geringere Schwierigkeiten stößt. Nicht straf- 
fähig in dem Sinne Liszts ist, soweit der Psychiater urteilen kann, 
nur eine äußerst geringe Anzahl der Fälle von sog. moral insanity; 
in den seltensten Fällen wird ein nachteiliger Einfluß der gewöhnlichen 
Strafvollstreckung zu befürchten sein. Nur wenn man den Begriff 
der Strafunfähigkeit zu sehr ausdehrtf, so sehr, daß das allgemeine 
Rechtsbewußtsein verletzt wird, kann man von einer Strafunfähigkeit 
einer größeren Anzahl dieser Defekten sprechen. Und selbst wenn 
man die Straffähigkeit von der Determinierbarkeit abhängig macht, 
indem man Straffähigkeit und Besserungsfähigkeit verwechselt, kann 



Digitized by Google 



150 IV. Bkeze 

man nur in sehr seltenen Fällen mit ruhigem Gewissen von einer 
zweifellos feststehenden Strafunfähigkeit eines mit sog. moral insanity 
Behafteten sprechen; die" Frage, ob die Bestrafung den moral-insanes 
nützt, ist nicht ohne weiteres zu verneinen, wenn es auch nicht zu 
bestreiten ist, daß unser heutiger gewöhnlicher Strafvollzug für eine 
ziemlich bedeutende Zahl der Fälle nicht zureicht, wenn mit der 
Strafe der Zweck der Besserung erreicht werden soll. 

Da für einen Fall von sog. moral insanity die Frage der Straf- 
fähigkeit leichter zu beantworten ist als die der Zurechnungsfähigkeit, 
neigen manche Sachverständige dazu, ihr Gutachten so einzurichten, 
wie wenn es gar nicht auf die Frage der Zurechnungsfähigkeit, 
sondern eben auf die der Straffähigkeit ankäme. Sache des Richters 
wäre es meines bescheidenen Erachtens, in solchen Fällen die Ver- 
schiebung des Standpunktes zu erkennen und die Ergebnisse des Gut- 
achters dieser Erkenntnis entsprechend zu werten. 

Übrigens mag mir ganz zum Schluß meiner Ausführung noch 
ein weiterer Appell an die Richter erlaubt sein! 

Der Sachverständige wird seine Aufgabe der Begutachtung mo- 
ralischer Defektzustände nur dann in der richtigen Weise erfüllen 
können, wenn der Richter von ihm nicht mehr verlangt, als er 
nach dem heutigen Stand der Wissenschaft leisten kann, und auch 
nicht mehr, als er in seiner Stellung als Sachverständiger zu leisten 
verpflichtet werden kann. Vor allem muß demnach der Richter die 
Schwierigkeiten der Begutachtung dieser fälle möglichst genau kennen, 
muß somit über den Stand der Psychiatrie informiert sein, wenigstens so- 
weit, daß er beiläufig die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinsichtlich 
forensischen Differentialdiagnose der moralischen Defektzustände zu 
sehen vermag. Er wird dann die Sachverständigen wahrscheinlich 
nicht dazu drängen, in dubiosen, nicht bestimmbaren Fällen dennoch 
eine Entscheidung zu treffen, wird sich vielmehr, von der Vorstellung 
ausgehend, daß wie jede menschliche Erkenntnis, so auch die psychia- 
trische ihre Grenzen hat, daß es also Grenzfälle geben muß, in welchen 
der Psychiater die gewünschte Aufklärung nicht erbringen kann, mit der 
Notwendigkeit abfinden, mit diesen dubios bleibenden Fallen nach 
allgemein juristischen Grundsätzen fertig zu werden. Er wird die 
Sachverständigen nicht zu zwingen versuchen, mehr auszusagen, 
als sie auf Grund der Erfahrung auf ihrem eigenen Wissens- 
gebiete ohne Herbeiziehung von Tatsachen, deren Betrachtung und 
Beurteilung mit ihrer Disziplin nichts zu tun haben, aussagen 
können. Er wird wahrscheinlich auch nicht gerade demjenigen 
Sachverständigen am meisten Vertrauen schenken, der ihm ein mög- 



Digitized by Google 



Über die so#. Moral insauity und ihre forensische Bedeutung. 151 



liehst apodiktisch gehaltenes Outachten liefert und ihm vielleicht noch 
durch eine die Subsumtionsfrage vorweg erledigende Formulierung 
der Schlußsätze diese schwierige juristische Arbeit abnimmt, sondern 
demjenigen, der ein möglichst klares, deutliches, im Gange der 
prychiatrischen Argumentation leicht zu überblickendes und dem Zwecke 
der richterlichen Erwägung und Entscheidung möglichst entsprechendes 
wenn auch in mancher Beziehung reserviertes Gutachten bringt. 

Und noch eins! Die Richter mögen sich von der in nicht 
psychiatrischen Kreisen so verbreiteten, das Urteil über manchen der 
in Rede stehenden Fälle so oft trübenden Anschauung frei machen, 
daß die psychiatrischen Sachverständigen darauf ausgehen, die Grenzen 
der Unzurechnungsfähigkeit soweit als möglich zu ziehen ! J ..Es han- 
delt sich dem Psychiater gewiß nicht darum", sagt Sommer mit 
Recht, „möglichst vielen Menschen mit gemeinschädlichen Äußerungen 
den Schutz des Strafausschließungsparagraphen angedeihen zu lassen"; 
denn auch der Psychiater vermag ganz gut einzusehen, daß „damit dem 
Interesse des Gemeinwohls nicht gedient ist." Die Psychiater haben 
auch durchaus kein Interesse daran, daß in möglichst vielen Fällen 
von sog. m. i. die Irrenpflege an die Stelle der Strafrechtspflege trete, 
besonders unter Verhältnissen, wie sie bei uns heute bestehen, d. h. 
beim Mangel jedes Ineinandergreifens des Apparates der 
Straf rechts-und der Irrenpflege. Die moralisch Defekten sollten 
ihrer großen Mehrzahl nach unter allen Umständen, wenn sie auch 
nicht bestraft werden können, „als Objekte der staatlichen Fürsorge 
angesehen werden.-' So lautet die Meinung einer großen Anzahl von 
maßgebenden Psychiatern, und dabei stellen sie sich diese staatliche 
Fürsorge eher im Zusammenhange mit der Strafrechtspflege als mit der 
Irrenpflege vor. So verlangt Lobe dank in seinem vor kurzem 
erschienen Werke „Rechtsschutz und Verbrecherbehandlung u , daß man 
„für die im Interesse der Allgemeinheit erforderlichen Maßregeln gegen 
gemeingefährliche geisteskranke Rechtsverletzer nicht erst einen 
von der Strafrechtspflege völlig getrennten Verwaltungsapparat in Tätig- 
keit treten lassen" möge. Der Psychiater, der die letzten Konsequenzen 
zieht, will also der Strafrechtspflege nichts nehmen, nichts entziehen, 
im Gegenteile, er strebt noch eine Erweiterung ihrer Einfluß-Sphäre 
an, allerdings indem er gleichzeitig gewisse der Individualität des 
Rechtsverletzers möglichst genau angepaßte Maßnahmen fordert, und 
die« ganz besonders auch hinsichtlich jener unglückseligen Geschöpfe, 
die mit der sog. m. i. behaftet sind. 



Digitized by Google 



V. 



Falscheid auf autosuggestiver Basis. 

Von 

Privatdozent Dr. jur. et phil. Hans Reichel iii Leipzig. 

Wer einen Parteieid wissentlich falsch schwört, imgleichen, wer 
ein wissentlich falsches Zeugnis mit dem Eide bekräftigt, wird wegen 
Meineides bestraft. Die Bestrafung setzt also in subjektiver Beziehung 
voraus, daß dem Schwörenden zur Zeit der Eidesleistung die 
Unwahrheit des Beschworenen bewußt war. 

Dieses factum internum zu beweisen, fällt bekanntermaßen oft 
recht schwer. In der Regel behilft man sich mit Indizien. Das 
wichtigste dieser Indizien geht dahin, der Schwörende habe zu irgend 
einer, der Eidesleistung voraufgehenden Zeit um die Unwahrheit 
des später Beschworenen gewußt. Hieraus folgert man dann, es 
x müsse ihm das Bewußtsein der Unwahrheit des Beeidigten auch zur 
Zeit des Schwures noch innegewohnt haben. 

Die Zahl der Fälle, in denen diese Schlußfolgerung das Richtige 
trifft, ist sicherlich nicht gering. Indessen gibt es doch auch Fälle 
genug, in denen sie schwer bedenklich ist und zu ungerechtfertigten 
Verurteilungen führen kann. Jahrelange richterliche Praxis hat mir 
die Überzeugung immer näher gelegt, daß insbesondere Parteieide, 
von deren Unrichtigkeit ich persönlich fest überzeugt war, oft durch- 
aus in gutem Glauben abgeleistet wurden, und zwar unerachtet des 
Umstandes, daß die beschworene Parteibehauptung von Hause aus 
wider besseres Wissen aufgestellt war. 

Die psychologische Erklärung dieser Tatsache liegt klar auf der 
Hand. Den Schlüssel der Erklärung liefert die uns allen geläufige 
Tatsache der Autosuggestion. Der Dichter, der einen harmlosen 
Händedruck in seinem lyrischen Erguß zum glühenden Kuß auf- 
bauscht, der phantastische Plänesch mied und Projektor, dem der 
Entwurf zur Wirklichkeit wird, der Ekstatische, dem seine Vision 
zum realen Erlebnis sieh verdichtet, der Wachträumer, dem jede 
Grenze zwischen Geträumtem und Wahrgenommenem verschwimmt: 



Digitized by Google 



Kalscheid auf autosutfgestiver Basis. 



153 



sie alle stehen unter dem Einfluß solcher Autosuggestion vielleicht 
in höherem Maße, nicht aber in anderer Weise als der Lügner, der 
seine Lüge zum dritten und zehnten Male erzählt und schließlich auf 
ihre Wahrheit felsenfest vertraut. 

Ganz besonders stark ist die Kraft dieser Autosuggestion dann, 
wenn die Wahrheit des fälschlich Behaupteten erhebliche Vorteile 
mit sich bringt. Quae volumus, credimus libenter. Mit gutem Grunde 
läßt man daher einen Angeklagten niemals zum Schwüre zu. Aus 
dem gleichen Grunde sollte man aber auch mit dem Parteieide viel 
vorsichtiger sein, als so häufig geschieht. Je länger der Zivilprozeß 
gedauert hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Schwur- 
pflichtige sieb allmählich in seine Sachdarstellung dergestalt verbissen 
hat, daß er sie überzeugten Sinnes beschwört, auch wenn sie erdichtet 
ist. Als besonders bedenklich erscheint, mir z. B. die Tatsache, daß 
so oft einer Zivilprozeßpartei ein Reinigungseid über eine ihr vom 
Gegner beigemessene Straftat auferlegt wird. 

Dasselbe gilt nun auch vom Zeugen. Ein uneidlich abgehörter 
Zeuge, der eine bestimmte Darstellung von ilause aus wider besseres 
Wissen deponiert hat, wird nicht selten bis zur Haupt- oder Schluß- 
verhandlung, in der er vereidigt wird, die volle Überzeugung von der 
Richtigkeit des Erlogenen sich suggeriert haben. 

In allen solchen Fällen ist eine Bestrafung wegen Meineides 
ausgeschlossen. Nur der Gesichtspunkt des fahrlässigen Falscheides 
kann in Frage kommen. Allein auch dieser ist in der Regel von 
der Hand zu weisen. Denn worin soll die Fahrlässigkeit liegen? 
Die lügnerische Parteibehauptung, die lügnerische uneidliche Zeugen- 
bekundung ist nicht strafbar. Die Autosuggestion aber liegt ebenso 
außerhalb der Zurechnung wie etwa die Halluzination; arbeitet sie 
doch großenteils unter der Schwelle des Bewußtseins. Beschwört 
hiernach der Eidespflichtige dasjenige, was er zur Zeit der Eides- • 
leistung für richtig hält, so fällt ihm nicht allein Vorsatz, sondern 
auch Fahrlässigkeit nicht zur Last; auch dann nicht, wenn man den 
objektiven Falscheid bis in seine letzten psychologischen Entstehungs- 
ursachen zurückverfolgt. 

Ein solches Zurückverfolgen ist psychologisch immer von Nutzen. 
Allein es wird gefährlich, sobald es sich zu einer retrospektiven 
Zurechnung auswächst. Eine solche ist unserem Strafrechte 
grundsätzlich fremd, und dies mit Recht*). Die einzige (nicht unbedenk- 
liche» Ausnahme, die ich habe entdecken können, ist die Bestimmung 
mancher Strafgesetzbücher, (Militärstraf recht), wonach der im trunkenen 

\) Vgl. Reichel in diesem Archiv 29, 344. 



Digitized by Google 



154 



V. Reichel 



Zustande ein Delikt Begehende gleich einem Xichttrunkenen bestraft 
werden soll. Was hier zugerechnet wird, ist in Wahrheit nicht die 
Tat selbst, sondern die Herbeiführung der Trunkenheit; vgl. meine 
Ausführungen Bd. 23 S. 132 dieses Archivs. 

Anmerkung des II erausge hers. Ich möchte diesen wichtigen und 
beherzigenswerten Ausführungen einen Hinweis auf den I bergang beifügen, den 
wir so uft zwischen dem Normalen und dem echten, geisteskranken Querulanten 
wahrnehmen. Wir wissen selbstverständlich, daß der Querulant nicht partiell, 
bloß in der in Frage kommenden Richtung, sondern allgemein erkrankt ist; 
ebenso wissen wir. daß der Querulant nicht deshalb erkrankt ist, weil er einen 
oder mehrere Prozesse verloren hat, sondern er hat seine Prozesse (angefangen 
uudl verloren, weil er schon geisteskrank war. Wir wissen aber auch, daß es 
bei Geisteskrankheiten ebenso wie bei sonstigen Erkrankungen keine fixe Grenze 
zwischen gesund und krank gibt, daß sich auch viele Geisteskrankheiten langsam 
und kaum bemerkbar entwickeln . daß jede Wahnsinnsfonn auch ihre Noch- 
normale Form als Pendant besitzt (hochgradig zorniger Mensch und Tobsüchtiger; 
auffallend lustiger Mensch und Manischer; ernster und schwarzsehender, schwer- 
lebiger Mensch und Melancholiker; eigensinniger, starrköpfiger Mensch und Queru- 
lant etc.), wir nehmen endlich auch wohl mit Recht an. daß sich vielleicht manche 
Geisteskrankheit, ebenso wie andere Krankheiten nicht weiter entwickelt, hätte, 
sondern im Noch- oder Halbnormalen verblieben wäre, wenn äußere Verhältnisse. 
Zufälle und sonstige Momente dem Fortschreiten der Krankheit nicht die Wege 
geebnet hätten. Ks wird also auch eine Menge von prozeßführenden Leuten 
geben, die einen normalen, höchstens etwas starrsinnigen Findnick machen, die 
Eide schwören, vielleicht gestraft werden, wenn sich der Eid als falsch erwiesen 
hat, und die vielleicht nur auf dem Wege zum echten Querulanten waren, es 
später auch geworden sind, oder auch nicht, je nachdem sie in Verhältnisse 
kamen, die der Ausbildung ihres Leidens günstig oder ungünstig waren. 

Die Schwierigkeit für den Richter bildet die Frühdiagnose bei Querulanten; 
sie zu erkennen ist wichtig, um die Verläßlichkeit eines Menschen als Zeugen 
wahrzunehmen, aber auch zu verhindern, daß jemand wegen falscher Aussage 
bestraft wird, der bereits als nicht zurechnungsfähiger Querulant zu behandeln 
ist. Daß einer bereits ein solcher ist oder sich auf dem Wege befindet, einer 
zu werden, zeigt sich oft frühzeitig, aber dann doch nur bei einzelneu, oft un- 
bedeutenden Äußerungen. Ich erinnere mich an einen Hauern, der einmal in 
einem Prozesse wegen eines Grundstreifeus (das häufigste Prozeßobjekt der 
Querulanten) vollkommen klar, vernünftig und glaubhaft sprach, so daß ihn 
niemand für geisteskrank halten konnte. Verdächtig war nur die einzige Be- 
hauptung, daß er selbst einen Raum, der auf der bestrittenen Grenze stand, 
gepflanzt haben wollte, obwohl dieser sichtlich mindestens 100 Jahre alt war. Erst 
mehrere Jahre später entwickelte sich bei dem Manne ausgesprochener Prozeß- 
kränierwahn. 

Ich glaube, daß man auf solche und ähnliche, erst leise in den Kreis der 
Beobachtung tretende Erscheinungen nie genug aufzumerken vermag. Irgend eine 
absonderliche, wenn auch scheinbar gleichgültige Behauptung prozeßführender 
Leute (namentlich alter Bauern, die um einen winzigen Gmndfleck streiten) sollte 
nie übersehen werden. H. Groß. 




VI. 



Fünf Jahre Daktyloskopie in Sachsen. 

Von 

l'olizeipräsideut Koettig, Dresden. 



Mit Schluß des Jahres 1907 hat sich ein 5 jähriger Zeitraum 
vollendet, seitdem bei der Polizeidirektion Dresden bezw. im ganzen 
Königreich Sachsen das Fingerabdruckverfahren zur Anwendung 
kommt. 

Dieser Abschnitt scheint geeignet zu einer Rückschau auf die 
seitherigen Ergebnisse und die Bewährung des Verfahrens. 

Historisch sei zunächst folgendes bemerkt: 

Die Daktyloskopie kam bei der Polizeidirektion Dresden Anfang 
des Jahres 1903 in der Weise zur Einführung, daß zunächst von 
allen Personen, welche bei der Polizeidirektion zur Haft kamen 
sofort nach Strafantritt bez. vor Ablieferung an die Gerichtsbehörde 
Fingerabdrücke genommen wurden. 

Nachdem auf einer am 24. Oktober 1903 in Dresden statt 
gehabten Zusammenkunft von Vertretern der größeren sächsischen 
Polizeibehörden der Nutzen der Daktyloskopie allseitig anerkannt 
und die Einführung derselben auch bei den übrigen Behörden des 
Landes als wünschenswert bezeichnet worden war, entschloß sich 
zunächst eine Anzahl Behörden ohne weiteres freiwillig zur Auf- 
nahme von Fingerabdrücken bis am 13. Juli 1904 von dem Königl. 
Sächs. Ministerium des Innern nach Einvernehmen mit dem Königl. 
Justizministerium Verordnung erging, nach welcher für das Königreich 
Sachsen das Fingerabdruckverfahren zur Wiedererkennung von Ver- 
brechern allgemein und obligatorisch eingeführt und bei der König- 
lichen Polizeidirektion Dresden eine Zentralstelle eingerichtet wurde, 
der einerseits die Sammlung und Registrierung der ihr zugehenden 
Fingerabdrücke, andererseits die Erteilung von Auskunft auf behörd- 
liche Fingerabdrücke betreffende Anfragen obliegen sollte. 

Diese Verordnung wurde fast gleichlautend für den Bereich des 
Justizministeriums durch Justizministerialverordnung vom 7. September 
1904 mit entsprechenden Übertragungen noch besonders publiziert. 



Digitized by Google 



156 



VI. KOKTTIÜ 



Hiernach werden Fingerabdrucke genommen von Personen, die 
nach den 112 bis 111 und §128 Schlußsatz, § 220 Abs. 2. § 233 
der Strafprozeßordnung verhaftet oder gemäß § 127 desselben Ge- 
setzes vorläufig festgenommen worden sind und zwar alsbald nach 
der Verhaftung oder der vorläufigen Festnahme. 

Dem Ermessen der Sicherheitspolizeibehörden in den Städten 
und der Justizbehörden d. i. des Richters und des Staatsanwalts 
wird überlassen, in einzelnen Fällen auch von anderen Personen, die 
einer strafbaren Handlung [verdächtig oder zu Strafe verurteilt sind, 
Fingerabdrücke aufnehmen zu lassen. 

Die Aufnahme der Fingerabdrücke wird bei Personen, die zunächst 
der Sicherheitspolizeibehörde einer Stadt eingeliefert werden, von 
dieser Behörde, sonst von den Justizbehörden und zwar von den 
Gefängnisbeamten der Gefangenanstalten und der Gerichtsgefängnisse 
bewirkt. 

Die Königl. Amtshauptmannschaften, Gemeinde vorstände und 
Gutsvorsteher, sowie die Landgendarmen haben sich grundsätzlich der 
Aufnahme von Fingerabdrücken zu enthalten. 

Von jeder Person wird ein Fingerabdruckbogen (verschieden für 
männliche und weibliche Personen) und eine Personalkarte mit 
Kontrollabdruck des rechten Zeigefingers aufgenommen. 

Wird eine Person, von der Fingerabdrücke aufgenommen worden 
sind, an eine andere zur Aufnahme solcher Abdrücke zuständige 
Behörde abgeliefert, so ist auf dem Transportbefehl oder, wenn ein 
solcher nicht ausgefertigt worden ist, auf dem die Ablieferung be- 
treffenden Beschluß oder Schreiben in augenfälliger Weise zu vermerken: 

Fingerabdrücke genommen 
am (Datum) 
bei (Behörde) 

Wird eine Person ohne Übergabe eines solchen Vermerks von 
einer anderen Behörde, die zur Aufnahme von Abdrücken zuständig 
ist, abgeliefert, so sind Fingerabdrücke aufzunehmen, andernfalls 
unterbleibt dies. 

Alter und Geschlecht machen hinsichtlich der vorgeschriebenen 
Aufnahme von Fingerabdrücken keinen Unterschied. 

Die Einsendung der Fingerabdruckbogen und Personal karten an 
die Zentralstelle erfolgt unter der Adresse: Königl. Polizeidirektion, 
Abteilung C, Erkennungsdienst, Dresden" in der Kegel in wöchent- 
lichen Sammelsendungen mit der Bezeichnung „Wochensammlung u 

Auf die wöchentlichen Sammelsendungen ergeht nur dann eine 
Rückäußerung der Zentralstelle, wenn sich herausstellt, daß eine der 



Digitized by Google 



Fünf Jahre Daktyloskopie in Sachsen. 157 

Personen, deren Fingerabdrücke eingesandt wurden, nicht diejenige 
ist, für welche sie sich ausgibt. Wird eine Rückäußerung gewünscht, 
so ist der Fingerabdruckbogen nebst Personalkarte besonders und 
ohne die Bezeichnung „Wochensammlung" einzusenden. 

Erweist sich eine Person nachträglich nicht als diejenige, für 
welche sie sich bei der Aufnahme der Fingerabdrücke ausgegeben 
hat, so ist dies unverzüglich der Zentralstelle zur Richtigstellung des 
Fingerabdruckbogens und der Personalkarte mitzuteilen. 

Die Bestimmungen dieser Verordnung, so kurz sie sind, haben 
sich ebenso erschöpfend wie praktisch erwiesen. 

Die erstmalige Ausbildung der Polizeibeamten in der Aufnahme 
von Fingerabdrücken erfolgte in den größeren Städten durch die 
Zentralstelle, in den übrigen Städten wieder durch die Beamten der 
größeren Städte. Die Gefängnisbeamten wurden durch die Polizei - 
beamten der Stadt, wo sich die Gefangenanstalt oder das Gefängnis 
befand, bez. die Gefängnisbeamten der Amtsgerichte, die ihren Sitz 
in einer Landgemeinde hatten, durch die Beamten der nächsten Stadt 
ausgebildet. Soweit späterhin in den einzelnen Behörden ein Be- 
amter vorhanden war, der sich zur Ausbildung der übrigen Beamten 
eignete, so erfolgte die Ausbildung der letzteren selbstverständlich 
durch diesen und nicht mehr durch fremde Polizeibeamte. 

Nur beiläufig sei erwähnt, daß die Ausbilduug von Beamten 
in der Daktyloskopie die denkbar leichteste ist, indem sie sich nur 
auf die Abnahme klarer und deutlicher gerollter und einfacher Fingt-r- 
abdrücke mittelst der ureinfachen Instrumente zu erstrecken braucht 
und in 3 — 4 Stunden vollendet ist. 

Die Tätigkeit der daktyloskopischen Station und Zentrale Dresden 
ergibt sich aus folgender Tabelle: 



■ 

■ 


1 


2 


3 


4 


5 


0 


Jahr 


Von 
auswärt« 


In Dresden 
auf- 


In Dresden 
wiederholt 
Hufgenomni. 
Zeigefinger- 
abdrücke 


Von 
auswärts 


Dureb 

den Tod 


Summe 
der 
Grundbogen 


i 

_l 


eingegangene 
Bogen 


genommene 
Bogen 


eint'epanjrene 
Duplikate 


aus- 
geschieden 


1908 


206 


0234 


173»» 


i 

43 


21 


«376 


1904 


2437 


5127 


3375 


27 s 


5b 


* 13604 


1905 


145113 


4572 


4052 


3206 

i 


S6 


2^57 

1 


Ion»; 


11520 


3717 


45^7 


i 3 > it i 


IIS 


40650 


1907 


11497 


3159 


441« 


4107 


142 


51006 




40193 


22*09 


1S700 


11571 


425 


i 



Digitized by Google 



158 VI. Korrn« 

Zur Erläuterung der Tabelle diene folgendes: 

a. Die Ziffern in den Rubriken l, 2 und 3 ergeben zusammen die 
Summe der in den Jahren 1903 bis 1907 im Königreiche Sachsen 
überhaupt der Fingerschau unterworfenen Personen (M 762). 

b. Rubrik 2 und 3 ergeben die Summe der bei der Polizeidirektion 
Dresden daktyloskopierten Personen (41569). Die Rubrik 3 umfaßt 
dabei diejenigen Personen, die schon früher bei der Polizeidirektiou 
daktyloskopiert waren und an denen nur der Zeigefinger der rechten 
Hand von neuem zum Abdruck gelangt ist, um mit dem Abdrucke 
auf dem vorhandenen Fingerabdruckbogen verglichen werden zu 
können. 

c. Die in Rubrik 4 genannte Summe von Fingeräbdrücken (die als 
„Duplikate 4 bezeichnet werden) ist in der Summe der Bogen in 
Rubrik 1 mit enthalten. Es sind dies (Rubrik 4) diejenigen Bogen, 
bei deren Bearbeitung sich ergeben hat, daß ein gleichartiger Bogen 
mit denselben Personalien sich im Register bereits befand. 

d. Rubrik 3 und 4 ergeben zusammen die Summe derjenigen 
Personen, die unter Angabe ihrer richtigen Personalien wiederholt 
dem Fingerschauverfahren unterworfen worden sind. 

e. Soll die Summe der dem Grundregister einverleibten Bogen 
gefunden werden, so sind die Ziffern in den Rubriken 1 und 2, d. i. 
die Summe der in einem Jahre bei der Zentrale bearbeiteten Bogen, 
zusammenzuzählen, hiervon die Duplikate in Rubrik 4 und die Bogen 
der als "gestorben bekannt gewordenen Personen i Rubrik 5) in Abzug 
zu bringen. Die hieraus gewonnene Summe zu dem Bestände der 
Grundbogen (Rubrik 6j des vorhergehenden Jahres hinzugerechnet, 
ergibt die Summe der dem Grundregister überhaupt einverleibten Bogen. 

Die Erfolge, die mit der Fingerschau in Sachsen in den Jahren 
1903 bis 1907 erzielt worden sind, ergeben sich aus der nachstehenden 
Zusammenstellung. 





1 


3 


3 


4 


5 


Jahr 


Identifizierte 
Personen, 
die ihren richtigen 
Namen 


Identifizierte 
Personen, 
die keinen oder 
einen falschen 
Namen 
anjfOKeben haben 


Ermittelte 
Personen 
auf (liund unfrei- 
willig zurück- 
gelassener 
Fingerabdrucke 


Unbekannte 
tot aufgefundene 
und festgestellt© 
Personen 


Summa 
der 


1903 


1773 


4 


1 




17TS 


1904 


»653 


17 


2 


1 


3673 


1905 


79 IS 


95 


2 


4 


*019 


1900 


Mi>4 


Ii!» 


y 


4 


b544 


1907 


v"»St 


217 


5 




SS05 


Sutuuni 


30331 


400 


13 


9 


MÜS 19 



Digitized by Google 



Fünf Jahre Daktyloskopie in Sachsen. 



159 



Durch den Vergleich der eingesandten Fingerabdruckbogen mit 
dem Bestände der Zentralstelle wurden demnach in dem erwähnten 
fünfjährigen Zeltraum bei der Zentralstelle Dresden 

30 331 Personen, welche ihren richtigen Namen angegeben 
hatten, und 

466 Personen, welche ihren Namen nicht angeben wollten oder 
konnten oder unter falschem Namen gingen 
identifiziert. 

Hierzu kommen noch 9 Identifikationen aufgefundener unbekannter 
Leichname und 13 auf Grund unfreiwillig zurückgelassener Finger- 
abdrücke als Täter ermittelte Personen. 

Über die Gruppierung der 466 Identifikationen von Personen, 
deren Namen nicht bekannt war, nach den verschiedenartigen Delikten 
gibt die im Anhange nachgedruckte Zusammenstellung Aufschluß. 

Von den Ermittelungen auf Grund unfreiwillig zurückgelassener 
Fingerabdrücke bezogen sich zwei Fälle auf Baumfrevel, 10 auf Ein- 
bruchsdiebstählen und 1 auf versuchten Mord. 

Überall zeigt sich überdies in den einzelnen Rubriken eine 
steigende Zahl der Ermittelungen; nur in Rubrik 4 ist aus dem 
Jahre 19o7 eine Feststellung nicht zu verzeichnen. 

Was die Frage nach der Zuverlässigkeit der Ermittelungen an- 
langt, so ist seit dem Bestehen der Dresdener Zentrale nicht ein 
einziger Irrtum und kein einziger Fall vorgekommen, in dem die 
Registratur, die in Dresden genau nach dem System Henrys ein- 
gerichtet ist. versagt hätte. Die Einordnung der Bogen in die Registratur 
und das Wiederauffinden solcher, auch auf Grund unvollkommener 
Fingerabdrücke, vollzieht sich mit der größten Zuverlässigkeit und 
Schnelligkeit. 

Zur Bedienung der Zentrale sind zur Zeit 3 Beamte erforderlich. 

Im Hinblick auf die guten Ergebnisse und die steigenden und 
sicheren Erfolge, welche mit der daktyloskopischen Landeszentrale in 
Sachsen gemacht worden sind, liegt die Frage nahe, ob es sich nicht 
empfehlen dürfte, die Daktyloskopie im Deutschen Reiche überhaupt 
an die Stelle des Bertillonschen Meßverfahrens treten zu lassen, 
dessen Brauchbarkeit im allgemeinen zwar keineswegs verkannt 
werden soll, dessen hauptsächlichster Mangel aber darin besteht, daß es, 
wenn es auf unbedingte Zuverlässigkeit Anspruch erheben soll, ein 
sehr gut geschultes Personal voraussetzt. 

Das Königl. Polizeipräsidium zu Berlin hat schon unter dem 
21. November 1903 ein Rundschreiben an die verschiedenen Meß- 
stationen im Deutschen Reiche gerichtet, in welchem es auf die be- 



Digitized by Google 



VI. KOKTTH. 



sonderen Vorzüge, welche die Fingerschau durch die Leichtigkeit der 
Handhabung und durch die Untrüglichkeit ihrer Ergebnisse gegen- 
über dem zeitraubenderen und kostspieligeren Bertillonschen Meß- 
verfahren hat, hinweist und die Meßstationen ersucht, neben der 
Meßkarte einen Fingerabdruck bogen anzufertigen und dem Berliner 
Erkennungsdienste zu übersenden, da bei demselben eine Registratur 
für Fingerabdrucke eingerichtet werden solle. 

In diesem Rundschreiben ist damals sehr zutreffend betont 
worden, daß es vorerst noch nicht beurteilt werden könne, ob 
die Daktyloskopie imstande sein werde, das Meßsystem völlig zu 
ersetzen, es müßte aber beizeiten Vorsorge getroffen werden, daß die 
Zentrale des deutschen Erkennungsdienstes bei etwaiger allgemeiner 
Einführung der Daktyloskopie über das erforderliche Material verfüge. 

Wenn das Polizeipräsidium zu Berlin, nach dem in der Extra- 
Beilage zum deutschen Fahndungsblatt d. d. Berlin, 9. Januar 19oS 
veröffentlichten Jahresbericht des Berliner Erkennungsdienstes mit 
Ende des Jahres 1907 über eine Registratur von 51215 Finger- 
abdrücken verfügte, so ist zu wünschen und zu erstreben, daß den 
Meßstationen die mit dem Bertillonschen Meßverfahren verbundene 
große und umständliche Arbeit nunmehr bald abgenommen werde. 

Freilich kommt in Betracht, daß verschiedene Staaten: die 
Schweiz, Belgien, Luxemburg und vor allem die beiden deutschen 
Grenzländer Frankreich und Rußland die Daktyloskopie bis jetzt 
noch nicht offiziell eingeführt haben, so daß der Austausch des 
Identifizierungsmaterials mit diesen Staaten sich zur Zeit nur auf 
Meßkarten erstrecken kann. 

Es würde aber doch recht wohl angängig und für die Praxis 
schon eine große Erleichterung sein, wenn die Körpermessung zunächst 
beschränkt werden könnte auf die Ausländer, auf internationale Ver- 
brecher, auf alle Personen, deren Identität nicht absolut feststeht und 
solche Personen, deren Papillarlinien sieh nicht zur daktyloskopischen 
Aufnahme eignen, z.B. wenn die Papillarlinien durch die Beschäftigungs- 
art der Person derart abgeschliffen sind, daß die Muster zur Zeit der 
Aufnahme nicht sicher festgestellt werden können. 

Jedenfalls scheint der Zeitpunkt nicht mehr fern, daß, wie im 
Jahre 1S97 aus Anlaß der Einführung der Bertillonschen Körper- 
messungen, wiederum eine Konferenz der beteiligten Polizei Verwaltungen, 
mindestens aller deutschen, einberufen werde, um zu der obli- 
gatorischen Einführung der Daktyloskopie Stellung zu nehmen. 

Bei dieser Gelegenheit dürfte man sich auch über die Frage 
schlüssig werden müssen, ob es sich empfiehlt, neben der Reichs- 



Digitized by Google 



Fünf Jahre Daktyloskopie in Sachsen. 



161 



zentrale noch eigene Landeszentralen für Daktyloskopie zu errichten 
hez. bereits errichtete I.andeszentralen beizubehalten. 

So sehr der Verfasser seinerzeit hei Einführung der Bertillonage 
im deutschen Reiche für die Errichtung einer einheitlichen Reichs- 
meßzentrale in Berlin eingetreten ist und nach deren Errichtung sofort 
mit Genehmigung des Königl. Sachs. Ministeriums des Innern die in 
der Bertillonage früher für das Königreich Sachsen bestandene I^andes- 
zentrale aufgelöst und deren Kartenbestand nach Berlin übergeführt 
hat, so sehr möchte er hinsichtlich der Daktyloskopie der Errichtung 
und Beibehaltung einzelner Landeszentralen das Wort reden. 

Die Erfahrungen bei der sächsischen daktyloskopischen Landes- 
zentrale haben ergeben, daß es eine große Anzahl landes- 
eingewohnter, zu Gesetzesübertretungen geneigter Elemente gibt, die, 
ohne zu den Verbrechern zu zählen, welche der Bertillonschen 
Messung unterworfen zu werden pflegen, sich strafgesetzliche Über- 
tretungen unter falschen Namen schuldig machen und durch die 
Landeszentrale entlarvt werden. Hierher gehören insbesondere viele 
Diebe und Bettler, die den Aufenthalt innerhalb eines gewissen Um- 
kreises nicht wechseln, jedoch mit falschen oder gefälschten Legi- 
timationspapieren namentlich in den kleineren Städten des Landes 
unter falschen Namen weiter zu kommen suchen 

Wollte man von allen diesen Leuten Fingerabdruck bogen an 
eine Reichszentrale schicken, so würde dies eine übergroße Belastung 
der letzteren bedeuten und einen unverhältnismäßigen Aufwand an 
Arbeit und Beamten von ihr fordern. Die Reichszentrale muß viel- 
mehr annnähernd auf diejenigen Personen beschränkt bleiben, auf 
welche sie bei der Bertillonage auegedehnt worden ist. 

Es kann nur nochmals der Wunsch geäußert werden, daß zu 
allen diesen Punkten in einer von dem Polizeipräsidium zu Berlin 
einzuberufenden Konferenz ehebaldigst durch fachmännische Aus- 
sprache Stellung genommen und Klärung herbeigeführt werde. 



Archiv för KriminalanthropoloRie. 30. Bd 



11 



162 



VI. KOETTI« 





ö 

1 

B 
P 


— 
— 


— 




(6 


— 

SS 


Jahr 




( u 

Ii. 


— 






t> 


KS 


männl. 


= 2 - 

3 W 




i - 






* 


i 


K, ! 
Kw 


weibl. 


1 f- ? 






12 


Co 

SC 


HP 


4)« 


KS 


1 


mlnnl. 


Diebstahl 




il 


LS, 


KS 






1 




weibl. 




-1 






1 


1 


■ 

1 




m&nnl 


Hehlerei 




«j 


t 

_J 


KS 


1 


1 




weibl. 




=| 


iL 




T. 


os 


1 


J 


mannl 








e» 


— , 






1 

1 




weibl. 






i 

H 


1 

KS 




*!>_ 


1 






mlnnl. 


Unterschlagung 






1 

1 




1 


■ 

_1 . 


I weibl. 




i 

- 




KS 


1— 




1 
1 




mlnnl. 


Sittlichkeits- 




1 




r 






weibl. 


verbrochcn pp. 




es ■ 


J 




CO 








mttnnl 


Widerstand u. 






JL 










weibl. 

- 


Bedrohung 










IC 


KS 






mRnnl. 


Hausfrieden»- 


n 


J II i 


weibl 


bruch 






Ii 


Ed 


- 

- 




- 


KS 


m nn n 1 


Betteln 




5 






... " 

weibl. 






to J 


- 


-1 


KS 




1 




mannl. 


Landstreichen 




— 1 


<x 


0? 






1 




weibl 




ö 


- 


r 








IC 




männl. 


VerboUw. 


CO 


1 »»» 


I-» 


1 


1 






weibl. 


Rückkehr 








1 


— 


1 






mflnnl. 


Umhertreibcn 


5C 














weibl. 




KS < 




1 1 KS 1 1 


mRnnl. 


Gewerbe- 




■ 

1 1 


1 1 i 1 1 


weibl. 


Vergehen 




- ' 




1 


1 




L 






Kaub 






IJL 


1 


L 


1 


_ ! 


1 


weibl. 






1 — ■ 


1 


l 


T 






männl. 


Geistes- 






1 1 


1 


i 


. i_ 


T 




weibl. 


krankheit 




KS 


1 ts 




V 


»-» 


j 




rnUnnl. 


X8chtiireii im 




o« 


' KS 




1 




l 


| 


woibl. 


Froion 




w 


1 KS 


r 






"1 




mftrinl. 


" 1 

Führung 


' — 


- 1 1 L 


weibl. 


falscher fapiere 




u 


J KS 


1 


1 








männl. 


Öiobai Unfug 




1 


]_ 


l 




I 




weibl. 




IC 


1 




1 




l 




mlnal 


Ki'rpei- 






1 1 


LL 




i 


I 




weibl 


verletzung 




IC 


1 KS 






i 


__L 




m&nnL 


Sach- 




1 


iX" 


TT 


! 


i 




weibl. 


beschädigung 




Ii 


1 IC 






1 


T 




männl. 


Urkunden- 






1 1 


1 


i 


1 


1 




weibl 


fälschung 






j 




i 


1 






männl. 


Gewerbsun/uchl 






' ~r 




;,• 




IC 


weibl. 




IC 


1 




_l 


1 


t 




männl. 


Suten- 




' ic 






: 


• 




wo i Iii. 


übertrotui:!.' 



3 



cd 



- 3 



3 «■ 

H TT 

i i 

3- o 

fO CO 

g o 

3 — ; 



| f. 



1 

CT? 



3 



o 



-i s 



1 



3 
a 
P 

| s 

P er 
2. P 



3 



i 

s § ... 



ff B 

J! 6 



CD 
P 

£S3 

P 
~+ 

» 

a 



a 
p 

3 



'S 3 
g I 

5 2 
p P 

< 
o 

S 3 

CO s 

2 i 
"i © 

g : § 



P 

OB 
- 

5 

9 
S 



= 

CR 



Digitized by Google 



VII. 



Trunkenheit und Zurechnungsfähigkeit. 

Von 

Dr. H. Hoppe. 



Bezüglich der Beurteilung des Rausches und der Rauschdelikte 
herrschen noch in weiten Kreisen soviel Unklarheit und so schiefe 
Auffassungen, daß ich es wegen der außerordentlichen Häufigkeit 
dieser Delikte und der praktischen Wichtigkeit gerade dieses Teiles 
der Alkoholfrage für angebracht halte, die Frage der Zurechnungs- 
fähigkeit der Rausch delikte, die ich in der letzten Zeit bereits ander- 
weitig mehrfach behandelt habe auch für die Leser dieser Zeit- 
schrift einer eingehenden Erörterung zu unterziehen. 

Man findet heute vielfach, besonders in alkoholgegnerischen 
Kreisen, die Ansicht vertreten, daß Trunkenheit nicht als straf- 
mildernder Umstand, wie dies so häufig der Fall sei, gelten dürfe, 
sondern daß im Gegenteil Delikte, die im Rausch verübt werden, 
schärfer bestraft werden müßten, damit der Trunkenheit und den 
Roheitsdelikten energisch entgegengewirkt werde. Es handelt sich 
da um eine Anschauung, die zu allen Zeiten Verfechter und gesetz- 
lichen Ausdruck gefunden hat und sehr alten Datums ist Schon 
Pitt ak us von Milet erließ ein Gesetz, nach dem die, die in der 
Trunkenheit ein Vergehen begangen hatten, doppelt bestraft werden 
sollten. Ebenso verlangten Aristoteles und Quint ilian bei jedem 
Trunkenheitsdelikt eine schwerere, bezw. doppelte Strafe, eine für die 
Trunkenheit und eine für die Straftat. Ein Gesetz des Königs Franz L 
von Frankreich aus dem Jahre 1530 bestimmte: „Wenn Trinker in 
der Trunkenheit oder Weinstimmung eine strafbare Handlung be- 

1) H. Hoppe, Alkohol und Kriminalität Wiesbaden 1906. Kap. VU. 
S. 172—186. 

2. H. Hoppe, Der Alkohol im gegenwärtigen und künftigen Strafrecht. 
Halle a. S. Marhold. Grenzfragen 190" p. 4/5. 

3. H. Hoppe, Die forensische Beurteilung der von Trunkenen und Trinkern 
begangenen Delikte. Zentralbl. für Nervenheilkunde 1906. 

11* 



Digitized by Google 



164 



VII. Hoppe 



gehen, so soll ihnen der Trunkenheit wegen nicht verziehen werden, 
sondern sie sollen mit der für dieses Delikt vorgesehenen Strafe und 
außerdem für die Trunkenheit bestraft werden. u Auch nach dem 
alten englischen Gesetz wurden die im Zustande der Trunkenheit 
begangenen Straftaten strenger bestraft, als die nüchtern und kalten 
Blutes verübten. Demgegenüber standen bereits im Mittelalter einer- 
seits Anschauungen und Bestimmungen, die die „selbstverschuldete" 
Trunkenheit als solche, aber nicht das darin begangene Delikt be- 
straft wissen wollten — und nach dem Grundsatz : Ebrius punitur non 
propter delictum, sed propter ebrietaten (der Trunkene wird nicht 
wegen des Delikts, sondern wegen der Trunkenheit bestraft) wurde 
vielfach, z. B. in Italien, Portugal, Deutschland, Holland verfahren, — 
andererseits aber auch solche Bestimmungen, welche die Trunkenheit 
als mildernden Umstand betrachteten. So bestimmte ein Gesetz der 
Kaiser Theodosius, Arkadius und Honorius, daß Majestäts- 
beleidigungen, die im Rausche ausgestoßen würden, als Wahnsinn 
betrachtet werden und straflos bleiben sollten. Und Marcian hielt 
die Trunkenheit, weil sie Anlaß gebe zu impulsiven Handlungen 
für einen allgemeinen Grund zur Strafmilderung. Die modernen 
Strafgesetze folgen bald diesem, bald jenem dieser beiden Standpunkte 
oder lassen, wie das deutsche Strafgesetz, die Trunkenheit ganz un- 
berücksichtigt, die dann nach den allgemeinen Bestimmungen über 
die Zurechnungsfähigkeit bezw. über die Strafmilderung behandelt wird. 
In den Fällen allerdings, wo der Täter sich absichtlich einen Bausch 
angetrunken hat, um darin die Straftat zu begehen, wird dieser 
natürlich überall ohne Rücksicht auf die Trunkenheit bestraft, in 
Rußland sogar mit dem höchsten Maße der für das betreffende Delikt 
festgesetzten Strafe. Man hört nun oft behaupten, daß ,.das Ansaufen 
mildernder Umstände 1 ' die Gerichte gewöhnlich zu allzu milder Strafe 
für rohe und wüste Taten bewege. Das ist aber ein Irrtum. Diese 
Behauptung ist auch, wie es scheint, mehr der Ausdruck des nur 
zu verständlichen Unmuts und Eifers über die zahllosen Ausschreitungen 
der Trunkenen als der ruhigen, gerechten Beurteilung. In allen den 
Fällen, wo erwiesen oder auch nur wahrscheinlich ist, daß sich der 
Täter absichtlich, um sich Mut oder „mildernde Umstämde" anzutrinken, 
in den Zustand der Trunkenheit versetzt hat, wird sich kein Richter 
bereit finden, die Trunkenheit als mildernden Umstand anzusehen. 
Im Gegenteil, die Erfahrung lehrt, daß die Richter bei Straftaten im 
Ilausch nur zu oft geneigt sind, anzunehmen, der Täter habe sich 
absichtlich einen Rausch angetrunken, um Mut zur Tat zu bekommen 
oder sieh mildernde Umstände zu sichern. Diese Fälle sind aber in 



Digitized by Google 



Trunkenheit und Zurechnuugsfähi^keit. 



165 



Wirklichkeit gegenüber der Unzahl von Räuschen, die tagtäglich auf 
dem gewöhnlichen Wege entstehen und durch die naturgemäßen 
Wirkungen des Alkohols zu Straftaten führen, außerordentlich selten, 
jedenfalls sehr viel seltener, als das Publikum und die Richter ge- 
wöhnlich annehmen. 

Es muß übrigens noch betont werden, daß auch in einem ge- 
wöhnlichen Rausch, wenn er nicht gerade zur völligen Bewußtlosig- 
keit geführt hat. noch ein Planen und ein plangemäßes Handeln 
möglich ist. Ich brauche ja nur daran zu erinnern, wieviele Allotria 
in der Trunkenheit geplant und leider auch meist sofort dem Plane 
gemäß ausgeführt werden. Dieses anscheinend planmäßige Handeln 
ist aber noch durchaus kein Zeichen für die Zurechnungsfähigkeit 
des Handelnden, denn auch zahlreiche Geisteskranke handeln durch- 
aus planmäßig, öfter planmäßiger als Trunkene, wie viele Ausbrüche 
von Geisteskranken aus Irrenanstalten und so manche Gewalttaten 
von Irren beweisen. Solche Fälle zeigen eben, daß die Fähigkeit 
plangemäß zu handeln, ja auch das äußere Wissen von den Folgen 
und der Strafbarkeit der Handlung kein Beweis für das Vorhanden- 
sein der Zurechnungsfälligkeit ist. 

Zur Zurechnungsfähigkeit ist außerdem noch erforderlich, daß 
der Handelnde frei ist von krankhaften Affekten und Impulsen, sowie, 
daß er bei ungetrübtem Bewußtsein und in der Lage ist, die Situation sach- 
gemäß und unbeeinflußt von krankhaften Vorstellungen aufzufassen. 

Es fragt sich nun, ob diese Kriterien der Zurechnungsfähigkeit 
im Rausche vorhanden sind. Um diese Frage zu entscheiden, ist 
nicht nur eine genaue klinische Beobachtung von Berauschten, sondern 
überhaupt eine eingehende Kenntnis der Wirkungen des Alkohols 
auf die Gehirntätigkeit erforderlich. Wir verdanken diese Kenntnis 
den Untersuchungen Kraepelins und seiner Schüler. Ich will mich 
darauf beschränken, die Resultate dieser Untersuchungen kurz zusammen- 
zufassen. Der Alkohol wirkt danach schon in verhältnismäßig geringen 
Mengen nach zwei Richtungen hin schädigend auf die Gehirntätigkeit ein. 
Einerseits setzt er die geistige Leistungsfähigkeit herab, er erschwert und 
verschlechtert die Auffassung und Verarbeitung von äußeren Eindrücken, 
beeinträchtigt das Aneinanderreihen, die Verknüpfung sinngemäßer 
Vorstellungen und trübt so die Einsicht und das Urteil. Andererseits 
erleichtert der Alkohol die Auslösung von Willensantrieben, er erhöht 
die psychomotorische Erregbarkeit und steigert die Affekte, die 
motorischen Impulse. Der Alkohol schädigt also gerade alle die- 
jenigen Geistesqualitäten, deren Unversehrtheit die Zurechnungsfähig- 
keit zur Voraussetzung hat. Im Rausche ist die Störung dieser 



Digitized by Google 



166 



VII. Hoppe 



Qualitäten eine so erhebliche, daß die ganze Persönlichkeit verändert 
erscheint. Man erkennt die meisten Menschen im Rausche nicht 
wieder. Die seelischen Funktionen stehen in lockerem oder gar 
keinem Zusammenhange mit dem übrigen Bewußtseinsinhalt, das 
eigentliche Wollen der Persönlichkeit, wie es im nüchternen Zustande 
dargestellt wird, kommt nicht zum Ausdruck, sondern ein der Per- 
sönlichkeit fremdes Wollen, das mit dem Rausche wieder schwindet 
Daß der Mensch, der unter dem Einfluß des Alkohols steht, in der 
Tat ein anderer ist. als der nüchterne, daß er ein anderer ist, als der, 
der nachher für des ersten Taten ins Zuchthaus gesteckt wird, „diese 
Tatsachen kennen", wie Prof. Bleuler sehr richtig bemerkt, „alle 
diejenigen, die ihre Mitmenschen zu Schlechtigkeiten, zu unmoralischen 
Dingen, zu dummen Einkäufen verführen wollen, alle wenden sie 
den Alkohol als Hilfsmittel an, wenn sie einen Menschen dazu bringen 
wollen, Dummheiten oder Schlechtigkeiten, kurz Dinge, die er sonst 
nicht tun würde, auszuführen." 

Der Übergang übrigens von der leichten Beeinträchtigung der 
seelischen Funktionen (Angeregtheit, Anheiterung) bis zur deutlichen 
Störung (Rausch) und völligen oder fast völligen Aufhebung dieser 
Funktionen (Volltrunkenheit, sinnlose Trunkenheit) tritt ganz allmählich 
ein, ohne daß es die trinkende Person merkt. Die Schnelligkeit, mit 
der der Übergang erfolgt und die Intensität der Erscheinungen ist 
nicht nur abhängig von der aufgenommenen Alkoholmenge, sondern 
auch von zahlreichen individuellen Faktoren, wie persönlicher Wider- 
standsfähigkeit, körperlichem Befinden, Ernährungszustand, Gemüts- 
stimmung. 

Das Quantum des aufgenommenen Alkohols ist also nicht ent- 
scheidend für die Beurteilung der Stärke des Rausches, und nament- 
lich darf nicht, wie es so vielfach geschieht, aus einer geringen 
Alkoholmenge, die getrunken worden ist, gefolgert werden, daß ein 
Trunkenheitszustand nicht vorgelegen haben könne, während um- 
gekehrt allerdings die Aufnahme eines sehr großen Alkoholquantums 
mit Wahrscheinlichkeit auf einen erheblichen Rauschzustand schließen 
läßt. Auch das äußere Gebahren gibt keinen sicheren Maßstab für 
die Stärke des Rausches. Es gibt, wie die ärztliche Erfahrung zeigt, 
Rauschzustände mit starker Beeinträchtigung der psychischen Funktionen 
ohne wesentliche Bewegungsstörungen (wie Lallen, schwankender 
Gang, Unsicherheit der Bewegungen! und ohne besondere Auffällig- 
keiten im äußeren Verhalten, andererseits können bereits im Beginn 
des Rausches solche Störungen vorhanden sein. Wo diese allerdings 
sehr ausgesprochen sind, wird man auf einen verhältnismäßig starken 



Digitized by Google 



Trunkenheit und Zurechnungsräliigkeit. 



167 



Rausch, d. h. auf tiefergehende psychische Störungen schließen 
können. Ein drittes Kennzeichen endlich, das Verhalten der Er- 
innerung für die Vorfälle im Rausch, ist gleichfalls nicht ganz ent- 
scheidend, da die Erinnerung unter Umständen auch bei schweren 
Rauschzuständen, wenigstens für die üauptvorgänge, einigermaßen 
erhalten sein kann, während umgekehrt die tägliche Erfahrung lehrt, 
daß vielfach schon hei mäßigen Rauschzuständen, die vielleicht nur 
als Anheiterung in die Erscheinung treten, die Erinnerung hinterher sehr 
mangelhaft und getrübt sein oder ganz fehlen kann. Die psychischen 
Eindrücke treten eben im Rausch in keine feste Verbindung mit dem 
Selbstbewußtsein, können deshalb nicht haften und nicht reproduziert 
werden, wir wissen nicht mehr recht, was wir reden und was wir 
tun und haben deswegen hinterher oft nur eine getrübte oder gar 
keine Erinnerung. Jedenfalls spricht der Verlust oder die Trübung 
der Erinnerung (Amnesie) für, das Fehlen dieser Erscheinung aber 
nicht gegen eine erhebliche Bewußtseinsstörung im Rausch. Wo 
also eine Amnesie sicher konstatiert oder wahrscheinlich ist. ist Zu- 
rechnungsfähigkeit auszuschließen. 

Der Alkohol ruft aber, wie wir gesehen haben, nicht nur eine 
Störung des Bewußtseins, sondern auch eine Störung des Willens, 
des Affektlebens hervor. Bei den Rauschdelikten ist diese von größerer 
Bedeutung, als jene. Die Rauschdelikte stellen sich im all- 
gemeinen dar als impulsive, triebartige Affekthandlungen, die durch 
keine hemmenden Vorstellungen, durch keine Überlegung aufgehalten 
und gehindert werden, wober die Trübung des Bewußtseins begünstigend 
wirkt. Der Berauschte gleicht dem Pulver, in das nur ein Funke 
zu fallen braucht, um es zum Explodieren zu bringen. 

Bei der Störung des Bewußtseins im Rausch, die durch Amnesie 
hinterher sich kundgibt, wurde bemerkt, daß diese Erscheinung oft 
schon bei ganz geringen Rauschzuständen bezw. im Anfang des 
Rausches hervortritt. Die klinische Beobachtung zeigt aber ganz 
allgemein, daß die gesamte Veränderung der Persönlichkeit und damit 
die Aufhebung der Zurechnungsfähigkeit bei einein viel geringeren 
Grade des Rausches anfängt, als man im allgemeinen annimmt. Die 
Grenze ist allerdings schwer zu ziehen. Das gilt aber auch von 
anderen geistigen Störungen. 

Ich sage absichtlich „von anderen geistigen Störungen," denn 
der Rausch ist in der Tat nichts anderes als eine Geistesstörung und 
zwar mit ganz typischem Verlauf. Darüber besteht in den Kreisen 
der Sachverständigen, der psychiatrisch gebildeten, Ärzte keine Meinungs- 
verschiedenheit mehr. Und auch die Laien werden nicht umhin 



Digitized by Google 



168 



VII. Hoppk 



können, so sehr sich auch infolge des alltäglichen Vorkommens dieses 
Zustandes, den viele selbst wiederholt durchgemacht haben, ihre 
Gefühle gegen diese Auffassung sträuben mögen, sich schließlich 
dem Spruche der Wissenschaft zu fügen. Diejenigen Juristen, die 
der Entwickelung der Wissenschaft gefolgt sind, erkennen diese Auf- 
fassung schon längst als richtig an. So erklärte der bekannte Straf- 
rechtslehrer v. Bahr bereits im Jahre 1875: Vom medizinisch- 
psychologischen Standpunkte ist die Trunkenheit nichts anderes, als 
eine vorübergehende Geistesstörung". (Grünhuts, Ztschr. 1875 S. 58). 
Ebenso spricht sich der Straf rechtslehrer v. Schwartze (Göttingen) 
dahin aus, daß es sich beim Rausch um eine krankhafte Geistes- 
störung handele. ..Der durch die Trunkenheit geschaffene Zustand 
ist, u so heißt es (Gerichtssaal ISSl S. 447), ,,wie jede andere Störung 
der Geistestätigkeit zu beurteilen . . . Die Selbstbestimmung wird 
nicht sowohl durch die Trunkenheit aufgehoben, sondern dies geschieht 
durch krankhafte Störungen der Gehirnfunktionen, wie sie durch die 
Trunkenheit erzeugt werden, dieser aber nicht ausschließlich eigen- 
tümlich sind." Noch entschiedener äußerte sich Rechtsanwalt 
Dr. Klöckner in einem Referat über die strafrechtliche Beurteilung 
des Rausches in der forensisch-psychiatrischen Vereinigung in 
Dresden 1901: „Die Trunkenheit ist ein krankhafter psychischer 
Zustand, eine Vergiftungserscheinung, die die freie Willensbestimmung 
mehr oder weniger beschränkt, in ihren höheren Graden vollständig 
aufhebt, das ist ein auch für den Juristen feststehendes 
Ergebnis der medizinischen Wissenschaft. (Allg. Zeitschrift 
f. Psych. 1902 Bd. 99 S. 780). 

Trotz alledem wird in der Praxis auf diesen krankhaft psychischen 
Zustand so gut wie gar keine Rücksicht genommen. Es besteht hier, 
wie auch allgemein offen zugestanden wird, ein krasser Gegensatz 
zwischen Wissenschaft und Praxis. 

Professor Ziehen, Direktor der Berliner psychiatrischen Klinik 
sagt sehr richtig: „Wenn genau derselbe Zustand statt nach Alkohol- 
genuß bei einem Epileptischen auftritt, würde man ihn unzweifelhaft 
zu den Zuständen der Bewußtlosigkeit (im Sinne des § 5 1 R. Str. G. B.) 
rechnen und den Täter freisprechen.'* (Monatsschr. f. Psych. 1897, 
Bd. II). 

Prof. Bleuler in Zürich sagt: ,. Würde jemand durch ein anderes 
Gift z. B. Belladonna, in einen der tiefen Berauschung gleichartigen 
Zustand versetzt und beginge er darin ein Verbrechen, so würde es 
keinem Richter einfallen, den Menschen für zurechnungsfähig zu 
halten." (Int. Monatsschr. z. Bek. d. Tnnks. 1900 S. 198). 



Digitized by Google 



Trunkenheit und Zurechnungafahigkeit. 



169 



Ahnlich äußert sich Prof. Oranier, Direktor der psychiatrischen 
Klinik in Göttingen. „Würde infolge eines anderen Giftes, als der 
Alkohol z. ß. durch Kohlenoxydgas, ein Zustand hervorgerufen der 
in seinen Erscheinungen mit denen eines auch nur mäßigen Rausches 
sich deckten, so würden Sachverständige und Richter, wenn es in 
diesem Zustande zu einem Konflikt mit dem Strafgesetzhuch ge- 
kommen wäre, kein Bedenken tragen, den § 51 in seine Rechte 
treten zu lassen." (Monatsschr. für Psych. 1903 S. 36). 

Und Prof. Wollenberg, Direktor der psychiatrischen Klinik 
in Straßburg sagt im Handbuch der gerichtlichen Psychiatrie (S. 651.) 
-Wenn diese und ähnliche Fälle (von Rauschzuständen) nur deshalb, 
weil der Alkoholberauschte seinen Zustand und die daraus entstehenden 
Folgen selbst verschuldet hat, nicht als Zustände krankhafter Bewußt- 
losigkeit angesehen werden, so ist dies eine bewußte Inkonsequenz, 
da ein prinzipieller Unterschied zwischen den Zuständen des Alkohol- 
rausches und jenen andersartig bedingten Bewußtseinsstörungen 
offenbar nicht existiert." 

Diese bewußte Inkonsequenz hat verschiedene Ursachen. Zunächst 
sucht man sie damit zu begründen, daß, wie Wollenberg sagt „der 
Alkobolberauschte seinen Zustand und die daraus entstehenden Folgen 
selbst verschuldet hat." Es offenbart sich darin eine ähnliche An- 
schauung, wie sie bis vor kurzem die Krankenkassen den Geschlechts- 
kranken gegenüber einnahmen, indem sie sich weigerten, für diese 
einzutreten, weil sie die Krankheit ..selbstverschuldet" hätten. Aber, 
um beim Alkohol zu bleiben, so wäre nach dieser Anschauung auch 
ein Anfall von Säuferwahnsinn oder eine andere alkoholische Geistes- 
störung selbstverschuldet (durch chronischen Alkoholmißbrauch,, und 
eine in einem solchen Anfall verübte Straftat, wie sie garnicht so 
selten sind, müßte ohne Rücksicht auf den Geisteszustand zur Zeit 
der Tat geahndet werden. 

Aber auch ganz im allgemeinen birgt der Vorwurf der Selbst- 
verschuldung bei der Trunkenheit eine große Ungerechtigkeit in 
sich. Betrachten wir doch einmal, wie ein Rausch gewöhnlich zustande 
kommt. Wie die allgemeine Trinksitte es mit sich bringt, geht 
man zum Bier oder zum Wein, oder der Arbeiter in die Destillation 
oder man nimmt an einer Trinkgesellschaft, an einem ..gemütlichen 
Abend" teil, vielleicht mit der Absicht nur sehr wenig zu trinken und 
bald wieder fortzugehen. Aber die Gesellschaft, die man findet, läßt 
einen nicht so schnell wieder los, und die narkotisierende Wirkung 
des Alkohols macht die guten Vorsätze oft schnell vergessen. Aus 
einem Glase werden 2, 3, 4 und so fort, und allmählich entwickelt 



Digitized by Google 



170 



VII. Hoppk 



sich, ohne daß es der Trinkende will und ohne daß es ihm zum 
Bewußtsein kommt, ein Rauschzustand, der unter Umständen, da mit 
jedem Glase die 1'berlegung, die Fähigkeit nach Grundsätzen zu 
handeln und die Willenskraft sich loszureißen immer geringer wird, 
einen sehr starken Grad annehmen kann. Wenn da überhaupt 
von einer Schuld gesprochen werden kann, so beginnt sie, 
wie ich anderwärts ausgeführt habe, mit dem ersten Glase, ja mit 
dem ersten Schluck, und dann nimmt an dieser Schuld die ganze 
Welt teil. Denn alle Welt trinkt alkoholische Getränke und erachtet 
dies nicht nur für die eigene Person als etwas Selbstverständliches, einem 
jeden Zukommendes und Zuträgliches, sondern verführt oder zwingt 
auch den Einzelnen zum Trinken und hält denjenigen, der „die 
edle Gottesgabe" verachtet, selbst heute für einen Sonderling oder 
einen Fanatiker, denn man belächelt oder bemitleidet. 

Unter diesen Verhältnissen sind die meisten, besonders die Männer, 
in ihrer Entscheidung, ob sie alkoholische Getränke zu sich nehmen 
sollen, durchaus nicht frei, sondern stehen einer allmächtigen, über 
die ganze Erde verbreiteten Sitte und einem ungeheuren Zwange 
gegenüber, dessen Sklaven alle sind, die in der Gesellschaft leben, 
und dem sich der einzelne nur unter größter Energie entziehen kann. 
Im Trinken selbst liegt nach der allgemeinen Volksanschauung sicher 
keine Schuld, aber auch im Vieltrinken nicht. Im Gegenteil umschwebt 
den leistungsfähigen Trinker, der viel vertragen kann, noch in weiten 
Kreisen des Volkes ein gewisser Nimbus von Kraft und Heldenhaftig- 
keit. Wenn also weder im Trinken noch im Vieltrinken eine Selbst- 
verschuldung gefunden werden kann, so kann sie auch nicht im 
Rausche liegen, der doch die naturgemäße Folge des Trinkens ist. 
Und selbst im Rausche erblickt die Volksanschauung durchaus noch 
kein Verschulden, wenn man auch allenthalben Redensarten hören 
kann, daß jeder wissen müsse, wie viel er vertrage, wann er genug habe, 
daß man das Maß nicht überschreiten dürfe u. dgl. m. Es sind das 
Phrasen, die von niemandem ernst genommen werden, ganz abgesehen 
davon, daß sie einem Mangel an Verständnis für die Wirkungen des 
Alkohols entspringen. Die allgemeine Volksanschauung bezw. die 
Gesellschaft entschuldigt nicht nur den Rausch, sondern findet einen 
solchen von Zeit zu Zeit ganz in der Ordnung, erstrebenswert 
und rühmlich, wie das Sprichwort zeigt ,.Wer niemals einen Rausch 
gehabt, der ist kein braver Mann/' das auch heute noch durchaus 
zu Recht besteht. Zechen und „feucht-fröhliche Stimmung 4 ', die 
nichts anderes ist, als der Ausdruck des Rausches, finden überall, 
auch öffentlich in Reden und in Preßberichten, begeisterte Lobredner, 



Digitized by Google 



Trunkenheit und Zurecunnngsfähigkeit. 



171 



sie sind von zahlreichen Dichtern besungen und verherrlicht worden 
und erscheinen den meisten im Schimmer poetischer Verklärung. 
Bei einer solchen Sachlage ist es ein Unding von einem selbst- 
verschuldeten Rausch zu sprechen. Unter der Herrschaft der be- 
stehenden, durch Jahrtausende alte Uberlieferungen geheiligten Trink- 
sitten, ist es geradezu unvermeidlich, daß sich tagtäglich zahllose 
Personen einen Rausch antrinken. Nicht den einzelnen trifft also 
die Schuld, sondern die Gesellschaft. Nun verlangen aber manche, 
daß man auch in der Trunkenheit genügend Selbstbeherrschung und 
Direktive haben müsse, um Konflikte mit dem Strafgesetz zu ver- 
meiden. Das heißt aber verlangen, daß die natürlichen Wirkungen 
des Alkohols auf das Gehirn, die eben dahin gehen, die Selbst- 
beherrschung und Direktive zu vernichten, aufgehoben werden. Man 
könnte ebensogut von jedem Berauschten verlangen, daß die Rötung 
des Gesichts, daß Bewegungsstörungen. Erbrechen usw. ausbleiben. 

Ebensowenig, wie von einer Selbst Verschuldung, kann auch von 
Fahrlässigkeit im Rausch gesprochen werden, die viele in diesem deshalb 
sehen, „weil ein jeder, der sich auch nur in einzelnen Fällen dem Alkohol- 
genuß hingibt, damit rechnen muß, daß er dadurch in den Zustand der 
Unzurechnungsfähigkeit geraten, und darin Handlungen begehen könnte, 
die ihn in Konflikt mit dem Strafgesetz bringen könnten" iKlöckner). 
Nach der Meinung dieser Autoren sollten die Rauschdelikte als Fahr« 
lässigkeitsdelikte bestraft werden, wie dies z. B. im Norwegischen 
Strafgesetz bereits der Fall ist. Wenn aber wirklich jeder, der sich einen 
Rausch zuzieht, fahrlässig handelt, so beginnt diese Fahrlässigkeit 
nicht erst im Augenblick, wo der Rausch anfängt, denn den kann 
niemand bestimmen, sondern mit dem Trinken überhaupt, das, wie 
ja gesagt, ganz allmählich und unmerklich zum Rausche führt, und 
dann machen sich alle, die alkoholische Getränke zu sich nehmen, 
d. h. die allermeisten Menschen, einer Fahrlässigkeit schuldig. Nur, 
wenn das Trinken alkoholischer Getränke gesetzlich verboten wäre, 
also bei einer absoluten Prohibition, wenn das Trinken alko- 
holischer Getränke an sich als fahrlässige Handlung mit Strafe bedroht 
wäre, könnte die Bestrafung der Rauschdelikte als Fahrlässigkeits- 
delikte in Frage kommen. Das gleiche gilt überhaupt auch von der 
Bestrafung der Trunkenheit an sich, wenn sie zu einem Delikt ge- 
führt hat, (Österreichisches Strafgesetz, Entwurf zum deutschen Gesetz 
gegen die Trunkenheit vom Jahre 1S81), aber auch von der von vielen 
geforderten Bestrafung der Trunkenheit ohne einen sonstigen Konflikt 
mit dem Strafgesetz, wie sie in vielen Tündern gesetzlich möglich ist. 

Schließlich wird die Bestrafung der Baiischdelikte ohne Rücksicht 



Digitized by Google 



172 



VII. Hoppe 



auf die durch den Rausch gesetzte Beschränkung oder Aufhebung 
der Zurechnungsfähigkeit als eine Notstandsmaßregel bezeichnet 
gegenüber der Massenhaftigkeit dieser Delikte, deren man sich auf 
andere Weise nicht erwehren zu können glaubt. „Die Exkulpierung 
auch nur in der Mehrzahl der Trunkenheitsdelikte würde einfach die 
Rechtssicherheit in Frage stellen -4 (Heilbronner: Die strafrechtliche 
Begutachtung der Trinker, Halle 1905 S. 33). Aber ist denn die 
Bestrafung der Trunkenheitsdelikte wirklich von einem merklichen 
Erfolge begleitet? Nimmt nicht im Gegenteil ihre Zahl zu, wie sich 
dies vor allem in der außerordentlichen Vermehrung der gefährlichen 
Körperverletzungen zeigt, die fast ausschließlich im Rausch begangen 
werden ? Besonders stark ist die Zunahme bei den Rückfällen, die sich 
in Deutschland von 1882—1905 beinahe vervierfacht haben. Läßt sich 
denn auch irgend jemand, der ein Rauschdelikt begangen hat, durch die 
Bestrafung vor weiterem Trinken und vor einem weiteren Rausch 
abschrecken? Die Bestrafung ist also nicht nur ungerecht, weil sie 
auf die Unzurechnungsfähigkeit des Berauschten keine Rücksicht 
nimmt, sondern auch unzweckmäßig, weil sie nichts nützt. Gibt es 
denn wirklich kein zweckmäßigeres Mittel, um die Rauschdelikte 
einzuschränken, als die Bestrafung? Es gibt nur eines, das Erfolg 
verspricht, weil es sich aus der Natur des Alkoholismus und seiner 
Wirkungen ergibt, ein ganz einfaches: Statt der Bestrafung, 
statt der Einweisung in die Strafanstalt, die Erziehung 
zur Abstinenz. Denn wer grundsätzlich alle alkoholischen Getränke 
meidet, kann nie mehr in einen Rausch geraten und nie mehr ein 
Rauschdelikt begehen. Wer aber erst wieder einmal anfängt zu 
trinken, und vielleicht zunächst nur ganz mäßig, ist niemals vor 
einem Rausche und dessen Folgen sicher. 

Schon unter den jetzigen Verhältnissen und den jetzigen Gesetzen 
läßt sich ein gutes Stück in dieser Beziehung erreichen, wenn nur 
die Notwendigkeit des Grundsatzes, daß derjenige, der im Rausch 
eine Straftat begangen hat, zur Abstinenz gezwungen bezw. erzogen 
werden muß, erst allgemein erfaßt ist. Handelt es sich um einen 
Gelegenheitstrinker oder um ein erstmaliges Rausch delikt, so wird im 
allgemeinen die bedingte Verurteilung bezw. die bedingte 
Begnadigung geeignet sein, das gewünschte Verhalten zu erzielen. 
Die Bedingung der Strafaussetzung oder der Begnadigung muß dann 
eben sein, daß der Täter sich von nun an aller alkoholischen Getränke 
enthält, und, um einen äußeren Halt zu haben, einer Abstinenz- 
vereinigung beitritt, widrigenfalls er die Vollziehung der Strafe zu 
gewärtigen habe. Wenn aber eine Bestrafung erfolgt, so müßte in der 



Digitized by Google 



Trunkenheit und Zureehnungsfahiffkeit. 



173 



Strafanstalt unter allen Umständen die Erziehung zur Abstinenz 
angestrebt werden, was nur möglich ist, wenn in allen Strafanstalten 
das Prinzip der Abstinenz eingeführt wird, oder wenigstens abstinente 
Strafanstalten (natürlich auch mit abstinenten Beamten; für Alkoholiker 
geschaffen werden. 

Aber die Bestrafung der Trunkenheitsdelikte ist ja, wie gezeigt 
worden ist, ungerecht und unzweckmäßig, und es erscheint daher 
eine Revision der Strafgesetzgebung zeitgemäß, die es ermöglicht, 
alle, die in der Trunkenheit Straftaten begehen, Gelegenheitstrinker, 
wie Gewohnheitstrinker, einer zweckmäßigen Behandlung zu unter- 
werfen. Das wesentlichste dabei sind Bestimmungen, die den Richter 
in den Stand setzen, solche Personen in Trinkerheil- oder Trinker- 
bewahrungsanstalten etnzuweisen. Ich habe dazu die Einführung 
folgender Bestimmung in das Strafgesetz vorgeschlagen: 

„Wer im Rausch oder infolge von Trunksucht eine strafbare 
Handlung begangen hat, und wegen verminderter Zurechnungsfähig- 
keit zur Zeit dieser Handlung zu einer milderen Strafe verurteilt 
worden ist, wird, wenn nicht bedingte Verurteilung eintritt, im An- 
schluß an die Strafe oder an ihrer Stelle, in eine Trinkerheilanstalt 
auf die Dauer von längstens 2 Jahren, oder, falls es sich um einen 
unheilbaren Trinker handelt, in eine Trinkerbewahranstalt auf Lebens- 
zeit eingewiesen. Das gleiche gilt für Personen, die im Rausch oder 
infolge von Trunksucht eine strafbare Handlung begangen haben, 
aber wegen Ausschluß der freien Willensbestimmung zur Zeit der 
Tat freigesprochen werden mußten. Bei Rauschdelikten kann die 
Einweisung in eine Trinkerheilanstalt ausgesetzt werden, wenn der 
Täter das feste Versprechen gibt, von nun an abstinent zu leben und 
einer Enthaltsamkeitsvereinigung beizutreten." 

Ich habe geglaubt, die verminderte Zurechnungsfähigkeit, die 
wahrscheinlich in das deutsche Strafgesetzbuch eingeführt werden 
wird, auch bei Trunkenheitszustände berücksichtigen zu müssen, weil 
man nicht jeden, der unter Alkoholwirkung steht, als völlig unzu- 
rechnungsfähig bezeichnen kann, ebenso wie nicht jede Störung der 
Geistestätigkeit so tiefgreifend ist, daß sie völligen Auschluß der 
freien Willensbestimmung bedingt. Diese Erwägung hat ja eben zu 
der fast allgemeinen Forderung der Einführung des Begriffs der ver- 
minderten Zurechnungsfähigkeit in das Strafgesetz geführt. Die 
Anfangsstadien des Rausches | 'Anlieferung) würden ebenso wie die An- 
fangsstadien des chronischen Alkoholismus unter diesen Begriff fallen. 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen. 

Von Medizinalrat Dr. P. Näcke. 
1. 

Verekel ung und Vertreibung böser Geister durch schlechte 
Gerüche. Dies Thema habe ich schon mehrfach berührt und finde dazu 
eben folgende interessante Illustration. Nach v. Oefele ') wurden zu obigen 
Zwecken auf das Unterschenkelgeschwür der Mutter Asarhaddons in Babylon, 
namens Nika. ein Pflaster verschiedener Ingredenzien getan, unter anderem 
„Zubereitungen von Hundekot, Katzenkot, Schweinekot und Gazellenkot. 
Die größte Mühe hatte es gekostet 1 ganzes Pfund Fliegenkot zu sammeln." 
Das geschah „ damit der Dämon vom Weiternagen am ungenießbar gemachten 
Frauenbein abließ und sich auf den wohlbesetzten Opfertisch warf*, der 
natürlich Geisterleckerbissen enthielt. Verf. erinnert hierbei daran, daß noch 
„die späteren Griechen eine Gebärmutter, die bis zum Halse aufgestiegen 
war, durch üble Gerüche von oben und Wohlgerüche von unten an die 
richtige Körperstelle scheuchen und locken wollten . . tt Damit hat er als 
Grund die üblen Gerüche selbst bezeichnet, während in dem babylonischen 
Pflaster der Geschmackssinn affiziert zu werden scheint. Im Grunde handelt 
es sich aber auch hierbei um Gerüche, da wir ohne Geruch bekanntlich nicht 
schmecken, außer süß, sauer, salzig und bitter. Wir werden jetzt auch 
besser verstehen, warum verschiedene Amulette und sonstige Vertreibungs- 
mittel böser Geister schlecht riechende Substanzen enthalten und meine 
früher aufgestellte Hypothese, daß z. B. die angemalte oder ausgehauene 
Vulva an Tempeln, Häusern etc., z. T. wenigstens, und zwar mehr noch 
als ein Penis die bösen Dämonen scheuchen sollte, auf den daraus ema- 
nierenden Gestank sich bezog, gewinnt somit immer größere Wahrscheinlich- 
keit. Ja ich möchte fast glauben, daß der Gebrauch des grumus merdae 
am Tatorte seitens der Diebe vielleicht weniger ursprünglich als Sühnopfer 
aufzufassen ist, wie Hedwig (Dies Archiv, 2S. Bd. p. 358) glaubt, als 
vielmehr, um mit seinem Gestanke die guten Schutzgeister zu vertreiben. 
Diese Hypothese erscheint mir wenigstens ebensogut, wie die andere. 



3 

Ein „K u n d e n" - B 1 a 1 1 Unter diesem Namen erfahren wir von 
Dr. Würzburger (Psychiatrisch-Neurolog. Wochenschrift, 1907, Nr. 36), daß 
in Spalt in Bayern, dem Zentrum der Hopfenernte, die auch von vielen 

Ii v. Oefele: AI» Sardanapal« Großmutter in Ninive krank wurde . . . 
Die Medizin für Alle. Xr. 5/7 1907. 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen. 



175 



Kunden mitgemacht wird, die sich dann namentlich am berühmten „Sau- 
markt* 4 in Spalt einstellen, von Rudolf Fuchs seit 1904 eine monatliche 
Schrift „Der arme Teufel' 4 herausgegeben wird, die im 2. Halbjahr in das 
Hlatt „Bruder Straubinger, das Leben auf der Landstraße und das obere 
Zehntausend'', verwandelt wurde. Es kostet 75 Pfg. pro Quartal, erscheint 
zweimal monatlich und ist in 31100 Exemplaren verbreitet, meist gewiß 
unter Kunden. Der Herausgeber schrieb dem Dr. Würzburger folgendes: 
„Samtliche (sc. Mitarbeiter) sind weitgereiste Uute und befinden sich ab- 
wechselungsweise noch auf der Landstraße. R. ist Hafner von Beruf. 
G. Fabrikarbeiter, H. Kaufmann, E. Schneider, W. Schreiner und S. Schmied; 
K., ein sehr begabter Mann, war früher Schneider und hausiert seit längeren 
Jahren schon im Schwäbischen mit Kurzwaren, er besitzt einen Ziehkarren 
mit zwei Hunden. . Dr. W. teilt dann aus dem Blatte (Nr. 1 5 des Jahr- 
gangs 1907) einen ganz hübschen Artikel eines fahrenden Mannes mit. 
über „Klapsmänner und eine reizende Variation zum: „Sah ein Knab' ein 
Röslein steh'n" unter dem Titel: „Hold Röselein" von Joh. Charley. Es 
sollen überhaupt oft interessante Gedichte in dem Blatte sein. -Die Beiträge 
sind (sagt Dr. W.), zum Teil in Kundensprache abgefaßt, teils recht derbe, 
teils von sehr feiner, zarter Lyrik und sind psychologisch vielfach hoch- 
interessant. 44 Das Letztere ist wohl zu glauben. Bis jetzt weiß man über 
die Kunden nur von Gelehrten, die doch nicht ganz so kompetent sind, wie 
die Kunden selbst, welche ja auch nur einseitig die Sache betrachten, dafür 
aber naiv, mit bester Kenntnis der Verhältnisse und deshalb ist auch diese 
Mitarbeit dem Psychologen und Juristen sicher von großem Nutzen. 

3. 

Zur Mnemotechnik im Unterbewußtsein. Prof. Groß hat 
darüber in Bd. 29, S. 63, dieses Jahres einige interessante Beitrüge ge- 
liefert, die ich heute durch zwei weitere vermehren kann, zum Beweise 
dafür, daß sie nicht selten, sondern sogar sehr häufig sind, aber meist 
übersehen werden. 1. Ein Kollege besuchte mich vor kurzem. Wir sprachen 
über Italien und er erwähnte hierbei, als von Amalfi die Rede war, daß die 
Engländer dies „Emelfei" aussprächen. Meine Frau fiel hier sofort ein und 
sagte, gerade so, wie sie „Nepolei für Napoli sagen. Ich erwiderte, daß 
dies nicht richtig sei, da die Engländer diese Stadt Naples nennen. Einige 
Stunden später sagte mir meine Frau, sie habe nicht „Nepolei" sagen 
wollen, sondern „Teivoler für „Tivoli". Der Vorgang ist ziemlich durch- 
sichtig. Bei dem Wort .Emelfei* 4 fiel ihr ein, daß auch ein 2. und 3. 
italienischer Ort ganz ähnlich in Länge, Endung und Rhythmus klängen. 
Sie konnte sich momentan aber nicht darauf besinnen und da von Amalfi 
die Rede war, fiel ihr das naheliegende Neapel ein, folglich ward Nepolei 
gebildet. Es war aber doch offenbar ein Gefühl der Nichtbefriedigung 
zurückgeblieben, das später das richtige Wort Teivolei hervorbrachte. 

2. Als Primaner des Gymnasiums wurden wir in der Geschichtsstunde 
gefragt, was das Gegenteil von „Feod" sei. Ich wußte es, stand auf und 
im Moment als ich es sagen sollte, platzte ich zu meiner großen Beschämung 
und zum Gelächter der Klasse mit dem Wort „Collodium 4 * heraus. Ich 
hatte im Moment das richtige Wort - Allodium ■ vergessen, wußte aber, daß 
die Endung odium sein müßte und so kam jenes verhängnisvolle Wort 



Digitized by Google 



176 



Kleinere Mitteilungen. 



zustande. Das kann Einem also passieren, wenn aus irgend einem 
Gründe, z. B. öfter durch eingetretene Gene, Verlegenheit usw., wie in 
meinem Falle, scheinbar ohne Anlaß, das Wort plötzlich entfallen ist und 
man nun auf gut Glück mit Benutzung der Endung, des Rhythmus etc. des 
Wortes sofort ein andere« ähnliches bildet, das man im Moment für richtig hält. 
Aber sehr bald fühlt man innerlich eine Xichtbefriedigung, spürt nach und 
gelangt so oft genug noch zum richtigen Ausdruck. Vielleicht ist oft ein 
Affekt die Ursache, daß man oft momentan das Richtige vergißt. Einen 
ähnlichen, aber bewußten Trik nehmen wir vor, wenn wir nach einem 
vergessenen Namen , Worte etc. suchen. Üann lassen wir zunächst 
beliebige Revue passieren, bis eines kommt, das mit dem vergessenen 
Ähnlichkeit hat, was uns dann sofort auffällt. Wir verfolgen dies 
durch mögliche Varationen, bis wir endlich das Gewünschte erhalten. 
Ausgezeichnet und tief psychologisch ausgelegt hat dies vor kurzem 
Giessler ') getan. 



4. 

Merkwürdige Sehnsucht nach dem Gefängnis. Als wir 
kürzlich uns mit einem Kollegen Uber einen uns beiden bekannten 
Hochstapler unterhielten, erzählte mir derselbe, jener X. Iiabe ihn neu- 
lich besucht; sie hätten auch über sein Verbrechen und das Gefängnis 
gesprochen. X. sagte, er wolle sich zusammennehmen, damit er nicht 
wieder ins Gefängnis käme, Übrigens sollte es ja sein, mache er sich nichts 
daraus. Auf die Frage, ob ihm denn die Freiheit nicht besser gefalle, 
sagte er, er sei so lange im Gefängnis gewesen, daß er zu Zeiten 
innerlich eine wahre Sehnsucht danach verspüre. Dort sei 
alles geordnet und er habe sich wohl befunden. Auf weiteren Vorhalt 
meinte er, das Gefühl sei ihm oft wie das eines alten Afrikaforschers, der 
jahrelang in Afrika war, Schweres erduldet hat und trotzdem, nach Europa 
zurückgekehrt, sich danach sehne. Es ist nun zwar bekannt, daß Vagabunden 
etc. oft geradezu Diebstähle etc. begehen, um wieder in das Gefängnis zu kommen. 
Das geschieht aber nur, um während des Winters, oder wenn sie sich krank 
fühlen, eine Unterkunft zu finden, die ihnen besser dünkt, als die Arbeits- 
anstalt. In dem obigen Beispiele ist jedoch eine innere Sehnsucht da. 
Worauf mag sie begründet sein? Auf das Gefühl der inneren Insuffizienz, 
der Unmöglichkeit, sich zu adaptieren? Marie Hoff 2 ) sagt nach ihrer 
langen Erfahrung ausdrücklich, daß die Gewohnheitsverbrecherinnen stets 
das Ende ihrer Strafe sehnlichst erwarten und hoffen, nicht mehr dahin 
zurückzukehren. Bei Männern wird es wohl ähnlich sein. Immerhin bleibt 
das Gespenst für die meisten doch nur eine geringe Hemmung, die bei 
der ersten besten Gelegenheit nicht mehr funktioniert, daher man mit gutein 
Rechte die Gewohnheitsverbrecher für unverbesserlich hält und die Strafe 
für sie nicht abschreckend. Aber daß eine wahrhafte Sehnsucht nach dem 
Gefängnis bestehen soll, war mir neu. Sollte vielleicht hier eine ganz, 
halb oder unbewußte Zwangsidee mitspielen, was beiden vielen Psycho* 



1) Gießler: Das Lautspurentasten bei der Erinnerimg an Eigennamen. 
Vierteljahrsschrift für wissensehaftl. Philosophie und Soziologie. 1907. 

2) Marie Hoff: Drei Jahre im Weiber-Zuchthaus. Dresden, Minden (1997). 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen. 



177 



pathen unter den Gewohnheitsverbrechern immerhin möglich wäre? Vielleicht 
vermag es einer der Leser die obige psychologisch interessante Tatsache 
besser zu deuten. 



5. 

Ein interessantes Heispiel sexuellen Aberglaubens. 
Dr. Magnus Hirsch feld berichtet in Xr. 1, 190S. seiner von ihm heraus- 
gegebenen .Zeitschrift für Sexualwissenschaften" iLeipzig, Wiegand). p. .% 
folgenden Fall und zwar als Beispiel von Unwissenheit, „Vor einiger 
Zeit suchte mich ein Mädchen aus guter Familie auf. die unverheiratete 
Tochter eines Kittergutsbesitzers, in gravidem Zustand mit florider Syphilis. 
Als ich der Geschichte ihres Leidens nachging, erfuhr ich, daß sie einen 
Bräutigam hatte, einen Beamten, der ihr gesagt hatte, und zwar ihrer 
Meinung nach selbst in gutem Glauben, er sei in einer schwachen Stunde 
zu einer schweren Geschlechtskrankheit gekommen : um diese zu beseitigen, 
sei es notwendig, daß er mit einem unschuldigen Mädchen verkehre; 
dies hatte sie ihm geglaubt und deshalb hätte sie sich ihm hingegeben 
ivergl. Hartmanns von der Aue Dichtung vom „Armen Heinrich-)". Zu- 
nächst möchte ich hier die Unwissenheit auf beiden Seiten sehr bezweifeln. 
Eine Landwirtstochter, die also auf dem Lande aufgewachsen ist, kennt 
gewöhnlich die sexuellen Dinge sehr gut, nicht notwendigerweise allerdings 
die Geschlechtskrankheiten, die sicher dagegen einein Beamten bekannt 
sein dürften, wie auch der Aberglauben, der sich an die Heilung derselben 
knüpft, der höchstens nur noch in den untersten Kreisen existieren dürfte. 
Er hat vielmehr sein Leiden sehr wahrscheinlich dazu benutzt, um die 
ihm noch widerstrebende Schöne, indem er zugleich an ihr Mitleid appellierte, 
gefügiger zu machen. Ein anderes Mädchen würde einen solchen Mann 
von sich gestoßen haben; bei ihr war aber die Liebe oder das Mitleid 
besonders groß. Dieser sexuelle Aberglauben ist forensisch 
sehr wichtig, weil manche Notzuchtsattentate an Mädchen sich so erklären 
und der Täter also nicht als gemeiner Verbrecher zu betrachten ist. Auch 
syphilitische Mädchen glauben bisweilen durch Benutzung eines Knaben 
ihrer Krankheit sich zu entledigen und können auch so einmal vor das 
Forum kommen. 



6. 

Faszination durch das Auge. In Bd. 20, S. 17S dieses Archivs 
habe ich mich näher über die Physiognomik des Auges ausgesprochen. 
Es galt dort viele Vorurteile zu zerstören und die Sache rein naturwissen- 
schaftlich zu betrachten. Ich kam damals zu dem Schlüsse, daß die Seele 
„weniger im, als am und noch mehr außerhalb des Auges" beruhe. Eine 
Menge von verschiedenen Momenten kamen hierbei in Betracht. Es ist 
namentlich das Volk, das Unglaubliches in das Auge „hineingeheimnißt-. 
Aber auch die Gebildeten fabeln davon viel und in der Literatur spielt 
dasselbe bekanntermaßen eine große Kolle. Eine gewisse Bolle ist ihm in 
der Wirklichkeit allerdings nicht abzusprechen, doch spricht da das ganze 
Außere des Menschen, seine Stimme, Haltung. Bewegung etc. mit, was unbe- 
wußt geschieht. So läßt sich nicht leugnen, daß nicht selten bei Sym- 
und Antipathie das Auge direkt oder indirekt mit beteiligt ist. Es kann 
Archir für Krimin»lanthropoio«ie. 30. Bd. 12 



Digitized by Google 




178 



Kleinere Mitteilungen. 



selbst einmal zu einer wahrhaften Faszination durch das Auge 
kommen, wie sie wahrscheinlich bei der Zähmung wilder Tiere die Haupt- 
sache ist. Und hier könnte einmal die Quelle zu einem Ver- 
brechen liegen. Ich wurde daran erinnert, als ich soeben Zolas „Das 
Glück des Hauses Rougon" las. Dort wird uns die Geschichte des Ahn- 
herrn der Rougons, Peters, klassisch geschildert. Dieser kalte Egoist und 
Streber hatte bald herausgefunden, daß er seine Mutter durch bloßes An- 
blicken ganz in seinen Bann bringen konnte. Es heißt dort (Deutsch von 
Rode, Herlin, Wiener), S. 39ss. ... „Seine Kriegskunst bestand darin, 
sich vor Adelaide (seine Mutter) als lebenden Vorwurf hinzustellen ... er 
hatte eine gewisse Weise gefunden, sie, ohne ein Wort zu sagen, mit 
einem Blicke anzusehen, welcher sie erschreckte . . . erhob sie nur schaudernd 
die Augen zu ihrem Sohne; sie fühlte seine kalten durchdringenden Blicke, 
welche sie langsam ohne Mitleiden durchbohrten. Die strenge und schweig- 
same Haltung Peters . . . beunruhigte auf seltsame Weise ihr armes krankes 
Gehirn. . . . Sie stand vor ihm, wie ein kleines Mädchen . . . welches 
immer fürchtet, die Rute verdient zu haben. 14 Er fing nun sehr bald an 
.in seinem Interesse die Schwächen ihres Gehirns und den närrischen 
Schrecken auszubeuten, welchen nur ein einziger seiner Blicke ihr einflößte . . . 
Er wußte (S. 47), daß er über seine Mutter wie über eine Sache verfügen 
konnte. Eines Morgens führte er sie zu einem Notar und ließ sie einen 
Verkau fsvertrag unterzeichnen. 14 Dadurch hatte er nicht nur seine Mutter, 
sondern auch deren miterbberechtigten Bastarde von Macquart um ihr ganzes 
Eigentum gebracht! Die Mutter war also in eine wahrhafte Hörigkeit 
ihm gegenüber geraten und er hatte seine Macht zu einem Verbrechen 
gemißbraucht. Wenngleich dieser Fall vielleicht nur fingiert ist, obgleich 
Zola zu den meisten seiner Typen und Talsachen Vorlagen benutzte, die 
er nur ummodelte und seinen Zwecken anpaßte, so ist sicher vom 
psychologischen Standpunkte eine solche Möglichkeit der 
Faszi nations- Wirkung gegeben, daher als eine mögliche 
Quelle zu Verbrechen anzusehen. Man denke nur an den Prozeß 
Czinski! Das wird man also im Auge behalten müssen ! Beim Mas och is- 
mus resp. Sadismus scheint mir gleichfalls das Auge des Ak- 
tiven eine unheilvolle Rolle zu spielen und auch hier wären viel- 
leicht gewisse Verbrechen denkbar, wenngleich nicht so sehr wie bei den 
Fällen sogenannter ^Hörigkeit", wie sie wohl von K rafft- Ebing zuerst 
beschrieb, wobei gewiß das Auge mindestens stark beteiligt ist. Unter 
-Auge" verstehe ich hier natürlich weniger das Auge selbst, als seine ganze 
Umgebung mit ihrer Mimik. 

7. 

Abergläubischer Exhibitionismus. Unter dieser Spitzmarke 
habe ich in diesem Archiv 29, 297 einige japanische hierhergehörige Ge- 
bräuche aus Krauß: Das Geschlechtsleben etc. in Japan, angeführt. Hierzu 
schreibt nun ein Herr aus Berlin an Prof. Groß folgendes, was ich dem 
mir übersandten Briefe wörtlich entnehme „...Betreffend die Notiz: -Ex- 
hibitionismus und Aberglauben" mache ich darauf aufmerksam, daß 
Exhibitionismus und schlimmere Sachen, Obszönitäten gröbster Art. besonders 
in Südindien und im Archipel gang und gäbe sind, speziell beim Holifest 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen. 



179 



oder Kamanpandikai in Südindien (um den Winter aus dem Lande zu 
jagen? Prahlerei mit Lebenafreudigkeit und Fruchtbarkeit). Sehr populär 
darüber auch Schmidt, Liebe und Ehe in Indien. Meiner Meinung nach 
immer: Bekennung zum Phallusdienst, Fruchtbarkeitskuit. — In Italien ist 
der Phalluskult bis mindestens Ende des 18. Jahrhunderts Volkssitte ge- 
wesen. Darüber Richard Payne Knight: An Account of the remains of 
the Worship of Priapus (London, 1786, 4 0 ).* Daß als letzter Ausläufer 
dieses Kults noch jetzt in Italien das „fare la fica" besteht, habe ich schon 
in meiner letzten Mitteilung berührt. Vielleicht finden sich aber gerade 
hier auf dem klassischen Boden noch weitere Reste, nicht zuletzt wahr- 
scheinlich im folklore. Daß gerade dort die Genitalien, der Coitus bei 
Schimpfreden eine große Rolle spielten, ist bekannt und ich erinnere hierbe- 
züglich nur an das cozzo futato und das noch scheußlichere Maria futata 
oder M. con culo rotto des gemeinen Mannes, das nur noch von der un- 
garischen Verwünschung: „Ich will mit Deiner Seele huren" an Gemein- 
heit und Cynismus übertroffen wird. 



8. 

Benutzung des Salzgehalts im Schweiße. In einer kleineren 
Mitteilung (das zu Tode-Kitzeln, dies Archiv: 29, 296) habe ich auch den 
Salzgehalt des Schweiße« berührt. Hierzu schreibt nun ein Herr aus Berlin 
an Herrn Prof. Groß folgendes, das ich hiermit dem mir übersandten Briefe 
entnehme: „ . . . . Im Journal of the Anthropological Institute of Great 
Britain and Ireland, vol. XXX = n. s. III berichtet in dem Anhang unter 
Nr. 31 Leutnant H. Pope-Hennessy über die Urkas (oder Warakasi, einem 
Stamm anthropophager Neger am mittleren Benue folgende sehr merkwür- 
dige Historie: -The writer heard, but only at second hand, that owing to the 
dearth of salt in their country this tribe is in the habit of putting slaves 
to work, grinding com and so forth, until they perspire; they then rub 
the meat they are eating against the slaves body, making use of the salt 

in the Perspiration" " Das allerdings war mir auch völlig neu: schade nur, 

daß der betreffende Reisende die Sache nur „by second band- gehört hat! 
Gerade in Afrika muß man mit Gerüchten, die einem von Eingeborenen 
hinterbracht werden, sehr vorsichtig sein! Es wäre übrigens sehr auffällig, 
daß nur dieser eine Negerstamm auf die so naheliegende Salzquelle ver- 
fallen ist, in einer Gegend, wo sehr wahrscheinlich als Geld die hoch- 
geschätzten Salz- Wetzsteine kursieren. Unser Briefschreiber bemerkt endlich, 
daß für die von uns als nicht ganz unmöglich hingestellte Giftigkeit des 
Todesschweißes durch die asiatische Folklore bejaht würde. Es wäre wohl 
wert dieser Sache hier etwas näher nachzugehen. 



9. 

Macht der Einbildung. Kürzlich erlebten wir folgenden kuriosen 
Fall. Ein armer Kranker, ein jahrelanger Paranoiker, 48 Jahre alt, sollte 
in unsere Anstalt gebracht werden, da er draußen, einsam in einem Garten- 
häuschen wohnend, wiederholt mit dem Revolver in die Luft geschossen 
hatte, und auf Passanten mit Steinen geworfen haben sollte. Er ward durch 
einen Brief in ein Restaurant gelockt, dort nahmen ihn der Gemeindevor- 
stand, ein Gemeinderat und 2 Begleiter in Empfang und führten ihn ab, 

12* 



Digitized by Google 



180 



Kleinere Mitteilungen. 



indem sie ihm eröffneten, daß er in die Irrenanstalt solle. Er ließ es 
ruhig geschehen. Heim Herabgeheu einer engen Treppe hatte der Gemeinde- 
rat einen Moment des Kranken rechten Arm losgelassen, um besser voran- 
zugehen. Diesen Moment benutzte nun Patient um den scharf geladenen 
Revolver aus der Tasche zu ziehen und schoß hinter sieh auf den Gemeinde- 
voretand, glücklicherweise ohne ihn zu treffen, doch fuhr die Kugel hart 
am Leibe vorbei. Kr trug noch 4 Patronen bei sich. Man brachte nun 
den Kranken per Hahn und Wagen hier an und der Gemeindevorstand 
erzählte dem journierenden Arzte noch unter Zittern das Vorgefallene. Weiter 
aber kam es heraus, daß er glaubte, er habe einen Streifschuß am 
Leibe empfangen, es sei ihm so heiß dort und es müsse Hlut 
fließen. Der Arzt untersuchte ihn daraufhin, fand aber nichts! Das 
Interessante liegt zunächst darin, daß der Attenuierte wirklich fest glaubte, 
er habe einen Schuß erhalten, er fühlte Hitze und angeblich Hlut fließen. 
Dann aber ist es unbegreiflich, daß er, wenn dem so wäre, sich nicht sofort 
an Ort und Stelle untersuchen ließ, sondern noch ca. 2'/< — 'A Stunden den 
Krankentransport begleitet und auch erst auf Aufforderung hin sich unter- 
suchen läßt Was mag alles in seiner Psyche in dieser langen Zeit vor 
sich gegangen sein? Übrigens ist die Geschichte auch ein Beitrag dazu, 
wie unter Umständen die Überführung eines Geisteskranken schwierig und 
gefährlich ist. 



10. 

Einfluß der Gastwirtschaften in der Nähe vo n G e r ichte n. 
M. Hirschfeld sagt in seinem schönen Buche: Die Gurgel von Berlin (Groß- 
stadt-Dokument, Hd. 41, Herlin, Seemann, 1907) auf S. ">S folgendes: 
„Erwähnt seien endlich auch die zahlreichen Sehankwirtschaften in der Nähe 
der Gerichte. Ihre Finnierungen spielen schon darauf an , daß sie ihren 
Kundenkreis unter den geladenen Parteien und Zeugen haben. -Zur Ge 
rechtigkeit", r Zum Versöhnungskuß", „Zum Gerichts-Maxen", „Zur Ein- 
tracht" sind allen denen, die häufiger mit den Gerichten zu tun haben, 
wohlbekannt. Hier kommt so manche Einigung zustande, die vorher dem 
Richter nicht gelang und eine Vertagung des Termins nötig machte, hier 
findet so manche schwebende Ehescheidungssache ihren Abschluß, indem 
Mann und Frau nach dem Versöhnungsschoppen beschließen, wieder mit- 
einander zu leben. Erst beim Termine hatte die bessere Ehehälfte zwar 
noch gesagt: -Mit dem Kerl wieder zusammen, nieh in die Tiete". Solche 
Kneipen finden sich in großer Anzahl am Kriminalgericht ( Alt Moabit), in 
der Neuen Friedrichstraße, Ziinmerstraße und Markgrafenstraße. Charakte- 
ristisch für diese Lokale ist es, daß sich in vielen derselben ein Hechtsbureau 
befindet, welches für geringes Geld Auskunft in allen Rechtssachen erteilt.- 
Ähnlich wird es wohl auch in anderen Grolistädten stehen. Aber auch 
die Kleinstädter profitieren von den Gerichtsparteien. Auf der einen Seite 
sehen wir zwar, einen guten Einfluß, indem event. Versöhnungen etc. stattfin- 
den. Freilich, da der Alkohol den Vermittler abgab, dürften sie wenig dauerhaft 
sein. Andrerseits können sie aber durch Schlägereien, Beleidigungen etc. 
auch Anlaß wieder zu Anklagen geben. Endlich machte ich früher schon ein- 
mal auf den möglichen schädlichen Einfluß bez. der Zeugenaussagen aufmerk- 
sam. So mancher wird durch kleine Alkoholdosen schon seine Gedanken 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen 



181 



nicht mehr richtig beisammen haben, sein Gedächtnis abschwächen etc , so 
dab dann die Zeugenaussagen darunter bedenklich leiden 
müssen. 



11. 

Das Hineinragen des Traumes in das Wachleben. Dies 
wichtige Kapitel, von dem wir noch recht wenig Sicheres wissen, ist von 
mir schou öfters berührt worden. Heute bringe ich folgenden interessanten 
Fall. Ein Kollege hatte mehrere Tage etwas Fieber und es ward Influenza 
angenommen. Da hörte er einmal im Traume die Glocke. Jemand tritt 
ein und berichtet ihm, eine Patientin sei gestorben. Wie sonst auch, steht 
er auf, um selbst nachzusehen, zieht sich an, geht heraus, tritt ins Freie 
und als ihn die kalte Nachtluft ( Anfang Nov.) berührt, fällt ihm erst ein, 
daß er ja krank sei, Influenza habe, einen Vertreter besitze und den 
Glockenschall und die Meldung vom Tode der Patientin nur erträumt habe. 
Er kehrt also wieder in sein Bett zurück. — Es ist sehr selten, daß 
man im Traum so scharf einen Ton hört, daß man darauf reagiert. Ich 
habe vor einiger Zeit von mir selbst ein hierher gehöriges kleines Erlebnis 
berichtet. Da aber der Kollege den Glockenton und die Meldung für wahr 
hielt, macht er Licht, zieht sich an etc. und erst draußen, als ihn die 
frische Luft anweht, merkt er, dal! er alles nur geträumt habe. Ja, bis dahin 
ist er sogar somnambul gewesen und verrichtete alles nur mechanisch. Er 
war also nach dem Glockentone etc. nicht aufgewacht, wie ich seinerzeit, 
sondern war noch im Traum weiter handelnd, wenn auch vollkommen 
logisch. Erst als die kalte Luft ihn anfächelte, wachte er wirklich auf und 
besann sich auf alles. 



Von Hans Groß. 
12. 

Bauernfängerei in Japan. Herr Isao Shitara, Rat am Appell- 
gerichthofe in Sendai, Japan, dem ich mehrere höchst interessante Mitteilungen 
über kriminalistische Momente in Japan verdanke, schreibt mir soeben über 
eine sinnreiche dortige Bauernfängerei. Mir kommt dunkel vor, als ob ich 
ähnliches auch von hiesigen „Kosaken" gehört hätte: ist das richtig, so 
wäre es nur ein neuer, interessanter Beweis für das Internationale des 
Gaunertums. Herr Shitara sagt: 

Kegelmäßig sucht sich der Betrüger sein < >pfer auf den Marktplätzen, 
wo der Bauer für Vieh, Reis oder sonstiges, Geld eingenommen hat — wie 
bei uns. Das Opfer muß wohlhabend, nicht sehr klug und habsüchtig 
aussehen — wie bei uns. Der Betrüger sucht mit dem Bauer zu sprechen 
und führt ihn in ein Teehaus — wie bei uns, nur daß es kein Teehaus 
ist. Es entspinnt sich nun ein Zwiegespräch: 

-Wollen wir nicht etwas spielen ?" 

„O nein, Du würdest mich betrügen." 

„Ich werde Dir ein Spiel zeigen, bei welchem es unmöglich ist, zu 
betrügen. " 

„Das wäre etwas Neues — wie geht denn dieses Spiel? -4 



Digitized by Google 



182 



Kleinere Mitteilungen. 



„Wir werden also nicht spielen, ich werde dir das Spiel bloß zeigen, 
weil es in der Tat sehr merkwürdig ist. 1 " v 

Nun zieht der Betrüger eine Schachtel Zündhölzer hervor, öffnet sie 
und sagt, der Bauer brauche bloß auf „Gerad" oder „Ungerad" der Zahl 
der Hölzchen zu raten und könne dazu selbst zählen — jeder Betrug ist 
also ausgeschlossen. 

Nun fällt der Bauer natürlich darauf ein, verlangt „einmal zur Probe 4 ' 
zu spielen, und sagt z. B. „Gerade". Nun sagt der Betrüger: „Damit 
später kein Streit darüber entstellt was Du gesagt hast, lege ich Dir zwei 
Hölzchen (also eine gerade Zahl) vor Dich hin" — er nimmt nun aus dem 
Vorrate zwei Hölzchen, und legt sie vor den Bauer auf den lisch und läßt 
die Hölzchen, die noch in der Schachtel sind, durch ihn selber zählen. 
Natürlich ist die Zahl ungerade. Hätte der Bauer gesagt: .Ungerade" — 
so hätte der andere ihm zur Verhütung von Streit ein Hölzchen hingelegt, 
und dann wäre die Zahl gerade gewesen. 

Selbstverständlich ist die Sache so, daß in der Schachtel eine unge- 
rade Zahl von Hölzern liegt — sagen wir 45; sagt der Bauer .Gerade", 
so werden zwei Hölzer weggenommen, bleiben also 43; sagt er „ungerade 1 -, 
so wird ein Holz weggenommen, bleiben also 44 — kurz das richtige 
Erraten ist mathematisch unmöglich. Bei Fortsetzung des Spieles legt der 
Betrüger Hölzer zu oder nimmt davon weg und es ist nur Sache der Ge- 
schicklichkeit, stets eine (kleine) gerade Zahl beizulegen oder wegzunehmen, 
so daß die Gesammtzahl stets ungerade bleibt. Beim Beilegen oder Weg- 
nehmen kann der Betrüger billig verlangen, daß der Bauer nicht zusieht, 
denn dann wüßte er ja die Zahl, so aber kann der Betrüger anstandslos 
etwa 4 oder ß Hölzer beilegen oder entfernen. 

Man sieht: die Intelligenz, welche Kanonen und Sprengminen macht 
und jene, welche Bauern betrügt, ist in Europa und Japan völlig dieselbe. 



13. 

Die Macht der Einbildung. Die suggestible Wirkung der festen 
Überzeugung ist für uns Kriminalisten von unabsehbarer Wirkung. Was 
Verletzte empfinden und Zeugen wahrnehmen, wenn ihnen Tatsachen 
suggeriert werden, das wissen wir zwar, aber wir unterschätzen dieses 
Moment gewiß noch viel zu sehr und es ist deshalb jedes neue Beispiel 
wichtig. Es wolle ein neues gehört werden: 

Vor etwa 15 Jahren fragte mich ein Freund, was man denn eigent- 
lich zweckmäßig im Hause vorrätig haben solle, um kleine Verletzungen 
zu behandeln. Ich riet eine Quecksilbersublimatlösung t:30üO, womit nicht 
geschadet werden könne und durch deren Anwendung unter allen Umständen 
der etwa nötig werdenden ärztlichen Tätigkeit nicht vorgegriffen wird. Da 
man diese Lösung ohne ärztliche Anweisung nicht erhält und da ich einen 
Vorrat besaß, so gab ich meinem Freunde ein Fläschchen mit etwa 50 Gr. 
von besagter Lösung. 

Vor einigen Tagen teilte mir nun mein Freund mit, daß mein Geschenk 
im Laufe der 15 Jahre zu Ende gegangen sei; hiebei konnte er nicht 
genug des Lobes von dem Mittel sagen; durch gelegentliche Behandlung 
von Dienstleuten habe sich die Sache herumgesprochen, es kamen andere 
Dienstboten des Hauses und der Nachbarschaft, auch fremde Leute 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen. 



183 



mit kleinen Verletzungen und bateu um einen Verband mit dem .Wunder- 
wasser". Alle priesen die unglaublich rasche Verheilung der Verletzungen 
und namentlich die sofort wirkende Schmerzs tillung: kaum sei die 
Wunde mit dem Wasser verbunden, so verschwinde jeglicher Schmerz. 
Das war mir doch sehr auffallend, ebenso, daß die 50 Gramm durch 
1 5 Jahre bei so ausgedehnter Verwendung vorgehalten hatten — ich be- 
sprach die Sache genauer und nun stellte sich heraus, daß bei der von 
mir gegebenen Gebrauchsanweisung ein arges Mißverständnis unterlaufen 
war. Ich hatte gesagt, man möge in die Lösung (I : 3000) eine Kompresse 
tauchen und mit dieser die Wunde verbinden, nachdem sie mit der Lösung 
ausgewaschen wurde. Tatsächlich hat man aber in ein Waschbecken, genau 
abgemessen, 1 Liter reines Wasser gegossen, darein wurden 10 Tropfen 
der l^ösung gebracht und mit dieser Flüssigkeit wurden die Wunden 
behandelt ! 

Da nun 10 Tropfen 0,89875 Gramm wiegen, so waren in diesen 
10 Tropfen o.OOO 29958 Gramm Sublimat, und da diese mit 1000 Gramm 
Wasser vermengt wurden, so bekam man eine l^ösung von ungefähr 1 : 3 
Millionen — also eine Flüssigkeit, die jeder Säugling trinken könnte und 
die auf eine Wunde ebenso wirkte, wie reines Wasser. Die Leute glaubten 
aber an das . Wunderwasser * und so wirkte es nicht bloß schmerzstillend, 
sondern auch heilend! 

.Von Dr. Albert Hellwig. 
14. 

Schlaftrunkenheit. Für die viel ventilierte Frage der Zurechnungs- 
fähigkeit der in angeblicher Schlaftrunkenheit begangenen Verbrechen, sind 
oft auch Fälle nicht krimineller Handlungen infolge schlaftrunkenen Zu- 
Standes von Bedeutung, da hier der Verdacht, daß Simulation vorliegt, 
nicht aufkommen kann. Von ganz besonderem Interesse für uns Krimi- 
nalisten sind alle solchen Fälle, in denen jemand im schlaftrunkenen Zu- 
stande Handlungen begeht, die gegen sein eigenes Wohlbefinden gerichtet 
waren, und die, wenn ein dritter das Opfer gewesen wäre, den Tatbestand 
eines Verbrechens gebildet hätten. Zwei derartige Fälle, die ich in den 
letzten Jahren aus Zeitungen entnommen habe, mögen hier folgen: 

„Aus einem Eisenhahnzuge gesprungen ist dieser Tage auf der 
Strecke zwischen Kuhbank und Wittgendorf in Schlesien ein Keisender, 
wobei er schwere Verletzungen davontrug. Im Krankenhause, wohin 
man ihn alsbald transportierte, machte der Schwerverletzte, über die 
Ursache des tollkühnen Sprunges befragt, folgende Angaben: Er habe 
vor Antritt der Eisenbahnfahrt mit mehreren Freunden eine Bierreise 
unternommen und sei dann während der Fahrt im Coupe eingeschlafen. 
Da habe im geträumt, daß zwei Schnellzüge aufeinandergefahren seien ; 
schnell entschlossen habe er sich erhoben und sei, sein Gepäck zurück- 
lassend, bei voller Fahrgeschwindigkeit vom Zuge abgesprungen. Nach 
Ausspruch der Ärzte wird der sonderbare Träumer wieder hergestellt 
werden." ') 

1) „Prettiner Zeitung 4 - (Prettin a. Elbe hei Annabarg), jetzt eingegangen, 
vom 16. Dezember 1905. 



Digitized by Google 



184 



Kleinere Mitteilungen. 



Man denke nun an die Möglichkeit, der sonderbare Träumer hätte 
infolge dieses Traumes sein Kind aus dem Wagen geworfen, wäre dadurch 
aber aus seiner Schlaftrunkenheit erwacht und wäre selbst nicht nachge- 
sprungen. Ich glaube, wenige Richter hätten ihm dann seine Erzählung 
geglaubt, besonders wenn etwa noch Nahrungssorgen oder andere Motive 
die Tat erklärlich erscheinen Helten. 

In dem andern Fall mußte die schlaftrunkene Person ihre Handlung 
sogar mit dem Tode büßen: 

.Sich selbst mit Petroleum übergössen und angezündet hat in der 
Nacht zum Mittwoch in der Viktoriastraße zu Potsdam das II) jährige 
Dienstmädchen Martha Krusch. Das Mädchen hat die furchtbare Tat in 
einem Traumzustandc zur Ausführung gebracht. Von Schmerzen 
gepeinigt, erwachte die K. und eilte in das Zimmer ihrer Dienstherrin, 
die das unglückliche Mädchen sofort in einen Teppich einwickelte und 
so die Flammen erstickte. Ein herbeigerufener Arzt brachte zwar der 
Schwerverbrannten einige Linderung, legte ihr einen Verband an und 
sorgte für die sofortige Überführung nach dem städtischen Krankenhaus, 
doch gelang es nicht, sie am Leben zu erhalten." 1 ) 

Von Interesse wäre es gewesen, näheres über den „Traumzustand" 
zu erfahren, besonders was etwa den Inhalt des Traumes gebildet hatte. 
Auch hier konnte unter Umständen der Verdacht eines Verbrechens auf- 
kommen, nämlich der Brandstiftung. 

Sehr interessant ist auch folgender Fall, den verschiedene Zeitungen 
kürzlich aus New- York berichteten: 

„ Danach stieg ein Handlungsreiscnder Namens Frank Meyer in dem 
Arlington-Hotel in Washington ab und legte abends seine Juwelen, deren 
Wert er auf über hunderttausend Mark schätzte, in die Schublade eines 
Bureaus in seinem Schlafzimmer. Er verschloß dasselbe sorgsam und 
legte den Schlüssel seiner Gewohnheit gemäß unter sein Kopfkissen. 
Am nächsten Morgen lag der Schlüssel auf derselben Stelle, die Schub- 
lade war verschlossen, aber die Juwelen verschwunden. In der Annahme 
er sei beraubt worden, machte er sofort der Polizei Anzeige, die zwei 
Detektivs in das Hotel schickte. Zwei Stunden lang wurde das Zimmer 
von den beiden Beamten nach etwaigen Spuren des Diebes abgesucht, 
und als dabei einer der Detektive eine Decke aufnahm, die am Fußende 
des Bettes lag, erinnerte sich der Heisende plötzlich da(5 er geträumt 
hatte, er habe die Schmuckgegenstände dort verborgen, und da lagen sie 
auch wirklich. Meyer erklärte, daß er wiederholt schon im Schlaf ge- 
wandelt habe, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß er auch 
in diesem Fall die Schmuckgegenstände im Schlaf aus der Schublade 
holte, sie sorgsam wieder verschloß und den Schlüssel an den gewohnten 
Platz zurücklegte.* ' 2 ) 

Eine derartige Traumhandlung könnte den betreffenden zweier Delikte 
verdächtigen: Der falschen Anschuldigung, wenn er, wie in vorliegendem 
Falle, eigene Sachen versteckt, und dann vielleicht einen bestimmten andern, 

I) „Berliner Lokalanzeigcr* vom 3. Januar 1IHI7. 
2» «,Xeue Hamburger Zeitung 1 ' 2o. Juli 1907. 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen. 



185 



etwa einen Dienstboten des Diebstahls bezichtigt; des Diebstahls, wenn er 
als Nachtwandler einem Hausgenossen einen Gegenstand entwendet. 

Auch diese Tatsachen, die man als richtig vermuten kann, weil uns 
ähnliche schon bekannt sind, zeigen von neuem, wie vorsichtig der Richter 
alle Angaben der Angeklagten prüfen muß. 



15. 

Kriminalstatistik und Verbrechensmotiv. Folgende, wie 
mir scheint, sehr beachtenswerte Anregung zur Ausdehnung der Kriminal- 
statistik finde ich in der .Kölnischen Volkszeitung*': 

.Die soziale Richtung und Auffassung unserer Zeit, die sich in den 
verschiedensten Lebensverhältnissen heute praktisch geltend macht, hat 
nicht verfehlt, ihren Einfluß auch auf die Strafrechtspflege auszuüben. 
Eine Vergleichung der Zahlen des letzten Jahrfünft unserer Kriminal- 
statistik, die das zweite Jahrzehnt ihrer Veröffentlichung nunmehr vollendet 
hat. mit den Zahlen des vorausgegangenen Jahrfünfts ergibt die zutage 
getretene, sich fortwährend steigernde Tendenz der Gerichte zur An- 
wendung gelinderer Strafarten und niedriger Strafmaße. Um feststellen 
zu können, von welchen Gesichtspunkten sich im allgemeinen bei der 
Festsetzung des Strafmaßes die Gerichte leiten lassen, fernerhin um wert- 
volles Material für das Reformwerk unseres Strafrechtes zu schaffen, wäre 
es dringend notwendig, daß unsere Kriminalstatistik in der Weise aus- 
gedehnt wird, daß darin auch die vermutlichen Beweggründe, welche den 
Verurteilten zur Begehung der strafbaren Handlung veranlaßt haben, 
aufgenommen werden. Nach dieser Richtung hin gibt die jetzige Kriminal- 
statistik nicht den geringsten Anhaltspunkt. Die Zählkarte, welche die 
Strafvollstreckungsbehörde, nachdem das Urteil die Rechtskraft beschritten 
hat, dem statistischen Amte einsendet, enthält lediglich die Personalien 
des Verurteilten, die Art der strafbaren Handlung, nach dem Strafgesetz- 
buch bezeichnet, im Falle der Verurteilung auf welche Strafe erkannt 
ist, schließlich ob Rückfall im Sinne des Gesetzes vorliegt. Unüber- 
windbare Schwierigkeiten, die sich bei der von uns vorgeschlagenen Aus- 
dehnung der Kriminalstatistik in den Weg stellten , gibt es unseres 
Erachtens nicht, wenigstens nicht, soweit man sieh auf Feststellung von 
solchen Beweggründen bei strafbaren Handlungen beschränkte, die allgemein 
für den erkennenden Richter die leitenden Gesichtspunkte für Verhängung 
eines hohen oder niedrigen Strafmaßes bilden. Derartige Beweggründe 
würdeu beispielsweise folgende sein: I. Mangelnde Erziehung. 2. Ix*icht- 
sein, 3. Notlage, -I. Unerfahrenheit , 5. Trunkenheit, f>. Vorhandene 
moralische Defekte infolge minderwertiger geistiger oder perverser Ver- 
anlagung, 7. Roher und gewalttätiger Sinn, S. Hang zu verbrecherischen 
Handlungen, der Gewohnheitsverbrechern eigen ist, 9. Gemeine und 
unehrenhafte Gesinnung. Die Beweisaufnahme im strafgerichtlichen Ver- 
fahren ergibt in allen Fällen ausreichende Momente, um wenigstens mit 
einiger Wahrscheinlichkeit feststellen zu können, welche Beweggründe 
den Angeklagten bei Begehung seiner Tat geleitet haben. Die Urteils- 
gründe lassen sich ja auch bei der Erwägung über die verhängte Straf- 
art und die Höhe der Strafe regelmäßig in dieser Beziehung aus. Das 
Gericht wäre also ohne jede Schwierigkeit in der Lage, den wahrschein- 



Digitized by Google 



186 



Kleinere Mitteilungen. 



liehen Beweggrund der Tat bezüglich derer Verurteilung erfolgt ist, nach 
aktenmäßiger Feststellung in die zum Zwecke der Statistik angefertigte 
Zählkarte unter eine besondere zu schaffende Rubrik aufnehmen zu 
lassen. «) 

Eine derartige Kriminalstatistik hätte Fleisch und Blut und würde, 
wenn vorsichtig längere Zeit betrieben, sicherlich wichtige kriminalpsycho- 
logische Daten liefern können. Bei der Schwerfälligkeit mit der die Behör- 
den in der Hegel derartigen Anregungen nicht rein praktischen Charaktere 
entgegenzukommen pflegen, ist aber kaum anzunehmen, daß von Amts- 
wegen eine derartige Statistik angelegt wird. Nichts aber steht entgegen, 
daß die Staatsanwälte oder die erkennenden Kichter sich privatim derartige 
statistische Tabellen anlegen. Wenn sich eine größere Zahl von Krimi- 
nalisten findet, die hierzu den Willen hat, so wird sich — namentlich, 
wenn nach einheitlichem Schema gearbeitet wird — etwa im Laufe eines .lahres 
genug Material ergeben, um die Bedeutung einer solchen Statistik klarzu- 
stellen. Hierzu anzuregen, war Zweck vorstehender Zeilen. 



16» 

Religiöse Fanatiker. Einen neuen Beleg zu den von Stoll^), Löwen- 
stimm 3 ), Stern *) und andern angeführten Greueltaten religiöser Fanatiker, 
bildet folgender Vorfall, der aus Trinidad in Kolorado gemeldet wurde. Dort 
ließ sich nämlich in dem benachbarten Orte Torres am Karfreitag des Jahres 
1905 ein Mann in seinem religiösen Eifer ans Kreuz schlagen und erlitt unter 
furchtbaren Qualen den selbstgewollten Tod. Er gehörte zu einer „ Gesellschaft 
der Reumütigen u , deren Mitglieder sich geschworen haben, bis zu ihrem Tode 
ein Leben der Selbstpeinigung zu führen. Der Fanatiker seines Glaubens 
ließ sich genau nach den Angaben der biblischen Erzählung ein Kreuz er- 
richten, wurde dann mit Händen und Beinen an dieses angenagelt und mit 
einer Dornenkrone gekrönt. Es wird berichtet, daß bei all den Körper- 
qualen, die er litt das milde Lächeln des Märtyrers auf seinem Gesicht 
lag, bis er seinen Geist ausgehaucht hatte. Die übrigen Mitglieder der 
Sekte waren bei der Kreuzigung zugegen. Während ihr Glaubensgenosse 
am Kreuze hing, peitschten sie sich gegenseitig, bis das Blut aus ihrem 
Körper hervorquoll. Zahlreiche Zuschauer wohnten den grausamen Hand- 
lungen bei*). 

Es ist dies wieder ein Beispiel von der Suggestivkraft die manche 
Partien des Alten und Neuen Testaments, besondere die Opferung Isaaks 
und der Sühnetod Christi auf empfängliche, vielfach pathologische, Naturen 



1) „Kölnische Volkszeitung" vom 5. August 19(»5. 

2) Stoll, „Suggestion und Hypnotisniua in der Völkerpsychologie" 2. Aufl. 
(Leipzig 1904» p. 446 ff. 

Sl Löwenstimm, ..Fanatismus und Verbrechen- 1 (Kriminalistische Studien) 
Berlin 1901. p. 141 ff. 

41 Bernhard Stern, „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Rußland" 
Bd. I «Berlin 1907) p. 22S ff. 

5) „Berliner Lokalanzeiger- 26. April 190."». 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen 



187 



auszuüben vermögen. 1 ) In einer besonderen Abhandlung gedenke ich später 
einmal auf dieses in mehr als einer Hinsicht interessante Thema, über das 
ich viele neue Materialien gesammelt, zurückzukommen. Hier sei nur be- 
merkt, daß zwar nicht alle, aber doch die meisten Menschenopfer auf dem 
Stellvertretungsgedanken beruhen: -Die Menschenopfer bilden also recht 
eigentlich Lebensversicherungsprämien. Das mag uns widersinnig vorkommen, 
aber wir dürfen es nicht als willkürliche Grausamkeit bezeichnen. Im In- 
teresse der Gesamtheit bezw. in nationaler Not gutgläubig dargebrachte 
Menschenopfer sind kaum grausamer als die Verhängung der Todesstrafe 
aus Gründen sozialer Kätlichkeit oder der auf Tausende ausgeübte Zwang, 
für ihr Land auf dem Schlachtfeld zu sterben. Die Menschenopferidee gibt 
zu, daß einer Person das Leben genominen wird, damit vielen das lieben 
gerettet werde.'" -) Allmählich hat sich der Mensch durch Substitute, beson- 
ders durch das Tieropfer, von der furchtbaren I^ast, die ihm diese -äußerste 
Form des Sühnopfers* 1 auferlegte, erlöst. „Dennoch hat sich in einer Form 
das Menschenopfer selbst bei den Kulturvölkern der Alten Welt noch in 
eine spätere Zeit gerettet: in dem freiwilligen Opfertod, den der einzelne 
für die Verfehlungen auf sich nimmt, deren sich die Gemeinschaft schuldig 
gemacht hat. Gerade das Sühnopfer birgt in höherem Maße als jedes an- 
dere den Keim zu dieser höchsen Steigerung der Opferidee, und schon den 
primitiven Äußerungen dieser Opferform, wie sie in den Tabugeboten vor- 
kamen, fehlt auch das Opfer der Selbsthingabe nicht. So wird von Tahiti 
berichtet, daß, wenn Epidemien das Land verheerten, die Fürsten sich mit 
umstricktem Hals zur Sühne für das gebrochene Tabu darboten, während 
das übrige Volk fastete und betete. Das ist im Keime bereits dieselbe 
Idee, als deren erhabenste Verkörperung uns das Bild des Menschensohnes 
gilt, der die Sünden der Welt auf sich nimmt." ») Dieser freiwillige Opfer- 
tod hat sich aber nicht nur bis ins Altertum hinein erhalten, sondern, wie 
wir wissen, bis in die neueste Zeit und der am anfang berichtete Fall wird 
bei weitem noch nicht der letzte sein. 4 ) 



Von stud. med. Kurt W. F. Boas in Freiburg i. Br. 

17. 

Alkohol und Selbstmord im Lichte neuerer Statistiken. 
Schon seit langem ist es bekannt, daß der Alkoholismus eine der 
Hauptursachen zur Begehung des Selbstmordes ist, nicht nur beim Er- 



1) Vgl. meine Abhandlung über ,.Pic Beziehungen zwischen Aberglauben 
und Strafrecht* (Schweizerische» Archiv für Volkskunde" X, 1906) p. 30 f. 

2i Vgl. Westermarck, -Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe 4 *, 
Deutsch von Katseher (Leipzig 1 907 1 p. 3SS f. 

3> So Wilhelm Wundt in seiner unvergleichlich schönen -Völkerpsycho- 
logie" Bd. II Teil 2 (Leipzig 1906) S. 337. 

4) Auch sonst ist die Idee des Menschenopfers auch unter den modernen 
Kulturvölkern noch lebendig. Vgl. über Menschenopfer beim Schatzgraben mein 
Buch über , Verbrechen und Aberglaube" („Aus Natar und Geisteswelf Bd. 212, 
I^eipzig 190S. B. 0. Teubner) S. los ff. und über Bauopfer eben dort. S. 111 ff. 



Digitized by Google 



188 



Kleinere Mitteilungen. 



wachsenen. wie Thomayer 1 ) erst jüngst wieder an einer Serie von 51 
Selbstmordfällen zeigen konnte, sondern auch bei Kindern, eine Erscheinung, 
auf die Eulenburg 2 ) vor kurzem hingewiesen hat. 

Besonders nach der statistischen Seite von monographischen Bearbei- 
tungen fjP rinzing a ), Xu v rat 4 ) ganz abgesehen ist die Frage nach dem 
Zusammenhang zwischen Alkoholismus und Selbstmord behandelt worden 
und zwar so zahlreich, daß ich mich auf das Wichtigste beschränken muß. 

Gaupp") teilte seine Feststellungen an 60 Selbstmördern mit. Davon 
hatten 4 die Tat im alkoholischen Rausch und 5 im schweren akuten 
Kausche begangen. Hei 6 männlichen und weiblichen Individuen und 7 
weiblichen Selbstmördern, die in epileptischer Verstimmtlug Hand an sich 
zu legen suchten, spielte ein Alkoholexzeß mit. Endlich handelten auch 
25 psychopatisch veranlagte Männer meist unter dem Einflüsse des Alkohols. 

Die Zahl der Selbstmörder im preußischen Staate") betrug 
während des Jahres 1904 insgesamt 7290 (5652 Männer und 1638 Frauen). 
Bei mehr als einem Viertel, nämlich bei 1816 Selbstmördern wurde un- 
zweifelhaft Geisteskrankheit festgestellt. Als fernere Motive wurden angegeben : 



Der Alkohol ist danach in etwa 1 t aller Selbstmorde mittelbare oder 
unmittelbare Ursache des Selbstmordes. 

Baer") schreibt 12 Proz. aller Selbstmorde dem Alkohol zu, Brierre 
de Boismont s ) in Paris '/* Il 'l er Selbstmorde, David') in Dänemark 
17,5 Proz. 

Stelzner 10 ) fand unter 200 Selbstmordfällen (Frauen), die der psychi- 

1) Thomayer, Der Selbstmord im Lichte der klinischen Beobachtung 
Sbornik klinieky 1907. Bd. S p. 54. Ref. Zentralblatt für innere Medizin 1907 p. 216. 

2) Eulen bürg, Schülerselbstmorde. Zeitschrift für pädagogische Psycho- 
logie, Pathologie und Hygiene 1907, Bd. 9 p. 1. 

3) P rinzing, Trunksucht und Selbstmord. Leipzig 1905. 

4) Na v rat, Der Selbstmord. Wiener klinische Rundschau 11)07, No. 3, 4, 
5, 6, 7, 9, 10, 12, 14, 15, 16. 17. 

5) Gaupp. Klinische Untersuchungen über Ursachen und Motive des Selbst- 
mordes. Vierteljahrssehrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitäts- 
wesen. 1907. 8. Folge, Bd. 33 Suppl. Heft. 

6) Statistische Korrespondenz. 

7) Baer, Der Alkoholismus. Berlin 1S7S. 

6) Brierre de Boismont, Du suicide. Paris 1 

9) David, zit. nach Ollendorff Inaugural - Dissertation Greifswald 1905. 

10) Stelzner, Analyse von 200 Selbstmordfallen nebst Beitrag zur Prognostik 
der mit Selbstmonigedanken verknüpften Psychosen. Berlin 1906. 



Leiden : 



Zahl der Selbstmörder 



Nervenkrankheit 

Geistesschwäche 

Leidensehaften 

Trauer und Kummer 

Reue und Scham, Gewissensbisse 

Arger und Streit 

Körperliche Leiden 

Alkoholismus 



190 
19 
222 
175 
505 
132 
6S9 
697 



Digitized by Google 



Kleinere Mitteilungen. 



189 



attischen Abteilung der Berliner Charite zugingen, in 6 Fällen Alkoholismus 
als Ursache des Selbstmordes angegeben. 

Heller ') fand unter 300 «Selbstmördern 143 «= 47.6 Proz., die Spuren 
von AlkoholislHus bei der Sektion aufwiesen. 

Auch Grotwahl 2 ) ist der Ansicht, daß ein großer Teil der Selbst- 
mordfälle auf Alkoholismus zurückgeführt werden muß. 

Nach dem statistischen Materiale von 0 1 1 e n d o r f f ') fielen der Trunk- 
sucht durch Selbstmord 2477 von 334 S4 Selbstmördern zum Opfer (7.4 Proz.). 
Von den 26 5S7 Selbstmördern sind in dieser Krankheit aus dem Leben 
geschieden 23S6 = 8.9$ Proz., dagegen von den 0S07 Selbsmörderinnen 
nur 91 = 1,32 Proz. Hinzu kommen die an Säuferwahnsinn zugrunde ge- 
gangenen Mörder. 

In den 5 Jahren 1S9S — 1902 nahmen sich im Säuferwahnsinn im 
ganzen 825 Menschen = 2,46 Proz. aller Selbstmörder das Leben (männ- 
liche Selbstmörder: S04 = 3,02 Proz.: weibliche: 21 =0,3 Proz.). 

Alles in allem betrug die Zahl der an Alkoholismus zu gründe ge- 
gangenen Selbstmörder 3302 = 9,So Proz. alles Selbstmörder (männliche 
Selbstmörder: 3190 — • 12 Proz. : weibliche: 112 «= 1,62 Proz.) 

Diese Beobachtungen werden durch die neuesten Untersuchungen von 
Rothfuchs «) bestätigt. Unter 375 Selbstmordkandidaten, die in 5 Jahren 
lebend in das Hamburger Hafenkrankenhaus eingeliefert worden waren, 
wurde bei 4$ vollendete Geisteskrankheit, bei 13 Delirium tremens und bei 
15 pathologischer Bausch festgestellt 

Wesentlich anders lauten die Angaben von Gruner ') und Podest ä*'), 
Gruner gibt an, daß 4 Proz. aller Selbstmorde im deutschen Heere auf 
den Alkoholgenuß zurückzuführen seien. 

In den Sanitätsberichten der Manne seit 1S73/74 ist Trunkenheit nur 
in einem Falle als Ursache des Selbstmordes vermerkt, d. h. der Alkoholis- 
mus kommt als ursächliches Moment beim Selbstmord nur in 0,77 Proz. 
in Betracht. 

Zum Schluß ist es mir eine angenehme Pflicht, Hrn. Prof. Dr. Gaupp, 
sowie den Herren Dr. Dr. Grotwahl, Ollendorf, Nävrat und Po- 
desta für die freundliche gewährte Unterstützung bei Anfertigung dieser 
Arbeit meinen herzlichsten Dank auszusprechen. 



Ii Heller, Zur Lehre vom Selbstmorde nach 2m) Sektionen Münchener 
medizinische Wochenschrift 1900, No. 4$. 

2) <1 rot wähl. Beitrag zur Lehre vom Selbstmord. Inaugural-Pissertatiou 
Kiel 1901. 

3) Ollendorff, Krankheit und Selbstmord. Beiträge zur Beurteilung ihres 
ursächlichen Zusammenhanges. Inaugmal-Dissertation «ireifswald 1903. 

4i Rothfuchs. Über Selbstmordversuche. Münchener medizinische Wochen- 
schrift 1900, No.29. 

5) Gruner, Die Selbstmordhäufigkeit in der deutschen Armee in den letzten 
10 Jahren. Inaugural-I »issertation Berlin 1905. 

6) Podestä. Häufigkeit und Ursachen der .Selbstmordueipung in der Marine 
im Vergleich mit der Armee. Archiv für Psychiatrie 1905, Bd. 42, Heft 1. 
Sonderabdruck p. 12. 



Digitized by Google 



190 



Kleinere Mitteilungen. 



Mitgeteilt von Staatsanwalt Dr. Kersten in Dresden. 

18. 

Brandstiftung aus Furchtsamkeit. Am 17. April 1906 trat 
der wenige Tage zuvor aus der Schule entlassene und konfirmierte 
14'/* jährige K . der bis dahin bei seinen Eltern in D. gelebt hatte, in 
einem Nachbardorfe bei einem Gutsbesitzer als Knecht in Dienst. Er 
fürchtete sich, des Nachts allein in einem Seitengebäude in der ihm zu- 
gewiesenen Kammer zu schlafen. Als es in der folgenden Nacht witterte, 
lief er aus Angst mit brennender Laterne auf dem Hofe herum und 
nächtigte schließlich im Hauptgebäude auf einem Sofa. 

Um sich ans der ihm widerwärtig erscheinenden Lage, allein in 
dem Seitengebäude schlafen zu müssen, endgültig zu befreien, 
zündete der überdies von Heimweh erfüllte K. plangemäß am nächsten 
Abende, nachdem er bereits früh seine Habe in einer Scheune in Sicherheit 
gebracht hatte, das Seitengebäude an, das bis auf die Umfassungsmauern 
niederbrannte, wodurch ein Schaden von 5000 M. entstand. Während 
des Feuerlärms schlich K. heimlich unter Mitnahme seiner Sachen davon 
und kehrte nach Hause zurück. 

Anfänglich gab er nur zu, den Brand fahrlässig dnreh unvorsichtiges 
Wegwerfen eines Streichholzes verursacht zu haben, später legte er ein 
volles Geständnis ab. Er wurde zu einem Jahre Gefängnis, der gesetzlichen 
Mindeststrafe, verurteilt. 

Akten des K. Landgerichts Dresden 3A 223 06. 



Digitized by Google 



Besprechungen 



i. 

Hans Groß, Handbuch für Untersuchungsrichter als System der Krimi- 
nalistik, 5. Auflage, München, G. Schweitzers Verlag (Arthur 
Sellier) 1908. 

Gänzliche Umarbeitung des Werkes hatte die 4. Auflage angekündigt, 
weil die Kriminalistik in nicht weiter zu vertretender Weise eine rein 
theoretische und eine rein praktische Lehre vereinigt und vermengt. Die 
neue Auflage sollte dalier als System der Kriminalistik zwei Teile umfassen : 
I. Die theoretische Erecheinungslehre des Verbrechens; 2. Die praktische 
Untersuchungskunde. 

Nun liegt uns die 5. Auflage in zwei stattlichen und elegant aus- 
gestatteten „ Teilen" vor. Die Ankündigung des Vorwortes zur 4. Auflage 
ist nicht eingetroffen. Der Autor entschloß sich, die frühere Gliederung 
des Stoffes beizubehalten und tat wohl daran. Die radikale Umarbeitung 
des Handbuchs in ein System hätte uns nicht mehr den alten, liebge- 
wordenen »Groß" gebracht dessen Inhalt uns sämtliche Kultursprachen 
vermitteln; ein neues, fremdes Werk wäre uns gegenübergetreten, von 
dem wir nicht wissen, ob es das alte verdrängt hätte. Die zahlreichen 
Freunde des Buches, das als ausgeprägte Individualität mit charakteristischer 
Eigenart allenthalben Verbreitung, ja Popularität gewonnen, hätten den 
alten Freund nicht wieder gefunden, das alte Gesicht nicht wieder erkannt 
und die neue Auflage wäre der alten Feind, der Autor sein eigener 
Konkurrent, aus Einem „Groß" wären zwei geworden. So aber begrüßen 
wir den alten Freund in neuem Gewand; er selbst ist der alte geblieben. 

Wir müssen in diesen Blättern, bestimmt das große Werk zu ergänzen 
und fortzuführen, auf kritische Besprechung des «, Handbuchs" verzichten. 
Lob klänge wie Selbstlob und liefe dem guten Geschmack zuwider, Tadel wäre 
Selbsttadel und dieser ist in der Öffentlichkeit zum mindestens nicht üblich. 
Wir müssen uns daher bescheiden und zurückdrängen, was uns persönlich 
am Herzen liegt. Nur eine Bemerkung sei uns gestattet. 

Was das Buch „Untersuchungsrichter * nennt, kann nicht der Unter- 
suchungsrichter im juristischen Sinne der einzelnen Strafprozeßgesetze sein. Wir 
wollen uns an dieser Benennung nicht stoßen. Der Begriff erhebt sich 
hier aus der Art zur Gattung, aus der species zum genus. Er ist ein 
Sammelname, der sowohl polizeiliche, als auch staatsanwaltschaftliche und 
richterliche Organe umfaßt, mögen sie nun in der Voruntersuchung oder 
in einem früheren Stadium des Strafverfahrens tätig sein. So betrachtet 
wird die gewählte Bezeichnung auch demjenigen gerecht^ der treu zum 
Anklagegrundsatz hält und einem Rückfall in den Inquisitionsprozeß und 



Digitized by Google 



192 



Besprechungen. 



der Verlegung des Schwergewichte in das Vorverfahren nicht das Wort 
reden kann. 

Am besten ist es, das Werk für sich selbst sprechen zu lassen und 
darum beschränken wir uns auf eine kurze Anzeige. Nur auf die neu 
eingeführten Kapitel möchten wir ausdrücklich verweisen. Es sind dies 
„die nächste Umgebung des Körpers" im III. Abschnitt über die Auf- 
nahme des Lokalaugenscheins (Z. 4), Verwendung der Gerichtsärzte „bei 
Fragen der Linkshändigkeit u (V, 2 g), „Kindesmord 41 (XVI, Z. S) und „Selbst- 
mord" (XVI, Z. 9). 

Wichtig erscheint uns die Besprechung der beiden letzten Fragen im 
Buche. Den Begriff Kindesmord dehnt es über die streng strafrechtlichen 
Anschauungen hinaus. Wer ein einige Tage oder Wochen altes Kind 
tötet, dies aber vor, bei oder unmittelbar nach der Geburt bereits be- 
schlossen hatte, begeht nach Groß zwar strafrechtlich keinen Kindesmord, 
wohl aber kriminalanthropologisch und kriminalpsychologisch, denn Groß 
glaubt nicht mehr an die sogenannten physopathologischen Zustände 
(vgl. seinen ausgezeichneten Heidelberger Vortrag, Bd. 26, S. 67 ff. und 
Gleispachs vortreffliche Erörterungen, Bd. 27, S. 224 ff.). Da in 
allen Fällen Schwangerschaft geleugnet, nichts vorbereitet, im Geheimen 
entbunden und keine Hilfe gesucht wird, sind alle gleich zu behandeln, 
die ihr Kind sofort, bei oder einige Tage nach der Geburt töten. 

Selbstmord fällt nicht in den Wirkungsbereich der Kriminalistik, es 
wäre deun ein planierter u Selbstmord, d. i. ein Fall, wo Mord oder 
natürlicher Tod vorliegt, Selbstmord aber aus irgend einer Ursache vor- 
getäuscht wird. 

Wir haben das Buch einen Freund genannt. Man sagt, daß kleine 
Geschenke die Freundschaft erhalten. Der alte Freund schenkt uns eine 
solche Fülle, daß wir uns herzlich freuen, so oft der hebe Gast bei uns 
erscheint. Alfred Am sc hl. 

2. 

Bronn er: Von deutscher Sitt' und Art. München, Kellerer 1908. 360 S., 
4 Mark. 

Ein ganz prächtiges Büchlein für alle, die sich für deutsche hier vor- 
wiegend süddeutsche — Sitten und Gebräuche, die so viele Anzeichen alten 
Germanentums an sich tragen, interessieren. Und das sollte jeder Gebildete 
tun, nicht am wenigsten der Jurist, der nicht nur den Aberglauben, sondern 
auch die Gebräuche des Volkes kennen muß. Die Darstellung ist deshalb 
eine so reizvolle, weil vielfach in Dialogform, wodurch die vielen Daten 
an Trockenheit verlieren. Die Ausstattung in Druck, Holzschnitten und 
Photographien ist ausgezeichnet, das Ganze sehr preiswürdig. 

Dr. P. Näcke. 



3. 

Marie Hoff: Drei Jahre im Weiber-Zuchthaus. Zweites Tausend, Minden, 
Dresden, I>eipzig, 273 S. 3 Mark. 
Eine gebildete Frau wird wegen eines aus opferwilliger Liebe ge- 
schehenen Meineids zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie erzählt 



Digitized by Google 



Besprechungen. 



193 



(Pseudonym!) ihre dortigen Erlebnisse (wahrscheinlich das Zuchthaus zu 
Waldheim in Sachsen) und zwar nicht Pikanterie oder Radaus halber. 
Sie ist im ganzen mit der Verwaltung, den Vorgesetzten, der Nahrung etc. 
wohl zufrieden. Wichtig ist das Buch wegen der eingehenden Psychologie. 
Sicher kann weder der Verwaltungsmann, noch Arzt oder 
Geistlicher wirklich in das Innere der Gefangenen dringen, 
das sich vor ihnen meist verschließt, sondern nur 
ein Mitgefangener, dem sich alles offenbart. Und so 
sind solche Erlebnisse gebildeter und edler Menschen — und Verfasserin 
gehört sicher dazu — unendlich viel wichtiger, als die üblichen Psycho- 
logien der Verbrecher. Verfasserin findet (gegenüber Lombroso etc.) 
im ganzen die Menschen im Gefängnisse nicht anders als 
draußen, ihre Psychologie ist keine andere. Mit Recht weist sie aber 
auch auf noch manche reformbedürftige Punkte des Strafvollzugs hin, auf 
das traurige Schweigsystem, das sog. Pensum, die harten Arreste, die 
nicht immer glückliche Wahl der Aufseherinnen, die geringe Wirksamkeit 
der Geistlichen, ebenso der Fürsorge- Vereine für Entlassene etc. Sie glaubt 
nicht, daß im Zuchthause sich jemand bessere: für viele hält sie die Zellen 
für eine Wohltat. Jedenfalls ist es ein durchaus ernstes Buch, das sehr 
beherzigenswerte Wünsche darlegt. Dr. P. Näcke. 



4. 

Hermann Michaelis: § 175! Homosexualität in Sitte und Recht. Berlin, 
Dames, 1907, IIS 8. IM. 

Eine ganz ausgezeichnete, tief wissenschaftliche Darstellung der Homo- 
sexualität in Sitte und Recht, von den grauesten Zeiten an bis jetzt und 
bei allen Völkern und gar in einer solchen Reichhaltigkeit, daß jeder Kultur- 
historiker und wissenschaftliche Jurist seine Freude daran haben muß. Ver- 
fasser steht in allem ganz auf dem Standpunkte Hirschfelds und verlangt 
mit Recht Abschaffung des § 17 5, der so unheilvoll ist. Der Name 
.drittes Geschlecht- stammt vom Kaiser Severus und schon Aristoteles er- 
wähnt neben einer erworbenen Anlage zu Homosexualität, auch eine an- 
geborene. Bei den dorischen Stämmen zu Thera, Kreta, Sparta war die 
Homosexualität geradezu eine religiöse Institution. 

Dr. P. Näcke. 



5. 

1) Segeloff: Die Krankheit Dostojewskys, München, Reinhardt 1 1907, 74 S. 
2) Rahmer: August Strindberg, dito. Beides Heft II der ..Grenz- 
fragen der Literatur und Medizin "* ä 1,50 M. 

Es handelt sich hier um 2 höehstinteressante „Path<>graphien. u Seg- 
loff beweist strikte, daß der berühmte, von Juristen nicht hoch einzu- 
schätzende Dostojewsky, ein späterer Epileptiker, mit seltenen aber hef- 
tigen Anfällen war. Von Jugend auf war er offenbar ein Psychopath, mit 
vielen Wachträumen und ein Sonderling. Mystiker. Mit wunderbarer Schärfe hat 
er gerade wiederholt Epileptiker geschildert. Rahmer versucht bez. des Dichters 
Strindberg an der Hand einer Reihe von Romanen, die Selbstbekenntnisse 
mehr oder weniger sind, zu beweisen, daß jener in einer gewissen Zeit an 

Archiv für Krimin.lanthropologH». 30. Bd. 13 



Digitized by Google 



194 



Besprechungen. 



Wahnideen, Sinnestäuschungen, Angstzuständen, Selbstbeschuldigungen, Ver- 
sündigungswahn und Selbstmordgedanken litt, die ihn ruhelos umhertreiben 
ließen. Er litt nach Verfasser an „Melancholia moralis", die mit 40 Jahren 
einsetzte und 9 Jahre anhielt Ob die Diagnose richtig ist, bezweifelt 
Ref., auch ist es schwer sicher eine solche aus bloßen Autobiographien zu 
stellen. Am besten ist nnd bleibt stets die Diagnose durch 
eine Untersuchung in vivo seitens eines Psychiaters. Str. war 
Neuropath und erblich belastet. Ob sein Genie damit etwas zu tun hat, wie 
Verf. zu glauben scheint, ist dem Ref. mehr als fraglich. 

Dr. P. Näcke 



Ü. 

Lomer: Bismarck im Lichte der Naturwissenschaft, Halle, Marhold, 1907. 
159 S. 

Ein ganz ausgezeichnetes, fein psychologisch ausgearbeitetes Buch über 
den Titanen der Deutschen. Geist- und gedankenreich, in schöner Sprache, 
bei guter Ausstattung, liest sich dasselbe sehr angenehm. Verf. schildert 
genau das Milieu, den Stammbaum Bismarcks, seine Anthropologie, um das 
Wesen desselben klarzulegen und das ist ihm denn im ganzen wohlge- 
lungen. Er schließt mit den Worten: ..Dem Psychologen einer der feinsten 
Künstlerköpfe seiner Zeit, dem Anthropologen ein prächtiges Bild schaffens- 
freudiger Nordlandsrasse, dem Arzte aber ein Mensch, der unter seiner ge- 
nialen Anlage körperlich und geistig litt, wie noch jeder unter ihr gelitten 
hat, der einen Funken des göttlichen Feuers in sich trug." Jeder, der für 
Bismarck ein warmes Herz hat — und das sollte jeder Deutsche haben 
— muß dies Buch lesen, das zu jeder Biographie des großes Mannes ein 
notwendiges Supplement darstellt. Dr. P. Näcke. 



7. 

Bernaldo de Quirös: Las nuevas teorias de la criminalidad. Segunda 
ediciön, refundida. Madrid, hijos de Rens, 1908. 253 S. 5 pesetas. 

Die I. Auflage dieses in diesem Archive früher schon besprochenen 
höchst interessanten Werkes war 1898 erschienen. Jetzt machte sich eine 
2. Auflage nötig, die nicht nur vermehrt, sondern auch gänzlich umge- 
modelt und mit einer aus dem Französischen in das Spanische übersetzten 
Vorrede von Dr. Näcke in Hubertusburg versehen ist Das letzte Kapitel 
ist ganz neu hinzugekommen und ein willkommenes Register der ange- 
führten Autoren angefügt worden. Verf. verfolgt genau alle Fortschritte 
der theoretischen und praktischen Kriminalistik und tritt nur als sehr be- 
dingter Anhänger Lombrosos auf. Dr. P. Näcke. 



S. 

Albrecht: Fritz Reuters Krankheit. Halle, Marhold, 1097. 475. 1 M. 

Wer hätte nicht bedauert daß der köstliche und humorvolle Reuter, 
der so viele schöne Stunden uns bereitet hat, dem Trünke ergeben war? 
Da ist denn sehr tröstlich aus obiger, sehr hübsch geschriebenen Schrift 
zu erfahren, daß R. kein gewöhn lieber Trinker war, sondern an krank- 
hafter, periodisch er Trunksucht (Dipsomanie) litt, die immer durch Ver- 



Digitized by Google 



Besprechungen. 



195 



Stimmungen sich einleitete und schon vor seiner Haftzeit auftrat, durch 
letztere allerdings gesteigert ward. Woher diese endogene Veranlagung kam, 
wissen wir nicht. Dr. P. Näcke. 



9. 

Toulouse: Comment former un esprit. Paris, Hachette, 1908, 25S S. 

Es ist der 4. Band, den der geschätzte Pariser Irrenarzt über wichtige 
soziale Dinge für das große Publikum geschrieben hat. Klar, schön, stets von 
einer hohen Warte aus, schildert er gemeinverständlich, wie man lernen, be- 
obachten, urteilen, empfinden, handeln, sich andern gegenüber betragen, 
sein Selbst fördern, das Übel vermeiden soll etc. Kurz alles, was man als 
sozialeHygieneund Lebensphilosophie bezeichnen könnte. Die Ratschläge 
sind ausgezeichnete. Nicht Wissen hat die Schule beizubringen, vielmehr den 
Geist zu bilden, wozu dem Verf. die Naturwissenschaften am geeignetsten 
erscheinen. Kein Leser wird das Buch ohne Nutzen lesen. 

Dr. P. Näcke. 



10. 

Kulke: Kritik der Philosophie des Schönen. Leipzig 19ÜG, Deutsche Ver- 
lagsgesellschaft. 393 S. 
Der Herausgeber, Dr. Fr. Krauss in Wien, der vielseitige Gelehrte, 
hat sich ein entschiedenes Verdienst mit der Herausgabe des obigen Buches 
seines 1S97 verstorbenen Freundes Kulke gemacht. In scharfer, klarer 
Weise werden wir mit den vielen Problemen der Ästhestik und ihren Lö- 
sungen bekannt gemacht, um freilich am Ende das Bekannte zu erfahren, 
daß in der Unmöglichkeit der Demonstration des Schönen seine Schwäche 
und Stärke zugleich liegt. Auch die neueren Untersuchungen, fügt Kef. 
bei, souar die experimentellen, haben daran nichts geändert! 

Dr. P. Näcke. 



11. 

Sommer: Klinik für psvchische und nervöse Krankheiten. II. Bd. 4. H. 
Halle, Marhold, 1907. 3 M. 
Auch dies Heft enthält gute Sachen. Hervorzuheben sind die Arbeiten 
von Araky Uber psychische und nervöse Krankheiten im japanischen Heere 
während des letzten Krieges, dann ein Schema zur Untersuchung von 
Idioten und Imbezillen durch Prof. Sommer und endlich der Bericht über 
den internationalen Kurs der gerichtlichen Psychologie und Psychiatrie zu 
Gießen 15.-20. April 1907 durch Dannemann, der sehr bemerkens- 
wert erscheint Verf. schildert zunächst treffend und kurz die einzelnen 
Psychosen, ferner die Epilepsie und Hysterie, um länger bei ihrer forensen 
Bedeutung zu verweilen. D. möchte, daß der Imbezille mehr als bisher 
als geistesschwach entmündigt würde und am besten einen Berufsvormund 
erhalte. Ein großes Zugeständnis ist es jetzt, daß er zwar Syphilis bei 
Paralyse als conditio sine qua non bezeichnet, aber doch der endogenen 
Anlage eine „ gewisse Rolle 4 * beimißt. Eine partielle Zurechnungsfähigkeit 
gibt er, bis auf große Ausnahmen, nicht zu. Die Simulation behandelt er 
sehr genau. Ebenso interessant ist, was Verf. über die Notwendigkeit, 
den niederen Polizei beamten die Rudimente der Psychologie und Psychiatrie 

13* * 



Digitized by Google 



1D6 



Besprechungen 



beizubringen, sagt. Er macht auch darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, 
gleich nach der Tat den Täter eine Schriftprobe machen zu lassen, die 
zeigen könne, ob er nüchtern gewesen sei oder nicht. Wichtig ist es auch, daß 
der Nachweis einer Erinnerung an einzelne Tatmomente nicht gegen Epi- 
lepsie spricht. Epileptiker und Hysteriker fallen nicht ohne weiteres 
unter § 51. Prof. Mittermai er (Jurist) steht in der Rolle zwischen Klas- 
sikern und Modernen, läßt die Strafe als Vergeltung bestehen, also auch eine 
Schuld, die er aus einer relativen Willensfreiheit ableitet. Ebenso ist er ferner 
für die „ verminderte Zurechnungsfähigkeit.** A schaffen bürg endlich er- 
kennt weder einen speziellen Typus noch eine spezielle Psychologie des Ver- 
brechers an. Dr. P. Näcke. 

12. 

Probst: Edgar Allan Poe. Manchen 190b, Heinhardt, 05 S. i,20 Mark. 
Grenzfragen der Literatur und Medizin. 

Verfasser schildert vorzüglich das Leben eines typisch Entarteten, des 
berühmten Poe, der Epileptiker, Säufer iDipsomane) und Opiumesser war 
und gibt eine gute Analyse seiner Novellen etc., die alle pathologisch und 
Ausflüsse seiner Degeneration sind. Wenn er aber ziemlich scharf zwischen 
den Alkohol-, epileptischen- und Opium- Produkten trennen will, so ist das 
wohl mehr Willkür, wie aueli mehrere Behauptungen die Kritik heraus- 
fordern. Daß z. B. echte dichterische Produktion nur durch Perioden von 
Verstimmung und gehobener Stimmung möglich sei, hält Referent für 
falsch. Verfasser scheint Genie und Wahnsinn für sehr verwandt zu halten. 
Daß Angst vor dem Lebendigbegrabensein ein Degenerationszeichen sein 
soll, ist sicher übertrieben; ebenso ist es schwierig in einem Gedicht etc. 
Manie etc. zu finden. Alkohol tötet ferner die libido nur zuletzt: erst 
stachelt er dieselbe sogar auf. Auch sind viele Epileptiker ohne Neigung 
von Religiosität etc. Es erscheint immer gewagt, gewisse psychiatrische 
Sätze zu verallgemeinern, besonders vor Laien. Dr. P. Näcke. 



13. 

Lichtenstein: Der Kriminalroman. München 190S. Reinhardt 01 S. 
1,50 Mark. Grenzfragen der Literatur und Medizin. 

Verfasser schildert ziemlich eingehend und interessant die Technik des 
modernen Kriminalromans, dessen Vater Allan Poe war, von Gaboriau 
weiter ausgebildet wurde und in Doyles (ist Arzt!) Sherlock Holmes einen 
Höhepunkt erreicht. Der Detektiv, die Reamten. die Motive des Verbrechens 
und die kranken Verbrecher, ihre Ausführungsarten etc. werden besondere 
behandelt und am Schiuli der Fall Hau wieder hervorgeholt und die 
großen Fehler in diesem Prozesse nachgewiesen. Das ganze wird besonders 
den Juristen interessieren. Man darf wohl dem Verfasser beistimmen, daß 
der gute Kriminalroman belehrend wirken kann. Freilich wird man nie 
daraus psychologisch und soziologisch soviel lernen wie aus einem Romane 
Zulas oder Ral/.acs. Dem Verfasser scheint es unbekannt zu sein, daß in 
Deutschland von den spezifischen Lehren I/ombrosos die Meisten nichts 
wissen wollen. Dr. P. Näcke. 



Digitized by Google 



Besprechungen. 



197 



14. 

Lobedank: Der Stammbaum der Seele. Halle, MarhoM, 1907, 137 S. 
1,50 Mark. 

Verfasser bat es ausgezeichnet verstanden klar und präzis sein Thema 
populär darzustellen. Er weist nach, wie, mindestens sehr wahrscheinlich, 
alle die einzelnen sog. Seeleneigenschaften sich in Keimen bis zu den 
Protisten hin verfolgen lassen. Er ist Darwinist und Monist, drängt aber 
seine Weltanschauung niemandem auf, sodaß auch entgegengesetzt Denkende 
ohne Arger das Büchlein lesen können, das daher jedem bestens empfohlen sei. 

Dr. P. Näcke. 



15. 

Stadelmann: Psychopathologie und Kunst. Mit Bildtafeln. München, 
Piper, 1905. 5 t S. 

Der bekannte Psychiater sucht in höchst anregender Weise in das 
Wesen des Genies in seine Werke und zwar an der Hand bezeichnender 
Beispiele, einzudringen. Er findet, daß das Genie dem Grenzgebiet von 
Gesundheit und Krankheit angehört, aber Genie selbst sei nicht 
Psychose, wohl aber kann es dazu führen. Seine Psychologie ist im 
ganzen der normalen ähnlich, aber es mischen sich stark gesteigerte 
normale Symptome hinein. Infolge erhöhter Reizbarkeit, wie im An- 
fange der Ermüdung, wirken Ereignisse heftig ein und lösen mächtige 
Vorstellungen aus, die zu einer neuen Synthese führen, während beim 
Irren nur ein Zerfall entsteht. Jener weilJ, daß etwaige Halluzinationen 
keine Wirklichkeiten sind, dieser nicht. und ihm ist das Symbol Wirk- 
lichkeit. Zu „seelischen Dissozierungen" führen auch Gifte. Verfasser 
schildert dann 4 Typen von Genialen: den hysterischen Heinrich Heine», 
den paranoetischen (Blake, den katatonischen ( Hölderlin) und den epilep- 
tischen Typ (Edgar Poej. Das Ganze ist ausgezeichnet, fein durchdacht, 
doch möchte Referent glauben, daß Verfasser mehr den krankhaften 
Genialen zeichnet, daß es daneben aber sicher auch viele sehr gesunde 
( Goethe i gibt, die nichts oder nur wenig von erhöhter Reizbarkeit und Er- 
müdungserscheinungen aufweisen. Dr. P. Näcke. 



Di. 

Ebstein: Chr. D. Grabbes Krankheit. München, Reinhardt, 1906. 
Grenzfragen der Literatur und Medizin. 1906. 50 S. 1,50 Mk. 

Wer liest heute noch Grabbe? Und doch ist dies ein großer, wenn 
auch krankes Genie gewesen. Man lese z. B. nur den gewaltigen Herzog 
von Gotland oder Napoleon ! Verfasser schildert sehr hübsch weniger das 
Leben und die Werke Grabbes als die Krankheit desselben. Der Dichter 
war von Geburt an offenbar entartet, infolgedessen ward er Trinker, 
infizierte sich wahrscheinlich luetisch als Student und ging sehr wahr- 
scheinlich (V Ref.) an Tabes zugrunde. Dr. P. Näcke. 



Digitized by Google 



198 



Besprechungen. 



17. 

Rahm er: Aus der Werkstatt des dramatischen Genies. München. 1906. 
Reinhardt. 1 Mk. 43 S. Grenzfragen der Literatur und Medizin. 
I. Heft. 

Sehr interessante Schrift! Genie ist nicht zu definieren (vielleicht 
einmal doch! Ref.). wohl aber Phantasie. Verfasser zeigt nun an Schiller, 
Alfieri, Grillparzer, Hebbel, Ludwig und Kleist, daß ein enger Zusammenhang 
zwischen musikalischer Empfindung und dichterischer Phantasie besteht 
und sucht das psycho- und physiologisch zu begründen. Wenn bei obigen 
dies auch der Fall zu sein scheint, so möchte Ref. doch glauben, daß 
dieser Zusammenhang bei den Dramatikern, auch den großen, nicht die 
Regel, sondern eher eine Ausnahme bildet. Dr. P. Näcke. 



18. 

E. von Kupffer: Klima und Dichtung. München. 1907. Reinhardt 
68 S. 1,50 Mk. Grenzfragen der Literatur und Medizin. Heft 4. 

Äußeret geistreiche und feine psychologische Selbstbeobachtung eines 
Dichters über den Einfluß des Klimas im weiteren Sinne anf sein eigenes 
Dichten. Daher für den Psychologen von hohem Werte! Er weist den 
direkten und indirekten Einfluß dieses Faktors auch in den verschiedenen 
Künsten nach. Freilich scheint er ihn, glaubt Ref., doch wohl zu über- 
schätzen, aber da ist er wohl sicher, wenn auch oft unbemerkt oder 
verhüllt! Trotzdem Verf. I>aie ist, so denkt er ganz biologisch und sein 
Ausspruch die Geistesgeschichte werde zum Teil Psychophysik werden, 
scheint ein sehr richtiger zu sein. Dr. P. Näcke. 



19. 

Döll: Dühringwahrheiten. Leipzig, Thomas, 1U08, 159 S. 2 M. 

In einer Einleitung feiert der Herausgeber Dühring in überschwäng- 
licher Weise. Er ist nach ihm der .einzige Heros universeller Wissen- 
schaft ... In ihm hat die Natur offenbar das bis jetzt höchste . . . 
geleistet 1 -. Namentlich in den Naturwissenschaften und in der Mathematik 
soll er Unvergleichliches, Reformatorisches geleistet haben. Um nun dem 
Leser einen Vorgeschmack dieser Herrlichkeiten zu geben, läßt Döll eine 
Reihe größerer und kleinerer Bruchstücke — jedenfalls ausgesuchte Ware! — 
nationalökonomischen, historischen, literarischen, philosophischen etc. Inhalt* 
aus den zahlreichen Werken Dührings folgen. Über den Wert der speziell 
die Naturwissenschaften und Mathematik betreffenden Fragmente erlaubt 
sich Referent kein Urteil. In all den übrigen aber hat er so gut wie 
keinen originalen und geistreichen Gedanken gefunden! Alles 
nur bekannte Sachen, wüste z. T. unflätige Schimpfereien auf alle Größen 
der Wissenschaft und Literatur, auf Juden. Sozialisten, den Staat, die 
Juristen, die Mediziner, speziell die Psychiater etc. Daneben oft sehr alberne 
Wortspiele. Schiller ist ihm der . Schillerer ein ganz mittelmäßiger Mensch; 
Göthe -oder vielmehr Kothe" dito, der ein trauriger Charakter war und in 
-Koterei" macht. Bürger steht über beiden und ist der größte Liebesdichter 
der Weltliteratur! Wir ersehen ferner staunend, daß Kants Tiefsinn nur -Schief- 



Digitized by Google 



Besprechungen. 



199 



sinn" war und „zu wenig gedankliche Abstraktionskraft " zeigte. Der Jude 
Heine hat eine verbrecherische Anlage, Lessing hat in sich Judenblut und 
steht dem Werte nach „unter Messing-, Ganss ist ganz mittelmäßig etc. 
und heißt eigentlich „Gans". „Die Kolle sogenannter Psychiatrie ist 
durch die 99 % Urteilsschwäche und Unzurechnungsfähigkeit . . . eine 
gemeingefährliche geworden . . . tt So geht es in dulei jubilo weiter! An 
seiner Remotion von der Universität (1377) sind die Intriken zünftiger 
Gelehrten, besondere Virchow und Heimholte, die „Wissensstehler-, schuld etc. 
Kurz, die Bruchstücke werdeu kaum den Leser dazu verleiten, die Werke 
Dührings selbst in die Hand zu nehmen. Mit dem Zcitabstande vom Tode 
nahm und nimmt die Größe eines Nietzsche täglich zu. Dahin wird es 
kaum Dühring bringen, der am wenigsten Kritik an seine eigenen Sachen 
anzulegen scheint und Behauptungen auf Behauptungen aufstellt, ohne sie 
zu beweisen, wenigstens in diesen Bruchstücken! Dr. P. Näcke. 



20. 

Alsberg: Die Grundlagen des Gedächtnisses, der Vererbung und der 
Instinkte. München 1906, Reinhardt, 38 S. 1 M. Grenzfragen der 
Literatur und Medizin. 2 Bd. 

Verfasser versteht es ausgezeichnet komplizierte Verhältnisse klar und 
einfach darzustellen und dazu stets die neuesten wissenschaftlichen Errungen- 
schaften heranzuziehen. So auch bei dem obigen schwierigen Thema. 
Er zeigt, daß bei allen obengenannten Dingen im Grunde derselbe Vorgang 
stattfindet, und sich durch das „mneniische Prinzip" 1 Semons erklären läßt, 
d. h. daß jeder Reiz in der organischen Substanz einen Eindruck (Engramm) 
hinterläßt, und zwar sehr wahrscheinlich durch Umlagerung von Molekülen, 
und daß dieser dann durch gleichen oder ähnlichen Reiz wieder hervortreten 
kann („ekphoriert"). Das Nähere dieser schwierigen Materie kann hier 
nicht gut referiert werden, sollte aber von jedem gelesen werden, da darauf 
auch die ganze Onto- und Phylogenese, schließlich unserere ganze Kultur 
beruht Dr. P. Näcke. 



21. 

Ärztliche Obergutachten aus der Unfallversicherungs-Praxis. 
Leipzig 1906, 632 S. — Verlag der Fachzeitschrift „Die Unfall- 
versicherungs- Praxis". 

Die 120 Obergutachten meist erster Autoritäten, die die verschieden- 
sten Zweige der Medizin berühren, sind in der Mehrzahl sehr interessant 
und auch für den Laien verstehbar und lehrreich. Leider beziehen sich 
manche auf eine Zeit vor 10 Jahren und in dieser kurzen Spanne Zeit 
haben sich unsere wissenschaftlichen Ideen vielfach schon verändert Deshalb 
wäre es sehr zu wünschen, daß aller 5 Jahre eine solche Sammlung 
erschiene, die dann dem zurzeit bestehenden wissensthaftlichen Wissen 
ziemlich sicher entsprechen würde. Eine Reihe solcher Sammlungen würde 
aber auch schätzbare Beiträge zur Geschichte der Medizin abgeben. 

Dr. P. Näcke. 



Digitized by Google 



200 Besprechungen. 

22. 

Ziehen: Die Erkennung und Behandlung der Melancholie in der Praxis. 
Zweite, durchgesehene und verbesserte Auflage. Halle, Marhold. 
1907. 2 M. 

Diese Schrift erschien zuerst 1896. Jetzt, in der 2. Auflage, ist einiges 
Neue zugekommen. Es sind unterdes die Berliner Erfahrungen mit den 
früheren in Jena verglichen worden. Das Ganze ist trotzdem das Alte ge- 
blieben, namentlich des Verf. ablehnender Standpunkt in der Melancholie- 
lehre Kraepelin gegenüber. Nach ihm ist die echte Melancholie relativ 
häufig, besondere bei Weibern und im Klimakterium. Kraepelin läßt neuer- 
dings aber nicht einmal mehr die klimakterische Melancholie bestehen, son- 
dern rechnet sie zu seinem maniseh-depressiven Irresein. 

Dr. 1'. Nücke. 



28, 

Lanz: Theozoologie oder die Kunde von den Sodoms Äfflingen und dem 
Götter- Elektron. Wien, Moderner Verlag. 171 S. 2,50 M. Ohne 
Jahreszahl. 

Ein tief gelehrtes, vielfach anregendes, aber ganz verrücktes Buch. 
Auf dem darwinistischen Staudpunkt stehend will Verf. nachweisen, daß 
durch Vermischung der Lebewesen mit früheren allerlei Zwitterbildungen 
z. B. zwischen Mensch und Tier entstanden und nimmt alle darauf bezüg- 
lichen Bilder und Nachrichten der antiken Welt für bare Münze. Christus 
soll ein elektrisches Wesen gewesen sein etc. Alles ist mystisch und 
theosophisch ausgelegt Dr. P. Näcke. 



24. 

Die niederösterreichische Landes-, Heil- u. Pflegeanstalten 
für Geistes- und Nervenkranke .am Steinhof- in Wien. 
Festnummer der Psvch.-Neurol. Wochenschrift, v. S. Okt. 1907. 
Halle, Marhold. 

Am besagten Datum wurde eine neue, großartige Irrenanstalt in Wien, 
am Südabhange des Kahlenbergs eröffnet, die nicht nur die größte der 
Welt darstellt, sondern die best eingerichtete. Es handelt sich um eine 
ganze .. Irrenstadt. * 2200 Kranke können jetzt aufgenommen, doch kann 
eine Vergrößerung bis auf 4000 Personen vorgenommen werden. Neu ist, 
daß ein Sanatorium für mehr als 300 Personen wohlhabender Stände in 
dieser öffentlichen Anstalt sich befindet. Das vornehm ausgestattete Heft 
gibt Auskunft über die Geschichte der Wiener alten Anstalt für Irre, über 
Bau, Einrichtung, Beamtenstand etc. der neuen Anstalt. Das Ganze ist 
auch für den Laien sehr lesenswert. Dr. P. Näcke. 



Druck von J. B. Hirschfeld in Leipzig. 



Digitized by Google 



VIII 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen 

Sozialdemokratie 
im Anseht nß an den Parteitag zu Mannheim. 

Vortrag, gehalten im Kriminalistischen Seminar der Universität Berlin 

am 25. Juli 1907 

von 

Alftred Oborniker, Berlin. 



II nc suffit pas de uommer une st'-rie 
d'imperfcctions sociales existent de nos 
jours et de deniander leur reiornie l'une 
apres l'autre, il fant avatit tout rechercher 
si ces imperfeetions sont en rapport Hvec 
Ic Systeme economique existent, et pour- 
raient ötro eloignees saus atta«pjer le 
Systeme lui-meme. 

(Btmger, Criminalite - et Conditions eco- 
Domiqnea P. 246.) 

Durch die Schaffung der materialistischen Geschichtsauffassung 
hat Karl Marx den Weg frei gemacht zur soziologischen Betrachtung 
des Rechts. Nach Marx ist das Recht der Überbau, der sich auf der 
Gesamtheit der Produktionsverhältnisse erhebt, wechselnd mit den 
wechselnden Bedürfnissen der Gesellschaft. Es ist der zum Gesetz 
erhobene Wille der Herrschenden, der zum Inhalt hat ihre materiellen 
Lebensbedingungen ')• Seine (Aufgabe ist es, die Machtverhältnisse m 
der Gesellschaft, die sich ja aus den Produktionsverhältnissen ergeben, 
aufrecht zu erhalten '-) und jeden Angriff auf sie mit Entschiedenheit 
zurückzuweisen. Schutz [der Gesellschaftsordnung ist also das Ziel 
des Rechts. Daher wird je nach dem Wert, den die Gesellschaft dem 
einzelnen Gute beilegt, die Intensität des Schutzes gegen eine Ver- 
letzung des Gutes durch die Gesellschaft bemessen sein. Wie das 

1) Vgl. das kommunistische Manifest. Berlin 1904, Buchhandlung Vor- 
wärts. S. 21. 

2) Vgl. Karl Marx, Das Elend der Philosophie. Ii. Aufl. Stuttgart 1S95, S. Ü6: 
„Das Keoht ist nur die offizielle Anerkennung der Tatsache.-' 

Archiv för KriminaUnthropologie. 8D< Bd. 14 



Digitized by Google 



202 



VIII. Oboknikeb 



Strafrecht, das sich vom Zivilrecht nur durch den verstärkten Schutz 
der Rechtsgüter unterscheidet 1 ), uns zeigt, welche Güter von der 
Gesellschaft besonders hoch geschätzt werden, so gilt auch innerhalb 
des Strafrechts der Ausspruch Iherings: „der Tarif der Strafe ist der 
Wertmesser der sozialen Güter. Was der Preis für den Verkehr, das 
bedeutet die Strafe für das Kriminalrecht. Wer auf die eine Seite 
die sozialen Güter und auf die andere Seite die Strafen stellt, hat die 
Wertskala der Gesellschaft. Wie hoch steht das Menschenleben, die 
Ehre, die Freiheit, das Eigentum, die Ehe, die Sittlichkeit, die Sicherheit 
des Staats, die militärische Disziplin usw.? Schlage das Strafgesetzbuch 
auf, und du wirst es finden." 

Der heutige Staat ist nach sozialdemokratischer Anschauung 
infolge der kapitalistischen Produktionsweise ein Klassenstaat, und so 
muß auch die Justiz notwendig eine Klassenjustiz sein' 1 ). Und zwar 
hat die Justiz, da die besitzende Klasse die Macht in Händen hat, da 
sie die herrschende ist, ihre, die kapitalistischen Interessen zu ver- 
treten und jede Verletzung derselben auf das Schärfste zu ahnden 3 ). 
Je schroffer nun die Klassengegensätze werden, um so heftiger und 
häufiger werden die Angriffe der Besitzlosen gegen die Rechte der 
Besitzenden werden. Vermehrung des Proletariats bedeutet Vermehrung 
der Verbrechen 4 ; 5 ). 

Was wollen nun aber die Sozialdemokraten anders als diese 
Ordnung untergraben? Welches Interesse haben sie denn daran, die 
Verbrecher zu strafen, die Gesellschaft vor ihnen zu schützen ? Müssen 
sie nicht die Verbrecher als treue Bundesgenossen und Waffenbrüder 
willkommen heißen? Diese Frage ist entschieden zu verneinen. Vom 
Standpunkt der proletarischen Moral aus müssen mit aller Schärfe 
jene Verbrecher verurteilt werden, die um ihrer selbst, ihrer egoistischen 
Neigungen willen, die Rechtsgüter anderer vernichten, sie derselben, 



M Vgl. v. Liszt, Lehrbuch des deutsehen Strafrechts. 14. und 15. Aufl. 
Herlin 1905. S. 67. 

2l Hierzu vgl. vor allem Dr. Ludwig Frank, Neue Zeit, 23. Jahrg. S. 420 ff. 
und das Heferat Haases auf dem Parteitag der sozialdemokratischen Partei 
Deutschlands, abgehalten zu Mannheim Protokoll. Berlin 1906. S. 360 ff. Vgl. 
auch Otto Lang, Die Gerechtigkeit im Strafrecht. Sozialistische Monatshefte 
I9n:t, Bd. II S. 009. 

3) S. auch Anton Menger, Neue Staatslehre. Jena 1903, S. IST. 

4) Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 
Stuttgart 1S02, S. 119 ff., S. 139. 

5» Die bis hierher wiedergegebenen Gedankengänge bilden die Grundpfeiler 
der Anschauung der Sozialdemokratie über Strafrecht. Eine kritische Beleuchtung 
dieser Ideen kann natürlich hier nicht gegeben werden. 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutscheu Sozialdemokratie. 203 

ohne einen irgendwie begründeten Anspruch zu haben, berauben. 
Denn sie zeigen damit einen verdamnienswerten Mangel an sozialem 
Empfinden. Gerade dieses wird aber von den Proletariern als höchste 
Tugend geschätzt, denn es allein kann sie in ihrem Kampfe vorwärts- 
führen. Der soziale Sinn ist aber nicht nur die notwendige Vor- 
bedingung des erfolgreichen Kampfes, sondern auch des Bestandes 
der Zukunftsgesellschaft. Unklar und unzutreffend ist es, wenn 
Flüchtig ») meint, die Arbeiterschaft verurteile z. B. die Eigentums- 
verbrecher so hart wegen der mangelnden Charakterfestigkeit, die sich 
in der Tat zeige. Er hätte seinen Gedanken, den auch Mehring aus- 
spricht, daß der Dieb, der Betrüger etc. ein Ausbeuter ist, der ohne 
Arbeit auf Kosten seiner Mitmenschen lebt gleich dem durch die 
bürgerliche Rechtsordnung geschützten Kapitalisten, nur konsequent 
zu Ende denken sollen, und er hätte gefunden, was nach sozialdemo- 
kratischer Moral das Verurteilenswerte an dem Verbrecher ist 2 ). Auch 
spielt, wie von sozialdemokratischer Seite betont wird, bei dem Abscheu 
der Arbeiter vor dem Verbrecher, der Einfluß der heute herrschenden 
Moral eine große Rolle. 

Anderseits ergibt sich aus diesen Erwägungen, daß vom sozia- 
listischen Standpunkte aus ein Mann, der aus edlen Motiven zum 
Verbrecher wird, grundsätzlich ganz anders behandelt werden muß 
als der egoistische Gesetzesverletzer. Doch darüber unten! 

Nachfolgend seien zwei Äußerungen aus sozialdemokratischem 
Munde über diese Frage wiedergegeben 3 ). 

Flüchtig (a. a. 0.) schreibt: „So sind wir Arbeiter hineingewachsen 
in die kapitalistische Denkweise mit unserem Fühlen und Wollen. 
Diese Ordnung setzt das Eigentum über das Leben, und das tun wir, 
die Produkte dieser Ordnung, natürlich auch. 

Es ist aber noch ein anderer Grund, und wie ich annehme, ein 
viel stichhaltigerer, den daa organisierte Proletariat hat, Eigentums- 
vergehen härter zu verurteilen als andere; wir können im Klassenkampf 
nur I^eute gebrauchen, die über ein Mindestmaß von Charakterfestigkeit 
verfügen. Nun bildet sich im Klassenkampf gewiß der Charakter, 
und auch solche, die im bürgerlichen Leben Schiffbruch gelitten, 



1) Flüchtig, Zur Gcriehtschronik der Parteipressc. Neue Zeit, 24. Jahrg. 
1«05,07 I. Bd. S. S1U ff. 

2) Nicht nur auf die Festigkeit des Charakters, sondern vor allem auf die 
Gesinnung, die sich in der Tat widerspiegelt, kommt es an. Die Ausbeutung ' 
kann nur als Symptom der antisozialen Gesinnung in Betracht kommen. 

3) Sie sind m. W. die beiden einzigen Versuche, die Stellung der Sozial- 
demokratie zu den Verbrechern zu motivieren. 

14* 



Digitized by Google 



204 VIII. Oboknikkk 

können bei uns den Boden zu ihrer Veredlung finden ; aber wer, bevor 
er zu uns kam, sich außerhalb der bürgerlichen Ordnung stellte, 
indem er stahl oder betrog, bewies mit diesen Handlungen, daß er 
nicht Charakter genug besaß, den materiellen Widerwärtigkeiten wider- 
stehen zu können. Er verlor den Weg unter den Füßen, auf dem 
er zu uns kommen konnte; nicht dadurch, daß wir uns selbst Privat- 
eigentum anderer aneigen, sondern, indem wir durch die Eroberung 
der politischen Macht die Eigentumsverhältnisse umgestalten, werden 
wir zur persönlichen Anteilnahme an den Gütern gelangen. Wer sich 
„rechtlich" oder in offenem strafbaren Unrecht das Eigentum anderer 
aneignet, ist unser Gegner und mit dem System bekämpfen wir auch 
ihn. Ein „Dieb" ein „Betrüger" ist ein Ausbeuter, der ohne Arbeit 
auf Kosten seiner Mitmenschen lebt gleich dem durch die bürgerliche 
Rechtsordnung geschützten Kapitalisten. Seine innere Schwäche mag 
das Resultat sozialer Misere sein: sie ist aber da und macht ihn 
unmöglich für den Klassenkampf auf unserer Seite." 

Ahnlich äußert sich Mehring: 1 ) „Auch sucht Sursky den tieferen 
Grund dieser Erscheinung vollkommen zutreffend in den Anschau- 
ungen und Ansichten der breiten Parteimasse, in der die Ordnungs- 
vorsteil ungen der bürgerlichen Gesellschaft seit manchem Jahrhundert 
festgewurzelt seien. 

Es (die Verbrecher) sind Opfer, es sind Unglückliche, gewiß; 
aber der Aussatz der kapitalistischen Gesellschaft, den sie verkörpern, 
ist deshalb nicht minder scheußlich, und die Empfindung dieser 
Scheußlichkeit zu mindern, kann sicherlich nicht Aufgabe der sozial- 
demokratischen Presse sein. 

Es mag roh erscheinen, mit verächtlichen Worten von Menschen 
zu reden, von denen wir wissen, daß sie nur unglückliche Opfer der 
Gesellschaft sind, aber dann dürfen wir auch nicht mit leidenschaftlichen 
Worten die Träger der kapitalistischen Macht bekämpfen, die in ihrer 
Art ebenfalls Opfer der Gesellschaft und Unglückliche dazu sind, wenn 
anders die kapitalistische Verknüpfung der Intelligenz und die kapi- 
talistische Verseuchung der Moral ein Unglück ist. 

Es ist notwendig der Arbeiterklasse zu zeigen, daß die Verbrecher 
nur Produkte der Klassenherrschaft sind, aber es ist auch notwendig, 
den kräftigen Widerstand des Proletariats gegen die kriminalisierenden 
Tendenzen der Klassengesellschaft, von denen es in erster Reihe bedrängt 
wird, nicht durch sentimentale Schilderung der Verbrechen und der 

1) Mt'hrinjr, Zur Gerichtsehronik der l'arteipresse. Neue Zeit, 23. Jahrg. 
15MI5 I. Bd. S. "ü.Hff. Vgl. auch Sursky, Die (iciiehtsehronik in der Paiteiprcsse, 
ebenda !>. 7 ö> ff 



Digitized by Google 



Straf recht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 205 



Verbrecher abzuschwächen. Das ist nicht bürgerliche Moralfexerei, 
sondern eine notwendige Voraussetzung für den Sieg der modernen 
Arbeiterklasse: nur das arbeitende Proletariat vermag diesen Sieg zu 
erringen, das Lumpenproletariat verfault da, wo der Sumpf der Ge- 
sellschaft am tiefsten ist. 44 ') 

Aber noch ein anderer tieferer Grund zwingt m. E. die Sozial- 
demokraten schon heute zur Bekämpfung des Verbrechens. Sie sind 
Anhänger der Entwicklungs-, der Evolutionstheorie 2 ). Sie glauben 
hiernach, „daß die sozialistische Gesellschaft allmählich in die bürger- 
liche Gesellschaft hineinwächst 1 *. Je mehr die bürgerliche Gesellschaft 
sich entwickelt, um so stärker wird auch ihr Todfeind, das Proletariat. 
„Der Kapitalismus produziert seine eigenen Totengräber." Es ist das 
alte, unheimliche Lied von der Entwicklung, die Leben und Tod gleich- 
zeitig bedeutet. Das Verbrechen aber ist ein Hemmschuh der Ent- 
wicklung. Es lenkt das Auge von dem eigentlichen Ziele ab. Es 
zerstört Kulturwerte. Es zwingt zum Wiederaufbau. Kurz es ist in 
jeder Beziehung entwicklungsfeindlich, reaktionär. Es beseitigen heißt 
daher den Fortschritt begünstigen, die Menschheit weiterführen, — nach 
Anschauung der Sozialdemokraten dem sozialistischen Ideal entgegen. 

Haben wir jetzt erklärt, weshalb die Sozialdemokratie die Ver- 
brechen bekämpft, so wenden wir uns jetzt zu der Frage, wie sie sie 
bekämpfen will. — Auch nach Anschauung der Sozialdemokraten muß 
man zur wirksamen Bekämpfung der Verbrechen ihre Ursachen kennen. 

Jedes Verbrechen ist das Produkt aus der Eigenart des Ver- 
brechers einerseits und den den Verbrecher im Augenblick der Tat 
umgebenden gesellschaftlichen Verhältnissen andrerseits. Nun ist aber 
nach Marx die Eigenart des Verbrechers wiederum bestimmt durch 
das soziale Milieu, in dem der Verbrecher lebt. So sind es denn 
normaler Weise die sozialen, also letzten Endes die wirtschaftlichen 
Verhältnisse , die den Menschen zum Verbrecher machen 3 ). 

J) Vgl. das kommunistische Manifest (a.a.O.) S. 17: „Das Lumpenproletariat, 
diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Oesellschaft, wird durch 
eine proletarische Revolution steilenweise in die Bewegung hineingeschleudert 
seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären 
Umtrieben erkaufen zu lassen. 

2) Soweit die Sozialdemokraten noch Anhänger der Katastrophentheorio 
sind, werden sie diesen Oedankengang nicht vollständig anerkennen. Ein weiterer 
Grund, weshalb die Sozialdemokraten sich schon heute um die Verbrechen 
kümmern, ist m. E. der Umstand, daß gerade die Mitglieder der Arbeiterklasse 
besonders häufig mit dem Strafgesetz in Konflikt kommen. 

3» Danoben können die (iesetze selbst die Ursache von Verbrechen sein, 
wenn nämlich Recht zu Unrecht wird. Dies ist nach sozialdemokratischer 
Anschauung dann der Fall, wenn die Gesetze nicht die tatsächlichen Macht- 



Digitized by Google 



206 



VIII. Obornikek 



Diese Anschauung ist schon sehr alt. Bereits Plato meinte, daß es in 
einem wohl geordneten Staat keine Verbrecher geben könnte. — Thomas 
Morus rief den Herrschenden zu: «Was tut ihr? Ihr macht Leute zu 
Dieben, um sie später aufhängen zu lassen/ — Bettina von Arnim sprach 
das anklagende Wort: „Der Verbrecher ist des Staates eigenstes Ver- 
brechen." 4 — Holbach schrieb: „Der Staat errichtet Galgen für die 
Armen, während er selber es ist, der indem er Elend schafft, Diebe, 
Mörder, Missetäter aller Art erzeugt. Eine ungerechte Regierung weiß 
die Menschen nicht zu verwenden, sie macht Bettler draus, Land- 
streicher, Missetäter." 

Eine feste Stütze, wissenschaftlichen Boden, hat diese Auffassung 
von dem Verbrechen erst mit der materialistischen Geschichtsauffassung 
bekommen. Diese zeigt uns auch die Bahn zur Bekämpfung der 
Verbrechen. Die Wegweiser lauten: 

1. Sozialpolitik (generell). 

2. Hebung des Milieus des einzelnen, Beiseitigung der schädlichen 
Wirkungen des Milieus durch Erziehung etc. (individuell). 

Tüchtige Arbeit in dieser Richtung wird von Erfolg gekrönt sein. 
Dies bestreitet auch die Sozialdemokratie nicht. Aber, ausgehend von 
dem Satze, daß „das Verbrechertum in seiner heutigen Gestalt und 
Zusammensetzung eng verwachsen ist mit der kapitalistischen Gesell- 
schaftsordnung und aus ihr immer neue Nahrung saugt", eilt sie mit 
einem wahren Salto mortale zu dem Schluß, daß man das Verbrechen 
nur beseitigen könne durch den Sturz dieser Gesellschaftsordnung, 
daß „die Kriminalität bedingt ist durch die kapitalistische Gesellschafts- 
ordnung >). u So kommt sie auch dazu den Anhängern der modernen 

Verhältnisse wiedergeben. „Dies ist infolge der konservativen Natur der Gesetze 
sehr leicht möglich, ja eigentlich immer der Kall. 14 Vgl. zu diesem Punkt Haases 
Referat auf dem Mannheimer Parteitag la. a. 0.). 

1) Haase, Protokoll des Mannheimer Parteitags S. 141. Resolution Haaso 
zu Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug. These V Abs. 2: „Seit dem Er- 
starken der Arbeiterklasse und mit der Ausbreitung der sozialistischen Ideen hat 
auch unter den Vertretern der Rechtswissenschaft immer mehr die Einsicht Platz 
gegriffen, daß das Verbrechertum seine Wurzeln in den gesellschaftlichen Ver- 
hältnissen hat. Aber sie ziehen nicht die letzte Konsequenz. Das Verbrechertum 
in seiner heutigen Gestalt und Zusammensetzung ist eng verwachsen mit der 
kapitalistischen Gesellschaftsordnung und saugt aus ihr immer neue Nahrung. 
Es kann deshalb nur schwinden mit «1er Gesellschaftsordnung, in der es wurzelt. 
Und es ist eine Illusion anzunehmen, daß es durch ein — wie immer geartetes — 
Strafrecht in erheblichem Maße bekämpft werden künne.- Vgl. ferner Haase, 
Protokoll (a. a. 0.) S. H74. Gegen ihn sei bemerkt: Wenn man auch in der 
Gesamtlage der arbeitenden Klassen einen wesentlichen Faktor für die Krimi- 
nalität in der heutigen Gesellschaft erblickt (s. Haase a. a. 0. S. 374', so besagt 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Liebte der deutschen Sozialdemokratie. 2U7 

soziologischen Schule vorzuwerfen, daß sie auf halbem Wege stehen 
bleiben. Nach ihr muß der aufgeklärte Kriminalist, der es mit der 
Bekämpfung der Verbrechen ernst meint, sich von der heutigen 
Gesellschaftsordnung lossagen '). 

Selbst angenommen, daß es im Zukunftsstaat keine Verbrechen 
mehr gäbe, so ist dennoch der Vorwurf der Inkonsequenz gegen die 
Kriminalisten höchst ungerechtfertigt. Die Sozialdemokratie kann 
man einem Arzt vergleichen, der einen Patienten, welcher an einer 
unheilbaren Krankheit leidet, sanft ins Jenseits befördert, da er es für 
seine Pflicht hält, die Menschen unter allen Umständen von Krankheiten 
zu befreien und nur die Lebenden von Krankheiten geplagt werden 
können. — Die Bekämpfung der Verbrechen kann gerade nach 
materialistischer Geschichtsauffassung niemals Selbstzweck sein. Sie 
ist nur ein Mittel, die bestehende Gesellschaftsordnung aufrecht zu 
erhalten. Die Gesellschaftsordnung umstoßen, um die Verbrechen 
zu beseitigen, heißt das Mittel über den Zweck stellen, ist der Wider- 
spruch in sich selbst: ^Schutz durch Vernichtung/ Und so können 
wir im Gegensatz zu Gradnauer-), der wie die anderen Sozialdemokraten 
den Satz aufstellt: „der Kampf gegen das Verbrechen muß ein Kampf 
gegen die heutige Gesellschaftsordnung, muß ein sozialpolitischer sein/ 
sagen: der Kampf gegen das Verbrechen ist und muß sein ein Kampf 
für die Gesellschaftsordnung, muß ein sozialpolitischer sein. 

Aber weiter! Wer garantiert dafür, daß im Zukunftsstaat die 
Verbrechen verschwunden sein werden? Die allgemein gültige Ur- 
sache der Verbrechen ist der wahre oder vermeintliche Widerstreit 
der Interessen. 3 ) Er wird bleiben, solange es eine Geschichte geben 

dies doch niehts für die Kriminalität in einer anderen Gesellschaft Die Ver- 
brecherwelt selbst wandelt sich mit der Änderung der Gesellschaftsordnung. Nur 
soviel können wir aus dieser Erfahrung entnehmen, daß heute eine wirksame 
Verbrecherbekämpfung ihr Hauptaugenmerk auf die Hebung des Proletariats zu 
richten hat. Dieselben Fehler wie Haase macht Gradnauer: Das Klend des Straf- 
vollzugs. Berlin 1905, S. 81. Das Nähere s. oben. 

1) Das ist die herrschende Meinung in der Sozialdemokratie. Vgl. be- 
sonders Haase (s. Anm. 1 S. 2<>6>, Gradnauer a. a. 0. S. SO ff., Paul Hirsch, Ver- 
brechen und Prostitution als soziale Krankheitserscheinungen. Berlin 1S97, S. 71, 
Sozialistische Monatshefte, 1. Jahrg. Kritik zu Lino Ferriano. Minderjiihrigo 
Verbrecher. 

2) Gradnauer (a, a. 0.) S. Sl. 

3) Vgl. hierüber N. N. Strafrecht, Strafverfahren und Strafvollzug. Die 
Zukunft. Sozialistische Revue. 1. Jahrg. 1*>77 ,79. -Das einfachst»' wäre, um 
Verbrechen zu verhüten, die Interessen aller in Harmonie zu bringen.- — Wenn 
nur das Einfachste nicht das um wenigsten Einfache wäre! Und ist das Ein- 
fachste auch immer das Beste? 



Digitized by Google 



208 



VIII. Obornikek 



wird '). Wer kann glauben, daB der Zukunftsstaat der Staat für alle 
Zukunft sei, daß in ihm die Harmonie zwischen dem Streben aller 
gewährleistet sei, kurz, daß er das Ende der Geschichte bedeute! 
Marxistisch ist diese Anschauung auch nicht 

So haben wir denn auch im Zukunftsstaat den Keim zum Ver- 
brechen. Welche Blüten er treiben wird, wird sich nach der ganzen 
Organisation der Zukunftsgesellschaft richten. Gewiß kann der 
Widerstreit der Interessen durch die besondere Organisation einer 
Gesellschaft mit hervorgerufen und verschärft werden. Auch unsere 
Gesellschaft hat in dieser Beziehung kein allzukleines Sündenregister. 
Warum aber soll gerade die sozialistische Gesellschaft keine solche 
Schwächen haben?-) Selbst wenn man die sozialistische Gesellschaft 
als die höhere Entwicklungsstufe gegenüber der bürgerlichen Gesell- 
schaft anerkennen sollte, so braucht man sie doch nicht als die höchste 
Entwicklungsstufe oder gar als vollkommene Gesellschaft zu schätzen. 

Die Sozialdemokraten selbst sind verschiedener Ansicht über das 
Problem : Zukunftsstaat und Verbrechertum. 

Bebel 3 ) glaubt, daß es im Zukunftsstaat keine Verbrecher mehr 
geben wird. Er entwirft uns folgendes Bild von dem Zukunftsstaat: 
,.Man kennt weder politische Verbrechen und Vergehen mehr, noch 
gemeine. Die Diebe haben aufgehört, weil jeder in der neuen Gesell- 
schaft seine Bedürfnisse leicht und bequem gleich allen anderen durch 
ehrliche Arbeit befriedigen kann. Stromer und Vagabunden existieren 
auch nicht mehr. Mord? Weshalb? Es kann keiner am anderen 
sich bereichern, Meineid, Urkundenfälschung, Betrug, Erbschleicherei, 
betrügerischer Bankerott? Das Privateigentum fehlt, diese Verbrechen 
haben also gar keinen Boden mehr. Brandstiftung? Wer soll daran 
Freude oder Befriedigung suchen, da die Gesellschaft ihm jede 
Möglichkeit zum Haß nimmt. Münzverbrechen? „Ach, das Geld ist 
nur Chimäre/ der Liebe Müh wäre umsonst. Iteligionsschinähung? 

I) Dabei soll nicht geleugnet werden, daß mitzunehmender Kultur auch die 
Solidarität zunimmt. Aber zunehmende Kultur bedeutet auch zunehmende 
Differenzierung, zunehmende Solidarität Verfeinerung sozialen Empfindens, beides 
Faktoren gesteigerter Kriminalität. Die weitere Ausführung dieser Gedanken 
muß hier leider unterbleiben. Vgl. hierzu: Enrico Ferri. Sozialismus und moderne 
Wissenschaft. Obere, von Kurella. Leipzig 1S95, insbes. S. 27 — 3S. 

2> Paul Hirsch a. a. 0. S. 02 schließt sich Quetelets Ausspruch an: „Jede 
Gesellschaftsform bedingt eine gewisse Zahl und Art von Verbrechen, die not- 
wendig aus ihrer Organisation hervorgehen." Warum windet er nachher S. 7 t 
diesen Satz nicht auch auf die Zukunftsgesellschaft an? 

3} Bebel, Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Hottingen- 
Zürich IVv). S. 17«. 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug iui Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 209 

Unsinn; überlaßt dem „allmächtigen und gütigen Gott" zu bestrafen, 
wer ihn beleidigt, vorausgesetzt, daß man sich um die Existenz Gottes 
noch streitet/ 

Viel skeptischer blickt H. Lux ') dem Zukunftsstaat entgegen. 
Er behandelt unsere Frage allerdings nicht direkt. Er erkennt an, 
daß Hunger und Liebe nicht die einzigen die Verbrechen erzeugenden 
Elemente sind. Nur 60 Prozent aller Verbrechen sind nach ihm 
zwanglos aus den bestehenden Verhaltnissen erklärt. — 

Haase ist vom reinsten Optimismus in seinem Referat, (a. a. 0.) 
r Mit diesen Ursachen (Struktur der Gesellschaft) schwindet auch das 
Verbrechertum" ruft er aus. In seiner Resolution sind ihm scheinbar 
Bedenken aufgestiegen. Vorsichtig spricht er hier von dem „Ver- 
brechertum in seiner heutigen Gestalt und Zusammensetzung/ Jeden- 
falls ist er der festen Überzeugung, daß in der Zukunftsgesellschaft 
das Verbrechen als „Massenerscheinung* beseitigt sein wird. 2 ; Diese 
Anschauung darf man mit Recht als die herrschende in der Sozial- 
demokratie bezeichnen. 

Nur die Verbrecher, die aus Not (abgesehen von den politischen 
Verbrechern) oder durch schlechte Erziehung auf Abwege gekommen 
sind, werden nach Ansicht von I. Iug\ver a ) im Zukunftsstaat ver- 
schwunden sein. 

Heine ') unterscheidet Verbrechen, die Verhältnisse zur Ursache 
haben, welche Produkte einer bestimmten gesellschaftlichen Periode 
sind — diese bezeichnet er als wechselnde soziale Faktoren — und 
Verbrechen, die in jeder Gesellschaft vorkommen, weil ihre Gründe 
im Wesen jeder Gesellschaft liegen. Mit Recht bemerkt ferner Heine, 
daß die Hebuug des Volks in geistiger Beziehung auch eine Vcr- 
feinernng des Sittlichkeitsgefühls mit sich bringe, sodali später manches 
als Verbrechen angesehen werden wird, was heute noch nicht als 
anstößig empfunden wird. 

Ganz abseits wandelt Edmund Fischer. 5 ) Er schreibt: „Immer 
noch hält man in unseren Reihen an der Auffassung fest, daß die 

1) Dr. fl. Lux. Sozialpolitisches Handbuch. Das Verbrechen. S. 1-13 ff. 

2) Vgl. Haase, Referat a. a. 0. S. 374. Im übrigen spricht Haa.se auch 
hier S. 373 von dein Verbrechertum „in seiuer heutigen (.i estalt und Zusammen- 
setzung*, um dann den Sprung zum Verbrechertum überhaupt zu machen. 

3| J. Jugwer. Der Strafzweck, die Strafe und der .Strafvollzug. Neue Zeit 
21. Jahrg. 2. Bd., S. 626 ff. 

4) Heine, Strafrecht. Strafprozeß und Sttafvollzug. Sozialistische Monats- 
hefte Bd. II S. 744 ff. 

5) Edmund Fischer, Laieubemerkungeu zur Reform des Straf rechts. Sozia- 
listische Monatshefte Bd. I S. 4>7 ff. 



Digitized by Google 



210 



VIII. OUOKNIKKK 



Verbrechen nur Produkte der sozialen Verhältnisse seien, daß sie mit 
besseren sozialen Zuständen im allgemeinen verschwinden werden. 
Diese Auffassung halte ich für eine durchaus irrige. . . . 

So wenig, wie die Trunksucht, die Prostitution und die Krank- 
heiten allgemein nur den sozialen Verhältnissen entspringen, lassen 
sich die Verbrechen in erster Linie durch die Soziologie erklären. •) 
Und solange es Menschen geben wird aus Fleisch und Blut, beherrscht 
von Leidenschaften, behaftet mit guten oder schlechten Eigenschaften, 
Liebe und Haß, Eifersucht und Neid, Ehrgeiz und Egoismus und 
solange es Krankheiten geben wird, die im Körper und Geiste anor- 
male Zustände hervorrufen, die sich noch dazu vererben, solange 
wird es Verbrecher geben, vor denen man sich schützen muß." 2 ) 

Aber wie man auch Uber den sozialdemokratischen Zukunftsstaat 
denken mag, wer schon heute die Verbrechen bekämpfen will, muß 
von den bestehenden Verhältnissen ausgehen. Jedes Strafrechts- 
progamm muß, wenn es nicht in der Luft schweben, wenn es nicht 
zu ewiger Unfruchtbarkeit verdammt sein soll, mit den vorliegenden 
Machtfaktoren rechnen, sich in der Grenze des Erreichbaren halten. 3 ) 
Geraume Zeit haben die Sozialdemokraten gezaudert, bevor sie sich 
zur Mitarbeitung an der Ansgestaltung des Strafrechts bereit fanden. 
Einseitig legte man zunächst auf die Besserung der ökonomischen 
Verhältnisse alles Gewicht in dem Glauben, alles andere werde sich 
schon von selber finden. Es fehlten der Partei wohl auch geschulte 
Juristen. So schreibt denn auch Menger *) mit Recht: 

„Zwar verfügt der Sozialismus in Deutschland über zahlreiche 
ausgezeichnete Schriftsteller, aber diesen mangelt das juristische Fach- 

1) Vgl. auch Fern. Da9 Verbrechen als soziale Erscheinung Leipzig 1S% 
S. 6G. „Selbst die verbreitetsto Ausiclit, daß das Verbrechen nur das Produkt 
der Gesellschaft ist, erscheint mir einseitig und unbefriedigend. - 

2) Vgl. zu dieser Krage auch Anton Menger a. a. 0. S. ISN. „Die Ver- 
gehen i Verbrechen, Vergehen und Übertretungen) richten sieh entweder unmittel- 
bar gegen die Person und sind dann von der herrschenden Gesellschaftsordnung 
unabhängig. (Personalvergehen.) Oder sie enthalten Verletzungen der durch die 
Rechtsordnung anerkannten Hechte und müssen daher mit deren Umgestaltung 
tiefgreifende Änderungen erleiden" i Hechtsvergehen ) 

.'?) Heine. Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug. Sozialistische Monats- 
hefte. Hiü6. Bd. II S. 744 ff. „Ein sozialdemokratischer Parteitag hat in erster 
Reihe Stellung zu nehmen zu den vorliegenden Fragen der praktischen Politik, 
also mit den gegenwärtigen sozialen Verhältnissen zu rechneu; dishalb wird er bei 
seinen kriminalistischen Reformismen immer prfifen müssen, wie diese in der 
jetzigen Gesellschaft ausgeführt werden könnten und wirken würden. u (S. 745.) 

4) Anton Menger. Das bürgerliche Hecht und die besitzlosen Volksklassen, 
Tübingen. 1904. Ö, 2. 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 211 



wissen, das zur erfolgreichen Kritik eines so umfassenden Gesetzeswerks 
(das bürgerliche Gesetzbuch ist gemeint) unentbehrlich ist. Auch ist die 
Kritik des deutschen Sozialismus infolge des Einflusses von Uissalle, 
Marx und Engels fast ausschließlich auf die wirtschaftliche Seite unserer 
Zustände gerichtet, obgleich die soziale Frage vorherrschend ein Problem 
der Staatslehre und der Rechtswissenschaft ist.* Tief empfanden die 
Sozialdemokraten in neuerer Zeit diesen Mangel. Charakteristisch 
hierfür ist eine Äußerung von Sureky ')• -In dem wissenschaftlichen 
Suchen und Forschen auf dem Gebiet der Kriminalität haben* die An- 
hänger des wissenschaftlichen Kommunismus sehr wenig geleistet." 

Nur ganz vereinzelt finden wir in den Schriften von Marx, 
I^assalle und Engels Goldkörnchen praktischer Kriminalpolitik. Noch 
bei der Schaffung unseres Strafgesetzbuches flössen die heute so reich- 
lich sprudelnden ßrünnlein sozialdemokratischer Beredtsamkeit außer- 
ordentlich spärlich. Auch nicht eine einzige größere Rede wurde im 
Reichstag vom Stapel gelassen. Herr von Schweitzer begnügte sich 
damit, eine dürftige Zusammenfassung dessen zu geben, was Lassalle 
in seinem System der erworbenen Rechte von der Rückwirkung neuer 
Strafgesetze auf bereits abgeurteilte Verbrechen mit überzeugender 
Kraft dargelegt hatte 2 ). 

Liebknecht und Blum, die noch sprachen, vermieden es ebenfalls 
sorgfältig, ihre prinzipiellen Anschauungnn in größerer Rede darzu- 
legen. — Im Gothaer Programm finden wir folgende, mit der Krimi- 
nalpolitik in mehr oder weniger engen Zusammenhang stehende Punkte: 
Teil 3 Punkt 1 und b, Teil 4 Punkt 3— 7 s ). Mehr gilt schon das 

1) Michael Sursky. Zu der neuesten Literatur Ober die wirtschaftlichen 
Ursachen der Kriminalität. Neue Zeit. 23. Jahrg. 1905. 1kl. 2 S. «2>ff. 

2) Lassalle. Das System der erworbenen Hechte. Ausgabe von Blum. 
Leipzig. Ted I § 12. S. 273 ff. Seine Ansicht über dio Hückwirkung der 
Strafgesetze auf Verbrechen kommt am besten in den folgenden Worten von 
ihm zum Ausdruck: „Es ergibt sich also hieraus, daß die Anwendung des 
neuen günstigeren Strafgesetzes ebensowohl, wenn es eine bestimmte Art von 
Strafen |z. B. Todes-, Pranger-, Prügelstrafe) ganz aufhebt, als wenn es Hand- 
lungen, die bisher mit Strafe bedroht waren, der Ponalität entkleidet, eine 
absolute Forderung des Begriffes ist, und zwar ganz ebensosehr in 
dem Fall, wo nur das Vergehen vor dem neuen Gesetz begangen, als in den- 
jenigen, wo auch der Kriminalprozeß bereits angängig, als endlich in dem Fall, 
wo bereits ein rechtskräftiges Urteil vorliegt. S. 273 71. 

8) Gothaer Programm. 
HI A. Abschaffung aller Ausnahmegesetze, namentlich der Preß-, Vereins- 
und Versammlungsgesetze, überhaupt aller Gesetze, welche die freie 
Meinungsäußerung, das freie Denken und Forscheu beschränken. 
5. Rechtsprechung durch das Volk. Unentgeltliche Hechtspflege. 



Digitized by Google 



212 



VIII. Obormker 



Erfurter Programm im besonderen Teil, Abschnitt 1 Punkt IV, VIII 
und Abschnitt 2 (sozialpolitische Schutzgesetze) I b, c, e, III, IV »). 
Besser aber als aus dem Programm, das unmöglich alle Forderungen 
aufzählen kann, lernen wir die Anschauungen und Wünsche der 
Sozialdemokratie bezüglich des Strafrechts und Strafvollzugs aus ihrer 
Tätigkeit im Reichstag kennen. Bereits in der zweiten Ilälfte der 
siebziger Jahre fangen die Sozialdemokraten an, sich auf unserem 
Gebiet in größerem Maße praktisch zu betätigen, Anträge einzubringen 
u. s. w.' Nicht zum geringsten führte der Umstand die Sozialdemo- 
kratie zu einer intensiveren Beschäftigung mit den Problemen der 
Kriminalpolitik, daß viele Sozialisten die Freuden des Strafvollzugs 
selbst zu kosten erhielten. Heute nimmt die Sozialdemokratie vielleicht 
den lebhaftesten Anteil von allen Parteien an den Justizdebatten. 
Den vorläufigen Abschluß der theoretischen Entwicklung sehen wir 
in dem Mannheimer Parteitag vor uns. Hier hat der (damalige) Reichs- 
tagsabgeordnete Rechtsanwalt Haase eine Reihe von Thesen über 
Strafrecht, Strafvollzug und Strafprozeß vorgelegt, die nach Singers 
Worten „als der Ausdruck der Meinung der sozialdemokratischen 
Partei angesehen werden können 4 , und die mit überwiegender Mehr- 
heit angenommen worden sind -). In diesen Thesen sind durchweg 

IV 3. Unbeschränktes Koalitionsrecht. 

4. Ein den Gesellschaftsbedurfnissen entsprechender Normalarbeitstag. Ver- 
bot der Sonutagsarbeit. 

5. Verbot der Kinderarbeit und aller die Gesundheit und Sittlichkeit 
schädigenden Frauenarbeit. 

6. Schutzgesetze für Leben und Gesundheit der Arbeiter. Sanitätliche 
Kontrolle der Arbeiterwohnungen. Überwachung der Bergwerke, der 
Fabrik-, Werkstatt- und Hausindustrie durch von den Arbeitern ge- 
wählte Beamte. Hin wirksames Haftpflichtgesetz. 

S. Regelung der Gefängnisarbeit. 

1) Erfurter Programm. 

Teil II Absehn. 1 Nu. IV. Abschaffung aller Gesetze, welche die freie 
Meinungsäußerung und das Hecht der Vereinigung und Versammlung einschränken 
oder unterdrücken. 

Teil II Abschnitt 1 No. b. Abschaffung der Todesstrafe. — (Die anderen 
Bestimmungen behandeln den Strafprozeß ) 

Aus dem Abschnitt 2, der sich im wesentlichen mit Teil IV des Gothaer 
Programms deckt, seien nur hervorgehoben: 

No. III. Hechtliche Gleichstellung der landwirtschaftlichen Arbeiter 
und der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern. Beseitigung der Gesinde- 
orduungen. 

IV. Sichorstellung des Koalitionsrechts. 

2) Die Forderungen der Sozialdemokraten bezügl. des Strafrechts und 
Strafvollzugs seien hier wiedergegeben. Diesen Forderungen geht eine 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 213 

Forderungen enthalten, die in der bürgerlichen Gesellschaftsordnung 
verwirklicht werden können, und es ist ein gut Stück praktischer 



ziemlich eingehende Begründung voraus. Vgl. Protokoll des Mannheimer Partei- 
tags: a. a. 0. S. 140 ff. 

A. Forderungen auf dem Gebiete des Straf rechts. 

1. Eintritt der Strafmündigkeit frühestens mit dem vollendeten sechzehnten 
Lebensjahr. 

2. Beseitigung aller dehnbaren Begriffe aus dem Strafgesetzbuch und scharfe 
Prazisierung der Strafvorschriften. 

3. Beseitigung aller Stnifbestimmungen, gegen die freie Meinungsäußerung 
und das freie künstlerische Schaffen, wie gegen die Bestrebungen auf Verbesserung 
der Lebenslage der Arbeiterklasse. 

Dagegen Schutz der Arbeitskraft gegen Ausbeutung und Erweiterung des 
Notstandsrechts. 

4. Aufhebung des Landesstrafrechts (der laudesgesetzlichen Forst- und 
Felddiebstahlsgesetze, der Ausnahmegesetze gegen Landarbeiter und Gesinde). 

Reichsgesetzliche Regelung des Polizeistraf rechts unter genauer Begrenzung 
der Polizeibefugnissc und Eindämmung der Polizeiwillkür. 

Abschaffung der Strafen wegen Betteins, Landstreichern*, Nichtbcschaffung 
eines Obdachs. 

Anerkennung und Sicherung des Rechts auf Strcikpostenstehon. 

5. Abschaffung der Todesstrafe. Beseitigung aller Mindeststrufinaße. Zu- 
lassung mildernder Umstände bei allen strafbaren Handlungen. Mildere Be- 
strafung der Eigentums vergehen. Bestrafung der Entwendung von Gebrauchs- 
gegenständen zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse sowie von Arbeits- 
materialien von nicht erheblichem Wert nur als Übertretung. Weitgehende 
Zulassung der bedingten Verurteilung. Zulässigkeit der Geldstrafe für alle straf- 
baren Handlungen an Stelle der kurzzeitigen Freiheitsstrafe. Festsetzung einer 
mäßigen Maximaihöhe für die Geldstrafe bei Übertretungen. Bemessung nach 
der Höhe des Einkommens bei allen anderen strafbaren Handlungen. 

Beseitigung des Rechts auf Überweisung an die Landespolizeibehörde und 
auf Stellung unter Polizeiaufsicht. 

B. Für den Strafvollzug. 
1. Der Strafvollzug ist durch Reiebsgcsetz einheitlich so zu gestalten, daß 
er nicht zur Niederdrückung und Peinigung der Verurteilten, der Opfer der 
bestehenden Gesellschaftsordnung, sondern zur Stärkung ihrer körperlichen, 
geistigen sittlichen Widerstandskraft im Kampf ums Dasein führt. Abzuschaffen 
sind das Schweigegebot und die brutalen Disziplinarstrafen. 

2. Für Jugendliehe bis zum vollendeten 2i>. Lebensjahre sind besondere An- 
stalten unter pädagogischer Leitung, für geistig Minderwertige uuter pädagogischer 
und ärztlicher Leitung zu errichten. 

3. Ist der Zweck des Strafvollzugs erreicht, so ist der Verurteilte auch 
vor Ablauf der Strafzeit zu entlassen. 

4. Dem Entlassene« gegenüber hat der Staat eine Fürsorgepflicht zur Be- 
schaffung von Arbeit. 

Diese Forderungen sind zum großen Teil schon von der modernen sozio- 
logischen Schule, insbesondere von ihrem Führer Professor v. Liszt aufgestellt 



Digitized by Google 



214 



VIII. Oboknikek 



Politik, das die sozialdemokratische Partei, mit der Durchsetzung 
dieser Forderungen in der Gesetzgebung zu leisten, sieb vorgenommen 
hat i). 

Die Resolution, die diese Forderungen einleitet, gebt von dem 
Gedankengang aus, daß die Vorbeugung der Verbrechen das wirk- 
samste Mittel der Verbrechensbekämpfung ist. In Anlehnung an die 
oben entwickelten Gedankengänge fordert sie also eine entschiedene 
Sozialpolitik 2 ) : Einführung des achtstündigen Maximalarbeitstages, 
Sicherung des Koalitionsrechts und Ausdehnung auf die Landarbeiter, 
Verbesserung und Verbilligung der Arbeiterwohnungen, Beseitigung 
aller Maßregeln, welche die Preise der Lebensmittel erhöhen, eine auf 
die Erziehung selbständiger Charaktere gerichtete weltliche Volksschul- 
bilduog." 

Was aber soll mit dem Verbrecher geschehen? Wie soll die 
Strafe beschaffen sein? Da nach sozialdemokratischer Anschauung 
die Strafe nur als Schutzstrafe Berechtigung hat, da weiter die sozialen 
Verhältnisse im wesentlichen die Erzeuger des Verbrechens sind, so 
ist der Generalprävention der Verbrechen durch die Strafe nur eine 
außerordentlich geringe Bedeutung zuzuerteilen 3 ). Damit fällt die 

worden. Vgl. auch dazu: Julien Bonnecase. Les socialdcmoerates allemands et 
la reforme de la legislation criminelle. Revue penitentiaire. Bulletin de la societe 
generale des prisons. Avril-Mai 1907: „En somme, c'est Ih notre eonclusion, 
il ne faut pas voir dans les resolutions, votecs par le Congres de Mannheim, 
une oeuvre nettement soeialiste, i|u'il serait impossible d'adapter ä l'organisation 
sociale aetuelle. II faut bien plutöt y voir un ensemble de vocux, dout tpielques- 
uns sont d« ; jä eousaeres par la legislation de certains pays, dont d'autrcs ont 6t6 
emis bien avant le Congres. cn dchore de toutc preoecupation soeialiste, et sont 
parfaitement dignes de eonsideration. L'cffurt des soeialistes allemands a surtout 
eonsiste ä les coordiner et I les präsenter sous la forme d'un plan coraplet de 
iL'forme de la legislation criminelle. " 

Vgl. auch den im wesentlichen «las Programm nur wiedergebenden Artikel 
vou Franz Dochow: Die Sozialdemokratie und die Strafrechtsreform. Zeitschr. 
f. d. gesamte Strafrcchtsw. Bd. 27 S. 115 f. 

1) Im folgenden werde ich aus systematischen und praktischen Gründen 
zunächst den Strafvollzug und dann erst das Strafrecht (besonderer Tcili erörtern. 
Ich schließe mich hierin dem System des Strafgesetzbuches und der Lehrbücher 
an und werde wie diese Fragen des allgemeinen Teils des Strafrcehts und solche 
des Strafvollzugs in demselben Abschnitt (Teil) erörtern. 

2) Protokoll a. a. O. S. 141, V. 

3) Ganz wird der Generalprävention die Bedeutung nicht genommen; vgl. 
Heine. Zur Reform des Strafrechts. Sozialistische Monatshefte 1903. 1. Bd. 
S 22 ff. „Grundsätzlich kann weder aus der Gesetzmäßigkeit des Geschehens, 
noch aus der Tatsache, daß soziale Umstände den Nährboden des Verbrechens 
bilden, gefolgert werden, daß es unzulässig oder unwirksam wäre, durch Straf- 
androhung einen Willonsimpuls hervorzurufen . . . 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 215 

Forderung:, die Strafe müsse streng, grausam, schreckenerregend sein. 
Die Grundsätze der Humanität können und sollen bei der Gestaltung 
der Strafe Berücksichtigung finden. Daß die Humanisierung der 
Strafe sich immer mehr und mehr vollziehen wird, da die Entwick- 
lung hierauf hindrängt, hat Heine >) einmal im Reichstag folgender- 
maßen ausgesprochen : „Nun ist aber unsere ganze Kulturentwicklung 
so vor sich gegangen, daß die grausamen, die harten Strafen mehr 
und mehr gemildert wurden und humanere an deren Stelle getreten 
sind, ohne daß man deswegen sagen könnte, die Menschheit wäre 
verderbter geworden." 

In dem Maße aber, in dem die General prävention in den Hinter- 
grund tritt, steigt die Bedeutung der Spezialprävention. Ziel derselben 
muß sein : Anpassung des Verbrechers an die Gesellschaft. \ 

Während v. Liszt nun aus dem Wesen der Strafe (als Schutz- 
strafd den Schluß zieht, daß die Strafe sich nur nach der sozialen 
Gefährlichkeit zu richten habe, sowohl was Strafart wie Strafmaß 
betrifft 2 ), wollen die Sozialdemokraten einstimmig die ehrenhafte oder 
ehrlose Gesinnung des Täters bestimmend mit in Rechnung ziehen. 
Sie folgen hierin den Spuren von Garron und vor allem van Calkers 3 ) 



11 Rcichstagsrede vom 2S. März 1900. 

2 1 v. Liszt. Strafrechtliche Vorträge und Aufsaue II. Berlin 1905. S. 3S6. 

„Der Begriff der ehrlosen Gesinnung ist nicht nur unklar; er ist als Grund- 
lage für das Strafensystem direkt falsch. Für das Strafrecht kann es sich immer 
nur darum handeln, wie sich der Verbrecher zur Rechtsordnung stellt. Die ver- 
brecherische Gesinnung ist die rechtswidrige oder was dasselbe sagen will, 
antisoziale Gesinnung. Wer aus tiefster religiöser oder nationaler, politischer 
oder sozialer Uberzeugung heraus zum erbittertsten Feind der bestehenden Höchte« 
ordnung geworden ist, handelt durchaus nicht unehrenhaft, wenn er diese Über- 
zeugungen durch Handlungen betätigt. Die Rechtsordnung aber würde sich selbst 
preisgeben, wenn sie diesen Ehrenmann als etwas anderes ansehen und behandeln 
wollte, als ihren Todfeind . . . 

Nach seinem Unwert für die Gesellschaftsordnung, d. h. für die Rechts- 
ordnung ist das Verbrechen zu beurteilen. u 

Es ist hier nicht der Ort auf den Begriff der ehrlosen Gesinnung, über- 
haupt auf den umstrittenen Begriff des Motivs näher einzugehen. S. auch unten 
S. 217. 

3) Heine. Zur Reform des Strafrechts. Sozialistische Monatshefte. 1^03 1 
S. 22 ff. „Der Vorschlag van Calkers tden Liszt bekämpfte d. V.) durchweg für 
Handlungen, die keine unehrenhafte Gesinnung verraten, eine besondere Strafart 
einzuführen, verdient Beachtung.- Heine hat die dritte der Thesen im Auge, 
die von van Calkcr dem 20. Juristentug vorgelegt wurden. Sie lautet: „Die 
lutensität der verbrecherischen Gesinnung ist insbesondere in der Richtung in 
Betracht zu ziehen, daß auf eine besondere Alt der Freiheitsstrafe, nämlich 



Digitized by Google 



216 



VIII. Obornikeb 



Oftmals sind sie im Reichstag für eine bessere Behandlung der Ver- 
brecher aus eli renhafter Gesinnung warm eingetreten, so z. B. in der 
Reichstagssitzung vom 27. Februar 1904, in der ein Zentrumsantrag 1 ) 
vorlag, der den zu Gefängnisstrafe Verurteilten, die nicht aus ehrloser 
Gesinnung gehandelt haben, einige Vergünstigungen gewähren wollte. 
Der Antrag wurde auch angenommen. 

Heine (a. a. 0.) begründet seine und seiner Partei Anschauung 
in einer Polemik gegen von Liszt mit der Behauptung, „daß das 
Strafrecht die Taten nicht beurteileu darf nach ihrem Wert oder Un- 
wert für die bestehende Gesellschaftsordnung, sondern nach ihrem 
Wert oder Unwert für die dauernden Ziele der Gesellschaft^ Aus 
diesen Worten spricht nicht der Marxist, sondern der Naturrechtler 
vom reinBten Wasser, der nach der für alle Zeiten gültigen Gerechtig- 
keit jagt, für den es ewig gleichbleibende Werte gibt, für den das 
Recht dazu da ist, Glückseligkeit, sowie Betätigungsniöglichkeit für 
alle zu schaffen 2 ). Halten wir an der Anschauung fest, daß die 

Festungshaft dann zu erkennen ist, wenn das Verbrechen in concreto aus einer 
ehrenhaften Gehinnung entsprungen ist." 

Vgl. auch Most. Die Bastille am Plötzensee. S. 9. 

Gegen Heine für von Liszt. Dr. Feder. Die Gesinnung des politischen 
Verbrechers. Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft. Bd. XXV 1905. 
S. 219 ff. 

1) Antrug Grober: .Der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichs- 
kanzler zu ersucheu, dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch 
welchen den rntersuchungsgefangenen allgemein, sowie den zu Gefängnisstrafe 
verurteilten Personen, wenn ihre Handlung nach der im Urteil zu treffenden 
Bestimmung nicht eine ehrlose Handlung bekundet hat, gestattet wird, während 
der Dauer der Untersuchungshaft oder Gefängnisstrafe sich selbst zu beköstigen 
und in einer in ihrem Beruf und Bildungsgrad angemessenen Weise sieh zu be- 
schäftigen — Zusatz Spahn — und von dem Ergebnis dieser Verhandlungen 
dem Reichstage Mitteilung zu machen." 

2» Dies könnte »loch nur dauerndes Ziel der Gesellschaft sein: Entwicklung 
der Persönlichkeit. Heine sagt auch S. 27. „Ferner aber ist es nicht der 
höchste Zweck der Gesellschaft, daß sie sich selbst erhalte, ihre Existenz und 
Fortdauer sind vielmehr selbst nur Mittel zu dem Zwecke, dem die Gesellschaft 
dient, nämlich dem. alle in der Menschheit liegenden Keime mid Kräfte nach 
Möglichkeit zur Entwicklung zu bringen, das Menschentum seiner höchsten Höhe 
zuzuführen. 1 ' 

Indem Heine ffir Gesellschaftsordnung Gesellschaft einsetzt, gibt er m. E. 
den Gedankengang der materialistischen Anschauung preis. Charakteristisch 
sind die Worte seines angeführten Aufsatzes: „Es ist falsch, wenn v. Liszt an 
Stelle des Schutzes der Gcscl I schaf t als Zweckes der Strafe ohne weiteres 
den Schutz der Gesellschaftsordnung oder Rechtsordnung, das heißt 
der jeweiligen Form der Gesellschaft setzt. Das Interesse der Gesellschaft kann 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 217 

Strafe nur als Schutzstrafe Berechtigung hat, d. h. als Schutz unserer 
Gesellschaftsordnung-, so können wir die Anschauung von v. Liszt 
nur widerlegen, wenn wir den Nachweis führen, daß die Nichtbe- 
rücksichtigung der Motive für die bestehende Ordnung von Schaden 
ist. Und dieser Nachweis ist m. E. erbringbar. 

Daß die Formel von der sozialen Gefährlichkeit des Täters zur 
Bestimmung der Strafe nicht ausschließlich gelten kann, ergibt sich 
schon aus folgendem. Es kann sehr wohl sein, daß die Strafe, die 
über einen Gesetzesverletzer verhängt wird, außerordentliche Nachteile 
für die Gesellschaftsordnung z. B. dadurch im Gefolge hat, daß sie 
die Menge empört, erbittert, zu Gewalttätigkeiten reizt. Würde man 
hier die Strafe nur nach der sozialen Gefährlichkeit des Täters be- 
messen, so würde die Strafe ihr Wesen verleugnen. Der Schutz der 
Gesellschaft durch die Strafe wandelt sich in die Gefährdung der 
Gesellschaft durch die Strafe um. Ein Beispiel hierfür bietet uns der 
Prozeß Nasi. Indem der Kassationshof die Affäre an die Kammer 
zurückverweist, führt er aus: „Sollte sich die Kammer zur Einstellung 
des Verfahrens gegen Nasi entschließen, so würde dies bedeuten, sie 
(die Kammer) habe in ihrer hohen politischen Weisheit dafür gehalten, 
daß das Verfahren und die etwaige Verurteilung, obgleich der Ge- 
rechtigkeit entsprechend, doch der Gesellschaft einen höheren Schaden 
zufügen könnten als die Straflosigkeit/ So konsequent und zutreffend 
es ist, das Verbrechen nach seinem Wert für die Gesellschaftsordnung, 
d. h. die Rechtsordnung zu beurteilen, so konsequent und zutreffend 
ist es auch, die Strafe nach ihrem Wert oder Unwert für die Gesell- 
schaftsordnung zu beurteilen, v. Liszt übersieht m. E., daß es sich 
bei unserer Frage nicht um Würdigung des Verbrechens, sondern in 
erster Linie um Wertung der Strafe handelt. Für die Regel hat 
v. Liszts Formel zweifellos Berechtigung, nicht aber nach den eben 
angeführten Gründen für Ausnahmefälle, und gerade um diese handelt 
es sich ja. 

sehr verschieden sein und ist zur Zeit in den Ländern kapitalistischer Kultur 
grundverschieden von dem der herrschenden Gesellschaftsform. Die Erreichung 
der Zwecke, denen die Gesellschaft dienen soll, wird geradezu verhindert und 
die Gesellschaft gefährdet durch Aufrechterhaltung einer veralteten oder von 
vornherein verfehlten Gesellschaftsform. Bestand haben kann die Gesellschaft 
nur, wenn sie beweglich bleibt und sich fortentwickelt^ 

Wir sehen, Heine geht um den Kern herum. Was versteht denu Heine 
unter der Gesellschaft? Besteht denn Harmonie der Interessen aller in der Ge- 
sellschaft? Wenn aber dio Zwecke der Mitglieder der Gesellschaft nicht 
dieselben sind, wie können wir dann eine gleichmaßige Wertung der Handlungen 
erwarten? 

Archiv fttr KrirmnalMthropoloyi«. » Bd. 15 



Digitized by Google 



218 



VIII. Obormker 



Diesen Erwägungen gemäß ist auch die Frage nach der Bedeutung 
der Motive zu beantworten. Wenn ich sage, dieser Mann handelt aus 
ehrenhaften Motiven, so gebe ich ein Werturteil über die weiteren 
Zwecke seiner Handlung ab, und zwar vom Standpunkt der heutigen 
Gesellschaft aus. Die Gesellschaft billigt, fördert jene Zwecke, weil 
jene Zwecke sie fördern ')• Denn die Sittlichkeit ist etwas sich aus 
den Elementarbedürfnissen der bestehenden Gesellschaft Ergebendes. 
„Alle sittlichen Normen", so sagt Ehering*), „sind gesellschaftliche 
Imperative. tt Die Gesellschaft muß es anerkennen, wenn jemand von 
Anschauungen beherrscht wird, die sie als die Grundpfeiler ihrer Ord- 
nung betrachtet — im ureigensten Interesse. Das entspricht auch dem 
tiefsten Gerechtigkeitsgefühl des Volks. Wenn wir eine verschiedene 
Strafe für gemeine und hochherzige Charaktere verwerfen, so wird 
eine allgemeine Erbitterung gegen die Justiz um sich greifen, die Ver- 
brecher von Schädlingen nicht zu unterscheiden weiß. Zu bewunderten 
Märtyrern werden diese Gesetzesverletzer werden. Das Ansehen des 
Verbrechertums wird sich erhöhen. Das Gefühl für Sittlichkeit, höheres 
Streben wird unterdrückt oder wenigstens abgestumpft werden, wenn 
es von der Gesellschaft selbst mißachtet oder für gleichgültig gehalten 
wird. Damit werden — und das ist m. E. das Richtige in Heines 
Ausführungen — für die Entwicklung wertvolle Keime erstickt 3 ). 

Wenn außerdem v. Liszt 4 ) selbst anerkennt, „daß die Gesetzgebung 
mit dem im Volke lebenden Rechtsanschauungen als einem mächtigen 

1) Man könnte diese Erörterungen in die Frage zusammenfassen: Hat das 
Urteil nur die Mittel, oder auch den Zweck des Täters zu berücksichtigen ? Eine 
Handlung kann schlecht, die Zwecke des Handelnden gut sein. Dies sei gegen 
Heine bemerkt. Dieser kann nicht etwa die Förderung der Moral als Ziel der 
Oesellschaft hinstellen. Die Moral, selbst wandelbar, ist nur Mittel zum Ziel 
einer Gesellschaftsordnung. Man wende nicht ein, daß die verschiedenen 
sozialen Gruppen eine verschiedene Moral haben. Es gibt gowisse gemeinsame 
Grundlagen der Moral in allen Schichten, z. B. Nächstenliebe. Sollte man auch 
dieses nicht zugestehen, so muß man wenigstens sagen, daß die Herrschenden 
die anderen Schichten mit einer bestimmten Moral zu erfüllen trachten, weil das 
ihnen nützlich ist Das ist ja der Gedanke, der den Ausgangspunkt in Mengers ■ 
„Neue Sittenlehre" bildet. Schon aus diesem Grunde mußte dann auf diese Moral 
eine gewisse Hücksicht genommen werden. 

2) lhering. Der Zweck im Recht. Leipzig issn. II. S. 105. 

H> Es handelt sich — darauf sei nochmals ausdrücklieh hingewiesen — 
nur um (ße Frage: Soll bei dem Verbreeher aus ehrenhafter Gesinnung auf eine 
besondere Strafart, nämlich Festungshaft erkannt werden? Die ablehnende 
Stellung v. Liszts zu dieser Frage ist um so merkwürdiger, als er, wie jeder 
andere, der die Spezialprävention in den Vordergrund schiebt, weniger das Ver- 
brechen als den Verbrecher beim Urteil in Betracht gezogen wissen will. 

4) v. Liszt, Lehrbuch a. a. 0. S. 79. 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 219 

nnd wertvollen Faktor zu rechnen hat", so muß er die Konsequenzen 
ziehen und auch die Motive des Täters bei der Aburteilung desselben 
ein gewichtiges Wort mitsprechen lassen. 

Aus dem Wesen der Strafe als Schutzstrafe und aus dem Zweck 
der Spezialprävention folgt unbedingt die prinzipielle Forderung von 
v. Liszt, Verbrecher so lange einzusperren, bis ein soziales Verhalten 
ihrerseits in der Freiheit erwartet werden kann. Die Entscheidung, 
wann dies der Fall ist, ist besonderen Strafvollzugsämtern zu über- 
lassen. Diese Forderung der modernen soziologischen Schule wird 
von der Sozialdemokratie mit aller Entschiedenheit bekämpft. Die 
Scheidewand zwischen Verwaltung und Rechtsprechung darf nach 
ihrer Meinung nicht fallen. Wer diese niederreißen will, übt ein Attentat 
auf die bürgerliche Freiheit aus. So sagt denn auch Heine '): „Mit 
der politischen Freiheit im Rechtsstaat ist es ganz unvereinbar, die 
Entscheidung über Freiheit oder lebenslängliche Fortdauer der Ein- 
sperrung in einem Verwaltungsverfahren erfolgen zu lassen, das nicht 
einmal die wenigen Garantien gegen Trrtum und Willkür gäbe, die 
das gerichtliche Strafverfahren enthält." Weiter glaubt Gradnauer 2 ), 
daß die unbestimmte Strafzumessung außerordentlich ungünstig auf 
die Gefangenen einwirken würde. 

Aus dem Wesen der Strafe folgt weiter 3 ), daß nicht notwendig 
jedes Verbrechen mit Strafe belegt zu werden braucht, nämlich dann 
nicht, wenn es zum Schutz der Gesellschaftsordnung nicht notwendig 
ist. Deshalb fordert die Sozialdemokratie (in A V) „Beseitigung aller 
Mindeststrafmaße. 44 Der Richter soll nicht gezwungen sein, wider sein 
Gewissen zu verdammen oder strenger zu strafen, als er für gerecht hält. 

Dieser Forderung läuft der Ausspruch Dr. Lelms 4 ) schnurstracks 
zuwider: „Gute Gesetze sind solche, welche dem Richter am wenigsten 
Spielraum seines freien Ermessens gewähren, deren Minimal- und 
Maximal- Strafandrohung am dichtesten beisammen liegen." 

Die nächste Forderung: „Zulassung mildernder Umstände bei 
allen strafbaren Handlungen" ist neben der vorigen eigentlich über- 

1) Heine a. a. 0., ebenso Heine, Sozialistische Monatshefte 1005 Bd. II 
S. 747. „Übrigens halte ich es auch für unmöglich, daß eine spatere demo- 
kratisch und sozialistisch eingerichtete Gesellschaft irgend welchen Organen eine 
regel- und schrankenlose Gewalt über Freiheit und Recht ihrer Bürger ein- 
räumen könnte." ' 

2) Gradnauer. Das Elend des Strafvollzugs. S. ^S— 90. 

3) Im folgenden erörtere ich einige Forderungen aus dem allgemeinen Teil 
des Strafrechts, weil sie m. E. in diesen Zusammenhang gehören. 

4) Dr. M. Lehn. Der Gotteslästerungsparagraph im deutschen Reichsstraf- 
gesetzbuch. Die Zukunft. Sozialistische Revue. Erster Jahrg. 1877/78. 

15« 



Digitized by Google 



220 



VIII. ObORMKER 



flüssig, es sei denn, daß die Sozialdemokratie hei dem Vorliegen ge- 
wisser, genau zu bestimmender Tatsachen, die sie als mildernde Umstände 
zusammenfaßt, und zwar entweder generell für alle Delikte oder 
speziell für jedes einzelne Delikt bestimmt, den Richter zur Annahme 
mildernder Umstände und damit zur Zuerkennung einer milderen 
Strafe zwingen will. Diese Forderung die aus einem tiefen Gefühl 
des Mißtrauens gegen unseren Richterstand geboren ist, ist schon 
dadurch, daß sie auf bestimmte Punkte einseitig Gewicht legt, gänzlich 
verfehlt. Außerdem würde eine solche Regelung in der Praxis dazu 
führen können, daß nur die Umstände als mildernde in Betracht ge- 
zogen werden, die das Gesetz ausdrücklich nennt. Das soll z. B. 
heute in Österreich allgemein in den Fällen geschehen, bei denen gewisse 
Umstände exemplifikativ als mildernde aufgezählt sind. 

Aus dem Gedankengang heraus, daß die Strafe nur ein notwendiges 
und gefährliches, nach Möglichkeit zu vermeidendes Übel sei, erklärt 
sich die Forderung: „Weitgehende Zulassung der bedingten Ver- 
urteilung* (A V). Wir haben in Preußen bekanntlich nur die bedingte 
Begnadigung nach dem Erlaß des Königs an den preußischen Justiz- 
minister vom 23. Oktober 1S95. Der Erlaß lautet: 

„Auf Ihren Bericht vom 15. Oktober dieses Jahres ermächtige 
ich Sie, solchen zu Freiheitsstrafen verurteilten Personen, hinsichtlich 
deren bei längerer guter Führung eine Begnadigung in Aussicht 
genommen werden kann, nach ihrem Ermessen Aussetzuug der Straf- 
vollstreckung zu bewilligen, indem ich in den dazu geeigneten Fällen 
demnächst ihren Bericht wegen Entlassung oder Milderung der Strafe 
entgegensehen will. Von dieser Ermächtigung soll jedoch vornehmlich 
nur zu Gunsten solcher erstmalig verurteilten Personen Gebrauch 
gemacht werden, welche zur Zeit der Tat das IS. Lebensjahr nicht 
vollendet hatten und gegen welche nicht auf eine längere als sechs- 
monatige Strafe erkannt ist." ») — Daß die Sozialdemokratie prinzipiell 
gegen die bedingte Begnadigung ist, ist natürlich. Ist doch für eine 
Begnadigung, für eine Vergebung der Sünden in ihrer Auffassung 
vom Strafrecht kein Raum. Außerdem ist die bedingte Begnadigung 
auf solche Personen beschränkt, welche das achtzehnte Lebensjahr 
zur Zeit der Tat noch nicht vollendet hatten, und gegen welche nicht 
auf eine längere als sechsmonatige Strafe erkannt ist. Dies ist nämlich 
in praxi die Bedeutung der Wörtehen ..vornehmlich nur. u — Aus 
diesen Gründen steht auch ein Teil der Sozialdemokraten dem Erlaß 
vollständig ablehnend gegenüber. Ihre Meinung kommt klar in den 

Ii Zu diesem Krlaß vgl. vor allein v. Li?zt. Strafrechtliche Aufsätze und 
Vorträge. II S. 100 ff. .Die bedingte Verurteilung in Preußen. 14 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 221 

Worten Stadthagens 1 ) zum Ausdruck: „die sogenannte bedingte Be- 
gnadigung, die jetzt eingeführt ist, ist schlimmer, als der vorherige 
Zustand war/ Ein anderer Teil erkennt dagegen an, daß in der 
bedingten Begnadigung immerhin ein Fortschritt zu erblicken sei. 
Dies tut z. B. Schippel 2 ) mit den Worten: „Trotzdem sind natürlich auch 
auf diesem Wege viele Menschen mit Recht vor dem Gefängnis und 
wahrscheinlich auch vor sozialer Herabdrückung bewahrt geblieben und 
auch die Belastung von Gefängnissen ist wesentlich erleichtert worden/ 

Alle aber stimmen darin überein, daß die bedingte Begnadigung 
der bedingten Verurteilung weichen müsse, daß der Personenkreis, dem 
die bedingte Begnadigung heute zugute kommt, viel zu eng sei. Ins- 
besondere sollen diejenigen welche aus ehrenhafter Gesinnung gehandelt 
haben, des Vorzugs der bedingten Verurteilung teilhaftig werden. 3 ) 

Was nun die Strafarten betrifft, so fordern die Sozialdemokraten, 
da die Todesstrafe die Aufgaben, die nach moderner Anschauung die 
Strafe erfüllen soll, nicht erfüllen kann, Abschaffung der Todesstrafe 

1) Reichstagssitzuug vom 22. Fehruar 1S99. 

2) Schippel. Sozialdemokratisches Reiehstags-Ilandbuch. Ein Führer durch 
die Zeit und Streitfragen der Reichsgcsetzgebuug. 1902. S. 202. 

3» Schippel a. a. U. S 202. Vor allem schien die bedingte Verurteilung 
. wichtig für Verurteilte, die zum ersten Male mit dem Strafgesetz in Konflikt ge- 
raten, ohne daß die strafbare Tat von ehrloser und gemeine! Ge- 
sinnung zeugt: das Zusammensperren mit verkommenen Personen, die Unter- 
brechung ihrer bürgerlichen Existenz wird solche Personen oft nur tiefer hcrab- 
drücken, während die vorläufige Strafaussetzung die eindringlichste Warnung vor 
einem zweiten Schritt nach abwärts ist." 

Vgl. auch Heine in der Reichstagssitzung vom 5. März 1905 „Wir haben 
stets gesagt, daß die bedingte Verurteilung eine Notwendigkeit wäre, und wir 
sehen in der bedingten Begnadigung nur eine Vorstufe zur bedingten Verurteilung/ 

S. auch über dieso Frage: Siegfrieda: Die bisherigen Resultate der be- 
dingten Begnadigung. Die Neue Zeit. 2:». Jahrg. Bd. II S. 455/50. „Als kleiner 
Ersatz für die noch immer fehlende bedingte Verurteilung ist in den deutschen 
Einzelstaaten bekanntlich auf dem Verordnungsweg die bedingte Begnadigung 
— offiziell auch „Aussetzung der Strafvollstreckung mit Aussicht auf Be- 
gnadigung" genannt — geschaffen worden* Nachdem S. die Resultate 

der bedingten Begnadigung geschildert hat. schließt er: „Ein Resultat, das durch- 
aus geeignet ist, zn weiterem Fortschreiten auf dieser Bahn anzuspornen, wobei 
freilich zunächst zu fordern ist, daß das Willkürsystein der bedingten Begnadi- 
gung umgewandelt wird in das belgisch-französische Rechtssystem der bedingten 
Verurteilung." 

41 Vgl. das Erfurter Programm. Teil II. Absehn. 1 VIII a. E. Erläuterung 
hierzu von Bruno Schoenlank: „Im Grunde ist die Todesstrafe nur das barbarische 
Überbleibsel einer früheren Gesellschaftsverfassung, sie ist die in rechtlichen 
Hüllen vermummte alte Blutrache. Grausam und zweckwidrig ist sie ein. 
Hohn auf die viclgerühmte. moderne Gesittung" . . . 



Digitized by Google 



222 



VIII. ObOKNJKER 



Daß die Hinrichtung durch Generalprävention geboten sei, ist nach 
sozialdemokratischer Anschauung nicht richtig. Es ist nach ihr nicht 
nachzuweisen, daß die Zahl der Morde durch die Todesstrafe sich ver- 
mindert oder vermehrt hat Die Todesstrafe widerspricht ferner den 
Geboten der Humanität, sie setzt, da sie völlig irreparabel ist. die 
Unfehlbarkeit der Richter voraus, sie trägt in keiner Beziehung der 
Anschauung von der Kollektivschuld der Gesellschaft Rechnung. 

Ebenso treten die Sozialdemokraten gegen die Deportation auf. 
Lassen wir, um ihre Anschauung über diese Strafart kennen zu lernen, 
Heine-) sprechen: „Bei den Strafarten muß die Sozialdemokratie an 
ihrer unbedingten Ablehnung der Todesstrafe und der Deportation 
festhalten. Die Deportation wird empfohlen als eine Schule, in der 
der Verbrecher die Reife der Freiheit erlangen könnte. Dies sind 
aber Phantasien. In Wahrheit leben in Verbrecherkolonien die 
Sträflinge meist in ebenso schlimmer Gezwungenheit, als in unseren 
Zuchthäusern. Jedenfalls besitzt das Deutsche Reich keine Kolonien, 
in denen man Tausende von Verbrechern mit freier Arbeit beschäftigen 
könnte. Wollte man sie zum Beispiel nach Südafrika schicken, so 
würden sie dort, wenn sie nicht verhungerten und verdursteten, sich 
entweder zu den Schwarzen schlagen oder über die Grenze ausreißen. 
Dies Resultat könnte man billiger haben. Oder man müßte neben 
jeden Sträfling einen Soldaten stellen, was weder billig noch eine 
Erziehung zur Freiheit sein würde. 

Ebenso verwerflich wie die Todesstrafe und die Deportation ist 
nach sozialdemokratischer Anschauung die lebenslängliche Zuchthaus- 
strafe. Ingwer 3 ), der diese Meinung begründet, stützt sich hierbei auf 

Noch radikaler ist Kunert. Es betrachtet den ganzen Strafvollzug als 
Klassen räche. Über diese eigentümliche Anschauung vgl. seine Rede in der 
Reichstagssitzung vom 23. Februar 1906: „Was ist der Strafvollzug? Nichts 
anderes als eine Vollziehung der Klassen ra che. u 

1) Über die Todesstrafe vgl. auch Sursky: Sozialdemokratische Rand- 
bemerkungen zu den Vorarbeiten der Strafrechtsreform. Die Neue Zeit, 26. Jahrg. 
Bd I. S. 69/70. Er ist für die Abschaffung der Todesstrafe auch deshalb, weil 
er sie nicht mehr für nötig hält. „Wir (im Gegensatz zu v. Liszt d. V.) sind aber 
etwas radikaler und erblicken in der absteigenden Tendenz der Mordfälle noch 
einen Grund (!) — wenn auch nicht den ersten und wichtigsten — für die Ab- 
schaffung der Todesstrafe." 

2) Heine. Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug. Sozialistische Monats- 
hefte. 1906 S. 744 ff. 

3) Ingwer. Der Entwurf eines österreichischen Strafgesetzes und seine 
Behandlung der politischen Vergehen. Neue Zeit. 13. Jahrg. Bd. I. S. 19S. 

Vgl. dagegen 1 leinemann. Entwurf zu einem schweizerischen Strafgesetz- 
buch. Sozialpolitisches Zeutralblatt. 3. .Jahrg. No. 6, 7. v. .In vielen Fällen 



Digitized by Google 



Straf recht uud Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 223 



Wahlberg Ausspruch: „Wer kraft des Gesetzes für diese Welt ver- 
loren ist, im Zuchthause sterben muß, für den sind auch alle edleren 
Inipulse der mechanischen Gefängniszucht verloren. Wozu? fragt 
sich der lebendig Begrabene in vernichtender Verzweiflung über seine 
Straf knechtschaft bis zum letzten Atemzug. u — Soll der Verbrecher 
aber nach einer gewissen Zeit, ohne daß irgend eine Garantie für 
seine Besserung gegeben ist, auf die Gesellschaft wieder losgelassen 
werden? Oder soll nur das Urteil, um dem Verbrecher nicht den 
letzten Schimmer von Hoffnung zu entreißen, auf unbestimmte Dauer 
der Freiheitsstrafe und nicht auf lebenslängliche Einsperrung gehen? 
Die Begründung unseres Problems scheint für die Bejahung der 
letzteren Frage zu sprechen. Dann brauchten wir ja aber Strafvollzugs- 
ämter, gegen die sich die Sozialdemokratie mit solcher Heftigkeit sträubt! 

Das Ziel der Strafe, Anpassung des Verbrechers an die Gesellschaft, 
kann bei einer kurzen Freiheitsstrafe, die zur Besserung zu kurz, zur 
Entsittlichung mehr als zu lang ist, nicht erreicht werden. Als Ersatz 
für die kurze Freiheitsstrafe soll die Geldstrafe dienen. „Zulässigkeit 
der Geldstrafe für alle strafbaren Handlungen an Stelle der kurzzeitigen 
Freiheitsstrafe" lautet daher eine der Forderungen der Sozialdemo- 
kratie l ) (A V). Die Verhängung der Geldstrafe soll vor allem aus- 
gesprochen werden, wenn Gewinnsucht die Tat verursacht hat *). — Soll 

(von Landstreichern ist die Rede d. V.) wird jede Heilung ausgeschlossen sein 
und daher nichts übrig bleiben, als die Gesellschaft zu sichern durch Unschädlich- 
machung des Unverbesserlichen." 

1) Gegen die Ausdehnung der Geldstrafen haben verschiedene Sozialdemo- 
kraten Bedenken. Vgl. Hemr. Wetzker. Das Elend des Strafvollzugs. Die 
Neue Gesellschaft. Sozialistische Wochenschrift. Bd. I. Heft 29. S. 345 ff. „Ob 
die Erweiterung der Geldstrafe anstelle der Freiheitsstrafe eine fortschrittliche Maß- 
regel ist, wie Gradnauer (a. a, 0.) annimmt, bedürfte erst noch sorgfältiger Prüfung. 
Ganz so oder ähnlich verhält es sich mit dem Schadensersatz anstelle der Strafe." 

S. auch Edmund Fischer. Laienbemerkungcu zur Keform des Strafreehts. 
Sozialistische Monatshefte. 190G. Bd. L S. 4S7 ff. „Aufhebung der niederen Ge- 
fängnisstrafen. Schadensersatz an den Verletzten wird vorgeschlagen. Was soll 
mau damit anfangen? Wenn ein Arbeiter 100 Mark Schadensereatz leisten soll, 
wäre das für ihn furchtbarer als 14 Tage Gefängnis. Wie sollte er dann 500») 
oder 1000 Mark zahlen? Solche Vorschläge sind — solange nicht individualisiert 
werden kann — so unrcalisierbar, wie etwa das Wirtshausverbot, das Liszt als 
Strafmittcl vorschlägt." (S. 492.) 

2j Heinemann. Der österreichische Stiufgesetzentwurf und die arbeitende 
Klasse. Archiv für soziale Gesetzgebung und und Statistik. Berlin 1904 S. 3 59 ff. 
Vgl vor allem S. 374. „Wenn der Fabrikherr z. B. die zum Schutz von Leben, 
Arbeitskraft und Gesundheit des Arbeiters erlassenen Bestimmungen aus Hab- 
gier und Gewinnsucht übertritt, so ist auf diese Selbstsucht der Besitzenden eine 
das Delikt in seine Wund, sein Motiv zurüekverfolgcnde hohe Geldstrafe, 
die beste und für' die Allgcmciniuteresseu dienlichste Antwort. u Vgl. auch S. 373. 



Digitized by Google 



224 



VIII. ÜBORNIKER 



aber die Geldstrafe nicbt ungerecht wirken, so muß für sie der Grund- 
satz gelten: „Ein jeder wird besteuert nacb Vermögen/' Darum stellt 
die Sozialdemokratie die Forderung auf: „Bemessung der Geldstrafe 
nach der Höbe des Einkommens bei allen anderen strafbaren Hand- 
lungen* 4 (als Übertretungen d. V.) Für die Übertretungen wird die 
Forderung aufgestellt: „ Festsetzung einer mäßigen Maximalböhe für 
die Geldstrafe bei Übertretungen.*' Hiernach scheint es, als ob bei 
Übertretungen das Einkommen nicht maßgebend sein soll für die 
Höhe der Strafe. Ich glaube aber, daß hier nur ein Redaktionsfeh ler 
vorliegt '). Soll weiter die Geldstrafe mehr als ein Privilegium der 
Reichen sein, so darf die Freiheitsstrafe selbst dann nicht eintreten, 
wenn der Verurteilte die Strafsumme nicht entrichten kann. Das 
besagt der Satz: „Unzulässigkeit der Umwandlung einer uneinziehbaren 
Geldstrafe in Freiheitsstrafe 2 ).*' Gegen den Vorschlag v. Liszts, in 
solchen Fällen Arbeitszwang ohne Einsperrung, unentgeltliche Arbeits- 
leistung an Staat oder Gemeinde einzuführen, wendet sich Gradnauer 
Er glaubt, daß die in Betracht kommenden Arbeiten, wie z. B. Steine- 
klopfen, Wegeausbessern, nur von einigen wenigen Arbeiterkategorien 
ausgeführt werden können, für die große Masse der Arbeiter daher 
der Vorschlag nicht in Betracht kommen könne. Es müsse gesetzlich 
vorgesehen werden, daß die Geldstrafen in sehr kleinen Raten gezahlt 
werden, daß sie im Fall von Arbeitslosigkeit und beim Nachweis 
besonderer Bedürftigkeit gestundet werden. 44 

Als letztes Mittel schließlich muß die Freiheitsstrafe in Anwendung 
gebracht werden. Auch hier fordert die Sozialdemokratie vom Stand- 
punkt der Gleichheit aus, deren Wesen nichts mehr widerspricht als 



1) Es scheint aber nach dieser Forderung, als ob die Sozialdemokratie die 
veraltete Dreiteilung der Delikte in: Verbrechen, Vergehen und Übertretungen 
aufrechterhalten wollte. 

2) Heincmann a. a. 0. S. 37f». „Höchst bedauerlicherweise hat der Entwurf 
sich aber noch einer weiteren Benachteiligung der besitzlosen Volksklasse schuldig 
gemacht. Bekanntlich hat das materialistische Überwuchern der Eigentums* 
'nteressen der Wohlhabenden und die Verstiindnislosigkeit für die persönlichen 
Güter der Dürftigen und Enterbten in der Gesetzgebung fast aller Länder dahin 
geführt, die Freiheit des Armen mit dem Oelde des Heiehen als gleichwertige 
Größen zu behandeln, so daß der Besitzlose, wenn er nicht zahlen kann, ins 
Gefängnis wandern muß, und wohlgemeikt «lies nicht wegen des von ihm be- 
gangenen Delikts, denn als passende Strafart für dieses ist ja vom Richter auf 
eine Geldstrafe erkannt worden, sondern ausschließlich wegen seiner Armut — 
zugleich übrigens die denkbar beste Illustration zu dem Satze von der Gleichheit 
aller Bürger vor dem Gesetze. 

.<!) Gradnauer. a. a. 0. S. S5. 



Digitized by Google 



Strafrocht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 225 

die gleiche Behandlung des Ungleichen, Differenzierung der Frei- 
heitsstrafen »)• 

Soll aber im deutschen Vaterland nicht mit zweierlei Maß gemessen 
werden, soll der Grundsatz, der durch das Strafgesetzbuch ausgesprochen 
ist, daß ein Strafrecht für alle Angehörigen des Deutschen Reiches 
gelten soll, mehr als eine hohle Phrase sein, so muß auch der Straf- 
vollzug durch ein Reichsgesetz einheitlich geregelt werden. Denn 
„erst in dem Augenblick, wo der Verurteilte das Gefängnis oder die 
Strafanstalt betritt, beginnt das eigentliche Problem der Strafrechts- 
pflege 1 ' 2 ). „Erst durch den Strafvollzug erhält das Strafurteil Inhalt 
und Bedeutung* 3 ). Wenn wir auch in Deutschland im wesentlichen 
dieselben Arten der Freiheitsstrafen haben, so will dies doch nichts 
besagen. „Gefängnis, Zuchtbaus, das sind leere Worte, die ihren 
Inhalt erst durch die Vollstreckung erhalten 14 4 ). Die reichsgesetzliche 
Regelung des Strafvollzugs, die das Strafgesetzbuch in den Paragraphen 
13—40 gibt, ist außerordentlich dürftig, und die vom Bundesrat am 
2S. Oktober 1S97 aufgestellten Grundsätze über den Vollzug der 
Freiheitsstrafe genügen ebenfalls nicht den bescheidensten Ansprüchen, 
„da** — um mit Schippel zu reden — „alles in das Belieben der 
Aufsichtsbehörden gestellt wird. u 

So fordert denn die Sozialdemokratie (B I): „Reichsgesetzliche 
Regelung des Strafvollzuges" 1 . Ein dahingehender Antrag wurde schon 
1S70 von bürgerlicher Seite (Antrag Fries) im Reichstage eingebracht. 
Die Sozialdemokraten stellten am 22. November 1902 die Interpellation: 

1) Welche Maßregeln gedenkt der Herr Reichskanzler zu ergreifen, 
um den in letzter Zeit sich häufenden Übergriffeu von Polizei 
und richterlichen Behörden entgegenzuwirken etc. 

2) . Beabsichtigt der Herr Reichskanzler, in Bälde dem Reichstage 

den Entwurf eines Gesetzes über den Strafvollzug vorzulegen ? — 
Weiter fordern die Sozialdemokraten, daß besondere Gefängnis- 
inspektoren von Reichs wegen angestellt werden sollen ''). 

Für den Vollzug selbst fordert das Programm, daß er so beschaffen 
sei, daß er den Verbrecher der Gesellschaft anpasse, daß er also zu 
einem „sozialpolitischen Faktor" werde, daß er ihm gebe, was mißliche 
soziale Verhältnisse ihm bisher versagt haben, und dessen Fehlen ihn 

1) So Heine, Ileincmann. wohl auch die Mehrheit der Sozialdemokratie. 

2) (iradnauer, Reichstagsrede vom 13. Mai li»04. 

8 1 Heinemaiin, Königsberg und Plötzensee. Die neue Gesellschaft. Sozialistische 
Wochenschrift Bd. I. Heft 12. S. 1 34 ff. 

4) So der freisinnige Abgeordnete Träger in der Reichstagssitzung vom 
27. Februar 1904. 

5) Stadthagen. Reichstagssitzung vom 22. Februnr 1S99. 



Digitized by Google 



22b 



VIII. Obormkek 



auf die Bahn des Verbrechens gedrängt hat, Widerstandskraft gegen 
die Verlockungen des Lebens und Fähigkeit zur Selbstbehauptung 
im Kampf um die nackte Existenz. „Der Strafvollzug ist durch 
Reichsgesetz einheitlich so zu gestalten, daß er nicht zur Nieder- 
drückung und Peinigung der Verurteilten, sondern zur Stärkung ihrer 
körperlichen, geistigen, sittlichen Widerstandskraft im Kampf ums 
Dasein führt." (B I.) 

Damit diese Aufgaben erfüllt werden können, ist es nötig, daß 
dem Gefangenen die Gesundheit erhalten werde. Daher muß das 
Leben in den Strafanstalten den Grundsätzen der Hygiene entsprechen. 
Die Zellen müssen größer und luftiger gebaut werden. Nach den 
Grundsätzen, die eine Kommission von deutschen Strafanstaltsbeamten 
über den Zellenbau aufgestellt hat, sollen die Zellen für den Aufenthalt 
bei Tag und Nacht mindestens 25 ehm., diejenigen dagegen, die nur 
als Schlafraum dienen, mindestens 16 cbm. groß sein 1 ). Ein verhältnis- 
mäßig sehr hoher Prozentsatz der Gefangenen stirbt heute an Lungen- 
tuberkulose-). Diese Sterblichkeitsziffer würde nach sozialdemo 
kratischer Anschauung bald erheblich sinken, wenn man den Gefangenen 
mehr Luft gönnte. Mit Ventilatoren, die von den Sträflingen reguliert 
werden können, sollen die Zellen versehen werden, den Körper 
kräftigende und stählende Übungen, inbes. Turnen, sollen in den 
Anstalten eingeführt werden. 

Die Gefängniskost muß dem entsprechen, was die Physiologie 
in Beziehung auf Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratzuführung für den 
menschlichen Organismus verlangt. Dies ist nach der Meinung der 
Sozialdemokraten heute nicht der Fall. Lux :t ) zeigt in einem Aufsatz, 
der allerdings schon aus dem Jahre iSss stammt, daß für den Ge- 
fangenen erforderlich sind: 105 g Eiweiß und S05 g Kohlenhydrate 
täglich, während er tatsächlich nur bekommt: 73 g Eiweiß, also — 
30, 5°,o, und 681, G g. Kohlenhydrate, also — 15, 3>. „Ferner 
sollen die Speisen in möglichster Mannigfaltigkeit mit einander ab- 
wechseln und auch schmackhaft zubereitet sein." Auch mit Trink- 
wasser soll der Sträfling stets versehen sein '). 

1) Näheres über die sozialdemokratischen Forderungen bezügl. dieses Punktes 
». Gradnauer. a. a. 0. S. 4\49. 

2i Gradnauer a. a. 0. S. 46 -4 S. - Hans Leuß. Disziplin in Strafanstalten. 
Neue Zeit. 1\ Jahrg. Bd. 1. 8. Ts.iff und b20ff. — 1M>5 % waren unter 263 
Todesfallen 109 durch Tuberkulose, (15 durch Selbstmord], IS'.iT.'.ts waren unter 
235 Todesfällen lt)s durch Tuberkulose (7 durch Selbstmord! verursacht. 

8) Lux. Untersuchung der Kost in den preußischen Gefängnissen ls*>7 s>. 
Neue Zeit. 7. Jahrg. 

4) Kurt Eisner. Wie ich in Plötzensee verdurstete. Erinnerungen aus 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 227 

Bei der Beköstigung ist insbesondere Rücksicht zu nehmen auf 
die vorherige Lebensweise des Gefangenen. So sagte Auer ') einmal 
im Reichstage: „Aber, meine Herren, etwas ganz anderes ist es, wenn 
dort Personen hinkommen, die eben doch auf einem elwas höheren 
Lebensniveau stehen, oder aber, wenn Personen hinkommen, deren 
Verdauungswerkzeuge, deren Magen nicht mehr vollständig in Ord- 
nung ist. Solche Personen leiden unter der gleichmäßigen Beköstigung, 
der schwer verdaulichenVerpflegung ungemein, und mir sind Personen 
bekannt, die als politische Redakteure dorthin gekommen sind, sich 
vielleicht 5 oder 6 Monate dort haben aufhalten müssen und tatsächlich 
mit schwer geschwächter Gesundheit wieder zurückgekommen sind. u 

Das Maß der Rücksichtnahme soll durch den Gesundheitszustand 
des Sträflings bestimmt werden 2 ). 

Daneben soll — wenigstens bei leichteren Verbrechern — Selbst- 
beköstigung in den verschwommenen) Grenzen der Mäßigkeit erlaubt 
sein :i ). Ob nicht durch diese dehnbare Bestimmung, die doppelt selt- 
sam aus sozialdemokratischem Munde klingt, nur ein Privilegium der 
begüterten Delinquenten geschaffen wird, und ob man nicht hierdurch 
das Signal zu kleinen Erpressungen und Durchstechereien gibt, ist 
zum mindesten höchst fraglich. 

Neben diesen Forderungen, deren Erfüllung nach sozialdemo- 
kratischer Anschauung die Grundlage für eine ersprießliche Wirksam- 
keit in den Strafanstalten bildet, ist der Hauptwert auf die Erziehung 
— nicht allein auf die Besserung, denn diese macht nur einen Teil 
der Erziehung aus — zu legen. Die Erziehung hat in zwei Seiten 
zu zerfallen: die Ausbildung des Charakters uud die Ausbildung im 
Beruf (technische Seite der Erziehung). 

Um die erste Aufgabe zu erfüllen, ist ein guter Unterricht not- 
wendig. Im Gegensatz zu heute, wo er den noch nicht achtzehn- 
jährigen regelmäßig, den noch nicht dreißigjährigen nur ausnahms- 
weise, älteren .Sträflingen so gut wie gar nicht zugute kommt, soll 
er nach der Forderung der Sozialdemokratie auf alle Gefangenen 
ausgedehnt werden, es sei denn, daß er aus besonderen Gründen 

meiner Strafvollzugszeit. Die Neue Gesellschaft. Sozialistische Wochenschrift. 
Bd. I. Heft 27. S. 82Gff. 

1) Heiehstagssitzung vom IS. Januar 1S97. 

2) Geschieht übrigens schon heute teilweise und geschah auch schon vor 
1897. Vgl. auch Most a. a. 0. 

3) Bebel und Heine in der Heichstagssitzung vom 22. XI. 1002. Vgl. 
ferner die Heichstagssitzung vom 27. Februar l!»i)4. — Die Ärzte sollen besser 
besoldet und ihnen eine größere Macht gegeben werden. 



Digitized by Google 



228 



VIII. OnOKMKEll 



untunlich ist. Oerade für diejenigen, die aus edlen Motiven heraus 
zum Verbrecher geworden sind, könnte solch ein Unterricht von Segen 
sein. Dadurch, daß man sich an ihren Verstand wendet, ihnen das 
für die Gesellschaft Gefährliche ihres Treibens eindringlich vor Augen 
führt, kann man sie zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesell- 
schaft machen; es sei denn, daß sie in Verhältnissen zu leben ver- 
dammt sind, in denen Herz und Verstand sie zu Verbrechen treiben 
muß, oder daß sie geisteskrank sind. Im letzteren Fall gehören sie 
aber überhaupt nicht in die Strafanstalt. 

Zu einer solchen Erziehung sind aber nach sozialdemokratischer 
Meinung tüchtige Pädagogen, nicht Seelsorger nötig. Daher fordert 
die Sozialdemokratie Ersatz der Anstaltsgeistlichen durch Lehrer, Er- 
satz des Religionsunterrichts durch Moralunterricht. „An die Stelle 
der Auffrischung der einst gelernten Dogmen einer Kirche und des 
gedankenlosen Lallens von Gebeten muß ein die Erkenntnis des Sträf- 
lings erhellender und damit bessernder Moralunterricht treten 'j. a — 
Soll das Erziehungswerk gelingen, so müssen alle Beamten gut vor- 
gebildet sein. Unteroffiziere haben als solche die Qualifikation zu 
Gefängnisbeamten noch nicht. Teilnehmend, nicht schroff ablehnend 
sollen die Beamten den Sträflingen gegenüberstehen 2 ). Der Gefangene 
muß fühlen, daß der Wärter sein Bestes will. Ihr Dienst darf nicht 
allzu lange dauern, damit sie nicht nervös, leicht reizbar werden. 
Gradnauer ') verlangt daher: „Die Beamten sind aufs sorgfältigste 
auszubilden und auszuwählen. Die Unterbeamten müssen kürzeren 
Dienst und besseres Gehalt bekommen." Schon 1877/78 heißt es in 
einer Artikelserie in der Zukunft über Strafrecht, Strafverfahren und 
Strafvollzug (a. a. O.i. „Die Dienstzeit der Aufseher darf täglich acht 
Stunden nicht überschreiten, ihr Gehalt ist um wenigstens 25 Prozent 



1) J. Ingwer. Der Strafzweck, die Strafe und der Strafvollzug. Neue Zeit. 
11. Jahrg. Bd. II S. 626 ff. 

2) Vgl. Ingwer, a. a. U. .Der Gefangene, der nur durch mangelhafte Er- 
ziehung auf den Weg ins Zuchthaus gekommen ist. muß so behandelt werden, 
daß er in den Lehrern und Aufsehern nicht seine Feinde sieht, die ihn quälen, 
weil er ein Gesetz verletzt hat, sondern er muß in ihnen Freunde erkennen, 
die sieh bemühen, aus ihm einen rechtschaffenen Menschen zu machen. Die mit 
unteroffiziersmäßigen Umgangsformen und mit der Weltanschauung eines Leut- 
nants ausgerüsteten Vollzugsbeamten sind einer solchen Aufgabe nicht gewachsen. 
Es muß also eine durchgreifende Umgestaltung des Gefängniswesens er- 
folgen, wenn die besserungsbedürftigen Verbrecher durch die Strafe gebessert 
werden sollen." 

S) Gradnaucr a. a. 0. S. '.»]. 



Digitized by Google 



Strafrecht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 229 

zu erhöhen. Zur Vorbereitung für den Dienst in den Strafanstalten 
sind Seminare zu errichten 

Von selbst versteht sich die Forderung der Sozialdemokraten, daß 
die Bibliotheken der Strafanstalten verbessert werden sollen -). 

Mit der Erziehung zur Persönlichkeit vertragen sich natürlich die 
brutalen Disziplinarstrafen sehr schlecht. Nicht durch Ertötung des 
Gefühls der Menschenwürde, sondern nur durch Emporrichtung, durch 
Einpflanzung des Glaubens an sich selbst, an den guten entwicklungs- 
fähigen Keim in sich kann der Verbrecher Mensch, Persönlichkeit 
werden 3 ). Daher die Forderung (B I): „Abzuschaffen sind das 
Schweigegebot und die brutalen Disziplinarstrafen." Die Ansicht der 
Sozialdemokratie über das Schweigegebot lernen wir am besten aus den 
Worten Gradnauers 4 ) kennen: r Eine ebenso furchtbare und unsinnige 
Quälerei bedeutet das Schweigegebot . . . Der Drang, sich auszu- 
sprechen, ist im Menschen ununterdrückbar . . . das absolute Schweige- 
gebot „erzieht" vortrefflich zur Gewöhnung, Verbotenes tun zu wollen, 
zu verstohlener List und zu heimlichem Ränkesch mieden.* 

Die nach den Grundsätzen des Bundesrats von 1897 noch zu- 
lässigen Disziplinarmittel sind: Verweis. Entziehung hausordnungs- 
mäßiger Vergünstigungen, Entziehung der Bücher und Schriften bis 
zur Dauer von vier Wochen, bei Einzelhaft Entziehung der Arbeit 
bis zur Daner einer Woche, Entziehung des Bettlagers bis zur Dauer 
einer Woche, Fesselung bis zur Dauer von vier Wochen, einsame 
Einsperrung bis zur Dauer von sechs Wochen. In Preußen haben 
wir noch bei männlichen Zuchthausgefangenen, die sich tätlich an 
einem Beamten, einem Arbeitsunternehmer oder deren Bediensteten 
vergriffen haben, die Prügelstrafe 5 ). Welche dieser Disziplinarstrafen 



1) Vgl. auch die Rezension von Erich Wulffeu. Neue Zeit 1905. 13. Jahrg. 
Bd. II. S. $30. 

2) Gradnauer. a. a. 0. S. 92 

8) Gradnauer a. a. 0. S. 93. .Der Grundfehler des jetzigen Strafvollzuges 
liegt in der bewußt oder unbewußt geübten Tendenz, den Gefangeneu nieder- 
zudrücken und zu demütigen. Nach den Erfahrungen vieler Jahrzehnte ist dieses 
System als vollständig wirkungslos erwiesen. 

4) Gradnauer a. a. 0. S. 26 und 8. 92. „Das Schweigegebot ist aufzuheben. 
Die Gefangenen sollen nicht zu hinterlistigen Heimlichkeiten genötigt werden, 
um das unausrottbare Bedürfnis des Austausches von Mensch zu Mensch zu be- 
friedigen. Sie sollen Harmloses miteinander sprechen dürfen, um nicht iu ge- 
heime Gemeinheiten zu verfallen." 

5) Abgeschafft haben die Prügelstrafe von den Bundesstaaten: Bayern, 
Baden, Württemberg, Braunschweig, Bremen, Sachsen-Koburg, Sachsen-Meiniugen 
Über die Geschichte der Prügelstrafe vgl. iusbes. Haus Leu Ii a. a. 0. 



Digitized by Google 



230 



VIII. Oborniker 



das Beiwort r brutal tt verdienen, also abgeschafft werden sollen, ist 
nirgends klar ausgesprochen. — Gradnauer ') scheint, wie aus seinen 
Worten hervorgeht: „Die Disziplinarstrafen, abgesehen vom Verweis, 
sind darauf angelegt, den schon durch die Gefängnisstrafe schwer 
reduzierten körperlichen und geistigen Zustand des Gefangenen vollends 
herabzudrücken und zu ruinieren*, nur den Verweis für nicht „brutal 44 
zu halten. Das ist wohl doch ein bißchen sehr weit gegangen! — 
An einer anderen Stelle 2 ) seines Buches fordert Gradnauer, daß die 
Verhängung gewisser Disziplinarstrafen unter Itechtsgarantie gestellt 
werde. „Von den Disziplinarstrafen sind zunächst Prügelstrafe, Kost- 
entziehung, Bettlagerentziehung und Dunkelarrest, so lange sie nicht 
überhaupt aufgehoben sind, nicht durch den Gefängnis Vorsteher allein zu 
verhängen, sondern unter Rechtsgarantien zu stellen." Bei Disziplinar- 
strafen, die auf die Gesundheit des Gefangenen schädigend wirken 
können, soll vorher der Arzt gefragt und um seine Zustimmung 
nachgesucht werden müssen. Heute ist dem Arzt bei Verhängung 
von schweren Disziplinarstrafen nur Mitteilung zu machen, damit er Be- 
denken gegen die Vollstreckung bei dem Vorstand geltend machen kann. 3 ) 
Er hat also keine entscheidende, sondern nur eine begutachtende Stimme. 

In dem schon mehrfach angeführten Aufsatze der Zukunft von 
N. N. wird verlangt, daß die Verhängung der Disziplinarstrafe der 
Willkür des Direktors durch die Möglichkeit einer Appellation an 
eine Aufsichtskommission entzogen werde. 4 ! 

1) Gradnauer a. a. 0. S. 37. 

2) Gradnauer a. a. 0. S. «2. 

3) Vgl. Gradnauer a. a. 0. S. 42—44. Klage über die zu große Machtbefugnis 
des Gcfängnisvorstehere. „Der einzelne Gefängnisvorsteher ist fast völlig un- 
beschrankt in der Verhängung von Disziplinarstrafen ... Es kann also ein 
einzelner Mann, nach seinem Ermessen, ohne ein geordnetes Verfahren, die furcht- 
barste .Strafe verhängen. . . . Der Gefängnisdirektor kann eine leichtere Strafe 
in die schwerste verwandeln." ..Nach einer Verordnung von 189S muU die Ge- 
nehmigung des Oberstaatsanwalts nur dann eingeholt werden, wenn die Dauer 
der einsamen Einsperrung vier Wochen übersteigen soll. Nach der Dienstordnung 
des Ministeriums des Innern von 11*02 und nach der neuen Verfügung des 
Juatisminißteriums vom 18. Juni 1904 ... ist die oberstaatsanwaltliche Genehmi- 
gung auch einzuholen, wenn die einsame Einsperrung durch Verdunkelung der 
Zelle geschärft werden und die so geschärfte Arreststrafe die Dauer von 
14 Tagen übersteigen soll.-' 

Auf das heutige Beschwerderecht legen die Sozialdemokraten keinen Wert. 
Vgl. Gradnauers Reichstagsrede vom 13. Mai 1904. Über die heutige Aufsichts- 
kommission vgl. insbes. Most. Die Bastille am IMtftzensee 1876. S. 14 ff. 

4i Von dieser Kominission heiüt es in diesem Aufsatze: „Es muH jeder 
Strafanstalt eine vom Volke direkt oder indirekt (aus den Landes- oder Gemeinde- 
vertretungen) gewählte Kommission beigegeben werden, welche den Strafvollzug 



Digitized by Google 



Strafrocht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 231 



Die zweite Aufgabe des Strafvollzugs: Ausbildung oder wenigstens 
Erhaltung im Beruf bezweckt, den Gefangenen fähig zu machen, 
resp. zu erhalten, später in der Freiheit sein Brot verdienen zu können. 
Dazu ist es nötig, daß der Gefangene auch während der Strafzeit in 
seinem Berufe tätig bleibe, und daß ihm die Liebe zur Arbeit nicht 
genommen werde. 

Veraltete Arbeitsmethoden dürfen daher in der Strafanstalt keine 
Anwendung finden. „Die Arbeit der Gefangenen ist durch Ein- 
führung der Großindustrie rentabel zu machen und auf die Land- 
wirtschaft auszudehnen."') (Zukunft.) Von der letzten Forderung 
verspricht sich insbes. Ferri 2 ) sehr viel. „Die Arbeit in freier Luft 
ist stets noch das wirksamste Mittel der physischen und moralischen 
üygiene gewesen/ Er fordert, daß für die gemeingefährlichen Ver- 
brecher Arbeiterkolonien eingerichtet werden. Damit glaubt man 
auch der Leutenot auf dem Lande etwas abhelfen zu können. 

Da nun aber Großbetrieb Konzentration, Massen betrieb, heißt, 
so ist die Durchführung der Forderung: „die Arbeit der Gefangenen 
ist durch Einführung der Großindustrie rentabel zu machen." m. E. 
nur durchführbar, wenn Berufsstrafanstalten, d. h. Strafanstalten oder 
Strafanstaltsabteilungen für Angehörige des gleichen Berufs eingeführt 
werden. In diesen Strafanstalten könnten ja dann weiter die Sträf- 
linge nach der Tiefe der verbrecherischen Gesinnung oder nach der 
Art der von ihnen verübten Verbrechen oder sonstwie geschieden 
werden. Das ist um so eher durchführbar, als in jedem Berufe be- 
stimmte Verbreeben besonders grassieren. Das Prinzip der Arbeits- 
teilung würde auf die Gefängnisbeamten in höherem Maß als jetzt 
Anwendung finden. Sie könnten verschiedene Verbrecherkategorien 
genau studieren und damit größere Kunstfertigkeit in ihrer Behand- 
lung erlangen. Auch die Kriminal Statistik und die Kriminalpsychologie 
würden von jener Neuerung Vorteile ziehen. 

Jedenfalls ist m. E. die Organisation der Strafanstalten nach 
Berufen die notwendige Konsequenz der Forderung Gradnauers, die 
Arbeit der Gefangenen durch die Großindustrie rentabel zu machen 3 >, 

uberwacht, indem sie fortwährenden Verkehr mit den Gefangenen unterhalt, die 
Maßnahmen der Direktion prüft, Berichte über ihre Tätigkeit und Erfahrungen 
an Regierung und Volksvertretung erstattet und wenn nötig, angemessene An- 
träge bei den zuständigen Verwaltungsbehörden oder gesetzlichen Kaktoren stellt." 1 

1) Gradnauor a. a. 0. S. 25. 

2) Enrico Ferri. Eine Verirrung des neunzehnten Jahrhunderts. Neue Zeit 
12. Jahrg. Bd. II S. 4S I ff. 

3) Vgl. auch Dr. Siegfrieda: Die Gefängnisarbeit. Neue Zeit, 2:». Jahrg. 
190T Bd. II S. $64 ff.: -Es midi versucht werden, durch möglichst produktive 



Digitized by Google 



232 



VIII. ÜBORNIKER 



wenn sie auch meines Wissens merkwürdigerweise nirgends von Sozial- 
demokraten ausgesprochen worden ist. 

Was die Arbeitszeit anbetrifft, so wurde in dem Artikel von N. N. 
in der Zukunft (a. a. 0.) gefordert, daß sie 12 Stunden, die Zeit 
zum Schlafen 7 Stunden nicht überschreiten dürfe. Jetzt wird man 
wohl — gesagt ist m. W. in letzter Zeit über diesen Punkt nichts — 
das Arbeitsmaximum etwas niedriger schrauben wollen, wahrscheinlich 
auf die in dem betreffenden Beruf übliche Arbeitszeit. 

Diejenigen, die nicht in ihrem Berufe beschäftigt werden können, 
sollen etwas lernen, das ihnen später in ihrem Fortkommen von 
Nutzen sein kann. So sagt denn auch Stücklen 1 »: „Das Beste wäre 
es, dafür zu sorgen, daß Gefangene, die längere Strafen zu verbüßen 
haben, etwas lernen, damit sie draußen sich dann weiter forthelfen 
können." Dabei soll ihnen die mögliche Auswahl der Beschäftigung 
überlassen sein. Uberhaupt fordern die Sozialdemokraten Selbst- 
beschäftigung der Gefangenen in höherem Maße als bisher — in 
welcher Weise ist nicht ersichtlich. Bezahlung einer bestimmten 
Summe an die Gefängnisverwaltung für die Selbstbeschäftigung wird 
von der Sozialdemokratie verworfen. 

Damit die Sträflinge weiter Lust und Liebe zur Arbeit haben, 
soll man ihnen einen angemessenen Arbeitsertrag geben. Gradnauer 2 ) 
will den Gefangenen den vollen Arbeitsertrag sichern. Er schreibt: 
„Wenn schon der Staat den Verstoß gegen ein Gesetz durch Frei- 
heitsentziehung rächen will, mit welchem Rechte kann er den Ge- 
fangenen mit einem Lohn abfinden, der weit unter dem Lohne des 
freien Arbeiters für die gleiche Arbeit steht? Der Staat bestraft ein 
winziges Eigentumsvergehen mit schwerer Freiheitsentziehung, aber 
er selbst vergeht sich am Eigentum der Gefangenen, er betrügt diese 
Leute um den Ertrag ihrer Arbeit! Gewiß macht der Staat für den 
Bau der Gefängnisse und die Erhaltung des Beamtenapparates erheb- 
liche Aufwendungen, deshalb aber darf er nicht den einzelnen Ge- 
Gestaltung der Gefängnisarbeit den einzelnen Gefangenen, soweit er bessorungs- 
bedurftig, möglichst zur Erkcnntuis seines sozialen Werts zu bringen.* Die von 
mancher Seite vorgeschlagene künstliche Herabsetzung der Produktivität und 
damit der Konkurrenzfähigkeit der Gefiingnisarbeit durch Anwendung rück- 
ständiger Arbeitsmethoden kann natürlich gleichfalls, schon aus den er- 
örterten kriminalpolitischen Erwägungen nicht in Betracht kommen." 1 

1) Reichstagssitzung vom 1. März 1906. Vgl. auch Gradnauer a. a. 0. S. 92: 
„Die Bibliotheken sind zu verbessern, und jedem ist die Möglichkeit zu geben, 
sich durch Beschaffung des nötigen Materials in seinem Berufe fortzubilden, 
besonders wenn er deu erlernten Beruf nicht in der Anstalt fortbetreiben kann.'* 

2) Gradnauer a. a. 0. S. 27. 



Digitized by Google 



Strafrocht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie. 233 



fangenen entgelten lassen, was schließlich Staat und Gesellschaft 
selbst durch soziale Unterlassungssünden verursacht haben. Er darf 
es ihnen vor allem aber deshalb nicht entgelten lassen, weil die 
lächerliche Bezahlung der Gefängnisarbeit und die winzigen Erspar- 
nisse, die der Gefangene dabei machen kann, jede Arbeitsfreudigkeit 
ausschließen, und weil das im Kampfe gegen die Kriminalität überaus 
wertvolle Moment verloren geht, daß der Gefangene imstande bleibt 
für Frau und Kinder, für Eltern und Geschwister den Ertrag seiner 
Arbeit abzugeben/ 

Ein sehr schwieriges Problem, das die Sozialdemokratie schon 
früh beschäftigt hat, ist das, wie man die Konkurrenz der Gefangenen- 
arbeit für die freie Arbeiterschaft unschädlich machen kann. Schon 
der Fritz8chesche Entwurf vom 11. April 1877 forderte Vorgehen 
gegen die Gefängnisarbeit für Privatunternehmer und den Markt. 
Die Gefangenen sollen anstatt „zu lohndrückender Konkurrenz pri- 
vater Unternehmer zu dauernden Arbeiten für die Allgemeinheit, 
besonders zu ländlichen Meliorationen aller Art verwandt werden." 'j 
So heißt es denn auch in dem Arbeiterschutzgesetzentwurf, den die 
sozialdemokratische Partei in den Jahren 18S4 und 1S90 im Reichstag 
einbrachte, im § 13 a: 

„In Straf- Versorgungs- und Beschäftigungsanstalten, welche aus 
öffentlichen Mitteln unterhalten oder unterstützt werden, sind in erster 
Reihe gewerbliche Arbeiten für den eigenen Bedarf, den Bedarf des 
Reiches, eines Staates oder eines Geraeindeverbandes auszuführen. 

Der Verkauf gewerblicher Erzeugnisse für eigene Rechnung, für 
Rechnung des Reiches, eines Staates oder eines Gemeindeverbandes 
darf nur zu den marktmäßigen Preisen stattfinden." 

Da vorläufig aber die Gefangenen nicht vollständig durch Staats- 
arbeiten beschäftigt werden können, so muß der Preis der Gefängnis- 
arbeit so festgesetzt werden, daß er nicht auf die Löhne der freien 
Arbeiter drückt.*) Über die Art und Weise, wie dies am besten ge- 
schehen kann, läßt sich die Holzarbeiterzeitung von 1907 am Schluß 
einer Artikelserie über die von der Regierung dem Reichstage am 
22. Februar 1907 vorgelegte ,. Denkschrift über die Beschäftigung 
der Gefangenen in den zum Vollzug gerichtlich erkannter Freiheits- 



1) Dr. Siogfricda a. a. 0. (Anm. 3 S. 231). Vom humanitären ebenso wie 
vom praktischen Standpunkt sind auch die vorläufig nur spärlichen Anfange 
einer Beschäftigung der Gefangenen außerhalb der Anstalt im Freien mit Laodca- 
kulturarbeiten, besonders Meliorationen von Staatsgebäuden, zu begrüßen. * 

2) Über die Haupteyäteme der Regelung der (icfängmsarbeit vgl. Dr. Siog- 
frieda a. a. 0. 

Arohiv für Kriminalanthropologio. 90. Bd. 16 



Digitized by Google 



234 



VIII. ÜBOKXIKER 



strafen bestimmten Anstalten" (Aktenstücke des Reichstags Nr. 89) 
aus. 1 ) Es heißt dort: 

„Unseres Erachtens liegt ein Hauptmangel darin, daß die 
Interessenorganisationen der Unternehmer und Arbeiter keinen Einfluß 
auf die Festsetzung der Preise für die Gefängnisarbeit haben. Ein 
solcher Einfluß müßte ihnen eingeräumt werden, und zwar nicht nur 
hinsichtlich des Verkaufspreises der fertigen Produkte, sondern 
auch in bezug auf die zu zahlenden Arbeitslöhne. Diese Preise, 
beziehungsweise Löhne müßten von den zuständigen Amtsstellen im 
Einverständnis mit den Vertretungen der in Betracht kommenden 
Unternehmer- und Arbeiterorganisationen erfolgen. Die Notwendigkeit, 
in dieser Frage auch die Arbeiter zu hören, muß um so schärfer 
betont werden, als man im allgemeinen nur zu sehr dazu neigt, aus- 
schließlich das Interesse der Unternehmer ins Auge zu fassen, wenn 
man von dem Wohlergehen der Industrie spricht. Die Arbeiter 
stehen aber der Konkurrenz der Gefängnisarbeit durchaus nicht 
gleichgültig gegenüber; auch sie werden durch jenen Wettbewerb 
recht empfindlich betroffen, und so haben sie ein wohlbegründetes 
Recht darauf, daß auch ihre Stimme gehört werde." 

Um Lebensentfremdung des Sträflings nach Möglichkeit zu ver- 
hüten, um die Beziehungen aufrecht zu erhalten, die zwischen dem 
Sträfling und seiner Familie, seinem Arbeitgeber und seinen Freunden 
bestehen, und die ihm einen Halt im Kampf ums Dasein geben, soll 
der Gefangene frei Besuche empfangen dürfen, und im Briefverkehr 
nicht beschränkt werden. Heute darf ja der Zuchthäusler in Preußen 
nur alle drei Monate, der Geffingnissträfling alle Monat einen 
Brief schreiben und Besuch empfangen. Diese Bestimmungen sollen 
fallen. Ob dem Direktor der Strafanstalt jedes Kontrollrecht ge- 
nommen werden soll, ist nicht ersichtlich. Jedenfalls wird Beseitigung 
der Aufsicht beim Besuch verlangt. 2 ) 

Die eben besprochene Organisation der Arbeit in den Straf- 
anstalten verlangt die Beseitigung der absoluten Isolierhaft. Isolier- 
haft ist nur noch neben der gemeinsamen Arbeit möglich und an- 
gemessen. — Aber auch wenn diese Organisation der Arbeit in den 
Strafanstalten sieh nicht durchsetzen läßt, so ist die Sozialdemokratie 
dennoch für Beseitigung der absoluten Einzelhaft. Denn gegen sie 
spricht nach ihrer Meinung die Unmöglichkeit der Erziehung, der 
Charakterbildung bei ihr. Die Gefangenen werden zwar in der Ein- 

I) I>ic HolzarbciteracitUDg zitiert bei Siegfrieda a. a. 0. S. S71. 
2i (»ratluaiier a. a. O. S. 2t». 27. 



Digitized by Google 



Straf recht und Strafvollzug im Lichte der deutschen Sozialdemokratie, 235 

zelliaft Moralpredigten leichter zugänglich seio, grübeln, sich ihrem 
Schmerze hingeben und — r \vo Schmerz ist, da ist geweihte Erde u 
(Oskar Wilde) — auch die besten Vorsätze fassen. Aber wie Seifen- 
blasen in der frischen Luft zergehen diese guten Vorsätze, wenn der 
Sträfling mit der rauhen Wirklichkeit in BerühruDg kommt. r Der 
Mensch ist für sich allein weder gut noch böse, er wird beides erst 
in Gemeinschaft mit anderen Menschen. 4 * (N. N. in der Zukunft 
a. a. O.i Hinzutreten die unheilvollen Wirkungen der Einzelhaft 
auf das Geschlechtsleben und die größere Gefahr für Geisteskrank- 
heiten. 1 ) 

1) Gradnauer a. a. 0. S. 29, vgl auch Most a. a. 0. Er spricht hier vom 
_Zellenwahnsinn u . Er schreiht über die Erziehung durch Einzelhaft: -Dieses 
gute Betragen (d. h. das stumpfsinnige Gehorchen) kommt daher, daß die Be- 
treffenden bereits niedergeführt, d. h. völlig gebrochen sind. Wie soll denn ein 
solcher Mensch noch ein nützliches Glied der Gesellschaft werden können? So 
lange er eingesperrt ist, gleicht er einem l'hrenpeudel, der mechanisch den 
Kräften, die ihn regieren, Folge leistet, gleichwie aber ein solcher Pendel zur 
Erde fällt und regungslos liegen bleibt, wenn man ihn von der Uhr losschlügt, 
so verliert auch ein freigelassener Zellenhäftling gleichsam das Gleichgewicht und 
taugt zu keiner Arbeit mehr. 



(Fortsetzung folgt.) 



IX. 



Die Gaunersprache. 

Ein Beitrag zur Völkerpsychologie 

von 

J3. Kleemann, Anstaltagcistlieher der Kgl. CiefaiiKenanstult iu Leipzig. 



Lexika der Gaunersprache gibt es bereits in großer Anzahl. Ave- 
Lallements umfangreiche Sammlungen, Kluges gründliches Quellen- 
werk, die reichhaltigen Zusammenstellungen von Hans Groß u. a. 
beweisen, wieviel Gaunerwörter in der Fachliteratur bekannt sind. 
Efl kann hierin nicht genug getan werden. Da die Gaunersprache 
eine lebende Sprache ymt' iioyiv ist. so bedarf es auf diesem Gebiete 
fortdauernden Sammeins. Der Wert solcher Lexika ist für den 
Kriminalisten ein doppelter: 

1. Ilört er aus dem Munde eines Verbrechers ein Gaunerwort, 
so kann er sich event. über dessen Bedeutung vergewissern. 

2. In ihrer Gesamtheit gestatten die Gaunerwörter einen Einblick 
in die Psyche der sie sprechenden Individuen. 

Die vorliegende Abhandlung will keine neue Sammlung bringen, 
wenn auch der Verfasser selbst ein Verzeichnis der von ihm gehörten 
Wörter führt und dies in Zukunft weiter zu verwerten gedenkt, son- 
dern es soll der erste Versuch einer Psychologie der Gaunersprache 
geboten werden auf moderner psychologischer Grundlage. 

Dem Verfasser scheint es nötig zu sein, seine Anschauungen über 
Verbrechen und Verbreeher klar zu legen. Daraus erklärt es sich, 
wenn weiter ausgeholt wurde, als es vielleicht mancher Leser billigen 
<lürfte. Irrtümer in psychologischer und linguistischer Hinsicht mögen 
bei einem ersten derartigen Versuche gütigst entschuldigt werden. Der 
Verfasser ist für jede Zurechtweisung dankbar. 



„Sprich, daß ich dich sehe — \ saut Sokrates. Hierin kann 
man das Prinzip aller Sprachpsychologie ausgedrückt finden. Sie 
sucht aus der Sprache, sowohl aus den Worten als auch aus den 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



237 



Wörtern, und zwar nicht nur aus ihrem Inhalt, sondern auch aus ihrer 
Form, die Psyche des Menschen zu erkennen. Die Sprache des Men- 
schen bietet ein Kennzeichen seines gesamten physischen und psy- 
chischen Habitus dar. Wer daher den Menschen, so wie er war, wie 
er ist, und wie er ward, verstehen will, hat genau auf seine Sprache 
und Sprechweise zu achten. Selbst wenn man seine Sprache ver- 
stellen wollte, es gelingt dies doch nur innerhalb eng bei einander 
liegender Grenzen. Ein geübter Beobachter würde den Versuch der 
absichtlich veränderten Ausdrucksweise leicht entdecken. 

Jeder Mensch hat durch Abstammung und Umgebung sein 
bestimmtes Gepräge erhalten, und es findet dies in der Sprache sein 
Korrelatum. Zur schwieligen Faust und schwerfälligen Gedanken- 
bewegung des Arbeiters gehört eine derbe, zur zarten Iland des 
Künstlers und seiner Geschicklichkeit eine zierlichere und mannigfaltigere 
Ausdrucksweise. Nun kann allerdings jeder seine Sprache bilden, 
aber doch nur bis zu einem bestimmten Grade und jedenfalls nicht 
allzuweit über das Maß seiner Gesamtbildung hinaus. So ist die 
Sprache von physischen und psychischen Bedingungen abhängig. 
Umgekehrt gestattet die Sprache einen Rückschiuli auf die Psyche 
des Menschen. 

Hierbei ist nun die Konstanz dieses Verhältnisses von besonderem 
Werte. Dies ist es auch gewesen, was den Verfasser zu seiner Ar- 
beit über die Gaunersprache angeregt und veranlaßt hat. Mancher 
Verbrecher ist bestrebt, sich und seine Taten in ein helleres Licht zu 
setzen, was ja wohl verständlich ist. Aber es genügt bisweilen ein 
Wörtchen, und man möchte ihm zurufen: „Du bist auch einer von 
denen, deine Sprache verrät dich! — .* Du hast den Jargon eines 
Verbrechers, und wirst, wenn nicht alles trügt, einer sein. r Es wird 
wohl kaum dem abgefeimtesten Verbrecher gelingen, dem aufmerk- 
samen Beobachter gegenüber seine Rolle lange mit vollständigem Er- 
folg durchzuführen. Passive Beobachtung und Experiment, sich gegen- 
seitig stützend und ergänzend, werden die Maske sicher durchdringen." 
(Krauß). 

Freilich hat man sich hierbei vor übereilten Schlüssen zu hüten. 
Jedenfalls aber bietet die Sprechweise ein sichereres Merkmal dafür, 
wohin die Person zu rechnen ist, als der Inhalt der Rede. Worte 
täuschen leichter als Wörter, die Rede eher als die Redeweise. 

Es kann die Frage aufgeworfen werden, ob die Gaunersprache 
einer eingehenden Behandlung gewürdigt werden darf und ob man 
bei ihr statt von Psychologie lieber von Psychopathologie sprechen 
soll. Wir beantworten dies mit Pott am einfachsten dahin: 



Digitized by Google 



238 



IX. Kleemann 



„Das sind nicht die schlechtesten Köpfe gewesen, denen sie ihren 
Ursprung verdanken, diese Denkmale eines, wenn auch zu schlechten 
Zwecken aufgehotenen , doch glänzenden Scharfsinnes und einer ihn 
befruchtenden Einbildungskraft voll der kecksten Sprünge und leb- 
haftesten Bilder ; und an dieser beider Schöpfungen hat sich überdem 
oft sprudelnder Witz, freilich der übermütigsten, ja schrecklicher Art 
beteiligt, der nichts desto weniger, daß er zu oft nach dem grauen- 
vollen Gewerbe seiner Schöpfer und Fortpflanzer duftet, wie fast immer 
durch Kühnheit, so auch häufig durch die schlagende Richtigkeit seiner 
blitzartig ins Licht gesetzten Beobachtung überrascht und fesselt — / 

Ave-Lallement sagt: Die Gaunersprache ist der geistige Ausdruck 
der gemischten schmutzigen Elemente — in linguistischer und kultur- 
historischer Hinsicht ist sie eine Merkwürdigkeit 

Im folgenden verweisen die Quellenangaben mit Jahreszahlen 
auf Kluge, Rotwelsch I. Kl. bezeichnet Wörter und Redensarten, die 
ich selbst aus dem Munde von Gaunern gehört und die ich zu einer 
Sammlung vereinigt habe. 



Literatur. 

AvC-Lal lernen t, Das deutsche Gaunertum, L858/61 

A. F. Pott, Die Zigeuner in Europa und Asien. Halle 1841/45. 1. Teil: Ein- 
leitung und Grammatik. 2. Teil: Einleitung über Gaunersprachen. Wörter- 
buch und Sprachproben. 

Friedrich Kluge, Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprachen 
und der verwandten Geheimsprachen. I. Rotwelsches Quellenbuch. 

Friedrich Kluge, Deutsche Studentensprache L895. 

Hans Stumme. Über die deutsche Gaunersprache und andere Geheimsprachen. 
Vortrag. Leipzig 190ä — Heft XXXII der Hochsehul vortrage für jedermann. 
Dazu 

II an 8 Groß in der deutschen Literatur/.citung, Jahrgang 1903 No. 27 Spalte 
1650 ff. 

L. Günther, Das Rotwelsch des deutschen Gaunere. 

Otto Fleisch mann, Deutsches Vagabunden- und Verbrechertum im 19. Jahr- 
hundert. 

Ernst Rabben, Die Gaunersprache (chochum loschen). Gesammelt und 
zusammengestellt ans der Praxis — für die Praxis. Hamm i. Westf. Druck 
und Verlag von Brcer und Thiemaun. 1906. Peis 2 M. (Genaue Titcl- 
angabc gewünscht) 

Hans Groß, Handbuch für Untersuchungsrichter als System der Kriminalistik. 
3. Auflage. 

Hans Groß, Archiv für Kriminalanthropologic und Kriminalistik. Leipzig bei 
Vogel, namentlich Band 2—6, Die Gaunerzinken der Freystädter Handschrift 
mit Gaunerglossar und Redensaiten. — Band 8. Hogel, Ein alter Steckbrief 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



239 



mit Gaunerzinken. Roscher, Moderne Gaunerworte in Hamburg. — Band 6. 
Enzyklopädie der Kriminalistik. — Band 9. Kroatische Wörter im „Vokabulare 
der Gaunersprache* des Großschen Handbuches für Untersuchungsrichter 
von Cacid. — Band 9. Einige Mitteilungen aus der gerichtlichen Praxis 
Ober den Gebrauch von Geheimschriften unter Verbrechern von Dr. W. 
Schütze in Rostock. — Band 11. Hans Schuckowitz, Galgenbricfe. — 
Band 12. Dr. W. Schütze, Was ist heute noch von der Gaunersp räche im 
praktischen Gebrauch? — Band 15. Pollak, Wiener Gannersprache. 

Wilhelm Wundt, Völkerpsychologie. l.Band: Die Sprache. 1. und 2. Teil 1904. 

Wilhelm Wundt, Sprachgeschichte und Sprachpsychologie 1901. 

Wilhelm Wundt, Grundriß der Psychologie 1904. 

Hans Groß, Kriminal-Psychologie 1905. 

A. Krauß, Psychologie des Verbrechens, Tübingen 1*S4. Ein Beitrag zur 
Erfahrungsseelonkunde. 

Cesare Lombroso, Der Verbrecher in anthropologischer, arztlicher und 

juristischer Beziehung 15b7. 
K. Krobne, Lehrbuch der Gefangniskunde. 

George Delesalle, Dictionnaire Argot- Francais et Franeais-Argot Paris 1*99. 

Über Zinken: 
Archiv I, 25«. 321. Tätowierung. 

II ff. Gaunerzinken der Freystädter Handschrift. 
III, Högel, Ein alter Steckbrief mit Gaunerzinken. 
VI, Enzyklopädie. 
IX, 105. XI, 267. 

Rabben, Die Gaunersprache. Über Gaunertclegraphie S. 15s Gauner-, Zinkeu- 

und Zeichensprache. S. 160. 
AvC-Lallemcnt. 

Lombroso, l, 254. 400. II, 349. 357. 
Groß, Handbuch. 

Deutsche Literaturzeitung 1903, Spalte 1650 Xo. 27. 

Kluge, Rotwelsch, 1, Bundschuhzeichen 1513. Zeichen der Mordbrenner 1540/60. 

Baseler Glossar 1738. Handthierka ca. 1820. Stradafisel 1822. — Anhang D. 
Wundt, Völkerpsychologie I, t. Seite 152 Anm. 2; 2. Kap. V, 3. 



Digitized by Google 



I. Entstehung und Charakter der Gaunersprache. 

1. Entstehung: des Verbrechens und der 
Verbrechersprache. 

Bei einem Blicke auf die Lexika der Gaunersprachen der ver- 
schiedenen Iünder ergibt sich, daß z. B. die deutsche Gaunersprache 
viele Wörter aus dem Hebräischen und Lateinischen, die italienische 
aus dem Deutschen und Französischen, die englische aus dem Ita- 
lienischen und der Zigeunersprache, die französische aus dem Ita- 
lienischen entlehnt hat. Die Gaunersprache ist von vielen Seiten beein- 
flußt. Wir haben eine deutsche, eine französische Gaunersprache u. s. w. 
Doch ist die Gaunersprache in gewisser Weise international und „ihre 
treibenden ^Kräfte folgen so ziemlich in allen Ländern denselben 
Gesetzen." Lombroso erzählt, 1815 kamen mit den Alliierten viele 
Diebe nach Paris, sogar Russen und Kalmücken. Diese verständigten 
sich mit den Pariser Kollegen in wenigen Tagen. 

Das klingt märchenhaft. Aber etwas Wahres liegt darin. Viele 
Verbrecher kommen weit in der Welt herum. Sie erzählen, wie die 
Hausordnung, die Kost, die Behandlung in dieser und in jener Anstalt 
ist. Sie können auch berichten, wie sich in dieser und in jener Gegend 
die Hefe des Volkes ausdrückt, manche auch, wie man in diesem 
und jenem Land „arbeitet" , d. h. verbrecherisch zu Werke geht — 
geradeso wie der Soldat von seinen Feldzügen im fremden Lande 
erzählt. 

Also zur Kenntnis der Gaunersprache ist eine Kenntnis der Ein- 
flüsse nötig, die auf sie eingewirkt und zu ihrer gegenwärtigen Gestalt 
geführt haben. Wir werden jedoch auch nach ihrem Ursprung zu 
fragen haben. Wie haben wir uns die Entstehung der Gaunersprache 
zu denken? Damit hängt eine andere Frage zusammen. Wie ist das 
Verbrechen und das Gaunertum entstanden? Wer waren die ersten 
Verbrecher und Gauner? 

Die ersten Verbrecher? — Diese Frage dürfte nicht leicht zu 
beantworten sein. Was verstehen wir überhaupt unter einem Ver- 
brecher? — Der Verbrecher wird durch die Organe des Staates ein- 
gefangen, verurteilt, bestraft und — verpflegt, weil er die Rechtsordnung 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



241 



des Staates durchbrochen hat und event. für den Eintritt in die mensch- 
liche Gesellschaft wieder tüchtig gemacht werden soll. Der Verbrecher, 
und zwar der Gelegenheitsverbrecher, begeht einen Fehltritt und wird 
zurechtgewiesen. Der Verbrecher, und zwar der Gewohnheitsver- 
brecher, sucht seinen individuellen Vorteil auf Kosten einer oder 
mehrerer Personen und schädigt damit zugleich die Gesamtheit Er 
handelt gewerbsmäßig, planmäßig und absichtlich. Es steckt in ihm 
ein antisozialer Zug, und er ist nicht imstande, das antisoziale Streben 
niederzuhalten. Er handelt in einer Art Rauschzustand. Verbrecher- 
psychologie ist Hemmungspsychologie. Der Verbrecher, der Gewohn- 
heitsverbrecher ist ein Individuum, das unfähig ist, den antisozialen 
Reizen zu widerstehen. Auf Grund dieser antisozialen Reize handelt 
er gegen die Wohlfahrt der Gesamtheit des Volkes, ja der Menschheit. 

Wer waren nun die ersten Verbrecher? Lombroso findet das 
erste Aufdämmern verbrecherischen Wesens bei den fleischfressenden 
Pflanzen, sodann und zwar deutlicher sei ein verbrecherischer Zug bei 
den Tieren und in ihren Kämpfen unter einander zu finden, wo Tö- 
tung aus verschiedenen Motiven vorkommt. Auch bei den Tieren gibt 
es nach Lombroso Strafe, nicht in Form eines geordneten Strafvoll- 
zuges, wohl aber Rache. Wenn er nun solches verbrecherische 
Gebahren der Tiere und selbst der Pflanzen nicht gleich dem Ver- 
brechen setzt, so ist es doch nach seiner Meinung der Handlungsweise 
der Verbrecher parallel. 

Ob man bei der Frage nach dem Uranfang des Verbrechens mit 
Lombroso bis auf die Tier- und Pflanzenwelt zurückzugehen hat, 
darüber läßt sich streiten. Aber eine wichtige Parallele für das Ver- 
halten des Verbrechers liefert vielleicht das Leben der niederen Orga- 
nismen. Der antisoziale Zug, er kann, wenn man will, wie bei dem 
auf atavistischer Stufe stehen gebliebenen Verbrecher, so auch im 
Tier- und Pflanzenreich gefunden werden. Vollständig ausgebildet 
ist das antisoziale Streben erst bei den Menschen, die zur Klasse der 
Verbrecher gehören, also bei denen, die Untat auf Untat häufen, von 
einer Anstalt zur andern wandern und erst im Tode, vielleicht auf 
dem Friedhof der Namenlosen aufhören, die menschliche Gesellschaft 
zu stören. 

Der Verbrecher ist ein antisozial gerichtetes Individuum, ein Feind 
des Staates. Beide, Verbrecher und Gesellschaft, sind diametral ent- 
gegengesetzt in ihren Bestrebungen. Wohl kennt der Verbrecher auch 
Gemeinschaft, nämlich die Verbrechergemeinschaft, die Bande mit 
ester Organisation, bisweilen mit ihr eigener Sprache , cf. Hildburg- 



Digitized by Google 



242 



IX. Klekmann 



hauser Wörterbuch 1753 ff, aber sie ist doch grundsätzlich verschieden 
von dem geordneten Staatswesen und seinen Rechtsnormen. 

Verbrecher hat es gegeben und wird es wohl geben, so lange es 
einen Staat gibt. Der Staat kann das Verbrechen zwar einzu- 
dämmen und die Zahl der Verbrecher auf ein möglichst geringes 
Maß zu beschränken suchen, aber es ausrotten, das hieße Sisyphus- 
arbeit verrichten. Das Verbrechen ist ein zu bekämpfendes, aber un- 
umgängliches Übel. Das deutsche Strafgesetzbuch mit seinen 370 
Paragraphen, die peinliche Gerichtsordnung Karls V. mit ihren 46 
Paragraphen, das Edikt des Langobardenkönigs Rothari vom Jahre 
643 und die Gesetze seiner Vorfahren, der Pentateuch mit seinen 
Geboten und Verboten, die 1 0 Gebote der nomadisierenden israelitischen 
Stämme, die Gesetze Hammurabis a. 2250 v. Chr., — sie rechnen 
durch ihre Drohungen und Strafen mit dem dauernden Vorhandensein 
von Rechtsbrechern. Mit dem Staate entsteht und vergeht das Ver- 
brechen. Demnach dürfte die Geburtsstunde des Verbrechens und des 
Staates zusammenfallen oder einander nahe liegen. „ Verbrechen ist 
seiner tatsächlichen Bedeutung nach nichts anderes als Gesetzesüber- 
tretung. u (Krauß). 

Damit ist selbstverständlich nicht behauptet, daß der Staat Ur- 
heber des Verbrechens ist. Im Gegenteil. Er bekämpft es mit allen 
ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Aber der Staat stellt das Verbrechen 
als etwas Selbständiges, ihm Entgegengesetztes heraus. 

Das, was jetzt Verbrechen heißt, das hat es zu allen Zeiten 
gegeben. Man erkannte es aber in uralten Zeiten nicht als Verbrechen, 
nannte es auch nicht so. Sondern wenn derartige Handlungen 
begangen wurden, so empfand man sie wohl als etwas Unangenehmes, 
aber nicht als Verbrechen, vielleicht nicht einmal als Unrecht, sondern 
nur als Eingriff eines Stärkeren in das Wohlbefinden eines Schwächeren. 
Denn der Geschädigte konnte gegebenen Falles dasselbe tun und 
meinte: „Was jeder tut, ist recht getan u . Natürlich reagierte man 
gegen derartige Eingriffe, vielleicht auch unter Zuhilfenahme der Sippe 
•oder befreundeter Genossen, man schnob, schwur und übte Rache. 
Das alles hatte aber einen privaten Charakter, keinen staatlichen, und 
das Unrecht konnte nicht als Verbrechen von Staatswegen bekämpft 
und niedergehalten werden. Man kannte nur Privatrache, und erst mit 
Entstehung des Staates änderten sich die Verhältnisse. 

Eine Parallelerscheinung hierzu dürfte die Prostitution bilden. 
Ihr Ursprung liegt für uns im Dunkeln, und ihre Entstehung und ihr 
Wesen soll hier nicht dargetan werden. Aber das ist gewiß: die 
Anschauung über Prostitution hat sich im Laufe der Zeit geändert 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



243 



Man denke z. B. nur daran, daß sie in alter Zeit von Hetären und 
Kedeschen sogar in Tempeln zu Ehren der göttlich verehrten Wesen 
geübt wurde. In unserer Zeit ist sie der staatlich geschlossenen Ebe 
als etwas Verwerfliches entgegengesetzt. Freilich in den Kreisen der 
Roues, einer gewissen jeunesse doree, der Zuhälter und Dirnen 
(NB. nicht bei allen) lebt die Anschauung fort, daß die Prostitution 
als ein geradezu hygienisches Institut (Lomb: hötel du besoin) nötig 
und nicht zu verabscheuen sei. Entgegnet doch manche Dirne auf 
einen Vorhalt über ihr liederliches Leben oder auf das Zureden, sich 
durch Arbeit und ordentliche Wohnung von der Kontrolle selbst los- 
zumachen oder befreien zu lassen: Ich bin angemeldet! — geradeso 
wie der Verbrecher, und zwar der Gewohnheitsverbrecher, in seinem Tun 
und Treiben nichts Unrechtes erblickt, weil er den Staat und seine 
sittlichen Normen nicht anerkennt. Es ist die Klasse der Verbrecher 
ein Stand für sich. Sie hat ihre eigenen Anschauungen, ihre eigenen 
Gewohnheiten, auch ihre eigene Sprache, und diese Sprache ist ent- 
standen und wird gesprochen, seitdem und so oft Gauner mit ein- 
ander reden. 

Es wäre nun für uns lehrreich, wenn wir die Sprachen der Ver- 
brecher in den verschiedensten Ländern bis in die älteste Zeit ver- 
folgen könnten, wenn wir z. B. wüßten, wie die Verbrecher im alten 
Rom, in Griechenland, in Klein-Asien gesprochen haben. Doch fehlt 
uns darüber jegliche Kunde. Sicherlich wird sich ihr Idiom, wie in 
den modernen Sprachen, dem der Vulgärsprache genähert haben (cf. 
Av6 L: Die Gaunersprache ist der allgemeinen deutschen Volkssprache 
verwandt). Doch sind uns hierüber keine Quellen aus dem klassischen 
Altertum erhalten. 

Die ersten Quellen nun, die uns hinsichtlich der Gaunersprache 
von Nutzen sein könnten, reichen bis ins Mittelalter zurück. Die 
Lehre der christlichen Kirche von der Gleichberechtigung Aller und 
vom Almosengeben als Heil- und Gnadenmittel hat dem Anwachsen 
des Gaunertums zu erschreckender Höhe indirekt und ungeahnt Vor- 
schub geleistet. Erinnert sei z. B. daran, daß die Klöster an der Pforte 
eine Stube unterhielten zur Aufnahme und Verpflegung vorüberziehender 
Wanderer. Wer unter diesen armen Wanderern sich befand, läßt sich 
denken. Wahrscheinlich ähnliche Elemente, wie die, welche noch 
heute als arme Reisende an unsere Türen klopfen. Auch ist die 
Kirche im Mittelalter selbst am Bettel beteiligt. Sebastian Brants 
Narrenschiff Kap. 63 Von Bettleren: pfaffen, münchsorden sind vast 
rieh vnd klagent sich als werent sie arm: hü bättel, das es gott 
erbarm ! 



Digitized by Google 



244 



IX. Kleemann 



Wer spricht die Gaunersprache? — Nun die Gauner, d. h. (nach 
Günther) die gewerbsmäßigen Diebe, Räuber und Betrüger aller Art, 
mit Einschluß z. B. auch der betrügerischen Bettler und Falschspieler. 
Nach Ave L. ist 1. Jauner — (üb. vagat.i Spieler und alle Art Ver- 
brecher 2. Gauner = Zigauner oder Zigeuner. Indes heute nimmt 
man an, daß Gauner von nr — bedrücken, (part n:v ) übervor- 
teilen kommt. 

1 ) juönner «= spillcr bei Gerold Kdlibach 1490. 

2» mit rübliltg Jonen ist syn Kouff. Seb. Krauts Narrenschiff 1494 
cap. 

3) lib. vagat. 1510: Jonen -= spielen. 

4) Niederland. lib. vagat. 1547 JOnen = bedricgcn, Joner Uedrieger. 

5) Zygenner . . . verjanen darnach das jr im Sonncnbeth. Joh. Agricolaa 
Sprichwörter 1529. 

Gauner, ursprünglich der gewerbsmäßige Betrüger im Karten- und 
Würfelspiel, wird dann durch Begriffserweiterung zu unserem Gauner = 
Betrüger und Verbrecher. Die Gaunersprache wird auch jenische 
(oder gar jenaische, cf. Hildburghauser Wörterbuch 1 753 ff) und 
keimische Sprache genannt, im wesentlichen = Kotwelsch — fremde, 
unverständliche Bettlersprache, Bettlerlatein (Thurneysser 15S'j), 
Kochemer Tüschen, wenn auch Rotwelsch und Gaunersprache nicht 
ohne weiteres zu identifizieren sind. Richtiger ist es eigentlich mit 
Günther vom „Rotwelsch des deutschen Gauners** zu sprechen. Älte- 
ster Beleg für „Rotwelsch* 4 im Passional 1250. Hier = Worte 
geheimen, arglistigen Sinnes, cf. Hügel im Archiv III, Ein alter Steck- 
brief mit Gaunerzinken: 

Eine Verbrecherbande, die Gesellschaft der Maysskopf . . . Und reden 
alssdann mit einander Rotwelsch, Dann alle so in Ircr Gesellschaft* verwont, 
die künen die sprach Rotwelsch . . . 

Jedenfalls aber steht das Rotwelsch der deutschen Gaunersprache 
näher als — wie mir ein Franzose versichert — das Argot der 
französischen Gaunersprache, (über die anderen Völker cf. Stumme S. 16.) 

Bettler- und Vagabundentum sind die „Grundlage der Gauner- 
welt. ** Die Kunden bewahren auch die Gaunersprache besser als lokale 
Großstadtverbrecher. Lombroso bezeichnet die Landstreicher als die 
Akademiker der Gaunersprache. Sie sprechen im wesentlichen die- 
selbe Sprache wie die großstädtischen Verbrecher, wenn sie auch nicht 
mit ihnen zusammengestellt sein wollen. Tatsächlich befinden sich 
unter den Bettlern solche, deren Handlungen wohl gegen die Polizei- 
verordnung verstoßen, aber kein Verbrechen ist ihnen nachweisbar. 
Mancher unter ihnen brüstet sich damit: Ich habe noch nie gestohlen! 
Diese Elemente sprechen das Rotwelsch, cf: Matthias von Kemnat 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



245 



1475 und nennen ire sprach rott welsch oder keimisch. Gengenbach 
1516: was rot welsch und auch raengisch kan. Das Mengisch ist in 
das Messingisch aasgeartet, nach Hofmann von Fallersleben Misch- 
masch. Reyher 1079. Rothwälsch von Rotweil! de lingua campestri 
sive vagabundorum nach dem Glossar der Feldsprache bei Mosche- 
rosch 1640. 

2. Die Gaunersprache eine Berufs- und eine 
Geheim spräche. 

Wie ist die Gaunersprache entstanden? — Wir können hier nicht 
auf das Problem der Entstehung der Sprachen überhaupt eingehen. 
Das gehört der allgemeinen Völkerpsychologie an. Die Gaunersprache 
ist unter dem Kapitel der volkstümlichen Neubildungen zu behandeln 
und nach ihren Gesetzen zu beurteilen. 

Wir gehen in medias res. 

Ich spreche mit einem jugendlichen Verbrecher, einem verwahr- 
losten, körperlich und geistig minderwertigen Menschen. Er sagt im 
Laufe des Gespräches: Damals machte ich platt (== ich kampierte). 

Platt machen «= kampieren, vagabundierend auf »lein platten Lande 
umherstreifeu und gelegentlich auf dem Kr d reich schlafen, cf. Archiv XV 
190 Platten reißen i reisen) = im Freien schlafen. 2uT Blatt machen — unter 
freiem Himmel schlafen. 190 Platte auch = Bande. 

Platten- oder Hehlersprache Lomb. cf. Avc-L. Ausführliches: Schutze 
im Archiv XII. Plotabene machen. Der blad Jacob, alter Beleg für das 
Rotwelsche Platt in den Gaunerakten von St. Peter 1(510. 

Platten- oder Spitzhubensprache. Hildburghauser Wörterbuch 1753 ff. 

Die Redewendung war ihm entschlüpft Doch dem war kaum 
das Wort entfahren, möcht' er's im Busen gern bewahren. Der Bursche 
fühlte sich unangenehm berührt, als er merkte, daß ich scharf auf 
seine Ausdrücke aufpaßte und noch mehr derartiges aus ihm heraus- 
zulocken suchte. Er wollte seine Geheimsprache für sich behalten 
und hielt es nicht für zünftig, Auskünfte zu geben. Ich halte es dann 
auch nicht für das Richtige, den Mann weiter zu belästigen, und als 
Belästigung erscheint den Verbrechern solches Aushorchen. Ave" L. 
bemerkt ganz richtig: Es bleibt dem Gauner widerwärtig, die Kennt- 
nis seiner Kunst und Sprache aus profanem Laienmunde zu vernehmen. 
Pollak (Die Wiener Gaunersprache, im Archiv XV, 171 ff) ist anderer 
Meinung. Er empfiehlt Umfragen bei den Verbrechern mit einer Art 
Fragebogen, die teils von den Interessenten, teils von dem Verbrecher 
selbst auszufüllen sind. Bei uns in Reichsdeutschland scheint dies 
aus disziplineilen und praktischen Gründen unausführbar zu sein. 



Digitized by Google 



248 



IX. Klkemann 



Die Gaunersprache ist eine Sprache, die von einer bestimmten 
Klasse von Menschen gesprochen wird, nämlich von dem 5. Stande, 
wenn man die sog. „Arbeiter", d.h. die organisierte, ein ausgeprägtes 
Klassenbewußtsein besitzende Arbeiterpartei als die 4. Klasse bezeich- 
net. Der 5. Stand — das sind die Rechtlosen, diejenigen, die sich 
rechtlos fühlen. Sie sind die Außgestoßenen, die Parias der Gesell- 
schaft (mutatis mutandis) oder (nach Lomh.) die noch auf niederer 
Stufe der Menschheit Stehenden. Ist die 4. Klasse, die noch um ihre 
Rechte kämpft, zu voller Gleichberechtigung mit dem 3. Stande, mit 
dem Bürgerstande gelangt, so werden vielleicht auch die nicht zu 
Klasse 1—4 Gehörenden in eine energischere Bewegung eintreten. 

Daß die Verbrecher und Vagabunden eine Klasse für sich bilden, 
gibt sich auch in ihrer Sprache zu erkennen. Sie sehen über sich 
ein Fatum, das sie zum Verbrechen treibt. Sie sagen: „Ich habe es 
getan, (ein Verbrechen begangen). Daran ist nichts zu ändern. Ich 
wollte, ich hätte es nicht getan, nicht tun müssen (Kl.).* Sie ^er- 
wischen" (Kl.) eine Strafe, „machen eine Strafe weg" (Kl.) und dürfen 
dabei „keine Galle haben u = sich nicht aufregen, wenn sie nicht 
„billig wegkommend (Kl.) 

Auch die Volksanschauung geht dahin, daß die Verbrecher eine 
Klasse für sich sind. „In der Strafanstalt Jsitzen (fortwährend) die 
bösen Menschen." Man bedenkt nicht den steten Zu- und Abgang, 
ja den erschreckend großen Wechsel kleiner Anstalten mit kurzen 
Strafen, wo mehr oder minder vorbestrafte Individuen ein- und 
ausgehen. 

Die Verbrechersprache, die von jenen niedersten Elementen ge- 
sprochen wird, ist in erster Linie eine Berufssprache, wenn wir sie so 
nennen wollen, die Sprache einer bestimmten Klasse von Menschen. 
Sie sprechen diese Sprache, sie bedienen sich dieser Ausdrücke, 
und sie müssen sieb ihrer bedienen, weil ihre Umgebung so spricht: 
ihre Genossen, ihre Eltern, ihre Geliebten u. s. w. Dies das Primäre. 
Der junge Mann, der den Ausdruck Platte = Kampieren gebrauchte, 
fand darin zunächst nichts Wunderbares. Er hatte ihn von anderen 
gehört. Seine Umgebung drückt sich so aus Er selbst hat ihn viel- 
leicht schon oft gebraucht. Erst als er das Wort im Munde eines 
nicht Zünftigen hört, horcht er auf und wird ihm der Ausdruck auf- 
fällig. Er möchte ihn gern für sich behalten. Es widerstrebt ihm, 
Weiteres zu offenbaren. Die Verbrechersprache ist eine Geheimsprache, 
doch nur in sekundärer Hinsicht. 

Die Ansichten über die Entstehung der Gaunersprache gehen 
aus einander. Die einen sagen: Sie ist eine Geheimsprache (Pott 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



247 



Stumme. Ave-L: eine konventionell gemachte Sprache). Die anderen 
behaupten: Sie ist eine Berufssprache (Lomb., Groß — er gebraucht 
auch diesen Ausdruck). Tatsächlich ist sie beides: Geheimsprache 
und Berufssprache „ein Organismus, der sich aus dem Sorna und 
der Psyche des Gauners entwickelt, wie jede andere Sprache sich 
aus dem Wesen des sie sprechenden Volkes ausgebildet hat. u Sie ist 
eine Geheimsprache; denn sie ist ein vorzüglicbes Mittel für den Ver- 
brecher, sich in einer Weise auszudrücken, die uns nicht ohne weiteres 
verständlich zu sein braucht. 

Gaunerakten von St. Peter 1610: Hopfen = der, welcher Wache steht. 
Der Name „Paur" heißt bei inen Bing. Das Wort „Diebstahl* bei inen 
der Strumpf. 

Und dergleichen verkherte Wörter, deren etliche er bein Pauora, 
wellieheii er gedient, erlernet, brauchen sie in irer Kotwclsehen Sprach. Die 
künden sie gar wo! under den Lcuthen mit lautreden öffentlich brauchen 
und ir Vorhaben damit berhatschlagen und begangene thaten beklienncn, 
daß man» nit merkhe oder verstände. 

Schottel 1663, erste Grammatik des Rotwelsch: Es sind viererley Arten 
des also genannten Kotwelschen, die erste und Vorncmste Art ist, da an 
stat etzlicher Teutschen Worte gantz andere seltzame Worte sind erdichtet, 
die immer der Hede eingemenget werden, also das einer, der solcher 
erdichteten Worter unberichtet ist, nicht recht wissen kan, was also Teutsch 
geredt wird. 

Aber um heimliche, mögliche verborgene Mitteilungen zu machen, 
dazu bedient sich der Gauner eigentlich anderer Mittel. Solche sind: 

I. Die Zinken. Am ausführlichsten werden die Zinken behandelt 
bei Av6-L., sodann bei Groß, Archiv II, der dort zugleich eine Ge- 
sebichte der Gaunerzinken bietet. 

Im Hb. vagat. und in älteren Werken werden die Zinken nicht 
erwähnt Nach Ave" L. ist Zinke = (zig.) sung, Geruch (=Zinken = 
Nase), nach Joseph Maria Wagner = Signum, aber wahrscheinlich 
ist Zinke = Zacke, Spitze (Mhd. Zinke = die Fünf auf dem Würfel, 
cinq), seit Mitte des IS. Jahrhunderts ist Zinke ■= jede geheime 
Verständigung. 

a) Die graphischen Zinken weisen meist auf das Handwerk des 
betr. Gauners hin, oder sie enthalten Angaben über die Art und Weise, 
wie eine Gaunerei ausgeführt werden soll. Man kann sie einteilen 
in Personen- (oder Wappen ), Begriffs-, rebusartige und (an Häusern) 
Bezeichnungszinken. Besondere Arten sind die Scherenschleiferzeichen 
(Scherenschleifer vielfach = Gauner), die Slicherner Zinken (an Wangen 
der Verräter angebracht, slichnen = verraten) und die Mordbrenner- 
zeichen usw. 



Digitized by Google 



248 



IX. Klkemann 



b) Die Luftzinken dienen zur Verständigung der Gauner unter 
einander, namentlich im Gefängnis und bei Konfrontation vor Gericht — 
also eine Art Gebärdensprache wie die der Taubstummen oder eine 
optische Telegraphie (Ave-LA Hierbei sind zu unterscheiden: 

Uakesen oder Lockzinken, Lampen oder Warnzinken, die Kenn- 
zinken z. B. Scheinlingszwack, die Jad-, Fehm-, oder Grifflingszinken 
(cf. Enzyklopädie Archiv VI). Auch die Gaunertelegraphie gehört 
hierher, welche im Gefängnis mit Hilfe der Heizungs- und Abort 
anlagen und dgl. durch Klopfen ausgeführt wird. (Klopf-Alphabet 
bei Ave L.) Hierher gehört auch das Kaspern (arr), namentlich 
im Untersuchungsgefängnis, Pischen-pee (durch die Tür). 

c) Die Tätowierungszinken werden, wie ich mich selbst über- 
zeugt habe, mit Tätowierstiften ausgeführt, (das sind feine Metall- 
stifte wie Nähnadeln;, oder mit feinen Schreibfedern, welche zur be- 
quemeren Handhabung an Holz angebunden oder mit Draht befestigt 
werden. Erst wird Farbe auf den betr. Körperteil aufgetragen, dann 
wird sie eingestochen. Diese Zinken werden an allen Körperteilen 
angebracht, ohne Ausnahme. Nach Meinung unseres Aufsichtspersonals 
sind die am meisten tätowierten Verbreeher in der Kegel die schlimmsten. 

In meiner Sammlung befinden sich Auszüge aus 3 Skizzenbüchern: 
1 ohne Titel, 1 mit dem Titel Anton von England, 1 mit dem Titel 
Max von Amerika. 

Ich teile einiges daraus mit, um zu zeigen, worauf sich diese 
Zinken beziehen: 

Phantasie « Wappen, auch Landeswappen, Turtierzeichcn. — Matrosen. 
Anker, Leuchtturm, Schiff, Seemanns Grab. — Herz, Kuß. Liebespaar, nackte 
Frauen. Venus la Hella, coitus. Werkzeuge der Handwerker. Ferner: 

Kunstvolle Bilder: Wie Heinrich der Löwe den Löwen vom Drachen 
befreit. Antiker Wagen. Am Grabe der Mutter. Kugel mit Bibel, Schwert, 
unter sich Weltkugel und Schlange. I>cr Gedanke an das Unendliche: 
Sphinx, nackte Frauentrestalt davor, zum Sternenhimmel schauend. 

2.i Geheimschriften cf. Handbuch von Groß, und Enzyklopädie. 
Archiv VI, und Ave-L., werden oft mit sympathischen Zinken (Blut 
und Urini angefertigt z. B. die Maurer- und Winkelschrift. 

a b c k bis s dieselben Winkel mit Einsetzung von 1 Punkt 

~- — t bis tz dieselben Winkel mit Einsetzung von 2 Punkten 

oder k bis s dieselben Bogen 

g h i t bis tz dieselben Bogen mit Einsetzung von 1 Punkt. 

G a u n e r 
«»der Umstellung von Buchstaben 

oder Buchstaben durch Zahlen ersetzt (auch durch meine Sammlung belegt), 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



249 



Die Faden- und Maßstabenschrift. 

Heideische Chiffriermethode, Julius Cäsar-, Lexikon-, Mirabeau-, 
Napoleon I. oder G. de la Porta-, Netz- und Patronen-, Niethesehe Buch-, 
Tritheirn-, Gronfeld- oder Trochu-, Vokalchiffre. 

Schottische Punktieraiethode. Punktieruugen z. B. in meiner Samm- 
lung: Christus vor Pilatus, Petri Fischzug, Schwan (genannt: .StechgemiUde* 4 ). 

Die Zinken und die Geheimschriften dienen zur geheimen Ver- 
ständigung der Gauner unter einander. Die obige Aufzählung soll 
zeigen, daß dem Gauner dazu viele Mittel zu Gebote stehen, und daß 
er es auf mancherlei Weise versucht, geheime Mitteilungen seinen 
Genossen zugehen zu lassen. 

Die Zinken sind teils künstlich erfunden, teils hängen sie mit 
natürlichen Gebärdeformen zusammen. Auffällig ist ihre Überein- 
stimmung mit der primitiven Bilderschrift der Naturvölker. 

Wie die Zinken vielfach zum Zwecke gegenseitiger Verständigung 
heimlich verabredet sind, so trägt auch die Gaunersprache selbst z. T. 
den Charakter einer Geheimsprache (cf II, 3 Absichtliche Erfindungen 
und Angleich ungen). Indes sie schlechthin als Geheimsprache zu be- 
zeichnen, scheint nicht angängig zu sein. Sie ist eine Geheim spräche, 
doch dies nicht allein. Sie ist nicht nur „zu diplomatischen Zwecken* 1 
erfunden (Pott), oder als ein „Mittel zur Verbergung der Gedanken** 
ersonnen, sondern sie ist gleichzeitig eine Berufssprache, wie die Sprache 
der Innungen und Zünfte, der Kellner und Kellnerinnen, der Prosti- 
tuierten, der Soldaten und Matrosen, der Studenten, der Droschken- 
kutscher usw., und auch den Sprachen bestimmter Geselligkeitskreise 
vergleichbar, z. B. der Sprache der Radler, der Jockeys, der Auto- 
mobilisten, der Ruderer, der Kegler, der Turner, die alle ihre Sonder- 
ausdrücke haben für Gruß, Werkzeuge, Sportfeste. Ein Stand drückt 
sich anders aus als der andere. Der Kaufmann mit seinem reichlichen 
Gebrauch des Superlativs spricht anders als der schlichte Ökonom, der 
pedantische Lehrer anders als der vielgewandte Agent. Briefe eines 
Erziehers an seine Schutzbefohlenen klingen anders als Geschäftsbriefe. 
Der Student redet bei der Begrüßung seinen Couleurbruder anders an 
(cf. Kluge, Burschikose Zoologie der deutschen Studentensprache) als 
der Herr Kommerzienrat den Herrn Bankdirektor. 

Nun kann man ja nicht sagen, daß jeder Stand seine Sprache 
spricht, die grundverschieden ist von der eines anderen Standes 
und Berufes. Man kann längere Zeit auf der Straßenbahn mit jemand 
zusammen gefahren sein, und man kann aus seiner Sprache, seiner 
Ausdrucksweise noch keinen Schluß auf seinen Stand ziehen. Man 
erkennt den Stand in der Regel natürlich viel eher aus dem Inhalt 

Archiv für Kriminalanthropologie. 90. Bd. IT 



Digitized by Google 



250 



IX. Kleemann 



seines Gespräches, also aus den Worten, nicht aus den Wörtern, vielleicht 
auch aus dem sonstigen Benehmen der Person, aus ihrem gesamten 
Habitus. Groß (Kriminalpsycbologie) lenkt die Aufmerksamkeit auf die 
Kleidung, auch ein Kleidungsstück, auf die Art des Huttragens, die 
Schuhe, den Regenschirm und andere Kleinigkeiten, auf die Hand usw. 
Dies deutet auf den Charakter, aber auch auf den Beruf des Menschen. 
Und doch, es fällt manchmal in einem solchen Gespräche ein einziges 
Wort, und man ist im Bilde, wohin man den Fremden zu tun hat. 
Jeder Stand bat seine spezifischen Ausdrücke, von denen er nicht lassen 
kann. Oft mag derartiges in einander übergehen. Die Ausdrucks- 
weisen der Studenten und der Offiziere liegen entschieden nahe bei- 
sammen. Beide können sich unter einander leichter verständigen als 
z. B. ein Fabrikarbeiter und ein Matrose und eine Dienstmagd. So hat 
jeder Stand seine Sprechweise, z. B. gehen: stud. med. = Muskel 
innervieren, Kaufmann — sausen, wetzen (in Leipzig), hohe Herrschaften 
= sich begeben, cf. Kluge, Deutsche Studentensprache, Im Bann des 
Rotwelsch. Lomb. cap. 9. Groß, Krim. Psych, cap. II, A. 9. 

Auch die Gaunersprache ist eine Berufssprache und als solche 
entstanden. Groß, Handbuch : „Entstanden ist die Gaunersprache, als 
der erste handwerksmäßige Gauner zu einem ebenbürtigen Genossen 
sprach." Da sie nun von den anderen Idiomen abweicht, z. T. stark 
abweicht, ist sie zugleich als Geheimsprache praktisch verwertbar. 
Manche Neubildungen dieser Art mögen, wo Verhüllungen erstrebt 
wurden, direkt zu diesem Zwecke erfunden und gebildet sein. Oft 
wird der Gauner z. B. im Gefängnis einem „Kollegen* mit Rücksicht 
auf den in der Nähe befindlichen Aufsichtsbeamten ein Wort lieber 
in der Gaunersprache zuraunen als in der sonst üblichen Umgangs- 
sprache. Aber im allgemeinen ist die Gaunersprache „etwas ge- 
schichtlich Gewordenes, eine lebende Mundart, veränderlich nach Ort 
und Zeit." Die Gauner haben nicht auf einem Kongresse ihre Sprache 
festgelegt, sondern sie geht von Mund zu Mund. Niemand kennt 
ihre Urheber. In dieser Umsicht mag die Gaunersprache durch ihre 
Entstehung eine parallele Erscheinung im speziellen zur Zinkensprache, 
wenigstens in gewisser Hinsicht, und im allgemeinen zur Entstehung 
der Sprache überhaupt bilden. 

cf. Wundt, Völkerpsychologie, Die Sprache. 9. Kap. IV — auch 
nicht vom Kinde erfunden 3. Kap. II. 

Der Mensch ist im wesentlichen das Produckt der Verhältnisse, 
in die er hineingestellt ist. Das drückt sich auch in der Sprache 
aus. Der Gauner spricht die Gaunersprache. „Sie ist ein echter 
Jargon". Sie ist „naturgemäß von selbst entstanden, ein Organismus, 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



251 



der beginnt, wächst und stirbt. Ihre Entstehung hat psychologische, 
physiologische und anthropologische Gründe/ So Groß gegen Stumme. 

II. Wortbildung. 

I.) Lautnachahmungen in der Gaunersprache. 

Lombroso bemerkt (3SS): Atavistisch, d. h. ähnlich wie bei den 
Wilden, denen sie in so vielen Stücken gleichen, ist die Ausdrucks- 
weise der Gauner darin, daß sie die Naturlaute nachbildet und abstrakte 
Dinge personifiziert. Daher kommt es, daß ihre Sprachen zwar der 
Wurzel und der Endung nach verschieden, ihrem Wesen nach aber 
identisch sind. — Die Ursprachen wimmeln von solchen Nachbildungen 
der Naturlaute und von figürlichen Ausdrücken. — 

Damit hat gewiß Lombroso eine Anmerkung gemacht, die ihrem 
Inhalt nach im wesentlichen richtig ist. Ob wir freilich derartiges 
Atavismus nennen müssen, bleibt dahingestellt (cf. Archiv I 2<>o. 
Vorsicht mit dem Wort Atavismus). Es handelt sich wohl hier nicht 
um ein einseitiges Zurückbleiben des Gauners auf der Stufe des 
Wilden, sondern um eine Erscheinung der Sprachpsychologie über- 
haupt, um Lautnachahmungen als sog. Schallnachahmungen und als 
sog. Lautbilder, oder, wenn die onomatopoetischen Lautbildungen nicht 
Sprachreflexe, sondern mit Lautbildung verbundene Triebbewegungen 
sind, um Lautgebärden, d. h. Lautnachalimungen durch den Laut 

Günther liefert hierzu Beispiele: 

Tiic)k, Ticke. Tickert, ital : tic, dänisch: tickert, holländisch : tlik = Ohr. 
Klingling, Bimbam, Bim — Glocke. 

lo gigges, lo gaggea = nicht* anfangen können. (Gickes -= Gaekes der 
Gänse.) 

Trararum = Postwagen. Meckes = Ziege. 

Trappert = Pferd. Brummert = Ochse, 

(tschech.) kokracz — Hahn. ghiglu = Trinken, 

klapastern, klapateru, klapepern — dreschen. 

Lombroso (ital.): tap Schritt, tic Uhr, Tuff Pistole, buff Schuß (Parma), 
Puff (dtsch.) Schlag, flapper schlagen, boubouille Küche (?). 

Delesalle: schproum = onomatopee enoncant leclat d'un rire, qui gonfle 
les joues outre mesure. 

Kl.: hinterhcrklunkern *= hinterhergehen im langsamen Schritt. 

L. Geiger (Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache 
und Vernunft) und andere bestreiten nun zwar obige Anschauung über 
Lautnachahmung, indem den Sprach wurzeln derartiges fern gelegen 
habe. Indes „die Wurzeln beginnen eine Art verschämter Existenz 
zu führen" und „die Annahme einer Wurzelsperiode ist ein Phantasie- 
gebilde. — Man wird sie ruhig zusammen mit der Annahme eines 

IT * 



Digitized by Google 



252 



IX. Kl.F.EMANX 



goldenen Zeitalters, einer vollkommenen Urreligion und mit anderen 
ähnlichen Vorstellungen in das Grab vorvvissenschaftlicher Mythen- 
bildung versenken dürfen." Gegenüber den Romantikern behaupten 
wir, daß die Entstehung der Sprache ein kontinuierlicher Prozeß ist. 
Wenn auch die Gesetze der volkstümlichen Neubildungen und damit 
der Entstehung der Gaunersprache nicht absolut dieselben sind wie 
die vorhergehender Sprachperioden, so darf man doch wohl annehmen, 
daß onomatopoetische Lautbildungen zu allen Zeiten vorkommen, also 
auch in der modernen, verhältnismäßig jungen Gaunersprache. 

Wir haben in den hier besprochenen Wörtern, die wir kurz als 
Lautnachahmungen bezeichnen, es mit einer Erscheinung zu tun, 
die als eine Art Urschüpfung anzusehen ist. Der Gauner schafft 
sich seine eigene Sprache. Nur ist allerdings die Zahl der hier in 
Betracht kommenden Wörter verhältnismäßig gering, namentlich die 
Zahl der „Schallnachahmungen." Jeder, der die Gaunersprache den 
Gaunern selbst abzulauschen sucht, dürfte gierig nach solchen haschen, 
und die vorhandenen Vokabularien liefern in dieser Hinsicht wenig 
Beispiele. Indes es sind tatsächlich sog. Lautbilder und auch Scball- 
nachahmungen vorhanden. Ihre geringe Zahl ist kein Beweis gegen 
die Richtigkeit der Annahme, solche Wörter seien als Lautnach- 
ahmungen — Nachahmungen durch den Laut entstanden, und man 
könne durch sie einen Rückschluß auf die Entstehung von Wörtern 
überhaupt ziehen. 

2.) Deutsche und fremdsprachige Wörter der Gaunersprache. 
Sprachmischungen und Wortentlehnungen. 

Wie sind nun die übrigen Wörter der Gaunersprache, d. h. ihre 
große Mehrzahl gebildet worden? — Wir sagten bereits, daß die 
Gaunersprache in gewisser Weise international sei (Näheres bei Günther 
S. 23). Indes behält der Gauner stets Grammatik und Syntax seiner 
Muttersprache bei. Im Wortschatz lehnt sich die Gaunersprache jedes 
lindes teils an die Landessprache, teils an fremde Sprachen an, und 
macht sich nun ihr Lexikon auf ihre Weise zurecht. So verfährt 
auch die deutsche Gaunersprache. 

Zum folgenden cf. Kroatische Wörter im „Vokabulare der 
Gaunersprache" des Großschen Handbuches für Untersuchungsrichter. 
Archiv IX Groß gegen Caei»-, sodann Lombroso und Günther. 

Das Lexikon der Gaunersprache enthält: 

1.) Deutsche Wörter. Freilich ist entweder die ursprüngliche 
Form oder die ursprüngliche Bedeutung, oder auch beides geändert. 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



253 



Es zeigt sich dabei eine Neigung zur Derbheit, zum Obszönen 
und Frivolen. 

2.) Fremdsprachige Wörter oder verstümmelte Lehnwörter: italie- 
nische, französische, zigeunerische (cf. Günther, und Schütze, Geheim- 
schriften, Archiv IX), türkische usw. — viele hebräische und lateinische. 
Auch hier werden Form und Bedeutung meist geändert, oft aus Torheit 
oder infolge Mißverständnisses. 

Die Gründe für Laut- und Bedeutungswandel einheimischer und 
für die Aufnahme fremdsprachiger Wörter sind historischer und 
soziologischer Art. 

Man denke nur an den 30-jährigen Krieg und an seine Wirren 
und Folgen, an das Räuberunwesen des IS. Jahrhunderts (Schillers 
Räuber), die französische Revolution, die Befreiungskriege. Wie 
wurden durch solche Züge der Völkerscharen die Menschen durch 
einander gewürfelt! Natürlich gewannen dabei diejenigen am meisten, 
die am wenigsten zu verlieren hatten , die Gauner. Sie wanderten 
mit, sie kehrten wieder heim, sie kamen mit Genossen anderer Zunge 
oder auch anderer Mundarten zusammen. Wenn daher die deutsche 
Gaunersprache (und jede andere ebenso) die Muttersprache verdirbt 
und fremde Elemente in sich aufnimmt, so ist das nicht zu verwundern. 

Sodann ist die soziale Stellung der Gaunerwelt zu beachten. 
Wir führten bereits an: Sie fühlen sich als die Rechtlosen, die Aus- 
gestoßenen, die Pariasder Gesellschaft. Gleich und gleich gesellt 
sich gern. Leicht mag sich von jeher der Gauner denen angeschlossen 
haben, die sich ebenso recht- und heimatlos fühlen, nämlich den 
Zigeunern und den Juden. 

Heutzutage ist eine Zigeunerbande, wenigstens im Deutschen Reiche, 
eine Seltenheit. Ich habe bis jetzt nur 1 Zigeunerin im Gefängnis gehabt. 
Wären sie zahlreich in Deutschland, müßten bei ihnen auch als fahrendem 
Volke mehr Kriminalfälle vorkommen Anders verhält es sich in 
unserem Nachbarlande Böhmen; vor Gründung des Neuen Deutschen, 
Reiches durchzogen sie häufig auch unsere Gegenden. Daß hier 
sprachliche Beeinflussungen stattgefunden haben, ist erklärlich. — 

Juden gibt es überall in der Welt, und Juden mischen sich in 
alles hinein. Sogar den betrügerischen Gauner lassen sie nicht un- 
behelligt, versorgen ihn auch mit Wörtern und Redewendungen. Der 
Gauner stiehlt, der jüdische Trödler kauft die gestohlenen Waren und 
macht den Hehler. Beide treten in Geschäftsverkehr, auch in sprach- 
lichen Verkehr und Austausch. Dazu kommt, daß die Juden früher 
verachteter waren als jetzt. Judenverfolgungen waren häufig. Die 
Juden waren mißachtet wie die Gauner. Daher mögen sie viel mit 



Digitized by Google 



254 



IX. Kl.EKMAXN 



Gaunern verkehrt haben. Dabei bleibt sprachliche Beeinflussung: 
nicht aus. 

Luther in der Vorrede zum Hb. vagat. : „Es ist freilich solche rott- 
welsche Sprache von den Juden konien, denn viel Ebreischer wort 
drynnen sind, wie denn wol merken werden, die sich auff Ebreisch 
verstehen." 

Endlich dürfen wir hier eines Unistandes nicht vergessen, näm- 
lich der Rechtspflege. 

In früherer Zeit, in der Zeit der Kleinstaaterei, war die Landes- 
verweisung ein beliebtes Mittel zur Beseitigung lästiger Elemente. So 
mußten die Verbrecher von Ort zu Ort, von Staat zu Staat wandern 
und kamen auf dem Wege des Schubes hierhin und dahin. Das 
hinterläßt natürlich auch in der Sprache seine Spuren. Heute wird 
zwar auch noch der Ausweis angewendet, doch nicht mehr in dem Um- 
fange, auch hat er eine andere Bedeutung erhalten. 

Man hat auch vielfach die Zuchthäuser selbst für die Ausbreitung 
verbrecherischen Wesens verantwortlich gemacht, und für frühere 
Zeiten mag das mit Recht geschehen. Man sperrte ehemals die Ver- 
brecher unterschiedslos zusammen. Heute ist dies als töricht erkannt, 
und man ist immer mehr bestrebt, jeden Mann tunlichst zu isolieren. 
Die frühere Art brachte die Verbrecher in engste Berührung, auch 
Verbrecher verschiedener Sprachen. Aber heute noch kann der Ita- 
liener Lombroso die Zuchthäuser, Bordelle und Pennen als Brutstätten 
für die Gaunersprache bezeichnen. Wenn nun der heutige Strafvollzug 
in Deutschland auch den Verkehr von Gefangenen unter einander 
außerordentlich erschwert, völlig beseitigen kann er ihn nicht oder 
noch nicht. Sodann aber treffen sich die Verbrecher und ihre Dirnen 
nach der Entlassung in ihren anrüchigen Lokalen auf Verabredung 
wieder, wo sie ihre verbrecherischen Gedanken weiterspinnen, neue 
Pläne ersinnen und dabei ihre Sprache sprechen. 

Ein oft bestrafter Verbrecher, von Beruf Kellner und Zuhälter, 
sagte mir: Es bleibt einem nichts anderes übrig. Man verkehrt wieder 
in seinen Kaschemmen. Man muß es beobachtet haben, wie bei 
Strafentlassungen die Verbreeher 'sieh gegenseitig abholen, und man 
weiß es: Sie halten fest zusammen, sind eines Sinnes, sprechen 
eine Sprache. 

So geht die Gaunersprache von Mund zu Mund, .ist den ver- 
schiedensten Wandlungen unterworfen und nimmt in sich leicht fremd- 
artige Elemente auf. — 

Treten verschiedene Volksstämme und Rassen in Wechselbeziehung 
so pflegt die kulturell höher stehende Ras.se ihre Sprache leichter der 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



255 



Biederen mitzuteilen als umgekehrt, geradeso wir überhaupt kulturell 
hüber stehende Individuen einen größeren Einfluß auf die Sprach- 
entwicklung besitzen. Ferner wird die aufgenommene Sprache wenig 
verändert, und die Muttersprache der das neue Idiom Aufnehmenden 
entartet durch Aufnahme fremder Bestandteile. Dabei trägt die 
Sprache der höheren Kultur einen Teil des Wortschatzes in die der 
niederen Kultur, schwerer fremde Satzfügungen und Wortabwandlungen. 

Viele Wörter der Gaunersprache sind halb jüdisch, halb deutsch. 
Sie stammen aus der hebräischen, besser jüdischen oder judendeutschen 
Sprache. Die Hauptbestandteile des Wortes sind jüdisch, die 
Endung deutsch. 

Unverändert aufgenommene Wörter: 



Es macht den Eindruck, als ob die Juden kulturell höher 
gestanden haben als die deutschen Vagabunden und Stromer; denn 
gerade die jüdische Sprache hat aus ihrem Wortschatze vieles an die 
deutsche Gaunersprache abgegeben. Tatsächlich mögen die Juden 
vielfach den christlichen Gaunern 14 geistig und kulturell überlegen 
gewesen sein. 

Sehen wir uns einige solche Wörter an: 

2ii ganfen stehlen 

ni ; r, □ , S 1 2 Bezam, Beyze, Beyzim — Ei. Eier, auch — Vorsicht. 
Mitteleile (n*?*.^), Mitternacht. — Vormittiam (d*0 Vormittag. 
VerearnmlungB-Bajis (IV*) Versammlungshaus. 
Schlamassel -= Schlimm Massel ("??C Glücksstern). 
"»|TD sein = sprechen. 

IXäVi machen und — kommen = befreien. Berliner Dirnen- und 

•• . . _ 



Man sieht, die fremden Wörter werden in wenig veränderter 
Gestalt aufgenommen. Es wird ihnen eine deutsche Endung angehängt. 
Sie verderben aber die Muttersprache. Letztere ist stabil in ihren 
Redewendungen. 

Freilich die jüdische Sprache ist nicht die einzige, welche die 
Gaunersprache mit Wörtern versorgt hat, sondern von den alten Sprachen 
kommen hier in Betracht auch die Lateinische und die Griechische. 
Derartige Wörter aus dem Lateinischen und Griechischen mögen zum 
großen Teil von Studenten und allerhand fahrendem Volke im Mittel- 
alter eingeführt sein. 



2£ am Volk 
Jaar Wald 

r: dag Fisch 
dal arm 



baal Herr 
II bar Sohn 
"iVnr Techille Anfang 



Diebessprache IS 46. 



Digitized by Google 



256 



IX. Kleema.nn 



Kiwi; kwin, Hund — könnte auch französisch sein. quien = Hund. 
Gerold Edlibach 1490. 

benedicere, benschen =» segnen. 

Die Griechischen Wörter sind selten, lateinische häufig. Von 
anderen Sprachen sind von Einfluß gewesen: 

Das Zigeunerisch, cf. Sulzer Zigeuuerliste 1T&T. Über das Verhältnis von 
Zigeunerisch und Kotwelsch bemerkt Kluge, Rotwelsch I, das älteste Zigeunerisch 
1542: Zigeunerisch und Rotwelsch sind getrennte Dinge, die nicht mit einander 
verwechselt werden können, aber oft mit einander verwechselt sind. Ähnlieh 
Pott ü. Zweitaltestes Glossar der Zigeunersprache: Bon. Vulconius 1597. Index 
vocabulorum Nubianoruin Erronum und Ludolf 1691. 

Hierher gehören viele Wörter der Schurcrlzig: czoravl- Sprache, z. B. rat 
Nacht, Rattegänger — Dieb, logue — lumni, Hure, mirjacken dumm oder schlecht, 
lumni mirjacken dummes oder schlechtes Hurenmensch. 



rumänisch- zigeunerisch 
cf. Schütze Archiv IX. 



impeerged = Langweile 

ladjc schabo = guter Junge? 

mirjack hackein — ■ schlecht geschrieben 
Türkisch: Damler = ein Gießfaß, von damleh — tropfen in Schwenters 

Steganologia um 1«20. 
Persisch: Gazani Kind (Hb. vagat.) Gaze — « Hausrat. 
Polnisch-Zigeunerisch: sauce = gutmütig. 

Slavisch: Kaschemme — Kneipe, cf. Spitzbubensprachc vulgo Hanthierka 

ca. 1620. 
Italienisch: Strade — Straße. 
Spanisch: Müsch «■ Mädchen. 
Französisch: barlen tm reden, üb vagat. 1510. 

Englisch: Coxe — Henne (cf. auch Niedert, lib. vagat. 1547 C'oxe — een 
Hinne). 

Holländisch: Spieker — ■ Nagel. 

Schwedisch: fehmern und febern schreiben. 

Dänisch: rullik = Wagen. 

Ob nun freilich tatsächlich, namentlich bei Aufnahme von Wörtern 
aus modernen Sprachen, die sprachliche Abhängigkeit eine Folge der 
kulturellen ist, scheint fraglich zu sein. Der betrügerische Bettler 
Deutschlands mag in seiner Kultur nicht tiefer stehen als ein etwas 
Handel treibender und nebenbei stehlender Kroat. Oft hat sicherlich 
die bloße Berührung von Gaunern verschiedener Volksstämme genügt, 
so daß dem Austausch der Gedanken und den gemeinsam ausgeführten 
Taten auch gegenseitige sprachliche Beeinflussung folgte. 

Die Wortentlehnungen können sein: 

a) Wortentlehnungen mit reiner Lautassoziation oder AVortassi- 
milationen. 

Agole, Schubgole = Wagen, 
tffti Mokumswinde = Stadttor. 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



257 



Primer (prima hora) — » Priester (später Priemer), 
benedicere, benschen = segnen (Wnir). 
pater n oster, Paternollen = beten. 
^Dt* acheln, essen. 

T^n alchen, haichen, holchen = gehen. 

b) Wortentlebnungen mit Begriffsassoziation oder Volksetymologien. 
Hierbei kommen vor: 

a) Wortassimilationen mit begrifflichen Nebenwirkungen. 

H3D Schlag, untermackenen, untermackeln ■= unterschlagen. 

kaufen. Sucher — Kaufmann. 
Diakon ussenhaus (auch vulg.) Kl. 
yp Stimme. Kohl = Unsinn. 
Betist =» Pietist, ein Frommer, gütiger Spender. 
"GC" sich betrinken, schwächen =* trinken, 
nyc Körnclien. Moos = Geld. 

Qnb Leben und Lehm = Brot 

pj Wein, Jochim == Wein, auch Johann. Jochham = win. 
Gerold Edlibach 1490. 
Jahre, Wald. Konstanzer Hans 1791. 
->DZ = Dorf, Gefahr *= Dorf, Kaffer = Bauer, Kl. 

T,T 7 7 

1£7 lernen. Lampen =» Vorsicht. (Warnzinken.) 

ß) Wortassimilationen mit Begriffsumwandlungen. 

ICC bewachen. Schmiere stehen, Butter, Fett oder Käse stehen. 

(Gründliche Nachricht 1714). 
J (— 3, Dreiblatt) Kümmelblättclien. 

MO Pferd, 1» sterben. Zoskenpeiker. Süßchenbäcker — Pferde- 
schlächter. 

Was zeigen nun diese Lehnwörter der Gaunersprache? 

1.) Die Gaunersprache entnimmt Wörter aus den verschiedensten 
Sprachen, und zwar sowohl aus den antiken als auch aus den modernen. 
Die meisten dieser Wörter sind jüdischen Ursprungs. Anscheinend 
liegt hier eine kulturelle Abhängigkeit vor. Sonst aber ist derartiges 
nicht nachzuweisen. Der Gauner liest hier und da, wo sich gerade 
die Gelegenheit bietet, auf der Wanderschaft, auf Streifzügen, in den 
Pennen, in den Strafanstalten, Wörter von fremdsprachigen Gaunern 
auf, sei es, weil ihm das Wort besonders gefällt, sei es, weil seine 
Sprache bis dahin keine Bezeichnung für die betreffende Sache oder 
Handlung besaß. Ist aber ein solches Wort von einem Gauner 
einmal eingeführt, so wird es rasch von Mund zu Mund weitergegeben 
und findet so Aufnahme in die Gaunersprache überhaupt Es wird 
das Wort zu einem Gaunerwort, wiewohl es vielleicht zuvor der 
Sprache der ehrlichen Leute gehörte. 



Digitized by Google 



25* 



IX. Klkkmank 



2. ) Der Inhalt dieser Wörter gestattet einen Einblick in das 
Denken, Tun und Treiben der Gauner. Womit sich der Mensch am 
meisten beschäftigt, dafür hat er auch die meisten Wörter zur Ver- 
fügung. Wörter, die das Gebiet der Wissenschaft und der Kunst, 
der Technik und der Literatur betreffen, kann man vergeblich in der 
Gaunersprache suchen. Es müßte sich denn — wie wir später sehen 
werden — um die Sprache der modernen Großstadtverbrecher handeln. 
Das allgemeine Gaunerlexikon kennt nur Ausdrücke für die Dinge 
des täglichen Lebens und für die Gaunerpraxis. Anderes liegt dem 
Gauner fern. Er entlehnt auch dem entsprechend seine Wörter. 

3. ) Die Gaunersprache zeigt hinsichtlich des Lautbestandes 
der entlehnten Wörter dieselben Erscheinungen, die auch sonst bei 
Wortentlehnungen zutage treten. Sie behält die Laute des Lehn- 
wortes tunlichst bei; das Wort erhält aber, wenn es nötig erscheint, 
deutsches Gewand. 

4. ) Auffällig ist der Reichtum an Volksetymologien. Sie gehören, 
weil sie die kompliziertesten Vorgänge sind, einer späteren Zeit an. 
Mangel an Benennungen und Miß- und Unverstand führen dazu. 

3. Absichtliche Erfindungen und Angleichungen. 

Die Gaunersprache ist eine Berufs- und eine Geheimsprache. 
Daß sie nicht nur das erstere sondern auch das letztere ist, zeigt sich 
deutlich bei den Bildungen, die als absichtliche Erfindungen zu be- 
zeichnen sind. Wir zählen sie nur kurz auf; denn sie kommen für 
die Psychologie weniger in Betracht. Sie sind meist ziemlich sinnlos. 
Einen Wert haben sie für uns nur insofern, als sie die Gaunersprache 
als Geheimsprache charakterisieren. 

1 a) Die B-Sprache Thurneyssers 15S2 und 
1 b) Die P-Sprache Schottels 1063, 

vgl. Schottel. Ausführliche Arbeit von der Teutschen Haupt- 
Sprache, Braunschweig 1 653 . . . alle Silben gedoppelt und »wey- 
mahl mit zwischenmengung des Buchstaben p ausgesprochen werden, 

besteht in folgenden Regulen Ähnlich werden nach Schottel 

die Buchstaben e und w verwendet, gib = ibge. ich «=* ichwe. 
Es sind dieser Rotwelsch ■ Redarten noch mehr und wunderlich 
verdrehet, worzu unsere Teutsche Wörter artlich und geschickt, halte 
es unnötig, solche alle zu erzählen, cf. Günther und Lombroso. 
Ipicfa = ich. Frübpüh = Früh, cf Schütze, Geheimschriften. 
Weiteres bei Stumme. 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



259 



Ähnlich findet sich im Javanais und Cadogan des Französischen. 
Thurneyssere iyiuvtiu ist weiter ausgeführt in Schwentere Stega- 
nologie um 1620. 

2. Die 0 Sprache der Wiener Gauner. Dabei wird der kon- 
sonantische Anlaut eines Wortes ans Ende gesetzt mit auslautendem e, 
und der Vokal der ersten Silbe zu o umgelautet : Schränker (— Ein- 
brecher, Meyer 1807) wird zu Änkerschre — Onkerschre. Bettler — 
Ettlerbe — Ottlerbe. Wachtmeister — Achtmeisterwe — Ochtmeisterwe. 
cf. auch Thurneysser 1583, Wiener Gaunersprache von Pollak im 
Archiv XI. 

3. Absichtliche Veränderung des Vokals: boutoque für boutique. 
Lomb., auch boutoge. (Delesalle.) cf. Kluge, Deutsche Studentensprache 
im Bann des Rotwelsch, z. B. Pfonig = Pfennig. 

4. Absichtliche Abbreviaturen. Plötze = Plötzensee. Staude = 
Hanfstaude = Hemd, bas off — sousofficier cf. unser „Ober" — Ober- 
kellner. (Delesalle.) Stiger = Himmelstiger = Rosenkranz. Re und 
Prä = Religiösen und Prädikanten, gewisse Bettlerarten. Bettler- 
Liste 1742: Prudenzen = gescheidte Wirtshäuser, allwo man alle 
falsche Briefschaften der Re (das heißt verstellter Religiösen) und 
der Prae oder Prädikanten febern oder schreiben könne. Z = Zucht- 
haus (vgl. DZug, M — Mark, m = Meter), cf. Roscher. Mokum- 
Lammet oder Lammet = Leipzig, 'b clpD Stuhlmüller 1823. 
Pe-zaddik — P(olizei) -f- p*ns = die gerechte Polizei (ironisch). 

Konsonantische Silbenanfänge verbunden durch einen Vokal 
(a oder e). Ave-L. Z. B. : Rat (und Rad) = R,T + a = Reichs- 
taler. Kasch (K, 2 = 20 -f- Sch) = Zwanzigkreuzerstück. 

Der Schin (tr) = alles, was mit Seh- anfängt, z. B. Schutzmann, 
Sch-andarm. 

5. Absichtliche Verlängerungen: dorancher = dorer. (Delesalle). 

6. Absichtliche Transpositionen (Av6-L: Kaballistische Formen), 
philanthrope für filou. Delesalle lue = cul. En renversant le mot, 
on en trouve la traduetion. Gallach {nbi) = Pfarrer = Wallach. 
(Gründliche Nachricht 1714) Kaufmann = Lauf mann. Lieck in Stein- 
holz« Kiel in Holstein. Vaganten Hospital 1 OOS, Tuleriseh = Lutherisch, 
Lefranz = Franzle =■* Mönch, Pfarrer, schon bei Gerold Edlibach 1450 
lib. vagat: Lefrentzin = Pfaffenhur. cf. Thurneysser. 

7. Erfindung neuer Wörter: Winsel winde = Kirche. Wimmer- 
holz = Orgel. Klapperfeld = Gefängnis, in Frankfurt a. M. Seiten- 
billet oder Schlenkerbillet = Ohrfeige Kl. 



Digitized by Google 



260 



IX. Kleemann 



Absichtliche Erfindungen oder willkürliche Bildungen nach Ana- 
logie anderer Wörter der deutschen Sprache: 

1. Alle Wörter auf -hart (-ert), -(e)rich (-[ejrick und -ling (ing) 
oder -[ljinger. 

Alle diese Bildungen schon in den „ Baseler Betrügnissen" um 1450. 
Auch in der deutschen Sprache kommen die 3 genannten Endungen 
vor. z. B. Reinhart, Wegerich, Dichterling. Folgende Beispiele ge- 
hören der Gaunersprache an: Fließen, floß, Fluß — Floßhart = 
\\ asser. — Bähnert = Korb Kl. Bescheiden, beschied, Bescheid — 
Beschiederich «= Amtmann; streifen, Streifen. — Streifling = Strumpf 
und Hosen (Wencel Scherffer 1652). 

Am häufigsten sind die Bildungen auf -ling. Auch Fremdwörtern 
werden diese Endungen angehängt, und so entstehen die Bildungen: 
->fr:, jüd. bosor. — Boßhart — Fleisch, Chapeau — Chapenck — 
Hut. Duisburger Vokabular 1724. pApin (zig.) — Pabing oder 
Babing — Gans. 

Sodann sind beliebte Endungen es (Meckes = Ziege), -ik Rullik — 
Wagen, dän.), -rei, ei, i (stulteri = Betrügerei, Kniff), -isch (olmisch 
c^iy — alt). Ave-L. Pott. 

2. Das Gleiche ergibt sich mit Hilfe der in der Gaunersprache 
beliebten lateinischen Endungen -us, -ins, -um. Ihre Einführung mag 
durch heruntergekommene Studenten erfolgt sein. Wir haben ähnliche 
Bildungen in der Vulgärsprache, z. B. Speculatius. Gauner- und 
Studentensprache haben sich gegenseitig beeinflußt (cf. Gustav Freytag 
Bilder aus der deutschen Vergangenheit) Schieben — Schiebus ■» 
Tasche. Blasen — Blasius — Wind. Bürgermeister Burgemorum = 
Bürgermeister, (cf. Kluge, Deutsche Studentensprache, Antike Elemente 
und die eo- Sprache, S. 62.) 

Auch die Endung -a kommt vor. z. B. Stradekehra «= Straßen- 
raub (Konstanzer Hans 1791.) 

Ähnlich die hebräische Pluralendung -im. Freyer — Mann 
Freyerim = Mannsleute. (Günther S. 27.) 

Solche W r örter auf -us etc. sehen dann aus wie lateinische Wörter. 
Der naive Gauner macht es hier wie der Sextauer, wenn er scherz- 
weise bildet: meinus Sohuus. 

3. Auch das Umgekehrte hat stattgefunden. Wörter aus fremden 
Sprachen sind in die Gaunersprache herüber genommen worden und 
deutschen Wörtern angeglichen worden. Ihre Zahl ist unermeßlich groß. 

stabulum = Stab. Stabuler = Erzbettier. (lib. vagat) Hochstabier, 
ispan.) moza = Dienstmädchen. Müsch = Mädchen, 
lundi. Lüntlerl = Montag (Karmayer). 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



261 



iial. latte. Latsche = Milch. (Konstanzer Hans 1791.) 

ausbaldowern = auskundschaften. (Hosmann 1700 und 
Koburger Deeignation 1735.) 
-iDO venu assern = verraten. 
hpz verhai-seln = vergittern. 

Die Zahlwörter sind hebräisch, z. B. Gock-Eachet um t Uhr etc. 
(Freystädter Handschrift). 

4. Aus meiner Sammlung: Nacli Analogie von (vulg.) Singerei — 
Bibelei = Kirchenbuch, bündeln (schmeicheln) — pudeln «= Unzucht 
treiben, dämlich werden (vulg.) — einen Schußlich bekommen =» hin- 
fallen bei einer Messerstecherei. 

4. Neubildungen auf Grund von Assoziationen. 
Da die Gaunersprache, wie bereits gesagt, zum Gebiete der volks- 
tümlichen Neubildungen gehört, so gelten für sie folgende Gesetze: 
Es findet statt: 

1. Assoziation der Grundelemente des Wortes mit denen anderer 
Wörter, die jenen nach Laut wie Bedeutung verwandt sind. 

2. Assoziation der Beziehungselemente mit den in anderen Wort- 
gebilden von übereinstimmender Stellung enthaltenen und die asso- 
ziative Angleichung an diese. Dazu tritt 

3. äußere grammatische Angleichung. 

Folgendes Wort aus meiner Sammlung: hinterherklunkern = 
hinterhergehen im schwankenden Gange. 

Dem Bildner des Wortes mag ein Wort Klunker = Tresse, 
Troddel, vorgeschwebt haben (Kluge, Deutsche Studentensprache: 
Klunkern = Geld). Grimm, Deutsches Wörterbuch: der Klunker = 
Troddel., klunkern = sich faul herumtreiben, vgl. Claudius, David 
und Goliath: 

War einst ein Riese Goliath. 
Ein gar gefährl cher Mann, 
Trug einen gold'nen Tressenhut 
Und einen Klunker dran. 

Die Troddel kann sich auf einem Hute befinden und leicht durch 
den Wind oder bei Bewegungen des Kopfes hin und her bewegt werden. 
So entsteht wie etwa aus Baum — baumeln aus Klunker — klunkern. 
Daß an derartiges zu denken ist, beweist der Gebrauch des Wortes. 

Der betreffende Gauner suchte seine Mittäterschaft zu leugnen 
und sagte: Jener ging vorweg. Ich klunkerte hinterher und wußte 
nicht, was jener tun wollte. — 

Bei Hinterherklunkern liegt zunächst eine Lautnachahmung und 
zwar ein Lautbild vor wie bei torkeln. Steht wirklich Klunker und 



Digitized by Google 



262 



IX. Kleemann 



klunkern in einem Zusammenhang — möglicherweise könnte es auch 
anders gebildet sein — , so gehört kl-k den konstanten Grundelementen 
und u[n] den verschieden modifizierbaren Beziehungselementen einer 
bestimmten Wortreihe an, und es ist klunkern durch äußere grammatische 
Assoziation Wörtern wie (vulg.) hinterher-klek-kern (Klex) angeglichen. 

Man vergleiche hierzu das Gebiet der natürlichen Lautmetaphern 
und die indogermanischen Wurzeln der Wörter auf kr-] k], welche ein 
Geräusch bezeichnen. Klunkern und kleckern sind zugleich natürliche 
Lautmetaphern. Klunkern hat die Nebenbedeutung des Schwankenden, 
kleckern die des Folgens in bestimmten Zeitabschnitten. 

Hierzu fügen wir Beispiele aus anderen Sammlungen der Gauner 
spräche. Man beachte hierbei die Lautvariationen. 

schnupfen — schnüffeln — Bchnlffeln schn iffeln — Schniffling — Schnupftabak. 

Gaunersprache 
.Schnurre — schnurren — schnorren 
Mund betteln betteln 

unterkabbeni — unterklappen — untcrkaufeu — unterkiebitschen 

unterschlagen 

beschmieren — beschworen anblasen — anbleffen 
betrügen — betrinken < anschreien — zu erschrecken suchen. 

Beziehung /.um Munde: 
geschmust — geschmutzt — gsschnagelt — geschuackelt — geschnappt 
gesprochen — geküßt — genießt — geschnalzt — gegessen 

geschnarizt — geschmollt 
geschnauzt — gelechzt 
Schlange der Schlauder ■= die Schließer 

geschlangelt — geschlaudert 
geschlossen 
gesechclt, — gesenkelt 
gesunkeu und schwach geworden 
Stiz = Züchtigung — Stenz Stock — Stczer = Zucht 
stizen — Btenzen — »tezern 

schlagen 

schlauueu schlunen schlummern = träumen ((». spr.) 

schlafen dib. vagat) schlfln — schlafen 

klengeln klapastern — klapatern — klapepern 

läuten dreschen 
Rad (Günther Anm. US) Rodl = Faß. Trommel 

radeln = fahren rodeln — fahren, führen 

dies das ältere. 

paternollen 
ermoppeln — ernollen — ernoppeln 
erbeten 

Jaul = Huf Jaulen — Juden 

rufen 

eine Strafe aufbrennen — aufbremsen. KJ. 



Digitized by Google 



Die Gannersprache. 



263 



Wiederholt sind uns bereits zusammengesetzte Wörter begegnet. 
Wir wollen diese Gebilde im folgenden näher betrachten. 

5. Wortbildung durch Zusammensetzung. 

Als einen besonderen Fall der Wortzusammensetzung kann man 
die Wortwiederholungen ansehen. Dabei kann der Schalleindruck 
(Gaunersprache: gluglu — trinken) oder ein Wechselvorgang, der in 
analoger Lautvariation seinen Ausdruck findet (Gaunersprache: Fix- 
fax = Unsinn, Betrugs das Motiv zur Laut Wiederholung sein. Eigent- 
liche Komposite aber sind die Wortverbindungen mit ungleichen 
Bestandteilen. 

Die Komposite entstehen durch assoziative Kontaktwirkung (aus- 
preuschen = aus Preußen = des Landes verweisen) oder durch asso- 
ziative Nahewirkung (Sonnenboß — [.ut] rv~ oder jüdisch: boß — Huren- 
baus, bei Gerold Edlibach 1490. Trararum gänger = Postdieb) oder 
durch assoziative Fernewirkung (Schlenkerbillet = Ohrfeige Kl). Es 
gibt a) Komposite, in denen die Teilbegriffe wie ihre Beziehungen in 
einer Form ausgedrückt sind, in der sie schon vor ihrer Verbindung 
zum Kompositum in einem Satze vorkommen können 

Amtsschoter ne'r) = Amtsdiener 
und b) solche, wo etwas, vielleicht eine Flexionsendung hinzutreten 
muß, um die Art der Verbindung der Einzelbegriffe vollständig zum 
Ausdruck zu bringen. Turmhaus (Sturmhaus) = Rathaus, auch Sturm- 
kasten. Andreas Hempel 1687. 

Sodann sind hinsichtlich der Laut- und Bedeutungsänderung mög- 
lich die Erscheinungen a) der Aggludination. Linkshand = Dieb, b) der 
partiellen Verschmelzung. Mittiam (01») — Mittag, c) der totalen Ver- 
schmelzung. Leminger = Soldat, nämlich ncn 5 ?;: und eventuell 
Anlehnung an on£. 

Gramersimang = grand remerciment. (Steganologie.) 

Hierbei ist folgendes zu beobachten: 

1. Die Gaunersprache bildet im allgemeinen ihre Komposite wie 
die deutsche und jede andere Sprache, wie überhaupt der Gauner 
Grammatik und Syntax seiner Muttersprache beibehält. 

2. Auffällig ist die Kühnheit der Verbindungsweise oder, wie 
Ave L. sagt, die Verwegenheit der Kompositionen. Es werden zu- 
sammengesetzt. 

a) 2 deutsche 

b) 1 deutsches und 1 fremdsprachiges Wort 

c) 2 fremdsprachige Wörter. 

Schächerf etzer — Wirt, lib. vagat. 1 5 1 0 (-ctf facere). 



Digitized by Google 



264 



IX. Kleemann 



Selbst 3 Sprachen kommen in einem Worte vor: 
Amtskehrspiesse (oder -speiß). ker (zig.) — Herr oder Kijgioc 
oder (jüdisch) kiroh. spiesse = hospitium. Hildburghauser Wörter- 
buch 1763 ff. 

In letzerem Falle (c) wird das Gesamtwort „verdeutscht" oder 
anderen deutschen Wörtern angeglichen. 

3. Nicht für jede beliebige Vorstellung werden Wörter geschaffen. 
Sondern das Lexikon der Gaunersprache enthält vorwiegend nur solche 
Wörter, die der Gauner „in seinem Berufe* braucht. Somit gestatten 
auch hier die Wörter an sich einen Einblick in die Psvche des Gaunere. 

Daß dabei auch für Zeitbestimmungen wie Mittag usw. besondere 
Bildungen vorhanden sind, darf nicht wundernehmen. Gerade die 
Zeitangabe ist etwas Wesentliches für den Gauner, sei es bei der 
bloßen Unterhaltung, sei es bei Verabredung zu einer verbrecherischen 
Tat. Jedenfalls aber die meisten Wörter sind charakteristisch für den 
Gauner. Sie sind Gaunerwörter. Sie bezeichnen alles das, womit 
ehrliche Menschen nichts zu tun haben, wohl aber die Verbrecher, 
die eine Klasse und, wenn wir es so nennen wollen, einen Stand für 
sich bilden. 

III. Die Satzfügung nud die innere Satzform. 

Wiederholt wurde darauf hingewiesen, daß der Gauner Grammatik 
und Syntax seiner Muttersprache beibehält. Diese Anschauung ver- 
treten auch Pott, Lombroso, Günther. Groß. Indes diese Behauptung 
bedarf einer Einschränkung. Wohl mögen die Gauner im allgemeinen 
bei ihrer Unterhaltung die Wörter so zum Satze verbinden, wie wir 
es auch zu tun pflegen. Sehen wir uns jedoch ihre schriftlichen 
Mitteilungen an. so geht daraus eine Neigung zu unvollständigen 
Sätzen hervor. Ixmibroso würde hier auf Atavismus schließen 
(Archiv I, 200 Vorsicht mit dem Worte Atavismus). Doch dann 
müßte auch fragmentarisehes Denken und isolierende Sprachform oder 
derartiges direkt nachweisbar sein. Wir können uns damit begnügen, 
von den Gaunern zu behaupten, daß sie eine naive oder primitive 
Ausdrucksweise besitzen. Möglicherweise kommt auch das Moment 
der Trägheit hinzu. 

Was ich in meiner Sammlung an Briefen, Kassibern, Gedichten 
und kleinen Notizen besitze, ist alles in hochdeutscher Sprache, wenn 
auch oft mit starken orthographischen Abweichungen geschrieben. 
Aber in .seiner „Gaunersprache 1 ' bringt Rabben folgenden Satz eines 
Kassibers (3t3 oder „Komm beileile an Deele kaspern durch 

Gallonis faul." Ede. — d. b. komm diese Nacht an die Tür 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



"265 



der Zelle, damit wir uns heimlich unterhalten können; denn durchs 
Fenster zu sprechen erscheint gefährlich. Eduard. 

Man könnte dies für -Telegrammstil halten. Trotzdem ist die 
Behauptung aufrecht zu erhalten, daß die Sprache des Oauners wie 
die des Kindes eine Neigung zu unvollständiger Satzbildung und zu 
reichlichem Gebrauch des bloßen Infinitivs besitzt. Zum Beweise 
diene folgender Liebesbrief aus Rabben, die Gaunersprache. (Siehe 
Literaturangabe. Derselbe Brief ist abgedruckt in den Leipziger 
Neuesten Nachrichten Nr 165 1906). 



Lieher Collex, 

an den ich Xaehes! 

Daß ich letzten Kiesow- und 
Moo»kuppen - Masematten mit 
Sore, Tandcl und masse Porum 
treofe verschütt geworden; durch 
Flaunnertipp von Balraischpcct 
gebumst Ein leffer Ganneiwc 
aber keine Maure. Als Schien 
bcileile geglitscht kam Paschulka 
mit Achelputz lieG Deelc auf ich 
türmte Khan Palmer vorbei und 
masel toof bevor Jomschmiere 
kam und kopffscher. Paloppen, 
Greiferei, ganze Polente in Dampf. 
Aber Kies und Lappen ins Kraut 
kabohrt tippelte bei jorn und bei 
leile nach N., wo ich den kessen 
Paddenklaucr P., der in I». im 
N£ck schewwenete. An Kober 
L gimmcl Mannchen, keine ge- 
putzten, weil er Flebbe, Ober- 
mann und Stenz gab. L. nicht 
kess, noch witsch. Zwei Jahre 
ro witschen und dann zu Dir nach 
B. zum Flattern, habe Xaehes an 
mein Collex. 

(irüße Kalle und vergiß nicht 
Deinen 

M. ijosche gut). 



Mein lieber Kollege, an dem ich Freude 

habe! 

Daß ich bei dem letzten Silber- und Geld- 
schrankdiebstahl mitsamt dem Diebesgut, 
Schlüsseln und Schrankzeug abgefaßt und fest- 
genommen worden, ist Dir bekannt. Durch 
einen Liehttropfeu auf meinem Stiefel hat mich 
der t'ntereuchuugsrichter überführt. Ein herz- 
hafter Dieb hat aber keine Angst. Als der 
Aufseher des Nachts zuletzt revidiert hatte, 
kam bald der Kaiefaktor mit dem Essen und ließ 
die Zellentür und das Tor offen; ieh flüchtete 
im günstigen Augenblicke au» dem Gefängnis 
an der Schildwache vorbei und kam zum Glück 
frei, bevor der Tagesaufseher eingetroffen war. 
Schutzmänner, Kriminalisten und die ganze 
Polizei werden in großer Erregung gewesen 
sein, hatte aber ein wenig Kleingeld, sowieeinige 
Hundertmarkscheine in meinem Kopfhaar unter- 
gebracht und marschierte bei Tage und bei 
Nacht bis nach N., wo ieh mit dem gerissenen 
Taschendieb P., der in D in der Nebenzelle saß. 
zusammengetroffen hin. Gib dem Schenkwirt 
der Verbreclierkneii>e P. drei Taler. aber echte, 
weil er mir Papiere, Hut und Stock besorgte. 
P. (?i ist nicht ganz versehwiegen! Nun will 
ich zwei Jahre lang redlich arbeiten und komme 
dann zu Dir nach B. — zum Wäschestehlen - 
Denn ich habe große Frende an meinem lieben 
Kollegen. 

Grüße meine Liebste und vergiß nicht 
Deinen M. (schlafe gut». 



Auch die bei der Anrede unter sieh unbekannter Gauner vor- 
kommenden Satzäquivalente gehören hierher. A sagt: Kenn? (— Bist 
du von unserer Zunft?) B. erwidert: Kenn! (= Jai. cf. Handthierka 
ca 1820. Kundensprache lSö<>. Sodann die Zurufe Treff — die 

Archiv fttr Krimina]anthrop<>l<>,-ie 30 Bd. 



Digitized by Google 



■ 



266 IX. Kl.EK.MANN 

Beute ist in Sicherheit; wir gehen zum Treffpunkte, und Lampen! 
— Vorsieht. 

Sprichwörter (aus Rabben) : Zoof ( r |lD) Zoocher ("OC') le Pleite 
= das Ende des Kaufmanns ist der Bankerott. Zoof gannew 
(:J:) Iithlio = das Ende des Diebes ist der Galgen. Dies ist 
jedoch wohl weniger als unvollständige Sätze als vielmehr als hebrä- 
ischer Satzbau oder Anlehnung ans Hebräische zu bezeichnen. 

Absichtlich ist der Ausdruck „Neigung zu unvollständiger Satz- 
bildung" gewählt. Denn einige Sätze des obigen Briefes sind nach 
Art der hochdeutschen Sprache gebildet, und sodann sind derartige 
schriftliche Mitteilungen zu selten vorhanden und jedenfalls auch nur 
von dem oder jenem Vagabunden und Verbrecher angefertigt worden, 
als daß man unvollständige Satzhildung bei jedem Gauner voraus- 
setzen und behaupten könnte Doch durften die oben zum Ausdruck 
gebrachten Erscheinungen nicht unberücksichtigt bleiben. 

Das im allgemeinen die Gaunersprache dieselbe Satzverbindung 
aufweist wie die Sprache der Ehrlichen, zeigen die Quellen in Kluges 
Rotwelsch I durchweg, z. B. v. Grolmann 1813. Gedichte (auch meine 
Gedichtsammlung). Waldheimer Lexikon 1726. Riedel, Wörterbuch 
von St. Georgen am See 1750. Schöll 1793. 

Auch eine leise Neigung zum gegenständlichen Denken gegen- 
über dem zuständlichen mag vorhanden sein. Dabei ist das Denken 
vom Nomen beherrscht, nicht vom Vernum, z. B. kaspern durch 
Gallonis faul. Hier tritt an Stelle des verbalen Ausdrucks, „ist 
gefährlich u oder, „gefährlich sein 11 der nominale „faul/ Auch 
in dem Liebesbriefe findet man Neigung zu gegenständlichem 
Denken oder wenigstens Übergänge vom gegenständlichen zum zu- 
ständlichen Denken. 

Die Neigung zur Bildung unvollständiger Sätze sowie die wenigstens 
andeutungsweise vorhandene Neigung zum gegenständlichen Denken 
erweisen die Gaunersprache als eine Sprache, die gegenüber unserer 
Sprache auf primitiverer Stufe stehen geblieben ist. Noch deutlicher 
würde dies hervortreten, wenn außer dem Zusammenhang und den 
Richtungen des sprachlichen Denkens auch sein Inhalt, also sämtliche 
Gebiete der inneren Sprachform, die Gaunersprache als eine primitive 
Sprache kennzeichnen würden. Hierzu wäre nötig, daß der Nachweis 
gelingt, ihr abstraktes Denken ab- und konkretes Denken zu- 
zusprechen. 

Nun ist allerdings in der Gaunersprache eine Neigung zu kon- 
kreter Ausdrucksweise konstatierbar. Da wo ein abstrakteres Wort 
in unserer Sprache vorhanden ist, bedient sich die Gaunersprache 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



267 



noch eines konkreten oder konkreteren. Durchgehend kann beobachtet 
werden, daß die Gaunersprache Abstraktes konkret, selten Konkretes 
abstrakt auszudrücken pflegt, wobei immer die Ausdrücke „Konkret" 4 
und „Abstrakt" im allgemeineren Sinne zu nehmen sind. 

Ist von einem Eide die Rede, so spricht der Gauner statt von 
„Eid" lieber von der „Gabel* 4 und von gablen = schwören, indem er 
an die bei Ablegung des Schwures gabelförmig emporgehobenen 
Finger denkt. Gleicherweise bezeichnet er die Wiese mit ,,Grünhart u 
nach ihrem hauptsächlichsten Merkmal r grün u . Auch hier erweist 
sich die Gaunersprache als eine primitive Sprache, wenn auch das 
konkrete Denken seine Vorzüge hat, wie Anschaulichkeit, Lebendigkeit 
und poetischer Reiz. Wir lassen eine Beispielsammlung folgen, welche 
die Neigung zu konkreter Ausdrucksweise zeigen soll. 

Hierher gehört die Bezeichnung der Dinge durch ihre Farbe: 

(Hant.» bela Mehl, belka Milch, belak Käse, Mond, belkv Licht, belo Tag, 
weilte Farbe. 

Weißcrt Weißbrot. Das Weiße — Österreich. Das Schwarze — Böhmen. 
Grünhart Wiese. Braunert Bier. Scbwärzling Kaffee. RfitJing Blut. 
Ein weisher Schnee = das Schnupff - Tuch, «las sie einem aus der Picken 
ziehen. (Andreas Hempcl H)S7.). 

Auch in Beziehung auf den Gesichtssinn: 

gefünkelter Johani = Brandwein | 



Blankert =» Zinnerne Kanne j 
Schwarzer Gendarm, Schwarzfärber, Schwarzkünstler — Pastor. 
Wildschwein = schwarzgekleideter Priester. 
Schwan — Dirne (weiße Farbe). Fichte — Nacht (dunkle Farbe). 

Bezeichnung durchs Geräusch: 

schreiling = kiut (Mb. vagat. 1510). Bambel = Glocke, 
krachling = Nuß (lib. vagat.) Bimbam = Hausturschelle. 

durch den Geruch: 
Stänker — Stall. 

oder durch die Empfindung: 

Zwicker, Zwickmann Henker (lib. vagat.) 
rauling — gantz iung kindt (lib. vagat.) 
Wünnenberg — hübsch iungfrau (lib. vagat.» 

Sodann die Vergleiche aus dem Tierreich: 

Kleebeis — Pferd und Schaf. (Andreas Hempel 16S7. Uhlenhart 1617.) 
Affe — Rausch, Neuling in der Gauuerwelt, Inspektor, und der Dumme, der 

im Spiel gerupft werden soll. 
Brummbär — Friede. Laushütte = Gefangenhaus, 
cf. Kluge, Deutsche Studentensprache. Burschikose Zoologie. 

Gegenstände, namentlich Werkzeuge, für Tätigkeiten : 
Meierei « Busen. 



Funkerthal = Ofen 




IS* 



Digitized by Google 



268 



IX. Kl.EKMANX 



Alle Vorbindungen auf — mann : 

Fenerniann — Staatsanwalt. 
Freehinann — Verhör. 

Freimann — Scharfrichter | Wiener Jenisch bei Castelli ls47). 

Abstrakte und unbeseelte Wesen werden mit Personennamen in Ver- 
bindung gebracht: 

Ixmis, Alphons «= Zuhälter. 
Laura — Dirne. 
Klempners Karl — Polizist. 

iMartin Kouant = Gendarm, nach Lombroso von Kouveau, Rouen, Offiziere 

der («endarmerie und roue Rad (des Henkers). 
Karline = Schnapsflasche. 

Lombroso bemerkt hierzu: Das Personifizieren lebloser Gegen- 
stände, wie es der Sprache der Kinder, der Wilden eigentümlich ist 
und den Mythologien aller Völker und Zeiten zu Grunde liegt, ist 
auch den Gaunersprachen geläufig. Ähnlich Groß im Handbuch 
,.Über die Gaunersprache.'' Nach Kinderart bezeichnen die Gauner 
die Dinge, die ihnen wünschenswert erscheinen, nach ihren Eigen- 
schaften, ihren Tönen und Zwecken. 

Auch Gaunerredensarten gehören hierher (Freystäder Handschrift): 

Ameis und Salz heken = Mut und Stärke besitzen, bibam rutschen ■- heim- 
lich ins Haus kommen (Glocke abstellen). Auf Ficrschalen schinalen 
«= unbefugt arbeiten. Flügel kriegen = sich fortmachen. 

Charakteristische Unterscheidung! Hamburg) : Friedrichstädter (Offi- 
ziere) = feinere, Pötroleurs = niedere Sorte Zuhälter. 

Wir könnten hier unendlich viel Beispiele aufzählen. Es ist klar 
ersichtlich , daß die Gaunersprache eine starke Neigung besitzt, sich 
möglichst konkret auszudrücken. Freilich auch der Fall kommt vor, 
daß Konkreta durch Abstrakta ersetzt werden, worauf Günther be- 
sonders aufmerksam macht. Doch sind das rein äußerliche Über- 
tragungen und Wortentlehnungen, z. Ii Laune = Galle, bonus dies 
= Mütze. Unvernunft = Wurst. Schwermut = Finsternis (umgekehrt 
Schwärtz = Nacht. Wencel Scherffor 1652). 

Diese Erscheinungen sind übrigens selten. Selbständig bildet 
die Gaunersprache neue Konkreta überhaupt nicht. Im allgemeinen 
ist der Gaunersprache konkrete Denkweise eigen. Hierzu noch folgende 
Beispiele aus meiner Sammlung (Kl): 

Melkzeug = Busen. (Jas abdrehen — abwürgen. 
Pleise machen = ersäufen, pndeln — Unzucht treiben, 
brummen Strafe absitzen, blau machen = nicht arbeiten. 
Hund _ Polizist. Die Strafe ist so eine Kiste = so eine Sache, 
keine Calle haben = sich nicht aufregen. 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



269 



nicht so billig wegkommen wie auf der Messe hohe Strafe erhalten, 
noch nicht znni Teufel gehen — noch nicht sterben, 
der Gericht -= der oder die Richter. 

Auf „der Gericht" möchte besonders geachtet werden. Deutlicher 
kann das Bestreben, sich konkret auszudrücken» oder besser: die primi- 
tive, konkrete Denkweise der Gauner nicht gezeigt werden, als wenn, 
wie hier versucht wird, um nur beim Konkreten bleiben zu können, 
ein Abstraktuni sächlichen Geschlechtes zu einem Konkretum männ- 
lichen Geschlechtes gemacht wird. Ähnliche Fälle kommen auch in der 
Vulgärsprache vor, z. B.: Hoher Herr Gerichtshof (Berliner Mundart.) 
cf. le barreau, Schranke =- die Gesamtheit der Advokaten. 

IV. Der Bedeutungswandel. 

I. Äußere Bedeutungsübertragungen. 

Es kann fraglich erscheinen, ob man in einer Sprache wie der 
Gaunersprache, die zum Gebiete der volkstümlichen Neubildungen 
gehört, überhaupt von Bedeutungswandel reden darf. Namentlich wenn 
man die Gaunersprache nur als eine absichtlich erfundene Geheim- 
sprache betrachtet, so kann von einem Bedeutungswandel, d. h. von 
einer in den ursprünglichen Eigenschaften der Begriffe begründeten 
Entwicklung der Wörter, niemals gesprochen werden, sondern nur 
von planmäßigen Erfindungen und höchstens von Bedeutungsüber- 
tragungen, also von Entwicklungen, wo die neue Bedeutung nicht aus 
der alten hervorgewachsen zu sein scheint, sondern ihr aufgepflanzt 
ist. Nun weist ja tatsächlich die Gaunersprache zahlreiche Bedeutungs- 
übertragungen auf, die derartig den Charakter des Willkürlichen, Ab- 
sichtlichen und Planmäßigen oder gar des Zufälligen tragen, daß man 
schwerlich von ihnen behaupten kann, sie seien auf dem Wege gesetz- 
mäßigen Bedeutungswandels entstanden. Um hierfür recht drastische 
Beispiele anzuführen, erwähne ich folgendes: 

Polente (Gaunersprache) I = p 0 jj z j st 
Polyp (stud.) I 

Der Polis-mann hat ebenso wenig mit der italienischen Polenta 
etwas zu tun, wie mit jenem Coelenteraten. Polyp möchte man noch 
nicht als sinnlos bezeichnen. Man könnte hier an die Fangfäden des 
Tieres und an die Fangarme des Schutzmannes denken, und es 
könnte eine Assoziation vorliegen. Aber Polente == Polizist ist 
absurd. Der ähnliche Klang der Wörter hat hier zur Bedeutungs- 
übertragung geführt (cf. Polenter -= Schloß oder Burg. Weneel 
Scherffer 1652). 



Digitized by Google 



270 



IX. K LEHMANN 



Die Gaunersprache hat derartige Übertragungen in zahlreichen 
Fällen vorgenommen. Ich teile aus meiner Sammlung folgende 
mit: 

1 . liberalisch sein «= oft eine andere lieben. Die Gefangene, die 
sagte: Mein Mann ist sehr liberalisch, wußte kaum, was „liberal" ist, 
hat aber das Wort sicher oft gehört — es war zur Zeit der Reichs- 
tagsersatzwahlen — . Doch bringt sie „lieben" und „liebcral oder 
li[ejberalisch sein 4 * in Beziehung zueinander. Daher li|ejberalisch 
sein = es in sexueller Hinsicht nicht genau nehmen. Auch von an- 
deren Gefangenen habe ich diese Verbindung gehört. 

2. Die Georgine — Zwangsarbeitsanstalt St. Georg in Leipzig 
Der Ausdruck ist gebildet wie Saline (Halle a. S ) und Benzine (= 
Benzinmotor). Die Vulgärsprache bedient sich gern der Endung -ine, 
namentlich bei solchen Wörtern, die dem gemeinen Manne als zu gut, 
entweder zu hochdeutsch oder zu fremd klingend erscheinen. Bei 
Georgine = St. Georg kommt noch hinzu, daß die Georgine eine Blume 
ist. Damit gewinnt die (schöne) Georgine = die (harte) Zwangsanstalt 
St. Georg den Anschein eines Euphemismus. So paßte es auch in 
den Zusammenhang des Satzes, wie ihn die betreffende Gefangene 
anführte; denn aus dem Satze heraus ist die Bedeutung der Wörter 
zu bestimmen. Leidlich zufrieden mit ihrer jetzigen I-age sagte sie: 
Ich war vorher in der (von allen Dirnen und arbeitsscheuen Personen 
gefürchteten) Georgine ! 

Bei beiden Wörtern jedoch (1 und 2) liegt nicht Bedeutungs- 
wandel vor. Denn hier tritt uns nichts Gesetzmäßiges, sondern etwas 
Willkürliches und Zufälliges entgegen. Georgine = St. Georg ist noch 
ein wenig poetisch, liberalisch = viel liebend und obiges Polente = 
Polyp ist fast sinnlos, wiewohl man von dieser Bezeichnung hin- 
sichtlich der Vulgär- und ähnlicher Sprachen nicht zu reichlich 
Gebrauch machen möchte cf. Gruß, Kriminal Psychologie II A 9). 
Wenn sich die Gauner und überhaupt gewisse Menschen anders aus- 
drücken als andere, so hat das seine Gründe in jedem Falle. Ähn- 
lich: Sehnsucht = Wurst oder Schinken weil Gegenstand der Sehn- 
sucht. Jüngling und Langeweile = Wurst, weil langgezogen, nobis = 
nein oder nicht. Weneel Scherffer 1052. 

Die Gaunersprache ist eine Geheimsprache. Dafür können als 
Beleg Bildungen angeführt werden wie die Bedeutungsübertragungen, 
bei denen die Willkürlichkeit oder besser der blol'e Zufall eine große 
Rolle spielt. Indes, wie bereits mehrfach hervorgehoben, die Gauner- 
sprache ist nicht nur eine Geheimsprache, sondern sie ist zugleich 
etwas geschichtlich Gewordenes, eine sogenannte Berufssprache. Ist 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



271 



sie das tatsächlich, so kann sie auch auf dem Wege des Bedeutungs- 
wandels manche Bestandteile ihres Lexikons geschaffen haben. 

2. Der singulare Bedeutungswandel. 

Der Bedeutungswandel kann individuellen Ursprungs sein und 
den Charakter einer willkürlichen Handlung besitzen. Oder er kann 
generellen Ursprungs sein und unter einem gewissen Zwange erfolgt 
sein. Dieser ist der reguläre Bedeutungswandel — er ist die Geschichte 
eines Begriffes, jener der singulare Bedeutungswandel — er ist die 
Geschichte eines Wortes. 

Ist regulärer Bedeutungswandel in der Gaunersprache möglich? — 
Diese Frage wird später zu beantworten sein. Sicherlich aber kann 
singulärer Bedeutungswandel vorkommen. Denn man muß wissen, 
wie sich der Gauner seinen Wortschatz schafft. 

Ein Gauner gebraucht ein bereits vorhandenes Wort in einer 
besonderen Bedeutung. Ein anderer oder mehrere andere fangen dieses 
Wort von ihm auf. Sie tragen es weiter, verbreiten es unter ihren 
Genossen. So findet es schließlich in dem Gesamt Wortschatz Aufnahme. 
Wer der erste war, der das Wort in dieser Bedeutung anwandte, läßt 
sich nicht mehr feststellen. Genug — es ist da, und auf dem Wege 
singulären Bedeutungswandels entstanden und wird nun allgemein 
gebraucht. 

Ein Gauner, vielleicht ein Taschendieb, besucht die Oper, wo 
gerade „die Entführung aus dem Serail oder Belmonte und Konstanze u 
von Mozart gegeben wird. Er hat „sein Geschäft gemacht, etwas 
verdient u (= rauben oder stehlen, v. Grolmann 1813; und kommt in 
seine „Kaschemme* 1 . Er erzählt hier den Inhalt des Stückes. Die 
Kollegen merken sich einiges davon, namentlich die Xamen Belmonte 
und Konstanze. Was Wunder, wenn dann ein anderer „Belmonte 
und Konstanze spielen 4 * = notzüchtigen — gebraucht, und so diesen 
Ausdruck in die Gaunersprache einführt. Er gehört zu den modernen 
Ausdrücken. Denn die Uraufführung der Oper fand am 12. Juli 17S2 
in Wien statt. Ebenso modern: Kontrafusbais = Theater. (Wiener 
Jenisch bei Castelli 1817.) Gutenmorgenwünscher — besondere Art 
von Hoteldieben. 

Der singulare Bedeutungswandel umfaßt folgende Arten: 
1. Namengebungen nach singulären Assoziationen. 

hirondelle de gr^ve = Gendarm (Deleealle). Hinrichtungen fanden auf 

dem Grevcplatz statt, 
hirondelle de ponts = vagabond, qui eouche sons les ponts iDelesalle). 
occhiali <li Cavurro, Cavours Brillen = Handschellen (Lombj. 



Digitized by Google 



272 



IX. Kleemann 



Tumeherren Falschmüntzer (Dietmar v. Meckebach um 1350). Prozeß 
gegen die Domherren in Halle, 14. Jahrhundert. 

petit-Je'sus, männliche Prostituierte in Hotels. Archiv VI. 

Charlottenburger und Berliner ') = Keisebündel (Kl.), aus der Hand- 
werksburschensprache. 

Fleischraann (Böser — lach) m> Polizist, cf. Riedels Wörterbuch von 
St. Georgen am See 1750, — von einem Ueutenant, der Räuber 
und Diebe in der Gegend vou Frankfurt a. II verfolgte. Weiteres 
bei Ave'-L. und Günther. 

2. Singulare Namensübertragungen. 

käpernicken = laufen (im Halleschen Lattcherschmuß). Photographie 
des Schnelläufers Kapernick und seines Sohnes in meiner Sammlung. 

jouilletiscr = den Thron umstürzen (30. Juli 1830) Lomb. Man könnte 
beides als sprichwörtliche, aber auch als metaphorische Redens- 
arten fassen. 

3. Metapherwörter. 

Schmeichelwinde und Winselwiude = Kirche. 

Wildschwein = schwarz gekleideter Priester. 

Schwarzer Gendarm, Schwarzfärber, Schwarzkünstler = Pastor. 

Kuttengeier = Geistlicher. 

Himmelsteig = Pater noster oder Pfaffenhaus. (W. Scherffer 1652.) 
Langweile = Predigt. Lomb. 

Schieber =-= penis. Schublade = vulva. 

Dohle und barmherzige Schwester und Geigerl = Dirne. 

Kodesch = Päderast, Lüstling. Kdesche — Freimädchen. 

Warmer Bruder = Päderast. Gleishanns — Milchbrust. 

Kiebitz — weibliche Scham. Meierei — Busen! Melkzeug = Busen (Kl.). 

Melkerin — Bordellmädchen, das seinen Gast bestiehlt. 

Braune Kammer oder Kiste — Hinterteil. 

Vater und Mutter = akt. und pass. Teil bei Tribaden. 

Onkel und Tante = dgl. bei Päderasten. 

Geschäft und Gemächte = Scham (Kl.). 

Die kleine Schwester = weibliche Scham (Kl.). 

Die Rote oder die Blutige = Scham (Lomb.*. 

Der Gefährliche = penis (Lomb.). Dickmann = Ei und penis. 

Gymnasium und hohe Schule = Zuchthaus. 
Pension = Untersuchungshaft (Kl.J. 

Handel = jede Gaunertätigkeit. Geschäft = Diebeswerkzeug. 

Laushütte = Gefangenhaus. Krank = Gefangen. Dolch =» Gericht. 

Gittchen (= Kute Grube] oder *= Kitzen oder Ketzen, kleines Ge- 
mach) = Gefängnis 'Kl.), cf. Günther S. 51. Schwächer Kütte 
= Bierhaus (Andreas Hempel 16S7). 

Religion = Handwerk und Diebcsspezialität. 

1) pcllina — Felleisen. 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



273 



la veuve — Guillotine (^pouser la veuve) I ^ , .. 
raccourcir — guillotiuieren I e 0821 e 

juge de paix = bäton. 

Ftirwitz — » Arzt, Bader. Grünspecht, Grönwedel ■*= Jäger. 

Laubfrosch = Jäger. Jauche =» Suppe. Winsel —> Violine. 

Gelbauge = Hirse. Blaue Bohne — Kugel (Kl.). 

Schwarzroantel — Schornstein. Mutter Grün = Erde. 

Brummbär = Friede. Rabe = Bummler und Verbrecher in Leipzig (Kl.). 

Grillenhans «■= Gelehrter (Basler Glossar 1723). 

Katzauff — Metzger (Schönburger Tageblatt. 1906 No. 233). 

Wendrich, Fähnrich. Kornett, Cornet, Karnet — Käse. 

Schwarzer Dragoner = Floh. Bienen — Ungeziefer. 

Klappe, Kaffeeklappe = Kneipe (Kl.). 

Generalklappe große Herberge (Fleisehmann 43). 

Füchse = Dukaten 

Müller — Reichstaler * Wencel Scherffer 1652. 

Kummerer — = Kaufmann 

Obermann — Hut paletot — cercueil 1 r } i 

paletot de sapin | 6 68 e 
sapin fiacre, cercueil (sentir de sapin). Del. 

Kadetten = eine Leipziger Verbrecherbande. Tagebuch eines solchen 
in meiner Sammlung („Aus dem Leben eines Taugenichts"). 

4. Metaphorische Verbindungen und Redensarten. 

Ilaartrue sprengen = Notzucht verüben. 
Pleise machen => ersäufen (KI.). 
Gas abdrehen — an der Gurgel abwürgen (Kl.), 
blau machen = faulenzen, heimtun = umbringen, 
hochkirmesen = schwängern, lebendig begraben — inhaftieren (Kl.), 
ein paar winken = ohrfeigen (Kl.), auf der Walze sein =» in der 
Fremde. 

Ameis und Salz heken = Mut und Stärke besitzen. 

Auf Eiern schmalen = unbefugt arbeiten. 

Er hegt ein Avemaria er hat ein leichtes Gemüt. 

Basil schwächen i^t~c) = Eisenstäbe durchbrechen. 

Bimbam rutschen «=■ heimlich und ohne Geräusch in ein Haus kommen. 

billiger wegkommen = weniger Strafe erhalten als erwartet (KL). 

animus haben — wollen (Kl.). 

ohne Eisfarb = unverrichtet. 

Blauer Teufel = Soldat mit Ehrenzeichen. 

Blauer Sarg «= Gefangenentransport wagen (der -grüne Wagen"). 

abkrauten durchgehen (Andreas Hempel 16S7). 

Dem Jackel «las Eingeweyd ausnehmen = Opfferetöck I Ludwigsburger 

plündern (St. Jacob) ! Gesamtliste 

einen rothen Hahnen auf das Hauß stecken = Feuer anlegen! 1725. 
Auf den Schachtelhandel gehen = Unzucht treiben (KL), 
channer les puces = sinnlos betrunken sein (Lombroso). 
nischen = ärztlich untersuchen i Berliner Dirnen- und Diebessprache 1S46). 



Digitized by Google 



274 



IX. Kl,KEMANN 



5. Umbildung und Verdunkelung: aufgenommener Metaphern. 

Kohldampf schieben = Zuhälter ohne Frauenzimmer und ohne Geld. 
Schlamassel = Schlimm Masel Alna = Glücksstern) «= Unglück. 
Alche schieben (Tpr,) — die Dörfer durchbetteln (W. Scherffer 1G52). 
Scliocherbett (~0«tf n , r) «= Wirtshaus (ebenda). 

Unter den 5 verschiedenen Arten von singulärem Bedeutungswandel 
ist auffällig 1. Der Reichtum an Metaphern und an metaphorischen 
Verbindungen und Redensarten und 2. die große Anzahl von Metaphern, 
welche die Religion und das Geschlechtsleben, sodann Gericht und 
Inhaftierung betreffen. 

Dagegen für die übrigen Arten des singulären Bedeutungswandels 
lassen sich Beispiele nur mit Mühe finden. 

Die große Anzahl von Metaphern für Gericht, Inhaftierung und 
dgl., sowie für religiöse und geschlechtliche Dinge ist bei Menschen, 
die auf tieferer Stufe stehen, wohl zu verstehen. Göttliches und 
menschliches Recht mit Füßen tretend, ist der Verbrecher leicht dafür 
zu haben, die Religion zu verspotten, wenn auch selbst im verkommensten 
Menschen noch religiöses Gefühl schlummert und die Anerkennung 
eines höheren Wesens vorhanden ist Da ferner der Gauner aus der 
menschlichen Gesellschaft ausgestoßen ist oder sich ausgestoßen fühlt, 
so hat er auch nicht in reichlichem Maße an ihren Freuden und 
an den Genüssen höherer Kultur teil. Ihm genügt es, wenn er seine 
niederen Triebe befriedigt. Dadurch wird die Häufigkeit und Mannig- 
faltigkeit der Metaphern für den Geschlechtsverkehr verständlich, und 
damit hängt auch zusammen der Reichtum an Synonymen für 
Trunkenheit, eine Tatsache, auf die Lombroso besonders aufmerksam 
macht. Umgekehrt sind auch wieder Trunksucht und Unzucht die 
beiden Hauptkanäle, welche die Menschen auf die Bahn des Verbrechens 
leiten. „Aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und die Gewohnheit 
nennt er seine Amme a , das möchte man auf die Sprache des Gewohn- 
heitsverbrechers anwenden. 

Was aber nun überhaupt den allgemeinen Reichtum an Metaphern 
betrifft, so braucht man um des willen, wie Lambroso es tut, den 
Gauner nicht in eine Reihe mit dem Irren zu stellen. Denn Ahnliches 
findet sich in anderen Jargons (z. B. in der Sprache der Dirnen), 
und man braucht diejenigen, welche sie sprechen, noch nicht für 
geistig unnormal zu erklären, wenn sie in ihrer Sprache eine Neigung 
zu leichter Lebensauffassung offenbaren, zu Humor und Schalkheit, 
die sich bis zur Gemeinheit und Frivolität steigern können. Wohl 
aber ist mit Günther (S. 24) zu behaupten, daß in diesen Metaphern 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



275 



,.die eigentliche schöpferische Kraft der Gaunersprachen" beruht, und 
Groß (im Handbuch) sagt: Auch der Verkommenste scheut sich, die 
schlechte Tat so zu nennen, wie sie der Ehrliche nennt Daher auch 
die vielen Metaphern. 

Immer wieder bestätigt sich das Gesetz: Die Gaunersprache lehnt 
sich tunlichst in der Form an die Sprache der Ehrlichen an, gibt 
aber der Form einen neuen Inhalt. — 

3. Der reguläre Bedeutungswandel. 

Er ist das Produkt längerer Entwicklung, ist generellen Ursprungs 
und erfolgt unter einem gewissen Zwange — Derartiges scheint in 
der Gaunersprache nicht vorkommen zu können. Lombroso, der 
treffliche Beobachter äußerer Vorgänge, hat im I,aufe weniger Jahre 
in Pavia und Turin eine Menge von Wörtern entstehen und wieder 
verschwinden seilen. Groß bemerkt, die Gaunersprache sei ein 
Organismus, der beginnt, wächst und stirbt. Schütze sagt, die Gauner- 
sprache sei, wie andere ähnliche, fortwährend im Werden und Vergehen. 

Sie hat hinsichtlich ihrer Entstehung vorwiegend den Charakter 
des Sprunghaften, nicht den einer kontinuierlichen Reihe. Nun gibt 
es allerdings in ihr einen festen Stamm von Wörtern, auch wird häufig 
auf ein veraltetes Wort zurückgegriffen, Mundarten werden angewandt 
zum Zwecke der Verhüllung — aber ebenso treten fortwährend neue 
Wörter auf und alte sind damit abgetan. Ja oft kann man direkt 
nachweisen, aus welcher Zeit das Wort stammt, was bereits oben 
Seite 271 angedeutet wurde, und worüber sich Günther weiter ver- 
breitet Auch tauscht die Gaunersprache ihre Wörter mit denen anderer 
Jargons aus, der Sprache der Scharfrichter (1S13). der Prostituierten, 
Jäger, Kellner, Soldaten. Krämer,IIandwerksburschen, Seeleute, Studenten. 
Unter diesen sind mir, so weit ich es selbst zu beobachten Gelegenheit 
habe, verwandschaftliche Beziehungen zwischen der Gaunersprache 
einerseits und der der Dirnen, der Kellner, der Studenten, der 
Handwerker anderseits mehrfach entgegen getreten (et Berliner Dirnen - 
und Diebessprache 1840, Kundensprache 1S50, Wiener Dirnensprache 
ISSü, Kluge I, Anhang A — C). Auch finden Ubergänge zwischen der 
Gaunersprache und der Sprache der Ehrlichen statt (namentlich der Vul- 
gärsprache), und man möchte bei jedem Worte, das man aus dem Munde 
eines Gauners hört, und das sich als solches vermuten läßt immer erst 
nachprüfen, ob es wirklich der Gaunersprache oder der Vulgärsprache 
oder sonst einem besonderen Idiom angehört, resp. vorwiegend angehört. 

Alle diese Erscheinungen machen einen regulären Bedeutungs- 
wandel innerhalb der Gaunersprache unwahrscheinlich. Wer ihre 



Digitized by Google 



276 



IX. Kleemaxn 



Sprache den sie sprechenden Personen selbst ablauscht, der kann 
wohl singulären Bedeutungswandel bei ihr beobachten und verständlich 
finden, viel schwerer den regulären. Denn die Gaunersprache ist 
veränderlich nach Ort und Zeit. Nicht konstante, vollkommen gesetz- 
mäßige Entwicklung, sondern sprunghafte und freie Bewegung ist 
ihr vorwiegend eigen, so daß sie ein Spiegelbild des flatterhaften 
Lebens derer ist, die sie sprechen und von Mund zu Mund weiter 
geben. Ave-L. bemerkt trefflich zum Bedeutungswandel, es zeige 
sich in ihm die negierende Gewalt des Gaunertums. 

Indes, wenn auch nicht dem einzelnen Beobachter der Sprechenden, 
so ist doch bei Prüfung der Quellschriften ein regulärer Bedeutungs- 
wandel hier und da erkennbar. Dali er vorhanden sein muß, geht 
schon daraus hervor, daß die Gaunersprache eine lebende Sprache 
ist. So müssen auch ihre Wörter einem Wandel der Bedeutung 
unterworfen sein können, wie dasselbe auch in anderen lebenden 
Sprachen geschieht. Jedoch infolge der der Gaunersprache anhaftenden 
Unbeständigkeit kommt der reguläre Bedeutungswandel seltener vor 
als der singulare. Immerhin, soweit hier regulärer Bedeutungswandel 
in die Erscheinung tritt, vermag er das Wesen des Bedeutungswandels 
im allgemeinen und seine Entstehung zu beleuchten. 

Beim Bedeutungswandel ist zu unterscheiden: assimilativer und 
komplikativer Bedeutungswandel. Assimilativer Bedeutungswandel 
liegt vor bei Schuster = Schuhmacher. Kopfschuster = Hutmacher 
(aus Rabben). Kopf = hohles Trinkgefäß. Krummkopf = Brech- 
eisen mit gebogener Klaue (Meyer 1S07). Blechkopp = Schutzmann 
(Rabben). Ähnlich: (mod.) Bauernfänger = Falschspieler. Dieses 
Wort ist gebildet wie Rattenfänger, Obstfänger, als ob auch im Karte- 
spielen der Bauer oder der Dumme mit einem Instrument gefangen 
werden soll, oder "mit Hilfe einer feindlichen Verfolgung. Hierzu: 
Buchmacher, ebenfalls der ISpielerterminologie angehörend. Dies ist 
Bedeutungswandel mit wechselnder dominierender Vorstellung durch 
Assoziationseinflüsse. 

Stromer, nach Lombroso — Rheinischer Sehiffsarbeiter, dann — Gauner nach 
Günther von „Strömen", Dietmar von Meekebaeh um 1350: primo 
Stromer ilicnnter Kelsnyder. 

Hochstapler. Stabuler = Erzbettier (Üb, vagat.) von stabufmn, Stab. ') Hoch- 
stabler — einer der (ungebührlich) in die Höhe stapelt, in die Höhe 
geht. .Modernes Wort, zuerst 172s bezeugt in der Ludwigsburger 
(icsamt- Liste: Hochs tablcis, Stapplers — noch nicht in der Bettlerlisto 
1712. 



1) Vergl. II. Groß Handbuch 5. Aufl. p. 339. Anm. 



Digitized by Google 



Die Gaunersprache. 



277 



pejrrc * voleur. pigritia. Viktor Hugo, les miserables. Li vre septieme. 
L'arjrot: Pigritia est un raot tcrriblc. 11 engendre un moude. la 
pegre. lisez le vol, et uu eafer, lisez la Cum. Ainsi la paresse est 
mere. Ella a un fil*, le vol. et une fille. la faira. 

Die '.\ letzten Beispiele setzen Wandlungen voraus auf Oruud der 
Kulturverhältnisse. Iiier liegt Wechsel der dominierenden Merkmale 
durch äußere Wahrnehmungseinflüsse vor. 

Komplikativer Bedeutungswandel, etwa Bedeutungswandel auf 
dem Wege reiner Geftihlsassoziationen, ließe sich vermuten, wenn der 
Gauner den Paß als „laue Fleppe w , falsches Geständnis als „lauer 
Emmes bezeichnet: lau 1. =* weder warm noch kalt: laues Wasser; 
2. unklar und lässig: ein lauer Mensch; 3. = falsch: eine 
laue Fleppe. 

Freilich derartiger Bedeutungswandel ist in der Gaunersprache 
selten. Ihrem Charakter angemessener ist der singuläre Bedeutungs- 
wandel und die einfachen Bedeutungsübertragungen. kvi-L. spricht 
von „kecksten Sprüngen \ Viele Wörter sind etymologisch dunkel, 
weil Zufall und Willkür des Augenblicks im Spiele sind (Pott.). 
Immerhin zeigen die angeführten Beispiele, auf welche Weise der 
Bedeutungswandel in der Sprache überhaupt vor sich geht, wie ja 
die Gaunersprache auch den gesamten Vorgang des Bedeutungswandels 
zu beleuchten vermag. Sie zeigt, wie das abstrakte Denken das 
konkrete voraussetzt und wie das Denken vom Konkreten zum 
Abstrakten fortschreitet, nicht umgekehrt. Gegenstände werden nach 
einem Merkmal bezeichnet, wobei Einheit und Enge der Apperzeption 
vorhanden sein müssen, z. B. Grünhart = Wiese. Eigenschaften und 
Zustände werden primär benannt nach sinnlich wahrnehmbaren Ob- 
jekten. Daher: platte, platt 1. ■= eben 2. = vertraut, befreundet 
(Rabbeni. Klemmen und Klauen — stehlen. 

Wie laufen, springen, schleichen ältere Wörter sind als „gehen", 
so wurden früher die Spezialitäten betrügerischen Treibens genau 
geschieden, cf. die 2b Arten der falschen Betler — buberey im üb. 
vagat. und Meyer 1807: die 13 Diebessorten (modern >, Heute sagt 
man einfach: jemand machen = betrügen oder bestehlen (Kl.) 

Man darf auf Grund der vorangegangenen Ausführungen wohl 
behaupten: Wie bei der Entstehung lebender Wesen die Ontogenie 
ein Spiegelbild für die Phylogenie bietet, so ist die Entstehung einer 
Sondersprache wie der Gaunersprache innerhalb ihrer Entstehung 
eine Parallelerscheinung oder Rekapitulation der Entstehung aller 
Sprachen überhaupt. 



Digitized by Google 



278 



IX. Kleemann 



Darin ist zugleich die Bedeutung der Betrachtung der Gauner- 
sprache enthalten. Für den Juristen ist vorwiegend der Inhalt, für 
den Psychologen die Entstehung der Wörter und der Worte Gegen- 
stand des Interesses. 

V. Ergebnisse. 

Der Ursprung der Gaunersprache ist in Dunkel gehüllt. Sie ent- 
steht und vergeht mit dem Gaunertum. 

Nach ihrem gegenwärtigen Bestand trägt sie den Charakter einer 
Berufs- und einer Geheimsprache. Insofern sie als Berufssprache ent- 
standen ist, bietet sie ein Abbild der Entstehung von Sprachen über- 
haupt dar. Dies zeigt sich bei der Wortbildung. Sie geschieht 
als Lautnachahmung — eine Art Urschöpfung — wenn auch dieser 

Fall verhältnismäßig selten ist. 
oder durch Sprachmischung — aus historischen und soziologischen 
Gründen — , wobei namentlich viel hebräische und lateinische 
Wörter aufgenommen worden sind, 
oder auf dem Wege absichtlicher Erfindungen und Angleichungen. 
Erstere charakterisieren die Gaunersprache als eine Geheimsprache, 
letztere zeigen im besonderen die Verwandtschaft mit der Studenten- 
sprache. 

oder auf Grund von Assoziationen. Iiier wird deutlich sichtbar, wie 

volkstümliche Neubildungen entstehen, 
oder durch Zusammensetzungen, wobei die Kühnheit der Verbindungen 

stark hervortritt. 

Hinsichtlich ihrer Satzfügung und inneren Sprachform besitzt die 
Gaunersprache Neigung zu unvollständiger Satzbildung, zum gegen- 
ständlichen Denken gegenüber dem zuständlichen, und zum konkreten 
Denken. Sie ist eine primitive Sprache. 

Beim Bedeutungswandel sind äußere Bedeutungsübertragungen 
und singulärer Bedeutungswandel häufiger als regulärer Bedeutungs- 
wandel. Insofern läßt die Gaunersprache auch den Charakter der sie 
sprechenden Personen ahnen. Das Sprunghafte und Willkürliche liegt 
ihr näher als das Gesetzmäßige. 

Die Tatsache des Vorhandenseins der Gaunersprache im all- 
gemeinen aber bezeugt das Selbstbewußtsein, welches dem einzelnen 
Verbrecher-Individuum wie der Klasse der Gauner innewohnt. Dieses 
zu brechen, ist eine der wichtigsten sozialen Aufgaben aller Kultur- 
völker. 



Digitized by Google 



Register 

anscheinend neuer Gaunerwörter (mit Seitenangabe). 



hintorhcrklunkern — hinterhergehen im laugsamen Schritt 251. 261 
Diaconussenhaus = Diaconissenhaus 257 
Kaffor — Bauer 257 

Seitenbillet oder Schlenkerbillet — Ohrfeige 259. 263 
Bahnert — Korb 260 
Bibelei = Kirchenbuch 261 
pudeln h Unzucht treiben 261. 26$ 

einen Schußlich bekommen — hinfallen bei einer Messerstecherei 26t 

eine Strafe aufbremsen = eine Strafe aufbrennen 262 

Melkzeug — Busen 26^. 272 

Gas abdrehen = abwürgen 26S. 273. 

Pleisc machen = ersäufen (in Leipzig) 268, 273 

nicht so billig wegkommen wie auf der Messe = hohe Strafe erhalten 261) 

noch nicht zum Teufel gehen = noch nicht sterben 269 

der Gericht -= der oder die Richter 269 

liberalisch sein =» oft eine andere lieben 270 

die Georgine =- Zwangsarbeitsanstalt St. Georg in Leipzig 270 

Geschäft und Gemächte — Scham 272 

die kleine Schwester = weibliche Scham 272 

Pension- Untersuchungshaft 272 

Rabe — « Bummler und Verbrecher in Leipzig 273 

Klappe, Kaffeeklappe — Kneipe 273. 

Kadetten = eine Leipziger Verbrecherbande .73. 

lebendig begraben — inhaftieren 273 

ein paar winken ohrfeigen 273 

billiger wegkommen = weniger Strafe erhalten als erwartet 273 
animus haben = wollen 273 

auf den Schach tclhandel gehen = Unzucht treiben 273. 



X. 



Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf Grund 

von Indizien. 

Von 

I>r. Heinrich Svorcik, k. k. (ierichtssekretär in Kekhenberg 
nach eigener Voruntersuchung dargestellt. 

Mit 2 Abbildungen. 



Am 28. Oktober 1906 überbrachte ein Motorradfahrer den Reichen- 
herber Justizbehörden eine Gendarmerie-Meldung des Inhaltes, daß in 
dem 2 t km entfernten Pankraz ein dreifacher Kaubmord verübt wurde. 
Die Ergebnisse der am 2S Oktober, sowie der dem darauf folgenden 
Tage vorgenommenen Lokalaugenscheine, sind in Kürze folgende: 

Das dem Anton L. gehörige Haus, in welchem sich die ermordeten 
3 Personen befanden, liegt unmittelbar an der durch die Ortschaft 
führenden Kaiserstraße, es ist ebenerdig; der Eingang ist gegen die 
Straße zu gelegen, die Haustüre, die mit einem Schlosse versehen ist, 
sowohl durch dieses, als auch durch einen starken Holzriegel, welcher 
im Vorhause aus der Mauer hervorgezogen und vorgeschoben wird, 
absperrbar. Im Vorsaal gelangt man rechterseits in eine geräumige 
Wohnstube mit Fenstern, davon 2 mit der Aussicht gegen die Straße, 
2 gegen die Hofseite und 2 an der Stirnseite, diese Wohnstube dient 
zugleich als Tabaktrafik und die Tabaksorten werden, wie auf dem 
l^nde üblich, durch ein auf die Kaiserstraße führendes Fenster ver- 
kauft; linker Hand vom Haupteingange kommt man in die Schlaf- 
stube mit je 2 Fenstern (= 2 gegen die Straße, 2 gegen den Hof). 
Vom Vorbause führt eine hölzerne Treppe in die Dachbodenkammer 
und einen Bodenraum, der zur Aufbewahrung von Holz und Brenn- 
material dient. Außer der Eingangstür an der Straße besitzt das Häus- 
chen noch eine Hoftüre rückwärts am Hause, welche durch Ver- 
schieben eines Holzriegels und mit einem Drathacken abgesperrt wird. 

Die Schlafstube bot folgendes Bild: In einer Bettstelle liegt auf 
der linken Körperseite eine etwa 40 jährige Frau und hinter ihr, 



Digitized by Google 



Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf Grund von Indizien. 281 



zwischen Rücken und Wand ein etwa dreijähriges Mädchen. Die 
Körper sind bis zur Brust mit einem Federbette zugedeckt, welches 
kopfwärts zurückgeschlagen und an der Innenseite eine große Blut- 
lache, welche eingetrocknet ist, zeigt. Der Kopf der Frau ist im 
Polster eingedrückt, die rechte Gesichtsseite dem Beschauer zugewendet, 
Nase und Mund durch einen zur Seite geschobenen Federpolster lose 
gedeckt. Auch dieser Federpolster ist an dem, dem Gesichte zu- 
gewendeten Ende von Blut durchtränkt. Über dem rechten Auge, 
welches eingesunken erscheint, sieht man auf der Stirne eine 3 1 2 cm 
hohe, etwa dreieckige, aber an den Seiten ausgezackte Wunde, aus 
der teils mit geronnenem, teils mit noch flüssigem Blute bedeckten 
Wunde ragen Knochenstücke hervor, die darüber liegende Kopf- und 
Stirnpartie ist eingedrückt, die Haare durch Blut verklebt, darauf 
liegen zerstreut dünne, staubförmige und einige größere eckige Plätt- 
chen weißbläulicher Wandtünche. Der Oberkörper ist mit Hemd und 
Jacke bekleidet, die Frau hat ferner einen rotwollenen Unterrock an, 
welcher zwischen die Schenkel eingesehlagen und hinaufgeschoben 
ist. Hinter der Mutter liegt ein blondgelocktes Kind, das Gesicht der 
Schulter der Mutter zugewendet, der Schädel weist auf der rechten 
Seite einen sattelförmigen Einbug auf, die rechte Hand liegt auf der 
rechten Hüfte der Mutter, das Haar des Kindes ist durch Blut zu- 
sammengeklebt, das rechte Ohr ist ganz in teils flüssigem, teils trok- 
kenem Blute eingehüllt. Der Körper des Kindes ist mit einer grauen 
wollenen Hemdhose bekleidet, darunter ein Hemdchen. Über dem 
Kopfe des Mädchens sieht man an der Wand vier Seharten, um- 
geben von zahlreichen verschiedenförmigen Blutspuren; hervorzuheben 
ist die Feststellung, daß 140 cm oberhalb des Fußbodens ein 1—5 cm 
breiter und langer rundlicher Fleck entdeckt wurde, welcher deutliche 
Papillarlinien zeigt. 

Im 2ten Bette») liegt die laiche eines ca. 11 jährigen Knaben, 
das Gesicht der Wand zugekehrt auf dem linken Kürperrande. Die 
rechte Stirn und Vorderkopfpartie ist plattgedrückt, beim Tasten fühlt 
man den Knochen zersplittert und eine Grube, in die man die Finger- 
kuppe einlegen kann. Der Körper steckt in einer blauen wollenen 
Unterhose. 

Weder die vordere noch die rückwärtige Haustüre konnten bei 
vorgeschobenem Kiegel von außen geöffnet werden, obwohl dies vom 
Untersuchungsrichter und den übrigen Mitgliedern der Kommission auf 
verschiedene Weise versucht wurde, es gelang nicht einmal unter An- 

li Um Weitläufigkeiten zu vermeiden, wurden die im Strafakte hefindlichen 
genauen Maße, Richtungsangaben u. dgl. ausgelassen. 

Archir für Kriminalanthropoloffie. 30. Dd. 19 



Digitized by Google 



2*2 



X. SVOKCIK 



wendung eines Küchenmessers den Riegel zu heben; die genaueste 
Untersuchung der Türe mittels Vergrößerungsglas stellte fest, daß sich 
auf ihr (insbesondere in der Nähe des Drückers, des Schubers 
und des Holzriegels nicht die geringste Spur der Anwendung von 
Werkzeugen u. dgl. befindet. 

Aus der Tischschublade des Tisches in der Wohnstube, welche 
zur Aufbewahrung des Tabakgeldes diente, fehlten nach Angabe der 
Mutter der ermordeten Frau 2 in einem kleinen gelben Papier ein- 
gewickelte 2 Zehnkronenstücke in Gold, überdies 2 Silbergulden und 
einige Nickelmünzen. Das in einem unversperrten Glaskasten des- 
selben Zimmers in verschiedenen Behältnissen aufbewahrte Geld blieb 
unberührt, es fehlte eben nur das Geld aus dem Tischkasten; auch 
die Sparkassenbücher, die Taschenuhren und die in dem Anzüge des 
Anton L. befindliche Barschaft blieben unberührt 

Im Hause selbst schliefen in der Nacht nachstehende Personen : 
Der Hauseigentümer und Ehemann der ermordeten Frau und Vater 
der ermordeten 2 Kinder Anton L., seine Schwiegermutter Marianne 
und seine Kinder Anna und Maria L. auf der Bodenkammer, 
in der beschriebenen Schlafstube die Ehegattin Julie L mit ihren 
Kindern Anton und Julie. Im Hause befand sich ein weißer Rattler- 
hund, welcher sich nach Angabe der gesamten überlebenden Haus- 
bewohner in der Nacht nicht rührte, bezw. nicht gehört wurde. E;ne 
blutige Hacke wurde im Kohlenkasten in der Wohnstube gefunden; 
auf dem Hemde des Anton L. sen. waren einige linsengroße Blut- 
flecke wahrnehmbar deren Ursprung L sofort in unbefangener 
Weise erklärte. 

Soweit der Tx>kalaugenschein. 

Im übrigen wurde nachstehendes erhoben: Der Ehemann der 
ermordeten Frau Julie L. und Eigentümer des Hauses Anton L. ist 
seit 2 l /s Jahren im etwa 6 Stunden entfernten Orte Gablonz als Haus- 
meister und Maurer bedienstet und kommt nur von Zeit zu Zeit zu 
seiner Familie zu Besuch; so geschah es auch am 27. Oktober 1906: 
er traf an diesem Tage um x j-i 9 Uhr abends in Pankraz ein und 
verbrachte den Abend in seinem Familienkreise. Nach seiner Er- 
zählung begab sich um '.i 10 Uhr abends die Schwiegermutter Mari- 
anne N. mit der 16 J. alten Anna L. und der * jährigen Marie L. in 
die Dachbodenkammer zur Ruhe, er begleitete sie mit der Laterne, 
holte sieh bei dieser Gelegenheit 2 Äpfel aus der Kammer und blieb 
dann mit seiner Gattin und den beiden Kindern Anton und Julie bis 
'/all Uhr in der Wohnstube. Um diese Zeit begab sich auch Julie 
L. mit den beiden vorgenannten Kindern in die ebenerdige Schlaf- 



Digitized by Google 



Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf Grund von Indizien. 283 

kammer, wobei ihr Anton L. den Kinderwagen aas der Wohnstube 
hinüberschob. Julie L. kam mit der Kerze hinten nach. Als er mit 
dem Kinderwagen zur Schlaf kam mertüre hineinfuhr, bemerkte er, daß 
das bei der Hintertüre im Vorhause an die Wand angelehnte Beil mit 
der Schärfe vorstand, worauf er seine Gattin aufmerksam machte, daß 
das Beil zu weit vorstehe und daß jemand, der die Bodenstiege 
heruntergeht, leicht in das Beil treten und sich verletzen könnte; er 
werde, wenn er schlafen gehe, das Beil zurückstellen. Anton L. legte 
sich in der Bodenkammer zur Ruhe, welchen Umstand die Schwieger- 
mutter Marianne und die Tochter Anna bestätigt haben. Gegen »/i2 
Uhr früh wurde Anton L. aus dem Schlafe geweckt, er will ein 
Geräusch gehört haben, ähnlich dem, als wenn der Wind eine nicht 
gut schließende Tür rütteln würde. Er rief deshalb seine Schwieger- 
mutter und machte ihr Mitteilung davon, doch hat weder diese noch 
Anna L. das Geräusch gehört Als L. nun die hölzerne Treppe hinab- 
schritt, so nahm er wahr, daß die rückwärtige Türe offen steht, in 
der Meinung, daß seine Gattin auf den außerhalb des Gebäudes nächst 
der Türe befindlichen Abort gegangen sei, rief er sie beim Namen, 
erhielt jedoch keine Antwort. Er lief in die Wohnstube, deren Türe 
jener der Schlafstube gleich nur angelehnt worden war, zündete die 
Hängelampe an, wobei er gewahrte, daß die Tischschublade halb offen 
und alles durcheinandergewühlt war. Da Julie L. noch immer nicht 
kam, begab sich Anton L. mit seiner Schwiegermutter in die Schlaf- 
stube, erfaßte seine Frau mit beiden Händen an dem Oberkörper und 
rüttelte sie, wobei er gefühlt habe, daß sie steif und kalt sei. (Er- 
klärung der Blutspur am Hemde.) Auf dieses hin zündete er die 
Kerze an und sah, daß die Frau und Kinder tot seien, worauf er 
Nachbarsleute angerufen hat, welche alsbald zur Stelle waren. 

Anton L wurde am Tage der ersten kommissioneilen Amtshand- 
lungen in P. dem Untersuchungsrichter, als ein außerordentlich braver, 
arbeitsamer und religiös gesinnter Mensch geschildert, welcher an- 
läßlich der periodischen Besuche am Sonntage nur mit der Frau 
spazieren geht und sehr gut beleumundet ist. Der Ortsgeistliche äußert 
sich , daß ihm (dem L.) ein jeder das schönste Zeugnis geben muß 
und hob insbesonders — gleich den Nachbarsleuten — das schöne 
Eheleben des Anton und der Julie L. hervor, ebenso ihre gegenseitige 
Liebe, sowie die gute Erziehung der Kinder. 

Es hatte sonach alles den Anschein, daß es sich um einen Raub- 
mord handelt; die bedenklichen Tatsachen, daß sich der sonst wachsame 
Hund nicht gerührt hat und daß die Türen keine Spuren eines ge- 
waltsamen Öffnens oder wenigstens künstlichen Öffnens zeigten, endlich 

19* 



Digitized by Google 



284 



X. SVORCIK 



das auffällig ruhige besonnene Benehmen des Anton L. und der 
merkwürdige Umstand, daß der Mord gerade an einem Besuchstage 
geschah, waren wohl geeignet einen Verdacht gegen ihn wach zu 
rufen, eine Verhaftung hielt ich mit Rücksicht auf die Erhebungen 
für völlig ausgeschlossen und glaube, daß mir ein besonnener Leser 
beipflichten wird. 

Nach dem auf Grund des Sektionsbefundes abgegebenen Gut- 
achten der Geriehtsärzte hat Julie L. während des I^ebens auf der 
rechten Seite des Vorderkopfes drei Wunden, Splitterbrüche an der 
Stirne und in der Schläfengegend mit Impression, ausgedehnte Sprünge 
am Schädeldache und der Schädelbasis, welche mit Blutungen nach 
außen, unter der Haut und in das Schädelinnere vergesellschaftet 
waren, und eine Quetschung des Gehirnes erlitten. Durch die Spalten 
am Schädelgrunde ergoß sich auch Blut in die Nase, in Rachen und 
Kehlkopf und diese Blutung hat alsbald den Tod bei der durch die 
kollosale Schädelverletzung betäubten Person durch Erstickung herbei- 
geführt. Die Zeichen des Erstickungstodes sind das Eingeklemmt- 
sein der Zunge zwischen den Kiefern, Blutpunkte in der Bindehaut 
des Augapfels, die zahlreichen dunklen Punkte beim Durchschnitte 
des ilirnmarkes und die flüssige Beschaffenheit in den nicht verletzten 
Gefäßen. Ganz ähnlich lautete das Gutachten bezüglich der beiden 
getöteten Kinder. — 

Nach dem Inhalte des gemeinsamen Gutachtens kann es sich in 
allen drei Fällen nur um Mord handeln. Nach der Situation, nach 
der I^age der Körper und bei dem Fehlen der Zeichen der Gegenwehr 
hat der Täter die Opfer im Schlafe überfallen und konnte daher nur 
diejenigen Stellen des Kopfes treffen, die frei zugänglich und nicht 
von Bettpolstern bedeckt waren, das war eben die rechte Vorderkopf- 
partie, nachdem alle 3 Personen auf der linken Körperseite lagen. 
Wären die Personen erwacht und hätten sie sich aufgerichtet, so wäre 
wahrscheinlich eine andere Stelle des Schädels getroffen worden. Von 
den Personen in der Bettstelle der Frau ist jedenfalls diese zuerst 
erschlagen worden, weil der Kopf mit Kalktünche bestreut war und 
diese nicht mit Blut besudelt, sondern nur lose aufliegend gefunden 
wurde. Gegen den Kopf der Frau mußten drei Schläge, gegen den 
des dreijährigen Mädchens mindestens 2 Schläge geführt worden sein, 
der Scharten an der Wand, die bei dem Zuschlagen auf das Kind 
allem Anscheine nach gesetzt wurden, sind aber vier. Bei dem 1 1 
jährigen Knaben dürfte ein einziger Schlag auf den Kopf erfolgt sein, doch 
hat der Täter nach dem Tode des Knaben auch den Hals traktiert 
Nach der endlichen gutachtlichen Äußerung der Gerichtsärzte konnte 



Digitized by Google 



Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf (jrund von Indizien. 285 

recht wohl ein Täter allein den 3 fachen Moni verrichten, es deuten auch 
darauf bin der Umstand, daß der Tod bei allen 3 Personen ziemlich 
gleichzeitig erfolgt ist, wie aus der Totenstarre und den übrigen 
Leichenerscheinungen geschlossen werden kann. Die Wunde an der 
Stirne bei der Frau ist jedenfalls mit der eckigen Kante der oberen 
Breitseite der Ilacke gesetzt worden; die anderen zwei Wunden, mit 
der Schärfe. Ebenso ist beim Mädchen die Wunde hinterm Ohr mit 
der Schärfe, das Einschlagen des Schädels mit dem Kücken der Hacke 
geschehen. Beim Knaben wurde nur der stumpfe Teil der Hacke 
benutzt. Der Tod bei der Frau und bei dem Knaben muß sehr rasch 
erfolgt sein; es genügten nur Sekunden, nach dem das Blut die Luft- 
wege ausfüllte, zur Erstickung und die Blutung war jedenfalls 
sofort eine massenhafte, nachdem an der Basis des Gehirnes die 
ßlutleiter geöffnet wurden. Es läßt sich sagen daß das Mädchen 
ein Weilchen länger lebte, als die Mutter und der Sohn. — 

Es liegt auf der Hand, daß die Nachforschung nach allen Wind- 
richtungen sofort aufgenommen wurden, daß aber auch das Leben 
des Anton L. in G. einer unverzüglichen Prüfung unterzogen wurde. 
Das Resultat dieser Erhebungen war ein solch 7 überraschendes, daß 
Anton L. am 30. Oktober 1907 durch die k. k. Gendarmerie als des 
dreifachen Mordes verdächtig verhaftet wurde. Das gute eheliche Ein- 
vernehmen, welches dem Anton L. so überzeugend in seinem Heimatsorte 
nachgerühmt wurde, wurde durch die in seinem Arbeitsorte vor- 
genommenen Erhebungen in ein sehr bedenkliches Licht gerückt: es wurde 
festgestellt, daß er ein außerordentlich auf merksamer Verehrer junger 
Mädchen war, denen gegenüber er sich bald für einen ledigen Mann, bald 
für einen kinderlosen Witwer ausgab, ja es wurden bei den Mädchen 
Liebesbriefe vorgefunden, welche die glühendsten Liebesbeteuerungen ent- 
hielten und worin sogar Heiratsversprechen vorkommen (Brief dt. 12/3 06. 
inkl. Fehler: „Nur auf daß hinn, da sie zu mir sagten das sie keinen 
Verehrer hätten so dachte ich Nach dem Fasching einmal bei Gelegenheit 
um Ihre Werthe band zu bitten, weil ich Ihre Umstände erfahren 
hab und sie Werthes Fräulein ganz genau für mich Passen"); um 
den Mädchen den Ernst seiner Absichten klarzumachen, wies L. 
daraufhin, daß seine Mutter darauf dränge, daß er sich endlich einmal 
vereheliche, er habe ein Haus mit einer Tabaktrafik, das er nun zu 
übernehmen gewillt sei, daß er jedoch vor allem ein braves und 
ordentliches Mädchen haben müsse u. dgl. mehr. Die Hausdurch- 
suchung in seiner Hausmeisterloge in G. förderte eine Menge von 
Ansichtskarten, rosafarbenen und unbeschriebenen Briefbogen, ferner 
ein Suspensorium zutage, die gerichtsärztliche Untersuchung Ls. ergab 



Digitized by Google 



286 



X. SV0RC1K 



wiederholt bestandene Geschlechtskrankheiten und syphilitische Durch- 
seuchung seines Körpers, die in G. anläßlich der Hausdurchsuchung 
gehörten weiblichen Auskunftspersonen, schilderten den Anton L. als 
einen Menschen, welcher von Friih bis Abend „schweinische" Reden 
führte, nur vom Coitus zu erzählen wußte und mit seiner I>ei8tungs- 
fähigkeit auf diesem Gebiete mit Vorliebe prahlte. Bezeichnend ist, 
daß Anton L. noch am 27. Oktober 1906, also auf der Heimreise, 
in einer Tabaktrafik nächst dem Bahnhofe in Reicbenberg eine Ansichts- 
karte an den Gegenstand seiner Verehrung und Liebe abgesendet hat 



f tr 




l 



Keila^e I 

I'liotop-aphisehe Ver^rölieruns der an dem Wandstärke sich vorfindenden 

blutigen Fiii{,'erabdruckss|nir. 

Allerdings gab diese Frauenperson an, daß sie den Anton L. nicht 
mochte, er sei für sie zu alt gewesen, habe i Ii r nicht gefallen und 
außerdem sei sie schon vergeben. Man mußte diese Angaben mit 
Vorsicht nehmen, weil sich im Besitze des Anton L. Ansichtskarten 
dieses Mädchens mit Blumen und Wünschen geschmückt, fanden 
(April und Juni 1906). Zugegeben muß werden, daß Anton L. ein 
Mensch, von süßlichem, widerlichen Gesichte ist, körperlich ist er 
ungemein rüstig. Nun verdichteten sich zusehends die Verdachtsgründe 
gegen Anton L.; am '2. November 1906 wurden bei einem neuerlichen 



Digitized by Google 



Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf Grund von Indizien. 287 



gerichtlichen Augenscheine und Hausdurchsuchung im Hause des L 
in B. anf Grund der eigenen Angaben L.s ein Paar Winterhandschuhe 
vorgefunden, von denen einer 2 im gelben Papier eingewickelte 
goldene 10 Kronenstücke in sich barg. — Anton L. gestand, die 
Goldstücke in dem Handschuhfinger verwahrt zu haben, gab aber an, 
er habe die zwei Goldstücke von dem Vater seines Dienstherrn im 
Sommer 1906 als Geschenk erhalten und selbes in ein Packpapier, 
welches er in seiner Portierloge fand, eingewickelt. Bei der Haus- 
untersuchung aber wurde in der ganzen Fabrik kein solches Papier 



l g 




Beilage II 

Photographische Vergrößerung des Ori^iualabdiuckes von der linken Daumen- 
spitze des Anton Liebich. 

vorgefunden.] |Der [bereits erwähnte Blutflecken mit Papillarlinien 
wurde genau abgezeichnet, photographiert und mit außerordentlich 
zielbewußter Hilfe zweier Reichenberger Polizeiorgane aus der Wand 
herausgemeißelt. 

Der Befund des Erkennungsamtes hat folgenden Wortlaut: Der 
an dem Mauerstücke sich vorfindende blutige Fingerabdruck, umfaßt 
kein sogenanntes Papillarlinien-Muster, sondern nur den oberhalb der 
Fingerbeere gegen das Nagelende verlaufenden Teil der Fingerspitze. 



Digitized by Google 



288 



X. SVORCIK 



Die in diesem Teile sich hinziehenden Papillarlinien sind zum Teile 
verwischt, zum Teile infolge der Unehenheit resp. Rauheit der Wand- 
fläche, sowie durch die Zersetzung und Verwaschung des geronnenen 
Blutes nicht ganz klar hervortretend, — immerhin lassen sich nach- 
stehende Details derselben mit Deutlichkeit konstatieren: l.) Zwei 
Gabelungen je einer Papillarlinie, in dem Photogramm mit a und d 
bezeichnet, eine von der anderen mit vertikaler Richtung durch 5 
Zwischen (-Papillär-) Linien getrennt, ferner fünf sog. Endungen, das 
ist das plötzliche Aufhören von Papillarlinien ohne Fortsetzung, in 
dem Photogramme mit b, c, e, f und g kenntlich gemacht, von denen 
die Endung b von der Endung c in vertikaler Richtung durch 4 
Zwischenlinien, die Endung b von der Endung e, dann die Endung f 
von der Endung e durch je 2 Zwischenlinien getrennt erscheinen, 
während die Endung g unmittelbar oberhalb der die Endung f bilden- 
den Papillarlinie und zwar von der Endung f gegen rechts gelegen 
ist. Im Vergleich mit den Originalfingerabdrücken des Anton L. fin- 
den sich an demselben Teile des linken Daumens des Genannten — 
wie aus dem in gleichen Dimensionen gehaltenem Photogramm II dieses 
Daumenteiles zu ersehen ist — identische Merkmale der Papillar- 
linien vor, deren Übereinstimmung nicht nur auf die Anzahl, 
sondern auch auf die Beschaffenheit, Lage, Entfernung 
und Ausdehnung zutrifft. 1 ) (Vgl. die Beilagen.) 

Anton L. leugnete die Wand mit der Hand berührt zu haben, er 
leugnete bei den wiederholten Verhören alles, was er in irgend wel- 
chem Zusammenhange mit der Tat zu sein glaubte, er gab die Exi- 
stenz unerschütterlicher Feststellungen und die Richtigkeit der realen 
Beweise erst dann zu, wenn er sie nicht mehr negieren konnte; so 
leugnete er hartnäckig sich mit Mädchen eingelassen und ihnen Liebes- 
briefe geschrieben zu haben und gab die Tatsache erst nach Vor- 
weisung der Beweisgegenstände zu, er blieb dabei, die 2 Zehnkronen- 
stücke geschenkt erhalten zu haben, obwohl es der Geschenkgeber 
bestritten hat, auf die unverhältnismäßige Höhe eines solchen Haus- 
meistertrinkgeldes mit Recht hinweisend; L. hatte die Kühnheit zu 
behaupten, einen außerehelichen geschlechtlichen Umgang nie gepflogen 
zu haben und meinte auf Vorhalt wo seine Geschlechtskrankheiten 
herrühren, „daß dies die Folge schlechten Bieres sei." 

Die umfassenden Zeugenvernehmungen hatten, abgesehen von den 
bisher angedeuteten Ergebnissen, diesen Inhalt: 21 Ortsbewohner von 
P. welche in der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1906 (Samstag auf 

Ii Das Original wandstüek befindet sich jetzt im Wiener Polizeimuseum. 



Digitized by Googl 



Einstimmiger Schuldspruch durch (ieschworene auf Grand von Indizien. 289 

Sonntag) in Gasthäusern waren, bestätigten, daß sie in der Nacht zum 
Teile an Ls Hause vorbeikamen, ohne Licht oder etwas Auf- 
fälliges wahrgenommen zu haben, der Zeitpunkt, zu welchem die ver- 
schiedenen Gasthausbesucher ihren Heimweg antraten, war begreiflicher- 
weise nicht der gleiche und so konnte ich eine Reihe der Gänge von 
10 Uhr bis 2 Uhr Nachts feststellen. Außerdem wurde durch Zeugen 
bestätigt, daß die Verstorbene wegen des zu lustigen Lebens ihres 
Mannes geweint hat und es wurden einige gemütsrohe Äußerungen 
des Ant. L von Zeugen bekundet: so verhöhnte er am Friedhof in 
P. einen Mitbürger, welcher am Grabe seiner verstorbenen Ehegattin 
seine Andacht verrichtete mit den Worten: .er sei dumm, wenn er sich 
zum Grabe seiner Frau hinstellt und um eine Frau weint u , ferner „es 
sei kein Unglück, wenn einem das Weib stirbt weil es genug Frauen- 
zimmer gebe, er möchte jeden Tag eine andere schergen" (im Dia- 
lekt = koitieren) und „da könnte meine Alte heute sterben, ich würde 
mich nicht erst ärgern 14 und dgl. mehr. Die von Seite der Vertei- 
digung wach gerufenen Zweifel, ob die auf der Axt befindlichen 
Spuren von Menscbenblut herrühren und die Behauptungen, daß die 
Flecke möglicherweise von Kaninchenblut gebildet sind, wurden durch 
die Erklärung des k. k. gerichtlich medizinischen Instituts in Wien 
(Vorstand Prof. Kolisko) behoben, in dem nach positivem Ausfall der 
biologischen Untersuchung an der untersuchten Axt nachweisbare Blut- 
spuren als von Menschenblut herrührend erkannt wurden. ') 

Anton L. sorgte aber selbst für die Verdachtsgründe: er nahm 
Zuflucht zum Kassiber und gab einem Sträfling, welcher unmittelbar 
vor der Entlassung stand, einen Zettel mit dem Auftrage, einen dem 
Zettel beigeschlossenen Brief abzuschreiben und an seine Schwiegermutter 
Marianne N. in P. abzusenden. Iiier folgt der abzuschreibende Zettel: 

„Liebe Frau! Ich will ihnen nur sagen, das der Schwiegersohn L. un- 
. schuldig dazugekommen ist denn der Mörder war ich und wie mein nahm 
(sc. Name) ist braucht Ihr nicht zu wissen, da ich mir die Rache gekühlt 
habe und ich sie alle drei erschlagen habe und hätte ich Ihn erwüscht, so 
wäre er auch todt. Aber so ist er ja auch hin und wird wohl genug haben. 
Es lagen bei der hinteren Tür 2 Beile ich eins ergriffen und 'nein iu das 
Schlafzimmer. Erst die alte, dann in den Andern Bette war es war weis 
ich nicht, mein Diebzlatterne sah nicht gut. Dann war noch eins in der 

1) Biologisehe Untersuchung: Zu einem blaßgclben, mit O.S % Kochsalzlösung 
hergestellten Auszuge aus den verdächtigen Flecken wurde eine geringe Menge 
vom Serum eines Kaninchens gegeben, welches wiederholt Menschenblut-Ein- 
spritzungen erhalten hatte. Es trat binnen 5 Minuten eine deutliche Trübung, 
binnen einer '/« Stunde ein flockiger Niederschlag ein. Koutrollproben von Tier- 
blut, u. a. von Kaniuchenblut in gleicher Weise behandelt, blieben klar. 



Digitized by Google 



290 



X. SVORCIK 



Alten ihren Bette zirka 10 Minuten war ich fertig dann in die Stube aber 
meine Sache in die Hand wegen der Hunde aber keines war zu sehen und 
so bellt keiner weil ich eine Hündin hal> also in den Tischkasten und dort 
das beste die Brieftasche leer gemacht, und das andere Silbergeld. Wie ich 
zu Haus«» kam, hab' ich gezält 20 K und 10 K Stüeko in Gold das Andere 
Silber zirka 81 K. Wie ich wollte in Waschekasten vernahm ich ein Ge- 
räusch, aber weiter da war nichts für mich und jetzt in Glasschranken aber 
da kamen I/eute auf der Strasse und ich mit dem Beil zur hinter Thür hin- 
gelegt und über die Wiese gegen Ziegelofcn. V 1 zwölf Uhr niemand gesehen." 

Der entlassene Sträfling übersendete den Brief dem Gerichte; L. 
befragt, ob er einen Brief aus dem Untersuchungsgefängnisse geschrieben 
hat, leugnete er dies ganz entschieden, er leugnete, einen solchen einem 
Sträfling mitgegeben zu haben, behauptend, kein Briefpapier besessen 
zu haben. Bei genauer Besichtigung des Briefpapieres erinnerte ich 
mich, daß das dazu verwendete Papier das gleiche ist als dasjenige, 
auf welches der frühere Dienstherr Anton L.s diesem ein kurzes 
Schreiben aufgesetzt hat. Eine noch genauere Besichtigung brachte 
einen Federstrich zum Vorschein • in der Mitte des Blattes) der mich 
lebhaft an den Endstrich des Namenszuges des Dienstgebers des 
Beschuldigten erinnerte. Ein sofort angestellter Vergleich mit dem voll- 
kommenen Namenszuge des früher als Zeugen gehörten Albert R. 
bestätigte zur Gänze meine Vermutung. Anton L trat nun langsam 
den Rückzug an und gab seine Erklärung dahin ab, daß er aus Ver- 
zweiflung einen solchen Schritt getan hat, weil er sich eben unschuldig 
fühlt. Anton L. war unvorsichtig genug noch einen zweiten Sträf- 
ling der vor Entlassung stand, zu beeinflussen, ein Schreiben ähnlichen 
Inhaltes an den Gemeindevorstand zu P. abzusenden. 

Es würde zu weit führen die Ergebnisse der umfangreichen 
Zeugenaussagen anzuführen: hervorzuheben ist nur der wichtige Um- 
stand, daß die Leichenwäseherin Agnes W. angegeben hat, sie habe 
vor Ankunft der Gerichtskommission ein blutbespritztes Männerhemd 
im Bette der erschlagenen Julie L. entdeckt, habe den Anton L. darauf 
aufmerksam gemacht, worauf es dieser beseitigt hat; als sie dann nach 
der Sektion die Leichen einsargte, habe ihr L. das Hemd mit dem 
Auftrage gegeben selbes mit in den Sarg zu geben „es habe keinen 
Zweck mehr u . Die Leichenwäscherin habe nun dieses Hemd mit nach 
Hause genommen und einem etwas schwachsinnigen Drehorgelspieler 
mit dem Auftrage gegeben, selbes im Walde zu verscharren und sich 
die Stelle genau zu merken. 

Das Hemd wurde tatsächlich im Walde gefunden, das gerichtlich 
medizinische Institut zu Wien äußerte sich aber, die Flecke können 
infolge der Durchnässung (Regen, Schnee) derart ausgelaugt worden 



Digitized by Google 



Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf Grund von Indizien. 29 1 

sein, daß weder der mikroskopische noch der spektroskopische Nachweis 
von Blnt möglich war, das Hemd habe den Eindruck eines frisch 
gewaschenen gemacht. Der Vollständigkeit halber sei bemerkt, daß 
diese Zeugin wegen Verbrechens der Vorschubleistung (§ 214 Ö. St. II.) 
verurteilt wurde. 

Als weiterer realer Beweis diente der Umstand, daß vor der 
Schwurgerichtsverhandlung in dem Hause des Anton L. durch die 
Gendarmerie ein Stück gelbes Papier vorgefunden wurde, dessen 
Identität mit demjenigen, welches in dem Handschuh samt dem Gelde 
steckte, durch Sachverständige festgestellt wurde. Außerdem wurde 
eine Menge Zeugen über die besondere Wachsamkeit des Hundes des 
Ant. L. gehört, welche alle insgesamt bestätigten, daß dieser Hund 
ein unausstehlicher Kläffer war, der selbst Uute, welche im Hause 
verkehrten, angebellt hat; der Nachtwächter hörte ihn des Nachts in 
der Stube anschlagen, selbst wenn er ganz sachte am Hause vor- 
beiging. 

Anton L. ließ sich zu keinem Geständnisse herbei und wurde auf 
Grund des einstimmigen Wahrspruches der Geschworenen des voll- 
brachten dreifachen Meuchelmordes schuldig erkannt und zur Strafe 
des Todes verurteilt Die Todesstrafe wurde ihm durch den Gnaden- 
akt des Kaisers nachgesehen und über ihn durch den k. k. Obersten 
Gerichts- und Kassationshof in Wien die Strafe des lebenslänglichen 
schweren Kerkers, verschärft mit einmal Fasten in jedem Vierteljahre 
und an jedem 27. Oktober der Strafzeit mit Fasten. Absperrung in 
dunkler Zelle und hartem Lager verhängt. — 

Der vorliegende Fall ist in mannigfacher Beziehung lehrreich: 
vor allem tritt hier die außerordentliche Wichtigkeit des leider bisher 
nicht genügend gewürdigten realen Beweises in den Vordergrund, 
eines Beweises, welcher unerschütterliches Material beinhaltet und über 
den Zeugenbeweis himmelhoch erhaben steht (Vgl. Groß Handbuch 
I B. S. V und meinen Artikel in Groß Archiv, Band 24 ex 1906). 
Ferner bestärkte mich diese Voruntersuchung in meiner bisherigen 
Praxis und Überzeugung, daß es viel wichtiger und des Richters 
würdiger ist, fleißig Beweismaterial zu sammeln, als seine Zeit mit 
raffiniertesten Künsten dem Beschuldigten das ersehnte Geständnis 
herauszulocken oder gar herauszupressen, zu vertrödeln. Die thea- 
tralischen Auftritte, die Aufforderung des Beschuldigten die Knochen- 
stücke der Ermordeten zu betasten und dergl. unwürdige Versuche, 
sollten doch endlich friedlich auf Seite der Carolina und Theresiana 
ruhen, die Kunst, das Wissen des Richters zeige sich auf eine andere 
Weise. Den „Ruhm" des Untersuchungsrichters, dem es nach unsäg- 



Digitized by Google 



X. SVOHCIK 



lieber Mühe gelungen ist, den Beschuldigten zum Geständnis zu bringen, 
ist ein sehr problematischer: die Folge sind die zuweilen vorkommenden 
Beschuldigungen des Untersuchungsrichters bei den Schwurgerichts- 
verhandlungen, er habe inkorrekt gehandelt, womit unter Umständen 
das Vertrauen der Geschworenen erschüttert wird etc. etc.; es ist pein- 
lich, wenn der Staatsanwalt den Untersuchungsrichter als ultima post 
naufragium tabula vor die Geschworenen zitieren muß und beschä- 
mend, wenn dieser manche Überschreitung des modus in rebus, zu 
welchem er sich im Drange nach Erlangung des Geständnisses hin- 
reißen ließ, ehrlich zugeben muß. 

Selig der englische Richter dem diese Inquisition verboten ist; 
daß manche auch hervorragende praktische Kriminalisten eine förm- 
liche Vorschule für das Erlangen des Geständnisses predigen, ist mir 
unerfindlich, womit selbstredend nicht gesagt werden soll, daß man den 
Wert dieses Beweismittels übersehen darf. 

Anton L. sorgte auch im Zuchthause dafür, daß der Schuldbeweis 
noch post festuni ergänzt werde; er schrieb an seinen in R. lebenden 
Bruder — welcher s. Z. während der Voruntersuchung durch die 
Gendarmerie verhaftet, gleich aber auf freien Fuß gesetzt wurde — 
einen Brief dt. 20/10 1907, welchen ein dritter über die Straf hausmauer 

hinausbeförderte. In diesem Briefe heißt es unter anderem 

„du nimmst ein Beil, ist es nicht verrostet gießt ein wenig Salzsäuer 
darauf, da sieht es aus, als wäre es schon 2 Jahre heer verrostet 
aber ohne Halm dann nimmst du eine alte Schachtel von Sport 
Zickaretten schreibzt am unteren Boden Maria L. uud Anton L. aber 
aber so wie ein Kind schreib, wenn Sie die erste Zeit in die Schule 
gehen. Antons seinen etwas besser weil der früher gieng daß es 
ännelt mit ihren Schriften die hast du ja gesehen und bist du dann 
So weit gib ein wenig Blut auf den Nacken des Beiles und wenn 
du ein paar kurze Spitzen Haar und wenns von deine Anna ist und 
die Picks du mit drauf. Und dann die Ofene Zickaretten Schachtel 
darauf so wird daß Zusammenpicken dann gehst du nach Pankraz 
und thust bei S. Franz es Eingraben muß dir aber den Punkt merken 
usw. u Im weiteren Verlaufe wird L.s Bruder aufgemuntert als Zeuge 
aufzutreten und zu bestätigen, er habe den S. Franz nach dem Morde das 
Beil eingraben gesehen, die Gendarmerie soll dann graben, worauf die 
Unschuld L.s nach Jahr und Tag ans Tagelicht kommen wird. 

Zum Schluß möchte ich den Leser noch auffordern, über das 
Motiv seine Betrachtungen anzustellen. Waren seine Heiratspläne 
und Liebeleien die einzige Triebfeder zu der Beseitigung der als 
liebevoll und gutmütig bekannten Ehefrau oder war diese Vorstellung 



Digitized by Google 



Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf Grund von Indizien. 293 

mit anderen am Abende der Ermordung aufgetretenen Überlegungen 
vergesellschaftet? Sind diese Reaktionen auf sexuelle Reize zurück- 
zuführen? Kam in dem Schlafstübchen ein ehelicher Zwist zum 
Ausbruche, welcher den liederlichen Lebenswandel des L.s zum 
Gegenstande hatte? Ist die obengedeutete Reaktion in dem jähzornigen 
mit sexueller Ilyperaestbesie so sehr behafteten Manne nicht infolge 
Verweigerung des Koitus (es waren menses nachweisbar; entstanden, 
auf den er sich laut Zeugenaussagen am selben Tage im Eisenbahn- 
abteil so sehr freute? 

Der einzige mutmaßliche Tatzeuge der entsetzlichen Tat, Anton 
L.S Rattler, wurde dadurch zu einem beredten Zeugen der Schuld 
des Anton L. — daß er bei der Tat geschwiegen hat. Fremde 
hätte er sicher angebellt. 



Nachtrag zum vorstehenden Aufsätze. 

Am 22. Februar 190S starb der wegen dreifachen Mordes ver- 
urteilte Sträfling Anton L. in der k. k. Männerstrafanstalt Karthaus, 
Kreis Jitschin. Als ich dies in Erfahrung brachte, war ich sehr über- 
rascht: war mir doch T„ als ein kräftiger Mann bekannt, dessen 
seelische Ruhe und die merkwürdige Gabe, sich allen Umständen 
alsbald anzupassen den Schluß rechtfertigten, daß er im Zuchthause 
besser fortkommen wird als in der Untersuchungshaft, die ihm bis 
auf eine Skorbuterkrankung nichts anhaben konnte. Seine außer- 
ordentliche Begabung, sich gefällig, ruhig, gehorsam und fast möchte 
ich sagen „gut erzogen" zu zeigen, ließen ferner den Schluß zu, daß 
er in der Strafanstalt den Eindruck eines „braven* Sträflings machen 
wird. Es ist kein Wunder, daß die Nachricht vom Tode dieses Mannes 
auf mich überraschend wirkte und daß ich bestrebt war, über sein 
Leben und seine Krankheit im Strafhause Näheres zu erfahren. 

Die Liebenswürdigkeit des Hausarztes Dr. med. N. machte es 
mir möglich, in dieser Hinsicht Näheres zu erfahren; ich erachte es 
für meine Pflicht, diese Wahrnehmungen als einen wichtigen Bestandteil 
des beschriebenen Straffalles zur Veröffentlichung zu bringen. Für 
den Kriminalisten ist sowohl die Person des Beobachteten als auch 
die der beobachtenden Mitsträflinge und deren Äußerungen, die ich 
wörtlich wiedergebe, von wissenschaftlichem Interesse. 

Mit Befriedigung und Genugtuung las ich in dem Berichte des 
Anstaltsarztes, daß seine Erhebungen in der Richtung der erblichen 
Belastung. Epilepsie, Alkoholismus, Selbstmordversuche in die Aszen- 
denz und Deszendenz negativ ausfielen. L. negierte solche Umstände. 



Digitized by Google 



2<J4 



X. MOKCIK 



Im Falle des geringsten Zweifels am Geisteszustände L.s, hätte ich 
in der Voruntersuchung Sachverständige zu Rate gezogen Somatisch 
wurde bei L. bei seinem Eintritte in die Strafanstalt am 27./7. 1907, 
Blutarmut, vorübergehende Tuberkulose mit Zeichen überstandenen 
Skorbuts und Herzklopfen (ohne organischen Herzfehler) festgestellt 
Die eigenhändig geschriebenen Berichte der Mitsträflinge lauten 
in ihrem eigenartigen Stile (einschließlich der Schreibfehler) folgend: 

Sträfling T.: 

„Der L. ist wie er gekommen ist und bis vor seiner Krankheit stetz lustig 
gewesen, hat viel von »einen Liebesgeschichten erzählt, welche ein blumenreiche 
gewesen ist. Kr hatte einen heimliehen Kummer, war aber stetz bemuht da» man 
es nicht merken sollte. Kr hat viel gesungen, aber keine Lieder, sondern wass 
ihn seine Fantasie eingegeben, meistenteils von Liebschaft und Heiraten. 

Kr sprach viel von seiner Verhandlung und von seinen Untersuchungsrichter, 
hat seine Gebarten des Richters nachgemacht. Von seiner Frau hat nur lobens- 
wertes gesprochen, und wen von seinen Eltern oder Kindern die Rede war, ist 
er jedesmahl thraurig geweßen, und hat auch mehere male geweint, aus Grund 
weil auch sie an seiner Unschuld zweifelten. Kr hat auch ein oder zweimal im 
Schlafe gesprochen, was ich aber nicht verstanden habe. Einmal hat er von 
seinen Fall erzähld, und hat gesagt daß er alles so mit Überlegung ge- 
macht hat, hat aber gleich die Sache wieder umgedreht, daß man nichts Reines 
herausfinden konnte. " 

Sträfling J.: 

Als der Sträfling Anton L. auf unser Zimmer kam, machte er den ersten 
Tag schon einen besonderen Eindruck auf mich, den als er mir erzählte das er 
zu lebenslänglicher Kerkerstrafe verurteilt sei, und gleich den ersten Tag auf 
dem Zimmer sank und pfiff, als wen er der glucklichste Mensch auf Krden wäre. 
L. hat vom ersten Tage, bis zum letzten was er bei mir auf den Zimmer war, 
stetzs sein Unschuld beteuert, er sagte öfters es ist ja noch nicht aller Tago 
Abend, einmal wird es schon ans Tageslicht kommen. Öfters weinte er sogar. 
Nach L s seinen Aussagen und seines Kindruckes welchen er auf mich gemacht 
hat, zweifle ich an seiner Unschuld, den ich habe öfters die Erfahrung gemacht, 
daß er ein hartnägiker Lügner ist. Et sagte auch öfters, es ist nur gut, daß ich 
so einen leichten Sinn habe, das ich mich über nichts ärgere, denn dann wäre 
ich schon längst weg. Ich habe mich manchmal darüber gewundert, wenn ein 
Mensch unschuldig verurteilt ist, das er den ganzen Tag singen und pfeifen 
kann. 0 die letzten acht Tage als er bei uns war, wurde er auf einmal traurig, 
der Gesang verstumte, und er hing den Kopf uud das Ksscn schmeckte ihn nicht 
mehr, ich frug ihn noch „L. was ist den mit dir, und er gab mir zur Antwort, 
wenn das so fort geht, bin ich nicht mehr lange hier. Kinige Tage darauf kam 
er ins Spittal. 

Sträfling K. (Krankenwärter): 

,, Wahrnehmungen, die ich an den Sträfling L. gemacht habe sind folgende: 
die ersten Nächte benahm er sich wie ein Fieberkranker, verlangte alles teutlich 
und verhielt sich ganz ruhig und schlief faßt im ganzen. Speisen nahm er wenig 



Digitized by Google 



Einstimmiger Schuldspruch durch Geschworene auf Grund von Indizien. 295 

zu »ich bis den 3 Tag änderte sich plötzlich sein Zustand. Vielmehr 24 Stund 
redet er fort aber Verstanden hat man nicht, weil er die (Worte) verschluckte, 
nur von Weib und Kind das Verstand man. Als er von sprechen aufgehört hat 
fieng eine ganze Nacht auf einen Brett zu Trommeln und singen an bis er dann 
in die Bewußtlosigkeit verfiel." 

Ein anderer Sträfling gibt an, L. habe oft gesungen, viel von 
Mädln erzählt und sei nur die letzte Zeit vor der Erkrankung traurig 
geworden: ähnlich äußert sich Sträfling S., L sei sehr lustig gewesen, 
habe improvisierte Lieder erotischen Inhaltes gesungen, selten sei 
er traurig gewesen, habe sich mit Fluchtgedanken befaßt („wie faßt 
alle zum lebenslänglichen Aufentbalte im Strafhaus verurteilten, ins- 
besondere zu Beginn der Strafe zu tun pflegen" bemerkt der vortreffliche 
Hausarzt). Seine Frau habe er gelobt, von der Tochter habe er sich 
geäußert, daß sie einmal eine schlechte Person wird. Die Gefangen- 
aufseher, welche den L. am besten zu beobachten Gelegenheit hatten, 
sagen, er sei fleißig gewesen, insolange er sich beobachtet fühlte, 
war dies nicht der Fall, so hat er sofort die Tätigkeit eingestellt und 
nach Unterhaltung getrachtet; er sei heuchlerischen Charakters gewesen, 
da er aber sonst fleißig und gefällig war, so habe er sich die Zu- 
friedenheit der Aufsichtsorgane verschafft. 

Dem Berichte des Anstaltsgeistlichen ist zu entnehmen, daß L. 
stets jede Täterschaft geleugnet hat, daß er auch die Absendung des 
Briefes aus der Anstalt, in welchem er zum Beweise seiner Unschuld 
einen Dritten der Täterschaft geziehen hat, hartnäckig geleugnet hat, 
obzwar das Factum objektiv und subjektiv sonnenklar bewiesen war. 
Die Bemühungen, Reuegefühle zu erwecken, blieben erfolglos. 

Seine oft vergossenen Tränen hatten einen ganz natürlichen 
Ursprung: Verlust der Freiheit, Ehre etc., keineswegs beruhten sie 
auf einem höheren Motiv. „Die gemeinschaftliche Haft", bemerkt 
richtig der Geistliche, bestärkte ihn in seinem Unschuldswahne, 
möglich, daß er in Einzelhaft in sich gegangen wäre." Der Eindruck 
des Geistlichen geht dahin, daß L. ein ruhiger höflicher, ja auffällig 
höflicher Mensch war, (Heuchler) der geistig normal gewesen ist bis 
auf seine angebliche sexuelle Leidenschaftlichkeit. 

Der Hausarzt der Strafanstalt schildert den L. ebenfalls als einen 
gefälligen, ruhigen Menschen, der zu gleichgültig war in Anbetracht der 
Tat; im Gespräche mit dem Arzte hat er sich stets ungezwungen, 
munter und ehrerbietig und artig betragen. Etwas zu viel Offenheit, 
wie sie bei Alkoholikern vorzukommen pflegt, war vorhanden, doch 
überschritt er nie die Grenzen des Anstandes. In bezug auf die 
psychischen Sphären, konnte nichts Abnormales beobachtet werden. Er 



Digitized by Google 



296 



X. SVOKCIK 



spielte gerne den ,.Sprecher a für andere, eine Art des Vermittlers 
und sein guter Humor verließ ihn nie. Zum Spaßmachen war er 
stets gerne bereit: so hat er bei einer improvisierten Probefeuersbrunst 
die Rolle des Feuerwehrmannes ausgezeichnet gespielt, der erste die 
Spritze ergriffen und das Feuer gelöscht, wobei er mit sichtlichem 
Vergnügen die bei den Fenstern unter dem Dache des „brennenden a 
Objektes befindlichen Sträflinge bespritzte. Vielleicht wollte er durch 
dieses Betragen seine Umgehung täuschen, wobei seine Fluchtgedanken 
erwähnt zu werden verdienen. Sein Tod erfolgte infolge heftigen 
Auftretens der Lungentuberkulose. 

Soweit der Bericht des Hausarztes. Die am Schlüsse meiner 
Abhandlung Seite 293 angedeutete Vermutung, erfährt im Vorgesagten 
eine gewisse Bestätigung; zu bedauern ist vom wissenschaftlichen 
insb. naturwissenschaftlichen Standpunkte, daß eine obligatorische Ob- 
duktion, inbesondere die Untersuchung des Gehirnes nicht vorgeschrieben 
ist: sie würde mitunter zur Bereicherung der Forschung unschätzbare 
Feststellungen zutage fördern , wenn gleich zugegeben werden muß, 
daß die Hoffnungen die in den anatomischen Befund gesetzt werden 
mitunter überschätzt werden und der Psychiater oft in die Lage 
kommt, in ähnlichen Fällen keine Abnormalität des Gehirns fest- 
stellen zu können. 



Digitized by Google 



XI. 

Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 

Von 

Oberarzt Dr. Mönkemöller, Hildesheini. 

Die Angaben, die in nachstehendem über einige wichtigere Ver- 
hältnisse aus dem Leben der Korrigendin gebracht werden, entstammen 
der Durchsicht der Akten von 1920 Insassinnen der Provinzial-Kor- 
rektions- und Landarmenanstalt der Provinz Hannover zu Himmels- 
thür, die in den Jahren 1S7S — 1907 in diese Anstalt aufgenommen 
worden sind. Allzuviele statistische Erhebungen über diese Daten 
liegen bis jetzt nicht vor, hat ja doch nicht einmal die Reichs- 
kriminalstatistik die Vergehen, die der § 362 d. R.Str.G. hier im 
Arbeitshause versammelt, für wert befunden, in ihre statistischen Er- 
hebungen einzubeziehen. Könnte auch für die genauere Feststellung 
der wichtigsten Verhältnisse der männlichen Korrigenden noch 
mehr getan werden, so sind die weiblichen erst recht zu kürz ge- 
kommen. 

Das hier vorliegende Material hat den Vorzug, daß es eine ziem- 
lich einheitliche Zusammensetzung trägt, soweit man davon 
bei dem fluktuierenden Charakter, der dem Stammpublikum einer 
Korrekrionsanstalt nun einmal anhaftet, sprechen kann. Die Tatsache, 
daß es aus einem Zeitraum stammt, der beinahe 30 Jahre umfaßt, 
bürgt dafür, daß sich die vielen Zufälligkeiten, die sich gerade in 
die Behandlung des Korrigendenwesens hineinschieben, nach Mög- 
lichkeit ausgleichen. Dann aber ist diese Statistik insofern brauch- 
barer, als nur die einzelnen Korrigendinnen darin einbezogen sind, 
die überhaupt durch die Anstalt gegangen sind, und daß sie nicht, 
wie das in allen Statistiken der P'all ist, die von Jahr zu Jahr auf- 
gestellt werden (oder sich aus der Kombination solcher jährlichen 
Statistiken zusammensetzen) dieselbe Korrigendin bei jeder Wieder- 
aufnahme von neuem auf der Bildfläche erscheinen lassen. Die Ge- 
fahr, daß dadurch insofern ein unzutreffendes Bild geschaffen wird. 

Archiv für Kritninalanthropologie. 30. Bd. 2*1 



Digitized by Google 



298 



XL MÖNKEMÖLLER 



als irgendwelche besondere Eigentümlichkeiten der öftere aufgenom- 
menen sich in der Statistik ungebührlich hervordrängen, ist ja bei 
diesem Materiale besondere groß, weil die Rückfälligen im wieder- 
holten Falle unter den Besucherinnen in hervorragender Weise im 
Vordergrunde stehen. 

Auf der anderen Seite erscheint es auf den ersten Blick bedenk- 
lich, alle die anscheinend so verschiedenartigen Gäste des Ar- 
beitshauses von einem Standpunkte aus zu beurteilen. In der Frauen- 
korrektionsanstalt erscheint neben der Landstreicherin, der Bettlerin, 
der Arbeitsscheuen, der Obdachslosen, der Alkoholistin auch die Pro- 
stituierte. Man ist ja in Laienkreisen entschieden geneigt, in dieser 
etwas Besonderes, speziell dem weiblichen Geschlechte Zukommendes 
zu sehen, das sich von den Stammgästen der Männerkorrektions- 
anstalt in markanter Weise unterscheidet Man hat deren Eigen- 
art in zahllosen Einzeldarstellungen gerecht zu werden versucht. Aber 
dieser Unterschied verschmilzt bei näherem Zusehen zu einer untrenn- 
baren Einheit. Wie das schon längst von den verschiedensten Seiten 
dargelegt worden ist, bildet die Prostitution keine Spezies für sich, 
im Gegenteil, sie steht auf derselben Stufe wie das Verbrechen, für 
das sie beim Weibe in gewissem Maße vertretend eintritt, sie ist auf 
demselben Boden erwachsen wie Beiteln und Landstreicherei. Sie ist 
nichts anderes als eine Form des sozialen Parasitismus, die für das 
Weib besonders bequem und gut liegt und sich mit den andern Arten 
des sozialen Vampyrismus kombiniert und abwechselt. Das geht 
gerade mit ausgesprochener Deutlichkeit aus unserem Materiale her- 
vor, bei dem aus den angeschwollenen Akten der ganze Lebenslauf 
in seiner ganzen trostlosen Zerfahrenheit vor uns liegt, und bei dem 
vollständige Straf Verzeichnisse uns über ihren Anteil an der Aus- 
beutung des Menschengeschlechtes in Kenntnis setzen. Immer wie- 
der sieht man hier, daß die berufensten Vertreterinnen des Arbeits- 
hauses bald in der einen, bald in der andern Transformation des so- 
zialen Parasitismus erscheinen, daß sie ihnen gleichzeitig huldigen, 
daß junge Prostituierte allmählich alte Bettlerinnen und Landstreiche- 
rinnen werden, daß die Verbrecherinnen, wenn das alles sie der Tat- 
kraft und Energie beraubt hat. sich auf diese bequemeren Methoden 
der Ausnutzung der Mitwelt werfen, und daß Prostituierte so gut wie 
Landstreicherinnen nebenher oft mit dem Gesetze in Konflikt geraten. 

Ich habe zuerst versucht, diese Kategorien auseinanderzuhalten, 
mußte aber sehr bald diesen Versuch als ganz undurchführbar wie- 
der aufgeben. Von diesen 1920 Korrigendinnen waren nur wegen 
Unzucht vorbestraft 364, nur wegen Bettelei, Vagabondage u. s. w. 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendüi. 299 



IS1. Dabei muß aber bemerkt werden, daß von diesen 121 sicher- 
lich eine ganze Anzahl auch der heimlichen Prostitution gehuldigt 
hart»-, wenn sie auch noch nicht dem § 361 0 verfallen war. Die 
Tatsache wenigstens, daß nicht wenige von ihnen uneheliche Kinder 
hatten, deutet darauf hin, daß sie auf dem Gebiete der geschlecht- 
lichen Enthaltsamkeit nicht allzuviel geleistet hatten. Die 364 Prosti- 
tuierten wiederum stellten fast ausnahmslos die jüngeren Elemente 
dar, bei denen sich durchaus nicht ausschließen ließ, daß sie sich 
im weiteren Verlaufe ihres wechselvollen Daseins auf den an- 
deren Gebieten dieses sozialen Parasitismus betätigen würden. Bei 
dem außerordentlichen Wechsel in dem Aufenthaltsorte unserer Kor- 
rigendinnen war es überdies vollkommen unmöglich zu kontrollieren, 
ob ihr späteres Schicksal sich nicht in anderen Arbeitshäusern auf 
Grund einer der anderen Unterabteilungen des § 361 weiterabspielen 
würde. 

64 waren nur wegen gewerbsmäßiger Unzucht und Vagabon- 
dage etc. bestraft worden. Die übrigen 1 37 1 hatten aber gleichzeitig 
mit diesen Vergehen sich auch mit den übrigen Paragraphen des 
Strafgesetzbuches überworfen und bewiesen auf diese Weise den 
innigen Zusammenhang zwischen dem Verbrechen im allgemeinen 
und den leichter geahndeten Ausflüssen einer asozialen Gesinnung, 
des wirtschaftlichen Versagens und der geistigen und körperlichen 
Entartung. 

In welchem Verhältnisse die einzelnen Unterabteilungen des § 36 1 
ihr Kontingent zu dem weiblichen Korrigendentum stallen, zeigt die 
Statistik über die Aufnahmen weiblicher Korrigendinnen in den preußi- 
schen Arbeitshäusern in den Jahren l'JOl und 1905. Es war hier 



der Grund der Aufnahme: 

1904 1905 

§ 301» ( Landstreicherei ) bei 4S 55 

§ 361« (Betteln; bei 71 85 

§ 36 1 1 u. 1 (Hotteln u. Landstreichen) bei 5 1 45 

§ 361'' (Müßiggangi bei 4 II 

§ 361* (Gewerbeunzuclit) bei 766 72S 

§ 3t) 1" l Arbeitsscheu) bei 5 1 

§ 36 P (Obdachlosigkeit) bei 121 94 



In der nachfolgenden Tabelle ist ersichtlich, wie sich das Ver- 
hältnis in den einzelnen Jahren von 1 sS2 ab in der hiesigen Anstalt 
gestellt hat. In dieser Zusammenstellung erscheint manchmal die- 
selbe Person bald in der einen, bald in der andern Rubrik. Es ge- 
langten zur Aufnahme: 

20* 



Digitized by Google 



30U 



XL MÖNKKMÖLLKK 



wegen Landst reichen*, 
Betteins, MüUiggaug, 
Trunkenheit, 
Obdachlosigkeit 



wegen gewerbsmäßiger 
Unzucht, 
Sittenpolizeikontra- 
veution 



lss2 


51 






93 


lss.-» 


»i4 






133 




50 






76 


1 SS. r ) 


57 








lss». 


OS 






93 




3b 




73 

14»; 


lsss 






1 SM* 


26 






102 


1890 
1S91 


21 
15 






«2 
71 


1 *»1»2 


31 






S9 


1VJ3 


92 






112 




22 






73 


1 \ 


1 ?L 

19 






f,9 


189« 


14 






52 


1897 


21 






43 


ls!^ 


15 






33 




21» 






54 


1900 


19 






•55 


1901 


25 






««; 


1902 
1903 


21 

20 






59 
56 


1904 


15 






35 


1905 


1« 






34 


1906 


IT 






33 



Bei der Verwertung: dieses Materials darf man allerdings auch 
nie vergessen, daß wir es nicht mit dem Durchschnitte aller dieser 
Vertreterinnen der geistigen und wirtschaftlichen Minderwertigkeit zu 
tun hahen. Im allgemeinen erschließen sich die Tore des Arbeits- 
hauses nur den verderbtesten und niedrigstehendsten Sünderinnen, 
die auf diesem Gebiete straucheln. Gilt das schon von den männ- 
lichen Vagabunden, so hat diese Erfahrung erst recht ihre Gel- 
tung bei den weiblichen Landstreichern. Man kann da ganz allgemein 
der Beobachtung Oswalds ') zustimmen, daß alle „Tippelschicksen% 
die er kennen lernte, von ausgeprägter Faulheit und Unfähigkeit oder 
von der Furcht vor der Sittenpolizei auf die Straße getrieben wor- 
den waren. Sie bilden die unterste Stufe der Prostituierten. Sie sind 
innerlich viel mehr heruntergekommen wie der älteste Gewohnheits- 
kunde. Es ist alles bei ihnen „außer Rand und Band. u Es empfiehlt 
sich daher, die Resultate, die hier gewonnen werden, nicht ohne wei- 
teres auf die Prostituierten, Landstreicherinnen und Bettlerinnen im 
allgemeinen zu übertragen. 



1) Oswald: Das Leben der Wanderannen. Archiv für Kriminalanthro- 
pologie. 1903. 13 Bd. S. 308. 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte iler Korrigendin. 301 



Was zunächst am meisten auffällt, ist der auffallende Wechsel 
in der Belegungsstärke der Anstalt, wie er aus der nachfolgen- 
den Tabelle zu ersehen ist. In dieser Zusammenstellung: mulite 
natürlich auf die einzelnen Aufnahmen der verschiedenen Jahre Be- 
zup: genommen werden. 



Jahr 


Zugang 


Abgang 

-' 


l'urc nrauiii 1 
bestand 

iL 


Jahr 


Zugang 


. , Durchschnitt«- 
^8*°« bestand 


1879 


98 


69 


93 


1893 


144 


122 


1 OS 




113 


III 


100 


1S94 


95 


134 


102 


1SM 


IIS 


JOS 


«•7 


1895 


64 


66 


77 


1SS2 


15<» 


150 


107 


1 696 


66 


95 


<is 


1683 


197 


151 


139 


1S97 


64 


57 


52 


18S4 


12« 


167 


132 


1sf)s 


4s 


63 


50 


1885 


147 


146 


115 


1699 


74 


59 


55 


1686 


153 


127 


114 


1900 


s4 


67 


66 


1SS7 


109 


129 


119 


1901 


91 


V) 


so 


1888 


192 


IM 


120 


1902 


so 


97 


>0 


1S89 


128 


144 


125 


1903 


70 


63 


66 


1S90 


69 


122 


93 


1904 


50 


65 


56 


1-91 


86 


M 




1905 


50 


54 


59 


IS92 


120 


| ' 96 


86 


1906 


5» 


53 ; 


46.S 


Übersichtlicher prägt sich dies 


ungeheure Fluktuieren 


in der An- 



staltsbevölkerung in der nachstehenden Kurve aus. 



79 60 91 62 SS 84 6"> 86 67 8S &9 90 91 92 93 94 95 96 97 9s 99 00 Ol 02 09 IM OS »<0 




Digitized by Google 



802 



XI. MÖNKEMÖIXER 



Worauf diese auffälligen Schwankungen, die man übrigens auch 
in den Zahlenverhältnissen sämtlicher Anstalten für weibliche Kor- 
rigendinnen und in ganz ähnlicher Weise bei den männlichen Korri- 
genden wiederfindet, zurückzuführen sind, läßt sich mit Sicherheit 
nicht entscheiden. Man könnte ja, wenn man sich die unverkenn- 
bare Abnahme der Aufnahmeziffern in den letzten Jahren vor Augen 
stellt, zu der Annahme gelangen, daß es nunmehr den Bemühungen 
der Fürsorgeerziehung, der Korrektionsanstalten und all der anderen 
Institutionen, die sich mit der Besserung dieser sittlich und wirt- 
schaftlich Entgleisten abmühen, endgültig gelungen wäre, eine durch- 
greifende Besserung zu erzielen. Solchem Optimismus wird aber 
wohl jeder entsagen, der das Schicksal der Korrigendinnen in der 
Freiheit noch eine Zeit lang weiter verfolgt, wenn sie aus dem 
Arbcitshause .korrigiert* scheiden, dem das unheimliche Anschwellen 
der geheimen und offenen Prostitution in den Städten nicht ver- 
schlossen bleibt, und der weiß, welch' große Insten dem Armen- 
wesen nach wie vor von diesen sozialen Schädlingen aufgebürdet 
werden. 

Auch ein zweites Motiv, das früher auf diesem Grenzgebiete 
zwischen Verbrechen und Armenwesen sich eines gewaltigen Ansehens 
erfreute, die Geldfrage, dem man, wie das kein Wunder ist, weit- 
gehendste Rechnung trug, kommt jetzt nicht mehr zur Geltung, so- 
weit das Arbeitshaus in Frage kommt. Die Behörde, die die Arbeits- 
hausstrafe verhängt, und die, welche die Kosten dafür zu tragen hat, 
sind nicht dieselben. Gericht und Regierung setzen die Strafe fest, 
und die Provinzialvcrwaltung hat die Ausführung der 'Strafe über- 
nommen und für die Kosten einzustehen. So müssen notgedrungen 
solche Regungen des Geldbeutels verstummen. 

Da die Anstalt zur Aufnahme der Korrigendinnen bestimmt ist, 
die in der Provinz Hannover straffällig werden, ist auch eine ver- 
hältnismäßig große Einheitlichkeit in der Verhängung der Arbeits- 
hausstraft' von seiten dieser Behörden zu erwarten. Mehr oder minder 
große Schwankungen in der Neigung zur Verhängung dieser Strafe 
sind ja selbstverständlich, und kleinere Ungleichmäßigkeiten sind 
durch die Unterschiede in der juristischen und verwaltungsdienst- 
lichen Auffassung und Praxis sehr gut zu erklären. Jedenfalls ist 
man in Hannover noch nicht allgemein zu dem hoffnungslosen 
Pessimismus gekommen, wie er beispielsweise in Sachsen herrscht, 
und der alle unverbesserlichen Individuen überhaupt nicht mehr dem 
Arbeitshause überantwortet, weil er doch nichts mehr davon er- 
wartet. Infolgedessen ist man hier noch nicht zu dem unverständ- 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 303 



liehen Resultate gelangt, daß auf diese Weise gerade die Personen 
dem Arbeitshause ferngehalten wurden, bei denen wenigstens eine 
zeitweilige Unschädlichmachung am ersten im Interesse der 
Allgemeinheit gelegen hätte. Im übrigen hat auch die Tätigkeit der 
Gerichte auf diesem Gebiete ihre Grenzen. Wird ja doch eine ganze 
Menge von den in Frage kommenden Übertretungen durch polizei- 
liche Straf Verfügungen abgetan, und so verhindert, die Kor- 
rektionsanstalt in Nahrung zu setzen.* Ziemlich konstant ist auch die 
Erfahrung, daß ein verhältnismäßig sehr geringer Prozentsatz der Be- 
strafungen wegen Betteins und I^andstreichens dem Arbeitshause 
verfällt, selbst wenn es bei ihnen zu einem gerichtlichen Verfahren 
kommt. 

Es fehlt auch für unsere Korrigendinnen die Abhängigkeit 
von der wirtschaftlichen Konjunktur. Während beim männ- 
lichen Korrigenden mit einer Verschlechterung des Arbeitsmarktes 
regelmäßig eine Füllung der Arbeitshäuser parallel läuft, spricht sich 
diese Abhängigkeit beim Weibe nur in ganz schüchternen Andeu- 
tungen aus. In den Betrieben, die am meisten von jenen Umwäl- 
zungen betroffen werden sind die Weiber so gut wie gar nicht tätig, 
weniger werden sie wie ihre männlichen Kollegen auf die Land- 
straße geworfen. Wird das Weib durch jene ungünstigen Verhält- 
nisse arbeits- und erwerblos gemacht, so findet es sich bei seiner 
passiven Natur und seiner größeren Fähigkeit, sich kümmerlichen 
Verhältnissen anzuschmiegen, leichter mit dem wirtschaftlichen Drucke 
ab, wenn es nicht gleichzeitig durch seine innere Veranlagung 
dazu getrieben wird, in der Vagabondage und im Betteln die Mensch- 
heit zu schröpfen oder sich in die Anne der Prostitution zu werfen. 

Die Gründe, die fraglos dazu beigetragen haben, die Arbeits- 
häuser zu leeren, liegen zum Teil auf der Hand. Seit dem Abfall 
der Aufnahmeziffern in den Korrektionsanstalten haben sieh dieselben 
Ziffern für die Irrenanstalten vergrößert, und man kann mit Fug 
annehmen, daß ein Teil der geistesschwachen und geistesgestörten 
Delinquentinnen, die man früher anstandslos in die Korrektionsanstalt 
verwies, jetzt in ein angemessenes Milieu versetzt worden sind. 

Auch die verbesserte Fürsorge für die Epileptiker wird dem 
Arbeitshause manche Klientin abspenstig gemacht haben. Ob die Er- 
richtung der Trinkerheilanstalten sieh auch bei den weiblichen 
Korrigendinnen in einer Abnahme der Auf nah mezif fern widerspiegelt, 
erscheint mir dagegen zweifelhaft. Ein geringer Teil der Alkoholist- 
innen wird wohl in der Irrenanstalt Aufnahme gefunden haben. Da 
diese Elemente gerade die dauerhaftesten und zur Ilückfälligkeit am 



Digitized by Google 



304 



XI. MoXKEMOLLER 



meisten geneigten Insassinnen der Korrektionsanstalt darstellen, macht 
sich dieser Ausfall bemerkbarer, als man das von fieser geringen 
Zahl von vornherein erwarten sollte. 

Ein weiterer Teil der früheren regelmäßigen Bestände ist dadurch 
der Korrektion entzogen worden, daß man versucht hat, die Arbeits- 
unfähigen nach Möglichkeit von vornherein vom Arbeitshause fern- 
zuhalten, wie das für Himmelsthür schon durch eine Verfügung des 
Oberpräsidenten von Hannover Vom 27. Juli 1882 angebahnt worden 
ist. Daß diese Bemühungen allerdings dazu geführt hätten, daß man 
die Zwangsarbeit ausschließlich über solche verhängt hätte, die ihr 
in vollem Maße gewachsen wären, ist leider durch die Erfahrung 
nicht bestätigt worden. 

Weiterhin hat die Errichtung von Magdalenien, Frauen- 
heimen und ähnlichen Einrichtungen privater mildtätiger Fürsorge 
das Arbeitshaus entlastet. In wieweit sie wirklich eine derartige 
Besserung der sittlich verwahrlosten Mädchen und Frauen herbei- 
geführt hat, daß ihnen für die Zukunft die Korrektionsanstalt ver- 
schlossen geblieben wäre, soll hier nicht untersucht werden. Aber 
zweifellos haben sie wieder durch eine temporäre Unschädlich- 
machung für diese Zeit dem Arbeitshause manch unerquickliche Arbeit 
erspart. Weniger wie beim Manne haben die Arbeiterkolonien 
und Verpflegungsstationen die Arbeitslosen und vagabundieren- 
den weiblichen Elemente der Anstalt ferngehalten, wenngleich sie 
auch ihr bescheidenes Scherflein zur Entlastung der überfüllten Arbeits- 
häuser beigetragen haben mögen. 

In prinzipieller Hinsicht wichtig ist die Ausschaltung derjenigen 
Bewohnerinnen des Arbeitshauses, für welche dieses eigentlich immer 
hätte verboten sein müssen, für die Jugendlichen. Seit der neuen 
Fassung des § 362 durch das Reichsgesetz vom 25. Juni 1900, durch 
die sogenannte Lex Heinze, können weibliche Personen, die wegen 
Gewerbsunzucht verurteilt und der Landespolizeibehörde überwiesen 
sind, statt in einem Arbeitshause in einer Besserungs- oder Erziehungs- 
anstalt oder in einem Asyle untergebracht werden. Die Unterbrin- 
gung in einem Arbeitshause ist unzulässig, falls die verurteilte 
Person zur Zeit der Verurteilung das achtzehnte Lebensjahr noch 
nicht vollendet hat. Die Zahl der Jugendlichen, die nach diesem 
Gesetze um das Arbeitshaus herumkommen, ist nach den Ziffern der 
Statistik der zum Kessort des Königlich Preußischen Ministerium des 
Innern gehörenden Strafanstalten, Gefängnisse und der Korrigenden 
nicht allzugroß. Aber es darf nicht vergessen werden, daß es gerade 
die Jugendlichen sehr häufig sind, die noch der Routine der hart- 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigeudin. 



305 



gesottenen Venuspriesterinnen entbehren, die sieh wegen der mangeln- 
den Kenntnisse der zahllosen Bestimmungen, wegen der fehlenden 
Gewandtheit und des jugendlichen Leichtsinns am ersten über die 
Polizei Vorschriften hinwegsetzen und leichter auffällig werden. Die 
Zahl der Jugendlichen, die man früher kritiklos und unbedenklich 
den korrumpierenden Einflüssen der Korrektionsanstalt überwies, hat 
sich dadurch nicht unwesentlich vermindert, daß die Fürsorgeerziehung 
sich intensiver mit ihnen beschäftigt wie früher, und daß sich eine, 
wenn auch wohl nicht allzugroße Zahl freiwillig der fremden Für- 
sorge unterzieht, um dem Zwangsarbeitshause zu entgehen. 

Im großen und ganzen aber läßt sich gar nicht verkennen, daß 
dieses An- und Abschnellen im Zugange zur Anstalt, für das sich 
manchmal mit dem besten Willen ganz durchschlagende Gründe 
nicht entdecken ließen, nicht in letzter Linie in Zufälligkeiten 
seinen Grund hatte. Diese Zufälligkeiten mußten einen umso 
größeren Ausschlag geben, als ja die Ziffern, um die es sich handelt, 
an und für sich sehr klein sind und von den enormen Zahlen- 
massen der männlichen Korrigenden ganz erdrückt werden. Am 
meisten trieb dieser Zufall sein Spiel in dem Walten der Polizei, 
der ja die erste Mitwirkung bei der Einlieferung in die Anstalt be- 
schieden ist Der Spielraum, der der Polizei zur Entfaltung ihrer 
Tätigkeit auf diesen trostlosen Gefilden zu Gebote steht, ist ja so 
weit, daß dem Subjektivismus bedeutende Macht eingeräumt ist. Vor 
allem sind die Bestimmungen, bei deren Übertretung die Prostituier- 
ten belangt werden können, so zahlreich, so mannigfaltig, daß sich 
die Dirnen, auch wenn sie sich die größte Mühe geben, bei irgend 
einer Gelegenheit doch damit überwerfen. Sie werden sich um 80 
leichter darin verfangen, als bei den meisten das Maß ihrer geistigen 
Kräfte selbst bescheidenen Anforderungen nicht genügt. Will die 
Polizei eine Prostituierte zur Anzeige bringen und dem Gerichte über- 
geben, so kann sie das zu jeder Zeit. Manchmal nun geht sie mit 
unerbittlicher Strenge vor, manchmal legt sie auch fortgesetzten Kon- 
trollübertretungen der Dirnen gegenüber eine unbegreifliche Milde an 
den Tag. So erklärt die Anstaltsdirektion 1881, der „feinere Schlag 
leichtfertiger Dirnen 4 nehme mehr seinen Zug nach Berlin, Magde- 
burg und Dresden. Und das war sehr erklärlich, denn die Dirnen 
beichteten ganz offen, die Polizei sei dort von der größten Milde er- 
füllt. Dann wieder erfolgt fast regelmäßig eine Abnahme der Fest- 
stellungen wegen der polizeilich nicht konzessionierten Gewerbe- 
unzucht, wenn Mißgriffe im Sittenpolizeidienste bekannt geworden 
waren und in der Presse und im Publikum die bekannte Erregung 



Digitized by Google 



806 XL MÖNKKMOIXER 

verursacht hatten, die bei der Polizei eine gewisse Unsicherheit und 
dementsprechende Milde im Aufsiehtsdienste zeitigte. 

Auf der anderen Seite stieg dann plötzlich wieder ihre Zahl, 
als der Nachtwachdienst in Hannover vom Polizeipräsidium über- 
nommen worden war. Als in Bremen die Prostituierten kaserniert 
wurden, wanderte eine ziemlich große Anzahl von Huren, die sich 
diesem Zwange nicht fügen wollten, nach Geestemünde aus, um 
hier ihrem Gewerbe obzuliegen, oder gelegentliche Beutezüge nach 
Bremen oder Gastspiele auf der Eisenbahn in Szene zu setzen. Dann 
hatte für gewöhnlich Hannover die undankbare Aufgabe sich ge- 
gebenenfalls an die Korrektion heranzumachen. 

Wechselnd und manchmal schwer zu deuten blieb die Praxis 
der Polizeibehörden in der Handhabung der Kontrolle immer. Nur 
gegen bestimmte Kategorien blieb sie zu allen Zeiten erbarmungslos, 
und zwar mit vollem Rechte. Das waren in erster Linie die ge- 
fährlichsten Prostituierten, die trotz ihrer geschlechtlichen Krank- 
heiten und mit dem vollen Bewußtsein dieser Krankheit rücksichts- 
los ihr Gewerbe weiter ausübten, um diese Seuchen weiter in die 
Welt zu tragen. Mit gleicher Schonungslosigkeit ging sie zu allen 
Zeiten gegen die Dirnen vor, deren Spezialität es war, halbwüchsige 
Jungen, Schüler und Lehrlinge zu verführen. 

In letzter Linie scheint die Herabniinderung der Aufnahmen in 
den Korrektionsanstalten dadurch bedingt zu sein, daß man es sich 
nach den trüben Erfahrungen, die man überall mit der Arbeitshaus- 
strafe gemacht hat, immer mehr versagt, den ganzen Apparat der 
Anstalt nutzlos auf diese kümmerlichen Straf- und Besserungsobjekte 
loszulassen. Jetzt scheint das einigermaßen stabile Verharren auf 
diesem niedrigen Niveau auch in ganz Preußen zu herrschen, wie 
das aus der Statistik der preußischen Strafanstalten, Gefängnisse und 
Korrektionsanstalten hervorgeht. 



Jahr 



Bestand au Korrigenden ltestiind an weiblichen Zugang an weiblichen 
überhaupt Korrigenden Korrigenden 



1901 \mi 1137 1345 

1902 10 052 Iii* 1219 

1903 10! 563 1131 1145 

1904 9ü!H lHOT los« 
I!t05 US5«I 102" IUI» 

Die Zukunft wird es lehren müssen, ob diese Stabilität nicht 
durch eine der früher beliebten Zickzaeksprünge unterbrochen wer- 
den wird. Wenn auch, wie gesagt, die drohende schlechte wirt- 



Digitized by Google 



■ 

Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 307 



schaftlicbe Konjunktur ihre Schatten in das Frauen-Arbeitshaus kaum 
80 sehr werfen wird, ganz außer Acht gelassen werden darf sie auch 
nicht Vor allen» aber bleibt für die weiblichen Korrigenden die Zeit 
abzuwarten, in der die Scharen sittlich haltloser und degenerierter 
Mädchen, die jetzt noch durch die Fürsorgeerziehung an der Um- 
setzung ihrer sexuellen Begierden in die Tat verhindert werden, ein- 
mal längere Zeit Gelegenheit gehabt haben werden, auf eigenen 
Füßen zu stehen und die Stärkung von Moral und Sitte, die man 
ihnen dort zu teil werden ließ, auf die Probe zu stellen. 

Die Tatsache, daß die Anstalt nur die Vergehen zur Buße bringt, 
die sich das Korrigendinnen material der Provinz Hannover zu 
Schulden kommen ließ, verbietet es, weitergehende Vergleichungen 
inbezug auf ethnologische Gesichtspunkte anzustellen und insbe- 
sondere der Frage näher zu treten, ob und inwieweit die Volksab- 
stammung mit den in Frage stehenden Gesetzesübertretungen in Zu- 
sammenhang gebracht werden kann. Erst wenn für die andern 
deutschen ebenso eng begrenzten Bezirke ähnliche Zusammenstel- 
lungen vorlägen, könnte man aus einem Vergleiche nähere Schlüsse 
ziehen. Das wäre ja bei der fraglosen Bedeutung der ganzen Frage, 
die leider noch immer recht beträchtlich unterschätzt wird, von um 
so größerem Werte, als das statistische Amt bis jetzt nur für ziem- 
lich wenige Verbrechen (Verbrechen gegen Reichsgesetze überhaupt: 
Gewalt und Drohungen £egen Beamte; gefährliche Körperverletzung; 
einfacher und schwerer Diebstahl und Betrug) den Ort der Tat fest- 
gestellt und auf die in dem betreffenden Bezirke wohnende Bevöl- 
kerung umgerechnet hat. 

Eins ist sieher, daß die Äußerung der Kriminalstatistik (X.F.B. 
126 II S. 26), daß „Ort der Tat und Wohnort bis auf einen ganz 
unbedeutenden Bruchteil der Straftaten zusammenfielen'', am wenigsten 
von allen bei unserem Materiale Geltung hat, das ja wohl am wenig- 
sten seßhaft ist und an der Scholle klebt. Selbst die meisten von 
denen, die in der Heimatspro vi nz straffällig geworden waren, hatten 
sich nicht den Heimatsort zur Betätigung ihrer unmoralischen Triebe 
auf die Dauer .ausgesucht. 

Unsere 1920 Korrigendinnen verteilen sich nach dem Orte der 
Geburt folgendermaßen (siehe Tabelle n. S.): 

Überblickt man diese Tabelle, so tritt uns diese geringe Seß- 
haftigkeit recht deutlich vor Augen. Nicht einmal die Hälfte von 
ihnen entstammt der heimischen Provinz. Bedenkt man, daß der 
niedersächsische Volksstamm mit der Heimat im allgemeinen sehr 
stark verwachsen ist, und hält man sich andererseits vor Augen, daß 



Digitized by Google 



308 



XI. MoXKEMOLLEK 







942 


1 


Sachsen-Coburg-Gotha .... 


5 




1 


372 




„ -\\ eimar 


1 1 






32 




Schwarzburg-Rudolstadt . . 


2 


WestpreuUen .... 




23 




•Sonderahausen . . . 


5 






36 






4 






• ■ 




T* O uli VIS — 


3 






29 






1) 






Ol 






10 






IS 






9 






IIS 






19 






28 






.11 






SS 




4 






i S 






9 






25 






7 






1 


: 




6 






2S 


i 




l 






... 
29 






2 






6 






10 






5 




1 






t 






2 


Mecklenburg-Schwerin 


• • • • 


11 






1 


-Strelüz . 


• • • 


2 












46 




Rußland 


: 






97 


Griechenland 

England 


2 






14 


1 






s 






3 






3 




1 





das bei weitem größte Kontingent der Anstaltsbevölkerung von den 
Prostituierten gestellt wird, soweit diese sich von den andern in 
der Anstalt untergebrachten Vertreterinnen der Degeneration abgrenzen 
lassen, so läßt sich schon hieraus ersehen, wie stark bei ihnen der 
Hang zum Nomadisieren ist, und wie gering der Unterschied von 
denen ist, die durch den angeborenen Trieb, ihre ganze Veranlagung 
und durch ihr leichteres Unterliegen äußeren ungünstigen Umständen 
gegenüber auf die Landstraße getrieben werden. Wie sehr diese Nei- 
gung zur Ortsveränderung in der Strafverbüßung sich geltend macht, 
beweist am besten eine :58jährige Prostituierte, die nebenbei beinahe 
erblindet war. Sie hatte es fertig gebracht, obgleich nur 17 Vor- 
bestrafungen vorlagen, diese in 11 verschiedenen deutschen Staaten 
bezw. preußischen Provinzen abzumachen. Außerdem hatte sie sich 
in 5 verschiedenen Arbeitshäusern befunden, die alle in verschiedenen 
deutschen Landen lagen. 

Vielleicht könnte man geneigt sein, trotz des engbegrenzten Straf- 
bezirkes ein Hereinspielen der Volksabstammung in die Kollision mit 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 



309 



dem § 361 zu vermuten. Im allgemeinen nämlich haben sich die ver- 
schiedenen Regierungsbezirke Hannovers gleichmäßig in die Liefe- 
rungen für die Anstalt geteilt. Kleine Unterschiede erklären sich 
wohl zwanglos durch das Spiel des allmächtigen Zufalls oder aus dem 
durch die sich ändernde Besetzung der ausschlaggebenden Stellen be- 
dingten zeitweiligen Wechsel in der Handhabung der Praxis. Einzig 
und allein der kleinste Regierungsbezirk, Aurich, macht hierbei 
einen ganz auffallenden Unterschied. Er hat 312, also ungefähr ein 
Drittel des ganzen hannoverschen Korrigendinnenraaterials gestellt, 
obgleich von den 2 590939 Einwohnern, die die Provinz Hannover 
im Jahre 1906 zählte, nur 240 05S auf seinen Anteil kamen. Dieses 
Mißverhältnis ist, wie sich denken läßt, zu allen Zeiten sehr auffällig 
gewesen, und alle Anstaltsdirektoren haben sich bemüht, die Gründe 
dieses eigentümlichen Überwiegens ausfindig zu machen. Dabei läßt 
sich in keiner Weise feststellen, daß man in Aurich anderen Prin- 
zipien in der Verhängung der Arbeitsstrafe gehuldigt hätte. Es war 
nicht allzugroße Milde, die in unseren Korrigendinnen ungenügende 
Gegenvorstellungen bei ihrem Abweichen vom rechten Pfade erweckte; 
nein, man führte stets in Aurich ein strenges Regiment Die ge- 
ringsten Strafmaße sind dort so gut wie gar nicht verhängt worden, 
und lange Zeit setzte man auf diese asozialen Bestrebungen regel- 
mäßig als ersten Dämpfer ein Jahr Arbeitshaus. Daß diese Strenge 
allerdings über das ortsübliche Maß herausgegangen wäre, daß sie 
mehr wie die milder abgewogene Strafgewalt anderer Regierungs- 
bezirke die Anstalt zu füllen vermocht hätte, läßt sich auch wieder 
nicht sagen. Bei dem Materiale, das aus Aurich zur Einlieferung ge- 
langt ist, hatte man stets das Gefühl, daß es vollauf dies Schicksal 
verdient hatte. 

Nun fällt ja der Regierungsbezirk Aurich örtlich im großen und 
ganzen mit dem alten Ostfriesland zusammen. Die Ostfriesen sind 
aber diejenigen Einwohner der Provinz Hannover, die sich in ethno- 
logischer Beziehung wohl am meisten von der anderen Bevölkerung 
der Provinz unterscheiden und deren Stammeseigenart durch die Jahr- 
hunderte sich verhältnismäßig sehr rein gehalten hat, sodaß die Ost- 
friesinnen des Arbeitshauses noch jetzt oft von dem übrigen Hannover 
als dem „Auslande 44 sprechen. Da die Ostfriesen von jeher einen 
großen Teil der seefahrenden Bevölkerung Deutschlands gestellt 
haben, könnte man sich ja immerhin versucht fühlen, daran zu denken, 
daß sich dieser Trieb zur zeitweiligen Abwesenheit von der Heimat 
bei der weiblichen Bevölkerung in einen Hang zum Umherschweifen 
umgesetzt hätte. Doch wird auch hier die Vagabondage von der 



Digitized by Google 



310 



XL M Ö S K EM Ö I.I.II: 



Prostitution ganz erdrückt, wie auch das Betteln ohne Ortsveränderung 
genügend in den Vordergrund tritt, um diese Deutung als zu weit 
hergeholt erkennen zu lassen. Wollte man diese Neigung des Volkes 
zur Seefahrt mit diesen eigenartigen Trieben in ursächliche Verbin- 
dung bringen, dann könnte man schon eher daran denken, daß infolge 
der häufigen Abwesenheit der männlichen Angehörigen von Hause bei 
den Verheirateten eine ungenügende Befriedigung der geschlechtlichen 
Bedürfnisse die Folge sei, die bei der mangelnden Aufsicht allmäh- 
lich zu einer gewerbsmäßigen Ausübung der Unzucht führe. Man 
wird an solche Erklärungsversuche dieser befremdlichen Vertrautheit 
mit dem § 861 mit um so größerer Vorsicht herangehen müssen, als 
die Ostfriesen sonst ein sehr fleißiges, biederes nnd ruhiges Volk sind, 
dessen sprichwörtliche Arbeitsamkeit im grellsten Kontraste zu diesem 
Aufgehen im sozialen Parasitismus steht. Wenn die Ostfriesinnen 
eine Zeit lang in der Anstalt waren, wurden sie auch von fast allen 
Direktoren als die fleißigsten und leistungsfähigsten Anstaltsinsassinnen 
gepriesen. Da Ostfriesland im allgemeinen als ein wohlhabendes 
Land angesehen werden muß, können auch die wirtschaftlichen küm- 
merlichen Verhältnisse nicht ausschließlich den Schlüssel zu diesem 
Versinken in der wirtschaftlichen Unselbständigkeit gelten. Man wird 
eine andere Deutung entbehren können, wenn es feststeht, daß der 
alte Erbfeind des Menschengeschlechts, der Alkohol, in Ostfricsland 
sich von jeher eine ganz besondere unangreifbare Domäne gesichert 
hat. Von allen Anstaltsleitern ist darauf aufmerksam gemacht wor- 
den, daß unter den Ostfriesinnen sich besonders viele Säuferinnen 
fanden. Von den 27S Korrigendinnen, bei denen sich aus den Akten 
nachweisen ließ, daß sie dem chronischen Alkoholgenusse ergeben 
waren, — und es sind das ohne alle Ausnahme Säuferinnen vom 
reinsten Schrot und Korn — waren 2«8 in der Provinz Hannover 
geboren. 1 1 1 von diesen hannoverschen Alkoholistinnen stammten 
aus dem Regierungsbezirk Aurich! Diese Herrschaft des Alkoholismus 
gerade bei dem ostfriesischen Stammpublikum der Anstalt finden wir 
überall dort wieder, wo wir überhaupt den Alkohol in die Lebens- 
führung unserer Anstaltsinsassinnen Inneinspielen sehen. Daß in Ost- 
friesland dem chronischen Alkoholmißbrauche ein recht weiter Tummel- 
platz gegönnt ist, läßt sich auch stets in der Vorgeschichte der Ost- 
friesinnen wieder nachweisen, die in unsere Irrenanstalten verschlagen 
werden. Und so müßte man den Tatsachen Gewalt antun, wenn 
man nicht in dem Parallelismus des Uberwiegens in den Anstalts- 
aufnahmen einerseits und der Beteiligung am Alkoholismus anderer- 
seits einen Beweis dafür erblickte, daß die bekannten Beziehungen 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 311 



der Alkoholvergiftung mit dem sozialen Niedergänge auch auf diesem 
speziellen Gebiete zum trostlosen Ausdrucke kommen. Wie Aschaffen- 
burg ') in Bromberg, der Pfalz und dem Südosten Bayerns 
— also drei Hochburgen des Alkoholismus in seinen verschiedenen 
Gestalten — ein Überwiegen der Körperverletzungen nachwies, so 
dürfte der § 361, der ja mit dem Alkohol auf sehr gutem Fuße steht, 
auch in Ostfriesland sich bei diesem ganz besonders zu bedanken 
haben. 

Weshalb die Nachbarländer und Provinzen unter den Auf- 
nahmezahlen besonders stark vertreten sind, erklärt sich von selbst 
Auffällig ist ja, daß das große Hamburg weniger Vertreterinnen 
hierher entsandt hat wie das kleinere Bremen. Abgesehen von der 
unterschiedlichen Behandlung in der Kasernierung in beiden Städten 
erklärt sich das vielleicht dadurch, daß das großstädtische Hamburg 
mit seinem enormen Uafenverkehr für die Prostituierten einen un- 
gleich weiteren und lukrativeren Spielraum bietet wie das solidere 
Bremen und einen viel größeren Konsum beansprucht wie dieses. 
Daraus erklärt sich auch wohl die verhältnismäßig geringe Zahl von 
Prostituierten, die von Berlin aus das hannoversehe Arbeitshaus un- 
sicher machen. Zunächst hat ja Berlin für die ungeheure Zahl von 
Dirnen, die es in seinen Mauern birgt, immer mehr als genügende 
Verwendung, und da die minderwertigen und haltlosen Naturen, aus 
denen sich das Heer der Prostituierten rekrutiert, von dem Glänze 
und den Vergnügungen der Großstadt wie die Fliegen vom Lichte 
angezogen werden, haben sie auch selten Lust, die Provinz aufzu- 
suchen. Hat einmal eine Berlinerin ein vorübergehendes Gastspiel 
in der Provinz absolviert, so ist es die sichere Kegel, daß sie sich 
bald wieder in die Vaterstadt zurückbegibt. 

Einen größeren Zuspruch sollte man auch aus den Rhein- 
landen erwarten. Dem Rheinländer wird ja ein leichterer Sinn 
nachgesagt wie den übrigen Deutschen, und da auch die Sinnlichkeit 
bei der westdeutschen Bevölkerung, auf die der lockere Sinn Frank- 
reichs abgefärbt haben soll, angeblieh größer ist, wie im Osten, müßte 
dieses geringe Deputat im Mißverhältnisse zu der riesigen Bevölkerungs- 
zahl der Rheinprovinz stehen. Inwieweit dies heitere Naturell und 
der Hang zur Ungcbundenheit in die Frage der Prostitution und des 
Vagabundierens überhaupt hineinspielt, läßt sich nach dem hiesigen 
Materiale nicht entscheiden. Die geringe Inanspruchnahme han- 
noverscher Besserungsmittel erklärt sich fraglos auch hier wieder do- 



li Aschaffenburg: Das Verbrechen und seine Bekämpfung. S. 35. 



Digitized by Google 



312 



XI. MÖNKEMÖLLER 



durch, daß die großen Städte und das ganze Leben und Treiben in 
den Industriebezirken die einheimische degenerierte Bevölkerung;, 
die gerade zu diesen Exzessen neigt, derart mit Beschlag belegt hat, 
daß für die Nachbarprovinzen nicht zu viel übrig bleibt. 

Um so mehr imponiert der starke Strom, der sich aus den öst- 
lichen Provinzen in die Austalt ergießt und bei der Größe der Ent- 
fernung, die diese Vertreterinnen des Ostelbiertums von der Heimat 
trennt, um so mehr befremdet. Das hängt ja zweifellos zunächst mit 
dem allgemeinen Abströmen von Osten nach Westen zusammen, das 
natürlich auch alle die energielosen und wenig leistungsfähigen Ele- 
mente mit sich fortreißt. Im Westen erleiden sie dann sozialen Schiff- 
bruch, wenn sie das noch nicht vorher getan haben. Für die Ele- 
mente, die unsere Anstalt füllen helfen, kommt das ja um so eher in 
Betracht, als im Osten der Wohlstand nicht so groß ist, wie im Westen. 
Die moralischen und ethischen Begriffe sind dort in den unteren Be- 
völkerungsklassen spärlicher entwickelt und die Kultur, aus der jene 
Geschöpfe hervorgegangen sind, steht soweit hinter der des Westens 
zurück, daß das Wuchern dieser sozialen Parasiten in energischster 
Weise unterstützt werden muß. Inwieweit die Neigung des polni- 
schen Volksstammes zum Fortpflanzungsgeschäfte, das ja von pol- 
nischer Seite mit dem Wesen der Karnickel in drastischer Weise ver- 
glichen wurde, mit dem Versinken in der Prostitution in Zusammen- 
hang gebracht werden kann, entzieht sich meiner Beurteilung. 

Das starke Uberwiegen Schlesiens entsprichtauch uanz seinem 
Anteile an der Korrektion in preußischen Ko rrektionsanstalten 
überhaupt, wie das aus der Statistik über die preußischen Korrektions- 
anstalten für die Jahre 1904 und 1905 hervorgeht. Es lieferten in 
preußische Korrektionsanstalten 



1901 



1905 



( »stpreußen 

Westpreußen 

Brandenburg 

Stadt Berlin 

Pommern 

Posen 

Schlesien 

Sachsen 

Schleswig-Holstein 
Hannover 
Westfalen 
Hessen Nassau 
Rheinprovinz 



59 
40 
03 
50 
4!» 
SS 

67 
12 
27 
55 
20 
123 



55 
05 
41 
4S 
$6 
101 
275 
57 
4 
2S 
51 
24 
IIS 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 313 



Im übrigen haben im Laufe der Jahre sämtliche deutschen 
Staaten ihre Vertreterinnen in unsere Anstalt gesandt; — daß Reuß 
jüngere Linie sich bis jetzt dagegen gesträubt hat, ist wohl nur einem 
Zufalle zu verdanken. Und wenn man sieht, in welchem Maße auch 
die Vertreterinnen anderer Staaten sich den schlichten Verhältnissen 
unseres Arbeitshauses anpassen mußten, kann man am besten erkennen, 
wie weit die Degeneration ihre Opfer ohne Ansehung der Nationalität 
durch die Lande treibt. 

Ein Versuch, festzustellen, wie sich das Verhältnis zwischen 
Stadt und Land stellte, scheiterte daran, daß früher eine Zeit lang 
immer nur der Kreis angegeben war, aus dem die Betreffenden 
stammten. Soviel ließ sich feststellen, daß eine sehr große Zahl der- 
jenigen, die auf dem Lande geboren waren, ihre parasitäre Tätigkeit 
in der Stadt entfaltet hatten. Es bestätigt das eben die alte Erfahrung, 
daß ein großer Teil der Elemente, die durch ihre Veranlagung sich 
zur Prostitution hingezogen fühlen, obgleich sie auf dem Lande ge- 
boren sind, bald der Stadt zuströmen, wo für ihre Wucherexistenz 
ein fruchtbarerer Boden vorhanden ist. Infolgedessen darf man sich 
nach den Statistiken, die sich meist nach den letzten Wohnorten 
richten, an denen sich die Delinquenten aufgehalten haben, keinen 
Rückschluß auf die Verhältnisse erlauben, in denen sie groß geworden 
sind, in denen sie ihre Erziehung empfangen hatten, in denen ihre 
ethischen Begriffe gebildet worden waren. Das gilt auch für die 
preußische Statistik der Jahre 1904 und 1905. Hiernach stammten 
nach dem letzten Wohnorte zusammengestellt, 

aus Berlin 173 bezw. 195 

„ Großstädten mit mehr als 100 000 Einwohnern 346 „ 306 

„ Mittelstädten „ 20 — 100 000 Einwohnern 261 ., 240 

„ Kleinstädten „ 5—20 0000 Einwohnern 130 ., 166 

,. Gemeinden „ 2—5000 Einwohnern 58 ,„ 60 

„ „ unter 2000 Einwohnern 9S „ 52 



Verzichtet habe ich auf die Zusammenstellung der Religions- 
bekenntnisse unserer Korrigendinnen. Der Zusammenhang zwischen 
Religion und Verbrechen ist ja überhaupt noch sehr unklar, und die 
ursächlichen Verbindungen, die hier konstruiert werden, sind aus- 
nahmslos sehr anfechtbarer Natur. Bedeutet doch dem einen die 
Ohrenbeichte eine Unterstützung des Verbrechens, da der Täter weiß, 
daß er durch kirchliche und religiöse Übungen Vergebung für seine 
Sünden und Erledigung seines Strafkor^tos finden wird. Dem andern 
aber schreckt sie vor dem Verbrechen ab, da ja nicht selten Verbrecher 

Arvhiv für Kiiminolanthropoloffie. 30. Bd. 21 



Digitized by Google 



314 



XI. MÖNKEMÖIXER 



in der Beichte dazu veranlaßt werden, das getane Unrecht wieder 
gut zu machen. 

Wie im Verbrechen im allgemeinen, so überwiegt auch in den 
Delikten des § 361 die katholische Religion über die evangelische. 
Von den preußischen Korrigendinnen der Jahre 1904 und 1905 waren 
612 bezw. 550 evangelisch, 451 bezw. 466 katholisch. 

Für unsere Korrigendinnen (zusammengestellt nach den Resultaten 
der jährlichen Statistiken) trifft das auch wieder zu, indem auf 
2479 evangelische 500 katholische und 15 mosaische Korrigendinnen 
kamen. (Übrigens kann man hierbei sehr deutlich sehen, wie sich 
die Zahlen verschieben, wenn man die jährlichen Aufnahmen den 
Berechnungen zugrunde legt Denn die 15 .mosaischen Aufnahmen 
werden von 6 Individuen bestritten.) Während sich in der Provinz 
Hannover das Verhältnis der Evangelischen zu den Katholischen 
und Juden stellt wie 130 zu 19 zu 1, verändert sich dies Verhältnis 
für unsere Korrigendinnen auf 165 zu 33 zu 1. Wenn man dieses 
Überwiegen des katholischen Bekenntnisses dadurch zu erklären 
sucht, daß den Katholiken im allgemeinen ein geringerer Wohlstand 
zu Gebote steht, so könnte man hierfür dann eine Stütze finden, daß 
der Teil der Provinz, auf den sich die katholische Bevölkerung am 
meisten konzentriert, die Gegend von Lingen, Meppen, des sogenannten 
Muffrika, so ziemlich der kümmerlichste und ärmlichste Bezirk ist, 
den Hannover aufzuweisen hat. Allerdings hat auch dieser Land- 
strich nicht so viele Korrigendinnen entsandt, wie beispielsweise das 
protestantische bezw. reformierte Ostfriesland, sodaß die Vermögens- 
verhältnisse allein nicht zur Lösung dieser Frage herangezogen 
werden dürfen. Da die Anstaltsbevölkerung in ausgesprochenstem 
Maße den Charakter des Zusammengewürfelten trägt, wird man über- 
haupt wohl auf eine volle Aufklärung von vornherein verzichten 
müssen. . 

Schwer zu deuten ist der geringe Prozentsatz, den die Juden 
zur Kriminalität des § 361 stellen und der wieder ganz dem 
geringen Anteile entspricht, den sie überhaupt an der allgemeinen 
Kriminalität nehmen. Von den preußischen Korrigendinnen des 
Jahres 1004 gehörten nur 3. von denen des Jahres 1905 nur 2 der 
jüdischen Rasse an. Dem entspricht es, daß von unseren 1920 
Korrigendinnen nur 6 Jüdinnen sind. 

Es könnte das umsomehr befremden, als die Juden einen 
großen Teil der Berufe stellen, die im Umherziehen betrieben 
werden und deren Beziehung, zur Vagabondage oft recht offen zu 
Tage liegen. Auf der anderen Seite ist ja die Sinnlichkeit bei den 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Komgendin. 315 



Israeliten als altes Erbteil ihrer orientalischen Herkunft sehr aus- 
geprägt, wie sich das schon in ihrer verhältnismäßig recht starken 
Beteiligung an der Prostitution ausspricht. Der Widerspruch löst 
sich zumteil schon dadurch, daß dem Arbeitshause nicht die Prostituierten 
überhaupt verfallen, sondern diejenigen, welche die bestehenden Vor- 
schriften übertreten. Bei der Intelligenz, die den meisten Jüdinnen 
zu Gebote steht, bei der Geriebenheit, die sie auszeichnet, ist die An- 
nahme gar nicht zu fernliegend, daß sie es eher wie ihre christlichen 
Beruf sgenos8innen verstehen, entweder im Einklänge mit diesen 
Vorschriften zu bleiben oder, wenn sie doch straffällig geworden 
sein sollten, der Polizei eher Sand in die Augen zu streuen 
vermögen. Und ebenso könnte man sich denken, daß, wenn bei 
ihnen der Drang zum Landstreichen vorhanden sein sollte, sie gerade 
durch einen dieser Pseudo- Vagabundenberufe diesem Triebe ein 
gesetzliches Mäntelchen umhängen können. Ausschlaggebend ist 
allerdings meiner Ansicht nach wieder die geringe Abhängigkeit vom 
Alkohol. Es ist bekannt, daß die Juden überhaupt weniger dem 
Alkoholmißbrauche huldigen, und erwägt man, daß gerade in den 
Übertretungen, die der § 361 dem Arbeitshause zuführt, dem Alkohol 
eine weitgehende ätiologische Bedeutung eingeräumt werden muß, so 
wird man eben in dieser Unabhängigkeit vom Alkohol das Haupt- 
motiv ihres Fernbleibens von der Korrektionsanstalt sehen. Selbst 
in den Akten unserer 6 jüdischen Korrigendinnen fand sich kein 
Anhaltspunkt dafür, daß sie sich der Mäßigkeit entfremdet hätten. 

Was das Alter unserer 1920 Korrigendinnen anbetrifft, so läßt 
sich natürlich eine Zusammenstellung, die den Altersstufen der jährlich 
aufgestellten Statistiken entspräche, nicht geben. Denn eine große 
Zahl von ihnen ist zu wiederholten Malen in der Anstalt gewesen. 
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß für die Korrigendin der 
wichtigste Zeitpunkt der ist, in dem sie zum ersten Male in das 
Arbeitshaus aufgenommen wird. Es ist das die Zeitperiode, die für 
ihren Zusammenbang mit der Kriminalität von der größten Bedeutung 
ist; für die Prognose der Wirksamkeit der Korrektionshaft sagt die 
erste Aufnahme in die Korrektionsanstalt alles, und zugleich geben 
diese Zahlen einen ziemlich guten Anhaltspunkt dafür, wie sich die 
ausübenden Gewalten zur Frage der Verhängung der Korrektionshaft 
stellen — und welche Fehler sie sich dabei zu Schulden kommen 
lassen, die sich unter allen Umständen ohne große Mühe hätten ver- 
meiden lassen. 

Es standen von den 1920 bei der ersten Aufnahme in die Korrek- 
tionsanstalt im Alter von 

21» 



Digitized by Google 



316 XI. MÖNKKMÖhLKR 



14 


1 


35—39 


121 


15 


3 


40—44 


202 


16 


23 


45—49 


91 


17 


58 


50—54 


60 


18 


79 


55-59 


36 


19 


121 


60-64 


26 


20—24 


564 


65—69 


16 


25—29 


809 


70-74 


8 


30—89 


199 


75—79 


3 



Wie sich die Zahlen bei den in einem bestimmten Jahre auf- 
genommenen Korrigendinnen verschieben, ergibt sich wieder aus der 
Zusammenstellung der in den Jahren 1904 und 1905 in den preußischen 
Korrektionsanstalten aufgenommenen Korrigendinnen. Es waren 
von ihnen 

17 Jahre alt 1—4 I 25— 30 Jahre alt 176— 166 

18 „ „ 6—19 30—40 „ „ 272—268 

19 ,. „ 31—26 40—50 „ „ 209 — 232 

20 „ „ 32—27 50—60 „ „ 100—18 
21— 25 Jahre alt 168— 164 60—70 „ ,. 28—18 

I 70 und darüber 5—3 

Erstaufnahmen und Rückfällige sind hier eben nicht auseinander- 
gehalten, und so erklärt es sich ohne weiteres, wie die Rückfälligen 
die Durchschnittszahlen für das Alter in die Höhe drücken. Die 
nachfolgende Kurve veranschaulicht diese Altersverhältnisse für unsere 
Korrigendinnen noch viel deutlicher: 



(AM 

m> 

«LI 
40 

■:•> 

MJU 
Su 
00 
40 
•JD 

U» 
MJ 
CO 
40 

iu 

yno 

HO 

CO 
40 

so 

jn O 
M» 

UM 
40 

SO 

JUU 

K) 

«41 
40 
50 



Digitized by Google 




Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 317 



Einer näheren Deutung bedarf diese Kurve wohl nicht. Die 
Prostitution, die für die erste Zeit, ganz abgesehen von ihrem 
allgemeinen Uberwiegen, im Vordergrunde steht, setzt ja etwas 
früher ein. Bis sie aber der Remedur des Arbeitshauses für wert 
erachtet wird, dauert es immer noch einige Zeit, in der sie sich 
mit den unangenehmeren Attributen ihres unangenehmen Berufes 
ausgeschmückt hat Ihr Hauptkontingent stellt sie zum Arbeitshause 
in der Zeit zwischen dem 20. und 25. Jahre. 

Zu bedenken ist hierbei, daß diese Zahlen für die ganze Zeit 
der letzten 28 Jahre gelten. Seit der Einführung der lex Heinze, 
vor allem auch, seitdem sich die Fürsorgeerziehung dieser Jugend- 
lichen in größerem Umfange annimmt, fallen ja die jüngeren Jahr- 
gänge glücklicherweise für die Korrektionsanstalt aus. 

Die Zahlen halten sich eine Zeitlang auf dieser Höhe, um dann 
langsam herunterzugehen; dann hebt sich die Kurve in der Zeit 
zwischen dem 40. und 44. Jahre wieder, wenn auch der Ausschlag 
nach oben nicht entfernt die frühere Höhe erreicht. Dagegen liegt 
der Höhepunkt der Besserungen bei den Weibern überhaupt 
nach Högel 1 ) zwischen dem 30. und 40. Jahre (bei den Männern 
zwischen dem 21. und 25. Jahre). Während im ersten Ansteigen der 
Kurve alles das in die Korrektionsanstalt geschwemmt wurde, was 
durch Neigung, durch minderwertige Veranlagung, durch mangelhafte 
Erziehung, durch die Verführung dahin getrieben wurde, während 
das sonst schon so ausgeprägte Uberwiegen der Prostitution noch 
mehr hervortrat, werden jetzt mehr die sekundär entarteten Naturen 
in die Arbeitshauslaufbahn hineingezwängt, die im allmählichen 
Abflauen ihrer I^eistungsfähigkeit sozialen Schiffbruch erlitten und 
der niederen Kriminalität zugetrieben wurden. Die Prostitution tritt 
immer mehr vom Schauplatze ab; was sich in ihren Netzen jetzt 
noch in so vorgerücktem Alter verfängt, das ist noch mehr vom 
pathologischen Geiste durchtränkt wie die Sündenfälligen, die in 
ihrer jugendlichen Sinnlichkeit noch eine karge Entschuldigung 
hatten. Die anderen Untertanen des § 361 beginnen jetzt umsomehr 
für ihre asozialen Triebe die Unschädlichmachung des Arbeitshauses 
über sich ergehen zu lassen. 

Jetzt erscheinen die Weiber, in deren Lebensführung der 
Alkoholi sinus eingegriffen und die Widerstandskraft allmählich 
zerrüttet hatte. Die Wechseljahre, die ja in der körperlichen und 
psychischen Verfassung nicht ganz intakter Naturen fast nie ganz 

1) Högel: Die Straffälligkeit de» Weihes. Archiv für Kriminalanthropol. 
3. Bd. 1900, S. 287. 



318 



XI. MÖXKEMÖLLER 



spurlos vorbeigehen, werfen ihre ersten Schatten voraus : die Witwen, 
die für die in der Ehe geweckten sinnlichen Triebe einen illegitimen Ersatz 
suchen, fallen allgemach der Korrektion zur Last. 

Zu ihnen gesellen sich — und das sind die typischen Ver- 
treterinnen des Korrigendentums in dieser Altersperiode — alle die 
antisozialen Naturen, die sich bis dahin den schweren Formen 
des Verbrechens geweiht hatten. Bisher hatten sie nur deshalb 
die Korrektionsanstalt verschont, weil Gefängnis und Zuchthaus sich 
ihrer wegen ihrer schweren Konflikte mit dem Gesetze angenommen 
hatten. Jetzt hat die fortschreitende Entartung immer mehr ihr Werk 
vollendet! Die Tatkraft und der Unternehmungsgeist sind aufgezehrt, 
dem Verbrechen, zu dem Umsicht, Energie und planmäßige Über- 
legung gehören, vermögen sie nicht mehr gerecht zu werden. Was 
dann für diese erschlafften Existenzen allein noch übrig bleibt, ist eben 
noch Betteln, Vagabondage und die Prostitution in ihrer niedersten Gestalt 

Diese verschiedenen Faktoren bewirken, daß auch für die nächste 
Zeit immer noch die Reife für das Arbeitshaus erreicht wird. 
Die Entartung zieht immer weitere Kreise, und das herannahende 
Greisenalter sorgt durch seine körperlichen und geistigen Lähmungs- 
erscheinungen dafür, daß die Fähigkeit zum redlichen Erwerbe und 
erst recht der Wille dazu immer mehr abhanden kommen. Jehöheraller- 
dings das Alter steigt, umsomehr kann man mit gutem Gewissen 
sagen, daß die Gründe, die zu diesem wirtschaftlichen und gesell- 
schaftlichen Versagen führen, immer mehr auf krankhaftem Boden 
erwachsen sind. Um so weniger wird man es verstehen, daß man 
sogar für diese hohen Jahre noch der Meinung ist, es lasse sich 
eine Besserung dieser entnervten und körperlich und geistig zer- 
mürbten Naturen herbeiführen. Es muß anerkannt werden, daß man 
versucht hat, schon seit längeren Jahren die Altersgrenzen nach oben 
und unten hin einzuschränken, ein Prinzip, das leider, wenigstens 
nach oben hin, noch nicht in seinem vollen Umfange durchgeführt 
wird. Die Altersextreme, die hier in der Anstalt gestrandet sind, 
lehren recht deutlich, daß der erziehlichen Wirkung der Arbeits- 
haustrafe durch das Lebensalter nach beiden Seiten hin unüberschreit- 
bare Grenzen gesetzt sind. Dabei muß man sich stets vor Augen 
halten, daß diese Zahlen nur für die ersten Aufnahmen in der 
Korrektionsanstalt gelten und daß mehrere von diesen Greisinnen 
noch später öfters Gelegenheit hatten, aufs deutlichste zu erkennen 
zu geben, in welchem Mißverhältnisse ihre körperliche und geistige 
Leistungsfähigkeit zu den Anforderungen steht, die im Arbeitshause 
an sie gestellt wurden. 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendiu. 



319 



Von den 3 Greisinnen, denen man noch im Alter von 75 Jahren 
und mehr das Arbeitshaus zudiktierte, war die erste eine 75jährige, 
die überhaupt keine Schulkenntnisse aufzuweisen hatte, noch nie 
vorbestraft. Sie machte die ganze Strafe (wegen Betteins ) ab. Die 
zweite, 78jährige, die ebenfalls noch nicht vorbestraft war, ver- 
schwendete im beginnenden Greisenalter plötzlich ihr ganzes Vermögen, 
ergab sich der Vagabondage und wurde wegen Betteins der Korrektions- 
anstalt zugeführt, in der allerdings sofort ihre vollkommene Arbeits- 
unfähigkeit festgestellt wurde, sodaß sie dem benachbarten Land- 
armenbause überwiesen werden mußte. Die älteste von den Dreien, 
eine 79jährige hatte sich bis dahin straffrei geführt. Im Arbeits- 
hause, dem sie wegen Vagabondage zugeführt wurde, wurde die 
Ursache dieses so spät auftretenden Hanges, die geistige Alters- 
schwäche, sofort erkannt und die Nachhaft aufgehoben. 

Man hat ja erkannt, wie nutzlos diese Maßregeln bei solchen 
unverbesserlichen Strafobjekten sind, man hat durch manche Ver- 
fügungen dahin zu wirken gesucht, daß der Anstalt keine solchen 
unlösbaren Aufgaben mehr gestellt werden, und die eklatantesten 
Fälle liegen Jahre lang zurück. Trotzdem aber kann man es sich 
noch immer nicht versagen, ab und zu solche alte Weiber in der 
Anstalt aufzunehmen. Noch in den beiden letzten Etatsjahren wurden 
der Anstalt 4 alte Bettlerinnen zugeführt, die die Sechzig schon 
hinter sich hatten. Bei dreien von ihnen mußte denn auch die 
Nachhaft wieder aufgehoben werden; die eine, eine 72jährige, war 
seit ihrem 62. I^ebensjahre nun schon zum 3. Male in der Anstalt 
Beinahe blind, von ausgeprägter geistiger Schwäche erfüllt, äußerte 
sie lebhafte Sinnestäuschungen und Wahnideen, sodaß die Nachhaft 
— zum dritten Male! — wieder aufgehoben werden mußte. Trotz- 
dem wurde vor kurzem wieder ihre Aufnahme angemeldet, sodaß nur 
durch prophylaktische Bemühungen ihr Eintritt in das für sie voll- 
ständig unpassende Milieu der Anstalt verhindert werden konnte. 

Ein geringer Trost ist es ja, daß an diesen gebrochenen Existenzen, 
mochten sie noch so sehr körperlicher oder geistiger Krankheit ver- 
verfallen sein, mochten sie den Leistungen, die hier von ihnen ver- 
langt wurden, nicht im entferntesten gewachsen sein, nicht mehr viel 
verdorben werden konnte. Das ist aber ein Bedenken, das für die 
jugendlichen Elemente, für die man früher den Aufenthalt in der 
Anstalt für geeignet hielt, ungleich schwerer in die Wagschale fallt. 
Wie bei diesen greisenhaften Spätaufnahmen das Pathologische die 
Regel ohne Ausnahme ist, so kann man ja auch bei diesen Geschöpfen, 
die so früh einer solchen Verderbnis anheimfallen, daß sie sich die 



Digitized by Google 



320 



XI. MÖNKEMÖLLER 



Anwartschaft auf die Korrektionsanstalt erwerben, schon von vorn- 
herein mit Sicherheit annehmen, daß sie nicht ganz normal und schon 
in der Anlage verdorben sind. Gewiß handelt es sich recht oft 
um angeborene Defektzustände, die nach der Natur der Erkrankung 
eine üble Prognose haben und die auch unter den besten Verhält- 
nissen keine Heilung mehr erwarten lassen. Verkennt man nicht 
den ungünstigen Einfluß, den die Umgebung so oft auf diese be- 
dauernswerten Stiefkinder des Schicksals ausübt, so wird man sicher 
der Ansicht sein, daß die Loslösung aus diesem verderbenbringenden 
Milieu so früh wie möglich erfolgen muß. Wenn aber diesem natür- 
lichen Verkümmerungsprozesse noch künstlich nachgeholfen werden 
soll, so wurde das vom Arbeitshause trotz aller Vorsichtsmaßregeln, 
trotz allen harten Zwangs, trotz aller Inanspruchnahme von Religion 
und Moral auf das redlichste besorgt Wenn man nach Gründen 
dafür sucht, daß diese jugendlichen Geschöpfe den Händen der 
Korrektionshaft entwunden worden sind, dann braucht man nur 
das Schicksal der 4 Jüngsten in kurzen Zügen zu verfolgen, 
denen man am frühesten die Segnungen der Korrektionshaft an- 
gedeihen ließ. 

Die erste von ihnen hatte sich 1SS5 schon mit 14 Jahren wegen 
Übertretung des § 361 vor dem Gerichte zu verantworten gehabt, 
mußte aber freigesprochen werden, weil man ihr nicht nachweisen 
konnte, daß sie Unzucht gewerbsmäßig betrieben hatte. Jetzt 
wurde sie wegen Betteins, gewerbsmäßiger Unzucht, mit Rücksicht 
auf ihre große Jugend und hochgradige unmoralische Charakter- 
entwickelung mit drei Wochen Haft und Überweisung bestraft. 
„Kann nicht lesen und schreiben, rechnet kaum ziemlich, Religions- 
kenntnisse nicht vorhanden. Bleichsüchtig. Mäßige Verdichtung 
der einen Lungenspitze/ Nachdem sie ihre erste dreimonatliche 
Arbeitshausstrafe abgemacht hat, wird sie schon nach 4 Monaten 
wieder rückfällig. Während der zweiten neunmonatlichen Korrektions- 
haft muß sie mehrfach wegen Zankes, Schlägerei und Ungehorsams 
diszipliniert werden. Nach der zweiten Entlassung wird sie schon 
nach 14 Tagen rückfällig, worauf ihr 1 Jahr Arbeitshaus zudiktiert 
wird. Wird wieder mehrere Male bestraft, weil sie in der Zelle vor 
sich hin singt und spricht. Sie wird jetzt schon als ein ver- 
kommenes Subjekt geschildert, das keine Hoffnung au fB es serung 
biete. Trotzdem aber wird sie einmal zur Nachhaft verurteilt, nachdem 
sie sich ganze zwei Monate gehalten hat. Wieder verfällt sie mehrere 
Male in Disziplinarstrafen. Sehr wahrscheinlich würde sie noch weiteren 
fruchtlosen Korrektionsversuchen unterzogen worden sein, wenn nicht 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 321 



eine rasch um sich greifende Lungentuberkulose ihrer weiteren asozialen 
Betätigung ein Ziel gesetzt hätte. 

Die zweite von ihnen hatte schon mit 15 Jahren mit Scham- 
verletzung, Sachbeschädigung, Unzucht und Vagabondage begonnen. 
Sie erwies sich von Anfang an als frech, renitent und zänkisch. 
Dreimal kehrte sie wieder in kurzen Fristen in die Anstalt zurück; 
bei der letzten Aufnahme vermochte sie schon auf eine Strafvergangen- 
heit von 40 Strafen zurückzublicken. Auch die dritte von ihnen 
wurde noch dreimal rückfällig, nachdem sie ihr Strafregister auf 
Unzucht, Bettelei, Vagaboudage und Diebstahl erweitert hatte. Auch 
sie fiel durch ihr lautes und freches Wesen auf, hatte nur miserable 
Schulkenntnisse aufzuweisen und entwich zweimal aus der Anstalt. 
— Am meisten versagte das Arbeitshausprinzip bei der 4. (15 jährigen) 
die nicht weniger als sechsmal rückfällig wurde und es zuletzt zu 
einem Straf regist er von 35 Strafen (wegen Unzucht, Unterschlagung, 
Diebstahl und Beleidigung) gebracht hatte. In der Anstalt mußte 
sie nicht weniger als 30mal disziplinarisch bestraft werden; 
einmal brach sie aus der Anstalt aus. Sie huldigte zusammen mit 
anderen Korrigendinnen der lesbischen Liebe, war ungehorsam, faul, 
geriet immer wieder mit ihrer Umgebung in Streit und wurde mehrere 
Male gewalttätig gegen die Aufseherinnen. Einmal wird gemeldet, daß 
sie in der Zelle einen „Tobsuchtsanfall** bekam. 

Die Zeichen von psychischer Krankheit, die sich bei diesen 
Musterbeispielen frühzeitiger Unzulänglichkeit und Unselbständigkeit 
nicht verkennen lassen, ließen sich bei den meisten dieser Leute, 
nachweisen, die schon so frühzeitig sich einer normalen Lebens- 
führung entfremdet hatten. Ob sie den anderen erziehlichen Ein- 
flüssen, denen sie jetzt überantwortet werden, eine bessere Angriffs- 
fläche bieten, ob sie nicht später doch wieder in das Getriebe des 
Arbeitshauses geraten werden, möchte ich bei den meisten dahin- 
gestellt sein lassen. Daß sie wenigstens in diesen diffizilen Jahren 
in dies Milieu nicht mehr versetzt werden, daß es früher ein arger 
Mißgriff war, wenn man derartige Objekte der Korrektionshaft 
anvertraute, die sie doch nur verderben konnte, das wird man 
schon aus diesen wenigen Stichproben mit völliger Sicherheit er. 
kennen können. 

Auch der Familienstand hat für die Insassinnen des Arbeits- 
hauses seine unverkennbare Bedeutung. Im allgemeinen überwiegen 
unter den weiblichen Verbrechern die Verheirateten, während bei den 
männlichen im allgemeinen die Ledigen die Führung haben. Die 
weibliche Kriminalität erreicht ihr Maximum erst zu einer Zeit, in 



Digitized by Google 



322 



XI. MÖNKKMÖLLKK 



der die Mehrzahl der Personen beiderlei Geschlechts verheiratet ist. 
Bei der niedersten Form der Kriminalität, die unsere Anstalten 
füllt, ist das anders. Bei dem enormen Oberwiegen der Prostitution 
ist es nicht gut anders zu erwarten, als daß die Ledigen die Über- 
hand haben müssen. 

Von den weiblichen Neuaufnahmen der preußischen Korrektions- 
anstalten der Jahre 1904 und 1905 waren 618 bezw. 586 ledig, 238 
bezw. 256 verheiratet, 133 bezw. 114 verwitwet und 77 bezw. 63 
geschieden. 

Von unseren 1920 waren bei der ersten Anstaltsaufnahme, die 
wieder am zweckmäßigsten zur Durchschnittsberechnung verwendet 
wird, 1318 ledig, 352 verheiratet, 181 verwitwet und 69 geschieden. 
Bei den späteren Aufnahmen ändert sich natürlich der Zivilstand- 
die Ledigen kommen dann bald als verheiratet wieder, später leben 
sie getrennt oder sind geschieden worden, um zur guten oder schlechten 
Letzt als Witwen ihre Aufwartung zu machen. 

Inwieweit der Zivilstand in dem sozialen Niedergange unserer 
Korrigendinnen als Ursache mitwirkt, wie er andererseits durch 
diese Entartung beeinflußt wird, das enthüllen die Akten recht oft 
bei den Verheirateten, deren Ehen meist vom Zustande der 
Vollendung recht weit entfernt sind. 

Sehr häufig wird der Ehemann durch das Abirren der Ehefrau 
nicht im mindesten berührt und läßt sie in aller Seelenruhe weiter- 
wirken. Oder er nutzt noch gar die unsauberen Erwerbsmethoden 
der Gattin aus, um von ihrem Gelde zu schmarotzen, oder verweist 
sie selber auf diesen schmutzigen Weg. Recht häufig aber wird 
die Ehe durch dies Treiben gelockert und gesprengt. Nicht immer 
ist die Frau allein daran schuld, daß die Ehe auseinandergeht. Wenn 
sich nachweisen läßt, daß der Ehemann der Urheber dieser Trennung 
ist, kann man allerdings meist annehmen, daß der Alkohol mit im 
Spiele ist. In den unglücklichen Trinkerehen, bei denen der Mann 
die Frau darben läßt, in denen er sie stets in der gemeinsten Weise 
beschimpft und mit der unmenschlichsten Roheit mißhandelt, ist es 
kein Wunder, wenn die geplagte Ehefrau endlich das Weite sucht 
Vorher hat er sie in der Frigidität und der geschlechtlichen Unbe- 
friedigung, die so oft eine Folge des chronischen Alkoholismus ist, 
oft indirekt auf den Weg der illegitimen sexuellen Befriedigung 
gedrängt oder durch seine krankhaften Eifersuchtsideen darauf hin- 
gewiesen. Manchmal haben beide Ehegatten in alkoholischer Be- 
ziehung einander nichts vorzuwerfen, und es sind mehrere Fälle vor- 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 323 



handeo, in denen dann beide den Weg in die Korrektionsanstalt 
antreten mußten. 

Die Zahlen, die uns für die Sprengung der Ehe durch diese 
antisoziale Lebensführung zu Gebote stehen, bleiben ohne jede Frage 
hinter der Wirklichkeit zurück. Von lüü Korrigendinnen, die ich 
einer genaueren Untersuchung unterzog, gaben nicht wenige, die noch 
offiziell als verheiratet geführt wurden, ohne weiteres zu, daß sie 
schon langst getrennt von ihren Gatten lebten. Um so weniger darf 
die Bedeutung der offiziellen Aktennotizen unterschätzt werden, nach 
denen von den 352 Verheirateten 148 als getrennt lebend bezeichnet 
wurden. 

Wenn außerdem nur bei 09 angegeben ist, daß sie offiziell ge- 
schieden waren, so beweist das zunächst die ungeheure Gleich- 
gültigkeit, mit der die Kreise, aus denen unsere Anstaltsinsassinnen 
entstammen, diesem sozialen Schmarotzertum gegenüberstehen, und 
die der Umständlichkeit, die eine regelrechte Scheidung mit sich 
bringt, am liebsten aus dem Wege gehen. Das Gewicht dieser Zahlen 
ist von um so größerer Bedeutung, als diese zwanglose oder offizielle 
Trennung sich schon immer bei der ersten Aufnahme in die 
Korrektionsanstalt vollzogen hatte. 

Auch bei den Verwitweten unserer 192(3 — 1S1 an der 
Zahl — spielt noch ein Teil der Gründe mit, die sie in der Ehe zur 
Deroute veranlaßten. Insbesondere wirkt das Elend der Säuferehen 
mit nach, die sie in Mangel und Sorge zurückließen, und bestand 
schon in der Ehe die Neigung zu solchen Exzessen, so fällt jetzt der 
zügelnde Einfluß des Ehemannes fort, der wenigstens manchmal sich 
noch geltend gemacht hatte. 

Unter die Getrenntlebenden sind auch die Ehemänner eingerech- 
net, die sich glücklicherweise als verschollen bezeichnen konnten, und 
die sich nach Amerika oder sonst ins Ausland in Sicherheit vor ihrer 
Gattin gebracht hatten. 

Die Zusammenstellung der Berufe, die nach unseren Akten 
möglich ist, gibt manchmal ein ziemlich getreues Bild von dem 
inneren Zusammenhange, der zwischen ihnen und dem sozialen 
Schiffbruche ihrer Trägerinnen besteht, getreuer sicherlich als die 
Statistik der weiblichen Aufnahmen in den preußischen Korrektions- 
anstalten es uns bietet. Hier hat man sich um eine mehr zusammen- 
fassende Aufstellung beschränkt, die gerade für unsere weiblichen 
Korrigendinnen manchen wichtigen Details nicht gerecht wird. 
Hiernach waren beschäftigt: 



Digitized by Google 



324 



XI. MÖNKEMÜLLKK 



In Landwirtschaft und Gärtnerei 
Handel und Verkehr 
Industrie, Bergbau, Bauwesen 
Häusliche Dienste, wechselnde Lohnarbeit 

Dauernde Dienstboten — häusliche Arbeit 

Freie Berufsarten 

Pensionäre und Almosenempfängerinnen 
Ohne Berufsangabe 



4-C — 



5 SS ■ 3 2 



1900 


1905 


46 


20 


62 


53 


71 


84 


347 


3S2 


105 


98 


12 


5 


4 


3 


419 


410 



! & g S £1 £ t £ 

3=-'-« f ; S • ? ^ C ? £ S 5 "3 

11 2 = * E til Ills^ifJiliJljlll 

i- <s ».esc -t- £ ^ — v S'a-tafeSÄa—Sceia-a 



2? o 



iQVbiOSiCnMKf .C I» I- X> CS CS — es eC ■"»■ 50 l- -x 3S O 

>-c »c »c •* ».c c c c t i x ec so x sc i- i- i- i- t— t- t- i— t— <*> 



x es ec a-;-,; - -i — — — — — — — i-— . — — — — — ^ ifi ^ 71 r. 

— ec — 



•2 -8 



.5 = 

a C .= 



1 1 sl .Ii 1 * l i -e II I1 1 1 



| § jj a. r "n £ a -j = a J! .S «ii^ewsö 

Sil %3t£ji?z*~s* " « a s s | i 

a S -r 2 5 : i ; c S t S ■ 3 i = x | t x x s S - 

3 H £ £ x x s ü » m P < 5 6 R a « 12 » m 5 ä J 




so 

es 


i- er 
es es 




0) 

es 


o 

ec 




es 
ec 


90 

ec 


Ml •« 

ec n 


N 


i- r 

ec ec 


es e — 


es 






m 


ec i- 


ao 


r. 


a 




es 
>n 


«s 


-- 




ce 


— 
— 


- 


«- 

V, 




— *t 




■r X 


e ^ « 
— 


y 


— 


rc 


m* 
1- 


es 


rc 

£ 


ec 






»- 



a 



S - a 



a _.-*>*:•- -r — — :a •- 



ö S a 



ffl £ u s — ^ ^ r ^ - u H 'r ^ — 2 *-33aes 

.t= i J = : ^ 1 1 •= J = = J = ^ f s 2 ~ -g 1 



55 ^B^i^ ^^S^^ iäÜSS t2lH>£ 



" -r «c i- /: ci c - m r; f >c « i- ao er. o 

— — — — — — — — — — rt 



es es S es 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 325 

Aus dieser Tabelle vermag man leicht zu erkennen, aus welchen 
Kreisen unsere Klientinnen entstammen, und wie weit ihre Kenntnisse 
und Fähigkeiten ausreichten, um sie im Leben festen Fuß fassen zu 
lassen. Oder man kann ahnen, wie die angeborene Veranlagung sie 
gerade solchen Berufen zudrängte, in denen ihre Leichtlebigkeit ihre 
Arbeitsscheu, ihre Neigung zum Herumtreiben sich ausbilden konnte, 
oder wie solche Berufe, in denen charakterschwache und wenig wider- 
standsfähige Naturen leicht den an sie herantretenden Verlockungen 
unterliegen, sie dem § 361 mit all seinen Unterabteilungen ausliefer- 
en. Andererseits ist die Kluft, die zwischen der früheren angesehenen 
und einkömmlichen Lebensstellung und ihrem späteren unwürdigen 
Versinken im Schmarotzertum klafft, so groß, daß man zu dem 
Schlüsse berechtigt ist, daß nur eine pathologische psychische Ver- 
anlagung oder das Einsetzen späterer psychischer Krankheiten ein 
solches Abweichen vom Gewöhnlichen zu erklären vermögen. 

Was hier zunächst in die Augen fällt, das ist das auffallende 
Zurücktreten der Berufslosen, die hier nur 19 von den 1920 aus- 
machen. Diese geringe Zahl bebt sich sehr scharf gegen die oben 
angezogene offizielle Statistik ab. Das erklärt sich wohl in erster 
Linie dadurch, daß von manchen Behörden die Dirne nicht als offi- 
zieller Beruf angesehen wird, wie sie sich ja auch in den größeren 
Rubriken, die die offizielle Statistik führt, nicht ohne Zwang unter- 
bringen läßt. Dann sind aber auch in der Anstalt in Himmelsthür 
die bei der Aufnahme mitzuliefernden Charakteristiken seit vielen 
Jahrzehnten mit Genauigkeit geführt worden. Zudem wird bei der 
Aufnahme noch ein sehr genauer Personalbogen angelegt. Da 
mit Rücksicht auf die Art der Beschäftigung, der die Korrigendinnen 
unterzogen werden sollen, auf den früheren ..Beruf* sehr viel an- 
kommt, ist er wohl besonders genau fixiert worden. 

Wenn unsere Dirnen und Bettlerinnen die Neigung verraten, der 
Bezeichnung als Berufslose zu entgehen, so geht das sicherlich in 
erster Linie aus der Absicht hervor, den Behörden gegenüber den 
Anschein zu erwecken, als hätten sie ihren Unterhalt auf redliche 
Weise erworben, mögen auch die wirklichen Beziehungen zu dem 
vorgeschützten Berufe noch so locker sein. Ahnliche Rücksichten 
mögen auch dabei mitsprechen, wenn nur 202 von ihnen die Pro- 
stitution als ausschließliches Gewerbe angeben, wenn sie auch 
dauernd auf diese Weise am Markte der Mitwelt gezehrt hatten. Kaum 
dürften dabei die letzten kümmerlichen Reste von Schamgefühl zum 
Ausdrucke gelangen; ebensowenig aber dürfte diese Fiktion bei den 
in Betracht kommenden Behörden den Glauben verscheucht haben, 



Digitized by Google 



320 



XI. MÖNKEMÖI.I.EK 



daß diese anderen Berufe eben nur ein Deckmäntelchen sein sollen, 
um die asozialen Triebe der Dirne nicht durchblicken zu lassen. 

Am liebsten hüllt sie sich in das Pseudonym der Arbeiterin, 
in dem sie hier 610 mal auftritt Daß unter dieser Marke alles Mög- 
liche rubriziert wird, was nicht dahin gehört, ist eine Klage, die von 
allen denen geäußert wird, die sich mit solchen statistischen Unter- 
suchungen abgeben. Geht man diesem schemenhaften Begriffe etwas 
näher zu Leibe, so zerflattert er meist sehr bald unter den Händen. 
Was man davon zu halten hat, kann man schon daraus ersehen, daß 
unsere Klientinnen bei den späteren Aufnahmen manchmal unter 
einer ganz anderen Etikettierung der Anstalt zugeführt werden. Er 
stellt einen Sammelbegriff für alle möglichen Beschäftigungen dar, 
die meist nur das eine Gemeinsame haben, daß sie mit der Arbeit 
nichts zu tun haben wollen. Da eine Spezialisierung so gut wie aus- 
nahmslos nicht versucht worden ist, muß es wieder als vollkommen 
ausgeschlossen erscheinen, festzustellen, in wieweit Stadt und Land 
an diesen Entsendungen zur Korrektionsanstalt beteiligt sind, wie ja 
auch sonst diesem Unterschiede in den Akten nicht die genügende 
Beachtung geschenkt worden ist. Die 10 Feldarbeiterinnen sind 
nur ein ganz minimaler Bruchteil der wirklichen Vertreterinnen der 
ländlichen Arbeit Etwas reichhaltiger sind die Fabrikarbeiterinnen 
mit 40 bedacht. Aber auch sie lassen nicht im entferntesten erkennen, 
wie weit das Fabrikwesen mit all seinen Schattenseiten in die Pro- 
stitution hineinragt. 

Etwas besser ist es mit der Dienstmagd bestellt, die 401 mal 
in den Akten registriert wird. Aber auch diese Zahl ist im großen 
und ganzen nur ein unbestimmter Sammelbegriff für alle die weib- 
lichen Personen, die als dienstbare Geister tätig sind, die häufig nur 
kurze Zeit am Anfange ihrer kümmerliehen Uiufbahn ihrer Dienst- 
herrschaft das Leben sauer machten. Die feineren Xuanzierungen, 
die ja gerade für diesen Beruf entschieden nicht ohne Bedeutung 
sind, werden nur ab und zu zum Ausdrucke gebracht, wie auch der 
Unterschied zwischen städtischen und ländlichen Dienstboten hier 
nicht durchgeführt ist. Bedeutend zu gering ist auch die Zahl der 
Zimmermädchen (S) und A uf Wärterinnen (10), die durch ihren 
Beruf oft in schwere sittliche Gefahr gebracht werden wie andere. 

Unter den Berufen, die sich einer größeren Selbständig- 
keit erfreuen (10 — 21), scheint die Näherin besonders stark 
dem Sündenfalle ausgesetzt zu sein, die 7 1 mal in der Statistik er- 
scheint. Auch diese Tätigkeit erfreut sieh nur einer recht schatten- 
haften Abgrenzung und muß nur dazu dienen, ihrer Trägerin der 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendin. 327 



Polizei gegenüber ein ehrbares Relief zu verleihen. Bei mehreren 
von diesen Näherinnen wird dieser Beruf erst bei wiederholten Auf- 
nahmen vorgeschützt, nachdem sie früher in der Anstalt in dieser 
Beschäftigung ausgebildet worden waren. 

In dem kleinen Grüppchen (21—23) spiegelt sich der Einfluß 
des Alkohols wieder, der oft den bindenden Kitt zwischen dem 
Berufe und dem sozialen Niedergange darstellt Wie tief die Prosti- 
tution in die Reihen der Kellnerinnen hineinragt, die ja einen 
sehr starken Bruchteil der heimlichen Prostitution für sich in Anspruch 
nehmen, bedarf kaum näherer Darlegung. Zum Teil wurden sie 
schon durch ihre ganze Veranlagung zu diesem Berufe hingetrieben, 
indem sie ihren sexuellen Begierden am bequemsten Genüge leisten 
konnten. Zum Teil aber werden sie durch die fortgesetzte Alkohol- 
vergiftung, der sie ja in dieser Tätigkeit oft mit dem besten Willen 
nicht aus dem Wege gehen können, unfähig gemacht, den Ver- 
führungsversucben, die wieder in diesem Berufe besonders intensiv 
an sie herantreten, erfolgreichen Widerstand zu leisten. Unverkenn- 
bar sind diese Beziehungen zwischen Beruf und Prostitution bei den 
Tändelberufen der Konfektioneusen, der Modistinnen, der Blumen- 
macherinnen. Daß die Zigarrenarbeiterinnen, die an Zahl hier 
etwas hervortreten (19), dem Nebenberufe ihrer Kolleginnen so leicht 
verfallen, mag darin seinen Grund haben, daß die meisten von ihnen 
in Fabriken beschäftigt sind. 

Weshalb die Prostitution in den Kreisen der niederen Kunst 
mit allem, was drum und dran hängt (29 — 39), ein so fruchtbares 
Feld findet, ist nicht schwer zu erklären. Auch hier drängen sich 
u. a. alle die zusammen, die der ernsten Arbeit aus dem Wege gehen 
wollen, und denen die Lust zur lockeren und umgebundenen I>ebens- 
führung mit auf den Lebensweg gegeben worden ist. Dazu kommt 
die meist recht kümmerliche Besoldung. Da sie meist die Kosten für 
die Kostüme selbst tragen müssen, werden sie nicht allein durch die 
herrschenden Usancen durch die fortgesetzten Verlockungen, an diesen 
Zweig des Musendienstes herantreten, sondern auch geradezu von 
ihren Direktoren auf diesen Erwerbsweg hingewiesen. Dabei 
spielt gerade bei den Vertreterinnen dieses Vergnügensdienstes, die 
im Herumziehen tätig sind, der Alkohol seine unheilvolle Wirk- 
samkeit. 

Ebenso deutlich sind die Wechselbeziehungen des Alkoholismus 
mit allen den Berufen, die nicht an die Scholle gebunden sind und 
die gewissermaßen das physiologische Paradigma für das Patholo- 
gische darstellen. Bald haben sie sich diesen Beruf auserkoren, weil 



Digitized by Google 



328 



XI. MÖNKEMOLLER 



die in ihnen schlummernde mangelnde Seßhaftigkeit sie zu diesem 
Leben auf der Landstraße hinführte. Bei ihnen kommt dann wieder 
der unheilvolle Einfluß des unstäten Lebens zum Ausdrucke, zumal 
auch die Beschäftigung in der Regel derart ist, daß sie nur erfunden 
zu sein scheint, um diesen konzessionierten Bewohnerinnen der Land- 
straße der Polizei gegenüber die Vagabondage zu rechtfertigen. Da- 
zu kommt noch der Einfluß der „Ehemänner 4 , die ohne Ausnahme 
dem Schnapsteufel verfallen sind und den doppelten Absturz zum 
Alkoholismus und zur planlosen Vagabondage anbahnen. Nicht viel 
besser sind die anderen „Berufe*, die hier mit angeführt sind, die 
sich noch einer leidlichen Seßhaftigkeit erfreuen, aber mit der Arbeit 
sich auch nie so recht haben abfinden können. 

Der Beruf der Armenhäuslerin läßt dann schon erkennen, 
wohin dieses zwecklose Leben schließlich führt, und wenn in der- 
selben Rubrik, die die Überschrift trägt „Erlernte Hand- und Kunst- 
fertigkeit 4 , auch eine Vagabundin verzeichnet steht, so berührt das 
ebenso fremdartig, wie daß in derselben Kolumne auch die „Hure" 
registriert wird. Dreimal wird bei Krüppeln erwähnt, daß sie aus 
den angeborenen körperlichen Fehlern ein Gewerbe machen. Mehrere 
Male wird auch darauf aufmerksam gemacht, daß sie ständig beim 
Betteln darüber klagten, sie seien von ihrem Manne verlassen worden, 
und daß sie eigene (2 mal fremde) kranke Kinder mit sich herum- 
schleppten, um gewerbsmäßig das Mitleid der anderen Menschen zu 
erwecken. 

Bei den Verheirateten wird in der Regel nicht der Beruf des 
Mannes angeführt, sondern der Beruf, den die Frauen vor ihrer Ver- 
heiratung vorschützten oder den sie neben ihrem eigentlichen Ge- 
werbe weiter zu kultivieren behaupteten. Wird der Beruf des Ehe- 
mannes doch mit angegeben, so soll damit zunächst die geringere 
wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau hervorgehoben werden. Außer- 
dem aber kann man bei den 15 Schiffers- und 7 Zieglers- 
frauen, deren Männer durch ihren Beruf oft vom Hause ferngehalten 
wurden, wieder ohne allzugroßen Zwang sich ausmalen, wie ihre 
Frauen, die der Aufsicht entbehrten und sich geschlechtlich nicht be- 
friedigt fühlten, in der Abwesenheit ihrer Männer auf Abwege ge- 
rieten. Bei den 14 Frauen, die den besseren Ständen angehörten, 
bei den wenigen Frauen, deren Beruf sie der Misere eines solchen 
wirtschaftlichen Verfalles an und für sich fernhalten sollte, kann man 
mit gutem Gewissen annehmen, daß es nicht allein die Macht der 
äußeren Umstände war, die sie vom geregelten Lebenswandel ab- 
drängte, sondern daß sie wohl immer die psychopathische Veran- 



Digitized by Google 



Statistischer Beitrag zur Naturgeschichte der Korrigendm. 



329 



lagung und die schleichende Entartung im Moraste der Prostitution, 
der Vagabondage, des Betteins untergehen ließ. Ahnlichen Er- 
wägungen vermag man sich nicht zu entziehen, wenn man in den 
( harakteristiken ausnahmsweise den Beruf des Vaters vermerkt 
sieht. Immer liegt hierin ein unbestimmter und jedenfalls auch un- 
beabsichtigter II in weis darauf, daß dies Herabgleiten aus einer höheren 
Gesellschaftssphäre, die hier ausnahmslos in Frage kommt, wenn der 
Vater bemerkt wird, etwas so Eigenartiges und Unerklärliches an sich 
trägt, daß das eben von einer normalen Psyche nicht erwartet wer- 
den kann. Ob man den Eltern der Hotelbesitzers- und Bier- 
brauerstöchter Unrecht tut, wenn man vermutet, daü das von 
ihnen überkommene Erbteil der alkoholistiscben Belastung sich in 
diese Form der Entartung umgesetzt hat, muß ich dahingestellt sein 
lassen. 

Nochmals möchte ich ganz ausdrücklich hervorheben, daß die 
angegebenen Daten auf Unfehlbarkeit keinen Anspruch machen können; 
daß sie nicht ohne weiteres verallgemeinert werden dürfen, ist ebenso 
selbstverständlich. Immerhin geht aus diesen Daten hervor, daß sie 
etwas mehr bedeuten wie einfache statistische Zahlen, und daß sie 
mit dem inneren Wesen der Korrektion in engerem Zusammenhange 
stehen, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. 

Daß die Methode der Korrektion, wie sie jetzt gehandhabt wird, 
einer grundlegenden Änderung bedarf, ist all' denen klar, denen die 
geringen Erfolge bekannt sind, mit denen sie rechnen darf. Will 
man an eine Umänderung der Korrektion von Grund auf heran- 
gehen, dann ist es unumgänglich nötig, daß — neben vielem Andern 
— auch über diese Fragen sichere und einwandsfreie Daten zu Ge- 
bote stellen. Es ist dringend erforderlich, daß über alle diese Ver- 
hältnisse im ganzen Deutsehen Reiche, soweit der $ 'M\\ zur Geltung 
gelangt, bei jeder neuen Aufnahme nach allgemeinen Gesichts- 
punkten geregelte Erhebungen gemacht werden. 



Archiv für Kriaiinnlanthn.polo^o. 90. Bd. 



22 



XII. 



Zu Gunsten des unbestimmten Strafurteils. 

Von 

Samuel J. Barrows, New-York. 

(Die Arbeit ist dem Ol. Jahresbericht ( l'.)05 — 06) der Gefiingnis-Geseilschaft von 
New-York entnommen und wird hier in etwas gekürzter Form wiedergegeben.) 

Übersetzt von Dr. Agnes Qeering. 

Drei wichtige Errungenschaften des modernen Strafgesetzes und 
Strafverfahrens haben ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten ge- 
nommen und dort Anwendung gefunden. Das seit etwa 25 Jahren 
bestellende ..Probation-System", die in den letzten Jahren entstandenen 
Jugendgerichte und das unbestimmte Strafurted, das in dem für diese 
Reform bahnbrechenden Staate New- York seit 1S77 angewendet wird. 
Dali diese Neuerungen die Aufmerksamkeit europäischer Juristen auf 
sich gelenkt haben, erscheint nicht verwunderlieh. In der Form der 
Strafaussetzung, aber ohne die heilsame Einrichtung des „Probation- 
Officers", wird das „ Probation-System a schon lange mit Erfolg in 
Frankreich, Belgien, England und in beschränktem Maße in Deutsch- 
land durchgeführt. Die Idee der Jugendgerichte wurde vom Inter- 
nationalen Gefängnis-Kongreß (1905) mit Begeisterung begrüßt und allen 
vertretenen Nationen zur Erwägung ans Herz gelegt. Keine euro- 
päische Nation hat bis jetzt das unbestimmte Strafurteil herüber ge- 
nommen doch ist es am genannten Kongreß und auch in der 
Internationalen kriminalistischen Vereinigung wiederholt Gegenstand 
der Erörterung gewesen und hat in Van Ilamel ( Holland), Guillaume 
(Schweiz', Saleilles (Frankreich), De Sanctis (Italien) hervorragende 
Verteidiger gefunden. Innerhalb des letzten Jahres haben zwei deutsche 

1) Dies entspricht heute den europäischen Verhältnissen nicht mehr genau. 
Eiumil enthält das neue Norwegische Strafgesetzbuch unbestimmte Straf urteile. 
Aber aueb England vollstreckt etwas ihnen Ähnliches im Bnrstal-Systcm und 
sieht in der Prävention of Crime Hill von Hins unbestimmte Pravcntivhaft gegen- 
über Gewohnheitsverbrechern vor. 



Digitized by Google 



Zu Gunsten des unbestimmten Strafurteils. 331 

Praktiker und ein Theoretiker, Professor des Strafrechts, die Ver- 
einigten Staaten besucht, um diese neuen Gesichtspunkte auf dem 
Gebiete des Strafrechts zu studieren. Letzterer hat dem Grundsatz 
und der Durchführung des unbestimmten Strafurteils seine besondere 
Aufmerksamkeit geschenkt. 

Die Gründe, die für das unbestimmte Strafurteil sprechen, sind 
in Amerika und Europa dieselben: Das beste Strafgesetz ist willkür- 
lich und läßt sich nicht so fassen, daß die Strafe dem Verbrechen 
entspricht, viel schwerer noch so, daß sie dem Verbrecher entspricht. 
Auch läßt sich die Schwierigkeit dadurch nicht beseitigen, daß man 
der Einsicht des Richters innerhalb bestimmter Schranken freien Spiel- 
raum gewährt. Das Studium des Strafgesetzes auf der einen und 
der Strafurteile auf der andern Hand weist in der Anwendung der 
Strafen erstaunlich viel Widersprüche und Verwirrung, wenn nicht 
offenkundige Ungerechtigkeit, auf. 

Für diese Ungleichheit und Ungerechtigkeit schafft das unbe- 
stimmte Strafurteil die notwendige Abhilfe. Es überläßt die Entschei- 
dung der Frage, wann einer aus dem Gefängnis entlassen werden 
soll, nicht dem (Gesetzgeber oder dem Richter, sondern in erster Linie 
dem Gefangenen selbst. Der Richter entscheidet, ob dem Gefangenen 
ein gerechtes Verhör zu teil geworden ist, die Geschworenen, ob er 
unschuldig oder schuldig ist. In letzterem Fall erfolgt „Probation u 
oder er wird von der Gesellschaft abgesondert. Der Staat sorgt als- 
dann für eine neue Umgebung des Missetäters und läßt in moralischer 
sowohl wie in physischer und geistiger Beziehung eine Reihe bessern- 
der Einflüsse auf ihn einwirken. Er spricht zu ihm: Ehe du in die 
Gesellschaft zurückkehren kannst, mußt du beweisen, daß du sie nicht 
gefährdest. Gewisse Bedingungen mußt du hier erfüllen und wie ein 
Schuljunge, bestimmte Grade erreichen bis zur Absolvierung. Je nach- 
dem du die Bedingungen in bezug auf Arbeit, Bildung und Betragen 
erfüllst, kannst du in anderthalb Jahren herauskommen oder du mußt 
zehn Jahre, die gesetzlich festgesetzte Höchstdauer deiner Strafzeit, 
hier aushalten. Das kommt auf dich an. Soweit bist du Herr deines 
Schicksals. Iiier ist eine Leiter, an der du emporklettern kannst. 
Erst auf der obersten Sprosse angelangt, kannst du entlassen werden, 
aber nicht bedingungslos. Die bedingte Entlassung mußt du dir im 
Gefängnis, die endgültige nach deiner bedingten Entlassung verdienen. 

Bei dem unbestimmten Strafurteil handelt es sich also nicht um 
passive Strafe, sondern um aktive Zucht: es bietet (Gelegenheit zu 
sittlicher und geistiger Befreiung, die den Menschen von sich selbst 
erlöst und ihm eine neue Zukunft eröffnet. Es bedeutet kein unauf- 

22* 



Digitized by Google 



332 



XII. Barrow» 



hörliches Leiden für etwas, das er getan hat, sondern unablässiges 
Bemühen um etwas, das er erreichen soll. Besserung ist der beste 
Beweis der Reue. Keine Besserung wird ohne Leiden, das Leiden 
der Zucht, erlangt. Die Zucht aber, die bessert, ist keine, die vernichtet. 

Es ist klar, daß das unbestimmte Straf urteil sinnlos ist, wenn es 
nicht mit einem tatkräftigen Besserungssystem Hand in Hand geht 
Ein Gefängnis ohne Arbeit, Unterricht und Ansporn zur Selbstent- 
wicklung ist eine bloße Parodie auf den wahren Grundsatz des un- 
bestimmten Strafurteils, das nicht mit einer um einige Monate wegen 
guten Betragens gekürzten Strafdauer zu verwechseln ist. Einige 
Staaten haben das sogenannte „Parole-System 44 eingeführt und ge- 
währen nach bestimmter Zeit bedingte Entlassung, wobei es nicht dar- 
auf ankommt, was die Gefangenen getan, sondern was sie nicht ge- 
tan haben. Sie haben die ziemlich milden Gefängnisregeln beobachtet 
und den Wärtern keine Mühe gemacht, wozu sich Gewohnheits- 
verbrecher unschwer herbeilassen. „Parole- Gesetze" mögen nicht ganz 
wertlos sein, sind aber in keiner Weise gleichbedeutend mit dem un- 
bestimmten Strafurteil, dessen Ansehen sie eher herabsetzen. 

Zur bedingten Entlassung gibt der Vorstand der Anstalt oder 
ein von Gesetzeswegen eigens gebildetes Entlassungsamt die Ermäch- 
tigung. Unglücklicherweise haben sich solche Vorstände in einigen 
Staaten durch persönliche oder sogar politische Erwägungen beein- 
flussen lassen. Solchen Einflüssen sind sie um so eher zugänglich, 
als in manchen Gefängnissen kein Marken- oder Stufensvstem als 
Maßstab eingeführt ist. In Elmira bleibt man streng bei dem Grund- 
satz, daß der Gefangene sich seine Freiheit selbst verdienen muß, 
und alle Einflüsse von außen sind gänzlich ausgeschlossen. Soll der 
Wert des unbestimmten Strafurteils aufrecht erhalten bleiben, so muß 
der Charakter des Vorstandes durchaus einwandfrei sein. 

Von streng logischem Standpunkte aus läßt das unbestimmte 
Strafurteil keine untere und obere Grenze der Strafdauer zu. Elmira 
hat bloß letztere, die willkürlich ist und sieh auch als unvorteilhaft 
erweist, da der Gefangene, der die ganze Strafzeit hinter sich hat, 
bedingungslos entlassen wird, während gerade er vor allen andern 
nur versuchsweise in Freiheit gesetzt werden dürfte. Die Verteidiger 
des unbestimmten Strafurteils in den Vereinigten Staaten hoffen, daß 
diese Grenze schließlieh beseitigt wird. 

Ein Grund, weshalb nicht mehr europäische Juristen für das un- 
bestimmte Strafurteil eintreten, besteht in der Schwierigkeit, dabei die 
persönliche Freiheit zu sichern. So willkürlich eine obere Grenze 
der Strafzeit ist, gewährleistet sie doch Schutz gegen die lebensläng- 



Digitized by Google 



Zu Gunsten des unbestimmten Strafurteils. 



333 



liehe Einkerkerung der Missetäter. Allen Strafrechtlern ist es allerdings 
klar, daß viele Rückfällige und Gewohnheitsverbrecher dauernd von 
der Gesellschaft ausgeschieden werden sollten. Ist es barmherzig 
oder weise, einen Gewohnheitstrinker oder sonstigen Missetäter in 
Freiheit zu setzen, wenn seine Unverbesserlich keit erwiesen ist? Ein 
Vorzug des „Probation-Svstem", des unbestimmten Strafurteils und 
der bedingten Entlassung ist es. daß sie schließlich eine Scheidung 
zwischen den verbesserlichen und unverbesserlichen Verbrechern herbei- 
führen. Erscheint für letztere dauernde Haft angezeigt, so ergibt sich 
wiederum die Frage, wie die persönliche Freiheit gesichert werden soll. 

Die Antwort ist nicht schwer zu geben. Der jetzt durch die 
obere Grenze der Strafzeit gewährleistete Schutz läßt sich gesetzlich 
auf besserem Wege erreichen und zwar durch Vertretung des Richter- 
standes in jedem Entlassungsamt. In dem Frauen -Reformgefängnis 
in Bedford wird bei jedem Parole-Fall der Richter, der die zu Ent- 
lassende überwiesen hat, benachrichtigt und muß seine Stimme ab- 
geben. In der New York City-Besserungsanstalt für Vergehen be- 
steht das Entlassungsamt aus neun Mitgliedern, von denen vier Richter 
der New-Yorker Gerichtshöfe sein müssen. 

Bei Gewohnheitsverbrechern und Rückfälligen läßt sich dasselbe 
Prinzip anwenden. Es ist fraglos, daß hier längere Haft und nicht 
kurze Strafen am Platze sind. Doch dürfte in den Gefängnissen und 
Arbeitskolonien nicht jede Hoffnung auf Freiheit ausgeschlossen sein. 
Mancher mag sich bei längerer Haft und unter guter Zucht bessern, 
der bei kurzen Freiheitsstrafen unverbesserlich erseheint. Daher sollte 
auch bei den sogenannten Unverbesserlichen die Frage nach bedingter 
Entlassung etwa alle fünf oder zehn Jahre wiederkehren, und der 
Gefangene müßte das Recht haben, an einen Vorstand zu appellieren, 
in dem Juristen, Mediziner und Verwaltungsbeamte vertreten sind. 

Der Nachteil des Urteils mit einem festgesetzten Höchstmaß der 
Strafdauer besteht darin, daß der Betreffende frei gegeben werden 
muß, ob er dafür reif ist oder nicht. Der große Vorteil des unbe- 
stimmten Strafurteils liegt darin, daß es nicht von einer willkürlichen 
Grenze des Gesetzbuches, noch von der Laune des Richters oder des 
Gefängnisdirektors abhängig ist, sondern von dem Gefangenen, der 
einem System unterworfen ist, das darauf hinzielt, seinen Charakter 
zu entwickeln und klar zu legen. 

Das unbestimmte Strafurteil hat die Probe bestanden und wird 
als Prinzip Dauer haben. Soll es aber von Erfolg begleitet sein, so 
müssen wir es seinem wahren Wesen nach und nicht eine schwache 
Nachahmung desselben besitzen. 



Digitized by Google 



XIII. 



Aus den Erinnerungen eines Polizeibeamten. 

Von 

llofnit J. Hölzl. 

IV. Kill erlöstes Rätsel. 

Vor einigen zwanzig; Jahren waren die Bewohner einer kleinen 
steirischen Dorfgemeinde Monate hindurch in große Aufregung ver- 
setzt. Besagte Gemeinde dehnte sich auf einein langgestreckten Berg- 
rücken aus, dessen nördlicher Abhang mit Wald bedeckt war, während 
auf der Südseite, zwischen Weingärten, die kleinen Häuser (Keuschen) 
der einzelnen Besitzer zerstreut lagen. Die Aufregung der Einwohner- 
schaft wurde dadurch hervorgerufen, daß in kurzen Zwischenräumen 
an den verschiedensten Stellen des Dorfes, teils auf dem Boden liegend, 
teils angenagelt, teils an Weinstöcken aufgehängt eine groBe Zahl 
mittelst Bleistift geschriebener Zettel sträflichen Inhaltes (Majestäts- 
beleidigungen, Beschimpfungen der Behörden und ihrer Organe, ge- 
fährliche Drohungen etc.) aufgefunden worden waren, von denen man 
überzeugt sein konnte, daß sie jemand in böswilliger Absicht ver- 
breitet haben mußte; es fiel diesbezüglich der Verdacht der Täter- 
schaft auf Grund des raffiniert ausgedachten Inhaltes der Zettel und 
der verschiedenen Fundstellen auf sieben in der Gemeinde wohnhafte 
Personen, die infolgedessen wiederholt arretiert und durch längere 
Zeit in Haft behalten wurden. Als der Zettelspuk aber auch in der 
Zeit noch fortdauerte, während welcher die Verdächtigten im Ge- 
fängnisse saßen, erschien dieses Treiben geradezu rätselhaft. 

In diesem Stadium ward nun mir Gelegenheit gegeben, mich 
mit der Sache zu beschäftigen, und richtete sich hiebei mein Augen- 
merk in erster Linie auf die als corpora delicti den Akten beigelegten 
Schmähzettel. Die im Laufe der gerichtlichen Untersuchung erfolgte 
Prüfung sämtlicher Zettel hatte bereits ergeben, daß darin die gleichen 
Schreibfehler, Redewendungen und Schimpfworte zu finden waren, 
was zur Annahme berechtigte, daß alle Zettel von einer und derselben 



Digitized by Google 



Aus den Erinnerungen eines Polizeibeainten. 335 

Hand herrührten, und weiters, daß deren Inhalt sich auch auf solche 
persönliche Verhältnisse bezog, die nur ein eingeweihter Ortsbewohner 
wissen konnte; mir aber fiel noch insbesondere etwas anderes auf, 
nämlich: die verschiedenen Zettel zeigten auch verschiedene Papier- 
sorten, wie weißes, licht- und dunkelblaues, geripptes, karriertes und 
blauliniertes Schreibpapier, sowie gelbes und braunes Packpapier, 
und drängte sich mir hiebei unwillkürlich der Gedanke auf. daß 
arme, ungebildete Leute, wie es die Verdächtigten waren, unmöglich 
im Besitze so mannigfacher Papiergattungen sein konnten, da die 
Beschaffung derselben, in einem vom Verkehr weit abgeschiedenen 
Dorfe, für sie wohl kaum denkbar gewesen wäre. Wenn hiernach 
für mich die Annahme gerechtfertigt erschien, daß der Verfasser und 
Verbreiter der Sehmähzettel nicht unter den Verdächtigten sein könne, 
wo war er aber dann zu suchen? 

Schon beim Studium der Akten lenkte sich diesfalls mein Ver- 
dacht auf einen öfters als Zeugen vernommenen 15jährigen Burschen, 
der sich ebenfalls in der Gemeinde aufhielt und ein naher Ver- 
wandter des Gemeindevorstehers war. Es fiel mir nämlich auf, daß 
meist er allein es war, der bestimmte Personen beim Zettellegen ge- 
sehen haben wollte, wenn diese auch von anderen hätten gesehen 
werden müssen. Ebenso schien es unerklärlich, daß, wenn von der 
Gendarmerie nächtliche Streiftingen vorgenommen wurden, an welchen 
sich auch der Gemeindevorsteher sanimt dem Jungen beteiligte, keine 
Spur von den Tätern zu entdecken war, wohl aber wieder Schmähzettel 
ausgestreut gefunden wurden. Mein Verdacht wurde noch verstärkt, 
als ich mich behufs eingehender Erhebungen selbst an den Tatort 
begab, wo ich folgendes konstatieren konnte: 

Der Gemeindevorsteher war mit Ausnahme seiner Xamensfertigung 
des Schreibens unkundig und bediente sich hiezu oft auch des vor- 
erwähnten, infolge seiner Kränklichkeit wenig beschäftigten jungen 
Burschen, der dadurch Gelegenheit hatte, die an die Gemeinde aus 
den verschiedenen Gegenden eingelangten Schriftstücke in die lland 
zu bekommen. Schien auf diese Weise die Quelle gefunden zu sein 
aus welcher das verschiedenartige Papier der Schmähzettel stammen 
konnte, so wurde mir dies geradezu zur Gewißheit, als ich bald auch 
in die Lage kam festzustellen, daß von einzelnen gemeindearatlichen 
Schriftstücken unbeschriebene Teile fehlten, welche entweder abge- 
schnitten oder abgerissen worden waren und mit welchen die aufge- 
fundenen Schmähzettel in bezug auf Größe, Format, Papiersorte und 
Rißstellen vollkommen und haarscharf übereinstimmten. Damit 'war 
aber auch fast jeder Zweifel beseitigt, daß es. wie ich schon längst 



Digitized by Google 



336 



XIII. Hölzi. 



vermutete, der mehrerwähnte junge Bursghe gewesen sein müsse, 
welcher die Zettel verfertigt und auch verbreitet hatte. Meine Ver- 
mutung war nämlich auch noch dadurch bekräftigt worden, daß ich 
durch den am Tatorte vorgenommenen Augenschein insbesondere zwei 
Behauptungen des Jungen bestimmt als unwahr konstatieren konnte. 
Nach einer dieser Behauptungen sollte ein vom ihm aufgefundener 
Schmähzettel mittels acht zirka 1 ' i Zentimeter langen eisernen 
Stiften an einer Tennen wand angenagelt gewesen sein; dies erwies 
sich jedoch als vollkommen unmöglich, weil an der bezeichneten 
Stelle der aus Holz verfertigten Tennenwand keinerlei Spuren davon 
zu sehen waren, daß dort je Nägel oder Stiften eingeschlagen ge- 
wesen wären. Ebensowenig glaubhaft war auch die zweite Behaup- 
tung, daß einer der Verdächtigten, den er im Walde beim Zettellegen 
überrascht haben wollte, aus einer Entfernung von zirka 15 Schritten 
mit einer Pistole auf ihn geschossen habe, wodurch sein Rock und 
die Stiefel durchlöchert worden, er selbst jedoch unversehrt geblieben 
sei. Ich ließ mir vom Jungen die Plätze zeigen, wo er und der von 
ihm Beschuldigte damals gestanden haben sollten, und konnte aus 
der Situation klar ersehen, daß ein in der bezeichneten Richtung ab- 
gegebener Schuß niemals den Jungen, wohl aber die vor ihm be- 
findlichen Bäume hätte treffen müssen, die ich jedoch gänzlich unver- 
sehrt vorfand. 

Mit Rücksicht auf diese mir vorgelogenen schwerwiegenden Ver- 
dachtsmomente ließ ich nun den Jungen in Haft nehmen und an das 
Gericht überstellen, womit meine Aufgabe in dieser Sache erledigt war. 

Im weiteren gerichtlichen Verfahren legte der Junge unter der 
Wucht der seine Schuld außer Frage stellenden Beweismittel bald 
auch ein umfassendes Geständnis ab, wobei er bemerkte, daß es ihm 
Spaß und Freude gemacht habe, wenn er andere in den Verdacht 
des Zettellegens bringen konnte, damit sie eingesperrt wurden, was 
bei der Jugend des Angeklagten einen wahrhaft erschreckenden Ein- 
blick in die sittliche Verkommenheit und Verdorbenheit seines Ge- 
mütes gewähren mußte. Erst der Umstand, daß er später von den 
Gerichtsärzten als geistig abnormal und daher unzurechnungsfähig 
erklärt wurde, was dann auch die Einstellung des gerichtlichen Ver- 
fahrens zur Folge hatte, ließ seine Handlungsweise in einem etwas 
milderen Lichte erscheinen. 



Digitized by Google 



XIV. 

Der Fall Andriollo. 

Ein Beitrag zur Wertung der Zeugenaussagen. 

Von 

Untersuchungsrichter I»r. Huber, Bozen. 



Jeder Untersuchungsrichter wird sich durch längere Erfahrung 
mehr und mehr zum Skeptiker entwickeln, was den Wert der Zeugen- 
aussagen anlangt. Selbst der konservativste Richter schwört nicht 
mehr auf die Geltung des alten Satzes: r Durch zweier Zeugen Mund 
wird die rechte Wahrheit kund", aber immer noch zu häufig lautet 
unser Urteil: „Testes locuti sunt — res finita est". 

Der folgende Fall ist in dieser Hinsicht doppelt lehrreich, weil 
ein Unschuldiger, durch die Aussage eines Zeugen schwer belastet, 
vor der Gefahr schwerer Verurteilung stand, und weil einer der wirk- 
lich Schuldigen durch die Aussage sehr vertrauenswürdiger Zeugen 
über sein Alibi bereits die Einstellung des Strafverfahrens und die 
Enthaftung erreicht hatte. 

Am Morgen des Faschingssonntags, 10. Februar 1905, hatte sich 
der Bauer Johann 0. 'in Begleitung seiner Schwester, mit der er 
allein auf seinem Einzel hofe hauste, in das eine halbe Stunde ent- 
fernte Dorf zur Frühmesse begeben. Auf der Straße hatten sie 
unweit eines Spitals, dessen Vorplatz zwei elektrische Glühlampen 
mäßig erleuchteten, zwei Männer getroffen, deren einer sie grüßte. 
Die Schwester äußerte noch, ob die beiden etwa zu ihnen rauben 
gingen, ohne sich indes weiter um sie zu kümmern. Doch kehrte 
Johann 0. gleich nach der Messe bei Tagesgrauen zurück. Im 
Hause hörte er ein Geräusch, dann italienische Worte, bemerkte 
unter einem Fenster eine Leiter und schlug, nachdem er sich mit 
einer Heugabel bewaffnet hatte, Lärm. Da erschien am Fenster ein 
bärtiger Männerkopf, der Bauer sah das Aufblitzen eine Waffe, in 
der er seinen im Bette versteckten Revolver zu erkennen glaubte, 
und duckte sich. Da hörte er auf der anderen Seite des Hauses 



Digitized by Google 



338 XIV. Hubes 

einen dumpfen Fall, eilte dorthin und sah den gleichen Mann auf 
dem Deckel einer Zisterne unter dem Fenster liegen. Er hielt diesen 
mit der Heugabel nieder, stach ihn wahrscheinlich auch gegen Kopf 
und Brust, wobei jener den Ruf ausstieß: „Ostia Madonna, Du 
Teufel ! u ließ aber von ihm ab, als der Mann einen Revolverschuß 
nach ihm abgab. 

Auf dem Deckel der Zisterne zeigte sich eine Fußspur in weißer 
Zeichnung, da der Flüchtige auf das frischgetünchte Fenstersims beim 
Herabspringen getreten war. Die Spur, die durch Aussägen kon- 
serviert wurde, zeigte eine genagelte Sohle mit einem Nagelviereck 
in der Mitte. In der Nähe lagen ein grüner Plüsch hut und der 
Umschlag eines Sparkassenbuches, dieses selbst — auf einen großen 
Betrag lautend — fand sich in der Wohnung in einer Lade, die 
gleich anderen Kasten ganz durchwühlt war. Der kleine Hund des 
Bauern hatte sich in der Wohnung befunden und lag zitternd in 
einer Ecke. -Er bellte erst, als er die Stimme seine« Herrn hörte; 
vielleicht weil er die Einbrecher kannte. 

Außer dem erwähnten Revolver fehlte nichts von Wert; nur 
einige Socken, Briefe. Bruderschaftszettel und dergl. 

Der Bauer, ein sehr ehrenwerter Mann von 50 Jahren, gab als 
Zeuge noch am gleichen Tage an, der Dieb sei kein anderer ge- 
wesen als ein Italiener namens Oustl. der die letzten zwei Herbste 
zur Weinlesezeit bei ihm die Zumme (Traubenbottich) trug. Er habe 
ihn schon auf dem Wege zur Kirche bei der Begegnung unweit des 
Spitals, wo jener knapp an ihm vorüberging, so genau erkannt, daß 
er einen Schwur über die Identität leisten möchte; ebenso später, als 
jener zuerst beim Fenster seines Hauses herabblickte m Distanz) 
und sodann, auf dem Brunnendeckel liegend, zu ihm herübergrinste. 
Das rote Gesicht und den fuchsigen Schnurrbart habe er deutlich 
gesehen. Auch der Hut sei ihm von der Weinlese her wohl bekannt 
Bei der Begegnung unweit des Spitals erkannte er in Gustls Be- 
gleiter einen jungen Italiener, der im Herbst 19()6 mit Gustl gleich- 
zeitig zur Weinlesearbeit bei ihm erschienen und als Arbeiter gedungen 
worden war. Doch gab er in seinem Betreff eher die Möglichkeit 
einer Täuschung zu. Beiden hatte er damals den Lohn gleich- 
zeitig ausbezahlt und das Geld dem Kasten entnommen, auf den die 
Diebe anscheinend das Hauptaugenmerk gerichtet hatten. Auch den 
Revolver hatte die Schwester des Bauern in jenem Herbste den beiden 
gezeigt. Diese achtete bei der besprochenen Begegnung vor dem 
Spitale trotz ihres Verdachts nicht auf die beiden und gab an, sie 
habe sie im Dunkel nicht erkannt. Auch der Bruder sagte ihr erst 



Digitized by Google 



Der Fall Andriollo. 



339 



nach ihrer Rückkehr von der Kirche, also nach dem Diebstahls- 
versuche, er habe die beiden schon beim Spitale erkannt. Sie 
erinnerte sich, daß GtlStl bei der Weinlese einen grünen Hut trug. 

Die Nachforschungen ergaben, daß der Italiener, der beim 
Bauern 0. im letzten Herbste beschäftigt gewesen war, Augustin 
Andriollo aus Valsugana war: ein arbeitsscheues, schlechtbeleumundetes 
Individuum mit 12 Vorstrafen, darunter mehreren schweren Dieb- 
Btah Isstrafen. Dieser Andriollo war tatsächlich am 7. Februar von 
einem italienischen Steinklopfer nicht weit von O's. Hofe auf der 
Straße gesehen worden. Er war damals von einem jüngeren liurschen 
begleitet und hatte auch mit dem Steinklopfer gesprochen. Nach 
Angabe dieses Steinklopfers hat Andriollo damals einen solchen Hut 
getragen, wie der am Tatorte znrückgelassene. 

Ein Injähriger Knabe hatte am 10. Februar gegen 0 Uhr früh 
2 Männer gesehen, die gegen den Hof o's. gingen; einer trug einen 
grünen Hut und hatte einen fuchsigen Schnurrbart. 

Am 17. Februar traf bei der Gendarmerie ein Brief aus Meran 
ein, worin mit sehr unbeholfener Schrift und in schlechtem Italienisch 
Agostino Benedetti und ein junger Sulzberger der fraglichen Tat 
beschuldigt wurden. Der Brief war mit Antonio Rigoti unter- 
zeichnet. 

Am 21. März wurde Augiistin Andriollo bei Meran verhaftet. 
Von den abgängigen Sachen fand sich nichts bei ihm. Seine Schuhe 
zeigten nicht das Nägelviereck, waren aber ziemlich neu besohlt. 
Narben von Gabelstichen waren nicht zu konstatieren, doch war ein 
bei ihm gefundenes Hemd in der Halsgegend von außen und oben 
— nach der Richtung der Blutstropfen vom Kopfe her — blutbefleckt. 
Er leugnete und behauptete die Nacht vom 9. auf 10. Februar auf 
einem Bauernhofe in der Umgebung Merans geschlafen und am 
Morgen von der Magd sein Arbeitsbuch zurückerhalten zu haben. 
Doch wollte er von der Tat Kenntnis haben. Am 20. Februar habe 
ihm Agostino Benedetti, den er in Meran zufällig traf, mitgeteilt, daß 
er selbst mit dem jungen Sulzberger Faustin Offer — derselbe, mit 
dem Andriollo im Herbste 1906 bei 0. gearbeitet hatte — jenen 
Einbruch versucht habe; Benedetti habe den Aufpasser gemacht. 
Offer sei ins Haus eingedrungen, aber vom Bauern überrascht worden. 
Beide seien dann geflohen. Auch Offer habe ihm bei einem späteren 
Gespräche nach anfänglichem Leugnen den Einbruch gestanden, aber 
beigefügt, sie hätten doch nichts irekriegt. Andriollo behauptete, sein 
Begleiter am 7. Februar sei nicht Offer gewesen, sondern ein anderer 
Italiener. — Der grüne Plüschhut sei nicht sein; er habe einen ganz 



Digitized by Google 



340 



XIV. Ikl.EH 



anderen (schwarzen) Hut getragen. Andriollo tat, als könne er 
kaum schreiben; immerhin zeigte die Unterschrift ^Agostino^ eine 
frappante Übereinstimmung mit dem gleichen Worte jenes Karten- 
briefes. 

Ganz die gleiche Mitteilung über die Täterschaft Benedettis und 
Offers hatte Andriollo im Februar spontan einem alten italienischen 
Bettler, den er in Meran traf, mit dem Beifügen gemacht, man werde 
wahrscheinlich ihn, Andriollo, ohne Grund verdächtigen, weil er bei 
jenem Bauern gearbeitet habe. 

Nun wurde Faustin Offer als verdächtig in Meran ausgeforscht 
und verhaftet. Er leugnete, suchte die Angaben Andriollos als 
Kacheakt darzustellen, da er ihn Zuchthausgesicht gescholten habe, 
und wollte auch Benedetti gar nicht kennen. In der Nacht zum 
10. Februar wollte er ca. 3 Stunden vom Tatorte im Stalle eines 
Schloßbauern geschlafen haben und machte darüber sehr genaue 
Angaben. 

Inzwischen wurde noch eine Bauerndirne eruiert, die als 
Zeugin bestimmt bestätigte, daß Andriollo im Herbst 1900 bei der 
Weinlese einen grünen Plüschhut trug. Andere Leute, die damals 
dort arbeiteten, glaubten eher, sein damaliger Hut sei nicht der 
gefundene. 

Die von Andriollo und Offer bezeichneten Bauernhöfe wurden 
nach ihren Angaben gefunden. Während die Bewohner des ersteren 
(gegen 6 Stunden vom Tatorte entfernten) über die Zeit der dem 
Andriollo gewährten Herberge nichts mehr wissen wollten, gaben die 
Baumannsleute beim Schlosse R. der Gendarmerie, die ihnen Offer vor- 
führte, an, daß sie von einer Tanzunterhaltung heimkehrend am 
Faschingssonntag früh diesen dort noch um 1 ü Uhr getroffen 
hätten. Daraufhin wurde Offer enthaftet und die Voruntersuchung 
gegen Andriollo auch auf das Verbrechen der Verleumdung aus- 
gedehnt. Dieser blieb bei der Richtigkeit seiner Angaben und wußte 
einiges über jenen Benedetti zu erzählen, was zur Feststellung führte, 
daß er dessen Vornamen falsch angegeben hatte und dalJ der richtige 
Anton Benedetti ein über HOmal vorbestrafter Gewohnheitsverbrecher 
war, der schon schwere Strafen wegen Diebstahls verbüßt hatte. 
Andriollo aber wurde nun wegen teils vollbrachten teils versuchten 
Verbrechens des Diebstahls, der versuchten schweren körperlichen 
Beschädigung und der Verleumdung vor dem Schwurgerichte an- 
geklagt und das Verfahren gegen den unbekannten Diebsgenossen 
einstweilen eingestellt. Es schien wahrscheinlich, daß Andriollo und 
Benedetti in Gemeinschaft die Einbrecher waren. 



Digitized by Google 



Der Fall Andriollo. 



341 



Auf seinen Antrag wurde Andriollo nach Rechtskraft der Anklage 
persönlich in Begleitung einer Gerichtskommission nach dem Ilofe 
geführt, wo er übernachtet habe wollte. Daß er wirklich dort Her- 
berge erhalten hatte, schien nach der Vernehmung der Hausleute 
kaum mehr zweifelhaft, auch daß er am Vorabend eines Sonn- oder 
Festtages zum Ubernachten erschienen war uud sich bis gegen 
7 Uhr morgens noch dort aufhielt. Der Tag aber war nicht zu ermitteln. 
Die Dienstmagd, die ihm am Morgen die Papiere ausfolgte, hatte 
den Dienst dort verlassen. 

Nicht unwichtig war Andriollos Behauptung, er habe in einem 
anderen Hofe in der Nähe, den er genau bezeichnete, abends Fleisch 
mit Kartoffeln erhalten. Seine Angaben überzeugten die Hausleute, 
daß er wirklich dort war. Die auf den Faschingssamstag folgenden 
Samstage waren aber Fasttage, an denen die streng kirchlich ge- 
sinnten Bauersleute gewiß abends kein Fleisch kochten und verab- 
reichten. 

Auch jene Dienstmagd wurde noch ausgeforscht. Die eingehendste 
Vernehmung unter Vorlage eines Kalenders und Heranziehung der 
Faschingsunterhaltungen etc. hatte das Ergebnis, daß sowohl die dem 
10. Februar vorangehenden Sonn- und Festtage, als auch die folgenden 
Sonntage nahezu ausgeschlossen werden konnten, daß die fragliche 
Übernachtung somit vom 9. auf den 1<>. Februar nach dieser Aus- 
sage erfolgt sein mußte. Zwischen V>" und 7 Uhr früh hatte ihm 
die Magd die Papiere zurückgestellt. Doch hatte gerade diese Zeugin 
der Gendarmerie gegenüber 7 Wochen früher sich fast an gar nichts 
erinnern wollen. 

Sie erklärte dies mit geringem Interesse an der Sache; doch sei 
nachträglich im Bauernhause die Frage noch reiflich besprochen 
und erwogen worden und sie habe selbst mehr darüber nachgedacht. 
Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Erhebung über ihren 
Leumund und ihre Glaubwürdigkeit ergab, daß sie als eine leicht- 
sinnige, nicht ganz verläßliche Person geschildert wurde. 

Immerhin schien es nun ratsam auch die Alibizeugen Offers 
eingehend gerichtlich einzu vernehmen: junge Leute aus einem höchst 
ehrenwerten Bauerngeschlecht, die auch persönlich den allerbesten 
Eindruck machten. Sie machten die gleichen Angaben, wie der 
Gendarmerie gegenüber, nur gab der Sohn an, er hätte Offer nicht 
ganz zuverlässig wiedererkannt, wenn er nicht so viele Details, 
namentlich aus ihrem veränderlichen Viehstande, angegeben hätte. 
Ihre Angaben erweckten umsomehr Vertrauen, als die schon erwähnte 
Tanzunterhaltung sichtlich für die jungen Leute jene Bedeutung 



Digitized by Google 



342 



XIV. IUber 



hatte, die II. Groß einmal zur Bemerkung veranlaßt, dem jungen 
Mädchen könnte die ganze Welt versinken neuen der Wichtigkeit 
eines Balles. 

Noch zur rechten Stunde wurde Benedetti verhaftet. Sofort fiel 
seine Ähnlichkeit mit Andriollo auf: Alter, Größe, Gestalt und ein 
starker rötlicher Schnurrhart waren neiden gemeinsam. Benedetti 
leugnete anfänglich, gab aher, mit Andriollo konfrontiert, den Einbruch 
zu, bezeichnete Offer als seinen Genossen und erzählte frank inhezug 
auf diesen beinahe alle Vorgänge jener Stunde. Danach wäre Offer 
vom Bauern mit der Gabel verfolgt und am Hinterhaupte verletzt worden, 
er selbst hätte nur den Aufpasser gemacht. Die Nacht vorher hatten 
sie im Klosterstalle in Gries verbracht, wo Landfahrer gerne Her- 
berge suchen. 

Offer, neuerlich verhaftet, gab schließlich zu im Vereine mit 
Benedetti den Einbruch verübt zu haben. Die Übernachtung unter 
dem Schlosse erfolgte nach seiner nunmehrigen Angabe vom 10. auf 
11. Februar. Er hatte zweifelsohne aus den Gesprächen der Bauers- 
leute über den Ball des Vortages genug entnommen, um sie zu 
täuschen, als er ihnen zuerst von der Gendarmerie vorgestellt wurde, 
und sie waren unbewußt im Irrtum verharrt. 

Nach Offers Behauptung hatte Andriollo, bei jenem Ein- 
brüche unbeteiligt, schon im Frühjahr 1900 einen Diebstahl dort 
geplant und deshalb zweimal den Bauernhof zum Zwecke des Aus- 
spähens besucht. Doch unterblieb damals die Ausführung der Tat. 
So war auch das rege Interesse Andriollos an seiner Entlastung er- 
klärt. Offer gab auch zu, daß der grüne Plüschhut ihm gehöre — 
eine Zeitungseinlage von Ende Dezember 190b' stammte aus Triest, 
wo er zu Beginn 1907 war — behauptete aber, Benedetti und er 
hätten auf dem Gang zum Hofe die Hüte getauscht. 

Nun wurde Andriollo enthaftet, Benedetti und Offer wurden 
angeklagt und verurteilt. 

Bei der Hauptverhandlung gab auch Benedetti zu, daß er der- 
jenige war. der vom Hauern mit der Gabel attackiert den grünen 
Hut verlor und den Schuß abgab. 

Der Bauer Johann O. konnte es kaum glauben, daß nicht An- 
driollo, sondern Benedetti der Dieb war und wollte die erwiesene 
Täuschung nicht für möglich halten. 

Was wäre wohl Andriollos Schicksal vor den Geschworenen ge- 
wesen? Ich zweifle nicht, daß der Eindruck von O's. Zeugenaussage 
in Verbindung mit den mannigfachen Indizien, die gegen ihn zu 
sprechen schienen, seine Verurteilung Gesichert hätte, und dann wäre 



Digitized by Google 



Der Fall Andrinllo. 



343 



ihm eine mehrjährige Kerkerstrafe mit Rücksicht auf sein Vorleben 
gewiß gewesen. 

Aus Fr. Hebbels Tagebüchern notierte ich mir einmal die folgende 
Stelle vom 21. August 1S4S: „Indem ich eben im Neuen Pittaval die 
Greuelgeschichte vom Magister Tinius lese, drängt sich mir eine Be- 
trachtung auf, die der Kriminalist, wie mir scheint, kaum genug beherzigen 
kann. Wie viel hängt bei solchen Prozessen von den Zeugenaussagen 
ab, und bei den Zeugenaussagen wie viel von der genauen Ermittlung 
und Feststellung solcher Dinge, über die vielleicht kein Mensch in 
Wahrheit etwas Bestimmtes anzugeben vermag. Wenn ich z. B. 
über eine einzige der vielen Personen, mit denen ich auf meiner 
letzten Reise zusammenkam, ja über einen meiner intimsten Freunde 
angeben sollte, zu welcher Zeit an einem gewissen Tage ich ihn ge- 
sehen habe, wie er gekleidet gewesen sei usw., ich würde unfähig 
sein es zu tun! Gott, Gott, auf welchem Fundament ruht die mensch- 
liche Gerechtigkeit!" Also schrieb Friedrich Hebbel, dessen durch- 
dringende Beobachtung sich mitunter bis zu der einmal von A. Fried- 
mann als „subtilste Seelenzergliederungskunst* 1 bezeichneten Fähig- 
keit steigert. Wenn das am grünen Holze geschieht ? 



Digitized by Google 



XV 



Ein Fall von Autosuggestion. 

Von 

Dr. Berthold Laszlo in Budapest. 



In Üllö unweit Budapest lebte Johann Göbölös, ein Saufbold, 
der in seiner Trunkenheit sein braves Weib in fürchterlicher Weise 
mißhandelte; anfangs 1897 schlug er sie mit einem Holzscheite der- 
art an den Kopf, daß sie bewußtlos ins Spital befördert werden mußte, 
woraus sie erst nach vier Monaten als gebeilt entlassen werden konnte. 
Heim Verhöre gab sie an durch Ungeschicklichkeit selbst sich die 
Verwundung zugezogen zu haben, als sie allein im Hause gewesen 
sei. Ihr Mann habe sie in diesem Zustande aufgefunden. Anstatt 
hierdurch zur Einsicht zu kommen, behandelte Göbölös sein Weib 
nach der Heimkunft noch roher. 

An einem Sommersonntage war Göbölös mit seinem Zechkumpane 
Anton Fülöp im Wirtshause, welches sie am späten Abend total be- 
rauscht verließen. Auf dem Heimwege begegnete ihnen Johann 
Györy, ein 2üjähriger Bursche, der den taumelnden Gestalten einige 
Worte zurief. 

Gleich hierauf trennten sich die Saufbrüder; Fülöp trat in seine 
Behausung und schlief bald ein, Göbölös traf im Hofe sein Weib 
und begann seiner Gewohnheit gemäß sofort mit dem Stocke auf 
dieses Jagd zu machen. Es gelang der Verfolgten sich auf die 
Gasse zu retten. Sie flüchtete zu ihrer Mutter und beklagte sich 
jammernd. 

Die Mutter — durch die früheren Mitteilungen der Nachbarn 
furchtbar aufgeregt — ergriff ein scharfes Küchenmesser, eilte zu 
Göbölös, fand ihn auf der Erde in tiefem Schlafe und stieß ihm das 
Messer zweimal mit aller Kraft in den Leib. Der Getroffene wand 
sich einige Sekunden und starb an innerer Verblutung. — 

Inzwischen hatte der Saufgenosse Fülöp einen unruhigen Schlaf; 
wiederholt rief er im Traume Györy möge seinen Freund in Ruhe 



Digitized by Google 



Ein Fall vou Autosuggestion. 



345 



lassen und schrie wiederholt laut auf „Gvöry! Györy!" Als er am 
Morgen erwachte, erzählte ihm sein Weib die inzwischen kund- 
gewordene Mordgeschichte und daß die Mörderin sich der Behörde 
freiwillig gestellt habe und nun sammt ihrer Tochter in Haft sei. 

Fülöp hörte ihr verblüfft zu, schüttelte den Kopf, sagte aber 
kein Wort. 

Nach wenigen Tagen meldete sich Fülöp beim Sicherheitsposten 
und gab Folgendes zu Protokoll: Er sei am fraglichen Abende mit 
Göbölös vom Wirtshause heimgekehrt, da sei Györy mit ihnen in 
Streit geraten, habe das Messer gezogen und Göbölös zweimal ge- 
stochen. Er — Fülöp — habe den Verwundeten nach Hause be- 
gleitet, auf den Schafpelz niedergelegt sei im Rausche heimgegangen 
und beim Tische eingeschlafen. Auf diese Anzeige wurde Györy 
verhaftet Die Untersuchung ergab die Haltlosigkeit dieser Beschul- 
digung und der UR. entließ Györy der Haft. 

Im März war die Hauptverhandlung beim hiesigen Geschworenen- 
gerichte. Der Zeuge Fülöp wiederholte bestimmt und detailliert die 
Beschuldigung. 

Präsident (zur Angeklagten): Was haben sie hierauf zu sagen? 

Angeklagte: r Er lügt, ich habe den Mann in meiner schreck- 
lichen Aufregung gestochen. 1 * 

Fülöp: r Sie lügt, ich habe mit meinen Augen gesehen wie Györy 
gestochen hat, mir ist der Verwundete in die Arme gefallen und ich 
habe ihn heimgeleitet" 

Präsident: „Aber es waren nirgends Blutspuren auf der Gasse, 
auch nicht im Hofe und an Ihren Kleidern. Auch waren die Wun- 
den von einem großen Messer." 

Fülöp: „Das verstehe ich nicht. Aber auf die Wahrheit meiner 
Aussage bin ich bereit den Eid abzulegen/ 

Auf Grund des Gutachtens der Sachverständigen wurde der Zeuge 
nicht in Eid genommen. 

Die Täterin wurde freigesprochen, weil sie im höchsten seelischen 
Affekte gehandelt hat und erwiesenermaßen Leben und Gesundheit 
ihrer Tochter durch den Trunkenbold unausgesetzt bedroht war. Fülöp 
behauptet noch immer, daß Györy der Mörder gewesen sei. 



Archiv fftr Kriminalantliropologie. 90. Bd. 



23 



XVI. 

Signalement und Psychologie der Aussage. 

Von 

I>r. Anton Glos, Untersuchungsrichter, Neutitschein. 



W. Stern stellt in seinen „Beiträgen** diejenigen Befunde und 
Forderungen zusammen, welche von dem heutigen Stande der Aus- 
sagepsychologie zum gerichtlichen Verfahren hinüberzuleiten geeignet 
sind (Beiträge II. Folge „Leitsätze über die Bedeutung der Aussage- 
psychologie für das gerichtliche Verfahren'*); Stern will durch die 
bisherige Aussageforschung eine Reihe von Fingerzeigen gewonnen 
haben, deren endgültige Sicherung zum Teile noch weiterer experi- 
menteller Bestätigung vorbehalten bleiben muß. 

Für „Signalements** stellt Stern folgenden Leitsatz auf: „Nach- 
trägliche Angaben über das Außere von Personen, insbesondere über 
Haarfarbe. Bartform, Kleidung, besitzen, falls nicht schon bei der 
Wahrnehmung eine eigens auf diese Momente gerichtete Aufmerksam- 
keit vorhanden war, überhaupt keine Glaubwürdigkeit." Die Bei- 
träge bringen auch einige Wirklich keitsversuche, welche auch die 
Glaubwürdigkeit der Aussage in bezug auf das Signalement über- 
prüfen wollen; ich gedenke zu diesen Versuchen, deren Ergebnissen 
und ihrer Anwendbarkeit für die Praxis vom kriminalistischen Stand- 
punkte Stellung zu nehmen. 

In erster Linie erscheint es geboten, vorerst zu bestimmen, welche 
Rolle das Signalement in der Kriminalistik spielt; über welche Punkte 
der Zeuge in solchen Hillen abzufragen ist, darüber gibt Weingart 
in seiner Kriminaltaktik S. 103 eine treffende Anleitung; eine gute 
Belehrung findet der Leser auch in Josts Werkchen: Das Signale- 
ment. Dali auch das objektiv und subjektiv richtig von Zeugen an- 
gehene Signalement in Hinblick auf die mannigfaltigen Gauner- 
praktiken, die auf eine Änderung des Aussehens abzielen, mit Vor- 
sicht gebraucht werden muß, hat Professor Dr. IL Groß in seinem 
Handbuch für U. überzeugend nachgewiesen. 



Digitized by Google 



Signalement und Psychologie der Aussage. 



347 



Es ist eine Erfahrungstatsache, daß in zahlreichen Kriminalfällen 
zunächst festgestellt werden muß, wen die Zeugen am Tatort ge- 
sehen haben; falls der nach den Umständen Verdächtige den Zeugen 
nicht bekannt war, ist es notwendig ein Signalement aufzunehmen; 
waren außer dem Verdächtigen auch andere, dein Zeugen unbekannte 
Personen auf dem Tatort anwesend, so liegt die Gefahr nahe, daß 
sieh in die Aussagen Erinnerungsfälschungen, insbesondere durch so- 
genannte „Übertragung* einschleichen. 

Das Signalement bat insbesondere für die ersten auf die Ermit- 
telung des Täters gerichteten Erhebungen eine große Bedeutung; es 
gibt Kriminalfälle (insbesondere Mord-, Kaubfälle ) wo der einzige oder 
wenigstens wichtigste Anhaltspunkt weiterer Ermittelungen das Signa- 
lement 1 ) ist. (Dies betont mit Recht auch Jost 1. c. S. 1). Das 
Signalement ist ferner in jenen Fällen wichtig, wo es feststeht, daß 
Täter eine bestimmte Person ist. wo aber dessen Namen unbekannt 
oder falsch ist. (Z. B. Zechpreller, falsche Wohnungsmieter u. s. w). 

Das Signalement ist auch vor Durchführung einer Rekognition 
dem Zeugen abzufragen; es soll damit ein Anhaltspunkt zur Prüfung 
der Verläßlichkeit einer eventuellen Erkennung gewonnen werden. 
Die Fälle, wo das Signalement selbst zugleich auch Beweismittel ist, 
sind selten; seine Bedeutung ist jedoch für kriminalpolizeiliche Nach- 
forschungen eine eminente. 

Jeder praktische Kriminalist weiß aus Erfahrung, daß die Aus- 
sagen von Zeugen über das Signalement häufig unverläßlich, lücken- 
haft und falsch sind, insbesondere wo es sich darum handelt, eine 
Person aus einer Gruppe zu beschreiben <z. B. den im Gedränge 
tätigen Markt-. Taschendieb u. dgl.). Schuld daran ist die geringe 
Aufmerksamkeit oder ihre geringe Intensität; der Zeuge selbst hebt 
dies oft spontan hervor; wie oft aber sind die Fälle, wo der Zeuge 
wissentlich es verschweigt, daß er imstande wäre ein genaues 
Signalement zu liefern; er will die häufigen Ladungen vermeiden, die 
unausbleiblich sind, wenn nach dem gelieferten Signalement Verhaf- 
tungen erfolgen. 

Sehr häufig sind die Fälle, in welchen der Zeuge es vorzieht, 
eine vage Personsbeschreibung zu geben, somit das Richtige zu ver 
schweigen, wenn er sieht, daß seine Aussage die entscheidendeist: 
es gibt viele Zeugen, die ein Angstgefühl beschleicht, wenn sie die 
Empfindung haben, daß ihre Aussage für den Beschuldigten verhäng- 
nisvoll werden kann; das sind gerade die Gewissenhaftesten. Alle 

1) Die Aufnahme des Signalements erfolgt in der Hegel durch Sicherheits- 
organe, da diese gewöhnlich die ersten am Platze sind. 

23* 



Digitized by Google 



848 



XVI. Gm* 



diese Momente beeinflussen die auf das Signalement sich beziehende 
Aussage des Zeugen, ihre störende Wirkung kann jedoch durch ein 
richtiges Vorgehen eines intelligenten Richters ausgeschaltet oder auf 
ein Minimum eingeschränkt werden ; selbstverständlich muß der Richter 
auch den Grad der Aufmerksamkeit des Zeugen feststellen, da ja 
dies den „Grund des Wissens 14 des Zeugen bildet und nicht die 
physische Anwesenheit am Tatorte. Ganz richtig hebt Schneickert 
(Zur Psychologie der Zeugenaussage, in diesem Archiv XIII. B.) her- 
vor, daß äußerliche, leicht erkennbare Umstände vorliegen müssen, 
die eine gewisse, die Beobachtung fördernde Stimmung erzeugen. 
Es ist auch klar, daß bei einem Menschen von gleichgültiger träger 
Veranlagung die Aufmerksamkeit schwer angeregt wird. 

Bei der Frage nach der Verläßlichkeit des Signalements spielt 
daher auch die individuelle Befähigung, der Typus, zu welchem der 
Zeuge gehört, eine wichtige Rolle und darf der Richter, Polizei- 
beamte usw. dies bei Bewertung der auf das Signalement sich be- 
ziehenden Aussage eines Zeugen niemals außer acht lassen. (Siehe 
Schneickert: Kriminalcharakterologische Studien I. Der Neugierige 
und sein Wert als Zeuge. Dieses Archiv Bd. 18). 

Die Aufgabe des vorliegenden Aufsatzes ist dahin gesteckt, jene 
Wirklichkeitsversuche, die auch das Signalement zum Gegenstande 
haben, vom kriminalistischen Standpunkte kurz zu besprechen; hin- 
gegen wird die Frage, welche Bedeutung diesen Experimenten für 
die theoretische Psychologie inneliegt, nicht gestreift; voraus zu schicken 
ist, daß die r Bildversuche tt , bei denen gleichfalls Personenbeschrei- 
bungen zur Sprache kommen, aus den schon oft von kriminalistischer 
Seite angeführten Gründen unberücksichtigt bleiben. 

Es liegen nachstehende Wirkliclikeitsversuche vor: 

1. Lipmann: Experimentelle Aussagen über einen Vorgang und 
eine I^okalität, 

2. Stern: Wirklichkeitsversuche, 

3. Lipmann: Ein zweites psych. Experiment im kriminalistischen 
Seminar der Universität Berlin. 

4. Arno Günther: Ein Vorgang in der Wiedergabe naiver Zeugen 
und in der Rekonstruktion durch Juristen, in denen auch das 
Signalement den Gegenstand der Aussage bildet. 

Dem Experimente Sterns lag die Idee zu Grunde, über solche 
Eindrücke berichten zu lassen, deren Wahrnehmung nicht mit maxi- 
maler Aufmerksamkeit erfolgte. Gegenstand war ein Vorgang, der 
immerhin mit Rücksicht auf die begleitenden Umstände als „auffällig" 
bezeichnet werden kann. Während einer von Stern geleiteten Seminar- 



Digitized by Google 



Signalement und Psychologie der Aussage. 



349 



Übung; tritt ein Herr ein, wünscht ihn zu sprechen, übergibt mit 
wenigen Worten ein Manuskriptpaket, bittet um die Erlaubnis die im 
Seminarzimmer aufgestellte Bibliothek benützen zu dürfen, entnimmt 
ihr ein Buch, liest 5 Minuten darin, geht unter Mitnahme des Buches 
fort und wird beim Weggange vom Stern aufgefordert, draußen bis 
zum Schluß des Seminars zu warten. 

Von den Experimentatoren wird hervorgehoben, daß die Mit- 
nahme des Buches und dergl. etwas Deliktisches zum Ausdruck 
bringen soll, doch kommen hiermit die Experimentatoren dem wirk- 
liehen Leben kaum nahe, da die Mitnahme des Buches ebensogut 
auf bloße Vergeßlichkeit oder Zerstreutheit von den Versuchspersonen 
zurückgeführt werden kann. In ähnlicher Weise spielen sich die 
übrigen Wirklichkeitsversuche ab; allen ist gemeinsam, daß der Akteur 
ein junger den besseren Gesellschaftsschichten angehörender Herr 
(bei Lippmann Dame) ist, die Versuchspersonen sind teils Studenten 
teils Arbeiter, die Dauer des Vorganges ist von 5 Minuten aufwärts, 
der Vorgang spielt sich in einem geschlossenen Lokale nie- 
mals im Freien ab; was für Beleuchtungsverhältnisse waren, 
wird nicht gesagt, wäre aber insbesondere für die Aussagen bezw. 
des Signalementes von Bedeutung. 

Das Schema des Signalementes ist im allgemeinen etwas mager 
und dürftig. Die Protokolliste für den Vorgangsversuch bei Stern 
enthält 24 Fragen, hievon Frage 3 — 10 Signalement, Gegenstand der 
Fragen ist Figur, Haarfarbe, Bart. Bartform, Alter, besondere Merk- 
male, Kleidung, Stimme (unberücksichtigt sind z. B. Nase, Augen, 
Stirne, Kinn, Gesicht- und Kopfbildung usw.}. Der Bart spielt bei 
Signalements, die die Grundlage für polizeiliehen Maßnahmen sind 
eine untergeordnete Rolle, da dessen Beseitigung oder Änderung auf 
leichte Weise erfolgen kann; ebenso können Kleidungsstücke rasch 
und oft gewechselt werden (Jost, S. 17 und 44) hingegen können 
noch andere Momente von besonderer Bedeutung sein. z. B. Körper- 
haltung, Körperbewegung, Stimme, Sprache, insbesondere aber be- 
sondere Kennzeichen (Jost S. 10 ff.}. Lipnianns Frageliste enthält 
2ü Signalementsfragen, Günthers in Fragen mit insgesamt 24 An- 
gaben (Figur, Haarfarbe, Bart, Alter, sonst Fragen, die sich auf die 
Bekleidung bezogen) auch hier ist das Signalement dürftig, wohin- 
gegen wieder auch minutiöse Angaben verlangt werden: ob der Griff 
des Stockes aus Holz war; ob der Stock so beschaffen war, daß 
man wahrnehmen konnte, der Griff sei aus Holz, wird nicht gesagt. 

Stern konstatiert, daß bei der Beschreibung der Person ein, 
typischer Unterschied der beiden Geschlechter (wie beim Vorgang) 



Digitized by Google 



XVI. (iuw 



nicht zu konstatieren war; eine Schlußfolgerung ist wohl m. E. ins- 
besondere mit Rücksicht auf die kleine Zahl der verlangten Angaben 
noch nicht am Platze, weshalb Stern mit Recht dieses kasuistische 
Ergebnis einfach konstatiert. 

Hemerkenswert ist, daß die Angaben über die Größe durchwegs 
richtig, die Alterssehätzung ebenso wie die Angabe über die Breiten- 
dimension ziemlich gelungen zu nennen sind. „In bezog auf alle 
übrigen .Merkmale der Person ist" sagt Stern „die Unzu verläßlich kert 
erschreckend groß," insbesondere sind die Farbenangaben durchwegs 
schlecht, was auch mit dem Resultate von Marie Borst: „Experimen- 
telle Untersuchungen über die Erziehbarkeit etc. der Aussage" «„die 
Farben veranlassen die untreuesten Angaben") übereinstimmt. 

Kriminalistisch würde interessieren, inwieweit z. B. besondere 
Merkmale wahrgenommen und richtig angegeben werden, wie so 
es kam, daß die weißen Flecke im Ilaare des Akteurs nicht wahr- 
genommen wurden, was allenfalls doch auffallend war, ist leider 
nicht ersichtlich. 

Wenn auch Stern es nicht unternommen hat, das Signalement 
aus den Zeugenaussagen zu rekonstruieren, so scheint doch aus 
seinem Bericht und aus dem Experiment Günthers hervorzugehen, 
daß man zumindest eine annähernd verläßliche Persons- 
besehreibung rekonstruieren kann; schon eine solche Persons- 
beschreibung ist oft kriminalistisch wichtig, wenn auch die isoliert e 
Zeugenaussage über das Signalement mehr weniger glaubwürdig ist, 
so kann doch die Rekonstruktion aus mehreren Aussagen zu einem 
verläßlicheren Ergebnisse führen. Daraus ließe sieh für die Aufgabe 
des T R. der wichtige Satz ableiten, sich insbesondere bei Persons- 
besehreibungen nicht auf die Aussage eines einzigen, scheinbar ganz 
verläßlichen Zeugen zu beschränken, vielmehr müßte er bestrebt sein 
mehrere Zeugen heranzuziehen, hiebei insbesondere jene, die nach der 
Situation das meist.- wahrzunehmen befähigt waren. 

Es muß auch betont werden, daß manche Angaben, die Stern 
als „falsch" bezeichnet, durch Kontrollierung der Aussage, zu 
einer richtigen werden könnten (wenn jemand von Vollbart spricht, 
richtig aber Spitz- und Selmurrbnrt, so kann dies eventuell eine 
Fngenauigkeit, die leicht zu beheben ist, sein, oder es drückt sich 
der Zeuge unrichtig aus; dort, wo es sich um eine Schätzung, 
Farhenangabe handelt, wird Zeuge vielleicht bei einer einfachen Prü- 
fung das. was er meint, richtiger bezeichnen, für ..blond", „schlank" 
• hat jeder seine eigenen Vorstellungen, der Zeuge hat sich, z. B. wenn 
er vom ..Vollbart- sprach, unrichtig ausgedrückt. 



Digitized by Google 



.Signalement und Psychologie der Aussage. 



351 



Die Wahrnehmung des Zeugen mag richtig, und nur seine Au b« 
drucksweise unrichtig sein (siehe Groß Kriminalpsychologie S. 3S2 
Verschiedene Ausdrucksweise im allgemeinen). Inwieweit gerade die 
Ausdrucksweise insbesondere bei der Personsbeschreibung von Wichtig- 
keit (Ausdrücke groß, stark, blond, braun, rund usw.) ist, müßte natür- 
lich auch nachgeprüft und erst mit Berücksichtigung dieser, und viel- 
leicht noch anderer Umstünde, ließe sich für die Praxis ein einwand- 
freier Leitsatz über den Wert von Signalements- Aussagen aufstellen. 

Vom kriminalistischen Standpunkte sind wohl die verschiedenen 
Zusätze bemerkenswert, die Fehler können sich, wie Stern aufmerk- 
sam macht, bis zu einer völligen Konfabulation steigern. Inwieweit dies 
jedoch mit der Distanz zwischen Aussage und Vorgang zusammen- 
hängt, müßte ebenfalls nachgeprüft werden; in Kriminalfällen werden 
Personsbeschreibungen häuf igsehr bald nach der Tat aufgenommen. 

Bezüglich des Lipmannschen Versuches Nr. 2 verdient hervor- 
gehoben zu werden, daß die Resultate dadurch verschlechtert wurden, 
daß ein großer Teil der Zeugen den Vorgängen nicht folgen 
konnte, es lassen sich daher hier für die Glaubwürdigkeit der 
Zeugenaussagen in bezug auf die Signalements keine Schlüsse ziehen. 
In einem von mir wegen Kaubmord geführten Straffalle spielte das 
Signalement als sozusagen einziger Anhaltspunkt eine wichtige Rolle; 
wiewohl die isolierten Zeugenaussagen mannigfache Widersprüche 
aufwiesen, ließ sich aus ihnen mit einem gewissen Grad von Sicherheit 
feststellen, daß der Täter im Alter von 25— :<0 Jahren, mittelgroß, 
untersetzt war, ein braunes eher volles Gesicht und einen kleinen 
Schnurrbart wahrscheinlich dunkler Farbe hatte, daß er dunkle gut 
erhaltene Kleider, einen braunen Hut mit breiter Krämpe und höchst- 
wahrscheinlich Lackschuhe trug, und allem Anscheine nach dem 
Arbeiterstande angehörte. 

Diese Rekonstruktion des Signalementes, welche wichtige Dienste 
leistete, wurde nach Verhaftung des Täters als zutreffend befunden. 



Digitized by Google 



XVII 



Die amerikanische Gefängnisstatistik vom Jahre 1904. 

Von HanB Fehlinger. 



Eine regelmäßige Statistik der Strafrechtspflege existiert in den 
Vereinigten Staaten von Amerika nicht. Zur Beurteilung der 
Häufigkeit und der Art der in diesem Lande begangenen straf- 
baren Handlungen können lediglich die Ergebnisse der Gefängnis- 
statistik dienen, die im Anschluß an die Volkszählungen von 1850, 
1S60, 1870, 1SS0 und 1890 durchgeführt wurde, sowie die Ergebnisse 
einer von denselben Grundsätzen ausgehenden Erhebung, die das 
.fahr 1904 betrifft und unabhängig von der Volkszählung vor- 
genommen worden ist. Diese jüngste Statistik ') enthält, gleich den 
älteren, Angaben über die an einem gewissen Tage (dem 30. Juni 
19()4) gezählten Gefangenen, außerdem sind aber auch Mitteilungen 
über die im Jahre 1904 in Gefängnisse eingelieferten Personen und 
über die in Anstalten untergebrachten jugendlichen Delinquenten 
beigegeben. 

Die hauptsächlichsten Ergebnisse der Statistik aus dem Jahre 
1904 sollen im nachstehenden angeführt werden, und zwar mit be- 
sonderer Bezugnahme auf die Rassenzugehörigkeit und die Nationalität 
der Gefangenen. 

Am 30. Juni 1904 wurden in 1337 Strafanstalten 81 772 Gefangene 
gezählt, oder 100.6 per 100 000 der für den gleichen Zeitpunkt 
schätzungsweise ermittelten Bevölkerung. Ein Vergleich mit den 
Resultaten der Statistik von 1890 ist schwer auszuführen, weil damals 
nicht bloß Sträflinge, sondern verschiedene Kategorien anderer Ge- 
fängnisinsassen gezählt wurden, welche die letzte Zählung überging. 
Von den am 1. Juni 1892 ermittelten 82 329 Gefängnisinsassen müssen 



1) „Pmoners and Juvenile Delinquent» in Institution*-. Bearbeitet von 
John Koren. Washington, r.107. S. 4 U . (Vgl.: .Die Krim. d. Neger in den 
V. St.", in diesem Archiv, 24. Bd., S. 112-115). 



Digitized by Google 



Die amerikanische Gefangnisstatisrik vom Jahre 1904. 



353 



zum Zwecke des Vergleichs in Abzug gebracht werden: 10 120 Unter- 
suchungsgefangene, als Zeugen für die Verhandlung von Krirninal- 
fällen angehaltene Personen etc., 3691 wegen Nichtzahlung von Geld- 
strafen gefangene Personen, 794 Personen in Militär- und Marine- 
gefängnissen, 901 geisteskranke Sträflinge in Spitälern und Asylen, 
20 Kinder unter fünf Jahren, zusammen 15 526, sodaß 66803 Straf- 
gefangene oder 106.7 per 1 00 000 der Bevölkerung verbleiben. Es 
fand daher im Laufe der 14 Jahre eine relative Abnahme der Zahl 
der Strafgefangenen statt. Doch zeigt dies keine Abnahme der 
Neigung zu strafbaren Handlungen an, sondern bloß einen relativen 
Rückgang der Fälle, in welchen Personen wegen strafbarer Hand- 
lungen zu Freiheitsstrafen verurteilt werden. Die Zeit von 1S90 bis 
1904 war ausgezeichnet durch die Einführung des Probation- und 
Parole-Systems, durch eine Bewegung gegen die Verhängung kurzer 
Freiheitsstrafen und durch die Einführung anderer Substitute für 
Freiheitsstrafen. Wie viele Personen, die sich leichter Vergehen 
schuldig machten, damit dem Stigma des Gefängnisses entgingen, 
kann nicht einmal annähernd angegeben werden. Ihre Zahl reicht 
aber gewiß hin, um die relative Abnahme der Gefangenen seit 1890 
zu erklären. Wenn die Statistik keine Abnahme der strafbaren 
Handlungen anzeigt, so kennzeichnet sie andererseits einen bemerkens- 
werten Fortschritt in den Methoden der Behandlung jener Personen 
die sich gegen die Gesetze vergingen. 

In der ersten Tabelle werden die am 30. Juni 1904 gezählten 
Gefangenen nach der Rasse und nach Landesteilen gruppiert. 



Weiße Ras««- FurlML'«- Uass.- 



Gebiet 


über- 
haupt 


davon 
einge- 
wanderte 


über- 
haupt 


davon 
Neger 


Xordatlantische Stnaten 


24 349 


7 954 


3 0411 


3 010 


Siidntlantische Staaten 


2 v,<.» 


173 


9 291 


8 2S1 


Nördliche Zentralsten 


16 693 


2 «45 


4 .'107 


4 Obs 


Siidliehe 


4 339 


454 


10 275 


Hl 269 


Wt^tHtaatcn 


6*71 


1 719 


74S 


159 


Vereinigte Staaten 


55 111 


12 945 1 


2»; tibi 26 0S7 



Bei 436 Gefangenen weißer Rasse ließ sich nicht feststellen, ob 
sie gebürtigte Amerikaner oder Einwanderer waren. Von den Ge- 
fangenen weißer Rasse waren 52 580 männlichen und 2831 weiblichen 
Geschlechts, von den farbigen Gefangenen waren '24 9S9 männlichen 



Digitized by Google 



354 



XVII. Fehlisokk 



und 1672 weiblichen Geschlechts, von den Negern allein 21426 männ- 
lichen und 1661 weiblichen Geschlechts. Das weibliche Geschlecht 
stellte 19(1 1 nur 5,5 Proz. der Gesamtzahl der Gefangenen, gegen 7,8 Proz. 
1890. In den Weststaaten waren die wenigsten Gefangenen weiblichen 
Geschlechts, männlich 2.4 Proz.; in den nördlichen Zentralstaaten gehörten 
3 Proz., in den südliehen Zentralstaaten 3.8 Proz., in den südatlantischen 
Staaten 5,5 Proz. und in den nordatlantiachen Staaten 9,2 Proz. der 
Gefangenen dem weiblichen Geschlecht an. In jeder Staatengruppe 
ging seit 1890 der Anteil der weiblichen Gefangenen zurück. 

Fnter den farbigen Gefangenen befanden sich außer den Negern 
:tS4 Indianer und 190 Mongolen. Vergleicht man den Anteil der 
Farbigen an der Bevölkerung überhaupt und an der Gefängnis- 
bevölkerung, so fällt das Resultat allgemein zu Ungunsten der Farbigen 
aus, was aus der zweiten Tabelle hervorgeht. 





Gefanuenc 


QesamtbevOIkerung 


Gebiet 


weiß 


farbig 

"0 


weiß 

* 


farbig 

> 




Nordatiantische Staaten 
Südat luii tische Staaten 
Nördliche Zentralstaaten 
Südliche 
Weitet «aten 


b$,9 
25,6 
79,6 
29,7 
90.2 


11,1 

74,4 

20.5 
70,3 
9,S 


9S,1 
0 1.2 

97,9 
00,7 
04.7 


1.0 

35,b 
•J.l 

30,3 
5,3 


Vereinigte Staaten 


67,4 


! 32,»» 


»7,9 


12,1 



Im Jahre isoo machten Personen weißer Hasse 69,0 Proz. und 
Personen farbiger Rasse 30,4 Proz. aller Gefangenen aus. Der Anteil 
der Farbigen an der Gefängni